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Auf dich warten

Von Marie Vaillant

Und wieder warte ich auf dich.

Was habe ich erwartet? Dass du mal auf mich wartest? Dass du mir mal freudig entgegen fieberst, aufstehst und mir entgegen trittst, wenn ich dann komme?

Eindeutig zu viele Fragezeichen in meinen Gedanken.

Es ist zwei Minuten vor sechs Uhr. Zwei Minuten vor unserem geplanten treffen. Ich zünde mir eine Zigarette an, du wirst wie immer zu spät kommen.

Also mach ich es mir auf der Bank bequem. Zum Glück ist weder Eis noch Schnee darauf; in den letzten drei Tagen war es zu warm.

Du meine Güte, ich ertappe mich dabei, wie ich von dir und mir träume. Ich stelle mir wieder vor, wie es sein könnte, wenn wir zusammen wären.

Liebesleute. Was für ein schöner Ausdruck.

Wenn du wüsstest, was ich für dich empfinde, was wäre anders? Würdest du dich anders verhalten?

Wärst du freundlicher oder noch abweisender? Würdest du auf mich eingehen?

Wenn ich wenigstens wüsste, was du von mir hältst! Warum du dich Abend für Abend mit mir triffst, in unserer großen Siedlung, warum wir mit deinem Hund spazieren gehen, warum du mich dafür brauchst.

Also muss dir irgendetwas an mir liegen, wenn du so oft mit mir spazieren gehst, nicht mit anderen Hundebesitzern aus unserer Siedlung?

Und dennoch habe ich ständig das Gefühl, als ob du mich nicht kennen und respektieren würdest. Oh, wie ich dieses Gefühl hasse! Dann muss ich dir (und mir) beweisen, dass ich klug und reif bin und mache mich dadurch erst recht zum Trottel. Himmel-hilf-und-gib-mir-Rat. Zum Teil führen wir sehr tolle und niveauvolle Gespräche. Dann freu ich mich, natürlich, doch habe ich stets das Gefühl, dass noch etwas fehlt. Spaß haben wir ja auch. Ja. Obwohl wir noch nie zusammen fort waren, am Abend, in einem Lokal. Immer treffen wir uns hier, im Hof.

Es ist jetzt elf Minuten nach sechs Uhr. Langsam wird es dunkel. Es ist doch Winter, auch wenn man es (zum Glück) nicht an den Temperaturen merkt.

Ich gehe. Ich habe keine Lust, mich von dir auch noch verarschen zu lassen, wenn du mich ohnehin schon erniedrigst.

Ich gehe.

 

Daheim setze ich mich mit einem Buch in mein Zimmer und lese. Plötzlich kommt mir, dass wir uns heute ja gar nicht treffen wollten! Ach wie bin ich blöd! Genau, heute am Dienstag, musstest du ja zu deiner Tante. Oh, wie bin ich dumm! Jetzt lache ich. Es ist zwar noch nicht Zeit, aber ich ziehe mir meinen Pyjama an und lese weiter.

Macht der Gewohnheit. Wie wahr.

Das Buch ist spannend, ich nehme mir vor, noch bis acht Uhr zu lesen. Ein kurzer Blick auf die Uhr- es ist halb acht. Wie die Zeit vergeht.

Ich höre ein Geräusch. Als ob jemand an mein Fenster klopfen würde. Was natürlich nicht geht, wir wohnen im 2. Stock.

Doch das Klopfen ist hartnäckig. Schließlich ziehe ich meine Jalousien hoch und sehe dich, im Licht der Laterne. Gerade wirfst du noch ein Steinchen an mein Fenster.

Schnell räume ich das Fensterbrett leer um das Fenster öffnen zu können.

„Was ist denn los?“ rufe ich hinunter.

„Du hast dein Handy abgeschalten, sonst hätte ich dich angerufen. Kommst du runter?“ antwortest du.

„Ich bin schon umgezogen!“

„Julia, ach Julia, komm, du Liebliche herunter zu mir!“

Du findest das lustig. Ich nicht. Aber es wirkt. Kann ich dir wirklich widerstehen?

„Also gut du Möchtegern- Romeo, ich ziehe mich um, warte vor meiner Haustüre.“, knurre ich. Du deutest eine Verbeugung an und lächelst.

Seufzend schließe ich das Fenster und ziehe mich in Windeseile um.

Ich rufe eine kurze Notiz meiner Mutter zu, dann bin ich unten.

Bei dir.

Du hast gewartet. So kurz zählt aber nicht.

„Was kann ich für dich tun?“ frage ich leicht genervt.

„Wollte mich mit dir unterhalten. Wie geht’s dir so?“

Ich hole tief Luft. Keine Ahnung, was mich dazu treibt, aber ich lasse es raus: „Ahja, weil du wolltest. Und wenn du willst, muss jeder springen. Mich eingeschlossen. Ich komme also nur, weil du es so willst.“ Ich funkle ihn böse an, was aber schwer rüberkommt, bei Mondschein und Laternenlicht. Du machst nur: „Äh,“ und siehst mich an. „Entschuldige,“ rede ich weiter, „natürlich komme ich auch, weil ich es will und weil wir eben befreundet sind und Freunde sich eben unterhalten.“ Ich blicke zu Boden. Was sagst du? Ich merke kurz, dass ich mich eben wieder erniedrigt habe, klein beigegeben habe. „Sorry.“ flüsterst du. Ich seufze. „Also, erzähl mal, wie war´s?“

 

Seit einer Woche haben wir uns nicht mehr gesehen. Der Abend damals, wo ich dir die Meinung sagen wollte, ist zwei Wochen her. An dem und dem nächsten Tagen warst du freundlich und vertraut zu mir.

Ich merke wieder, wie gerne ich dich habe. Seit so langer Zeit schon. Obwohl ich weiß, wie aussichtslos es ist. Dich zu lieben, wenn man ich ist.

Wie schmerzlich und schön, wie ernüchternd und aufregend.

Wie aussichtslos, wenn man ich ist.

Ich weiß, dass du mich nicht liebst.

Ich liebe dich.

Und doch wieder nicht.

Das kommt und geht bei mir. Manchmal liebe ich dich, manchmal sehe ich in dir einfach den guten Freund.

Und vor einer Woche haben wir uns gestritten. Wir waren unten, und zwei andere Freunde von uns kamen dazu. Warum haben wir uns eigentlich gestritten? Irgendetwas war´s mit... Ich glaube, ich war wütend, weil du schon früher hinein gehen wolltest, obwohl wir zu viert Spaß hatten, du wolltest früher hinein, obwohl du schon 18 bist und du hast noch deine Mutter als Grund genannt.

Und ich war wütend, weil du mir Zeit mit dir wegnehmen wolltest.

Ich glaube, du hast nicht verstanden, warum ich mich plötzlich so aufgeregt habe.

Bis jetzt hast du dich nicht gemeldet. Also liegt dir doch nicht viel an mir.

Doch das ist mir herzlich egal.

Diese Woche brauchte ich, um mich zu ent-lieben. Ich fühle so etwas nicht mehr für dich.

Und deswegen kann/konnte ich mich nicht bei dir melden, weil ich endlich von dir los war, und Angst habe/hatte, dass alles von vorne anfängt, wenn ich dir wieder nachlaufe.

Verstehst du das?

Ich verstehe es.

Und du meldest dich nicht, weil du meinst, ich sei Schuld, also werden wir nicht viel von einander hören.

Ich vermisse dich, als Freund, Zuhörer und Gleichgesinnten. Sonst nicht.

Darüber bin ich glücklich.

Soll ich dir einmal sagen, was ich empfand?

Was ich geträumt, gedichtet, geschrieben und gedacht habe? Irgendwann einmal, ja. Oh, das wird lustig, darauf freue ich mich.

Ein bisschen Zeit noch verstreichen lassen, Selbstbewusstsein aufbauen. Dann wirst du es erfahren.

Ich freue mich darauf.

 

Nun ist es einen Monat her. Ich habe dir ein SMS geschrieben, mich kurz entschuldigt, aber nicht gefragt, ob wir uns treffen.

Mein Entschluss steht fest. Du sollst alles erfahren. Warum ich mich manchmal zum Deppen gemacht habe, warum ich manchmal so eigenartig reagiert habe.

Heute habe ich dich kurz bei der Busstation gesehen. Du hast gewunken, ich bin in den Bus eingestiegen.

Ich habe schon einen regelrechten Plan. Was ich dir sagen will. Doch irgendwie scheut es mich, mit dir ein Treffen auszumachen. Nicht schon wieder warten.

Ein bisschen Zeit für mich brauche ich noch.

 

Bald ist die Schule aus. Ferien. Dann. Dann mach ich´s. Ich weiß gar nicht, wie lange es her ist, seit unserm Streit. Sieben Wochen? Mehr? Zwischendurch haben wir uns auf der Straße gesehen. Dann habe ich dich lange nicht mehr gesehen.

Und heute Nacht habe ich etwas schreckliches geträumt. Ich bin weinend davon aufgewacht.

Es war so: ich träumte, meine Mutter erzählte mir, du wärst gestorben. Sie wusste es mit Sicherheit von Freunden. Ich konnte es nicht glauben, lief auf die Strasse, zur Busstation vor deiner Wohnung. Ich fand dich nirgends. Deine gesamte Familie sah ich aus der Wohnung gehen, doch ohne dich. Dann setzte ich mich irgendwo hin und weinte. Mein Vater fand mich, und fragte mich, ob ich es nun wüsste. Ich nickte und bejahte.

Wie gesagt, ich bin weinend aufgewacht. Und ich hatte ein furchtbar beklemmendes Gefühl. Und alles, woran ich dachte war, schade, jetzt konnte ich es dir nicht sagen.

Das Gefühl ist so beängstigend. Morgen will ich mit dir reden. Übermorgen ist besser, ich bin ja morgen nicht daheim.

 

Es ist Freitag, zwei Tage nach meinem Traum. Heute werde ich dich anrufen. Die Angst aus dem Traum ist verschwunden. Es war erschreckend, so habe ich nie zuvor gefühlt, so intensiv!

Nun will ich erst mal Zeitung lesen. Eigentlich uninteressant. Eigentlich blättere ich sie immer nur durch. Meine Familie ist ruhig, heute, am Frühstückstisch.

Was? Ich blättere zurück. Nein. Das ist unmöglich. Bei den Todesfällen steht eine Anzeige mit deinem Namen.

Du bist tot.

Noch mal und noch mal lese ich die Anzeige. Der Name, das Geburtsdatum und die Hinterbliebenen stimmen. Dein Sterbedatum war vorgestern. Mein Traum.

Es ist zu spät.

Tränen rinnen langsam aber beständig meine Wangen herab. Meine Mutter umarmt mich schweigend, sie weiß von dir und dem Traum.

Es ist zu spät. Solltest tatsächlich du die tragische Figur dieser Geschichte sein? Ich hatte mich immer als diese interpretiert.

Es ist zu spät. DU bist tot.

Tot. Wie schwierig, das zu begreifen.

Ich ziehe mich an und gehe zu einem unserem gemeinsamen Freund in der Siedlung.

Er bestätigt es mir. Du bist an einer seltsamen, unerforschten Krebsart gestorben, wie in meinem Traum. Ich bedanke mich und gehe. Zur Busstation vor deiner Wohnung. Ich weine lautlos.

Jetzt weiß ich, dass du auf mich wartest.

Ich lächle bei dem Gedanken.

Ich weiß, du wartest irgendwo auf mich.

 


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