vorja

Lesen bildet!

Der Erzähl-Club 

Der Treffpunkt für Autoren und Leser: 
Eure Texte im Web veröffentlichen!

Das Motto:
"Wer schreibt,
der bleibt"

Hier könnt Ihr die Kategorien der Erzähl-Club-Texte anklicken,
um einzelne Texte zu lesen:

Startseite

Kurzgeschichten

Erzählungen

Erinnerungen

Fabeln & Märchen

Gedichte

Essays

Romane

Web-Katalog

Erzähl-Club News

"Freie Fahrt für freie Bürger!"

Von Hans Becker

Kein schlechter Wagen! dachte ich, als ich morgens kurz warten musste, weil ein großes dunkelbraunes Auto gerade über die Kreuzung fuhr, die ich auf dem Weg zur Straßenbahn passieren musste. Erst beim genaueren Hinsehen wurde mir klar, dass es mein eigener ehemaliger Wagen war, der gerade an mir vorbei rauschte. Vor drei Jahren hatte ich ihn - ausgestattet mit so ziemlich allen verfügbaren Extras - fast neu von einem Werksdirektor der italienischen Automarke äußerst billig erstanden. Vor ziemlich genau zwölf Monaten habe ich ihn dann verkauft.

Mit dem Verkauf dieses fünten Autos seit dem ersten, einem Entchen, habe ich meine Karriere als Besitzer immer größerer, schnellerer und teurerer Wagen ohne jedes Bedauern beendet. Vorher bin ich in fast 25 Jahren etwa 800.000 km unfallfrei gefahren.

Die Gründe sind schnell aufgezählt: Die Parkplatznot, die Aggressivität auf allen Straßen, die inzwischen unvermeidlichen ständigen Staus, die im Grunde schon immer unsinnigen Kosten eines vorwiegend privat genutzten Pkw und, nicht zuletzt, das schlechte Gewissen wegen der Umweltbelastung durch den Automobilverkehr.

In meinem innenstadtnahen Viertel dauert die Suche nach einem Parkplatz fast immer doppelt oder dreimal so lang, wie eine Autofahrt innerhalb der Stadt, und bis zu einer Stunde, wenn man nachts einen Abstellplatz sucht, irgendwo im Viertel. Das Anwohnerparken mit Parkscheinen ist durch Gerichtsbeschluss aufgehoben worden.

Wie aggressiv in Deutschland Auto gefahren wird, das wurde mir jedes Mal bewusst, wenn ich bei der Rückkehr aus dem Ausland mit seinen jeweils unterschiedlichen Geschwindigkeitsbegrenzungen wieder eine deutsche Auto bahn erreicht hatte: Große Wagen hetzen dicht unter der Spitzengeschwindigkeit Stoßstange an Stoßstange vorbei, es wird von rechts überholt und geschnitten und selbsternannte Fahrschullehrer der Nation zeigen sich gegenseitig den Vogel.

Bei alledem hat mich immer wieder erschreckt, dass ich wenige Kilometer hinter der deutschen Grenze auch an mir selbst beobachten konnte, wie meine Aggressionsschwelle niedriger wurde. Dann musste ich mich regelrecht entschließen, auch langsameren Fahrzeugen wieder das Wechseln auf die Überholspur zu ermöglichen, oder den richtigen Abstand einzuhalten, obwohl ich die Vorschriften normalerweise aus Überzeugung und aus Gründen des Selbsterhaltungstriebes automatisch einhielt.

Während des letzten Jahres, als ich das Auto noch hatte, habe ich es immer seltener benutzt, weil ich diesen ganzen Stress einfach unsinnig fand. Ich spielte schon mit dem Gedanken, es zu verkaufen, andererseits tat es mir leid, gerade diesen großen und schnellen Wagen abzugeben, den ich so preiswert erstanden hatte. Er gefiel mir besser als alle Autos davor.

Der endgültige Entschluss kam schließlich zustande, nachdem mir ein betriebswirtschaftlich kundiger Freund genau vorgerechnet hatte, wie hoch die Ausgaben für Anschaffung, Unterhalt, Betriebskosten und Wertverlust bei einem Auto dieser Preislage waren: ziemlich genau 1500 Mark im Monat!

Als ein Käufer gefunden, alles abgewickelt war, und die Rücklichter des Wagens am Ende der Straße verschwanden, habe ich das als eine Befreiung empfunden. Gleichzeitig fragte ich mich etwas bänglich, ob mir dieser Schritt nicht doch noch einmal leid tun würde.

Nein, in dem Jahr ohne Auto habe ich meinen Entschluss niemals ernsthaft bereut. Vielleicht war ich in diesen zwölf Monaten etwas weniger unterwegs als früher mit dem Auto. 

Aber überall, wohin ich wirklich wollte und musste, bin ich selbstverständlich auch hingekommen, manchmal langsamer, sehr oft aber auch schneller als mit dem Auto, wenn man den Stadtverkehr, die Autobahnstaus und die Parkplatzsuche mit einrechnet. Heute hat ja schon jede Kleinstadt eine verkehrsberuhigte Innenstadt, die zwischen endlich gefundenem Parkplatz und dem Ziel in der Stadt einen Weg zu Fuß erfordert.

Neben der Bundesbahn und den S- U- und Straßenbahnen des öffentlichen Nahverkehrs habe ich notfalls das Taxi benutzt. Für Berufs- und Urlaubsreisen nahm ich Mietwagen.

Falls ich genug Zeit habe, dann gehe ich, vor allem in der Innenstadt, immer zu Fuß. Dabei habe ich festgestellt, dass ich als Fußgänger ganz anders ankomme, als früher nach einer Autofahrt. Bei Besprechungen, die nach einer Bahnfahrt und einem Fußweg zum entsprechenden Büro beginnen, bin ich heute ganz anders "da", als früher, wenn ich nach Autobahn und Parkplatzsuche angekommen war. Denn damals dauerte es immer einige Minuten, bis ich den Autobahnstress soweit abgebaut hatte, dass ich mich wieder voll konzentrieren konnte.

Da mir früher spätestens nach zwei bis drei Stunden das Autofahren wegen der immer gleichen Handgriffe langweilig und das Sitzen hinter dem Lenkrad lästig geworden ist, genieße ich heute die Bewegungsfreiheit in der Bahn. Ich kann mir die Füße vertreten, im Speisewagen essen oder trinken. Ich treffe gelegentlich Menschen, mit denen es zu interessanten Gesprächen kommt, was übrigens auch für manche Taxifahrer gilt. Vor allem kann ich lesen im Zug.

Wenn ich dann vom Eisenbahnfenster aus Autoschlangen vor einer Ampel oder im Stau auf einer Autobahn sehe, dann tröstet mich das ganz schnell über fahrplanbedingte Wartezeiten und gelegentliche Verspätungen bei der Bundesbahn hinweg. Das ist heute besser zu kalkulieren, als fast jede Autofahrt.

Ich finde, nicht Automobilklubs, sondern Bundesbahn und Stadtbahnen sollten den Slogan benutzen: „Freie Fahrt für freie Bürger!

Zum Seitenanfang