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Kurzgeschichten von Philippe Gehrig 

  1. Keine Macht den Baumärkten!

  2. Im Hotel

  3. Feierabend Blues

  4. Karibischer Kaffee

Keine Macht den Baumärkten!

Baumärkte üben auf die meisten Männer, den Autor eingeschlossen, die Faszination einer überquellenden Goldgrube aus. Wir bekommen wieder große Kinderaugen, beim Bestaunen von Stichsägen, Bohrmaschinen und ähnlichem Gerät. Dabei kann die Vernunft, in bestimmten Momenten aussetzen.  

Der sorgenvolle Blick auf den Geldbeutel, sonst gegenüber der Gattin, bei ihren Einkäufen immer wieder zelebriert, weicht der Euphorie eines kokssüchtigen Rockstars. Alles ist möglich!  

„ Mit dieser Handkreissäge mein Schatz, könnte ich uns ein komplett neues Wohnzimmer bauen.“  Die meisten Frauen, verdrehen zu Recht die Augen nach innen, wenn sie solche Sätze hören. Das größenwahnsinnige Kind bricht voll durch.  

Ich als Mann und begeisterter Heimwerker kann da nur sagen: Das eine zieht das andere nach sich, da gut sortierte Baumärkte, Öl auf das Feuer der Tatkraft gießen. Und das macht süchtig. Was kann es schöneres geben, als mit den eigenen Händen etwas zu schaffen? 

Freiheit, Tatkraft und keinen Chef, na vielleicht doch ein bisschen, den dem prüfenden  Auge der Gattin, muss es später schon standhalten. Und  dafür braucht man halt Material und Maschinen und Werkzeug und am besten eine Werkstatt. Außerdem kann man sich’s in so einer Werkstatt schön gemütlich machen und sich gegen das Böse dieser Welt abschotten.       

Aber bleiben wir mal beim Einkaufen: Ein Mann will zum Beispiel eine kleine Sperrholzplatte kaufen. Die Holzabteilung befindet sich in den meisten Fällen - taktisch klug, weit  hinten im Baumarkt. 

Das bedeutet, das der arme Tropf erst mal an sämtlichen Werkzeugstrassen vorbei muss, die ihm die Mangelhaftigkeit seiner heimischen Ausrüstung klar vor Augen führen. Abgesehen davon, lassen sich die Hersteller von Werkzeugen, ja auch immer etwas neues einfallen, diese Schweine. 

Einen Nasen-Taschenlampen-Elektroschraubenzieher zum Beispiel. Und den muss der arme Mann einfach kaufen. Weil’s praktisch ist, auf dem Weg liegt und man ja nie  wissen kann, wann man so was mal braucht. Dem nicht genug, befindet sich neben der Holzabteilung, ja auch die Abteilung für Regalsysteme. 

Regale kann man nie genug haben. In Holz, in echt edlem Holz, mit verspielten Trägern, aus Glas mit  Aluprofilen. Oh Gott was das wieder kostet! mag unser Mann kurz denken, aber er schaut sich die Regale trotzdem an.  

Nur mal so zum Schauen. Dann geht er wieder zurück in Richtung Holzabteilung - schnell, mit abgewendetem Blick. Doch der Stachel sitzt schon unter der Haut. Würde sich das eine Holzregal, nicht Superklasse im Flur machen? Mit zwei Jahrgängen Auto, Motor, Sport drauf?  

Nachdem er seine kleine Sperrholzplatte abgeholt hat, geht er doch noch mal gucken. Und Schwupps ist das Einkaufswägelchen vollgeladen und Zack an der Kasse. 

Da wird dann Blut gelassen. Beim wieder Einpacken der nunmehr auf Zigarettengeld reduzierten Brieftasche, fällt  ihm dann der Einkaufszettel seiner Frau in die Hand. 

Freude, schöner Götterfunken! 

*****

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Im Hotel

Es ist mal wieder soweit, tief in meinem Innern habe ich es gewusst und doch hatte ich ein Fünkchen Hoffnung auf einen pünktlichen Feierabend. Aber nein, es muss ja so kommen: 

Mein Chef verkündet der gesamten Abteilung, das heute Abend im Hotel 'Arcade', in der Nähe der Firma, um 19.00 Uhr eine Schulung bzw. Präsentation eines großen Festplattenherstellers stattfindet. Teilnahme sei Pflicht, aber verhungern müsse keiner, es gäbe ein kaltes Büffet

‘Ha Ha’. Dieses ‘Ha Ha’, begleitet von seinem süffisantem Grinsen werde ich ihm eines Tages den Hals runter stopfen, denke ich mir, - und behalte meine Contenance.

Um 18.30 Uhr trabt eine mehr oder weniger missmutige Schar von Verkäufern Richtung Hotel, was praktischerweise ganz in der Nähe unserer Arbeitsstätte liegt. Ich hoffe, das sich der Arbeitskollege, der mich freundlicherweise mit zur Arbeit genommen hat, nicht wieder die Kanne gibt, denn dann wird es eine Ewigkeit dauern, bis wir nach Hause kommen.

Bis jetzt habe ich mich erfolgreich gegen die Anschaffung eines eigenen PKW gewehrt, da ich zum einen gar nicht weiß, wovon ich das bei diesem Hungerlohn bezahlen soll, und zum zweiten, ich nicht vor habe, diesen Substanz fressenden Job allzu lange zu machen. So bin ich also von diesem Arbeitskollegen abhängig, der zwar immer große Sprüche klopft, aber sich immer mehr als Luftpumpe entpuppt. Im Foyer des Hotels bilden sich wieder die üblichen Grüppchen.

Die Starverkäufer suchen die Nähe zu ihren Gruppenleitern, damit sie besser auf ihrer Schleimspur surfen können, die kleinen Lichter, zu denen ich auch gehöre, suchen die Nähe zu anderen kleinen Lichtern, damit wir uns gegenseitig besser die Wunden lecken können. Nach zwanzig Minuten Small Talk beginnt endlich die Präsentation. Der Repräsentant des Festplattenherstellers zeigt uns, mittels per Overheadprojektor an die Wand geworfenen Grafiken, die Entwicklung und das Wachstum seiner Firma.

Anschließenderklärt er uns, das seine Firma, im Vergleich mit dem Wettbewerb, der hellste Stern am Firmament ist. Also das übliche Geschwafel, und dafür muss ich meine knapp bemessene Freizeit opfern; Ich bin entzückt.

Nach dem Vortrag wird die Schlacht am kalten Büffet eingeläutet, was entgegen meiner anfänglichen Befürchtung, ausgesprochen reichhaltig und abwechslungsreich ist, im Gegensatz zu den sonst üblichen belegten Brötchen. Während des Essens bessert sich meine Laune um einige Grad, ob wohl ich immer noch wegen der verpassten Billardrunde mit meinen Freunden, mit meinem Schicksal hadere.

Nach dem Essen bilden sich wieder besagte Grüppchen, wobei ich einigen Kollegen ansehe, dass sie jetzt auch lieber nach Hause fahren würden, aber sich Angesichts der Präsenz unseres Chefs nicht trauen. So wird also ungezwungenes Miteinander zelebriert, so gut es geht, und dazu ordentlich Bier drauf geschüttet.

Gegen 22.00 Uhr hat sich die Runde schon gelichtet, aber mein Arbeitskollege, meine Mitfahrgelegenheit, kann sich nicht trennen. Dieser Schleimer, baggert und sülzt unermüdlich an unserem Chef herum, als ob er ihm gleich vor versammelter Mannschaft an die Hose wolle. Soll er in der Hölle schmoren !

Ich mache derweil das zweite Päckchen Camel ohne Filter auf und denke daran, wie wunderschön ich jetzt in meinem Sessel zuhause, in Ruhe, an Lungenkrebs sterben könnte. Die Zeit schreitet nur langsam, bitter langsam vorwärts. Ein anderer Arbeitskollege, natürlich Nichtraucher, bedient sich ohne Hemmungen an meinen Zigaretten und drückt mir eine Kassette ins Ohr, dass die Weiber immer nur an sein Geld wollen. Dieser Schwachkopf, welches Geld meint er? Das Almosen. das wir hier verdienen, wird wohl kaum reichen, irgendeine Frau zu beeindrucken, geschweige denn sie dazu zu bringen, diesem schmierbäuchigen Glatzkopf hinterher zu rennen.

Um 23.00 Uhr bin ich das Spiel leid und passe den geeigneten Moment ab, um meine Mitfahrgelegenheit zu interviewen. Wo sonst als auf dem Klo ? Denn ansonsten ist er ja zu beschäftigt, unserem Chef in den Allerwertesten zu kriechen. Ich frage ihn, am Pissoir neben ihm stehend, wann er den gedenkt nach Hause zu fahren und er antwortet, das wüsste er noch nicht, es wäre gerade so lustig.

Es kostet mich ungeheure Kraft cool zu bleiben und ich zische ein : „Na dann bis später“. Eine weitere Stunde später, spiele ich mit dem Gedanken, mich in dem Hotel einzumieten, da ich aus Frust zuviel getrunken habe. Ich muss ja selbst nicht fahren, aber mir ist klar, das mir abzüglich einer Stunde Fahrzeit, noch genau fünf Stunden zum Schlafen bleiben, unter der Vorraussetzung, das wir jetzt starten. Was aber nicht danach aussieht.

Mein Chef ist heute gewillt ein Fass aufzumachen, und eröffnet dem Funktionär des Festplattenherstellers und meinem Chauffeur, dass er hier in der Nähe noch ein Lokal kennt, was länger auf hat.

Also verabschiede ich mich geistig schon mal von dem Geld für die Übernachtung in diesem Hotel, das ich eigentlich gar nicht habe. Wenn ich jetzt nicht ins Bett komme, wird mich der zwangsläufige Kater morgen früh umbringen.I ch verabschiede mich mit einem gequälten Lächeln und stoße im Fahrstuhl einen müden Seufzer aus. Endlich allein, ohne diese Berufsoptimisten, die mich mit ihrer 'Uns gehört die Welt' Einstellung den ganzen Abend gelangweilt haben. Ich falle halbtot in die Koje und schaffe es gerade noch, meine Klamotten und meine Brille auf einen Stuhl in die Ecke zufeuern. Irgendwann nachts weckt mich das Drücken meiner übervollen Blase, ich schleiche halb besoffen und halb blind ohne meine Brille, Richtung Bad. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, bin ich schlagartig nüchtern. Ich stehe nackt auf dem Hotelflur!

Lieber Gott im Himmel, lass das nicht wahr sein, sag mir das ich nur schlecht geträumt habe, Bitte, Bitte, Bitte !Aber der liebe Gott zeigt kein Erbarmen, auch nach 5 Minuten stehe ich immer noch splitterfasernackt im vierten Stock des schlauchartigen Hotelflurs. Verfluchte Scheiße, was jetzt ?Nachdem ich weitere 5 Minuten von einem Bein aufs andere gehampelt bin und langsam anfange zu frieren, kommt mir eine Idee. Bestimmt haben die hier auch ein Nottelefon im Flur, damit man an der Rezeption Bescheid sagen kann, wenn zum Beispiel ein Feuer ausbricht.

Ich laufe langsam und vorsichtig, immer bedacht mein Geschlechtsteil zumindest mit einer Hand zu verhüllen, den Flur entlang. Hoffentlich will jetzt kein Nachtschwärmer auf sein Zimmer, was soll ich nur sagen wenn mir jemand begegnet ? Hallöchen zusammen, heiße Nacht heute !?Man wird mich für wahnsinnig halten, schlimmer noch für einen Sexgangster, ich sehe schon die Schlagzeile in der Morgenzeitung vor mir : Psychopatischer Exhibitionist terrorisiert  Hotelgäste!

Weit und breit kein Telefon in diesem Scheißflur, das ist die Strafe Gottes für die, die abfällig über Ihre Kollegen und Chefs denken, geht es mir durch den Kopf. Ich gehe den Flur ein zweites Mal vorsichtig und hoffentlich lautlos ab, entdecke aber leider nicht das ersehnte Telefon.

Es hilft nichts: Ich muss im Fahrstuhl runter an die Rezeption fahren und mich dort irgendwie bemerkbar machen, oh Gott wie peinlich! Allein der Gedanke jagt mir heiße und kalte Schauer über den Rücken, ich bin erledigt.

Ich verbringe weitere zehn Minuten in eine Ecke gekauert und beobachte den Fahrstuhl. Also gut, ich bringe es hinter mich. Ich bewege mich Richtung Fahrstuhl und drücke den Knopf, hoffentlich ist der Fahrstuhl leer, Bitte, Bitte, Bitte !

Der Fahrstuhl öffnet sich langsam und ich spähe mit hochrotem Kopf hinein, - leer ! Ich steige ein und wische mir die zwanzigste Schicht Schweißperlen von der Stirn.  'E' wie Erdgeschoss steht auf der Schalttafel, 'I' wie Inferno wäre viel passender gewesen.

Der Fahrstuhl setzt sich in Gang. Die Fahrt hinunter kommt mir endlos lange vor und ich zucke bei jedem Stockwerk, von Panikattacken geschüttelt, zusammen.

Bitte, Bitte, Bitte fahr weiter, keine anderen Fahrgäste, ich kaufe auch morgen Zigarren für den Chef und einen Strauss Blumen für seine Frau!

Nach unsäglichen Minuten der Qual, komme ich endlich im Erdgeschoss an und die Türe geht auf. Ich stehe da wie ein Häufchen Elend und winke mit einer Hand Richtung Rezeption, allerdings kann es auch sein, das ich gerade dem Feuerlöscher winke, da ich ohne meine Brille blind wie ein Maulwurf bin.

Weitere Sekunden, Minuten der Agonie, ich winke immer noch wie ein Gestörter, aber nichtspassiert. Nichts auf der Welt wird mich dazu bringen durch diese Empfangshalle zu laufen und an der Rezeption zu klingeln, Nichts,  - immer fleißig winken! Ich weiß nicht wie lange ich winke, bis plötzlich die Fahrstuhltür wieder zugehen will, was ich aber durch den Einsatz meines Oberschenkels zu verhindern weiß.

Ich habe aber die Lichtschranke nicht getroffen und die Tür klemmt mir den Schenkel ein, worauf ich laut losschreie. Plötzlich geht die Tür wieder auf und vor mir steht der Nachtportier. Er nimmt sich die Zeit mich von oben bis unten zu mustern, während ich irgendwelche Entschuldigungen murmele und mit gesenktem Kopf probiere, das ganze zu erklären; welche Schmach!

Da er den Generalschlüssel für alle Zimmer dabei hat, können wir sofort wieder hoch fahren, wofür ich Gott danke. Während der Fahrt schaut er mich halb ungläubig, halb grinsend an, seine niedrigen Gedanken stehen ihm auf der Stirn geschrieben.

Das wird ein Fest morgen früh, wenn ich das meinen Kollegen erzähle! Ich falle wieder ins Bett und stehe nach 10 Minuten wieder auf, da ich ja ursprünglich pinkeln gehen wollte, was mir aber in der Aufregung glatt entfallen ist. Dieses mal aber mit Brille und die Badezimmertür lasse ich auch hinter mir auf.

Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste ,man weiß ja nie. Am nächsten Morgen behandeln mich alle Bediensteten des Hotels äußerst freundlich und zuvorkommend und alle wissen meinen Namen.„Ja gerne Herr. Urban, aber natürlich Hr. Urban, darf es noch etwas sein Herr. Urban ?“ „Heute kein Frühstück Herr. Urban ?“

Und immer mit diesem ironischen Lächeln im Gesicht, ich könnte sie alle umbringen. Ich verlasse das Hotel als armer gedemütigter Mann, der jetzt wieder seinem unerfreulichen Tagwerk nachgehen muss. Ich bin mir sicher, das ich nie wieder einen Fuß in diese Räumlichkeiten setzen werde. Von Philippe Gehrig

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Feierabend Blues

Von der Arbeit will ich gar nicht erst anfangen, sonst bricht der sensible Leser sofort in Tränen aus, und das würde zu weit führen. Den Gedanken, den ich bereits zwei Stunden vor Feierabend hatte, entsprang dem tiefen Bedürfnis, mich zu belohnen: Einen schönen Bilderrahmen kaufen, das im Urlaub erworbene Bild darin am richtigen Ort aufhängen und mich daran erfreuen. Der bescheidene Wunsch eines Mühseligen und Beladenen.

Auf der Fahrt zum Einkaufszentrum schoss vor mir ein BMW wie eine gesengte Sau aus einer Toreinfahrt raus, so dass mich nur der abrupte Rechtsschwenk auf den glücklicherweise leeren Bürgersteig vor der lebensverneinenden Fahrtweise dieses Kretins rettete. Vor Schock und Wut biss ich fast in das Lenkrad und beschloss, meinen nächsten Wagen mit einer 80 Millimeter Haubitze auszurüsten.

Im Center angekommen, musste ich mich erst mal durch die Massen von Rentnern schlagen, die selbstverständlich um 17.30 Uhr einkaufen gehen müssen - wann haben sie auch sonst Zeit? Bei den Bilderrahmen angekommen, stellte ich fest, dass die von mir benötigte Größe nicht vorhanden war, also zurück durch das Gewühl. An der Kasse wurde mir erklärt, dass ich "Bitte Schön" den für nicht kaufende Konsumenten vorgesehenen Ausgang am anderen Ende des Supermarktes benutzen sollte, als ob die Elektronikpiepser, mit deren Hilfe Diebstahl verhindert werden soll, dort von einem anderen Fabrikat wären.

An diesem Elektronikpiepser stand ein uniformierter, geiler alter Mann, der richtig niedergeschlagen dreinblickte, als es nicht piepte. Dafür piepte es bei meinem Nachfolger, und Erik Ode war in seinem Element.

Ich steuerte mein Auto an, wohl wissend, dass die nächsten drei Staus vor dem Frankfurter Kreuz mit Sicherheit mir gehörten. In Wiesbaden angekommen, peilte ich einen 100 Meter vor mir liegenden Parkplatz an, für den ich aber über die Busspur musste. Los Junge, eine Minute Angst plus Gas, dann ein grelles Blitzlicht. Hinter einem Kleinbus sah ich den Polizisten stehen, der mich so eben porträtmäßig abgelichtet hatte. Ich würde zu der Haubitze ein schwenkbares Maschinengewehr einbauen.

Ich war immer noch so geblendet, dass ich an dem anvisierten Parkplatz vorbei fuhr und erst nach drei Runden um den Block den nächsten fand. Da ich hart im Nehmen bin und mich nicht von gottlosen Untermenschen tangieren lasse, beschloss ich, dennoch einen zweiten Angriff Richtung Kaufhaus zu starten. In dem obligatorischen Gedränge in der Geschenkabteilung erspähte ich den gewünschten hölzernen, grünen Bilderrahmen - sogar zum halben Preis. Alles würde gut werden, meine Freundin würde mich bekochen, während ich das Bild aufhing und morgen würde die Sonne scheinen. Ich trabte mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht nach Hause.

Kaum zur Wohnungstür rein gekommen, erzählte mir meine Freundin von dem Verlust ihres Ohrrings, der irreparable Depressionen in ihr hervorrief. Weiterhin wäre an Kochen nicht zu denken, bis besagtes Unikat wieder da wäre. Ich fragte sie auf meine unnachahmliche einfühlsame Art, ob das bedeuten würde, dass ich nun den gesamten Weg bis zu unserem Urlaubsort absuchen musste, um zu dem versprochenen Abendessen zu kommen. Den darauf folgenden Tobsuchtsanfall möchte ich nicht näher beschreiben. 

Ich legte mich ins Bett und zog die Bettdecke ganz über den Kopf in der Gewissheit, dass mir jetzt nichts mehr passieren konnte – vorausgesetzt, dass die verdammte Decke dort blieb, wo sie war.

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Karibischer Kaffee

Der Ursprung des Ganzen befand sich in einem Überraschungsei. An einem stressigen Arbeitstag, nachmittags, endlos zugelabert von unzufriedenen Telefonkunden, beschloss ich mal wieder, etwas Nervennahrung zu mir zu nehmen, und kaufte mir ein Überraschungsei. Ich verspeiste die Schokolade, öffnete das gelbe Plastikei und förderte einen Bausatz zu Tage, der sich zusammengebaut als Mini-Katamaran entpuppte und sofort mein Herz höher schlagen ließ. 

Vor meinem geistigen Auge segelte ich mit dem Boot in der Karibik von Insel zu Insel, wo leicht bekleidete, kaffeebraune Schönheiten nur darauf warteten, mir, dem Skipper, eisgekühlte Kokosmilch zu servieren. Ich würde mit meiner seemännischen Erfahrung prahlen und die eine oder andere Abenteuergeschichte zum besten geben, kurz gesagt : Provinzmacho auf den Pfaden des jungen Gunter Sachs - bereit die höheren Weihen zu empfangen.

Das nächste Telefonat brachte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, aber die Urlaubsidee war geboren. Zuhause angekommen, berichtete ich meiner besseren Hälfte von meiner Idee, die sie auch mit überschwänglicher Begeisterung aufnahm.

Der Grund dieser Begeisterung war mir recht bald klar, unser letztes Urlaubsziel-Gespräch hatte nämlich zwei völlig verschiedene Vorstellungen von Urlaub hervorgebracht: Während ich einen Motorrad-Urlaub favorisierte, (hart, männlich in Leder) schwebte meiner Freundin eher Sonne, Strand und Baden im Meer vor. Man hätte ja beides verbinden können, bloß hätte sie auf ihre obligatorischen Kultgegenstände verzichten müssen, es sei denn, ich würde kurzfristig im Lotto gewinnen und noch einen Beiwagen plus Anhänger an das Motorrad schrauben - Kampfstern Galactica in Spanien.

Da ich mein Motorrad aber schlecht auf eine karibische Insel mitnehmen konnte und somit die Gepäckfrage nicht mehr im Vordergrund stand, akzeptierte sie die Urlaubsidee ohne Vorbehalte. Die Planung des Ganzen war relativ einfach, da eine ihrer Schwestern schon einmal auf einer karibischen Insel war und selbst zwei Jahre danach noch feuchte Augen bekam, wenn sie davon erzählte.

Eben diese Schwester arbeitete praktischerweise in einem Reisebüro, so dass wir uns das nervige, anpreisende Gelaber eines durchschnittlichen Tourismusexperten ersparen konnten. Soweit, so gut. Der Reisetermin rückte immer näher, und leichte Nervosität machte sich breit. Um unsere Dankbarkeit gegenüber ihrer Familie zu signalisieren, fragten wir, ob denn jemand von dort etwas mitgebracht haben wollte.

Die einhellige Antwort war JA! Karibischer Kaffee! Also notierte sie: Ein Päckchen für Schwester-Nr 1, ein Päckchen für Schwester-Nr. 2, eins für die Mutter, eins für Vater. Der Hund hätte auch eins mitbekommen, aber er trinkt so gut wie keinen Kaffee. Vier Wochen später landeten wir auf St. Lucia, dem Überraschungsei-Paradies. Zu meinem Erstaunen war die Insel genauso, wie sie in den Reiseprospekten dargestellt wurde, ein Traum aus weißem Sandstrand, Palmen und kristallklarem Wasser, die Bacardi-Werbung hatte nicht gelogen.

Die Insulaner, zu 90 Prozent Nachfahren schwarzer Sklaven aus Afrika, hatten keine Angst mehr vor bleichen Gestalten, zumal diese in Bermuda-Shorts irgendwie mehr nach Opfer als nach Herr und Gebieter aussahen. Schon beim Verlassen des Flughafengebäudes war mir klar, wer hier heutzutage das Opfer ist, als ca. 20 schwarze Taxi- und Kleinbusfahrer auf uns zustürmten und auf Englisch, Französisch und im Landesdialekt Patois auf uns einredeten und drauf und dran waren, uns das Gepäck aus den Händen zu reißen.

Da ich seit 7 Stunden keine Zigarette mehr geraucht hatte, war ich in etwa so ausgeglichen wie Clint Eastwood in "Der Texaner". Es gelang mir trotzdem, eine offiziell aussehende schwarze Frau mit Notizblock davon zu überzeugen, dass wir den Transfer zu unserem Hotel schon gebucht hatten und jetzt einfach nur ohne weitere Preis- und Bakschisch Verhandlungen genau dort hin wollten.

Im weiteren Verlauf unseres Aufenthaltes wurde uns klar, dass der Großteil der einheimischen Bevölkerung in uns eine Art störrigen, aber dennoch ergiebigen Geldesel sah, den man, richtig behandelt, zum Beitrag am eigenen Lebensunterhalt dressieren konnte. Sobald wir das Hotel verließen, wurden wir von irgendwelchen Typen angequatscht, die uns entweder die Gegend zeigen oder immer denselben, natürlich selbst hergestellten (!), Schmuck andrehen wollten. Was den Schmuck anging, hatten Sie den alten Kolonialisten-Trick mit den Glasperlen einfach herumgedreht.

Gegen Ende des Urlaubes wurde die Sache mit dem Kaffee als Mitbringsel immer prekärer, da es eben genau dieselbe Marke sein sollte, die meiner Lebensgefährtin Schwester vor zwei Jahren mitgebracht hatte. Wir kämmten einen Laden nach dem anderen durch, fanden jede Menge Kaffee, aber nicht die besondere Marke.

Jedes Mal, wenn wir auch nur zwei Sekunden unschlüssig auf einem Platz herumstanden, kam unweigerlich ein Schwarzer auf uns zu gehechtet. "Where do you come from? My Name is George, I am a Rastafari, have you seen the waterfalls? I can show you everything". Gegen diese Jungs hatten wir einfach keine Chance, da sie solange neben einem herliefen und einen zulaberten, bis man ihnen einfach Geld gab, nur um sie los zu werden. Das hatte zur Folge, dass die Suche nach dem magischen Kaffee nicht nur extrem nervig, sondern auch kostenintensiv wurde.

Nach dem dritten Anlauf hatte ich die Schnauze voll, aber meine Freundin ließ nicht locker. Ich konnte sie aber schlecht solo ziehen lassen, da sie als leicht bekleidete, weiße Frau alleine, ein besonders appetitliches Geldeselchen darstellte. Wir waren sogar in einem Laden, in dem nur Einheimische einkauften, da hinter den sieben Bergen, bei den sieben ... gelegen, aber selbst dort gab es den gesuchten Kaffee nicht, was unseren Führer nicht daran hinderte, uns ordentlich zu schröpfen.

Einen Tag vor der Abreise kaufte meine Freundin einfach 6 Pfund irgendeiner Marke und kommentierte das mit "Jetzt ist aber Schluss mit lustig". Zunächst hatte sie vor, den Kaffee am deutschen Zoll nicht weiter anzugeben, woraufhin ich ihr beipflichtete, dass die Zellen am Frankfurter Flughafen für ihren Komfort international geschätzt würden. Das überzeugte Sie schlussendlich, den Kaffee zu verzollen, was auch im Hinblick auf die Wartezeit die richtige Entscheidung war, da wir die einzigen waren, die freiwillig etwas angaben, während die Schlange am "grünen Bereich" mindestens 100 Meter lang war. Zuvor wäre meine Überzeugungsarbeit fast noch von einem bayerischen Oberzollinspektor im Urlaub torpediert worden, der sich eine sündhaft teure Uhr in einem Duty free Laden der Insel zugelegt hatte und im Traum nicht daran dachte, diese anzugeben.

Zwei Wochen später waren wir bei ihren Eltern zum Grillen eingeladen, dem Kaffee-Übergabetag. Nervös zog Sie den ersten Kaffee-Beutel aus dem Rucksack und überreichte ihn ihrer Mutter, die diesen misstrauisch beäugte. "Das ist aber nicht der, den ich wollte", sagte die Mutter mit leichter Entrüstung in der Stimme und bei näherer Begutachtung des Beutels: "Das ist ja Dritter-Welt-Kaffee, so etwas trinken wir hier nicht! Den kriege ich in der Stadt an jeder Ecke". Meine bessere Hälfte saß, wie vom Donner gerührt, bleich auf ihrem Campingstuhl, während ich vor Lachen aus meinem fiel. "Hallo Frau Kaiser", prustete ich los und wurde von messerscharfen Blicken erdolcht.

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