|
Catlin
allein im Park
Von
Bianca Heidt
Catlin ging durch den großen ruhigen
Park. Sie wollte allein sein, nachdenken. Nachdenken über ihr Leben,
ihre Ängste und ihre unbestimmte Zukunft. Der Park war menschenleer, wie
oft war sie schon hier durchgejoggt, aber nie waren ihr die wundervolle
Stille und die berauschenden Farben der Bäume aufgefallen. Wie blind sie
gewesen war.
Sie spazierte durch den kleinen,
schmalen Waldpfad in Richtung Ententeich. Als kleines Kind hatte sie
hier oft zusammen mit ihrer Mutter Enten gefüttert. Jetzt war sie 25
Jahre alt und fühlte sich, als säße sie in einem Zug der von Bahnhof zu
Bahnhof fährt, ohne anzuhalten. Catlin wurde nostalgisch zumute, der
Gedanke an damals und der Wunsch, dass alles wieder so sein sollte wie
zu der Zeit, als sie noch gesund war, taten weh. Ihre Arme waren von den
Einstichen der Nadelspitzen gezeichnet.
Sie setzte sich auf die rote, morsche
Parkbank vor dem kleinen Teich und lauschte dem Geschnattere der Enten
und den leisen Geräuschen der Bäume, die im warmen Frühlingswind
tanzten. Sie verspürte die wohltuende Luft in ihren Lungen und das erste
Mal seit langem wieder eine innere Ruhe in sich aufkommen.
Catlins grüne Augen starrten auf den
dunkelblauen Teich und die orangenen Teichkarpfen, die ab und zu zum
Vorschein kamen, aber mit ihren Gedanken war sie bereits weit weg. Mit
offenen Augen träumte sie sich hinweg, sie stellte sich vor, mit ihren
Freunden in der Eisdiele zu sitzen und musste lächeln. Es war kein
Lächeln der Freude, vielmehr ein Lächeln der Wehmut.
Nichts war mehr wie früher, die meiste
Zeit musste sie im Krankenhaus verbringen.
Ein kleiner Sonnenstrahl blinzelte
hinter der Eiche auf der anderen Seite des Teiches hervor und fiel in
Catlins Gesicht. Sie kam wieder zu sich, langsam kehrte sie aus ihrer
Gedankenwelt zurück und nahm die Umrisse der traumhaften Landschaft
wieder wahr.
Die wundervollen Farben der Blätter und
der Gesang der Vögel gaben ihr neue Kraft. Catlin legte sich auf die
Parkbank und schaute in den hellblauen Himmel. Ihr fielen die
unterschiedlichen Formen der Wolken auf und wieder musste sie an früher
denken.
Als Kinder hatten sie und ihre Freundin
sich oft in den Garten gelegt und im Himmel nach Wolkenfiguren gesucht.
Die junge Frau rappelte sie auf, um ihren Spaziergang fortzusetzen.
Der Park füllte sich langsam mit
Menschen, die mit ihren Hunden unterwegs waren. Catlin fielen kleine
Unbedeutsamkeiten, wie die braune Taube auf dem Ast oder der kleine
Junge mit dem roten Haar, dessen silbernes Ohrring im Sonnenlicht
glänzte, viel mehr auf als früher.
Sie hatte gelernt das Leben und alles,
was sie sah, zu schätzen und in sich aufzunehmen. Sie dachte über die
Unbeschwertheit der vorbeilaufenden Menschen nach und verabscheute
zugleich die Eile und Hektik, mit denen die Meisten an der Schönheit der
Landschaft vorbei gingen.
So, war sie auch einmal gewesen. Es war
ein halbes Jahr her, da hatte sie erfahren, dass sie unheilbar an Krebs
erkrankt war
|