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Doppelte Gefahr

Von Rainer Kleinferchner

Endlich war es soweit. Eleandrus, der Heitere, stand vor den Toren von Suzail, der Hauptstadt Cormyrs, dem kulturellen Herzen des Königreiches. Die beiden riesigen Türme, die das Horntor, vor dem er stand, links und rechts flankierten, waren aus festem Stein gebaut und ganz oben konnte man zwischen den Zinnen Wachen auf und ab gehen sehen.

Die massive Steinmauer, welche die Hafenstadt umgab, war wohl nur sehr schwer einzunehmen, es müsste wahrscheinlich schon eine ganze Horde von Riesen anmarschiert kommen, um eine Gefahr für die Einwohner Suzails darzustellen.

Suzail galt als eine der sichersten und reichsten Städte in den gesamten Reichen, und das konnte Eleandrus jetzt nur bestätigen. Er wusste, dass die wichtigsten Händlerhäuser in Suzail zu finden waren, und auch hohe adelige Persönlichkeiten nannten die Stadt ihr Zuhause. Weiter hinten konnte man den riesigen Palast des Königs sehen, welcher vom unteren Stadtteil getrennt war. Die Stadt war auch berühmt für die etlichen Bazare , die Elfenbeinstatuen, und die berühmten Schneider von Suzail.

Es herrschte ein reges Treiben auf der gepflasterten Straße, die er entlanggeritten war. Etliche vollbeladene Wägen fuhren durch das riesige Tor ins Innere der Stadt. Eine Woche war er geritten, seit er von seinem Heimatdorf im Schlachtental aufgebrochen war.

Er konnte es noch immer nicht glauben, dass ausgerechnet er ausgewählt worden war, dem König die Schriftrolle zu überbringen. Die Talländer gehörten zwar nicht zum Königreich von Cormyr, doch sie waren nicht verfeindet.

Eleandrus wurde auserwählt, König Azoun IV ein Schriftstück zu überbringen, in dem darauf hingewiesen wird, dass Schlachtental immer unsicherer werden würde, und deshalb darum gebeten wurde, eine Truppe Soldaten auszuleihen, die mal kräftig im Tal aufräumen sollte.

Eleandrus, der Heitere, führte seine Stute Schneezauber durch das Horntor an den zahlreichen Wachen vorbei, die alle, welche die Stadt betraten, von oben bis unten musterten, ob sie nicht verdächtig erschienen. Die meisten waren Händler oder Edelleute, und die Wachen ließen auch Eleandrus ungestört eintreten.

Er befand sich auf der Promenade, der Hauptstraße der Stadt, die vom Horntor, durch das er gekommen war, einen Bogen bis zum Osttor beschrieb. Immer wieder zweigten die einzelnen Nebenstraßen ab, und von allen Ecken konnte man Musik hören, die unterschiedlichsten Düfte stiegen Eleandrus in die Nase.

Am meisten beeindruckte ihn die Mode der Leute. Die Adeligen konnte man leicht an ihren teuren Halbmänteln, den edlen Lederstiefeln und dem vielen Schmuck erkennen, manche trugen Augenmasken mit einer langen Nase davor, andere waren wiederum ganz bunt gekleidet. Fast jede zweite Person jedoch trug zumindest irgendeine leichte Rüstung.

Eleandrus war sich sicher, dass siebzig Prozent davon keine echten Abenteurer waren. Es war wohl auch in Mode, sich wie ein Held zu kleiden. Ihm fiel auf, dass viele Leute in beige und blau gekleidet waren. Das gefiel ihm, und er beschloss, sich später, wenn die Nachricht überbracht war, mal ein wenig in den Läden umzusehen, ob es nicht vielleicht auch für ihn ein passendes Teil gebe.

Überall war Stimmengewirr, und kleine Kinder spielten fangen und lachten. Alles in allem eine wirklich fröhliche Gesellschaft, dachte er. Aber so musste es wohl auch sein für eine Königsstadt.

Er wanderte noch einige Zeit lang gemütlich weiter, sah sich links und rechts um, und ihm gefiel es mit jedem Schritt besser hier. Schließlich kam er nicht oft in solch große Städte wie Suzail. Essembra, sein Heimatdorf, bestand bloß aus einigen Häusern und es war auch ziemlich ruhig dort. Und doch konnte sich Eleandrus vorstellen, mal in eine dieser größeren Städte zu ziehen.

Nach einiger Zeit konnte er dann den riesigen und wunderschönen Königspalast erblicken und es raubte ihm fast den Atem. Sah das Gebäude aus der Ferne schon beeindruckend genug aus, so war es jetzt, aus der Nähe betrachtet einfach umwerfend. Er fragte sich wie lange man wohl an solch einem Gebäudekomplex arbeiten musste. Er kam sich plötzlich furchtbar klein und unwichtig vor, und für einen Augenblick zögerte er bei dem Gedanken, den Palast betreten zu müssen und dem König gegenüberzustehen.

Doch dann erinnerte er sich wieder wie außerordentlich glücklich er gewesen war, als er erfahren hatte, dass er als Bote ausgewählt worden war. Er atmete einmal tief ein, dabei spürte er eine leichte Brise von Meerluft, die vom Wind hier her getrieben worden war, und ging mit festem Schritt und Schneezauber an seiner Seite auf den Königspalast von Cormyr zu.

***

Eleandrus war seit seinem neunten Lebensjahr im Spielen der Mandoline unterrichtet worden. Mit seinen sechsundzwanzig Wintern war er nun schon ein beachtlicher Meister des Instruments. In seiner Heimat war er der ortsbekannte Barde, der die Leute bei Festen unterhielt, ihnen Geschichten erzählte, Heldenlieder vorsang oder mit den Kindern umherspielte und ihnen harmlose Zaubertricks zeigte.

Er war sehr beliebt unter seinen Leuten und hatte eigentlich so gut wie nie Streit mit anderen. Die jungen Mädchen waren begeistert von seiner Art zu reden und bewunderten seine immer gute Laune. Dass natürlich auch er des öfteren einen schlechten Tag erwischen konnte, war klar, doch Eleandrus, der Heitere, konnte solche „seltenen Vorkommnisse“, wie er es nannte, gut überspielen. Ein Lächeln aufzusetzen war ihm noch nie schwer gefallen.

Doch er war nicht allzu oft von zuhause fortgereist. Natürlich schloss er sich oft der einen oder anderen Abenteurergruppe für kürzere Zeit an, doch verlies er die dann meistens bereits nach einigen Tagen wieder, weil er dann immer, auch wenn er es nie zugeben würde, Heimweh bekam.

Als er zuvor die Promenade von Suzail entlanggewandert war hatte ihm das Menschengemenge eigentlich recht gut gefallen, doch jetzt kam wieder so etwas wie ein Heimweh in ihm auf. Das lag wahrscheinlich daran, dass er jetzt schon mindestens zwei Stunden in diesem Gästezimmer saß und wartete. So hatte er sich das beim besten Willen nicht vorgestellt.

Als er den mächtigen Königspalast, umringt von etlichen Purpurdrachen, betreten hatte, war er überwältigt von all dem Reichtum und dem unbezahlbar teuren edlen Schmuck, der überall zu sehen war. Die Gänge funkelten und kein Staubkorn war auf dem Flur zu sehen. Teure Teppiche hingen an den Wänden, von denen manche aus Gegenden kamen, die Eleandrus nicht kannte. Riesige Wandgemälde zeigten Jagden in den üppigen Wäldern Cormyrs, für die das Königreich berühmt war. Es waren Gemälde von berühmten Persönlichkeiten der Königsfamilie und anderen Adeligen zu sehen.

Eleandrus war mit dem Schauen gar nicht nachgekommen, so schnell hatten ihn die Wachen zum Gästezimmer geführt, in dem er warten solle, bis er geholt werden würde.

Jetzt im Nachhinein verfluchte er sich dafür, nicht gefragt zu haben, wie lange er denn zu warten hätte. Der Raum war zwar einfach eingerichtet und doch spürte man förmlich, dass es ein Zimmer des Königspalastes war. Der Raum war erfüllt von dem Duft exotischer Gewürze und die Sesseln waren bestimmt aus sehr teurem Holz geschnitzt.

Während Eleandrus den Blick bestimmt zum hundertsten Male durch den Raum schweifen ließ, musste er wieder an seine Heimat denken. Da war Hellena, eine junge Magd, die trotz ihrer erst neunzehn Winter bereits wie eine stattliche Frau aussah. Auch ihre Redens- und Denkensart war die einer erwachsenen Frau.

Eleandrus hatte sich beim letzten Mittsommerfest in sie verliebt. Gemeinsam hatten sie beim Lagerfeuer gesessen und über Gegenden in Faerun gesprochen, von denen sie zwar gehört, die sie aber selbst noch nie besucht hatten.. Sie stellten sich vor wie sie gemeinsam durch die Welt reisen würden und die schönsten Landschaften sehen und die aufregendsten Abenteuer erleben würden.

Jetzt fiel ihm wieder ihr Gesicht ein, ihr strohfarbenes Haar, dass sie im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden gehabt hatte und ihr Funkeln der Augen, welches ihn jedes Mal, wenn er sie ansah, verzauberte.

„Ich bin.gleich wieder weg, tut mir leid, entschuldigt!“

Eleandrus war verwirrt, jetzt erst bemerkte er, dass während er in seinen Erinnerungen versunken war, jemand den Raum betreten hatte.

„Äh, es tut mir leid...ich...äh...ich war eben in Gedanken verloren und da...“

Es war Hellena...oder zumindest dachte er das für einen kurzen Augenblick. Dann fiel ihm auf, dass es nicht seine Geliebte war. Aber die junge Frau die jetzt vor ihm stand, war es wert, mit Hellena verwechselt zu werden.

Eleandrus merkte erst nach einigen Augenblicken, dass er sie anstarrte, und sie verlegen wegblickte, wobei sich auf ihren Wangen ein leichter roter Schimmer erkennbar machte. Er schimpfte sich in Gedanken für seine Unhöflichkeit und beschloss, es sofort wieder gut zu machen.

„Oh, entschuldigt, ich bin heut ein wenig in Gedanken verloren, wie Ihr bestimmt bereits mitbekommen habt, aber nichtsdestotrotz finde ich es wäre an der Zeit, mich Euch, Fräulein...“

„Lespeera, so heiße ich“, unterbrach sie ihn leise. Dabei schenkte sie ihm ein bezauberndes Lächeln.

„Lespeera, welch bezaubernder Name, gestattet mich Euch vorzustellen, ich bin Eleandrus, der Heitere, lokaler Barde und Unterhaltungskünstler aus einer kleinen Ortschaft im Schlachtental. Ich bin als Bote geschickt worden.“

Lespeera nickte nur, ging in eine hintere Ecke des Raumes, hob ein Seidentuch vom Boden auf, und ging wieder zurück zur Türe. Dort blieb sie noch kurz stehen und drehte sich um. Sie blickte Eleandrus mit ihren dunklen Augen an und da konnte er wieder eine verblüffende Ähnlichkeit mit Hellena erkennen.

„Auf Wiedersehen, Eleandrus, ich hab nur etwas geholt“, und dann verlies sie den Raum bevor Eleandrus noch etwas sagen konnte.

Er war fasziniert. Es sollte gesagt werden, dass Eleandrus schon immer ein Held gewesen war, obwohl er diesen Titel nicht erhalten hatte, weil er durch Faerun reiste und Drachen schlachtete, sondern weil er nicht selten das Herz einer jungen Schönheit brach. Obwohl er sich vor etlichen Zehntagen geschworen hatte, endgültig treu zu bleiben und nur mehr Hellena schöne Augen machen würde, merkte er in diesem Moment nur allzu deutlich, dass solche Vornehmen für jemanden wie ihn nicht geeignet waren.

„Lespeera“, flüsterte er leise ihren Namen vor sich hin und in Gedanken formte sich bereits ein Liebeslied, welches von ihrer makellosen Schönheit berichten sollte. Dann hörte er von draußen im Gang einen Schrei.

Einen Schrei einer jungen Frau.

Eleandrus stürmte auf den Gang hinaus, wobei er fast eine der Wachen, die vor der Tür gestanden hatte, niedergerannt hätte.

„Habt Ihr es nicht gehört?!“, schrie er den Soldaten mit weit aufgerissenen Augen an. Dieser jedoch schien nicht im geringsten besorgt zu sein und antwortete bloß: „Doch, ich hab den Schrei gehört. Das war Lespeera. Sie ist entführt worden, nicht weiter schlimm...“

Eleandrus traute seinen Ohren nicht, musste einen kurzen Moment über die Worte der Wache nachdenken, bis er realisierte, dass er nicht träumte.

Was?!“, schrie er, „Ich glaube nicht was ich eben aus Eurem Munde gehört habe!

Die Wache blieb ruhig.

„Nun beruhigt Euch mal wieder Eleandrus, nennt man Euch nicht den Heiteren? Ihr seid doch Eleandrus, der Heitere, nicht wahr?“

Eleandrus nickte, und wollte losstürmen, er wollte Lespeera retten und von dieser nichtsnutzigen Wache, die wohl nur durch Zufall in den Dienst des Königs gekommen war, los reißen. Doch der Soldat hielt ihn zurück, und er war zu stark, als dass er sich hätte befreien können.

„Ganz ruhig, Eleandrus. So vertraut mir doch. Mir, einem Diener der Krone und Untertanen des Königs. Ich wiederhole, es hat alles seine Gründe. Lespeera geht es gut.“

„Eben noch habt Ihr behauptet sie wäre entführt worden, und jetzt wollt Ihr mir weismachen, ihr ginge es gut! Ich traue niemanden mehr in diesem Palast!“

Eleandrus war außer sich. Die Wache hielt ihn jedoch mit ihrem stählernen Griff fest, so dass jeder Fluchtversuch aussichtslos war.

„Es ist eine lange Geschichte, zu lang, um sie Euch jetzt hier ausführlich zu erklären, aber wenn Ihr mir versprecht, nicht fortzulaufen, werde ich Euch zu Lespeera führen. Willigt Ihr ein, Eleandrus?“

Er musste einen Moment überlegen, aber im Anbetracht der Dinge hatte er nicht viele andere Möglichkeiten, als der geheimnisvollen Wache sein Wort zu geben, nicht zu fliehen, schließlich wollte er unbedingt Lespeera sehen.

„Nun gut...“, sagte er nach kurzem, „Ich verspreche es, ich werde nicht versuchen zu fliehen, wenn Ihr mich zu ihr führt“

„So gefällt Ihr mir schon besser, Barde, also los jetzt, das Mädchen wartet auf uns. Folgt mir“

Sie gingen den Gang ein Stück entlang, wobei Eleandrus auffiel, dass es merkwürdig still war. Nicht dass es bei seiner Ankunft anders gewesen wäre, aber jetzt kam es ihm noch ruhiger vor.

Sie kamen zu einer breiten Treppe, die nach unten führte. Jetzt fiel ihm ein, was er vermisste. Es waren keine anderen Wachen zu sehen. Zuvor jedoch hatten zumindest vor einigen Türen welche gestanden. Keine Spur von ihnen.

Ihm wurde ein wenig komisch zu mute, als er der geheimnisvollen Wache die Treppe hinunter folgte. Der Soldat redete bis auf ein gelegentliches „gleich sind wir da“, oder „jetzt ist es gleich soweit“, nichts mit Eleandrus, dem die ganze Sache, je weiter sie die Treppe hinabstiegen, immer merkwürdiger vorkam.

Endlich waren sie unten angekommen. Sie befanden sich in einem Gang wie der obere, nur war dieser düsterer. Alle zehn Meter brannte eine Fackel in einem Halter, doch dazwischen war es beinahe stockdunkel.

Eleandrus wagte kein Wort von sich zu geben, noch traute er sich zu, zu flüchten. Der einzige Trost, der ihm geblieben war, war der, dass er vielleicht tatsächlich Lespeera wiedersehen würde. Doch so langsam konnte er selbst daran nicht mehr so recht glauben.

Dann hielten sie plötzlich vor einer schweren Eisentüre an, die sonst keine Aufschriften oder sonst etwas zeigte.

„Hier sind wir“, sagte der Soldat, und sperrte das Schloss mit einem der vielen Schlüssel an seiner Seite auf.

Die Kammer, in die sie gingen, war dunkel und roch nach allen möglichen Gewürzen. Es war eine Vorratskammer, in der viele Lebensmittel und natürlich auch Kräuter gelagert wurden.

Der Soldat warf die Tür ins Schloss und blieb einige Momente schweigend stehen, wobei er Eleandrus von oben bis unten musterte. Es vergingen ein paar Minuten, bis es Eleandrus zu unangenehm geworden war und er fragte: „Also, was ist jetzt mit ihr? Ich sehe sie nicht. Wo versteckt Ihr sie und überhaupt, was soll das Ganze?“

„Was das Ganze soll ist eine gute Frage“, sagte der Soldat mit nachdenklicher Stimme, dabei kratzte er sich am Kinn. Das Kratzen war erschreckend laut in der Stille des dunklen Raumes zu hören, und Eleandrus wurde jetzt richtig wütend.

Wie ein Blitz griff er zu seinem Dolch und wollte zustechen, doch siehe da, seine Hand griff ins leere. Da viel ihm wieder ein, wie er beim Betreten des prachtvollen Palastgartens seine Waffen einem Soldaten hatte abgeben müssen.

„Du fragst wo sie ist“ sagte der Soldat.. „Tja, ich weiß es nicht. Ich hab sie das letzte Mal gestern Abend gesehen, als sie von ein paar Jungs umschwärmt worden war und daraufhin in eine Taverne flüchtete, wo ich sie dann auch traf.“

Eleandrus war verwundert. Es konnte doch nicht sein , dass sich ein adeliges Mädchen, wenn sie das überhaupt war, aber der Tatsache nach, dass sie sich frei im Palast bewegen durfte und auch ihrer Kleidung nach zu urteilen, war sie das bestimmt, allein in den Gassen der Stadt am Abend herumlaufen konnte.

Suzail war bestimmt eine sichere Stadt, aber Eleandrus wusste auch so viel, oder auch so wenig über Adelige, um zu wissen, dass sie ihre Kinder nicht unbedingt allein herumlaufen ließen, und schon gar nicht am Abend oder bei Nacht.

Eines wurde ihm in dem Moment klar, nämlich dass die Zeit gekommen war, zu erfahren, was hier für ein Spiel gespielt wurde.

„Was soll das ganze, erzähl mir alles was du weißt, und Soldat seit Ihr doch auch keiner!“

„Soldat?“, er schaute auf sich und seine Rüstung herab und meinte: „Ach mein neues Erscheinungsbild. Das ist nur Fassade, ein Mittel zum Zweck sozusagen. Aber das brauch ich jetzt eh nicht mehr. Ach und noch was, ich weiß zwar nicht wo das junge Mädchen steckt, aber trotzdem halte ich meine Versprechen, du sollst sie sehen.“

Was als nächstes passierte ging sehr schnell. Noch bevor die Wache das letzte Wort fertiggesprochen hatte, fing die Gestalt plötzlich an zu verschwimmen. Ihr Körper verlor die Umrisse und auch die Farben schienen zu verschwinden. Für einen kurzen Augenblick stand eine humanoide fahlgraue Gestalt vor Eleandrus, dann verschwamm wieder alles, bis sich langsam wieder Umrisse abzeichneten, und auch die Farben zurückkehrten.

Bevor Eleandrus wusste, wie ihm geschah, stand vor ihm Lespeera, mit ihrem strahlenden Lächeln und ihrem Funkeln in den Augen, welche Eleandrus wieder in ihren Bann zogen.

„Les...Lespeera“, stammelte er.

„Nein, nicht ganz, ich habe eigentlich keinen Namen, oder ich habe unendlich viele Namen, kommt ganz darauf an, wie man es sieht. Jetzt hab ich die Gestalt von dem jungen Mädchen, was eigentlich gar nicht Lespeera heißt, den Namen hab ich mir selbst ausgedacht, zuvor hatte ich die Gestalt von der nutzlosen Wache, deren echter Körper hinter einem Vorhang im eigenen Blut badet. Ich könnte auch deine Gestalt annehmen. Soll ich deine Gestalt annehmen?“

Eleandrus verspürte Liebe und Hass zugleich. Er konnte sich nicht entscheiden, welchem Gefühl er freien Lauf lassen sollte. Im Endeffekt siegte aber seine Intelligenz, und die sagte ihm, dass wirklich nicht Lespeera, oder wie sie auch immer hieß, wenn es sie überhaupt gab, vor ihm stand.

Es dauerte einige Augenblicke, bis er sich soweit unter Kontrolle hatte, dass er mit dem Wesen vor ihm sprechen konnte, das wie seine Traumfrau aussah.

„Erzählt mir alles, alles was Ihr wisst, warum Ihr es macht, und was zu den neun Höllen ich damit zu tun habe!“

Das Wesen vor ihm lachte mit dem verführerischtesten Lächeln, dass Eleandrus je gesehen hatte, und begann zu erzählen.

„Tja, ich bin ein Doppelgänger. Ich bin auf der Suche...nach jemanden wie dich. Ich hatte schon gut daran getan, mich in den Königspalast einzuschmuggeln. Du musst wissen, als Doppelgänger hat man da so gewisse Vorteile.

Bei meiner Aufgabe dachte ich gleich daran, Adelige auszuwählen, und du bist wohl der geeignetste unter ihnen.“ Das Ding lachte schelmisch und Eleandrus verspürte augenblicklich den Wunsch, jemand anderen als die liebliche Lespeera vor sich zu haben.

Und dies ließ er den Doppelgänger auch wissen:

„Bitte, sieh mich an, ich bitte sogar schon, nimm eine andere Gestalt an, wenn du schon die Fähigkeit dazu hast, ich kann einfach nicht diesem Mädchen in die Augen sehen und dabei deinem wirren Gerede lauschen. Und übrigens, du magst ja vielleicht leicht in den Königspalast gekommen sein, aber einen Adeligen hast du dennoch nicht gefunden.

Vielmehr steht vor dir ein einfacher Bürger aus den Talländern, der in seinem Leben durch Zufall einmal den König persönlich aus einigen hundert Metern Entfernung zu Gesicht bekommen hat, als dieser die Talländer aufgrund eines Festes bereiste, ansonsten aber nicht im geringsten in irgendeinem Zusammenhang mit den Adelshäusern Cormyrs steht.

Sieht fast so aus als hättest du, wer immer du auch bist, und welche Motive dich auch immer antreiben mögen, den falschen erwischt. Könntest du mich jetzt bitte wieder gehen lassen!“

Eleandrus flehte jetzt im Stillen zu Milil, dem Herren aller Lieder, dass er ihn, wenn nötig, beschützen würde. Man sagt, dass der Gott der Lieder und Gedichte seinen Untergebenen in Schwierigkeiten Beistand leiste. Eleandrus hoffte nur zu sehr, dass Milil ihn jetzt erhören würde.

Der Doppelgänger erwiderte nichts weiter auf Eleandrus Ausbruch. Er kam sogar seiner Bitte nach, indem er sich in irgendeinen Bürger verwandelte, der in billige Straßenmontur gekleidet war. Eleandrus war darüber insgeheim ziemlich erleichtert.

„Sieh an, sieh an,“ fuhr der Doppelgänger fort, „dann pulsiert also gar kein Nobelblut in deinen Adern. Interessant...“ Er schwieg einen Augenblick, und runzelte die Stirn. Der Doppelgänger dachte wohl über etwas nach, und die Person, von der er die Gestalt angenommen hatte, neigte wohl dazu, beim Nachdenken die Stirn sehr offensichtlich zu runzeln.

Gleich darauf fuhr er fort: „Aber das macht gar nichts. Du bist genauso gut wie jeder andere Adelige auch. Ich halte sowieso nichts von den Klassenunterschieden in eurer Gesellschaft. Deshalb werde ich dich jetzt mit deiner Aufgabe bekannt machen. Es wird dir bestimmt nicht schwer fallen. Schließlich musst du ja aus irgendeinem Grund in den Palast gelassen worden sein.“

Eleandrus wurde ein bisschen unwohl, als der Doppelgänger weiter sprach.

„Wir Doppelgänger töten unsere Opfer. Unter Opfer verstehen wir jene humanoide Wesen, deren Gestalten wir annehmen. Nur muss dazu gesagt werden, dass nicht alle Doppelgänger gleich sind. Ich bin eine Ausnahme. Ich hätte, wenn ich so wäre wie die anderen, das Mädchen, welches dir so gefällt und den Bürger, dessen Gestalt ich nun angenommen habe, beseitigen müssen, was ich aber nicht getan habe.“

Eleandrus wusste nicht, ob er dem Doppelgänger Glauben schenken sollte. Er schwieg einstweilen und hörte ihm weiter zu.

„Die Wache musste ich umbringen, und da ich dies zugebe, soll dein Vertrauen mir gegenüber gestärkt werden. Der Soldat war zu schlau und machte Schwierigkeiten, mir blieb quasi keine andere Wahl.“

„Und da willst du behaupten nicht wie die anderen zu sein?“, Eleandrus ließ jegliche Höflichkeitsanreden weg.

„Ich sagte doch eben zuvor dass es eine Notwendigkeit gewesen war. Du musst mir in diesem Falle Glauben schenken. Denn wenn ich dir den Rest der Geschichte erzähle, wird dir das eine Opfer mehr als recht sein.“

Eleandrus wusste immer noch nicht, wie er reagieren sollte. Dem Wesen glauben und womöglich einen Pakt mit einer Kreatur der Finsternis eingehen, oder ihm nicht glauben, und womöglich dafür mit dem Tod bezahlen.

„Erzähl weiter“, sagte er nüchtern.

„Es geht um den König. Er ist in großer Gefahr, und ich billige das Verhalten meiner Artgenossen nicht. Sie wissen allerdings nichts von meinem wahren Ich. Sie denken ich wäre ein Doppelgänger wie sie, doch ich bin eine Ausnahme.

Diese Gruppe von Doppelgängern hat vor, den König Azoun IV zu töten und seinen Platz einzunehmen. Mit ein bisschen Verstand kannst du dir ausrechnen, was für Folgen dies für das Königreich haben würde, wenn nicht sogar für ganz Faerûn.“

Dem Bürger stand nun Schweiß auf der Stirn. Obwohl es der Doppelgänger war, der nur in seinem Körper steckte, konnte man seine Aufregung an den menschlichen Ausbrüchen der Nervosität erkennen. Die Finger des Bürgers spielten nervös mit den Schnüren an seinem Hemd und er zappelte sogar ein wenig.

Es ist schwer zu beschreiben, was als nächstes in Eleandrus vorging, jedoch sei nur soviel gesagt, dass Eleandrus über eine soviel Menschenkenntnis verfügte, um feststellen zu können, ob jemand etwas vorspielte oder es ernst meinte.

Er nahm nicht an, dass der Doppelgänger den Schweißausbruch des Mannes, in dessen Gestalt er steckte, kontrollieren konnte. Deshalb ging Eleandrus einfach mal davon aus, die Geschichte würde stimmen. Er beruhigte sich wieder ein wenig, und hörte weiterhin dem nervösen Gerede des Mannes vor ihm zu.

„Den Doppelgängern wird es ohne weitere Schwierigkeiten gelingen in den Palast und bis zu den Gemächern des Königs vorzudringen. Sie befinden sich bereits seit gestern in der Stadt und haben mich eigentlich beauftragt, den Palast inzwischen ein wenig auszuspionieren. Ich sollte sie heute Nacht, wenn der Mond am höchsten steht, vor den Gemächern des Königs treffen.

Mein Plan sieht nun folgenderweise aus. Ich muss mit deiner Hilfe die ganze Geschichte dem König berichten. Er wird einem Doppelgänger keinen Glauben schenken, vielleicht bist du der Richtige, um ihn davon zu überzeugen, dass ich es ernst meine, und auf seiner Seite stehe. Deshalb war ich auf der Suche nach einem Adeligen, da der König diesem noch am ehesten glauben würde.

Aber auch du solltest geeignet sein, ich sehe in deinen Augen, dass du über eine gewisse Überredensgabe verfügst. Ich hoffe es zumindest. Die Gestalt des Mädchens hab ich angenommen, um dich zu locken. Ich dachte mir, dass nur wenige ihrer Schönheit wiederstehen würden. Womit ich ja schließlich auch Recht hatte.

Ach übrigens, als ich ihre Gestalt angenommen habe, suchte ich in ihren Gedanken zwar nicht nach ihrem Namen, da mich der nicht interessierte, wollte aber einiges über sie erfahren, um etwaige Informationen zu nützen.

Dabei habe ich erfahren, dass sie ihren Verlobten vor kurzem verlassen hat, da sie diesen mit einer Dienstmagd im Bett erwischt hatte. Ich konnte außerdem in Erfahrung bringen, dass sie auf der Suche nach einem neuen Liebhaber ist, jedoch von den Jungs, die sie umschwärmen, keiner dabei ist, der ihr zusagen würde. Sie liebt außerdem Gedichte.

Vielleicht kannst du ja mal dein Glück bei ihr versuchen, sollten wir die Doppelgängerbedrohung erfolgreich abwenden können. Sollte dies nicht der Fall sein, wirst du bald andere Probleme als Liebeskummer haben, und damit wirst du wohl kein Einzelfall sein.

Ich muss die Gestalt des Königs annehmen, um sicher zu gehen, dass ihm nichts passieren wird. Denn sollten wir die Doppelgänger nicht stoppen können, bevor sie den König erreichen, wird es besser sein, wenn sie versuchen, mich zu meucheln, ich werde ihnen geschickter entgehen können als der echte König.

Dieser sollte inzwischen an einen sicheren Ort gebracht worden sein, und vor allem sollte er eine große Anzahl an Soldaten bereithalten, die der Gruppe von Doppelgängern einen würdigen Empfang geben.

 Die Aufgabe ist ernster als du vielleicht glauben magst. Wir müssen uns beeilen. Los, auf zu den Gemächern des Königs!“

Mit diesen Worten beendete der Doppelgänger seine Ansprache.

Eleandrus war ziemlich verwirrt. Er glaubte dem Doppelgänger allerdings längst die Geschichte, und wenn das mit dem Mädchen, was er erzählt hatte, der Wahrheit entsprach, dann hatte Eleandrus noch mehr Ansporn. Bei dem Gedanken, sich eben mit einem Doppelgänger verbündet zu haben, um den König von Cormyr vor einer Gruppe anderer Doppelgänger zu beschützen, musste er lachen, obwohl ihm wahrhaftig nicht danach zumute war. Doch viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm ohnehin nicht, da sie bereits die Stufen hinauf eilten und in Richtung Königsgemächer unterwegs waren.

Es war nicht einfach zum König zu gelangen. Erst als Vangerdahast, der mächtige Magier herbeigerufen worden war, wurde es ihnen genehmigt, das Oberhaupt von Cormyr zu sprechen.

König Azoun IV war trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch eine beeindruckende Gestalt Er war vor seinen Jahren als Herrscher des Königreiches ein mächtiger Krieger gewesen, der tapfer gegen die Tuiganhorde gekämpft hatte. Soviel wusste Eleandrus.

Jetzt, wo er ihm gegenüberstand war ihm klar, dass keine der Geschichten über die Heldentaten dieses Mannes erfunden waren.

Der Blick in des Königs Augen verriet einiges an Weisheit und Macht. Sein schwarzes Haar, welches unter der prachtvollen goldenen Krone hervorschaute, war an einigen Stellen bereits ergraut, dennoch verfügte er immer noch über eine äußerst robuste Figur, wie es typisch war für einen Krieger.

Eleandrus wusste auch, dass er immer noch des Öfteren ausritt, um sich an vergangene Abenteurerzeiten zu erinnern. Dann, so war es ihm erzählt worden, trug er einen magischen Plattenpanzer, sowie seinSchild. Außerdem war er mit einem seiner vielen stehenden magischen Schwerter bewaffnet

 „Seid gegrüßt! Welche Mitteilung, die Ihr mir überbringen wollt, ist denn nun so wichtig, dass ich mich von meinem äußerst interessanten Buch für diesen Moment verabschieden muss?“, fragte der König mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln auf den Lippen.

„Ich bin überzeugt, dass ihr mir nichts böses antun wollt, aber dennoch muss ich heutzutage leider darauf bestehen, dass mein Freund Vangy“, er deutete auf den alten Mann mit dem langen weißen Bart hinter ihm, „bei all meinen Besprechungen und Empfängen anwesend ist. Zu viele in letzter Zeit Attentatsversuche haben mich zu dieser Vorsichtsmaßnahme gezwungen. Ich bin überzeugt, Ihr habt Verständnis dafür und werdet es nicht als beleidigend auffassen.“

Der König wahr wirklich sehr nett. Eleandrus betrachtete den alten Mann, Vangerdahast, während der Doppelgänger, immer noch in Gestalt des einfachen Bürgers zu berichten anfing.

„Eure Hoheit, die Sicherheitsmaßnahmen sind auf alle Fälle gerechtfertigt und es tut gut zu wissen, dass der König stets Vorsicht walten läst. Schließlich kann sich Cormyr den Verlust solch eines rechtschaffenen Herrschers wie Ihr es seit, nicht leisten.“

Der König tat die Schmeicheleien mit einer flüchtigen Handbewegung ab. „Kommt zur Sache, ich bin schon so neugierig, welche Geheimnisse mir mein Buch noch verraten wird.“

Obwohl er sich bemühte möglichst freundlich zu klingen, konnte er seine Ungeduld dennoch nicht verbergen. Dies war auch verständlich, denn für gewöhnlich musste man sich für einen Termin beim König lange vorher anmelden. Dass er bei ihnen eine Ausnahme gemacht hatte, zeigte nur zu offensichtlich, dass der König auch wirklich etwas Dringendes erwartete.

Und so begann der Doppelgänger die Geschichte zu erzählen, die er vor kurzem Eleandrus erzählt hatte. Dieser bestätigte einige Aussagen, nickte an den richtigen Stellen in der Erzählung, und versuchte so gut wie möglich den König davon zu überzeugen, dass die Geschichte nicht erlogenes Gequatsche irgendeines dahergelaufenen Straßenjungen war.

Es war nicht leicht, die ganze Situation, die nun wirklich oft beinahe lächerlich rüberkam, glaubwürdig zu berichten, und nachdem es im Raum wieder still geworden war, und sie auf eine Antwort des Königs warteten, war Eleandrus, der Heitere, der in dem Moment nicht mehr so ganz seinem Namen Ehre machte, fast davon überzeugt, dass sie im Kerker landen würden für solch eine fantastische Geschichte.

Umso erleichterter war er, als das Oberhaupt von Cormyr, nachdem es einige Worte mit Vangerdahast gewechselt hatte, auf sie zukam, und den Doppelgänger freundlich anblickte.

„Wenn deine Geschichte der Wahrheit entspricht, dann müsste ich dich eigentlich auf der Stelle töten lassen.“, begann der König. „Kein Doppelgänger dürfte jemals den Palast betreten, aber bei Anbetracht des von euch dargelegten Berichtes, muss ich euch beinahe Glauben schenken. Aber sollte sich irgendwann herausstellen, dass ihr gelogen habt, und ihr der Krone etwas anhaben wollt, dann bei allen Göttern möget ihr auf der Stelle hingerichtet werden.“

Eleandrus musste schlucken und auch die Gestalt des Bürgers zeigte wieder die Schweißausbrüche auf der Stirn. Aber der König setzte dann sofort darauf wieder seine freundliche Miene auf und befahl Vangerdahast auf der Stelle alle Sicherheitsmaßnahmen zu treffen.

Der Magier, der in eine voluminöse Robe mit vielen Verzierungen und Runen gekleidet war, hatte bis zu dem Moment geschwiegen und nur ab und zu genickt, wenn der König etwas zu ihm gesagt hatte.

Jetzt ergriff er das Wort: „Verhalte dich ruhig, Bürger, ich werde deine wahre Identität überprüfen, um den Wahrheitsgehalt eurer Geschichte zu überprüfen.“ Er hob die Arme und griff sich auf die Schläfen, dabei murmelte er unverständliche Worte in seinen dichten Bart und sah ziemlich angestrengt aus.

Dann blickte er auf und nickte zum König. „Sie haben die Wahrheit gesprochen, zumindest was deine Person angeht.“ Er deutete auf den „Bürger“. „Es handelt sich bei dir tatsächlich um einen Doppelgänger.“

Für einen Moment herrschte Stille im Raum, und Eleandrus war aufgefallen, wie der König kurz zusammen gezuckt war, als der Magier die wahre Identität seines Gefährten preisgab.

„Nun dann“, fuhr Vangerdahast fort und kratzte sich auf der Stirn. „Lasst uns beginnen.“

Daraufhin deutete er auf den Doppelgänger und nickte ihm zu. Der König versteifte sich und verfolgte gespannt, was als nächstes geschehen würde. Auch Eleandrus war innerlich sehr angespannt.

Keine Minute später standen zwei Könige im Raum, die sich wie ein Ei dem anderen ähnelten.

„Und wie sollen wir euch nun auseinanderhalten?“, entfuhr es Eleandrus plötzlich. Die Frage war berechtigt, aber scheinbar hatte Vangerdahast dies bereits im Vorhinein bedacht gehabt. Er gab dem echten König einen etwa faustgroßen Stein. „Nur wer diesen Stein vorweisen kann, ist der echte König.“ Als dieser ihn in die Hand nahm, fing er an leicht grün zu leuchten.

„Sollte den Stein jemand anderer in Händen halten, als der wahre König, wird er nicht leuchten“, sagte Vangerdahast weiter.

„Und nun auf zu den unteren Gemächern, ich werde die restlichen Vorkehrungen treffen.“ Daraufhin eilte er aus dem Raum und deutete Eleandrus und dem falschen König noch schnell, ihm zu folgen.

Das taten sie auch und waren kurz darauf in den unteren Gemächern und in der Vorhalle zum Eingang des Königspalastes, wo sie von etlichen Wachen beschattet wurden, während Vangerdahast seine „Vorkehrungen“ traf. Inzwischen war der echte König in seine geheime Zufluchtstätte geflohen.

Schon bald kam Vangerdahast mit einer Armee von Purpurdrachen und einer Gruppe von zehn Kriegsmagiern in ihren roten und dunkelbraunen Roben in die Vorhalle. Als er die überraschten Blicke Eleandrus bemerkte, sagte er schlicht: „Das sollte reichen.“

Danach gingen alle in Stellung, während der falsche König in den Speisesaal gebracht wurde, wo er warten sollte, bis er von Vangerdahast weitere Anweisungen bekommen würde.

Eleandrus atmete noch einmal tief durch, und hoffte fast noch mehr, dass die Doppelgänger erscheinen würden, als dass sie nicht kämen. Was würden ihnen bloß für Strafen drohen, wenn all der Aufwand umsonst gewesen sein sollte...

Doch das war er nicht.

Die ersten Augenblicke des Angriffs verliefen für Eleandrus unheimlich schnell. Erst als die Kriegsmagier begannen, magische Geschosse auf eine Gruppe von Soldaten des Königs zu feuern, die eben durch das große Eingangstor die Halle betreten hatten, wusste er, dass es sich nur um die Doppelgänger handeln konnte.

Nicht einmal die wirklichen Soldaten reagierten sofort. Wer würde schon einfach so seinesgleichen angreifen? Doch die Kriegsmagier, angeführt von Vangerdahast erkannten die Gefahr sofort. Bestimmt hatten sie irgendwelche Alarm- oder Erkennungszauber angewandt, ohne dass jemand es bemerkt hatte.

Erst als Eleandrus gerade noch im letzten Augenblick merkte, dass der auf ihn zulaufende Soldat keineswegs die Absicht hatte, ihm mit dem Langschwert zuzuwinken, sondern die Klinge hin und her schwang, um ihn zu töten, wurde ihm der Ernst der Lage so richtig bewusst.

Mit einer unheimlich schnellen Handbewegung zog er sein Kurzschwert und warf sich zur Seite. Gleichzeitig rammte er die Klinge gegen die Rippen des Soldaten. Dieser parierte gerade noch im rechten Moment mit seiner eigenen Klinge. Dadurch war Eleandrus Arm wie gelähmt.

Er spürte ein unangenehmes Kribbeln, das von den Fingerspitzen bis zu seiner Schulter reichte. Der Doppelgängersoldat setzte erneut zu einem Hieb an. Eleandrus schmetterte sein Kurzschwert mit aller Kraft gegen die herannahende Langschwertschneide, worauf kleine Funken wegspritzten und sein Arm noch tauber wurde.

Und dennoch hatte er den tödlichen Schwerthieb erfolgreich abgewehrt. Eines stand fest, lange würde er nicht mehr auf diese Art und Weise davon kommen. Früher oder später, wahrscheinlich früher, würde der Doppelgänger einen Treffer landen, und darauf hatte Eleandrus eigentlich nicht besonders große Lust. So beschloss er, die Flucht zu ergreifen, schließlich war er kein Krieger.

Gerade als sein Gegner das Gesicht zu einer Maske verzog und laut brüllend auf Eleandrus Hals zielte, sprang dieser geschickt nach hinten und landete auf einer Treppe. Dies verschaffte ihm einen zwar geringen aber doch nennenswerten Vorteil, den er sofort ausnutzte. In dem Moment, als sein Gegner den verfehlten Schwung mit dem Langschwert durchgeführt hatte, und etwas außer Gleichgewicht geriet, stieß Eleandrus zu.

Die kurze Klinge bohrte sich durch das Kettenhemd des Soldaten und drang tief in den Körper ein. Ein qualvoller Schrei kam aus dem Mund des Verwundeten, doch Eleandrus war schon auf und davon.

Er stürmte die Treppen hinauf und sah sich oben angekommen um. Einige Meter vor ihm befanden sich riesige Balkone auf denen Magier ihre Zauberwaffen hinunter in die Vorhalle des Palastes abschossen. Es waren viele, und immer wieder krachte und zischte es, und die unterschiedlichsten Lichter erhellten die Halle.

Der Kampflärm war unerträglich laut und beinahe hätte dies Eleandrus Leben gekostet. Normalerweise verlies er sich sehr oft auf sein äußerst gutes Gehör, es hatte ihn schon öfters aus lebensgefährlichen Situationen befreit, doch bei diesem Krach brachte ihm das gar nichts.

Der von ihm verwundete Soldat war die Treppen heraufgelaufen und stürmte voller Zorn auf den Barden zu. Eleandrus sah nur in seinem Blickwinkel die herannahende Gefahr. Im letzten Moment eilte er auf die Gruppe Kriegsmagier zu, und zwängte sich zwischen diese. Um ein Haar hätte ihn das seinen schicken grünen Hut gekostet, denn ein Zauberer hatte gerade Brennende Hände beendet, als Eleandrus vor ihm auftauchte. Er spürte den heißen Luftzug nur Zentimeter von seinem Kopf entfernt. Bevor er aber zum Durchatmen kam schrie er laut auf: „Hinter euch!“

Die Kriegsmagier drehten sich um und sahen die herannahende Gefahr des Doppelgängers. In Sekundenschnelle riefen sie magische Formeln aus, fuchtelten hektische Gesten und streuten Materialkomponenten in Richtung Feind.

In einer Sekunde war der Doppelgänger in Dornen gefangen und von Feuer und magischen Geschossen vernichtet. Ein Haufen Asche war alles, was von ihm übrig blieb.

Einer der Magier rief: „Das war mein letzter Feuerball gewesen!“ Dann wurde Eleandrus schwarz vor Augen und er verlor vorerst einmal sein Bewusstsein.

Als er erwachte befand er sich in einem schön eingerichteten Zimmer. Ein großes Gemälde, welches eine Gruppe Mädchen in weiten bunten Kleidern zeigte, die vergnügt auf einer von Sonnenschein beleuchteten Lichtung im Kreise liefen, hing rechts von ihm neben seinem Bett an der weißen Wand.

Ein schöner runder Tisch aus teurem Holz und einige kleinere Truhen und Kästchen schmückten des weiteren den Raum. Eleandrus wollte sich aufsetzen, aber ein fürchterlicher Schmerz in seinem Kopf ließ es nicht zu, und so sank er stöhnend wieder in das weiche Kopfkissen zurück.

Er versuchte sich zu erinnern. Der Kampf, die Doppelgänger, die Begegnung mit dem König selbst, all das schien lang her zu sein, zumindest kam es ihm so vor. Er sah die Magier, wie sie mit unerschütterlichen Mienen ihre Zauber gegen die Eindringlinge schleuderten, sah die Doppelgänger, wie sie sich ihre Wege durch die Reihen der Soldaten kämpften. Er sah einen der Doppelgänger, wie er die Treppe herauf auf ihn zugelaufen kommt, und dann ... dann wusste er nichts mehr.

Er stöhnte erneut. Was war geschehen? Wie war der Kampf ausgegangen? Hatten die Truppen des Königs die Eindringlinge vernichten können?

Die Tür zu seinem Raum schwang auf und ein etwas älterer Herr, in einen langen braunen Mantel gekleidet trat ein. Er nahm sich einen Stuhl vom Tisch und setzte sich neben Eleandrus. Erst nach einer kurzen Pause ergriff er das Wort.

„Wie ich sehe, seit Ihr wieder zu Euch gekommen. Ich dachte mir, dass es nichts Ernsthaftes sein würde. Ihr könnt von Glück sprechen, dass Ihr nicht mehr Schaden genommen habt.“

Was ist geschehen?, wollte Eleandrus fragen, aber es kostete ihn zu viel Anstrengung, als dass er auch nur eines der Worte hätte aussprechen können.

Der Mann schien dies bemerkt zu haben und meinte: „Ihr müsst noch eine Weile ruhen. Strengt Euch nicht unnötig an. Ihr könnt beruhigt sein, es ist alles geregelt. Die Gefahr ist beseitigt. Dank der fähigen Purpurdrachen und Kriegsmagier hatten die Kreaturen keine Chance.

Und doch müssen wir in unseren eigenen Reihen auch Verluste verzeichnen. Viele fähige Soldaten liegen mit schweren Verletzungen hernieder und die Priester haben allerhand Arbeit. Aber das sollte Euch alles nicht weiter bedrücken, der König ist wohl auf.

Ich lasse Euch jetzt wieder allein. In Kürze wird eine Dienstmagd Euch etwas zu Essen und Trinken bringen. Lasst Euch aber Zeit, überanstrengt Euch nicht!“

Er wollte das Zimmer verlassen als Eleandrus noch unter großen Qualen stammelte: „Wie ... lange?“

„Es ist erst wenige Stunden her, Ihr wart bewusstlos. Und jetzt beruhigt Euch endlich.“ Er lächelte gutmütig und verlies den Raum.

Eleandrus seufzte, und versuchte erneut sich die Ereignisse in Erinnerung zu rufen. Je mehr er nachdachte, desto erschöpfter wurde er jedoch, und schon bald fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Er träumte von Schlachten. Er war inmitten des Gefechtes, jedoch völlig hilflos, ohne Rüstung und Schwert. Von allen Seiten hieben fürchterlich aussehende Kreaturen nach seinem Kopf und nur mit großer Mühe konnte er den Schlägen ausweichen. Dann kam eine riesige Keule auf sein Gesicht zugeflogen und traf ihn mit voller Wucht. Er brach zusammen. Sank inmitten des Blutes der Gefallenen in den morastigen Boden.

Rings um ihn herum tobte der Kampf, der Lärm war ohrenbetäubend, die qualvollen Schreie der Verwundeten marterten ihn innerlich.

In all dem Chaos und dem Schrecken sah er ein Gesicht. Ein wunderschönes Gesicht, das Gesicht einer jungen Frau, die sich über ihn beugte und ihn sanft über die Wange streichelte. Er kannte die Frau, zumindest hatte er sie schon mal gesehen, und doch brachte er mit dem Gesicht, trotz der vollkommenen Schönheit, unangenehme Gefühle in Erinnerung.

Wer war sie, was wollte sie? Sie sprach zu ihm. Jetzt erst bemerkte er, dass er sich keineswegs mehr auf dem Schlachtfeld befand. Nein, keineswegs. Er war in weiße Bettlaken gewickelt und roch einen süßen Duft, der wohl von dem Parfum der Frau stammen musste.

Er stellte fest, dass er sich in dem Raum befand, in dem er zuvor erwacht war. Sein Traum löste sich auf und hinterlies nur die Wirklichkeit, die ihm fast wieder das Bewusstsein raubte, aufgrund des plötzlichen Wandels von fürchterlichen Schrecken seines Alptraumes, in eine Realität der Geborgenheit, Sicherheit und - Schönheit.

Sie war es. Jene Frau, deren äußerliches Erscheinungsbild der Doppelgänger sich angeeignet hatte. Sie war hier, hier bei ihm im Raum, neben ihm, sie berührte ihn ...

Jetzt zuckte Eleandrus zurück, was auf ihrer Stirn besorgte Falten auslöste. Er erinnerte sich nur zu gut, wie perfekt der Doppelgänger die Schönheit der Frau nachgebildet hatte. Wie konnte er sicher sein, dass dies nun nicht auch ein Betrug war?

Dann sprach sie zu ihm, und obwohl er immer noch alles wie durch einen sanften Schleier beobachtete, konnte er ihre Worte deutlich verstehen.

„Ich heiße Fianda T´ikil. Ich bin Dienstmagd im Palast des Königs. Aber eigentlich erst seit heute. Zuvor war ich eine einfache Straßendirne, stellt Euch das vor! Doch da kam dieser Gesandte des Königs, und meinte, ich könnte noch heute anfangen.. Ich war natürlich überglücklich und völlig verwirrt, aber folgte dem Herren auf der Stelle. Als ich dann beim Palast angekommen war, verabschiedete sich der Herr von mir und verschwand merkwürdigerweise nicht in den Palast, sondern in eine Seitengasse, wo ich beobachten konnte, und das könnte ich schwören, wie der edle Herr plötzlich die Gestalt eines Bettlers angenommen hatte. Aber Ihr müsst mir nicht glauben, ich weiß, es klingt verrückt.“

Eleandrus nickte, ohne dass sie es bemerkte und musste an den Doppelgänger denken, der, und das wusste er jetzt, tatsächlich sein Freund war.

„Ihr seid also Eleandrus, wie mir gesagt worden ist. Nun, ich wurde Euch zugewiesen, Euch so lange zu betreuen, bis Ihr wieder genug Kraft besitzen würdet, das Bett zu verlassen.“

Eleandrus lauschte ihren Worten und konnte es immer noch nicht glauben. Fianda T´ikil, das war also ihr richtiger Name. Er würde sich wohl noch daran gewöhnen müssen, denn für ihn war sie immer noch Lespeera. Er wollte ihr so vieles sagen, und doch brachte er kein Wort hervor, außer einem Krächzen, denn seine Stimmbänder versagten. Es war ihm irgendwie peinlich, aber sie lachte nur und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen, als Zeichen, dass er ruhig sein sollte.

„Ihr müsst noch kräftiger werden, bevor ihr Euch mit mir unterhalten könnt.“ Sie lächelte wieder, und Eleandrus spürte ein derartig starkes Kribbeln im Bauch, dass er am Anfang nicht genau wusste, ob es irgendwelche Nachwirkungen des Kampfes waren, oder bloß ihre Schönheit, die ihn so verwirrte. Er kannte dieses Gefühl, er hatte es bei Hellena, seiner Geliebten in seiner Heimat, auch des Öfteren verspürt, aber noch nie war es in solchen Ausmaßen da gewesen.

Er genoss es und schaute sie einfach nur an, und es kam ihm so vor, als würde er, je länger er sie betrachtete, immer kräftiger und stärker werden. Als er sich endlich kräftig genug fühlte, einen Baum auszureißen, sagte er: „Ärkhhzt“

Es war wohl doch nur Einbildung gewesen. Immer noch versagten ihm seine Stimmbänder jeglichen Dienst. Wieder ermahnte sie ihn zur Ruhe und lächelte sanft.

In Gedanken sagte er sich immer wieder ihren Namen vor, und es dauerte nicht lange, da versank er in einen Traum, in dem er mit Fianda T´ikil Hand in Hand über grüne Wiesen lief, dabei lachten sie beide so herzlich und glücklich, fielen sich in die Arme, sanken zu Boden, und küssten sich leidenschaftlich, bis Fianda ihn daran erinnern musste, dass sie noch nicht verheiratet waren, und sich das nicht gehörte.

Als Eleandrus eben jenes träumte wusste er noch nicht, dass sein Traum schon bald in Erfüllung gehen sollte.

NACHWORT

Der Mond war voll und als Hellena ihn betrachtete, sah sie das Gesicht ihres Geliebten. Er war jetzt schon den fünften Zehntag fort, und sie bezweifelte, dass er überhaupt in naher Zukunft wieder kommen würde. Einziger Trost war der starke Arm, der um ihre Schulter gelegt war.

Ja, sie konnte es nicht abstreiten, sie war glücklich mit Gulthor. Er war ein starker Mann, der sie auf alle Fälle beschützen würde, egal welcher Gefahr sie ausgesetzt sein würde, und, es machte allen Anschein, dass er sie liebte.

Sie war von Anfang an völlig vernarrt in ihn gewesen, hatte dies jedoch nicht gleich gezeigt, da sie immer noch an Eleandrus denken musste.

Eines Tages kam ein Bote im Dorf an, der eben jene Botschaft des Königs von Cormyr überbrachte, die eigentlich Eleandrus überbringen hätte sollen. Darin stand, dass der König ihnen Hilfe in Form einer großen Gruppe fähiger Soldaten schicken würde.

Des weiteren wurde erwähnt, dass der König einen Einwohner ihres Tales besonders schätzte, nämlich Eleandrus!

Sie war am Anfang sehr verwirrt über all dies, aber der Bote konnte ihr auch nicht mehr berichten, als dass Eleandrus glücklich sei und das es ihm gut ginge.

Nachdem sie noch einige Zeit gewartet hatte, ob er vielleicht mit der vom König gesandten Truppe mitreisen würde, dem aber nicht der Fall war, hielt sie ihre Liebe zu Gulthor dem Starken nicht mehr im Zaum, und siehe da, schon bald darauf ging er auf ihre Annäherungsversuche ein.

Jetzt saßen sie da, unter dem Vollmond, der die Waldlichtung und den moosbewachsenen Hügel, auf dem sie Arm in Arm saßen, hell beleuchtete, und es sah ganz danach aus, dass ihr erster Kuss in eben jener Nacht stattfinden sollte.

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