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" Manni" und weitere Kurzgeschichten Von Gabi Mast Böse Zungen behaupten, er sähe aus wie der Hund, den er täglich Gassi führt. Dabei sind die beiden weder verwandt noch verschwägert. Der Hund gehört einem Restaurantbesitzer, der keine Zeit hat, ihn täglich auszuführen, und Manni ist ein allein stehender Mittfünfziger, der diese Zeit hat. So kommt es, dass die beiden ihre Vormittage gemeinsam verbringen und außer ausgedehnten Spaziergängen auch noch die verschiedensten Botengänge für alle möglichen Leute machen. Am Nachmittag trifft man Manni dann in seiner Stammkneipe. Gleich vorne am ersten Tisch sitzt er und löst seine Kreuzworträtsel. Die Brille ist ihm auf der Nase vorgerutscht, und seine sorgfältig nach hinten gefönten Locken sind auseinander gefallen. In diesen Momenten hat er was von einem Denker, der Manni. Gegen Abend tauscht Manni seinen Platz dann gegen einen Barhocker am Tresen. Redselig vom Weizenbier wartet er auf die, die von der Arbeit kommen, um ihr Feierabendpils zu trinken. Gleich wird sich jemand neben Manni setzen, und wer immer es auch sei, er wird die nächsten Stunden nicht vergessen. Stellen Sie sich vor, Sie sind heute derjenige. Sie begrüßen Manni wie gewohnt. Dabei fällt Ihnen auf, dass er eine neue Jacke anhat. Sie gefällt Ihnen, und das sagen sie ihm auch. Damit haben Sie das Vorwort geschrieben für ein Psychodrama, in dem Sie selber das Opfer sein werden. Manni beginnt zu erzählen: "Woaßt, des wor aso...". Keine Angst, Sie sind nicht etwa an einen exotischen Ausländer geraten, sondern an Manni, den Franken. Er will Ihnen mit diesem Satz, der übersetzt bedeutet: "Weißt du, das war so...," nur andeuten, dass er Ihnen die Geschichte der Jacke von Anfang an erzählen wird. Und dies heißt, dass Manni jetzt beginnen wird an jenem denkwürdigen Tag, an dem er sie Intuition hatte, er müsse einmal in seinen Briefkasten schauen. "Normalerweise", so wird er Ihnen sagen, "normalerweise ist ja nie was drin im Briefkasten, aber ich hatte so ein Gefühl, dass es heute anders sein würde. Also hab‘ ich nachgeschaut, und tatsächlich, da war dieser Prospekt vom Versandhaus." Damit ist das Thema für Sie erledigt. Sie gehen davon aus, dass Manni dort seine Jacke entdeckt und sich bestellt hat. Aber weit gefehlt; er ist noch lange nicht mit Ihnen fertig. "Woaßt...," wird er fortfahren, "da war auf der ersten Seite so eine blonde Frau drauf, mit so einem lila Rock und einer gestreiften Bluse. Ich weiß nicht, hast du sie gesehen, sie trug eine Sonnenbrille?" "Nein," werden Sie noch höflich sagen, "nein, ich kenne den Prospekt nicht". Das fränkische "r", das unentwegt in Ihr Ohr "rollt", wird Ihnen langsam zur Tortur, und es ärgert Sie, dass Sie das Gespräch der anderen Gäste über den schlimmen Verkehrsunfall, der gestern passiert ist, nicht verfolgen können. Aber Manni wird nicht aufgeben. "Und auf der Seite, da war so eine Jeanshose mit so eichenblattförmigen Lederbesätzen." Dabei wird er sich leicht erheben, um Ihnen anzudeuten, wo diese Besätze verlaufen. "Die hat mir so gefallen, die wollte ich mir unbedingt bestellen, aber die war in meiner Größe nicht zu kriegen. Normalerweise trage ich Größe 48, aber..." Ihnen wird’s zuviel, und Sie gehen mal austreten, in der Hoffnung, dass Manni inzwischen ein anderes Opfer findet. Als Sie zurückkommen, versuchen Sie, sich an der mittlerweile stattfindenden Diskussion über die Tennisschlacht, die der Boris gestern geliefert hat, zu beteiligen. Wenn Sie denken, dass Sie Manni damit aus dem Konzept bringen könnten, irren Sie gewaltig. "Woaßt", wird er Ihnen den Aufschlag aufnehmen, und auf der Seite 48, da war diese Jacke. Und die gab’s in weiß und in blau und in gelb und in rot. Weiß wollte ich nicht, das wird so schnell dreckig, und das Gelb hat mir auch nicht gefallen. Aber ich wusste nicht, ob ich blau oder rot nehmen sollte. Da bin ich zu Sabine gegangen und habe Sie gefragt, zu welcher Farbe Sie mir raten würde. Und die hat gesagt..." Sagen sie, irre ich mich, oder platzt Ihnen gleich der Kragen? Mögen Sie Manni etwa nicht? Oder seine Geschichte? Kennen Sie sie etwa schon? Ach, Sie glauben zu wissen, wie sie weitergeht. Tja, warum zahlen Sie dann nicht einfach und gehen nach Hause? ***** Samstagabend Drei Merkmale unterscheiden den Samstagabend bei Hilde und Paul von den Abenden unter der Woche: Eine Flasche Weine steht auf dem Tisch, im Fernsehen läuft die Show und Hilde und Paul unterhalten sich während des Programms. Das hat sich in den 27 Jahren ihrer Ehe so ergeben, und die beiden freuen sich auf ihren Samstagabend. Seit die Kinder aus dem Haus sind, sind die Themen allerdings rarer geworden. Es wird geklatscht. So auch an diesem Samstag. "Na", eröffnet Hilde das Gespräch, "was gibt’s Neues?" Paul überlegt. "Das mit dem Maier, das weißt du ja schon, nicht wahr?" "Nö, was ist denn mit dem?" "Sag bloß, du hast es noch nicht gehört? Stell‘ dir vor, der hat ein Verhältnis mit der Frau vom Archtiekten Schulze." "So." Hildes Kommentar klingt keineswegs interessiert. Sie scheint sich darüber nicht sonderlich zu wundern. "Dabei sie die gut zehn Jahre älter als der Maier, und eine besondere Schönheit ist die auch nicht", erzählt Paul dennoch weiter. "Sie hat wohl andere Qualitäten", erwidert Hilde gelangweilt Paul wundert sich; es passt einfach nicht zu Hilde. Moral und eheliche Treue haben bei ihr einen enorm hohen Stellenwert. Sie kann doch nicht einfach so tun, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass der Maier ein Verhältnis hat. "Also, hör‘ mal", bohrt er deshalb weiter, "du musst doch zugeben, dass der spinnt. Hat so eine hübsche, junge Frau zuhause und zwei kleine Kinder. Was meinst du, was passiert, wenn Sie dahinterkommt? Ich möchte bloß wissen, was der sich dabei denkt." "Was hast du dir denn dabei gedacht?" Langsam schien Hilde Gefallen an der Unterhaltung zu finden. "Ich sag‘ ja, ich hab‘ gedacht, der ist vollkommen übergeschnappt, als ich das gehört habe", antwortete Paul ahnungslos. "Nein, nein, ich meine damals, vor zwanzig Jahren. Die Kinder waren noch klein, und du hattest auch eine junge Frau." Paul wird plötzlich kreidebleich. Beinahe wäre er erstickt an dem Schluck Wein, den er grade genommen hatte. "Du...", stammelte er nach einer Weile, den Blick krampfhaft auf den Fußboden gerichtet, "Du hast es gewusst?" "Natürlich habe ich es gewusst." "Wer hat es dir gesagt?" "Das brauchte mir niemand zu sagen. Ich hab’s gemerkt." "Woran?" "An vielem. Daran, dass du jeden Tag eine halbe Stunde im Bad gebraucht hast, und daran, dass du mich immer gefragt hast, ob die Krawatte auch zum Hemd passt, oder daran, dass du keine gestopften Socken mehr angezogen hast und an noch so ein paar Kleinigkeiten." Paul denkt eine Weile nach. "Und...du hast nichts gesagt? Warum hast du mich nicht zur Rede gestellt, mir keine Szene gemacht?" Hilde zuckt mit den Schultern. "Ich weiß nicht. Ich glaube, es hätte nichts genutzt. Du warst so verändert. Wir hätten nicht miteinander reden können." "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass du etwas gemerkt hast." Paul trinkt einen Schluck Wein. Nach einer längeren Verlegenheitspause fährt er fort: "Hast du... ich meine, hat es sehr weh getan?" Zum ersten mal schaut er dabei wieder in Hildes Gesicht. Jetzt wendet sie den Blick ab. "Natürlich hat es weh getan. Es..., es ist nicht nur das Betrogen werden, was schmerzt. Noch schlimmer ist das Mitleid der anderen. Wenn du merkst, dass sie hinter deinem Rücken tuscheln. Wenn das Gespräch verstummt, sobald du in Hörweite bist. Wenn plötzlich alle so scheißfreundlich zu dir sind. Und du möchtest ihnen ins Gesicht schreien, dass du genauso viel weißt wie sie, - aber du kannst es nicht. Einmal...", Hilde lachte bitter. "einmal hat mich die Frau Krause sogar im Supermarkt an der Kasse vorgelassen. Weißt du, was es für ein Gefühl ist, wenn man sich für etwas schämt, was man gar nicht getan hat?" Paul ist auf seinem Sessel zusammengesunken wie ein Häufchen Elend. "Oh, mein Gott...," ist jetzt das einzige, was er noch zu sagen imstande ist. Dann bricht die Unterhaltung der beiden ab. Jeder verfolgt stumm den Rest der Fernsehshow und trinkt dabei seinen Wein aus. Es ist eine seltsame Stimmung. Obwohl Hilde und Paul nicht mehr miteinander sprechen, scheinen sie sich in Gedanken so nahe zu sein wie nie zuvor in den letzten zwanzig Jahren. Zum ersten Mal, seit sie verheiratet sind, steht Paul auf und trägt die schmutzigen Gläser in die Küche. ***** Man wird es melden müssen "Wo der Günter nur so lange bleibt?" dachte Ursula, die im Auto langsam zu fröstelnbegann. Und das lag sicher nicht daran, dass es in dieser Nacht kalt gewesen wäre. Im Gegenteil, es war ein herrlicher Sommerabend, der die beiden zu dieser Fahrt inspiriert hatte. Ursulas Frieren hatte ihre Ursachen in der Sorge um Günter, der nun schon über eine Viertelstunde in diesem einsamen Haus verweilte, von wo er eigentlich nur eine Kfz-Werkstatt hatte anrufen wollen. Dass der Wagen aber auch ausgerechnet hier seinen Dienst verweigern musste, wo weder eine größere Ortschaft noch auch nur eine Hauptstraße in der Nähe waren. Glücklicherweise stand da vorne auf dem Hügel wenigstens dieses Haus, und glücklicherweise war da auch jemand zuhause. Trotzdem: Ursula wurde immer unruhiger. Schon fast eine halbe Stunde war Günter jetzt da drin. Ob ihm etwas zugestoßen war? Man konnte ja nie wissen, wer in so einer abgelegenen Gegend wohnt. "Ich geh‘ jetzt und schau‘ nach", nahm sich Ursula vor, verwarf dieses Vorhaben aber dann auch gleich wieder. Viel zu unheimlich war es ihr hier, als dass sie sich da hinaus in diese Nacht getraut hätte. Da – endlich – die Tür des Hauses öffnete sich und Günter stürzte heraus. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Autotür und er rettete sich zu ihr in das Innere des Wagens. Da saß er nun, nach Atem ringend, am ganzen Leib zitternd und unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Irgendetwas musste passiert sein in diesem seltsamen Haus. Und Ursula würde es erfahren, sobald sich Günter beruhigt hatte. Sein Zittern hatte sich zwar schon etwas gelegt, aber noch immer hatte Günter seine Sprache nicht wieder gefunden. Nach einer Weile des erschrockenen Schweigens begann Ursula behutsam, ihn anzusprechen. "Hast... hast du die Werkstatt erreicht?" Günter schüttelte den Kopf. "Gab es denn kein Telefon im Haus?" "Doch", war das erste Wort, das er eher stammelte, "doch, aber ich konnte keine Werkstatt mehr erreichen." "Und was jetzt?" "Ich habe ein Taxi gerufen. Wir müssen den Wagen heute Nacht hier stehen lassen." "Das ist nicht so schlimm. Aber sag‘ mal, was war denn eigentlich los da drin. Da ist doch was passiert?" Günter, der sofort wieder eine Gänsehaut bekam, fing an zu erzählen. "Es war alles so schrecklich. Der Raum, die vielen Blumen..." "Was denn für Blumen?" "Freesien. Es waren Freesien. Und dann dieser Gestank..." "Freesien haben nun einmal einen starken Duft. Das ist doch kein Gestank," "In diesem Fall schon. Und dann der alte Mann. Er hat sich gefreut wie ein Kind." "Er kriegt vielleicht nicht oft Besuch. Wieso bringt es dich so aus der Fassung, wenn ein alter Mann sich Blumen ins Zimmer stellt und sich über einen Gast freut?" "Sie feierten ihren Hochzeitstag." "Sie?" "Ja, er und seine Frau." "War sie auch da?" "Ja, sie saß im Lehnstuhl inmitten der Blumen." "Und was hat sie gesagt?" "Sie schien zu schlafen. Vor ihr stand ein Glas Schlehenlikör. Und der Mann war reichlich betrunken." "Das kann doch vorkommen am Hochzeitstag. Die beiden haben wohl etwas zu ausgiebig gefeiert. Und du...?" sie schnüffelte an seinem Atem, "du scheinst auch mitgefeiert zu haben. Du hast auch getrunken." "Ja, ja, ich musste zwei Gläser Schlehenlikör mit ihm trinken. Er hätte mich sonst nicht gehen lassen. Ich sage dir ja, er war wie ein Kind." "Und weiter?" "Und diese Frau. Du hättest es sehen sollen, wie sie da saß. Und der Mann hat immer wieder gesagt: "Schauen Sie, schauen Sie nur, wie schön sie ist." "Und? War sie denn nicht schön?" "Sie war sicher einst wunderschön gewesen." "Für ihn ist sie es eben immer noch. Das ist doch wunderbar. Ich verstehe immer weniger, was dich so aufgewühlt hat. Ich habe hier im Auto gesessen und eine unheimliche Angst ausgestanden. Ich dachte, dir sei etwas zugestoßen. Und jetzt sitzt du neben mir und erzählst mir die rührende Geschichte von zwei alten Menschen, die, zwar einsam, aber offenbar doch sehr glücklich, ihren Hochzeitstag feiern. Da werde ich langsam wütend. Hoffentlich kommt das Taxi bald." "Du verstehst gar nichts, Ursula. Diese Frau – sie hatte ihr schönstes Kleid an, und auf der weißen Rüschenschürze sah man noch die Knicke vom Bügeln. Die blutleeren Hände lagen gestreckt auf den Stuhllehnen, und sie saß unnatürlich aufrecht. Nur das fahle Gesicht fiel ihr auf die Schultern. Ihre Füße standen akkurat nebeneinander, verstehst du?" "Nein, ich verstehe überhaupt nichts." "Mensch, Ursula, sie hat sich nicht selbst so hingesetzt. Diese Frau ist schon eine ganze Weile tot." Es dauerte eine Zeitlang, bis Ursula die Bedeutung dessen, was Günter eben gesagt hatte, begriff. Für einen Augenblick war es gespenstig still im Wagen. Ganz leise war Ursula geworden, als sie wieder zu sprechen begann. "Wir werden es melden müssen." Günter nickte. "Ja, das werden wir tun müssen. Auch, wenn wir ihm dadurch möglicherweise das Leben nehmen." ***** Verloren Als Tina den Schüssel in der Haustür hörte, rannen die Tränen unwillkürlich noch schneller auf den ohnehin schon völlig durchnässten Teddybären. Der kleine Körper rollte sich noch enger unter der Bettdecke zusammen und Tinas Magen rebellierte noch heftiger als bisher. Jedoch, sie wusste, es würde nichts nützen; das Unvermeidliche würde sich ereignen, wie immer, wenn der Vater aus der Kneipe kam. Schon ging die Tür auf und das Licht an, und er kam – wortlos wie immer – auf ihr Bett zu. Wieder hatte er diese Zeitschriften dabei, in denen diese widerlichen nackten Frauen abgebildet waren. Auch den Photoapparat brachte er jedes Mal mit. Und was war das? Es war eine Figur, die so aussah wie das ekelhafte Ding, das sie immer in den Mund nehmen musste und aus dem dann diese stinkende weiße Brühe floss. So sah es aus, bloß ohne Mann dran. Ehe Tina weiter nachdenken konnte, hatte er schon die Decke vom Bett gezogen und ihr das Nachthemd von Leib gerissen. Das tat er jedes Mal, und irgendwann lag dann wieder ein neues im Zimmer. Seine Befehle waren knapp. Er zeigte ihr Bilder, und sie musste dann so posieren wie die Frauen dort. Das Surren des Blitzlichts untermalte dieses grauenvolle Ritual. Es wurde lediglich übertönt von der erbarmungslosen Hand des Vaters, die zuschlug, sobald eine Stellung nicht zu seiner Zufriedenheit ausfiel. Tinas Herz raste. Angst und Ekel ließen den kleinen Körper erschaudern. In ihrem Kopf nur ein Gedanke. "Hoffentlich lässt er bald von mir ab." Das Martyrium schien kein Ende zu nehmen. Jetzt legte er den Photoapparat aus der Hand und kam näher. Sein Atem roch nach Alkohol und sein Körper nach Schweiß. Er fasste sie an – überall. Es schienen tausend Hände zu sein, die sich auf Tinas kleinem Körper breit machten. Sein Stöhnen wurde immer heftiger und das kleine Mädchen wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er daran ersticke. Ihr war, als ob ein grässlich wild gewordenes Tier sie anfiel und sie wartete auf den Moment, da es ihr den tödlichen Biss versetzte. Ihr Kopf befahl ihr, sich zu wehren, aber der geschundene Körper gehorchte nicht. Tinas größter Wunsch war, endlich die Besinnung zu verlieren und nichts mehr mitzukriegen. Sie spürte, wie ihre Schenkel auseinandergedrückt wurden und dann – dieser unbeschreibliche Schmerz. Ihr ganzer Körper schrie – aber es war kein Laut zu hören. Tina hatte panische Angst. "Nur jetzt nicht schreien", hämmerte sie sich ein. "Nur jetzt nicht schreien, sonst erschlägt er dich bestimmt." Sie konnte sich nicht vorstellen, was er ihr getan hatte, es war einfach zuviel für das kleine Wesen. Vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen. Das Ungeheuer vor ihr verlor seine Umrisse und verschwand schließlich ganz. Sie war endlich in Ohnmacht gefallen. Als Tina wieder zu sich kam, war sie allein. In ihrem Bauch tobte der Schmerz. Als sie fähig war, sich zu bewegen, sah sie das Blut. Eine unbeschreibliche Wut erfasste sie. Das sichere Gefühl: "Das hätte er bestimmt nicht tun dürfen", war plötzlich da und zwang sie zum Handeln. Er würde jetzt schlafen; das wusste sie genau. Er schlief immer, denn er hatte noch nie mitgekriegt, wie sie jedes Mal hinterher aufs Klo ging, um sich zu übergeben. Sie zog die Sachen von gestern an, schlüpfte in ihre Hausschuhe und wickelte ihren Teddybären in ein Tuch. Dann schlich sie sich aus dem Haus und lief, so schnell sie konnte, weg. Weg von zuhause, weg vom Dorf, einfach weit weg. Keuchend kann sie nach einer Weile an einem Zaun an. Sie musste eine Pause machen. Ihr Bauch tat immer noch schrecklich weh, aber das war jetzt Nebensache. Da stand sie nun mit ihren fünf Jahren – ganz alleine – mit ihrem Teddybären. Sie stützte sich an den Zaunpfahl. In ihren Augen stand immer noch Angst geschrieben. Sie wurde sich bewusst, dass sie einfach weggelaufen war. Was sollte sie jetzt tun? Zu wem sollte sie gehen? Sie kannte doch niemanden. Außerdem war hier weit und breit kein Mensch zu sehen. Langsam veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Die Gedanken wurden klar; Entschlossenheit verdrängte die Angst. Sie wollte keinen Menschen treffen. Sie musste hier weg, denn da war ein Weg und da konnte jeden Moment jemand vorbeikommen. Sie hatte beschlossen, dass keiner sie jemals finden würde. Da, vor ihr, lag ein Wald. Da würde sie ein Plätzchen finden, wo sie sich verstecken konnte. Sie packte ihren Teddy aus dem Tuch und drückte ihn liebevoll an sich. Er war immer noch ganz nass. Fürsorglich wickelte sie ihn wieder ein, diesmal so, als wäre es ein Baby. Tina hatte jetzt nicht mehr das Gefühl, alleine zu sein. Sie lief in den Wald hinein, ganz tief. Überall suchte sie nach einem Versteck. Keines schien ihr sicher genug. Stundenlang irrte sie herum, bis sie endliche den Platz gefunden hatte, den sie suchte. Hier würde sie keiner finden. Als man sie dann doch fand, konnte ihr keiner mehr etwas zuleide tun. Zum Seitenanfang // Zur Startseite |