vorja
|
|||
|
|
Das Anwesen Von Adam Erics Es war ein verregneter Nachmittag im Leben von Henry, wie so viele in letzter Zeit, und er saß allein in seinem Schattenreich. Eine dunkle Vorahnung hatte von seinem Geist Besitz ergriffen, dunkler noch als der Kaffee in dem weißen Pappbecher, der vor ihm stand. War es heute so weit? Es wurde kalt, viel kälter als sonst, und der Wind fegte noch eisiger durch sein großes Anwesen, welches fernab von jeglicher Zivilisation in einem Wald stand, in dem die Wahrscheinlichkeit größer war, von einem Blitz getroffen zu werden, als einem Menschen zu begegnen. Das Anwesen war ein altes Landgut, welches sich seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie befand. Die dunkle Fassade, der verwilderte Garten, und nicht zuletzt das verwinkelte Innere, schreckten die wenigen Leute ab, die ihm zu nahe kamen. Er wollte es nicht anders. Niemand kannte sich hier wirklich aus, selbst Henry entdeckte immer neue Ecken und Winkel, was ihn aber nicht sonderlich überraschte. Er erhob sich schwerfällig und setzte zu seinem letzten Rundgang an. Er hatte sich vorgenommen jedes der zahlreichen Zimmer noch einmal zu betreten, bevor er gehen musste. Viel Zeit verging, beim Betrachten der unzähligen Bilder, die an den Wänden hingen. Es waren zum Teil fröhliche Bilder: Ball spielende Kinder, Familienausflüge und verschiedene Weihnachtsfeste waren zu sehen. Diese Abbildungen mochten auf den ersten Blick so gar nicht in das alte Haus passen, doch sie waren Zeitzeugen einer Epoche, in der dieses Haus noch angenehm und freundlich gestaltet war und jeder Besucher zuvorkommend behandelt wurde. Auffällig war, daß jene Bilder wesentlich blasser wirkten, während andere Zeichnungen intensiver und ausdrucksstärker hervorstachen. Diese Werke muteten eher surrealistisch an, ein Gewirr aus Formen und Farben, und trotzdem vermittelten sie vage Andeutungen von Angst und Verzweiflung. Vor einem Bild blieb er stehen. Es wirkte von allen Bildern am frischesten, so als wäre es gerade erst gemalt worden. Er betrachtete es lange, und je länger er es betrachtete, desto klarer wurden die Formen. Aus den scheinbar zufällig nebeneinander geklecksten Kreisen und Linien entstand ein menschlicher Körper, ein kleines Mädchen. Sie schrie vor Schmerzen und winselte um Gnade, aber er kannte dieses Wort nicht. Noch einmal sah er zu wie sie qualvoll... In dieser Sekunde flog die Tür seiner Zelle auf und zwei kräftige Wärter in Uniform packten ihn und zogen ihn ohne Worte in den Gang hinaus. Ein Geistlicher murmelte irgendetwas, doch Henry schenkte ihm keinerlei Beachtung. Er lenkte seine Schritte selbständig und ohne Aufforderung Richtung Todeskammer und obwohl er wußsste, dass dort die Giftspritze für ihn bereit lag, lachte er. Die Welt ist groß, und es gibt noch viele dieser Anwesen. |