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Bis ins letzte Glied

Leseprobe eines Romans von Franz Wolf

Die Luft im Bistro war zum Schneiden. Um dieses späte Stunde war es nicht mehr so gut besucht, es war bereits nach elf, und die Zeiger der großen Standuhr in der Ecke bewegten sich fast unmerklich im Kreise. An der kurzen Theke aus rötlichem Mahagoniholz standen zwei Taxifahrer und tranken starken Kaffee.

Gérard, der Wirt, quälte sich müde hinter seiner Arbeitsplatte hervor und öffnete eines der großen Fenster, um ein wenig Frischluft ins Lokal herein zu lassen, die sich sogleich beherzt auf den dicken Zigarettenrauch stürzte, ihn mit magischen Kräften zerriss und anschließend langsam aus dem offenen Fenster sog.

Jean saß alleine am Tisch, vor sich sein viertes Glas Bier. Aber das war nicht schuld daran, dass er den Kalender hinter der Theke kaum noch erkennen konnte. Seine Augen tränten, gerade hatte er seine Zigarette im überquellenden Aschenbecher ausgedrückt; die bunte Zigarettenschachtel war auch fast leer.

Zielstrebig hatte Jean seinen Teil dazu beigetragen, dass die gesunde Atemluft schon längst aus diesem Raum verbannt worden war, dass sie aber nun Anstalten machte, durch das offene Fenster zurück zu strömen, langsam hier wieder die Oberhand gewinnend. Zuerst breitete sie sich flach am Boden aus, wo man schon bald wieder die Beine der Tische und Stühle erkennen konnte. Hernach hob sie die Rauchschwaden sachte in die Höhe und drängte sie in Richtung Fenster; nun herrschte Hochnebel im Bistro.

Der Freund hatte sich verspätet, war nach einer knappen Stunde wieder gegangen und Jean, der dem köstlichen Bier auch heute nicht widerstehen konnte, hatte viel zu viel geraucht. Es war eine lästige Gewohnheit, und manchmal verwünschte er den Tag, an dem das Rauchen erfunden wurde. Da saßen Menschen in geschlossenen Räumen, tranken Alkohol, der den Geist ohnehin schon verschleierte, dazu qualmten sie wie antike Lokomotiven. Auf diese Weise wusste man nie, woher genau die Sehschwächen eigentlich kamen, die sich allabendlich unweigerlich einstellten.

Wäre der Tabak völlig unbekannt, dachte Jean - in der heutigen Zeit, in der Ökologen und Umweltschützer täglich auf die Barrikaden gingen, um die allgegenwärtigen Umweltverschmutzungen anzuprangern - und jemand käme auf die glorreiche Idee, trockene Blätter in Papier einzuwickeln, anzuzünden und den Rauch zu inhalieren, er würde eiligst in die geschlossen Abteilung einer Psychiatrie verfrachtet. Aber wie es schien, war man gegen Gewohnheiten machtlos - am allermeisten gegen die eigenen.

Inzwischen war nur noch wenig Rauch im Raum, und die verblieben Schwaden formten sich zu grotesken Phantasiegebilden. Jean rieb sich die geröteten Augen und sah dem abziehenden Qualm hinterher. Eine Wolke hatte das Aussehen einer Gans mit langem Hals, eine andere wiederum erinnerte mehr an einen verstümmelten Kraken. Lange hielten sich die Bilder nicht, beim zweiten Hinsehen war der Zauber schon wieder Vergangenheit.

Inmitten der Rauchwolken glaubte Jean jetzt eine Silhouette stehen zu sehen. Es war keine richtige Gestalt, viel mehr war sie nur auszumachen, wenn der Rauch sie berührte. Dabei liefen die Schwaden an der Figur entlang zum Fenster hin, wo sie sich auflösten. Es sah exakt so aus, als betrachtete man einen schwarz-weißen Negativfilm. Bald war der Rauch verschwunden und mit ihm die phantastischen Bilder. Jean überlegte gerade, ob er sich noch ein weiteres Glas bestellen sollte, als er jemanden sagen hörte:

„Ich habe Euren Bauch gesehen!“

,Wie schön’, dachte Jean, ,wenn weiter nichts zu sehen war’, gab Gérard ein Zeichen, und der stellte ein neues Glas unter den Zapfhahn. Gedankenverloren steckte sich Jean eine neue Zigarette an, machte einen tiefen Zug und blies den grauen, warmen Rauch quer überden Tisch. Er spürte den Alkohol im Blut deutlich, seine Gedanken formierten sich noch langsamer als gewöhnlich, sein Blick war nicht mehr ganz klar.

„Ich habe heute Euren Bauch gesehen!“

,Schon wieder’. Jean blickte um sich, konnte aber die Person nicht finden, die mit ihm sprach. Am Tisch hinter ihm saß ein Pärchen, aber das unterhielt sich so leise, dass er kein Wort davon verstehen konnte. Wieder blies er den Rauch über den Tisch hinweg, und diesmal teilte er sich genau an der Stelle, an welcher der gegenüberliegende Stuhl stand. Ein Teil des Rauches wehte nach links, der andere nach rechts. Als hätte jemand ein gläsernes Hindernis auf den Stuhl gestellt, aber da stand keines.
Es war lustig. Eine Luftströmung sorgte anscheinend dafür, dass die Rauchwolke genau in der Mitte geteilt wurde. Das gefiel Jean, und er schickte noch eine hinterher und noch einen Ring, so dass Gérard, der das leere Glas vom Tische nahm und es durch ein volles ersetzte, große Mühe hatte, ihn überhaupt zu erkennen.

„Jean“, sagte er im Rückwärtsgehen, „du brauchst keine Rauchsignale zu machen.“ Als er wieder hinter seiner Theke stand, fügte er noch hinzu, und die Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören: „Inzwischen wurde das Telefon erfunden.“

Jean warf ihm einen verständnislosen Blick zu und starrte wieder neugierig auf das Kuriosum vor seinen Augen.

„Ich habe heute am Meer Euren weichen Bauch gesehen!“

Jetzt hatte er es ganz deutlich gehört, die Stimme kam direkt von der Stelle, an der sich der Rauchwirbel gebildet hatte. Aber verdammt, dort war keine Menschenseele! Jean blickte nochmals unauffällig in die Runde, lehnte sich nun unendlich langsam nach hinten, legte sein Kinn auf die Brust und glotzte etwas verstohlen unter den Tisch. Aber auch dort war niemand zu sehen.

Er überlegte kurz, ob er das letzte Bier stehen lassen sollte, aber wieder überkam ihn dieser unwiderstehliche Drang, und er setzte das Glas an seine Lippen. Das Bier schmeckte einfach zu gut.

Abermals blies er eine Wolke hinüber zur anderen Seite, und diesmal zeigten sich sogar Konturen. Solange der Qualm in Bewegung war, konnte Jean ein Gesicht wahrnehmen, ein Gesicht, das ihn anschaute und das dennoch durchsichtig war. Nachdem der Rauch sich verzogen hatte, war auch das Gesicht wieder verschwunden. Jean blickte um sich, um heraus zu finden, ob noch jemand im Lokal diese Erscheinung gesehen hatte, aber anscheinend war er der einzige.

„Ihr habt einen sehr weichen Bauch.“

Wenn Jean nur wüsste, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Eine Frauenstimme war es, die immer wieder das gleiche sagte. Oder beinahe das gleiche. Jean machte einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, noch einen weiteren, ließ den grauen Tabakdunst hinüber wehen, und sofort wurden die Umrisse des Gesichtes wieder sichtbar, deutlicher denn je.

Er konnte sogar die langen Haare erkennen, es war ein zartes, jugendliches Frauengesicht, sehr hübsch, das ihn herausfordernd anstarrte. Aber kaum war es auszumachen, da verschwand es schon wieder und Jean blies und blies, bis seine Zigarette ausgebrannt war.

Der Wirt blickte schon wieder gesenkten Hauptes zu ihm herüber, enthielt sich aber diesmal einer Bemerkung. Irritiert stierte Jean auf den leeren Stuhl gegenüber und rieb sich erneut die schmerzenden Augen, er war ratlos. Zigaretten hatte er auch keine mehr, und der viele Qualm verursachte ihm Kopfschmerzen.

Müde winkte er Gérard zu sich herüber, bezahlte und erhob sich schwerfällig. Leicht schwankend trank er sein Glas leer, deutete mit einer Hand unsicher einen Gruß in Richtung Theke an und verließ das Bistro.

Draußen empfing ihn kühle Nachtluft, er musste sich im ersten Moment am Kastanienbaum abstützen, der an der Straße stand und mit seinen dicken Ästen und dichten Zweigen den Bürgersteig mit einem üppigen Blätterdach überspannte. Jean war ziemlich betrunken; oder angeheitert, wie er es nennen würde. Er riss sich zusammen und machte sich auf den Heimweg.

Kapitel  II

Gnadenlos brannte die sengende Nachmittagssonne vom Himmel herab, die jungen Mägde sammelten das goldgelbe, verstreut auf dem Acker liegende Stroh ein und schichteten es zu hohen Garben auf, die sie auf dem gesamten Feld verteilten. Die Getreideernte wurde in diesem Jahr dank des guten Wetters schon sehr früh eingefahren, und Anfang Juli war die Frucht bereits gedroschen und in den Getreidespeichern verstaut.

Die Mägde lachten, sangen und schauten vergnügt zu den Burschen hinüber, die sich mit den Pferdewagen beschäftigten und es nicht versäumten, ebenfalls zu winken und zu rufen. Wenn der Bauer, der sie immerzu antrieb, nicht zugegen war, machte die schwere Arbeit sogar Spaß.

Einige der Mägde zeigten unter ihren bunten Röcken stolz ihre braungebrannten Waden, alle liefen sie barfuss, die Szenerie versprühte den prickelnden Hauch einer burschikosen Erotik, und dessen waren sich die Beteiligten wohl bewusst. Sie ließen eine schiere Lebenslust erkennen, vergleichbar einer Herde junger Pferde, nach langem Winter zum ersten Mal auf die Frühlingsweide entlassen.

Mit einemmal verdunkelte sich der Himmel, eine gewaltige schwarze Wolke schob sich vor die Sonne, es wurde merklich kühler. Die jungen Leute schauten auf und verstummten. Ihre Blicke richteten sich auf den Weg, der zu der mächtigen Burg hinüber führte. Scharf hob sie sich vom Horizont ab, wie eine erhobene Hand, an der ein Finger drohend in die Höhe ragte. Scharfkantig waren ihre Zinnen gemeißelt, ebenso die Türme, die Fenster, die Tore, alles schien aus Stein geschnitzt.

Über den staubigen Weg wurde eine sechsspännige Kutsche gelenkt, in einem Tempo, dass den jungen Menschen auf dem Felde der Atem stockte. Die schwarze Kutsche des Grafen, der zurück in seine Burg fuhr, war immer ein Grund den Atem anzuhalten, und vor allem - den Kopf zu senken.

Wer dies nicht sofort tat, musste damit rechnen für hochmütig gehalten zu werden. Und es wurden schon Menschen aus geringerem Anlass ins Verlies geworfen, von wo sie völlig verändert wieder zurückkehrten - oder überhaupt nicht.

Die Kutsche raste die Auffahrt zur Burg hinauf und war im Tor verschwunden, lange bevor sich die Staubwolken verzogen hatten. Bald nahmen die Menschen auf dem Acker ihre Arbeit wieder auf, aber die Freude war dahin, und selbst die Sonne blieb versteckt hinter dichtem Gewölk.

Mit kräftiger Hand zügelte der Kutscher im Innenhof die schweißnassen Pferde, das Gefährt stoppte sogleich, der Graf stieg aus und lief die breite Treppe empor. In seinem Gefolge befand sich der Arzt. Beide liefen schnell, waren in großer Eile. Der Arzt trug eine braune Tasche unter dem Arm und blickte recht besorgt drein. Die beiden Männer erreichten das Gemach der jungen Gräfin, betraten es und schlossen die Tür sofort wieder.

Man schrieb das Jahr 1652. Die Wirren des Krieges, der Europa so viele Jahrzehnte fest im Griff hielt und ausbluten ließ, hatten ihre tiefen Spuren auch hier in Frankreich hinterlassen. Die Bevölkerung hatte die großen Hungersnöte noch nicht überwunden, die in manchen Gegenden mehr Opfer forderten als die Kriegshandlungen selbst, und allein dem Adel war es vergönnt, sich den Bauch zu füllen.

Oder ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Brach sich ein Knecht bei seiner mühevollen Arbeit das Bein, so war dies oft gleichbedeutend mit lebenslanger Leidenszeit; er blieb ein Krüppel oder starb. Die Ärzte ließen sich ihre mitunter sehr zweifelhafte Hilfe teuer bezahlen, und dieser Umstand schränkte ihren Kundenkreis ein.

Selbständige Handwerker zählten manchmal dazu, aber nur, wenn die Geschäfte gut gingen. Niemals wäre eine Bäuerin oder Magd auf die Idee gekommen einen Arzt zu konsultieren. Die Menschen hatten ihre eigenen Methoden sich zu kurieren: Sie litten und warteten auf Besserung.

Beim Adel war das etwas anderes. Der besaß genügend Mittel, sich einen schmerzenden Zahn ziehen oder eine Wunde behandeln zu lassen. Oder die Ärzte zu bemühen, wenn es um den eigenen Nachwuchs ging.

Die junge Gräfin lag hochschwanger in ihrem Bett aus hellem Eichenholz und litt entsetzliche Qualen. Sie war bereits über die Zeit, aber das Kind wollte den Mutterleib nicht verlassen.

Am Rande des Bettes saß in einem hellen Kleid Naomi, eine junge Frau von 19 Jahren, mit langen dunklen Haaren und hielt die Hand der Gräfin, die sich unter den unvorstellbaren Schmerzen wand. Die junge Frau am Bettrand war ihre Schwester und empfand die Qual beim Anblick der Leidenden beinahe ebenso wie diese.

Graf Isidor sah seine Gattin nur kurz an. Schon wanderten seine Augen weiter zu der jungen, blühenden Schwägerin, die diesen Blick nicht ertragen konnte, ihre Augen beschämt zu Boden senkte, die Hand der Schwester losließ und die zarten Hände auf dem Schoß faltete.

Der Arzt bat die Schwester und den Grafen aus dem Raum, um sich ungestört der Hochschwangeren zu widmen, und sie begaben sich in die benachbarten Räumlichkeiten. Graf Isidor de Bernadotte lief zum Fenster hinüber, blieb stehen und sah hinaus.

Seine Schwägerin, die ihn nicht einen Moment lang aus den Augen ließ, setzte sich auf einen Hocker unweit der Tür und richtete ihren Körper kerzengerade auf. Eine unerträgliche Spannung lag in der Luft. Nach wie vor blickte der Graf aus dem Fenster, das aus dickem buntem und sehr teurem Glas gefertigt war, wie fast alle Fenster hier in der Burg.

Graf Isidor de Bernadotte war beileibe kein angenehmer Zeitgenosse. Wenn er nicht gerade seine Leibeigenen quälen oder deren Hütten niederbrennen ließ, was er des öfteren praktizierte, um den Gehorsam aufrecht zu erhalten, dann pflegte er die Fehden mit seinen Nachbarn.

Eine kleine Streitmacht nannte er sein eigen, ehemalige Ritter aus der Gegend mit Gefolge, alles befreundete oder verwandte Gesellen, teils verschwägert, teils verbunden durch vorangegangene Schlachten, oder besser: Durch vorangegangenes Schlachten. Viele Durchreisende hatten diese schöne Gegend zwar betreten, konnten aber niemandem mehr davon erzählen ....

Unvermittelt drehte der Graf sich um. Sein stechender Blick ruhte auf dem jungen Leib von Naomi, der neunzehnjährigen Schwester seiner Gemahlin, deren Schmerzensschreie durch das dicke Gemäuer drangen.

Aber das schien den Grafen nicht zu berühren. Sein Verlangen nach der jungen Naomi war ungebrochen. Vor drei Jahren hatte er seine Frau geehelicht; und schon damals war er verzaubert worden von der Grazie und der Unschuld der erst sechzehnjährigen Naomi, hatte keine Gelegenheit versäumt, ihr schamlos den Hof zu machen, ihr Geschenke zu bringen. Aber jedes Mal war er gescheitert an der Tugend, mit der jene gewappnet war, und diese Misserfolge nagten an seinem Stolz. Jetzt, da seine Ehefrau schwer darnieder lag, setzte er zu einem neuen Versuch an, sich die Gunst der jungen Frau zu erschleichen. Ohne Scham öffnete er sein Hemd und zeigte ihr seinen weißen, unbehaarten Bauch.

Der Pöbel war behaart, stank und badete, wenn überhaupt, in den Gewässern der Umgebung. Der Adel badete nicht häufiger, wechselte jedoch und wusch seine Kleider öfter; er hatte ja genug davon. Darüber hinaus besaß er eine weiße Haut, fast keine Haare am Körper, und wer einen zarten Bauch vorweisen konnte, stand bei den Damen hoch im Kurs.

Graf Isidor streckte entschlossen sein Kinn mit dem kleinen Grübchen vor, ging mit geöffnetem Hemd zu der jungen Frau hinüber, kniete vor ihr nieder und versuchte, ihre Hand zu ergreifen. Aber sie entzog sie ihm, stand auf und eilte aus dem Gemach.

Wie alle Versuche vorher, so war auch dieser fehlgeschlagen, musste fehlschlagen. Denn die Standhaftigkeit von Naomi war unerschütterlich; wie die Liebe zu ihrer älteren Schwester, die von alle dem nichts ahnte. Das hoffnungsfrohe Gesicht des Grafen verwandelte sich in eine feindselige Maske. Das Maß war voll.

Im Alter von 52 Jahren hatte er sich die junge Judith zur Frau genommen, eine Bürgerliche, eine der Töchter einer jüdischen Familie aus der nahegelegenen Stadt. Er hatte sie auf seine Burg geholt, damit sie ihm einen Erben schenkte.

Judith war eine brave Frau, treu und brav. Viel zu brav für die Abenteuerlust ihres Gemahls. Aber mit dem Erben wollte es zunächst nichts werden, und so wandte sich der Graf anderen Frauen zu, in der Hoffnung, wenn schon keinen Stammhalter, so doch wenigstens sein Vergnügen zu haben.

Als Judith schließlich doch in gesegnete Umstände kam, verlor er gänzlich das Interesse an ihr, und so rührten ihn ihre Schmerzen keineswegs, er verachtete sie. So wie sie jetzt im Bette lag, schwach und krank, hatte sie für ihn keinen Wert, war sie nutzlos.

Graf de Bernadotte verließ das Gemach ebenfalls, passierte die Tür zum Schlafzimmer seiner Gattin, in welchem die Schreie verstummt waren, und lief hinunter in den Hof. Die Kutsche stand noch am gleichen Fleck. Der Fahrer hatte den Befehl erhalten, zu warten, um den Arzt anschließend wieder zurück in die Stadt zu fahren, aber nun hatte der Graf anderes im Sinn.

Er bestieg die gefederte Holzkarosse und schloss die Tür mit soviel Schwung, dass sie wieder aufsprang und er sie erneut schließen musste. Der Kutscher Balthasar hatte seine Anweisungen erhalten und lenkte die sechs Pferde die Strecke zurück zur Stadt. Einige Kilometer vor der Stadtgrenze dirigierte er die Rosse nach rechts, eine steinerne Böschung hinauf, durch einen dichten Wald, bis er das erschöpfte Gespann schließlich vor dem Kloster zum Stehen brachte.

Graf Isidor verließ das vierrädrige Gefährt und schlug mit geballter Faust an das Klosterportal, wo ihm nach kurzer Wartedauer Einlass gewährt wurde. Balthasar, groß von Gestalt, stieg vom Bock herunter, er stellte sich auf eine längere Wartezeit ein. Es war warm, er zog seinen dunklen Mantel aus, setzte sich ins Gras und lehnte seinen Rücken an eine mehrere hundert Jahre alte Eiche. Die Pforte des Klosters im Blick, wartete er geduldig. Er kannte das Temperament des Grafen nur zu gut, dessen sprunghafte Entscheidungen, dessen Launen und vor allem seine Ungerechtigkeiten.

De Bernadotte war in der ganzen Gegend berüchtigt wegen seines Jähzorns. Es war ihm einfach nicht möglich nachzugeben. Auf der einen Seite bereitete es ihm sichtlich Freude, andere zu quälen oder zu benachteiligen, andererseits konnte er seine Gemütszustände manchmal nicht kontrollieren, wie die Sache mit dem Ritter gezeigt hatte.

Der Graf de Bernadotte saß einst mit seiner frisch angetrauten Gattin im Garten eines Gasthauses, das von Reisenden besucht wurde, die zu Pferde oder mit der Kutsche unterwegs waren. Der ungewöhnlich warme Tag war verantwortlich dafür, dass der Durst und die damit verbundene Ungeduld der Wartenden immer größer geworden waren, was zu chaotischen Zuständen geführt hatte. Der Wirt war beinahe nicht mehr im Stande die Getränke rechtzeitig an ihren Bestimmungsort zu bringen.

Und genau diese Notlage des Wirtes veranlasste de Bernadotte, einen völlig unsinnigen Streit vom Zaume zu brechen. Einem Ritter, der, verstaubt und zu Pferde weit gereist, lange vor dem Grafen zugegen war und auf seinen Wein wartete, wie alle anderen auch, missgönnte er dessen Krug, als der ihn endlich erhalten hatte und wollte ihm den Krug gar wegnehmen; mit dem Argument, wenn er, der Graf, Durst habe, sollten andere gefälligst warten.

Der Ritter, der in seinem bunten Rock und ohne Waffen an der Tafel saß, war nicht gewillt, seinen Krug Wein dem Grafen zu überlassen und gab ihm dies deutlich zu verstehen. Wegen der großen Hitze des Tages jedoch wollte er seinen Krug mit dem Grafen teilen, was dieser verächtlich ablehnte.

Als der Ritter seinen Krug zum Munde führte, schlug der Graf ihm den Krug wutentbrannt aus der Hand, dass er zu Boden fiel, zerbrach und der rote Wein sich in den Staub ergoss. Das teuflische Grinsen im hochroten Gesicht des Grafen veranlasste den gekränkten Ritter sich zu erheben. Er ging ruhig zu seinem Pferd, kehrte kurz darauf mit seinem Schwert zurück und machte Anstalten, den Grafen in Stücke zu hauen.

In Windeseile stand ein neuer Krug Wein auf des Ritters Tisch, und mit vereinten Kräften der Überredungskunst gelang es dem Wirt und anderen Gästen mühsam, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Während dessen stand der Graf, nun kreidebleich, bei seiner Gemahlin, nach wie vor fest überzeugt davon, dass es sein Recht gewesen wäre, den Wein in jenem Krug zu trinken, und die ganze Dauer der Mahlzeit, bei der er fast nichts aß, reichte nicht aus, ihn wieder zu beruhigen.

Bedauerlicherweise war der Graf an jenem Tag ohne seine Spießgesellen unterwegs. Er, Balthasar selbst, sein Kutscher, der bei den Pferden geblieben und der, durch den Lärm aufmerksam geworden, herbeigeeilt war, hätte ihm auch nicht zur Seite stehen können.

Denn dieser Ritter, ein wilder, erfahrener Kämpfer, hätte entzweigeschlagen, wer immer sich ihm in den Weg gestellt hätte. Der Zorn des Grafen verrauchte nur allmählich, und selbst seine junge Gattin konnte kein Verständnis für dieses sonderbare Verhalten aufbringen.

Ein paar Tage später fand man jenen Ritter in einem der zahllosen Tümpel der Umgebung. Sein Rücken wies zahlreiche Stichverletzungen auf, sein Hals klaffende Wunden. Auch ein Einschussloch im Rücken war zu finden. Die Täter wurden nie gefasst, wenn sie denn überhaupt je gesucht wurden, aber jeder in der Gegend wusste, wer für diese Tat verantwortlich zu machen war.

Das Knarren der hölzernen Klosterpforte holte Balthasar aus seinen Erinnerungen zurück. Er sprang auf und eilte hinüber zum Kutschbock, als der Graf auch schon an dem Gefährt stand und einstieg. Die Fahrt ging zurück zur Burg. Keine Stunde hatte der Graf im Kloster bei den Jakobinern verweilt, hatte diese Zeit aber gut genutzt.

Bei seiner Rückkehr musste er in Erfahrung bringen, dass seine Frau von einem Sohn entbunden worden war, das Kind aber tot zur Welt kam. Seiner Gattin ging es den Umständen entsprechend, sie lag im Schlafgemach, Naomi hielt ihre Hand und legte ihr von Zeit zu Zeit ein feuchtes Tuch auf, die fiebrige Stirn zu kühlen.

Graf Isidor de Bernadotte betrat das Gemach, bezahlte den Arzt und sorgte für seine Rückkehr in die Stadt. Für die eigene Gemahlin hatte der Graf  keinen Blick. Anschließend befahl er seiner Schwägerin, sich von ihrer Schwester fernzuhalten und jagte sie aus der Burg. Das arme Mädchen musste den weiten Weg zurück zur Stadt zu Fuß gehen und war bis in die Nacht unterwegs.

Es vergingen einige Tage, die das junge Mädchen zu Hause bei seinen Eltern verbrachte, nicht wissend, wie es um die Gesundheit seiner Schwester Judith stand, als am Abend kräftig gegen die Haustür gepocht wurde. Der verängstigte Vater öffnete und erblickte vor dem Haus mehrere Jakobiner, von denen einer ein Schriftstück bei sich trug, in welchem zu lesen war, dass Naomi der Hexerei bezichtig worden sei und eine Untersuchung zu erfolgen hatte.

Die junge Frau wurde gebunden und ins nahe gelegene Kloster gebracht, wo man sie in eine dunkle Zelle steckte und einschloss. Sie durfte keine Besuche empfangen, bekam fast nichts zu essen und wenig zu trinken, daher wurde ihr Durst bald so groß, dass sie Halluzinationen bekam.

Ihre Sinne verwirrten sich, und nach wenigen Tagen war sie nicht mehr in der Lage zu sagen, wie sie hieß. Sie nickte nur motorisch mit dem Kopf und verweigerte jedwede Nahrung; nur ab und zu leckte sie vom Durst gepeinigt die nassen Wände ihrer Zelle ab.

Eines Tages legte man ihr ein Schriftstück vor, welches sie unterzeichnen sollte. Von heimlichen Treffen war darin die Rede, Treffen mit dem Satan und Unzucht mit demselben. Naomi war entsetzt, hatte sie sich doch nichts vorzuwerfen, hatte niemals den Satan getroffen oder gesehen. Wäre lieber gestorben, als sich mit ihm einzulassen.

Die Mönche, mit der Untersuchung betraut und erbost über die Verstocktheit der jungen Frau, griffen zu drastischen Mitteln, um deren Zunge zu lösen. Wer mit dem Teufel im Bunde stand, verdiente ohnehin kein Mitleid.

Naomi wurde auf den berüchtigten Befragungsstuhl gesetzt und dort festgebunden. Dieser Stuhl war aus grobem Eichenholz gezimmert, wurde von stabilen Eisenschrauben zusammengehalten, und seine Lehnen und die Sitzfläche waren gespickt mit rostigen Nägeln und Dornen, die dem armen Opfer vor Schmerzen die Sinne raubten. Wer darauf gezwungen wurde, verlor sofort die Fassung und war nicht mehr in der Lage, auch nur die einfachsten Fragen zu beantworten. Aber nach einiger Zeit gewöhnte sich der Körper sogar an diese unmenschliche Tortur, und es wurde weiter verhört.

Der Kleriker, der mit der Befragung beauftragt war, wollte wissen, warum Naomi das Kind ihrer Schwester getötet hatte und auf welche Art. Die sich verzweifelt windende Naomi, deren zartes Gesäß, deren Intimbereich, deren Schenkel, deren weicher Rücken, ja, deren ganzer Körper von den Dornen langsam durchbohrt wurde, wusste auf diese Frage nichts zu antworten und hielt ihre Lippen fest verschlossen.

Sie liebte ihre Schwester innig. Warum hätte sie deren Kind töten sollen? Ihr Schweigen wurde als Eingeständnis gewertet und daher im Anschluss die Frage aufgeworfen, wie sie den Grafen de Bernadotte verhext habe.

Die junge Frau, deren schmerzgepeinigter Leib konvulsivisch zuckte und sich wehrte, die daher kaum mehr fähig war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, wusste auch auf diese unsinnige Frage keine Antwort. Daraufhin steckte man ihre nackten Füße in eine Art Schraubzwinge und drehte sie zu, bis das arme Geschöpf erbärmlich schrie. Die umstehenden Christenmenschen suchten nach Zeichen und Hinweisen, die diese Anschuldigungen gegen Naomi bewiesen, fanden aber keine.

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