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Coming out oder der Exodus zum eigenen Ich Eine Erzählung von Tim Horst Riethausen Tim war zwiegespalten, als er durch die Kleinstadt ging. Es war kühl an diesem Julimorgen. Während er zum Bahnhof schritt, dachte er über sein Geheimnis nach. Schon früher hatte es Anzeichen gegeben: den muskulösen Nachbarn oder das kleine Buch mit den Abbildungen. Dann war ihm in einer Illustrierten die kleine Anzeige aufgefallen: ER SUCHT IHN. Als Tim sie zum ersten Male sah, schien sie die Lösung all seiner Probleme zu sein. Doch immer wieder hatte er den Vorsatz aus Furcht vor Entdeckung verschoben, bis er es dann doch gewagt hatte. Wochen später lag der Fragebogen im Briefkasten. Tim hatte ihn ausgefüllt und abgesandt. Drei Kontakte waren ihm angeboten worden. Alex war verheiratet und suchte nur den Ausgleich. Ralph war nicht Tims Typ - außerdem Kaplan, was ein geoutetes Auftreten ausschloss. Tony sah hervorragend aus, aber wollte nur Spaß. Den nahm er sich rücksichtslos und so verlief Tims erste sexuelle Erfahrung etwas schmerzhaft. Somit hatte Tim diese Möglichkeit eines wertvollen Fundes abgehakt. Abgeschrieben war jedoch nicht der Wille, doch noch fündig zu werden. Eines Morgens war er in den Zug gestiegen und los gefahren. Ehrfurcht ergriff ihn beim Anblick des Bahnhofs. Glich er nicht einem Urwaldtempel? Was erwartete ihn hier? Das Dunkel des Kolosses oder das Licht der Befreiung? Im Bahnhof vernahm er die Lautsprecherdurchsagen in unterschiedlichen Sprachen. Mit Stimmengewirr und Zuggeräuschen vermischten sie sich zu einer unwirklichen Symphonie. Wenn man aus dem Bahnhof kam, stolperte man unweigerlich in die Sündenmeile. Reklametafeln versprachen Erotik pur und Girls. Die Enttäuschung über das einseitige Angebot wich, als er ein Erotik-Center entdeckte, das auch den Tisch für seinem Geschmack gedeckt hatte. Er zögerte. Was würden Passanten von ihm denken, wenn er am hellichten Tage ein Porno-Kino besuchte? Er schielte in das Foyer. An den Wänden hingen Schaukästen mit erotischen Photos und Plakaten. Hastig schritt er in die dämmrige Halle, in welcher laute Popmusik aus den Lautsprechern dröhnte. Er spürte die Blicke, als er mitten im Raum stand und die Photos anstarrte. Er fühlte sich unwohl und schritt langsam an den Schaukästen vorbei. Immer wieder schielte er in Richtung der Gay-Filme, aber er hatte noch nicht die Courage aufgebracht, sich selbstbewusst, davor zu stellen. Er schritt vor den Vitrinen auf und ab, als könne er sich nicht entscheiden. Tim brodelte innerlich. Es war genauso wie damals auf dem Sprungturm im Schwimmbad, als er auf dem Fünf-Meter-Brett stand und sich nicht traute, hinunter zu springen. Der innere Zwang trieb ihn immer mehr in die Enge. Er spürte die Blicke der Kassiererin und der Männer, welche das Foyer betraten oder verließen. Jeder einzelne Blick traf ihn wie ein glühender Nadelstich. Tim begann, zu schwitzen - doch der Schweiß fühlte sich an wie siedendes Wasser. Er spürte eine gewisse Scheu vor der Entscheidung, aber gleichzeitig herrschte ein immenser Sog vor. Er hatte enorme Schwierigkeiten, dagegen anzukämpfen und rang mit sich selbst. Irgendwann wurde es ihm zu bunt und er dachte: Jetzt oder nie! Er hastete ins Foyer und prallte um ein Haar mit einem gut aussehenden Mann zusammen, der ihm ärgerlich grunzend auswich. Nach diesem Vorfall schwankte Tims Entschluss, aber er stand nun schon mitten im Foyer. Also nahm er allen Mut zusammen und löste für das Gay-Kino eine Karte. Düster starrte ihm die Treppe entgegen wie der gähnende Rachen einer Schlange. Gedämpft drangen Wortfetzen und Musik herauf, die wohl von der Leinwand kamen. Tim war aufgeregt. Was würde ihn dort unten wohl erwarten? Er hatte zwar noch immer ein komisches Gefühl in der Magengegend, aber im Moment verspürte er keine Zweifel, die ihn dazu anhielten, umzukehren. Ganz im Gegenteil, es war ein seltsames Glücksgefühl. Er hatte es geschafft! Er war nicht nur ins Foyer gegangen, er hatte sogar an der Kasse eine Karte gekauft. Und nun stand er hier auf der anderen Seite! Jetzt brauchte er nur noch die Stufen hinunter zu gehen - und dann - ja, was eigentlich? Ihm wurde bewusst, dass er eigentlich nicht die geringste Vorstellung hatte, was zu tun war? Wie verhielt man sich? Was sagte man? Die Freude schwankte etwas. Er hatte geglaubt, über den Berg zu sein, aber er stellte fest, dass dahinter ein weiterer lag. Aber dennoch - die Freude über den Triumph schwächte die Zweifel. Er würde dann weiter sehen, wenn er dort unten war. Der erste Schritt war nun gewagt, aber solange er hier verharrte, würde er mit Sicherheit nicht wissen, was am Ende der Strecke wartete. Also los, der Marathon konnte beginnen. Langsam setzte er Fuß vor Fuß - so als befürchtete er, eine der Stufen könnte sich als Falltür entpuppen. Immer lauter wurden die schwachen Geräusche. Die Luft hier unten war etwas muffig. Die Tür zum Kino stand einen Spalt offen und man sah das Flimmern der Leinwand. Er trat ein und dumpf fiel die Tür ins Schloss. Es war warm, sehr warm. Abgestandene Luft, Zigarettenqualm, Alkoholgestank und Schweißgeruch mischten sich und füllten den Raum unangenehm. Nach dem grellen Licht im Flur hatte Tim trotz der hellen Leinwand etwas Schwierigkeiten, sich im dämmrigen Raum zurecht zu finden. Er spürte die Blicke auf sich gerichtet, konnte aber selbst nur schwach erahnen, wie die anderen Männer aussahen. Er spürte ein heißes Brennen zwischen den Beinen, das durch die akustischen und optischen Filmeindrücke noch verstärkt wurde. Er würde sich ja gerne einen attraktiven Mann aussuchen, aber wie finden in diesem Schattentanz? Je länger er sich auf den Film konzentrierte, desto größer wurde der Wunsch nach einem eben solchen erotischen Genuss. Er beschloss sich zu setzen und ließ den Blick durchs Dunkel kreisen, um einen Platz zu erspähen - natürlich am Besten in Reichweite eines ebenso hungrigen Kinobesuchers. Er wählte eine der vorderen Reihen, welche ziemlich leer war und ließ sich dort auf einen Sitz fallen. Etwa eine Viertelstunde verging und Tim starrte sehnsüchtig auf die Leinwand, als er plötzlich hart an der Schulter gepackt wurde. Dann ging alles ganz schnell. Erschrocken beugte Tim sich nach vorne und im selben Moment wurde sein Oberkörper heftig nach unten gedrückt. Ein bestürzter Schrei entfuhr seiner Kehle und er spürte ein starkes Gewicht auf seinem Rücken. Panisch sprang er auf die Beine und wandte sich zur Verteidigung blitzschnell um. Im selben Moment störten dumpfes Rumpeln und ein unterdrückter Schrei die Vorführung. Fassungslos starrte Tim auf seinen Platz! Er war unschlüssig, ob er sich aufregen oder amüsieren sollte. Die Szene war zu grotesk. Eine muskulöse Gestalt lag über die Stuhllehne gebeugt und versuchte gerade mühselig, wieder auf die Beine zu kommen. Das aber war gar nicht so leicht, denn mit einem Bein war er bereits über die Lehne gestiegen und der Kopf hing beinahe schon im schmalen Laufgang, während die Arme im leeren Raum ruderten und nach einem Halt suchten. Einzelne Stimmen im Raum krakelten halblaut um Ruhe. Ungewollt brach Tim in ein unterdrücktes, prustendes Lachen aus, während er die Arme ausstreckte und dem Hilflosen half, wieder auf die Beine zu kommen. „Ein schlechter Ort für den Freischwimmer, oder?“ Tim packte ihn mit der rechten Hand am Oberarm und mit der linken am Oberkörper und stemmte ihn nach oben. Beides war nicht sehr leicht - weder der Tathergang noch der dunkle Fremde. Wieder auf die Beine gekommen, schwang dieser auch das zweite Bein über die Lehne und stand neben Tim. Noch immer lagen Tims Hände am Körper des Anderen und schienen das, was sie unter dem Hemd fühlten, zu genießen. Pure Muskeln spannten unter dem Hemd und Tim spürte, dass in seiner Hose auch etwas spannte. Immer noch leicht amüsiert hob Tim den Kopf und musterte sein Gegenüber. Der Anblick kam einem elektrischen Schlag gleich. Ein schmales Gesicht mit kurzem Vollbart sah ihn an und ein belustigtes Lächeln umspielte die Lippen. „Entschuldigung, wenn ich Dich erschreckt habe! Das war nicht meine Absicht!“ Tim winkte ab. „Halb so wild!“ Die Beiden setzten sich und ihre Blicke kreuzten sich. Unaufgefordert legte der andere seine rechte Hand auf Tims linkes Knie. „Ich heiße Tim - und Du?“ „Armin, aber eigentlich wollte ich hier keine Konversation betreiben!“ „Sondern?“ Tim setzte einen koketten Blick auf und verspürte einen Heißhunger in gewissen Körpergegenden. „Ich muß mal auf die Toilette, kommste mit?“ Die Toilette? Gedankenverloren wandte Tim den Kopf und sah seinen Triumph schon wieder entschwinden. „Aber ich muß doch gar nicht!“ Armins Grinsen wurde breiter. „Ich auch nicht. Was glaubste, warum ich dahin will?“ Tims Grinsen unterbrach seine Rede. „Ach so, sag das doch gleich!“ Zusammen verließen sie den Raum und verschwanden auf der Toilette. Hungrig tasteten Tims Augen jeden Zentimeter des attraktiven Kerls ab. Die Jeans war hauteng und man sah die kräftigen Oberschenkel und den knackigen Hintern. Auch der muskulöse Oberkörper und die kräftigen Hände waren nicht zu verachten. Armin packte Tim kräftig am Gesäß und schob ihn in die letzte Kabine. Tim verspürte inzwischen ein heftiges Brennen zwischen den Beinen und war schon ungeduldig. Es folgte eine einstündige, intensive Lektion der Nächstenliebe, deren Ende viel zu schnell nahte. Tim war fast etwas enttäuscht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte dieses Spiel noch Stunden dauern können. Nacheinander verließen sie die Kabine und wuschen sich am Waschbecken Gesicht und Hände. „Ich muss los, Tim! Mach’s gut!“ Armin drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, wandte sich um und verließ die Toilette. Kurz darauf stand Tim wieder auf der Straße. Die Abendsonne tauchte die Welt in ein goldenes Licht. Der emsige Betrieb auf der Straße und an den nahegelegenen Straßenbahnhaltestellen kündete von der Feierabendstimmung. Tim dachte an Hamulo. Sicher, er genoss die neue, aufregende Kulisse der Großstadt und die plötzliche Freiheit. Was seine Mutter jetzt wohl machen würde? Er vermisste sie - sie, die für ihn eher eine gute Freundin war. Das Gewissen drückte ihn, weil er ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte. Aber wie hätte sie reagiert, hätte er es getan? Gedankenverloren blickte er den vorüber eilenden Menschen hinterher. Er sah junge Pärchen neben älteren Ehepaaren und der Anblick versetzte ihm einen Stich. In wenigen Wochen würde er seinen 22. Geburtstag feiern, aber er hatte das Gefühl, als habe sein Leben noch gar nicht begonnen. Er dachte an seine Clique in Hamulo. Fast jedes Wochenende hatten sie wilde Feten hingelegt. Er war dankbar, dass er die Clique hatte. Sie hatten viel gemeinsam unternommen. Aber trotz der großen Gemeinschaft - bei der letzten Feier waren sie 65 Leute gewesen - war er alleine. Er hatte bei anderen den Lauf des Liebeskarussells beobachtet - hatte Romanzen aufflammen und auch wieder verglühen sehen. Aber in seinem eigenen Leben war der Begriff „Romanze“ in der Kategorie „Vermisst“ zu finden. Nun, um das zu ändern, war er schließlich hier. Mit einer hastigen Handbewegung wischte er die trüben Gedanken beiseite und holte den Spartakus aus dem Rucksack. Er entschied sich für das PINK ELEPHANT. Es dauerte eine Weile, bis er sich auf Stadt- und U-Bahnplan zurecht gefunden hatte und wußte, wie er fahren musste, um ans Ziel zu gelangen. Einige Zeit später sah er das Lokal vor sich, aber noch war er nicht am Ziel. Konnte er wirklich einfach so rein gehen? Vielleicht war das so eine Art Club, wo nur spezielle Mitglieder zugelassen waren. Und selbst, wenn er hinein gelassen wurde - wie sprach man einen unbekannten Menschen an? Worüber redete man mit ihm? Würde nicht jeder sofort wissen, weshalb er dort hinein ging? Ruckartig stoppte er und fixierte die Tür - so als wolle er sie allein mit seinem Willen öffnen. Zwei Stufen führten zu einer braunen Holztür empor. Gedämpft drangen Musik und Stimmen aus einem schmalen Fenster, das in Kopfhöhe begann. Es war nicht hoch, aber nahm die ganze restliche Breite des eher schmalen Häuschens ein. Schwarze Eisengitter im Karomuster schützten vor Einbrechern - vielleicht sollten sie aber auch ein Entkommen verhindern! Vorsichtig näherte sich Tim dem Fenster und spähte hinein. Es war dämmrig im Inneren. Der Raum verlief parallel zur Straße - wie auch der Tresen. Zwischen Theke und Außenwand klafften höchstens drei Meter. Der Raum war nicht gerade sehr groß, aber gerade richtig, um gemütlich zu wirken. Zwei Spielautomaten standen links an der Wand, weiter hinten wies ein leuchtendes Schild auf die Toiletten hin. Höchstens ein Dutzend Leute waren da, die meisten davon saßen an der Theke. Tim hatte genug gesehen. Er überquerte die schmale Gasse, visierte die Tür an und wartete. Aber worauf? Das wußte er selbst nicht so recht. Immer wieder fragte er sich: Soll ich - oder soll ich nicht? Er würde gerne dort hinein gehen. Aber wie sollte er sich verhalten? Was sollte er sagen? Etwas beschämt sah er an sich hinab. Er hatte die Anwesenden zwar nur von hinten gesehen, aber allein auf dem ersten Blick hatte er gesehen, dass er mit ihnen in keiner Weise konkurrieren konnte. Sie trugen hautenge Jeans, modische Hemden und ihre Haare waren tadellos gestylt. Sie hatten eine Ausstrahlung, während er in seiner abgewetzten Jeans und mit seinen formlosen, glatten Haaren hier stand. Würden sie ihn nicht auslachen? Er konnte das höhnische Gelächter, die verächtlichen Blicke und die spöttischen Kommentare schon wahrnehmen. Er dachte an seine Schwester, die vor zwei Wochen geheiratet hatte. Hatte er nicht auch ein Recht darauf, das Leben mit einem Menschen an seiner Seite zu verbringen? Er konnte ja auch nichts dafür, dass dieser Mensch in seinem Fall ein Mann war. Und diesen würde er niemals in Hamulo finden, einer 7000 Einwohner starken Kleinstadt in der Provinz. # Unwillkürlich stampfte er mit dem Fuß auf, wie ein trotziges Kind. Er musste diese Chance nutzen, er musste diesen Schritt wagen. Andernfalls würde er sein Leben lang die Bürde einer verpaßten Chance mit sich herum tragen. Die Selbstvorwürfe von Feigheit und Selbstzweifel würden ihn nicht mehr frei geben. Er dachte an Alex, der verheiratet war und ein zweites, heimliches Leben führte, weil er die Mißbilligung der Gesellschaft fürchtete. Nein, das war keine Lösung für ihn. Ehrlichkeit war für Tim oberstes Gebot und er wollte sich die Selbstachtung erhalten. Noch hatte er zwar keine Vorstellung, wie in schwulen Kreisen die sexuellen Phantasien und Abenteuer aussahen. Aber er wusste, dass ihm das nicht genug war. Er suchte nicht nur dafür einen Menschen, sondern auch für den ganz gewöhnlichen Alltag - eben für das Leben zu zweit. Aber das war das Ziel, das Finale und er stand noch nicht einmal richtig am Start - aus Feigheit! Jawohl, aus Feigheit! Natürlich bestand die Gefahr von spöttischen Kommentaren, wenn er als grüner Landjunge das erste Mal in so eine Kneipe ging. Aber wenn er heute kniff, würde ein anderes Mal das erste Mal sein. Wollte er sein Leben lang vor dem ersten Mal und vor sich selbst davon laufen? Niemals. Energisch schritt er auf die Tür zu, riss sie auf und trat ein. Laute Musik und Stimmengewirr schlug ihm entgegen. Tim atmete noch einmal tief durch und schritt dann langsam hinein. Deutlich konnte er die Blicke der Menschen spüren, aber er versuchte, ruhig zu bleiben und Haltung zu bewahren. Möglichst unauffällig versuchte er, sich einen Eindruck von den Anwesenden zu verschaffen. Einige gefielen ihm recht gut. Die meisten musterten ihn ausdruckslos, einige wenige lächelten ihm aufmunternd zu und er zwang sich zu einem mühseligen Lächeln - das wahrscheinlich eher wie das Zähne fletschen einer Bulldogge aussah. Am Ende des Tresens war ein Platz frei und Tim steuerte darauf zu und ließ sich auf dem Barhocker nieder. Der junge Barkeeper lächelte Tim zu. Er war höchstens Mitte Zwanzig - und er sah einfach göttlich aus. Sein schwarzes Haar, das er nach hinten gekämmt hatte, schimmerte ölig. Er hatte eine hohe Stirn, ein längliches, schmales Gesicht mit einer gesunden Bräune. Die blauen Augen funkelten wie Edelsteine, aber es konnte auch das Licht sein. Überhaupt stimmte alles an ihm: Lange Wimpern, wunderschöne blaue Augen, eine grazile, wohlgeformte Nase, schmale Lippen und große, weiße Zähne. Er hatte eine sportliche, leicht muskulöse Figur. Das hautenge T-Shirt betonte jeden Muskel und brachte den Waschbrettbauch hervorragend zur Geltung. Die Hände waren wohlgestaltet und auch der Hintern des Jungen war knackig wie ein Apfel. Er beugte sich zu Tim herüber und blendete ihn mit seinem Zahnpasta-Lächeln. „War ein langer Weg, was? Aber egal was die anderen Dir sagen - jeder hat so angefangen! Laß Dir nicht erzählen, sie wären hier rein gekommen wie John Wayne!“ Am Liebsten wäre Tim dem Jungen um den Hals gefallen. Sein Kommentar war für ihn wie das Wasser des Lebens. Er hob den Kopf und orderte ein Bier, bevor er sich im Raum umsah. Unter den Fenstern standen zwei rote Plüschsofas. Auf dem rechten lag sich ein junges Pärchen in den Armen und knutschte innig herum. Keiner der Anwesenden schien sich daran zu stören. Tim tastete mit den Blicken die Anwesenden ab, beobachtete sie unauffällig. Die wenigsten schienen alleine hier zu sein, meist standen sie in Gruppen zu zweit oder zu dritt beieinander. Er sah die Vertraulichkeiten der Menschen untereinander, hörte ihr Lachen und beneidete sie alle darum. Aber es gab auch einige wenige, die sich in eine Ecke drängten oder auf ihrem Sitz kauerten. Sie betrachteten ebenfalls die Szenerie, aber ihre Blicke wirkten nicht sehr glücklich. Lustlos starrten sie in den Raum hinein, stierten sehnsüchtig zur Tür, hafteten hungrig an einzelnen Anwesenden oder fixierten den Platz vor sich selbst. Es dauerte nicht lange und Tim fühlte sich hier nicht mehr als Fremder, sondern als Teil der bunten Gesellschaft. Daran waren sicherlich das ungleiche Pärchen Joe und Dany schuld. Der rotblonde Banker und die kleine, mollige Gärtnerin saßen irgendwann plötzlich neben Tim. Er hatte ihr Kommen gar nicht bemerkt. Unversehens sah er sich in ein intensives Gespräch vertieft, als wäre er mit den Beiden seit Jahren befreundet. Charme und Witz der Beiden vertrieben die Langeweile. Doch auch dieser Abend ging zu Ende. Langsam leerte sich die Kneipe und als sie schloss, stand Tim verzweifelt vor dem Problem, dessen Lösung er vor sich her geschoben hatte. Wo würde er schlafen? Ratlos tappte er zur Konstablerwache und gelangte zum Bahnsteig der Bahn. Ein Blick auf den Plan zerstörte jede Hoffnung. Die letzte Bahn war weg. Frustriert ließ er sich auf eine Bank fallen. Der Alkohol begann zu wirken - Tim schlief ein. Etwas riss ihn aus dem Schlaf. Nach einigen Minuten wurde ihm die Situation bewußt. Er erhob sich und schlurfte zur Rolltreppe, wo er den Stillstand bemerkte. Seufzend stieg er sie empor und dumpf hallten die Schritte durch die leere Bahnstation. Oben angelangt, wähnte er sich in Freiheit. Doch der Schein trog. Die Schritte wurden langsamer und der Blick ungläubiger. Ein Rollgitter verschloss den Ausgang. Die Freiheit war zum Greifen nah - und doch unerreichbar! Sollte er um Hilfe schreien? Würde man ihm glauben, dass er unabsichtlich in die Situation geraten war? Oder würde man ihm unehrenhafte Absichten unterstellen? Sollte er sich in einen Winkel verkriechen und auf den Morgen warten? Geduld war noch nie seine Stärke und er hasste es, untätig zu sein. Er musste etwas tun. Aber was? Ratlos ging er wieder hinunter und stiefelte den Bahnsteig entlang, als sein Blick unerwartet verharrte. Ein Gedanke hatte ihn gepackt. Deutlich sah er im Tunnel Licht - die nächste U-Bahn-Station! Sie war etwa 500m entfernt. War das ein Ausweg? Dazu musste er durch die Finsternis, aber es gab zwei Dinge, vor denen er Angst hatte: Dunkelheit und wilde Ratten. Beides würde er hier finden! Aber die Chance, hier die Nacht zu verbringen, behagte ihm auch nicht. Er wollte sich nicht mit unangenehmen Situationen abfinden, wenn es einen Ausweg gab. Und so siegte Tims Freiheitsliebe. Behutsam stieg er vom Bahnsteig und ging in den Tunnel, wo ein schmaler Steig parallel zu den Gleisen verlief. Bei jedem Geräusch, irgendwo in der Dunkelheit, zuckte Tim zusammen. Noch zehrte er vom Licht der Bahnstation, das in den Tunnel fiel, aber es wurde spärlicher und bald würde ihn die Dunkelheit verschlingen. Weiter drang er vor, erreichte die Grenzen des Lichts und tauchte ein in die Finsternis. Seine Schritte wurden noch langsamer, während sich seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten. Er stockte. Der Steig endete abrupt - eine andere Bahnstrecke kreuzte seinen Weg. Der knirschende Schotter klang schaurig in der Finsternis. Angst umschloss seine Brust. Er spürte einen Luftzug und sein Blick bohrte sich ins Ziellose. Bald darauf verließ er erlöst das Dunkel, begab sich wieder in den Bannkreis des Lichts und atmete froh auf, als er die Plattform erreichte. Freudig eilte er in der Bahnstation nach oben. Aber er war zu voreilig. Auch hier trennten ihn die Rollgitter von der Außenwelt. Resigniert irrte er durch die Bahnstation. Inzwischen waren seine Kräfte geschwächt. Tim war todmüde und wollte nur noch eines: schlafen! Irgendwann fand er irgendwo hinter einer Säule einen windgeschützten Platz. Dort kauerte er sich auf den Boden, rollte sich in die Jacke, zog den Kragen so hoch wie möglich und ergab sich dem Schlummer. Es war ein unruhiger Schlaf - eher ein Dösen, aus dem er aufschreckte, als er Schritte und Stimmen hörte! Er hielt den Atem an, als er das Wachpersonal erahnte, machte sich noch kleiner und wünschte sich nur noch, unsichtbar zu sein. Wie würden sie reagieren, wenn sie ihn jetzt fanden? Sie kamen näher. Noch immer hielt er den Atem an, um sich nur nicht zu verraten. Er wagte nicht die kleinste Bewegung und lauschte in die Stille. Sie schienen sich zu entfernen. Die Geräusche wurden leiser. Dennoch wagte Tim noch immer keine Bewegung und begann leise, wieder zu atmen. Nun, da er von ihrer Gegenwart wusste und die Entdeckung befürchten musste, wagte er nicht mehr zu schlafen und wartete nur noch auf den Morgen. Als dieser nach endlos langer Zeit endlich die längste Nacht der Welt beendete, fühlte sich Tim um Jahre gealtert. In den nächsten Tagen stürzte sich Tim völlig ins Labyrinth der Großstadt und des Nachtlebens. Tagsüber durchstreifte er die Stadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten. Er bestaunte die Metropole des Flughafens, schlummerte auf den sonnigen Rasenflächen des Palmengartens und begaffte die unzähligen Tierarten im Zoo. Des Abends tauchte er dann ein in den menschlichen Zoo des Nachtlebens. Ausgangspunkt war für ihn das Pink Elephant. Aber nicht immer gelangte er ans gewünschte Ziel. Dienstagabend konnte er weder Eroberung noch Schlafplatz verbuchen. Er hatte aus dem Fehler des Vortages gelernt und die letzte U-Bahn erreicht, jedoch umsonst. Denn nun stand er am Hauptbahnhof und fragte sich: Wo soll ich schlafen? Wieder irrte er durch die Nacht und gelangte zur Bahnstation „Theaterplatz“. Er fühlte sich wie ein Einsiedlerkrebs ohne Schneckenhaus - und bald schon wie ein Einsiedlerkrebs im Schneckenhaus. Denn als ihn hier - leider nur - der Schlaf übermannte, verkroch er sich in eine Photozelle. Er legte die Beine hoch und zog den Türvorhang zu, ehe der Vorhang des Tages fiel. Als er Mittwochabend nach einer ausgiebigen Stadtwanderung ins Pink Elephant kam, wartete eine besondere Überraschung auf ihn. Eigentlich sogar zwei. Als er in die Kneipe kam, saß Joe bereits an der Theke. Tims Herz machte einen Satz und auch Joe schien erfreut. Der anfängliche Small-Talk wandelte sich und Tim erfuhr dass Joe erst ein halbes Jahr in der Stadt war. Eine Bewegung an der Tür lenkte Tim ab. Ein älterer Mann trat ein- etwa 70 Jahre. Unter grauem Haar blickten im faltigen Gesicht zwei trübe Augen. Auch der vergilbte Anzug zeugte von vergangenen Jahren. Ein miefiger Geruch begleitete den Alten - aber auch etwas anderes! Ungläubig riß Tim die Augen auf, als er den Blondkopf sah. Weder die blauen Augen noch die schmalen Lippen wirkten recht fröhlich. „Heiko? Heiko Bötticher?“ Der Blondschopf riss erschrocken den Kopf herum und starrte Tim an. „Mensch, Heiko! Was machst Du denn hier? Komm, setz Dich!“ Unruhig pendelte der Blick von Heiko zu dem Alten. Tim visierte das Ziel. Ungeduldig deutete der Mann auf seine Uhr, während er Heiko anstarrte. „Du, ich hab keine Zeit. Wir können uns ja morgen treffen!“ Heiko eilte zu dem Graukopf und setzte sich daneben aufs Sofa. Sofort legte der Greis Besitz ergreifend die Hand auf Heikos Schenkel. Mark amüsierte sich grinsend über Tims Gesichtsausdruck, der langsam begriff. „ Aus welchem Loch bist Du denn gekrochen, dass Dich ein Stricher so durcheinander bringt?“ „Aber das ist ein Schulkamerad von mir!“ „Na und? Jede Nutte ist eine Schulkameradin von jemanden!“ „Und Du hast nichts dagegen?“ Mark zuckte mit den Schultern. „Ich habe was dagegen, wenn sie meine Gäste anmachen. Aber sie können gerne ihre Freier hier reinbringen. Im Vertrauen gesagt - die bringen mehr Kohle als die normalen Gäste! Letztendlich tut er nichts anderes als die meisten hier - nur, dass er Geld dafür nimmt. Der Alte hat die gleichen Bedürfnisse wie jeder, nur dass er nicht mehr so knackig aussieht. Wenn er sich die Dienste leisten kann - warum nicht? Ich werde auch mal alt. Auch mit 70 werde ich noch Lust haben. Und immer - Do it yourself? Warum denn? Wenn ich’s mir dann leisten kann, werde ich auch frisches Gemüse dem Dörrfleisch vorziehen!“ Tim widmete sich wieder Joe, der den Neuling langsam mit dem Szenenangebot der Stadt vertraut machte. Und so kam es, dass die beiden drei Stunden später vom Rosa Elefanten zum Blauen Engel wechselten. Das „Blue Angel“ war eine kleinere Disco in der Nähe. Nähe zum männlichen Geschlecht offenbarte sie nur ansatzweise - jedenfalls nicht im Sinne von Tims Männergeschmack.. Das Blue Angel war eher eine Arena für Pomadenhengste, Dandys und andere Schönlinge, die im Wettbewerb lagen. Aber die Musik war gut, das musste man ihnen lassen. Gegen zwei Uhr morgens machte sich Joe auf den Heimweg, während Tim sich auf die Jagd machte. Noch waren einige männliche Wesen da und vielleicht hatte er ja Glück. Aber er hatte keines. Absolut keines. Der übermäßige Biergenuss schlug ihm auf den Magen und so flüchtete er in die Toilette. Besiegt von Müdigkeit, Bier und flauem Magen saß er auf dem Klodecken und nickte ein. Heftiges Klopfen weckte ihn gegen vier Uhr morgens, als die Disco schließen wollte. Der Schluss dieser Nacht war dann ein richtiges Fiasko, denn Tim stellte fest, dass er seine Getränkekarte verloren hatte. Das kostete ihn 80 Mark, die er nicht mehr hatte. So musste er seinen Personalausweis zücken, worauf der Discobesitzer den Stift zückte und die Daten abschrieb. Abschreiben musste Tim auch die Hoffnung, auf Gnade zu stoßen. Mit dem Versprechen, das Geld nächste Woche zu überweisen, wurde er in die Freiheit entlassen. Tim hatte sich von dieser Woche Abenteuer und Freiheit versprochen! Aber von der Begegnung am ersten Tag im Gay-Kino abgesehen, waren ihm nur Frust und Ernüchterung begegnet. Enttäuscht peilte Tim einen Park an und legte sich dort auf eine Bank, um seinen Rausch auszuschlafen. Die Woche war schon halb um und alles wies auf einen Reinfall hin. Während er mit dieser Enttäuschung kämpfte, schlief er ein. Die Entmutigung trieb ihn Donnerstagnachmittag noch einmal in das Gay-Kino am Bahnhof. Es schien ihm Glück zu bringen. Nur wenige Männer waren um diese frühe Zeit schon da. Etwa eine Viertelstunde saß er in einer der vorderen Reihen, als sich eine Gestalt aus einer der hinteren Reihen löste und nach vorne kam. Unaufgefordert setzte er sich neben Tim und riss die Führung an sich. Eigentlich ging Tim alles viel zu schnell, aber er war so sehr auf ein Erfolgserlebnis aus, dass er es geschehen ließ - zumal sein Gegenüber gar nicht so schlecht aussah - groß, muskulös mit braunen Haaren, braunen Augen und einem mächtigen Schnäuzer. Er stürzte sich beinahe schon auf Tim und konzentrierte sich auf intensivste Zungenküsse. Trotz der Heftigkeit fand Tim das alles andere als unangenehm und bald schon stellte sich das Brennen zwischen den Beinen wieder ein. Tim erwähnte die Toilette, aber Winfried wehrte ab und schlug seine Wohnung in der Innenstadt vor. Tim fügte sich dem Vorschlag und seinem Bedürfnis. Der Nachmittag wurde dann sehr intensiv - beinahe schon zu intensiv. Denn Winfrieds Appetit war enorm und er nicht unbedingt der Sanfteste. Genauso unsanft war die Wahrheit, dass Winfried mit seinem Freund John zusammen wohnte. Schockiert nahm Tim diese Nachricht auf, aber er schluckte den Köder. Denn er fühlte sich bei Winfried wie ein Fisch an der Angel. Vieles widerstrebte ihm bei diesem Mann wie der unsanfte Sex und das taktlose Verhalten gegenüber John. Aber dennoch - irgend Etwas hielt ihn, machte ihn fast hörig. Abends war Winfried bei einem Freundespaar eingeladen und beschloss kurzerhand, Tim mit zunehmen. Dieser Entschluss überrumpelte Tim völlig. Noch überraschter jedoch war Tim von diesem Abend, denn ein weiterer Gast war Joe. Das wiederum überrumpelte Winfried, dem diese Tatsache gar nicht recht schien. Eine andere Tatsache war Tim jedoch sehr recht. Joe suchte nun Mitbewohner für die Wohnung. Eine gewaltige Seelenverwandtschaft verband beide und sie schienen in einer Sintflut aus Sympathie, Zärtlichkeit und Freundschaft zu ertrinken. Immer mehr rückte für Tim an diesem Abend Joe in den Vordergrund, während die anderen wie Komparsen immer weiter zwischen den Kulissen verschwanden. Spät am Abend fuhren sie zu Joes Wohnung. Und so fand Tim Zuflucht in Mauern, die bald Säulen seines Palastes sein sollten. Am Morgen besprachen sie die nächsten Schritte. Am Nachmittag fuhr Tim nach Hamulo zurück. Diesmal schien ihm die Reise noch länger zu dauern. Als er endlich seine Heimatstadt erreichte, fühlte er sich wieder zwiegespalten. Zum einen freute er sich, wieder durch die vertrauten Straßen zu laufen, die bekannten Gesichter zu sehen. Aber gleichzeitig schmerzte ihn jeder dieser Schritte, als würde er barfuß über Scherben gehen. Diese Rückkehr war gleichzeitig ein Abschied. Die Heimkehr war ein Aufbruch. Er wechselte nicht einfach nur die Kulisse. Sein Leben würde sich völlig verändern. Nicht nur seines. Mit Schrecken dachte er an seine Mutter, verspürte zum ersten Mal heftige Gewissensbisse. Seine Schwester war verheiratet. Wenn er jetzt auch aus dem Haus ginge, wäre die Mutter völlig alleine. Plötzlich war er sich seiner Entscheidung nicht mehr so sicher. War es wirklich die richtige Entscheidung? Nie war sie für ihn nur Mutter gewesen, immer zuerst die gute Freundin. Die 26 Jahre, die sie trennten, waren ihm immer eher wie 26 Wochen erschienen. Jetzt war sie 48 Jahre und seit 18 Jahren Witwe. Würde seine Entscheidung sie nicht zur Einsamkeit verurteilen? Der befreiende Entschluss drückte ihm jetzt wie ein Mühlstein auf die Brust. Immer langsamer waren seine Schritte geworden und als er nun vor dem Haus stand, zögerte er fast noch mehr, als am ersten Tag vor dem Pink Elephant. Langsam ging er die Stufen empor. Der Gang in den ersten Stock zog sich hin wie der Gang zum Schafott. Als er die Tür öffnete, war seine Mutter sichtlich überrascht. „Tim! Du bist schon zurück?“ Sie umarmte ihn zum Gruß und er erwiderte diese Umarmung. Er verharrte, ließ gar nicht mehr los - so als sei es ein endgültiger Abschied. Natürlich merkte sie es. Dafür war das Band zwischen ihnen viel zu eng. „Was ist denn, mein Junge?“ Hastig wischte er sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Nichts, Mutsch! Ich freue mich nur, wieder hier zu sein!“ Dann packte er in seinem Zimmer die Reisetasche aus. Er ließ sich auf das Bett fallen und betrachtete das schmale, kleine Zimmer, als sei es ein Palast. Noch vier Wochen blieben ihm in der vertrauten Umgebung. Liebevoll strich er mit den Blicken über jede Einzelheit des Zimmers - die unzähligen Tina Turner-Poster, den Zimmerpflanzen-Dschungel, die zahlreichen Bücher und das kleine Aquarium. All das würde er mitnehmen können. Aber die Erinnerungen in diesen Wänden und auch in dieser Stadt? Die zärtlichen Gedanken an die Hündin Conny, die gemeinsame Kindheit mit der Schwester, die aidskranke Freundin Margret und Mama Ida, die Nachbarin. Und seine wundervolle Mutter, die immer für alles Verständnis gehabt hatte. Würde sie auch dafür Verständnis haben? Er atmete tief durch und verließ sein Zimmer. Mutsch stand gerade in der Küche und kochte eine Kleinigkeit für sie. Er trat ein und lehnte sich gegen den Küchenschrank. Er hatte Angst - Angst, sie zu verletzen - Angst, sie zu verlieren. „Mama, ich muß Dir was sagen!“ Ob sie etwas ahnte? „Was denn, Tim?“ „Hör bitte erst einmal zu, bevor Du irgend etwas sagst! Mama, ich bin - ich bin schwul, ich habe einen Freund, der kommt in vier Wochen her, um mich abzuholen!“ Jetzt war es raus, aber er fühlte sich nicht besser. Vielleicht wäre eine schwächere Dosierung besser gewesen? Schweigen. „Mama? Hast Du es gehört? Was sagst Du dazu?“ „Ich habe es geahnt. Schon lange. Dein Notizbuch, die fehlenden Männerköpfe in den Zeitungen und Katalogen! Ich kann nichts daran ändern, ich muß es akzeptieren, wenn ich Dich nicht verlieren will! Habe Du bitte auch Verständnis! Wenn Dein Freund kommt, möchte ich nicht da sein!“ „Mama!“ Tim fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. „Es ist zu früh! Bitte habe Verständnis! Laß mir Zeit! “ Tim nickte. Das war ihr gutes Recht. Doch die Rettung kam von unerwarteter Seite. Die Türglocke klingelte. Tim öffnete die Tür. Es war Klaus - ein engerer Freund. „Klaus! Es ist jetzt schlecht! Ich hab Probleme.“ „ Was für welche?“ „ Nun, wenn Du es genau wissen willst - ich bin schwul!“ Plötzlich lachte Klaus schallend und brachte Tim in Rage. „Hör auf, zu lachen. Ich hab echte Probleme deswegen!“ „Du wirst es nicht glauben, ich bin auch schwul!“ „Haha, sehr witzig! Laß doch Deine blöden Witze!“ Klaus musste es ihm noch einige Male bestätigen, bis die Wahrheit wirklich zu Tim durchgedrungen war. Ungläubig starrte seine Mutter Klaus an und lud ihm zum Essen ein. Danach folgte ein langes Gespräch. Klaus ging hier ein und aus und gehörte beinahe zur Familie. Dass diese pikante Sache ihn ebenfalls betraf, war eine große Hilfe für Tims Mutter. In den nächsten vier Wochen konfrontierte Tim seinen gesamten Bekanntenkreis mit dieser Wahrheit und er staunt begegnete er Akzeptanz bis Gleichgültigkeit, aber recht wenig Ablehnung. Als Joe dann am Wochenende mit einem Mietwagen vor der Tür stand, half Tims Mutter beim Einladen. Nach einem letzten gemeinsamen Kaffee brachen Joe und Tim dann auf. Tim umarmte seine Mutter und beide hatten Tränen in den Augen. „Tim, mach Dir genauso wenig Sorgen um mich wie ich mir um Dich! Wenn Du damit glücklich bist, ist es die richtige Entscheidung! Du gehst ja nicht weg, sondern nur Deinen eigenen Weg - so wie ich damals auch!“ Dann fuhren sie los. Als Tim dann abends in der neuen, gemeinsamen Wohnung vor dem Fernseher saß, fühlte er sich gut. Er wusste, er hatte nicht nur eine Wohnung, sondern auch einen Freund gefunden. Das war keine Romanze oder Partnerschaft. Es war anderes und doch viel mehr. Es war eine gigantische Seelenverwandtschaft, eine wundervolle Freundschaft. Möglicherweise würden sie in Zukunft nicht die gleiche Straße benutzen, aber ihre Wege würden stets in Sichtweite verlaufen und sich gelegentlich kreuzen. Als Joe dem Neuankömmling dann einige Wochen später den CSD der Großstadt präsentierte, bestaunte dieser ungläubig die Massen der Schwulen und Lesben. Anfangs war er sich schwach, einsam und andersartig vorgekommen. Aber wenn er sich diese Massen ansah - wie konnte man angesichts einer solch riesigen Gemeinschaft von einsam sprechen? Und andersartig? Bedeutete dieses Andersgeartete nicht nur eine variierte Facette des Ganzen? Und schwach? In der Gemeinschaft war man niemals schwach. Jeder, der aus Überzeugung für eine Sache eintrat und auch bereit war, sie in der Öffentlichkeit zu verteidigen, hatte diese Schwäche längst besiegt und zurück gelassen und so seine Stärke demonstriert. Jeder, der diese Barrikaden überwand und zu sich selbst und zu seinen Gefühlen stand, hatte die Wüste der Isolierung überwunden und das gelobte Land erreicht. Tim fühlte sich wie neugeboren. Hier und jetzt begann sein neues Leben. Sicherlich würde es sowohl fette als auch magere Jahre bereit halten. Aber mit dem notwendigen Glauben an sich selbst würden sie keine Bedrohung sein. Er würde weder das Joch der Unterdrückung noch die Sklaverei der Spießer und der Isolation fürchten müssen, die ihn in der Provinz gedroht hätten. Er hatte nicht nur Gefährten in gleicher Sache gefunden, die gemeinsam für die ungezwungene Entfaltung der freien Persönlichkeit fochten. Der Exodus ins Ich hatte ihm auch dazu verholfen, sich selbst voll und ganz akzeptieren zu können. Dieses gelobte Land war nicht gebunden an Grenzen oder Zeit, denn es lag in ihm selbst. Und wer es einmal erreicht hatte, würde es nie wieder verlassen müssen.
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