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Zu alt für Clowns

 Eine Kurzgeschichte von Sandra Berndt

Hat er nicht jeden Abend „Gute Nacht, Süße“ gesagt und ist dann gegangen? Hat er das nicht getan, wenn er mal da war? Doch manchmal kam er später noch einmal wieder.

Sie denkt nicht mehr oft daran, denn es vorbei. Doch hat man ihr nicht gesagt, sie soll nie vergessen, woher sie kommt? Das hat sie nicht. Das wird sie auch nicht.

Nun ist alles anders. Sie wohnt nun in ihrer eigenen Wohnung mit strahlend hell-gelber Tapete. Sie ist nun zu alt für eine Tapete mit kleinen Clowns in blau, grün und rot. Nie wieder wird sie den Clowns begegnen. Das ist auch nicht schlimm, die Clowns haben ihr Leben lang geschwiegen, genau wie sie noch ihr Leben lang schweigen wird. 

Sie wird schweigen bis sie daran zerbricht, bis die Wirklichkeit sie einholt. Sie wird schweigen und so tun, als ob nichts geschehen ist. Sie schweigt auch wenn sie lieber schreien würde. Sie schweigt und weint dabei. Sie schweigt wie ihre Mutter.

Heute morgen kam ihr Vater in ihre neue Wohnung und hat ihr eine Clownsfigur aus Porzellan dagelassen. „Damit du dein altes Zimmer nicht vergißt“ hat er gesagt. Ja ihr altes Zimmer, da waren überall Clowns. Eine ganze Tapete voll.

Dann hat er seinen Geruch in der frisch renovierten Wohnung verteilt – jedes Zimmer wollte er besichtigen. Nachdem er gegangen war, konnte sie ihn noch Stunden riechen, bis ihr übel wurde und sie alle Fenster aufriß.

Nun ist sie allein in der Wohnung. Es ist still. Es ist eine andere Stille als in der alten Wohnung. Eine schöne Stille. Eine Stille, die nicht schreit, nicht laut wird.

Heute Nacht wird nichts geschehen, sie kann schlafen. Kein Clown wird sie beobachten und angrinsen. Niemand wird in ihr Zimmer kommen und das kleine Licht anmachen und „Sei schön leise Kleine, Papa möchte nur mit seinem Baby kuscheln“ flüstern. Niemand wird sie küssen oder anfassen. Sie muß den Atem nicht anhalten und die Welt wird nicht aufhören sich zu drehen.

Es müßte ihr nun besser gehen, aber in ihr ist etwas das sie nicht ruhen läßt. Eine Art von Schmerz, von Ekel, etwas Hass und vielleicht auch Liebe.

Sie sollte einfach diese doofe Clownsfigur, die ihr Vater ihr zur Dekoration geschenkt hat, wegwerfen und vorher Scherben aus ihr machen. Clowns sind blöd, das weiß sie schon sehr lange. Die Clowns hätten ihr helfen können, die konnten nämlich alles beobachten und sie hat sie immer flehend angesehen, doch sie haben nichts getan. Die haben nur gegrinst. Sie wollte eine neue Tapete, Schafe oder Bärchen hätten ihr bestimmt geholfen, aber dafür fehlte ihren Eltern das Geld.

Nun muß ihr niemand mehr helfen. Die Wände strahlen einfarbig sonnengelb, die Haustür ist fest verschlossen und wenn sie ganz viel Glück hat, wird sie heut Nacht nicht mal träumen.

Sie ist furchtbar müde, sie sollte nun schlafen gehen, aber vorher stellt sie die Clownsfigur aus Porzellan noch in eine leere Umzugskiste und diese wird fest verschlossen.

Denn wenn heut Nacht doch etwas geschieht, dann soll dieser Clown es nicht sehen.... 

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