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Erinnerungsgeschichten von Maria Madlen

  1. Wie neu geboren

  2. Begegnungen

  3. Lottoglück

Wie neugeboren

„Vergiss den Schlüssel nicht, ich fahre heute nach Innsbruck. Kann sein, dass ich heute ein bisschen später komme“, sagte ich zu meinem zehnjährigen Sohn Michael. „Den habe ich doch längst eingesteckt, Mama!“, meinte er.

Ich hatte nämlich für diesen Tag, den 30. August 1999, nachmittags heimlich einen Termin bei Frau Dr. P., Vorstand der Plastischen- und Wiederherstellungs-Chirurgie in der Innsbrucker Universitätsklinik vereinbart.

Der Grund dafür war mein asymmetrisches Gesicht, die Folge einer Zangengeburt.

In den letzten Jahren machte ich mir Sorgen, denn mit zunehmendem Alter fiel mir auf, dass mein Gesicht auf der rechten Seite wesentlich mehr nach unten hing als auf der linken. Auch eine eineinhalb Zentimeter lange und einen Zentimeter breite Narbe an der linken Schläfe erinnerte an diesen „Geburtsunfall“.

In jungen Jahren war diese Asymmetrie meines Gesichtes nie auffällig gewesen, da sie  sich von Geburt auf im Laufe der Jahre ausgewachsen hatte.

Zwar fragten mich immer wieder diverse Zahnärzte, ob ich einen Unfall gehabt bzw. Schmerzen hätte, da mein Kiefer angeblich ausgerenkt sei. Wenn ich den Mund weit aufmache, knackst es manchmal auch verdächtig. Gott sei Dank hatte ich aber, so lange ich denken kann, keine Beschwerden mit dem Kiefer.

Mein Gesicht gefiel mir seit einigen Jahren ganz einfach nicht mehr und so beschloss ich, etwas dagegen zu unternehmen.

Im Vorstandsbereich der Plastischen Chirurgie, im 1. Stock angelangt, meldete ich mich also bei Frau Dr. P. als Privatpatientin an und musste auch nicht sehr lange warten.

Frau Dr. P., eine gepflegte Frau mit graumelierten Haaren - etliche Jahre älter als ich - fragte mich, was sie für mich tun könne. Ich erklärte ihr mein Problem und fragte sie direkt, was sie mir in meinem Fall empfehlen könnte.

Sie sprach von Facelifting, überlegte aber hin und her und kam zu dem Schluss, dass  eine Operation bei mir nur auf der rechten Seite notwendig wäre. Sie könne allerdings nicht eine Seite allein operieren, wenn, dann nur beide Seiten.

Zu guter Letzt riet sie mir, in einem Jahr wiederzukommen, da würden wir dann weiter sehen.

Sie ließ noch Fotos von allen Seiten meines Gesichtes machen und wir verabschiedeten uns.

Ich war maßlos enttäuscht, ein ganzes Jahr lang zu warten, schien mir unmöglich.

Zu Hause erzählte ich vorläufig noch nichts, denn ich kannte die negative Einstellung meines Mannes zum Facelifting und dergleichen.

Eines hatte ich allerdings vergessen, nämlich nach den Kosten zu fragen. Ich rief also noch einmal die Sekretärin von Frau Dr. P. an. Dies wäre ein „klassisches Facelifting, meinte sie und würde samt ein paar Tage Klinikaufenthalt ca. ATS 80.000,-- kosten. „In Ihrem Fall übernimmt vielleicht die Krankenkasse die Kosten, da diese Asymmetrie ja von Geburt auf besteht“, fügte sie hinzu.

Am nächsten Morgen, nachdem meine Familienmitglieder alle aus dem Haus waren, studierte ich das Telefonbuch, im Speziellen die Plastischen Chirurgen in Innsbruck, sowie, worauf jeder Einzelne spezialisiert ist.

Ich wurde fündig. Nur bei Dr. D. stand als Spezialgebiet „Facelifting“ dabei. „Das ist er!“, dachte ich mir und wählte sogleich die angegebene Nummer. Eine Dame mit angenehmer Telefonstimme gab mir auch prompt einen Termin.

Am 15. September 1999 war es dann soweit. Ich fuhr wieder nach Innsbruckin die Praxis dieses Arztes.

Ich stellte mir einen Herrn, so um die fünfzig vor. Um so überraschter war ich, als dann ein gutaussehender, hochgewachsener junger Mann, mit blauen Augen und feinen Gesichtszügen vor mir stand.

Auch ihm erzählte ich die Geschichte meiner Zangengeburt und der Asymmetrie meines Gesichtes und dass ich ein Facelifting machen lassen wollte.

Er war erstaunt über meine Zielstrebigkeit und fragte mich, wie ich darauf komme, dass dies das Richtige für mich wäre.

Und so sagte ich ihm, dass ich schon bei Frau Dr. P. gewesen sei und diese mich weggeschickt hätte bzw. mich erst in einem Jahr wiedersehen wolle.

Er wunderte sich, äußerte sich aber nicht näher darüber.

Auch Herr Dr. D. meinte, dass in meinem Fall vielleicht die Krankenkasse zumindest einen Teil bezahlen würde und verwies mich auf den Chefarzt der Gebietskrankenkasse in Innsbruck.

HDr. D. erklärte mir nun den Vorgang einer solchen Operation und betonte auch, dass es ihm wichtig sei, dass die Patientin danach so natürlich wie möglich aussieht.

Für diese Operation, so sagte er, sei eine Vollnarkose notwendig. „Außer mir ist dann noch ein Assistenzarzt, ein Anästhesist, eine OP-Schwester und ein OP-Gehilfe beteiligt.“

„Pro Schläfe“, erklärte der Doktor weiter, „wird ein durchgehender Schnitt vor dem Ohr hinunter und hinter dem Ohr gerade in die Haare, gemacht. Der Muskel und das Bindegewebe wird auf jeder Seite verkürzt und wieder aufgehängt, bzw. nach oben  und nach hinten gezogen. Die Haut wird dann darüber gelegt und der Hautüberschuss abgeschnitten.“

„Die Schwierigkeit in Ihrem Fall“, meinte er weiter, „ist die Tatsache, dass ich auch asymmetrisch operieren muss, d. h., es wird auf der linken Seite fast kaum Gewebe entfernt, dafür auf der rechten Seite um so mehr.“

„Außerdem kommen auf beiden Seiten Drainagen, das sind Röhrchen für die Ableitung  von Wundabsonderungen vom Nacken bis in den vorderen Hals unter die Haut.“

„Nach der Operation bekommen Sie dann einen Druckverband um den Kopf. Es bleiben nur Augen, Nase und Mund frei. Dieser Verband muss sehr streng um den Kopf gelegt werden. Am nächsten Tag wird er jedoch schon abgenommen und die Drainagen entfernt. Dann wird Ihnen der Kopf gewaschen.“

„Sie dürfen nicht erschrecken,“ meinte der Doktor weiter, „denn es wird zu Blutergüssen im Gesicht, vorwiegend unter den Augen kommen und das Gesicht wird insgesamt geschwollen sein.“

Außerdem sagte er mir noch, seine Sekretärin würde mir, sofern ich das will, eine oder mehrere Adressen von anderen Patientinnen geben, die auch ähnliche Operationen hinter sich haben. Diese Personen könnte ich dann Fragen stellen, wie sie sich z. B. vor und nach der Operation gefühlt haben und wie sie zufrieden waren bzw. wie schnell die Heilung vorangeschritten war usw.

Da Dr. D. auch eine Praxis in Bozen hat und auch in Südtirol operiert, genauer gesagt in einer Privatklinik in Meran, ließ er mich wissen, dass eine Operation in Meran für mich gewisse preisliche Vorteile hätte gegenüber der Privatklinik in Innsbruck und er in Meran ein „eingeschworenes“ Operationsteam hätte. „Aber selbstverständlich kann ich Sie auch in Innsbruck operieren, ganz wie Sie wollen“, meinte der Doktor.

Ich erbat mir Bedenkzeit.

Auch hatte ich ja noch einen Canossagang vor mir. Ich wollte so bald wie möglich den Chefarzt der Gebietskrankenkasse  in Innsbruck aufsuchen wegen des Kostenersatzes oder wenigstens eines Kostenzuschuss.

Zu Hause erzählte ich meinem Mann dann endlich von meinen Arztbesuchen und war regelrecht entsetzt über seine negative Reaktion.

„Bist du denn ganz verrückt, so viel Geld auszugeben für  eine Operation, die doch überhaupt nicht notwendig ist. Wer weiß, wie du danach aussiehst.  Vielleicht siehst du so anders aus, dass du mir gar nicht mehr gefällst!“, sagte er.

„Ich muss mir doch in erster Linie selbst gefallen und außerdem ist dies bei mir keine Schönheitsoperation sondern Wiederherstellung, das sind zwei paar Schuhe. Natürlich werde ich danach auch jünger aussehen, das ist doch wohl kein Nachteil, oder?“, konterte ich. „Und wenn ich nichts dagegen unternehme, habe ich vielleicht  in zehn Jahren wieder so ein total verzogenes, asymmetrisches Gesicht wie bei meiner Geburt.“

„Das ist doch Unsinn“, sagte mein Mann. „Ich bin auf alle Fälle dagegen und außerdem ist das sicher eine schwere Operation und somit ein großes Risiko.“

Aber ich bitte dich, ich bin gesund, was soll mir schon groß passieren“, entgegnete ich. „Auf jeden Fall werde ich diese Operation durchführen lassen und damit basta!“

Ein paar Tage später hatte ich einen Termin beim Chefarzt der Gebietskrankenkasse. Ein Mann in mittleren Jahren empfing mich recht freundlich.

Als ich ihm allerdings mein Anliegen vortrug, wurde er plötzlich sehr abweisend.

Die Asymmetrie meines Gesichtes sei nicht auffällig und von einer Entstellung könne keine Rede sein, sagte er und dass die Haut mit zunehmendem Alter schlaffer wird, sei ganz natürlich.

„Tut mir leid“, sagte er, „ich kann Ihnen leider nicht helfen. „Für so eine Operation wie in Ihrem Fall, sind in unserem Budget keine Mittel vorgesehen.“

Dann wollte er wissen, wie viel das denn kosten würde. Ich nannte ihm die Summe. Der Betrag schien ihm überhöht zu sein.

Ich ließ nicht locker. „Oder vielleicht könnte ich zumindest einen Zuschuss bekommen?“, fragte ich ihn.

Er wurde etwas zugänglicher. „Es gibt da noch ein Ansuchen auf eine Zuwendung aus dem Unterstützungsfonds“, sagte er, aber fügte im gleichen Atemzug hinzu, dass ich da sowieso keine Chance hätte. „Aber gut“, meinte er. „Schreiben Sie auf das Ansuchen noch zusätzlich die genaue Begründung. Ein Ausschuss wird dann in einer Sitzung entscheiden, ob Sie einen Zuschuss bekommen oder nicht.

Ich hatte den leisen Verdacht, dass der „gute“ Herr Doktor selbst in besagtem Ausschuss saß und ich dann sowieso durch den Rost fallen würde.

„Überlegen Sie sich diese Operation gut und beraten Sie sich mit Ihrem Mann und Ihren Freunden. Wer weiß, ob das Ergebnis dann auch wirklich so ausfällt, wie Sie sich das vorstellen“, sagte der Chefarzt  eindringlich.

„Fahren Sie mit dem Geld lieber auf Urlaub, da haben Sie mehr davon!“, fügte er noch hinzu.

Schön langsam kroch eine gewisse Wut in mir hoch. „Was bildete der Mann sich überhaupt ein! Es ist ja mein Gesicht, ich muss damit leben. Mein Gesicht ist mir auf jeden Fall weitaus wichtiger als so ein vergänglicher Urlaub. Der Vergleich ist ja geradezu absurd!“

Ich fragte ihn noch, wo ich dieses Ansuchen bekommen würde. „Am Namensschalter im Parterre“, sagte er und dann verabschiedete ich mich sehr kühl.

Draußen regnete es in Strömen, dieses Wetter passte haarscharf zu meiner Stimmung. Ich fuhr nach Hause und überlegte, wie ich das Geld auftreiben könnte.

Meine Mutter hatte mir mal so beiläufig eine Summe genannt, die ich von Vaters Erbe noch bekommen würde. Allerdings würde ich dieses Geld erst zu einem späteren Zeitpunkt bekommen, erklärte sie mir damals.

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als noch einen Canossagang auf mich zu nehmen und meine Mutter zu bitten, mir einen Teil dieses Geldes jetzt schon zu geben, ansonsten konnte ich  mir diese Operation auf den Hut stecken.

Ich fuhr also ins Nachbarsdorf zu meiner Mutter und erklärte ihr umständlich mein Problem. Sie war ebenfalls nicht begeistert. Auch sie sagte, dass sie es nicht für notwendig fände, dass ich mein Gesicht operieren lasse. Aber sie gab mir dennoch das Geld. Mir fiel ein Stein vom Herzen. „Ich werde dir das nie vergessen“, sagte ich zu ihr.

Ich bat Herrn Dr. D. um einen Operationstermin und erklärte mich außerdem damit einverstanden, in Meran und nicht in Innsbruck operiert zu werden.

Die Operation sollte am 25.Oktober 1999 stattfinden und zwar in der Privatklinik „Villa Sant’ Anna“ in Meran.

Ich stellte meine Familienmitglieder vor vollendete Tatsachen. Mein Mann hielt mich nach wie vor für verrückt, aber zumindest versuchte er nicht mehr, mich davon abzuhalten. Meine Söhne waren zwar nicht dagegen, aber staunten über meinen „Löwenmut“ für eine solche, doch nicht einfache Operation.

Mir war klar, dass ich im Prinzip keinen einzigen Befürworter hatte und war sehr deprimiert darüber und nahe daran, alles abzublasen.

Ich ließ mir daraufhin von Herrn Doktor D.s Sekretärin noch eine Adresse mit Telefonnummer einer Patientin geben, die ebenfalls von ihm operiert worden ist.

Einen Tag vor der Abreise nach Meran, rief ich diese Frau, dann an. Ich erreichte sie nicht auf Anhieb, aber beim zweiten Mal funktionierte es.

Ich stellte mich vor und fragte sie dann ohne Umschweife, wie es ihr bei ihrer Operation ergangen sei.

Sie erzählte mir, sie hätte keinerlei Angst vor dieser Operation gehabt. „Gott sei Dank ist alles gut gegangen“, sagte sie. „Der Druckverband ist zwar nicht sehr angenehm gewesen.  Schmerzen habe ich jedoch keine gehabt. Auch blaue Flecken hatte ich nur sehr wenige. Ich war natürlich schon eine Zeit lang geschwollen, aber das ist ganz normal. Auch das Spannungsgefühl hätte erst nach ein paar Monaten nachgelassen.“

„Und wie waren Sie mit dem Ergebnis zufrieden?“, wollte ich wissen.

Da fing die Frau plötzlich an, zu schwärmen.

„Ich bin mehr als zufrieden, Sie können Herrn Dr. D. voll und ganz vertrauen, er ist ein Meister und ein Könner, glauben Sie mir!“

Die Frau hatte mich mit Ihrer Aussage überzeugt und ich erzählte das, was ich gehört hatte, natürlich meinem Mann. Er war zwar nach wie vor nicht begeistert, aber jetzt akzeptierte er zumindest mein Vorhaben.

Am 24. Oktober 99 um 16 Uhr, war es dann soweit. Ich hatte meinen kleinen Koffer schon gepackt. Mein ältester Sohn Christian fuhr mit mir nach Meran in die Privatklinik Sant’ Anna. Seine Freundin Barbara und mein Mann waren auch dabei.

Wir kamen etwas verspätet an, da wir uns verfahren hatten und nach dem Weg fragen mussten.

Die Privatklinik  Sant’ Anna ist nicht sehr groß, ein typischer Bau aus den 70iger Jahren, ruhig gelegen, inmitten eines Parkes. Ein Einzelzimmer mit Balkon, Bad und WC war für mich reserviert.

Die Stationsschwester empfing mich recht freundlich und geleitete mich gleich in mein westseitig gelegenes Zimmer mit der Nummer 13. Ich verabschiedete mich von meinen Familienangehörigen, die sehr besorgt um mich waren.

Nach kurzer Zeit bekam ich auch noch ein Abendessen - Tee und belegte Brote.

Eine Schwester teilte mir mit, dass der Anästhesiearzt noch bei mir vorbeischauen würde. Es dauerte nicht lange, da kam der Arzt nach kurzem Klopfen zur Tür herein.

Er stellte sich als Dr. Rolf-Klaus F. bei mir vor, nahm meine Befunde vom Internisten entgegen und horchte noch Herz und Lunge bei mir ab.

„Morgen hole ich Sie dann um 7 Uhr ab. Ziehen Sie sich das weiße Hemd an und die Kompressionsstrümpfe und dann geht es ab in den OP“, sagte er lachend mit seinem norddeutschen Jargon.

Ich fragte ihn noch, wie lange diese Operation denn dauern würde. „Vier Stunden“, antwortete er. Ich war entsetzt. „Was? So lange?“

„Ja, das muss ja alles sehr genau gemacht werden“, meinte der Doktor lakonisch.

Ich schlief in dieser Nacht sehr unruhig und wachte mehrmals auf. Ich stand am nächsten Morgen schon um 5 Uhr auf, duschte mich und putzte mir die Zähne. Dann zog ich wie besprochen das bereitgelegte weiße Nachthemd und die Strümpfe an und wunderte mich selbst, über meine Gelassenheit.

„Guten Morgen!“, Herr Doktor F. kam zur Tür herein. „Geht es Ihnen gut?“, war seine erste Frage. Er verabreichte mir noch ein paar Tropfen, die angeblich beruhigend wirken sollten. Es war schon nach sieben Uhr, als mich der Anästhesiearzt liegend in den OP transportierte.

„Guten Morgen!“. Diesmal war es Herr Dr. D. höchstpersönlich, der in den OP kam und mir freundlich lächelnd die Hand schüttelte. „Jetzt wird es Ernst“, dachte ich mir.

Er zeichnete an meinem Kopf die Stellen an, wo er die Schnitte zu machen gedachte und rasierte mir dann auf beiden Seiten an den Schläfen Haare ab. „Das auch noch“, dachte ich mir.

Ein wenig später geleitete mich dann der Anästhesiearzt zum OP-Tisch. Es war ein eigenartiges Gefühl und mir kamen die absonderlichsten Gedanken:“ Wie ein Schaf zur Schlachtbank.“ Ich wusste natürlich, dass dies Unsinn war, außerdem hatte ich diese Operation ja selbst gewollt.

Ich legte mich auf den Operationstisch. An der rechten Hand wurde mir eine Kanülle eingesetzt, in die mir Herr Dr. F. dann das Narkosemittel spritzte.

„Und jetzt denken Sie mal an was Schönes“, hörte ich ihn noch sagen. Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Als ich nach etwa vier Stunden aufwachte, nahm ich wahr, dass ich gerade auf dem Bett liegend in mein Zimmer geschoben wurde. Ich spürte einen strengen Verband um meinen Kopf. Ich war noch ganz benommen, als das Telefon läutete. Mein Mann war am Apparat und erkundigte sich besorgt nach meinem Befinden. Gleichzeitig kam mein Chirurg zur Tür herein und sagte zu mir: „Es ist alles gut gegangen, schön ist es geworden.“

Seine Worte klangen wie Musik in meinen Ohren und ich gab das, was er gesagt hatte, gleich an meinen Mann weiter.

Nach dem Telefonat überfiel mich plötzlich ein Schüttelfrost. Ein Pfleger kam gleich mit noch einem zusätzlichen Bett und einer Decke. Das sei nichts Ungewöhnliches nach so einer Operation, sagte man mir. Es dauerte auch nicht lange, dann war es vorbei.

Ich erholte mich relativ schnell und nach ein paar Stunden stieg ich schon aus dem Bett, links und rechts die Behälter der Drainagen in den Händen. Ich ging ins Bad, um endlich in den Spiegel zu sehen. Ich erschrak über mein „monstermäßiges“ Aussehen mit diesem Verband. Es kam mir vor, als wäre mein Kopf in einen Schraubstock eingespannt, doch hatte ich keinerlei Schmerzen. Ich lugte ein wenig hinter den Verband und das was ich sah, gefiel mir. Ich konnte natürlich noch nicht viel erkennen, aber meine Haut schien mir wesentlich glatter, als vorher.

Am nächsten Vormittag kam Herr Dr. D. , um mir den Verband abzunehmen. Er schnitt ihn vorsichtig ab und sagte dann: „Die Drainagen müssen wir auch noch herausziehen, das wird ein bisschen unangenehm werden.

Als er die erste Drainage vorsichtig herauszog, schnitt ich eine Grimasse. Das tat höllisch weh, nicht nur ein bisschen! Mir wurde übel und ich musste mich eine Weile zurücklegen. Das Herausziehen der zweiten Drainage war nicht weniger schmerzhaft. Aber, Gott sei Dank, auch das ging vorüber. Ich war unendlich erleichtert.

Dann trug mir der Doktor noch eine antibiotische Salbe auf sämtliche Nahtstellen auf. „Gut sehen Sie aus“, sagte er. „Die blauen Flecken sind geringfügig und geschwollen sind Sie auch nicht viel.“

Ich verbrachte die meiste Zeit damit, in einem mitgebrachten Buch zu lesen. Da ich in einem Einzelzimmer war, fühlte ich mich jedoch zeitweise deprimiert und einsam, obwohl die Schwestern und Pfleger äußerst fürsorglich waren. Einer der Pfleger, er sah aus wie Eros Ramazotti, war besonders besorgt um mich. Er sprach nicht so gut deutsch und fragte mich des Öfteren: „Frau, geht gut?“

Am nächsten Tag kam dann eine Schwester, um mir im Badezimmer, am Waschbecken den Kopf zu waschen. Dies war eine umständliche Prozedur, die uns beide zum Lachen brachte. Mehrere Handtücher und mein Nachthemd wurden nämlich platschnass. Das war mir jedoch egal, denn ich war heilfroh, mit frisch gewaschenen Haaren endlich wieder menschlich auszusehen.

Ich gesellte mich sodann auf dem Gang in der Leseecke zu anderen Patienten. Dabei lernte ich eine 86 Jahre alte Dame kennen, die Probleme mit ihren Beinen hatte, bzw. kaum gehen konnte. Eine Operation würde in ihrem Fall nichts nützen, erzählte sie mir. Das Besondere an dieser Frau war, dass sie aussah wie höchstens sechzig. Sie war sehr gepflegt, hatte feine Gesichtszüge und eine für ihr Alter ungewöhnlich schöne Haut, ohne jegliche Flecken.

Es war paradox, aber ich, mit meinen 46 Jahren beneidete diese um 40 Jahre ältere Frau um ihre wahrhaft schöne Haut.

Als ich sie darauf ansprach, sagte sie mir, sie hätte ihre Haut schon in jungen Jahren sehr gepflegt, z.B. mit Buttermilch gewaschen und regelmäßig Gurkenscheiben aufgelegt.

Sie erzählte mir ihre ganze Lebensgeschichte, von ihren drei Kindern, von Ihrem Mann, der eines Tages tot im Bett gelegen war, nachdem er einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Weiter sagte sie, ich wäre die Einzige in dieser Station, die mit ihr sprechen würde und sie freue sich sehr, mich kennen gelernt zu haben. Ich lud sie auch in mein Zimmer ein, da wir uns dort ungestört unterhalten konnten.

An diesem Tag hatten wir besonders schönes Herbstwetter mit sommerlichen Temperaturen. Ich hatte die Balkontüre weit offen, um die Sonnenstrahlen genießen zu können.

An den Herbst erinnerten nur die farbenprächtigen Laubbäume draußen im Park und das bunte Laub der Weinberge, auf die ich eine gute Aussicht hatte. Auch das Schloss Tirol, das auf einem Felsen thront, konnte ich von hier aus sehen.

Am nächsten Tag durfte ich nach Hause fahren. Mein Chirurg wollte sich vor meiner Abfahrt mein Gesicht noch einmal ansehen. Um ca. 9 Uhr kam er dann zur Tür herein. Er war sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis dieser Operation.

Der Doktor verabschiedete sich recht herzlich von mir und wir vereinbarten einen Termin in 10 Tagen. Da sollten die  Nähte entfernt werden.

Ich hatte mich sehr stark geschminkt, sodass man die blauen Flecken im Gesicht, vor allem unter den Augen nicht sehen konnte. Sämtliche Nähte verdeckte ich mit meinen halblangen Haaren und den Stirnfransen.

Mein Mann musste jeden Moment kommen, mich abzuholen. Ich war echt gespannt auf sein Gesicht, wenn ich ihm gegenüberstand.

Ich nahm meinen Koffer und die Handtasche und ging schon mal nach unten, um mich abzumelden.

Ich wartete noch eine ganze Weile und ging dann ins Freie, um zu sehen, ob er schon da war. Er war gerade dabei, das Auto einzuparken. Ich ging ihm entgegen. Als ich neben dem Auto stand, hatte er mich immer noch nicht gesehen. Jetzt stieg er aus.

„Hallihallo!“, machte ich mich bemerkbar. Er drehte den Kopf und sah mich mit großen Augen an. Ich glaube, es hatte ihm die Sprache verschlagen. Er kam näher an mich ran und gab mir erst mal einen Begrüßungskuss.

„Ja, du siehst gut aus, man sieht ja gar nicht, dass du operiert worden bist,“ sagte er, nachdem er mich genauer angesehen hatte.

„Ich habe die Flecken ja auch gut verdeckt“, sagte ich lachend. Er staunte nicht schlecht, denn er hatte sich mein Gesicht total verschwollen und mit Flecken übersäht, vorgestellt.

Viel sagte er nicht, er schaute mich nur immer wieder an. Auf jeden Fall war er positiv überrascht.

Es war ein herrlich warmer und sonniger Herbsttag, als wir die Heimreise antraten. Ich war froh, dieses Abenteuer – im wahrsten Sinne des Wortes -  heil überstanden zu haben.

Ich hatte ein gewisses Glücksgefühl, da ich doch jetzt schon sehen konnte, dass ich auf jeden Fall wesentlich besser aussah wie vorher und ich fühlte mich wie neugeboren.

Zu Hause waren auch meine Söhne von meinem neuen Gesicht  beeindruckt.

Ein paar Tage später erhielt ich einen Brief von der Tiroler Gebietskrankenkasse. „Das wird die Antwort auf mein Ansuchen auf eine Zuwendung aus dem Unterstützungsfonds sein“, dachte ich mir.

Meine Vorahnung diesbezüglich wurde bestätigt. In besagtem Brief hieß es wortwörtlich: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Ausschuss in seiner Sitzung vom 2.11.99 das Ansuchen aus grundsätzlichen Überlegungen ablehnte.“

Ich war enttäuscht und konnte diese Ablehnung auch nicht verstehen, da mir diese Missbildung ja von einem Klinikarzt bei meiner Geburt mittels Zange zugefügt wurde.

Ich werde diesen doch riskanten und auch kostspieligen Eingriff dennoch nie bereuen und bin froh, dass ich mich trotz aller Widrigkeiten nicht davon abhalten lassen habe.

Fast ein  Jahr später ließ ich mir dann noch von meinem Chirurgen in seiner Praxis in Bozen die Narbe an meiner linken Schläfe entfernen. Diese Operation erfolgte ambulant, unter Lokalanästhesie.

Da diese Narbe sehr tiefliegend war, trug ich diesmal nach der Operation ein geschwollenes, verdammt blaues linkes Auge davon. Eine Zeit lang sah ich aus wie ein Boxer nach einem Ringkampf.

Aber auch das ging vorüber und die Spuren meiner Zangengeburt waren somit endgültig beseitigt.

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*****

Begegnungen

Von Maria Madlen

Ich hatte es eilig, die Ampel blinkte schon, drohte gleich auf Rot umzuschalten. Ich fing an zu laufen, es war schon fünf vor neun, um neun sollte ich im Kaufhaus sein.

Mitten auf dem Zebrastreifen fiel mir noch der ganze Krimskrams aus der Handtasche, da ich vergessen hatte, den Reißverschluss zu schließen.

Ein Autofahrer hupte ungeduldig, denn inzwischen hatte die Ampel längst auf Rot umgeschaltet und jetzt sah ich ihn, das heißt, ich sah ihm geradewegs in seine tiefblauen, missmutig blickenden Augen. Ich war wie vom Blitz getroffen. Der Mann hinter dem Steuer sah aus wie Kevin Costner persönlich. Er schaute ihm tatsächlich zum Verwechseln ähnlich, meinem Lieblingsschauspieler.

Ich setzte unwillkürlich mein charmantestes Lächeln auf und war mir in diesem Moment überhaupt nicht bewusst, dass ich ein Verkehrshindernis darstellte. Links und rechts fuhren schon die Autos an mir vorbei. Nur Kevins Doppelgänger in dem weißen BMW musste warten, bis ich endlich meine Utensilien wieder in der Handtasche verstaut hatte.

Ich hob zum Dank die rechte Hand und lächelte noch einmal, so verführerisch, wie ich nur konnte. Diesmal schaute er nicht mehr missmutig,er schüttelte nur mehr den Kopf und winkte mir lachend zu.

Vorsichtig überquerte ich die Straße. “Zu spät komme ich sowieso”, dachte ich und überlegte mir schon eine plausible Ausrede.

Ich arbeitete samstags in dem Kaufhaus, verkaufte dort Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Schreibmaterial aller Art und Geschenksartikel. Diese Arbeit machte mir Spass, da ich es auch mit Touristen aus aller Herren Länder zu tun hatte.

Nicht selten fragte mich ein ausländischer Kunde nach Innsbrucks Sehenswürdigkeiten, nach dem “Goldenen Dachl”, der Hofkirche, auch “Schwarzmanderkirche” genannt, dem Riesenrundgemälde mit den verschiedenen Szenen aus der Schlacht am Bergisel im Jahre 1809, der Bronzestatuevon Andreas Hofer am Bergisel, dem Helden dieses Tiroler Befreiungskriegs, oder der Olympia-Sprungschanze. Auch den Alpenzoo unterhalb der Hungerburg, mit der herrlichen Aussicht auf Innsbruck, empfahl ich den Touristen des Öfteren.

Ich benutzte diesmal nicht den Personaleingang, sondern betrat das Kaufhaus durch den Haupteingang in der Maria-Theresien-Straße, fuhr die Rolltreppe hinauf in den ersten Stock, durchquerte die Kinderabteilung bis zum Personaltrakt, von dort fuhr ich mit dem Lift in den 2. Stock zur Garderobe, wo ich mich in aller Ruhe umzog. Dann steckte ich mir noch mein Namensschildchen - Desirée Dan - an die Bluse.

Es war schon fast halb zehn. “Der Chef wird womöglich auch schon da sein”, dachte ich mir. “Naja, ich bin ja schließlich nur eine kleine Samstagskraft, ich werde ihm sicher nicht abgehen.”

 “Denkste!” Als ich die Abteilung im Parterre betrat, wartete er schon auf mich. Meine Kolleginnen waren alle schon da.

“Ja, Frau Dan, haben wir heute verschlafen, wissen Sie, wie spät es ist?”

“Entschuldigen Sie bitte, aber mein Bus hatte Verspätung, in Schwaz hat es einen Auffahrunfall gegeben, allerdings nur mit Blechschaden, es ist Gott sei Dank niemandem was passiert”, sagte ich mit zerknirschter Miene.

“Ach so,” meinte er kurz angebunden und kam dann gleich zur Sache. Er war heute nicht bester Laune und so sagte er in scharfem Ton: “ Frau Dan, räumen Sie doch bitte die herumliegenden Bücher wieder in die Regale, das ist ja ein fürchterlicher Saustall da hinten!” Unordnung konnte er nicht ausstehen.

“Übrigens”, was ich Ihnen noch sagen wollte, “nächste Woche kommt ein neuer Abteilungsleiter, Herr Aichner.” Sonderlich begeistert war ich über diese Neuigkeit nicht.

 “Schade, dass Frau Recheis schon in Pension geht”, meinte ich.

Ich war froh, nicht an der Kassa stehen zu müssen, da hinten bei den Büchern konnte ich ein bisschen meinen Gedanken nachhängen und da fiel mir natürlich immer wieder meine Begegnung von heute früh ein.

Mein Magen knurrte verdächtig, es war ja auch schon halb eins. “Astrid”, sagte ich zur Kollegin, “ich muss jetzt unbedingt was essen gehen, hast du was dagegen?” “Aber nein, geh’ nur, Mahlzeit, Desirée!”

Im Restaurant im 1. Stock bestellte ich mir ein “Holzhackersteak” mit Gemüse und Pommes frites. Dazu trank ich ein kleines Bier. Es war dem Personal zwar verboten, Alkohol zu trinken, aber heute war mir das egal.

Ich saß ein wenig abseits, hatte mir eine Zeitschrift mitgenommen, denn ich wollte jetzt meine Ruhe haben.

Für die musikalische Umrahmung sorgten heute zwei Schrammelmusiker, kein Wunder, unser Chef war ja auch ein Wiener!

 Für mich war diese Musik allerdings nicht unbedingt ein Ohrenschmaus.

Der Nachmittag erforderte meine ganze Konzentration, denn ich musste wieder kassieren. Es gab eigentlich keine besonderen Ereignisse. Der Arbeitstag neigte sich langsam dem Ende zu. Die Kassa war zu machen. Geld zählen, nebenbei kassieren, für mich eine anstrengende Sache.

Eine Kollegin war schon nach Hause gegangen, die andere befand sich hinten bei den Büchern.

Ich war gerade dabei, Zehnschillingmünzen zu zählen, da spürte ich plötzlich einen harten Gegenstand im Rücken. Eine unsympathische Männerstimme raunte mir ins Ohr: “Pack alles Geld in die Plastiktüte neben dir, aber schnell, sonst passiert was!”

Mir stockte der Atem, und das Herz klopfte mir bis zum Hals.

Mit zittrigen Händen füllte ich den Plastiksack, aber ohne übermäßige Eile, ich versuchte, Zeit zu gewinnen.

“Schneller und mach’ ja kein Aufsehen, sonst bist du dran”, hörte ich noch einmal diese widerliche Stimme hinter mir.

Trotz meiner panischen Angst, überfiel mich plötzlich eine unheimliche Wut.

Blitzschnell drehte ich mich um und versetzte dem Fremden mit meinem rechten Knie einen kräftigen Stoß in seinen Genitalbereich. Er krümmte sich vor Schmerzen. Mit einem schweren Tixohalter, der in greifbarer Nähe auf dem Ladentisch stand, schlug ich ihm die Pistole aus der Hand, die polternd zu Boden fiel. Ich hob sie schnell auf und richtete die Waffe auf den Räuber.

“Hände hoch!”, rief ich, und schrie dann so laut ich konnte:“ Hilfe, Hilfe, ein Dieb, ruft die Polizei, schnell!” Dabei ließ ich den etwa dreißigjährigen dunkelhaarigen Mann, der jetzt die Arme hochgenommen hatte, nicht aus den Augen und hielt die Pistole weiterhin auf ihn gerichtet.

Jetzt endlich kamen zwei Männer aus anderen Abteilungen gelaufen und überwältigten den Fremden. Ich übergab die Waffe, die sowohl geladen als auch entsichert war, wie ich später erfuhr - ich hatte ja keine Ahnung von solchen Dingen - , einem der beiden Kollegen.

Es dauerte nicht lange, da kam auch schon die Polizei. Der Verbrecher wurde in Handschellen abgeführt. Ich musste mich erst einmal setzen, um wieder zur Ruhe zu kommen und war froh, dass dieses Abenteuer so gut ausgegangen war.

Ich wusste, dass mit solchen Typen nicht zu spaßen war. Um sich nicht selbst und andere zu gefährden, war es wahrscheinlich doch besser, so einem Räuber widerstandslos das Geld auszuhändigen.

Die Polizisten wollten natürlich alles genau wissen und dann gesellte sich auch noch die Presse dazu.

Am Montag stand der Vorfall dann, mit der fettgedruckten Überschrift: “ Kassierin überwältigt bewaffneten Räuber”, in der Zeitung.

Ich musste lachen über diese dramatische Meldung.

Nächsten Samstag trat ich wieder wie gewohnt meinen Dienst an. Der Chef war voll des Lobes über meinen “Löwenmut” vorigen Samstag und lud mich zum Mittagessen ein.

Auch stellte er mir den neuen Abteilungsleiter vor. “Das ist Herr Klaus Aichner”, sagte er, und das ist unsere mutige Samstagskraft, Frau Desirée Dan”, fügte er lachend hinzu."

Ein warmer Händedruck, ein tiefgründiges Lächeln meine Gegenübers. Ich starrte ihn fassungslos an. “Angenehm”, stammelte ich, der neue Abteilungsleiter war mein Kevin Costner-Doppelgänger von letzter Woche...

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Lotto-Glück

Von Maria Madlen

„Zehn Uhr! Gott im Himmel, ich muss endlich aufstehen“. Ich streckte mich  wie eine Katze.

Es war Anfang Juni, draußen regnete es in Strömen. Meine Zwillingsschwester Julia machte uns schon mal Kaffee: Frisches Laugengebäck, Kornspitz, Semmeln, Butter, Heidelbeermarmelade, Schinken, Käse, Ananassaft, das alles hatte sie schon bereitgestellt. „Du bist ein Schatz, Julia“, sagte ich.

Ich hatte gerade das Radio eingeschaltet, als ich plötzlich hellhörig wurde. Die Lottogewinnzahlen wurden durchgesagt und zwar: 2, 7, 9, 13, 17, 20, Zusatzzahl 25.

Ich jubelte: „Julia, ich habe im Lotto gewonnen, ein Fünfer mit Zusatzzahl! Die 17 habe ich leider nicht, sonst wär’s ein Sechser gewesen.“

„Bist du sicher?“, argwöhnte meine Schwester. „Ja! Eben haben sie die Zahlen im Radio durchgesagt.“

Ich suchte sofort nach der Quittung. Den Lottoschein selbst hatte ich griffbereit, aber nicht die Quittung. Ich wusste jedoch genau, dass ich den Lottoschein aufgegeben hatte.

„Julia, weißt du, wo die Lottoquittung ist, ich kann sie nirgends finden?“

„Ich? Woher soll ich das wissen? Aber, wenn mich nicht alles täuscht, lag gestern auf dem Tisch mal eine, aber ich glaube, das war die Quittung von letzter Woche. Die habe ich in den Müll geworfen!“

Mir schwante Schreckliches. „Julia, ist dieser Müll noch im Haus?“, fragte ich sie.

„Nein, das war gestern, den habe ich schon ausgetragen, warum?“

„Weil das mit Sicherheit der neue Schein war! Ich muss ihn sofort suchen gehen!“ Jetzt wurde ich wütend: „Warum hast du mich nicht gefragt, bevor du die Quittung weggeworfen hast, wenn ich sie nicht finde, hast du die Schuld!“

Ich wusch mir schnell das Gesicht, zog mich an und rannte aus dem Haus, Richtung Müllhäusl. Ich öffnete die Tür, stürmte zum Container und riss den Deckel auf. „Gott sei Dank!“, dachte ich mir, „die Müllabfuhr ist noch nicht dagewesen.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt begann das große Suchen. Ich wusste, es war ein ganz normaler weißer, durchsichtiger Müllsack und unseren Müll kannte ich ja.

Es dauerte tatsächlich nicht lange, da fand ich unseren Müllsack. Ich leerte den Sack auf dem Boden aus und suchte nach dem begehrten Zettel. Ich konnte ihn nicht finden, es war zum Verzweifeln!

Ich packte den Müll schnell wieder in den Sack und beförderte diesen dann in den Container.

Jetzt kam auch noch ein Nachbar, der Kogler Hans. Der hatte mir gerade noch gefehlt!

„Grüß dich, Desirée!“

„Hallo, Hans!“

Ich wusste, der Hans war eine „Tratschbase“, er hatte immer was zu erzählen, ganz egal, wo man ihn traf und so war es auch diesmal. Er jammerte über seine trotzköpfige vierjährige Tochter, die jedes Mal, wenn sie ihren Kopf durchsetzen wollte, anfing zu schreien; er ärgerte sich über seinen Kater, der in der Wohnung „markierte“. Zu guter Letzt erzählte er mir dann noch von seiner Mutter, die eine Blinddarmoperation hinter sich hatte und immer noch im Krankenhaus lag. „Es war höchste Eisenbahn, der Blinddarm war kurz vor dem Durchbruch“, sagte er.

Ich bemühte mich, ihm zu folgen, denn im Moment hatte ich bei Gott andere Sorgen.

Plötzlich, ich sah ganz zufällig zu Boden, bemerkte ich, dass Hans mit seinem rechten Fuß auf irgendeinem Zettel stand. Ich schaute genauer und konnte auf dem Zettel die schwarzen Buchstaben LOTTO erkennen. Mein Herz jubelte! Das war meine Quittung, sie musste es sein!

Hans stand in Türnähe. „Der Zettel ist vorhin wahrscheinlich aus dem Müllsack geflattert, während ich den Inhalt auf den Boden geleert habe“, überlegte ich.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Hans  „Oh, entschuldige, aber ich habe gerade daran gedacht, ob ich wohl die Herdplatte ausgeschaltet habe“, sagte ich, da mir keine bessere Ausrede eingefallen war.

Das Schlimme war, dass Hans sich nicht vom Fleck rührte und redete und redete. Meistens war ja ich es, die sich vorzeitig verabschiedete, wenn wir uns irgendwo trafen, aber heute musste ich warten, bis er ging.

Der Fünfer mit Zusatzzahl machte diesmal eine Million Schilling aus. „Wenn der Hans noch länger auf „meiner Million“ steht, dann werden noch die Zahlen unleserlich und ich kann mir den Gewinn auf den Hut stecken“, fürchte ich. Ich wurde immer unruhiger.

Da kam endlich meine Rettung - in Form seiner Frau Helene! „Hans, wo bleibst du denn so lange? Du weißt, ich habe einen Termin beim Zahnarzt, ich werde ihn noch verpassen wegen dir!“

„Endschuldige, Schatz, das hätte ich fast vergessen“, erwiderte Hans kleinlaut.

Ich begrüßte Helene besonders freundlich, denn so willkommen war sie mir noch nie gewesen!

„Ciao, Desi!“ „Ciao, ihr beiden und lass dich nicht zu viel quälen vom Zahnarzt, Helene!“ sagte ich lachend. „Du hast leicht lachen!“, meinte sie.

Endlich waren sie weg! Ich bückte mich nach der Lottoquittung. Es war der richtige Schein, ich konnte es kaum fassen! Der Zettel war zwar ganz schön schmutzig, aber die Zahlen  konnte man noch deutlich lesen. Gott sei Dank!

Auch Julia war heilfroh, als sie erfuhr, dass ich den Zettel wieder gefunden hatte. Sie lachte herzhaft, als ich ihr die Geschichte mit Hans erzählte.

Noch am selben Tag sandte ich die Quittung mit einer Gewinnanforderung eingeschrieben an die Österr. Lotterien nach Wien.

Zur Feier des Tages lud ich meine Schwester Julia ins KIWI zum Essen ein, denn jetzt war ich ja Millionärin.

 

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