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Brauche ich Gott?

Von Volker Hochgrebe

Aus Bertold Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“:

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: „Ich rate dir nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“

Ich brauche keinen Gott, weil ich jede Religion für eine Illusion halte. Die den Menschen dazu dient, den Tod als nicht endgültig anzuerkennen. Ich glaube aber, dass mein Tod endgültig sein wird. Ich finde diesen Gedanken tröstlich, weil mit dem Tod der Lebenskampf ein Ende finden wird.

Die Verfechter der Religionen behaupten immer, ohne den Glauben an Gott, gebe es keine Bindung an moralische Normen mehr. Sie würden nur durch die Furcht vor Gott als Weltenrichter durchgesetzt.

Aber kann man wirklich ein Handeln oder Unterlassen schon als moralisch bezeichnen, das nur aus der Furcht vor Strafe und Höllenpein geleitet ist?

Ich beziehe mich hier auf die Idee des Philosophen Emanuel Kant, dass moralische Verantwortlichkeit auf geistiger Reife basiert. Kant definiert Mündigkeit als die Fähigkeit, von seinem Verstand ohne fremde Anleitung Gebrauch zu machen:

„Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“

Ich selbst würde Herrn K. also antworten, dass sich mein Verhalten nicht ändern würde. Mein Verhalten richtet sich - ohne Furcht vor einem strafenden Gott - nach der biblischen Formel: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu. Oder umgekehrt: „Was du willst, das man dir tu, das füg auch dem Anderen zu.“. Es geht um Nächstenliebe im umfassenden Sinn.

Wer der Andere ist? Mein nächster Mitmensch, der freilich in der globalisierten Welt auch von fern auf mich treffen kann. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, hat der bedeutende jüdische Rabbi Jesus gefordert. Man muss sich also selbst lieben, sich selbst achten, um den Anderen achten und lieben zu können.

Auch hier ist wieder das eigene Urteilsvermögen gefragt. Das verlangt die Anstrengung des Denkens. Demgegenüber verlassen sich viele Menschen lieber auf das scheinbar entlastende Angebot der Religionen, auf deren Gebote und Verbote.

Als entlastend gegenüber der Furcht vor dem Tod empfinden viele Menschen auch Hoffnungen auf ihre Auferstehung, ihre Wiedergeburt  oder auf die Unsterblichkeit ihrer Seele. Aber unser Bewusstsein und das, was wir als Psyche verstehen, sind doch Funktionen unseres Gehirns. Und wenn das Herz im Tod still steht, dann folgt unweigerlich in Sekundenbruchteilen der Hirntod. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ist also eine fromme Illusion, sosehr er auch in der katholischen Kirche gepredigt wird – im Gegensatz zum Neuen Testament, wo er nicht erwähnt wird.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, ist aus dem spätantiken Menschenbild der Gnosis in das Christentum eingeflossen. „Der Mensch ist danach in eine von einem bösen Gott geschaffene finstere, dem Menschen feindlich gegenüber stehende Welt geworfen. Er trägt aber gleichzeitig einen Lichtfunken in sich, der durch verschiedenste Prozesse im Verlaufe der Weltentstehung in die materielle Welt gelangt ist. Dieser Lichtfunke ist im Prinzip Teil des guten Gottes, der lichten Substanz, die im Uranfang war. Aufgabe, Ziel und Erlösung ist es, daß dieser göttliche Teil wieder zu seinem Ursprung zurückkehrt.“ ( Siehe auch „Arbeitsstelle für Manichäismusforschung“ Fundstelle: http://www.uni-muenster.de/Philologie/Iaek/mani.html 

Im Licht der Vernunft ist auch der Glaube an die leibliche Auferstehung Jesu unhaltbar. Ebenso war die Himmelfahrt Jesu nur denkbar, als das Weltbild der Antike noch von der Erde als einer runden Scheibe und von einem Himmel über der Erde sowie von einer Hölle darunter ausging.

Jesus sei aufertanden in der Predigt seiner Jünger, die über den Tod hinaus an der Lehre ihres Meisters festhielten, hat Rudolf Bultmann, der weltbekannte Marburger Neutestamentler.gelehrt. „Gott ist die Liebe- das ist der Grundgedanke der Verkündigung Jesu“.

Wie selten in ihrer zweitausendjährigen Geschichte ist die christliche Kirche diesem Anspruch gerecht geworden! Jesus selbst hat allerdings nie eine Kirche gründen wollen: Er glaubte, zu seinen und seiner Jünger Lebzeiten werde das Reich Gottes auf der Erde Wirklichkeit und mit seiner Herrlichkeit alles verwandeln. Deshalb hatte er keinen Grund eine Kirche zu gründen.

Kreuzzüge, Religionskriege, Ketzerverbrennungen – das sind die schlimmsten Abweichungen der Christen von der Lehre Jesu. Sie waren Auswüchse des christlichen Fanatismus.

Fanatismus ist der Irrglaube Einzelner, oder von Gruppen, sie hätten das Recht und die Pflicht, allen, die nicht ihre Überzeugungen teilen, ihre Religion mit Gewalt aufzuzwingen.

Das gilt übrigens auch für fundamentalistische Christen in Amerika. An ihrer Spitze  George W. Busch,  den seine Überzeugungen als vermeintlich „wiedergeborener Christ“ in das Debakel der Irak-Krieges geführt haben. „Der Kreuzzug gegen den Terrorismus“.

Fundamentalistische Christen in den USA nehmen gar nicht selten für sich das Recht in Anspruch, Abtreibungsärzte tot zu schießen. Dem gleichen Wahn sind die Taliban in Afghanistan verfallen, ebenso die fundamentalistischen Fanatiker, die aufgrund ihrer persönlichen Auffassung des Islam den menschenverachtenden Terrorismus rechtfertigen oder ihn sogar ausüben.

An Fanatismus denke ich auch, wenn der Vatikan das Kirchenrecht so anwendet, dass unbotmäßigen Theologen die Lehrerlaubnis oder die Priesterweihe aberkannt werden. Als Gewaltanwendung verstehe ich es auch, dass die Katholische Kirche in Afrika trotz der Aids-Katastrophe, weiterhin Kondome verbietet.

Als Gewaltanwendung – zumindest gegen Vernunft und Gewissen der Katholiken – verstehe ich auch das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes, wenn er eine neue Lehre „ex Kathedra“ verkündet. Dieses Dogma ist eine Konsequenz der katholischen Lehre, der Papst sei der Stellvertreter Gottes auf Erden. Hier hat sich der Bischof von Rom den Mantel der römischen Cäsaren angezogen, die sich als Gott verehren ließen. Als Stellvertreter Gottes haben Päpste immer wieder ihren Machtanspruch in Theologie, Kirche und sogar in der Politik erhoben, mit schrecklichen Folgen für die Völker Europas, vor allem auch für Deutschland.

Jesus, der ja nie eine Kirche, schon gar nicht die römische, gründen wollte, hätte einen Menschen, der sich als Gottes Stellvertreter bezeichnet hätte, so behandelt, wie die Geldwechsler vor dem jüdischen Tempel in Jerusalem. Die hat er von den Stufen des Tempels herunter geprügelt.

Die katholische Kirche hat sich der Reformation verweigert, in der Luther die wahre Kirche wieder hergestellt hat. Aus protestantischer Sicht ist die römische Kirche eine Sekte, die sich nicht mehr als „apostolisch“ bezeichnen kann.

Im Übrigen sind alle drei heiligen Bücher der großen Weltreligionen erst viele Jahrzehnte nach dem Tod der angeblichen Religionsstifter entstanden, sie sind den Stiftern also nicht aus dem Jenseits diktiert worden. Die „Verbalinspiration“ ist zumindest eine Illusion, wenn nicht ein Aberglaube.

*****

Sind nun nach alledem die Religionen eher schädlich, oder nützlich? Ich halte sie für schädlich, weil sie die Menschen dazu verführen, an ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit festzuhalten, statt über sich und die Welt ehrlich und ohne Scheuklappen nachzudenken und ihr Leben danach selbstbestimmt auszurichten. An dieser Stelle muss ich einräumen, dass offensichtlich viele Menschen dazu nicht in der Lage sind.

Daher lehrt die Geschichte, dass die Religionen auch nützlich sein können: Sie schärfen die Moral der Allgemeinheit, können weltliche Staaten also mit notfalls gewaltsam durchzusetzenden moralischen Warten versorgen, und sie können Trost in Lebenskrisen bieten, und bei wirklich frommen Menschen sogar die Todesfurcht besänftigen.

Das ist mir vom Vorabend des Todes meines Vaters in Erinnerung. Bei diesem letzten Besuch in der Klinik war mir völlig klar, dass er bald sterben würde. Er sprach nur wenig. Dann zeigte er auf den Stapel Bücher auf dem Nachttisch neben seinem Bett. Es waren wie immer in seinem Leben hauptsächlich theologische Bücher, dabei vielleicht auch Bibel und Kirchengesangbuch. „Ich habe mit dem allen abgeschlossen. Die Buchstaben helfen mir nichts mehr“, sagte er.

Als er mich aus dem Zimmer schickte, weil er mit Mutter allein sprechen wollte, sagte er zum Abschied: „Ich kann nicht aus der Hand Gottes fallen. Das weiß ich“.

Ich bin sicher, er wollte mich mit diesen Worten trösten. Und ich wusste, er würde ohne Todesangst sterben können. Und nach Auskunft seines Arztes ist er auch ruhig entschlafen.

Damals hat mich Vaters letzte religiöse Aussage nicht weiter berührt, denn mein eigener Tod lag – wie ich dachte – ja noch so weit in der Zukunft.

Für die Gesellschaft wichtig sind die christlichen Kirchen als Hüterinnen der kulturellen Tradition Europas: Die Achtung der Menschenwürde, Friedfertigkeit, Toleranz und soziale Gerechtigkeit werden immer wieder von Vertretern der Kirchen in der Öffentlichkeit gefordert, wenn auch von ihnen selbst oft genug nicht beherzigt.

Die Lutherbibel ist ein wichtiger Teil der kulturellen Tradition. Sie wurde zur Deutschlehrerin der Nation. Man kann sie auch lesen als Fundgrube tiefer menschlicher Erfahrungen im Nachdenken über die Welt und über sich selbst. Insofern hat sie auch mein Denken geprägt, das freilich zur Ablehnung von Religion und Glauben geführt hat.

***

Können mich die philosophischen Gottesbeweise von der Existenz Gottes überzeugen?

1.)        Der ontologische Gottesbeweis zum Beispiel Descartes

Descartes argumentierte: In ihm lebe die Idee eines vollkommenen Wesens. Dies müsse auch existieren, sonst sei es nicht vollkommen. Das ist wie: ich glaube fest an einen Lottogewinn, also habe ich gewonnen.

2.)        Der ontologische Gottesbeweis

Die  Welt existiert. Also muss es jemanden geben, der sie geschaffen hat. Ich denke: Dies ist ein Trugschluss: Den Schöpfergott kann man allenfalls glauben. Astronomische Beweise dafür gibt es nicht.

3.)        Der pragmatische Gottesbeweis

Der Pragmatiker glaubt an die Nützlichkeit der Wahrheit. Wer glaube, sei zufrieden und optimistisch. Wer nicht glaube, sei unglücklich. Oft ist es genau umgekehrt. Aber selbst wenn der pragmatische Gottesbeweis überzeugend wäre, wäre damit nicht Gott, sondern der Glaube an ihn pragmatisch erwiesen.

4.)        Der psychologische Gottesbeweis

Nur Gott selbst kann in der menschlichen Seele den Glauben an Gott geschaffen haben. In der Tat gibt es kaum eine menschliche Gesellschaft oder Kultur ohne eine Gottesvorstellung. Ich denke, das ist damit zu erklären, dass Menschen im Unterschied zu Tieren wissen, dass sie einmal sterben müssen. (siehe Heideggers Wort vom menschlichen „Sein zum Tod“). Das macht den Wunsch nach der Existenz einer Instanz verständlich, die trotz allem ein ewiges Leben ermöglicht. Bewiesen ist damit auch nur der menschliche Wunsch nach Unsterblichkeit, nicht aber die Existenz Gottes.

Hier verlasse ich die Auseinandersetzung mit den sogenannten Gottesbeweisen der Theologen und Philosophen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Man kann sich nur mit der Frage nach Gottesbeweisen beschäftigen, wenn man von vorherein schon an die Existenz Gottes glaubt.

Zuweilen kann man bei den Verteidigern religiöser Überzeugungen lesen, sogar Albert Einstein habe sich als religiös bekannt. In seinem Buch: „Der Herr ist kein guter hirte – Wie Religion die Welt vergiftet“ bringt der Amerikaner Christopher Hingins das genau gegenteilige Zitat Einsteins:

„Was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, war natürlich ein Lüge, und zwar eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott, und habe das auch nie geleugnet, sondern es deutlich zum Ausdruck gebracht. Wenn etwas ist mir ist, das als religiös bezeichnet werden kann, dann ist es die uneingeschränkte Bewunderung für die Struktur der Welt, soweit unsere Wissenschat sie offenbaren kann“

So sind meine Überzeugungen entstanden:

Ich bin ein hessischer Pfarrerssohn. Meine Mutter, auch sie eine Pfarrerstochter,  hat mir in der Kindheit  Lieder gesungen, wie: „Breit aus die Flügel beide, oh Jesu meine Freude, und nimm dein Kindlein an. Will Satan mich verschlingen. So lass die Englein singen: Die Kind soll unverletzet sein“

Am Bettchen hat sie mir vorgebetet: „Ich bin klein, mein Herz mach sein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“. Protestantische Frömmigkeit war der Nährboden, in dem ich aufwuchs. So entstand ein Kinderglauben, der dann verging, als ich älter wurde, in die Schule ging.

Mein Vater musste während des Zweiten Weltkrieges oft an einem Sonntag mehrfach Gottesdienst halten, häutig nahm er mich mit auf seinen Fußmarsch in eins der Nachbardörfer. (Unterwegs prüfte er meine lateinische und griechische Grammatik.)

Ich erinnere mich an eine Predigt in einer Dorfkirche. Neben der Kanzel hing eine zerfetzte Fahne aus dem ersten Weltkrieg. „Gott, der Weltenherrscher macht die Großen klein, und die Kleinen groß“, hörte ich Vater mit der ganzen Kraft seiner lauten Stimme rufen. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Das musste man als scharfe Kritik an Adolf Hitler, dem „Größten Feldherrn aller Zeiten“ verstehen. Diese Predigt und ihren gewaltigen Eindruck auf mich, habe ich schon damals nicht als religiöses Erlebnis sondern als politische Aussage aufgefasst. Ich hoffte, wie Vater, dass Hitler bald klein sein würde. Und ich bewunderte seinen politischen Mut.

In der Konfirmandenstunde beschäftigten mich weniger die religiösen Themen im Unterricht meines Vaters, als die beiden hübschesten Mädchen meines Jahrgangs, die in der Reihe vor mir saßen.

Nach dem Abitur riet mir ein Verleger, ich solle vor dem Einstieg in meinen journalistischen Traumberuf auf jeden Fall studieren, allerdings auf keinen Fall Journalistik. Ich entschloss mich zur Theologie, nicht aus irgendwelchen religiösen Gründen, sondern weil ich mir von diesem Studium nach dem Vorbild meines Vaters eine umfassende Bildung versprach.

In Marburg, Erlangen und Köln hatte ich Professoren, die oft sehr gläubig waren, aber das hat bei mir keine Hinwendung zum Glauben verursacht. Ein Satz von Rudolf Bultmann ist mir in Erinnerung geblieben: „Ein Gott, den es gibt, gibt es nicht“. Als Student habe ich diesen Satz so aufgefasst, wie ihn Bultmann sicher gemeint hat: Der Allmächtige ist so groß, dass unsere Aussagen über seine Existenz seine Wirklichkeit niemals erreichen können, womit alle Gottesbeweise hinfällig sind.

Im Lauf der Jahre wurde daraus für mich immer mehr die Aussage: „Es gibt keinen Gott“.

*****

Allerdings habe ich Jahrzehnte lang nie darüber nachgedacht, Religion war einfach kein Thema in meinem Berufsleben.

Dabei war ich 30 Jahre lang Leiter des Kirchenfunks im Hessischen Rundfunk. Ich habe dies immer als professionelle journalistische Aufgabe verstanden: Es kam nicht darauf an, was ich glaube, sondern darauf, die Texte der Theologen so zu redigieren, dass sie dem Niveau der Senders entsprachen.

Glücklicher Weise kam mir in der Berichterstattung über die Kirchen die Tatsache zu gute, dass es viele Stellungnahmen zu politischen Themen gab. Hier konnte ich in eigenen Sendungen, Interviews und Kommentaren Stellung nehmen, und alles unterstützen, was dem gesellschaftlichen und internationalen Frieden diente.

*****

Dann kam eines Abends der Sekundentod meiner Frau. Sie starb, als sie um Mitternacht nach Hause gekommen war, und sie mir gerade über die schönen Erlebnisse ihres erfolgreichen Tages berichtete. Sie war glücklich, und mitten im Satz verstummte sie. Sie starb einen Sekundentod. Der Notarzt konnte nichts mehr ausrichten, auch nicht die Maschinen in der Klinik, mit denen sie noch ein paar Stunden künstlich beatmet wurde, und die ihr Herz noch schlagen ließen.

Als ich dann vor ihrem Totenbett stand, war ich schockiert. Sie lag wie entspannt da, friedlich. So wie jeden Morgen, wenn ich ihr den Espresso ans Bett brachte. Ich küsste ihre Stirn und ihre Lippen, die noch warm waren.

Und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass sie tot war. Dass der Verfall ihres Körpers schon begonnen hatte.

Das war ein ungeheurer Schock. Der Skandal des Todes: Wie viel Erfahrung und Wissen, wie viel Menschlichkeit, war ausgelöscht und für immer verloren. Ich konnte diesen Tod nach 48 Jahren Ehe viele Tage lang nicht verarbeiten. Immer wieder stellte ich mir am Tage und in Nachtstunden ohne Schlaf vor, dass sie jeden Moment die Wohnungstür öffnen, heimkommen  müßte.

 Eines Tages erzählte mir meine Tochter, dass ihre Jüngste, immer wenn sie einen weißen Schmetterling sah, darin die Seele ihrer Oma zu erkennen glaubte.

Ich empfand das irgendwie als süß, aber gleichzeitig als kindlichen Aberglauben. Das veranlasste mich dazu,  ernsthaft über den Tod meiner Frau auch über meinen eigenen, nachzudenken. Dabei wurde mir klar, dass es über meine Frau nur eine Gewissheit gibt, dass sie tot ist, und dass ich die Aufgabe habe, weiter zu leben. Denn von ihrer unsterblichen Seele zu sprechen, widersprach meiner Vernunft. Ebenso wurde mir klar, dass es keine Seelenwanderung, dass es keine Hölle, keinen Gott, keine Himmelfahrt Jesu geben kann.

Meine Frau lebt allein in den Erinnerungen lebender Menschen weiter. In der Familie, bei ihren politischen Weggefährten, und bei vielen Menschen, denen sie in ihrer Jahrzehnte langen kommunalpolitischen Arbeit begegnet ist.

Als ich mir das in allen Konsequenzen zum ersten Mal in aller Deutlichkeit auch für mich selbst klar gemacht hatte, war das für mich ein Moment des Glücks, der tiefsten Befreiung: Ich kann mein Leben selbst führen, ohne am Gängelband einer übernatürlichen Macht zu hängen. Wenn ich tot sein werde, bin ich vergangen. Nur meine sterblichen Überreste gehen noch ein in den ewigen Kreislauf der Natur.

Dies ist eine Haltung, die ich nach dem Titel eines Buches des großen evangelischen Theologen und Philosophen Paul Tillich als „Mut zum Sein“ bezeichnen möchte. Wie ich dieses Sein moralisch richtig leben kann, muss ich selbst entscheiden. Wenn ich Gutes tue, tut mir das auch selbst gut. Wie die Gehirnforscher sagen, schüttet das Gehirn dabei Glücksgefühle aus.

Kann ich in dieser Haltung noch nach einem Sinn des Lebens fragen und eine befriedigende Antwort finden? Ich habe sie gefunden. Sie lautet: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst! Das führt hin zu einem bewussten Leben, das heißt, die Gegebenheiten des Alltags anzunehmen und sie so gut wie möglich zu bewältigen.

*****

Als wichtigste Lebensregel erscheint mir die aktive Toleranz. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Wenn ich einem Gläubigen begegne, dann interessiert mich, wie dieser Glaube sein Menschsein bestimmt. Wenn ich Kirchentage oder Papstmessen im Fernsehen schaue, dann glaube ich, wie bei Mekkapilgern, sei das sicherlich tiefe religiöse Erleben der Teilnehmer vor allem durch die Gemeinschaft mit so vielen Gleichgesinnten geprägt und verursacht.

Wenn ich allerdings an einer religiös geheiligten Stätte Pilger sehe, die auf Knien auf Treppen nach oben rutschen, würde ich ihnen niemals sagen, sie würden einem vernunftlosen religiösen Brauch folgen. Denn ich könnte sie nie bekehren, sondern würde sie nur verletzen. Sie schaden ja niemandem, höchstens sich selbst. Also tun sie mir leid, ebenso wie die muslimischen Frauen, die bei größter Sommerhitze in langen Mänteln und tief verschleiert hinter ihren Männern her trotten müssen.

Meine aktive religiöse Toleranz endet selbstverständlich da, wo Menschen  ihre der Vernunft feindliche Religion als Vorwand zu Verbrechen und Terror benutzen. Das gilt auch immer dann, wenn Mädchen und junge Frauen von Islamisten zum Kopftuch gezwungen werden. Oder wenn Schülerinnen nicht zum Sportunterricht und zu Schulfreizeiten dürfen. Die deutschen Gesetze müssen für alle gelten, die hierzulande  unter dem Schutz des Grundgesetzes leben.

******

Ist nun mein Leben arm und kalt, ohne das Empfinden, das andere als Spiritualität erleben? Keineswegs. Denn ich bin ein lebendiger Mensch. Meine Haltung fand ich am besten ausgedrückt in einem Zitat von Emanuel Kant. („Kritik der praktischen Vernunft“):

"Zwei  Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer Ehrfurcht je länger sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“.

 

 

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