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Geschichten von Röttgar Jones

  1. Alles wie früher

  2. Als ich eines Morgens aufwachte

Alles wie früher

Da stand sie nun wieder vor mir. Sie freute sich sehr, endlich wieder bei mir zu sein. Ihr gefiel es immer noch, meinen Plattenhaufen zu durchstöbern. Und endlich sah ich wieder ihr großes Lächeln auf ihrem Gesicht. Zusammen hatten wir uns schon ewig nicht mehr gefreut. Dabei war es immer so einfach, sich zu freuen.

Diesmal war es eine alte Schneekugel, die sie so freute. Ein alter Engel unter einer Glaskuppel. Oft hatte ich sie schon geklebt, trotzdem trocknete sie total aus, und von Schnee konnte gar keine Rede mehr sein.

Aber ihr Lächeln wurde so groß, dass ich dachte, es würde sich in ihren Ohren verhaken. Und es kam immer näher, und ich erinnerte mich an früher, als ich fast nie was anderes als diesen Riesenmund dieser kleinen Frau sah. Und wenn ich meinen Freunden von meinen Urlaubseindrücken erzählte, hörten sie nichts anderes als Geschichten von ihrem Mund.

Dann blieb er ganz kurz vor mir stehen. Ich dachte, sie kippt um, wenn ich ihr meinen Mund jetzt auch noch entgegenstrecke.

Plötzlich schrumpfte er wieder auf normale Größe zusammen. Nun sah ich zum ersten Mal ihre Augen wieder aus der Nähe. Als ich länger hinsah, konnte ich sogar den Grund für das Verschwinden des Lächelns entdecken.

„Was ist los mit dir?“

Ich überlegte jetzt erst, was an diesem Bild nicht stimmte. Alles sah wieder aus wie früher. Sie in meinem Zimmer, meine Platten in ihren kleinen Händen, die wie kleine Kinder alles begrapschten, was da war, ihr kleiner Popo, der wie kein anderer in eine Hose passte, ihre für ihren Körperbau viel zu großen Brüste, die mich nach einigen Wochen Keuschheit auf sagenhafte Weise breitschlugen, ihr Lächeln, das mich immer umhaute. Alles war wieder da, wo es schon immer hingehörte. Lange hatte ich geträumt, dass es wieder so wird. Und nun war sie wieder da, aber irgendwas machte sich in meinem Kopf breit, dass alles nicht so war, wie es war.

„Ich mag dich einfach nicht mehr so wie früher!“

Ich sah immer noch in ihre Augen, doch jetzt war mir als sehe ich in ein Grab. Eins, das ich gerade selbst geschaufelt habe, um meine ganze Welt da zu begraben.

Ich streckte ihr jetzt meinen Mund entgegen. Ich küsste sie auf die Wange, und sie kippte um.

Ich ging und ließ sie in meiner Wohnung allein. Als ich wiederkam, war sie weg.

Der Engel im Glas auch.

*****

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Als ich eines Morgens aufwachte

Es war sicher nicht das erste Mal, dass ich in meinem Bett aufwachte, ohne zu wissen, was ich in der Nacht zuvor angerichtet hatte. Doch diesmal waren es nicht einfach Teile von Damenunterwäsche in meinen Taschen oder multiple Variationen von Gerüchen an meinem Körper, denn was mich beim Aufwachen erwartete, war der Anblick meiner selbst, der auf extreme Weise vom Normalzustand abwich.

Ich musste feststellen, dass meine rechte Hand und mein linker Unterschenkel fehlten. Zudem entdeckte ich noch mehrere tiefe Schnittwunden gleichmäßig über meinen Körper verteilt. Das an sich war für meine Verhältnisse ein sehr seltsamer Zustand, in dem ich mich befand. Was aber mein Erstaunen noch weiter wachsen ließ, war die Tatsache, dass die offensichtlichen „Mangelerscheinungen“ an meinem Körper keinerlei Schmerz oder irgendeine andere Art von Gefühl hervorriefen.

Man könnte mich eigentlich eitel nennen, was bedeuten soll, dass ich mir sehr viele Gedanken um meinen Körper zu machen pflege. Doch in diesem Moment war ich nichts anderes als erstaunt. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich sonderlich erschreckt war, denn ich war es nicht. Ich war eher überrascht oder überwältigt von den Sonderbarkeiten, die dieses Leben mir bot.

Ich betrachtete noch einmal mit aller Sorgfalt das Schlachtfeld, das mein Körper nun war, und ich musste registrieren, wie sehr mich dieser Anblick mehr und mehr interessierte, nein faszinierte. Und während ich meinen Körper viel mehr als sonst bewunderte, klingelte das Telefon.

Ich wollte den Hörer abnehmen, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich nicht in der Lage war, meinen Arm auszustrecken. Das Telefon klingelte weiter, und ich merkte auch, dass ich den Rest meines Körpers nicht mehr bewegen konnte.

Immer noch klingelte das Telefon. Ich sah, dass meine Augen geschlossen waren, und mein Kopf war zur Seite geneigt. Aus meinem Mundwinkel floss ein kleiner roter Bach. Das Blut war mir bei all dem anderen Blut gar nicht aufgefallen. Komisch, dachte ich mir, als endlich der Anrufbeantworter anging.

Es war meine Seele, meine Religion, mein ein und alles; mein Mädchen war am Telefon:

 

Sicher erinnerst du dich nicht mehr an letzte Nacht. Wir unterhielten uns mal wieder über uns. Und du konntest mir mal wieder nicht beweisen, dass du mich liebst. Und ich habe dir gesagt, dass wir uns nichts mehr beweisen müssen, dass ich am besten weiß, dass du mich liebst, und du am besten weißt, dass ich dich liebe. Du bist sehr traurig geworden, weil du wusstest, dass der Krebs dich mir bald wegnimmt. Ich habe geweint, und du hast mich ganz fest in deine Arme genommen. Und es wurde wieder so warm wie beim ersten Mal, so warm, dass wir zusammengeschmolzen sind zu einem großen Klumpen Liebe. Dann hast du zu mir gesagt, dass du nicht willst, dass dich jemand tötet, der dich nicht liebt. Damit hast du den Krebs gemeint. Und dann habe ich schon gewusst, was du von mir willst, und ich habe auch gleich gesagt, dass ich das nicht machen werde. Dann hast du gesagt, ich soll dich allein lassen. Da habe ich dich geküsst und bin gegangen.

 

Das war es dann. Das Band war voll. Aber ich konnte mich inzwischen wieder daran erinnern, was mich so zugerichtet hatte. Es war der Krebs.

In der Nacht, kurz nachdem sich mein Herz wieder einmal teilte, kam er mit seinen Leuten in meine Wohnung gestürmt. Er stand vor meinem Bett und hat mich hämisch ausgelacht. Ich wusste, dass dieser Augenblick einmal kommen würde.

Krebs hasste mich, und ich wusste nicht einmal warum. Dann muss er mich wohl geschlachtet haben.

Ich hasse Nachtoterfahrungen! Aber diese ist jetzt wohl vorbei. Ich werde blasser. Doch meine Seele! Sie irrt noch hier irgendwo umher. Sie ist einmetervierundsechzig niedlich und hat goldenes Haar. Falls Sie sie sehen, sagen Sie ihr, dass es mir gut geht und dass sie mir doch bitte recht bald folgen soll. Sie wird Sie nicht verstehen, aber sie wird wissen, was Sie meinen.

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