a

a

Lesen bildet!

Der Erzähl-Club 

Der Treffpunkt für Autoren und Leser: 
Eure Texte im Web veröffentlichen!

Das Motto:
"Wer schreibt,
der bleibt"

Email-Adresse                                                                                 Zuletzt aktualisiert am 14.03.2009

Hier könnt Ihr die Kategorien der Erzähl-Club-Texte anklicken:

Startseite

Kurzgeschichten

Erzählungen

Erinnerungen

Fabeln & Märchen

Gedichte

Essays

Romane

Web-Katalog

Erzähl-Club News

Sagen aus Dorra - Die Drillinge

Ein Fantasy-Roman von Veronika Keller

Kapitel 1

Die Steinwüste

1: Jagd und Erdbeben

Die Weißbauchantilope am Wasserloch äugte vorsichtig um sich. Eine leichte Bewegung im hohen, ausgedörrten Gras hatte seine Aufmerksamkeit vom Saufen abgelenkt. Es blähte die Nüstern und atmete tief ein. Jeden Luftzug schien das Tier nach Gefahr zu überprüfen. Doch es witterte nichts Gefährliches und beugte sorglos seinen Kopf wieder hinunter, um aus einem der letzten Wasserlöcher der Gegend zu saufen.

Plötzlich schwirrte ein Pfeil aus dem Dornendickicht und traf das Tier direkt in den Hals. Sekunden stand die Antilope zitternd auf den Beinen, dann fiel es tot um.

Zufrieden lächelnd erhob sich ein junges Mädchen, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, aus dem Dickicht.

„Es ist zwar nicht besonders fett, aber nach der langen Dürrezeit ist Frischfleisch wirklich sehr willkommen.“

Sie trat an das Tier heran, das reglos halb im Wasser, halb auf dem mit kurzen Gras bewachsenen Ufer lag. Dann kniete sie sich auf den Boden und begann direkt neben der Jagdbeute mit ihrem Messer ein Loch zu graben. Als es etwa zwei handbreit tief war, schnitt sie dem Tier ein Handteller großes Stück Fleisch aus der Lende und legte es mit einigen Dankesworten an die Antilope in das Loch.

„Was der Erde genommen wird, muss ihr wieder zurückgegeben werden. So nehme dieses Opfer an, auf dass auch in Zukunft das Jagdglück mich nicht verlässt.“

Mit diesen Worten füllte sie das Loch wieder, verbeugte sich kurz vor ihrem Jagdopfer und winkte dann nach ihren beiden Begleitern, die während des Rituals im Dickicht verborgen geblieben waren.

Der größere, ein muskulöser, blonder Mann, sah die Jägerin wütend an. „Dein Jagdaberglaube wird uns noch einmal in große Schwierigkeiten bringen, Darnja. Du weißt, dass unser Schamane deine Rituale verboten hat. Und wenn er es erfährt, dass du sie weiter praktizierst, wird er dir die Jagderlaubnis nehmen, und...“

Die junge Frau winkte ab. „Woher sollte er es denn erfahren? Ihr werdet es ihm sicherlich nicht erzählen. Und solange ich erfolgreich bin, werde ich meine Riten beibehalten.“ Sie sah die beiden jungen Männer fest an. Die zuckten nur mit den Schultern. Sie kannten ihre Schwester und deren besondere Beziehung zur Natur. Was konnte man schon dagegen tun?

So hob der blonde Mann den Kadaver auf die Schultern, trug ihn aus dem Wasser und lies ihn auf den ausgetrockneten Boden fallen. Die junge Frau kniete sich neben das Tier und schlitzte mit ihrem Messer ein Stück der Halsschlagader auf. Sofort sprudelte das Blut aus der Antilope hervor und tränkte den Boden. Sie hielt ihre Hände darunter und trank von dem Blut. Dann stand sie auf, und ihre beiden Brüder folgten ihrem Beispiel.

„Möge durch das Blut dieses Tieres seine Schnelligkeit und Wendigkeit auf uns übergehen.“

Noch einmal verbeugte sie sich vor der Antilope und begann dann damit, sie zu zerlegen. Vorsichtig schlitzte sie den Leib des Tieres auf und zog das Fell ab, das sie an ihre Brüder weitergab. Während sie dem Tier die Eingeweide entfernte, schabten die beiden jungen Männer das Fett vom Leder und sammelten es in einer großen Pferdeblase.

Später würde das Fett erhitzt und in kleine Lampen gefüllt werden. Auch sonst würde alles von dieser Antilope verbraucht werden. Das Tier war wirklich ein Geschenk der Sey. Die Sonnenperiode in diesem Gebiet dauerte nun bereits 14 Sonnenläufe an, und Regen war schon viel länger nicht mehr gefallen. Viele der Tiere, die der Stamm der gefiederten Schlange sonst jagte, waren verendet. Eine Hungersnot drohte.

Diese Antilope würde sicherlich nicht einmal für einen Tag den ganzen Stamm satt machen, doch gab sie wieder Grund zur Hoffnung, die viele der Stammesmitglieder bereits verloren hatten. Nur Darnja hatte nicht aufgegeben und war jeden Tag auf die Jagd gegangen.

„Darnja! Wir sollten uns beeilen. Es wird bald dunkel, und wir haben uns sehr weit von unserem Dorf entfernt.“

Die junge Frau nickte kurz. Sie band die Eingeweide in ein weich gegerbtes Leder und schwang das Bündel über ihre Schulter. Ihr größerer Bruder Wyno nahm den Kadaver der Antilope auf die Schultern und drehte sich dann zu seinem Bruder um. Der war schmächtiger als seine Geschwister und hatte schwarzes Haar.

„Nimm’ du das Fett, Ryg, und lasst uns endlich nach Hause gehen.“

Kurz blitzte Ärger in Rygs Augen auf. Er hasste es, von seinem Bruder herumkommandiert zu werden. Doch als Darnja ihm kurz über den Arm streifte und sich dann ebenfalls in Richtung des Hügels auf den Weg machte, auf dem ihr Dorf errichtet war, schloss er sich, wenn auch etwas verstimmt, seinen Geschwistern an.

Vor ihnen erstreckte sich weit ihre heimatliche Steinwüste. Weit hinter dem Hügel, im Norden, sollte es Wälder geben. Riesige Seen, Flüsse und Grasebenen. Aber unter all diesen Begriffen konnten sich die drei nichts vorstellen.

Niemals hatten sie die Steinwüste verlassen, und würden es wohl auch nie tun. Hier war ihr Stamm, ihre Familie. Wyno hatte eben eine Braut gefunden und wollte beim nächsten Vollmond heiraten. Ryg würde der Nachfolger des alten Schamanen werden und Darnjas Schönheit hatte schon viele Verehrer zu dem abgelegenen Dorf geführt.

Aber noch hatte sie alle abgewiesen. Keiner hatte sie verstanden oder akzeptiert, wer sie war: die beste Jägerin des Stammes. Viele junge Männer hatten an ihr das Interesse verloren, wenn sie von Darnja erst einmal im Bogenschießen besiegt worden waren.

In diesen Momenten beneidete Darnja manchmal die Frauen der Maley-Thar. Ihnen war alles gestattet, was auch die Männer taten, und umgekehrt. Dort hätte es jeder Mann als Ehre angesehen, mit einer so guten Jägerin verheiratet zu sein.

Bei ihrem Volk, den Sey-Thar aber war sie die einzige Jägerin, wenn auch von den Sey selbst dazu bestimmt. Und nun musste sie die Folgen dieses Privilegs ertragen. Aber irgendwann einmal würde sie einen jungen Mann treffen, der sie so annahm, wie sie war.

Plötzlich wurde Darnja durch eine kurze Erschütterung der Erde unter ihren Füßen aus den Gedanken gerissen. Sie blieb stehen und lauschte in die Erde hinein.

„Was ist los mit dir, Schwesterchen? Du weißt doch, wie schnell Mutter sich Sorgen macht.“

Darnja schüttelte kurz den Kopf. Sie hörte nichts weiter. Hatte sie sich etwa geirrt? Die Natur hatte weder in den letzten Tagen noch heute Anzeichen eines Erdbebens geschickt.

„Habt ihr das eben auch gespürt?“

Sie sah ihre Brüder fragend an. Die schienen jedoch nicht verstanden zu haben. „Eben hat die Erde gebebt.“

Wyno lachte auf. „Du phantasierst ja. Deine Verbundenheit mit der Natur scheint dich langsam Gespenster sehen zu lassen. Hier in der Gegend gab es noch nie Erdbeben, und wird es auch nie welche geben. Komm jetzt endlich weiter. Du hältst uns nur unnötig auf. Das Fleisch ist nicht eben leicht.“

Zögernd setzte sich Darnja wieder in Bewegung. Alle ihre Sinne waren auf das äußerste angespannt und warteten auf eine neuerliche Erschütterung der Erde. Oder hatte sie sich tatsächlich getäuscht? Nein. Da – schon wieder. Diesmal war es Ryg, der stehen blieb. „Jetzt habe ich auch etwas gespürt.“

„Ach, ihr seid doch beide verrückt.“ Wyno sah seine Geschwister verächtlich an. Trotzdem konnte Darnja sehen, dass auch er sich langsam Sorgen machte. Aber wie zum Trotz pfiff er ein fröhliches Sommerlied und ging scheinbar sorglos weiter.

Da bebte es wieder. Diesmal so heftig, dass die Steine auf dem Wüstenboden klappernd auf und ab sprangen.

„Aber das kann doch nicht sein. Wir...“ Wyno brach ab, als das Beben immer stärker wurde.

„Und, wo ist nun deine Erdverbundenheit geblieben, Darnja? Du hättest doch schon viel eher Anzeichen spüren müssen.“

Seine Schwester schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich weiß nicht. Aber es ist irgendwie beängstigend. Das Beben scheint nicht aus der Erde zu kommen. Alles wehrt sich dagegen, aber wer oder was es auch immer auslöst – es ist stärker.“

Langsam kroch die Angst in den dreien hoch, lies den Magen flattern und die Knie weich werden. Und schließlich brach die blanke Panik hervor und erfüllte ihre Herzen. Hastig ließen sie ihre Lasten fallen und rannten los. Immer wieder stürzten sie unter den heftigen Wellen des Bebens, doch immer wieder standen sie auf.

Da endlich kam das Dorf in Sicht. Immer schneller liefen sie über den steinigen, harten Boden. Sie spürten nicht, wie bei jedem Sturz Steine durch ihre Kleidung in ihr Fleisch drangen. Sie wollten nur nach Hause.

Eine weitere Welle des Bebens lies sie auf den Boden stürzen. Als sie sich wieder aufrichteten, starrten sie entsetzt auf ihr Dorf. Die Lehmhütten bebten unter jeder Welle der Erde. Einige schienen bereits eingestürzt zu sein. Und plötzlich sanken die Häuser langsam vor ihren Augen immer tiefer, bis sie völlig verschwunden waren.

An dem Platz, wo vor Sekunden noch die Lehmhütten ihres Dorfes gestanden hatte, gähnte jetzt schreckliche, unfassbare Leere vor ihnen. Darnja starrte wie versteinert auf den Hügel vor ihnen. Sie spürte Tränen in sich aufsteigen, doch wollte sie das nicht zulassen.

Alles war weg. Ihr ganzes Dorf. Nichts hob sich mehr gegen den gelblichen Horizont ab. Kein Haus, keine Mauer, kein Mensch. Sie schluckte schwer, holte dann tief Luft und fasste ihre Brüder an den Händen.

„Wir sollten gehen. Alle meine Sinne sagen mir, dass es hier nicht mehr sicher ist.“

Sie wartete auf keine Antwort. Statt dessen kehrte sie dem Schrecken den Rücken zu und zog dann ihre Brüder mit sich.

Wyno und Ryg selbst waren kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Fast willenlos stolperten sie hinter Darnja her. Wie ihre Schwester waren beide zu keiner Träne fähig. Trotzdem verstanden sie die Kälte in Darnjas Stimme nicht.

Es schien, als hätte sie das Unglück überhaupt nicht berührt. Sie lief nur immer weiter. Kopflos, blindlings. Ohne sich auch nur einmal umzusehen. Ohne auch nur einmal zu hoffen, dass jemand überlebt haben könnte, und ihnen nun folgte. Sie lief nur immer weiter.

Bald fiel Ryg immer weiter zurück, und auch Wyno war kein so ausdauernder Läufer wie seine Schwester. Schließlich blieb er schwer atmend stehen.

„Darnja. Lass uns endlich lagern. Nur ziellos durch die Wüste zu laufen bringt uns nicht weiter.“

Ryg stimmte seinem Bruder keuchend zu. Doch Darnja schien gar nicht zu hören. Sie ging nur stur weiter geradeaus. Erst ein weiterer Ruf ihrer Brüder lies sie stoppen. Sofort ließen sich Ryg und Wyno auf den Boden sinken, legten ihre Köpfe auf die Knie. Ryg begann langsam vor und zurück zu wippen. Wyno hörte, dass er leise ein altes Wiegenlied vor sich hinsummte. Wyno fiel in den Gesang ein, versuchte so seine schmerzenden Gedanken an den Verlust zu betäuben.

Nach einiger Zeit wurden ihre Stimmen immer leiser, bis sie schließlich in unruhige Träume versanken.

Darnja stand noch lange vor ihren Brüdern und beobachtete sie. Immer wieder kam der Schmerz des Verlustes in ihr hoch, doch bis jetzt hatte sie ihn immer wieder erfolgreich unterdrücken können. Sie wollte das alles nicht an sich heran lassen. Die Angst davor, dass die Trauer ihr ganzes Denken übernehmen würde, war zu stark.

Außerdem bemitleideten sich die Menschen mit Tränen sowieso nur selbst. Schließlich war für die Verstorbenen der Tod ein Schritt in ein schöneres Leben. Keine Kämpfe mehr zwischen Sey und Maley. Kein Hunger, kein Durst.

Langsam lies Darnja sich auf den Steinboden sinken. Sie war müde geworden. Trotzdem konnte sie nicht einschlafen. Immer wieder drängte sich das Bild des versinkenden Dorfes in ihre Gedanken. Sie versuchte es mit anderen Gedanken zu überdecken, doch schließlich gab sie es auf.

Sie legte ihren Kopf in ihre Armbeuge und umschloss mit dem anderen Arm ihren Kopf. Doch was ihr früher in einsamen Stunden Geborgenheit gab, verdeutlichte ihr jetzt nur ihre Einsamkeit. So richtete sie sich wieder auf und starrte auf ihre Hände, die zu zittern begonnen hatten. Sie wusste nicht, wie lange schon. Es fiel ihr erst jetzt auf.

Und nun breitete sich das Zittern langsam in ihrem ganzen Körper aus. Ihr Herz raste, ihr Atem, der selbst nach dem langen Lauf ruhig und gleichmäßig geblieben war begann sich immer mehr zu beschleunigen. Schließlich hörte sie sogar, wie ihre Zähne laut aufeinander klapperten.

Durch einige Atemübungen, die ihr Bruder ihr beigebracht hatte, versuchte sie das Zittern zu unterdrücken. Sie kam sich so hilflos vor. Noch nie zuvor hatte ihr Körper sie so im Stich gelassen. Mit ihren Armen umklammerte sie ihre Knie und spannte jeden ihre Muskeln an. Doch nichts schien zu helfen. Erst als sie sich flach auf die Erde legte und in sie hineinhörte, wurde sie immer ruhiger, bis das Zittern endlich überwunden war.

Die Erde. Immer schon hatte sie sich zu ihr hingezogen gefühlt, hatte in ihr stets Trost gefunden. Aber diesmal war es etwas anderes. Denn es war die Erde gewesen, die ihr diesen Schmerz zugefügt hatte. Das konnte doch nicht sein! Nichts, was aus der Erde kam, war von Grund auf Böse, oder wollte den Thari oder anderen Lebewesen schaden. Nichts.

Warum nur war genau in diesem Moment, an diesem Ort, das Böse ausgebrochen? Warum war sie nicht zur Zeit des Unglücks im Dorf gewesen? Vielleicht hätte sie das aufziehende Unglück erkannt, wenn sie sich nicht so sehr auf die Jagd konzentriert hätte. Vielleicht...

Ein Schluchzen quälte sich ihre Kehle hinauf. Und diesmal konnte sie es nicht mehr unterdrücken. Sie hatte ihre Mutter verloren. Ihre Mutter, die einzige, die Darnja wirklich um ihrer selbst geliebt hatte. Die einzige, der sich Darnja anvertrauen konnte. Sie schluchzte noch einmal auf. Dann schlug sie verzweifelt ihre Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

Sie weinte und weinte, bis sie schließlich erschöpft und mit dem beklemmenden Gefühl der Einsamkeit im Herzen einschlief.

 

2: Vision

„Darnja! Darnja, mein Kind!“ Es war völlig dunkel, doch irgendwo, weit weg, konnte sie einen schwachen Lichtstrahl erkennen.

„Mutter?“

„Nein. Auf jeden Fall nicht die, die du bisher ‚Mutter’ genannt hast.“

Weiter blieb es dunkel, doch langsam gewöhnten sich Darnjas Augen an die Dunkelheit und sie konnte vor sich schemenhaft die Gestalt einer alten Frau vor sich sehen.

„Wer bist du?“

„Das ist jetzt und hier nicht die Frage. Sie wird dir später beantwortet. Etwas anderes soll dir heute beantwortet werden, was du dich schon fragst, seit dem du auf der Welt bist.“

Darnja sah die Frau fragend an. Was meinte sie nur damit? Was wollte sie wissen?

„Wer bin ich? Zu welchem Stamm gehöre ich?“

Obwohl sie noch immer nicht viel sehen konnte, meinte sie die Frau lächeln zu sehen.

„Das ist ein Teil der richtigen Frage. Er wird dir aber heute noch nicht beantwortet werden. Du kennst die Frage. Du trägst sie schon 17 Regenzeiten mit dir. Nun folge mir. Habe keine Angst.“

Lange Zeit ging Darnja hinter der alten Frau durch die Dunkelheit. Irgendwo, weit entfernt, musste es eine Lichtquelle geben, die ihren Weg ein wenig beleuchtete. Und sie strebten genau darauf zu.

Fast unmerklich wurde es immer heller. Trotzdem konnte Darnja die Frau vor sich nicht genauer erkennen. Es war, als hätte sie sich in einen schwarzen Nebel gehüllt. Schwarzer Nebel. Gehörte sie zu den Maley-Thar?

„Auch diese Frage soll dir heute noch nicht beantwortet werden.“

Darnja schrak zusammen. Konnte die Alte etwa ihre Gedanken lesen?

„Keine Angst. Deine Gedanken sind bei mir sicher.“

Wieder legte sich Schweigen um die beiden. Darnja versuchte, alle Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie kannte ihre Führerin nicht. Und selbst wenn es ihre Mutter gewesen wäre, hätte sie niemals gewollt, dass die all ihre Gedanken liest.

So konzentrierte sie sich völlig auf die glatten, schwarzen Wände an ihren Seiten. Auf das Wasser, das sie irgendwoher glucksen hörte. Und das Licht, das inzwischen schon so stark geworden war, dass sie ihre Kleidung erkennen konnte. Doch sie kannte nicht, was sie trug.

Das war nicht ihre übliche Kleidung aus der selbst gegerbten Haut einer Weißbauchantilope und die Stiefel aus Gazellen-Leder. Aber es war auch nicht ihr Festtagskleid aus weichstem Rotrückenechsen-Leder, das mit kleinen Perlen und Federn bestickt war. Diese Kleidung hier war überhaupt nicht aus Leder. Es ähnelte in keiner Weise etwas, das sie bisher schon einmal gesehen hatte.

„Das ist der Stoff, aus dem die Kleider der Beiden Völker gemacht werden.“

Wieder hatte die Fremde ihre Gedanken gelesen. Langsam wurde Darnja wütend.

„Sei ganz ruhig, meine Tochter. Es ist wichtig, dass du dir merkst, was für ein Gefühl es ist, Kleidung der Sey und Maley zu tragen. Du wirst dich dann im nötigen Augenblick daran erinnern.“

So viele Fragen brannten Darnja auf der Zunge. Doch sie traute sich nicht, ihre Führerin direkt anzusprechen. Und diesmal antwortete die nicht auf ihre Gedanken. Die Alte sollte ihr doch einige Fragen beantworten, und sie nicht noch mehr verwirren. Sie war ohnehin so durcheinander wie noch nie in ihrem Leben zu vor. Träumte sie, oder war sie wach? Wo war sie? Und – warum war sie hier?

„Du stellst immer die falschen Fragen. All das ist völlig unwichtig für dich. Ich könnte dir Antworten darauf geben. Aber du würdest danach auch nicht mehr wissen als jetzt. Übe dich in Geduld. Du wirst die richtige Frage noch finden, bevor wir die Lichtquelle erreicht haben. Das verspreche ich dir.“ 

Was nur wollte sie sonst wissen? Wer bin ich? Wo bin ich? Warum bin ich?

Plötzlich standen sie in einer riesigen Höhle, die von weichem Licht hell erstrahlt wurde. Die Decke jedoch war so hoch, dass sie sich bereits wieder in Dunkelheit verlor, und so unendlich schien. Doch Darnja spürte nicht den kleinsten Luftzug. Es musste sich um einen geschlossenen Raum handeln.

Ihre Führerin war verschwunden. Dafür standen auf der anderen Seite der Höhle zwei Gestalten. Die eine ganz in Weiß, die andere ganz in Schwarz gekleidet.

„Komm näher.“

Darnja sah erschrocken um sich. Sie wusste, dass kein Ton ihre Ohren erreicht hatte, und trotzdem hörte sie Worte. Sehr deutlich sogar. Als würde die sprechende Person direkt neben ihr stehen.

„Hab keine Angst.“

Wieder das gleiche. Sie schüttelte energisch den Kopf. Sie bildete sich das sicher nur ein. Vielleicht war sie bei dem Beben ja einmal auf den Kopf gefallen. Oder Ryg hatte ihr einen seiner Tränke eingeflößt, die neben einer heilenden Wirkung auch Halluzinationen hervorriefen.

„Es ist alles in Ordnung mit dir, Darnja. Wir sprechen zu dir, wie wir es schon immer mit Thari getan haben.“

Darnja sah zu den beiden Gestalten. Hatten wirklich die beiden gesprochen? Aber warum erschreckte sie das so? Sie war doch sonst nicht so ängstlich! So nahm sie all ihren Mut zusammen, umrundete die Lichtquelle, die sie nur als einen gleißenden Feuerball erkennen konnte, und trat dann auf die beiden Gestalten zu.

Deren Anblick war überwältigend. Solch eine makellose Schönheit hatte sie noch niemals zuvor gesehen. Die Sey, wenn sie wirklich ein Mitglied des Volkes war, hatte langes, silbernes Haar, dass sie kunstvoll geflochten und hochgesteckt hatte.

Daneben sah jede Hochzeitsfrisur der Sey-Kar nur wie ein ärmlicher Zopf aus. Auch ihre Augenbrauen, die geschwungen waren wie die Flügel eines Vogels, und die langen, gebogenen Wimpern waren silbern. Doch ihre Augen selber waren golden. Von solch einem heißen Gold, dass Darnja dachte, ihr Blick könnte sie verbrennen. Wie magisch angezogen musste sie immer weiter in diese Augen blicken, die völlig ausdruckslos auf sie herab sahen. Da schloss die Sey ihre Augen, und sofort war Darnja befreit.

Schnell wand sie ihren Blick ab und betrachtete die Maley. Sie strahlte nur Kälte aus. Schwarze Haare, Augenbrauen und Wimpern. Sogar ihre Augen waren von tiefstem Schwarz. Doch nun war sie auf die besondere Kraft der Augen vorbereitet, und wendete sofort ihren Blick ab, ehe die Maley sie gefangen nehmen konnte.

So standen die drei sich schweigend gegenüber. Darnja mit gesenkten Augen, so dass sie nur den Saum der beiden Kleider vor sich sehen konnte, die so leicht wie Spinnweben auf dem rauen Höhlenboden lagen.

Diese Stoffe waren wirklich wundervoll. Der eine weiß, mit feinsten silbernen und goldenen Fäden durchzogen. Der andere wie ein Nachthimmel, bei dem die Farben undefinierbar zwischen Schwarz und Tiefblau huschten.

Darnja atmete tief ein. Dann umschloss sie fest ihren Talisman und hob wieder ihren Kopf, immer direkten Blickkontakt vermeidend.

„Warum bin ich auf dieser Welt?“

Da streckten die beiden plötzlich ihre Arme aus und griffen je eine von Darnjas Händen. Die eine Berührung war warm, die andere eiskalt. Und trotzdem waren beide angenehm.

Mit einem Mal verschwommen die Höhlenwände, und eine weite, grüne Ebene wurde statt dessen sichtbar. So etwas wundervolles hatte Darnja vorher noch nie gesehen. Das Gras war von einem tiefen Grün. Es musste sehr nahrhaft sein.

Dahinter gab es Wasseransammlungen, weiter, als das Auge sehen konnte und so tief, dass wohl nicht einmal Wyno darin stehen könnte. Und überall weideten große, fette Tiere. Diese Tiere sahen völlig anderes aus als die, die sie kannte.

Die meisten waren größer und behäbiger. Manche hatten Hörner wie Antilopen, doch verzweigten sie sich oft und mussten wohl sehr schwer sein. Es müsste ein leichtes sein, sie zu jagen. Hier war jedoch Fleisch in solchem Überfluss vorhanden, dass es nicht schlimm war, wenn eine Jagd erfolglos war. Sicher dauerte es nicht mehrere Tage, bis man auf Wild stieß. Welch wundervolles Land. Und wie glücklich mussten die Menschen hier sein.

„Das ist Dorra, nachdem Aramo, der große Weltenbilder, ihr Gesetze gegeben hatte. Bevor Nepora sie zerstörte.“

Darnja sah wie gebannt auf das Bild, das sich ihr bot. Das also war die Welt, wie sie sein sollte. Obwohl es ja nur ein Trugbild war, heraufbeschworen von den beiden Frauen vor ihr, spürte sie die Kraft, die von der Natur ausging.

Noch niemals zuvor hatte sie so etwas Kräftiges gespürt. Es ging nicht nur um das nackte Überleben, um Arterhaltung. Hier versuchte jedes Lebewesen so gut wie nur möglich zu leben. Keine Streitereien um Wasserplätze oder Futter. Man konnte seine Kraft für anderes verwenden.

Wenn Darnja daran dachte, wie viel Zeit die Nahrungsbeschaffung in der Steinwüste verbrauchte. An den meisten Tagen im Jahr konnte man nichts tun außer Schlafen, Essen und Jagen. In der alten Welt hätte man jedoch auch noch neue Gerätschaften erfinden, oder alte verbessern können.

Vielleicht hätten die Thari inzwischen schon das Bearbeiten dieser Metalle der Beiden Völker gelernt, und wären nicht mehr abhängig von ihnen. Wer weiß? Vielleicht war Nepora ja gar nicht der wahre Grund für die gegenwärtigen Zustände. Vielleicht wollten die Beiden Völker ihre Untertanen, die Thari, nur in Abhängigkeit halten?

„Du tust uns Unrecht, Darnja. Denn wir wollen genau so wie ihr eine bessere Welt. Die meisten von uns.“ Das letzte sprach die Sey nur leise aus. Und das verstärkte nur Darnjas Misstrauen. Wenn so viele eine bessere Welt wollten – warum taten sie dann nichts dafür? Sie hatten Dorra in die Verwüstung geschickt. Sie konnten sie auch wieder herausholen.

„Das ist nicht so einfach. Kennst du die Prophezeiung, wie Dorra errettet wird?“

Natürlich kannte sie die. Die Ältesten ihres Dorfes hatten sie oft genug erzählt:

Drei Thari sind es, die Dorra erretten.

Durch den Kristall der vier Herrlichkeiten.

Wenn Licht und Dunkelheit herrschen

Wenn die Erde sich zur Heilung erhebt

Wenn eine drei ist

„Und was habe ich nun mit dieser Prophezeiung zu tun?“

„Sieh selbst.“

Das Bild der weiten, fruchtbaren Ebenen löste sich vor ihren Augen auf. Statt dessen konnte Darnja ihre hochschwangere Mutter sehen.

„Wir warteten auf die drei Thari, doch sie kamen nicht. 1000 Menschenjahre lang. Und so beschlossen wir, die Prophezeiung selbst zu erfüllen. Wir suchten unter den Thari eine starke und reine junge Frau aus. Wir erschufen drei Kinder und ließen sie von dieser Frau austragen.“

Wieder änderte sich das Bild. Nun sah Darnja sich und ihre Brüder, etwa im alter von fünf Regenzeiten.

„Wir versuchten die drei so gut wie möglich vor Neporas Wut zu schützen. So konnten sie unbehelligt aufwachsen, bis sie stark genug wären, um sich auf die Suche zu machen. Doch unser Schutz war nicht stark genug. Nepora fand die drei und versuchte sie umzubringen.“

Nun sah Darnja wieder das Erdbeben. Diesmal jedoch von oben, wie ein Vogel. Entsetzt sah sie den Spalt mitten im Dorf, der alles verschlang und sich dann wieder schloss. Wie schnell das jetzt alles geschah. Als sie es erlebte, hatte es doch viel länger gedauert.

„Wir können euch jetzt nicht mehr beschützen. Nepora hat euch einmal gefunden, und wird euch von nun an immer finden. So müsst ihr euch gleich auf die Suche machen. Es ist nun euere Aufgabe, den Kristall zu finden.“

Darnja sah die beiden erschrocken an. Dann schüttelte sie entsetzt den Kopf. „Nein. Das kann nicht sein!“ 

Die Sey versuchte sie zu beruhigen.

„Ihr seid den Gefahren vor euch gewachsen. Außerdem werden wir euch Helfer zur Seite stellen.“

„Das ist es nicht!“ In Darnjas Stimme schwang große Wut mit. „Ihr habt uns einfach so erschaffen? Nur damit wir etwas tun, wozu ihr unfähig seid? Und wenn wir es geschafft haben – tötet ihr uns, wie es wohl das vermeintliche Recht eines Erschaffers ist?“

Die beiden sahen das junge Mädchen erstaunt an. Warum gehorchte sie nicht? Warum stellte sie die Beiden Völker in Frage? Das hatte bisher noch kein Thari gewagt. Die Sey wollte sie schon bestrafen, aber die Maley hielt sie mit einer kurzen Geste davon ab.

„Ich verstehe deine Wut nicht. Auch nicht deine Furcht. Niemand unter uns ist von Grund auf so böse wie Nepora. Wenn ihr den Kristall habt, bringt ihr ihn zu uns. Und als Belohnung werdet ihr ein erfülltes Leben erleben dürfen.

Und wenn es an der Zeit ist, werdet ihr sterben wie jeder andere Thari, und euer Geist wird zu Aramo gelangen. Ihr drei seid Thari wie alle anderen. Nur für eine besondere Aufgabe in einer besonderen Art geschaffen.“

Darnja wollte noch etwas erwidern, schwieg dann jedoch. Auch wenn sie nicht an die Unfehlbarkeit der Beiden Völker glaubte, taten das noch viele andere. Und an denen könnten sie die Beiden Völker für jedes weitere böse Wort rächen. Sie nickte nur stumm.

„Ich werde mich mit meinen Brüdern beraten. Wenn sie zustimmen, werden wir uns auf die Suche machen. Und nun – lasst mich gehen.“

Die beiden nickten, und sofort waren sie und die riesige Höhle mit der Lichtquelle verschwunden. Darnja stand wieder in völliger Dunkelheit.

 

3: Aufbruch

Langsam schlug Darnja ihre Augen auf. Die Sonne stand noch am Anfang ihrer täglichen Bahn, und die Steinwüste war in ein sanftes Rot gehüllt. Leise, um ihre Brüder nicht zu wecken, stand sie auf, steckte sich ihr Steinmesser in den Gürtel und machte sich auf die Suche nach ein paar essbaren Wurzeln.

Dabei ging sie fast ohne es zu merken in die Richtung, wo früher ihr Dorf stand. Und plötzlich fand sie sich direkt auf ihrem alten Lagerplatz. Der alles verschlingende Spalt war nur noch als feiner Riss auf der ausgedörrten Erde zu sehen. Nichts weiter war von dem Stamm der gefiederten Schlange geblieben.

Schweigend kniete sich Darnja in den Sand und senkte ihren Kopf. Erst langsam wurde ihr die völlige Tragweite der Katastrophe bewusst. Sie und ihre Brüder waren nun ganz alleine. Auf sich gestellt in einem Land, in dem schon eine Gemeinschaft kaum überleben konnte. Wie sollten es da drei junge Thari? Vielleicht war es doch besser, wenn sie nach diesem Kristall suchten. Und wenn auch nur, um gegen Nepora anzukommen, die ihnen so etwas Schreckliches angetan hatte.

Darnja ballte wütend ihre Fäuste. Was bildeten sich diese Beiden Völker nur ein? Sie erschufen und töteten Thari, wie sie wollten. Aramo gab ihnen die Aufgabe, über seine Gesetze zu wachen, und nicht, sie zu brechen.

Plötzlich schreckte sie auf. Sie hatte hinter sich eine verstohlene Bewegung gespürt. Langsam zog sie ihr Messer. Dann drehte sie sich ruckartig um – und lies vor Schreck beinahe ihr Messer wieder fallen.

Sie blickte in das riesige Maul eines Steppenlöwen. Selbst hatte sie vorher noch nie einen gesehen. Steppenlöwen verirrten sich nur selten in die Steinwüste. Aber die Alten hatten schon oft von diesen gefährlichen Jägern erzählt.

Was hatten sie nur über die Verteidigung gegen diese Raubkatzen gesagt? Sie überlegte angestrengt. Doch ihr Kopf war wie leer. Sonst wusste sie doch immer, was auf der Jagd zu tun war.

Dann stutzte sie jedoch. Ein normaler Löwe hätte sie schon längst angegriffen. Doch dieser stand nur vor ihr und sah sie ruhig aus seinen goldgelben Augen an. Darnja wagte nicht, auch nur einen Finger zu bewegen. Langsam kam jedoch eine gewisse Vertrautheit zwischen den beiden auf. Ihr war, als könnte der Löwe ihr Mut einflößen.

Je länger sie sich anstarrten, wurde dieses Gefühl in ihr immer stärker. Schließlich lies sie sich langsam, um nur jede ruckartige Bewegung zu vermeiden, auf den Boden sinken, ohne ihre Augen auch nur einmal von denen des Löwen abzuwenden.

Immer weiter breitete sich in ihr Ruhe aus. Die Angst vor ihrer Zukunft war wie weggeblasen, und der Kummer um ihre Mutter war zwar noch präsent, aber nun fraß er sich nicht mehr wie ein dunkles Loch in ihren Magen ein. Fast schien es ihr, als wäre dieser Löwe kein Bild der Gefahr für sie, sondern für Ruhe und Schutz.

Sie erinnerte sich wieder zurück an ihre Kindheit.

 Schon seit dem sie denken konnte, waren es immer Tiere gewesen, die sie in ihrer größten Not getröstet hatten. Zuerst nur kleine Nager und Vögel. Doch vor vier Jahren fand sie in einer Felsspalte einen kleinen Kojoten. Sie zog ihn auf und versorgte ihn fast drei Jahre lang. Dann war er plötzlich über Nacht verschwunden. Und obwohl sie ihm lange nachtrauerte, gab ihr seit dem das Geheul von Kojoten jedes Mal ein Gefühl des Schutzes und Geborgenseins.

„Darnja? Wo bist du?“

Rygs Ruf lies sie aus ihren Gedanken schrecken. Und in dem selben Moment verschwand der Steppenlöwe wieder so schnell, wie er gekommen war. Doch das Gefühl der Geborgenheit blieb in Darnja zurück.

„Was tust du denn hier in unserem Dorf? Du kannst doch auch nichts mehr retten.“

„Ich weiß auch nicht, wieso ich hierher gegangen bin. Wahrscheinlich nur unbewusst, weil ich doch immer hierher gegangen bin. Seit ich auf der Welt bin.“

Sie schloss kurz die Augen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Dann schluckte sie. „Ich war nur so in Gedanken. Die letzte Nacht war so verwirrend.“

„Hattest du auch diesen seltsamen Traum wie ich heute Nacht?“ Darnja sah Ryg fragend an.

„Von der Prophezeiung, und was wir mit ihr zu tun haben.“

Darnja war erstaunt. Sie hatte gar nicht daran gedacht, dass auch ihre Brüder eine Nachricht von den Beiden Völkern bekommen haben könnten. Natürlich wäre das nahe liegend gewesen. Die beiden glaubten ja auch noch an sie, und würden ihnen sicher gehorchen.

„Wir sollten im Lager darüber reden. Vielleicht hatte Wyno ja den selben Traum.“

Damit lächelte sie ihren Bruder herausfordernd an und lief dann in Richtung Lager. Ryg folgte ihr lachend.

*

Darnja lief aufgeregt zwischen ihren Brüdern, die auf dem Boden saßen, hin und her. Was sollten sie jetzt nur tun? Die Maley hatten Ryg den Auftrag gegeben, nach dem Kristall zu suchen, und die Sey Wyno. Also wollten tatsächlich Beide Völker, dass sie sich auf die Suche machten.

„Und, suchen wir den Kristall?“ Darnja sah ihre beiden Brüder fragend an. Die nickten heftig. „Hast du etwas dagegen? Es ist doch eine Ehre, dass sie ausgerechnet uns dafür auserwählt haben.“

„Sie haben uns nicht auserwählt, sondern erschaffen. Das ist ein großer Unterschied. Außerdem habe ich tatsächlich etwas dagegen. Woher wissen wir, dass das nicht irgendein Plan von Nepora ist, und der Kristall ihr und den Beiden Völkern nur noch mehr Kraft verleiht, und wir Thari endgültig zu Sklaven werden.“

Wyno und Ryg schienen zu überlegen. Doch dann schüttelten sie die Köpfe.

„Das glaube ich nicht. Und ich finde es ungeheuerlich, dass du so etwas denken kannst. Jeder weiß, dass du deine eigene Religion hast. Aber deswegen die Beiden Völker zu beschuldigen, zu  lügen. Nein.“ Ryg war erregt aufgesprungen. „Ich gehe. Und Wyno sicher auch. Wenn du nicht willst, ist das deine Sache.“

Darnja war erstaunt über seine Worte. Niemals zuvor hatten sie auch nur in Erwägung gezogen, sich zu trennen. Der Kristall schien schon jetzt Unheil über sie zu bringen.

Andererseits verstand sie ihre Brüder. Und was blieb ihnen auch sonst übrig? Sie waren völlig alleine. Verwandte hatten sie in anderen Stämmen nicht. Eher im Gegenteil. Keiner der drei hatte sich bei den anderen Sey-Thari der Steinwüste sehr beliebt gemacht. Sie waren einfach zu ungewöhnlich.

Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als sich auf die Suche zu machen. „Aber denkt immer daran, dass nicht alles richtig ist, was die Beiden Völker tun oder euch sagen. Ihr könnt selbstständig denken und handeln. Danach sollten wir uns richten.“

Ihre Brüder nickten, doch Darnja konnte ihnen ansehen, dass sie nicht völlig mit ihr einer Meinung waren. Trotzdem wollte sie keinen neuerlichen Streit heraufbeschwören und ging schnell zu einer anderen wichtigen Frage über.

„Wir haben seid gestern Früh nichts mehr gegessen. Vielleicht sollten wir vor unserem Reisebeginn noch nach etwas Essbarem suchen.“

Ihre Brüder nickten heftig. Auch sie spürten schon seid einiger Zeit den bohrenden Hunger in der Magengegend. Aber wo sollten sie etwas Essbares finden? Und etwas zu trinken. Die kleineren Ausläufer des Erdbebens hatten nun auch das letzte Wasserloch der Gegend verschüttet. Und nach Wasser unter der Erde zu graben, war hier in der Steinwüste ohne Werkzeug sinnlos.

Darnja setzte sich ein wenig entfernt von ihren Brüdern auf den Steinboden und sah zur Sonne empor. Bald würde sie wieder fast im Zenit stehen, und es würde unerträglich heiß werden. Sie hatten schon den ganzen gestrigen Tag in der glühenden Hitze verbracht. Heute war sie viel zu erschlagen dafür. Wie schön wäre jetzt die wohltuende Kühle ihrer Lehmhütte im Dorf.

„Darnja? Geht es dir nicht gut?“ Ryg hatte sich besorgt zu ihr herunter gebeugt. Sie schüttelte den Kopf. „Ich musste nur an unser Dorf denken. Und...“

Schnell legte er ihr die Hand auf den Mund. „Kein Wort über das Dorf oder die Thari, die wir verloren haben. Wyno scheint das alles zu verdrängen. Du kennst ihn. Du weißt auch, wie sehr er Laya geliebt hat. Wenn er sich erst einmal richtig bewusst wird, dass er sie niemals wieder sieht, wird das schrecklich. Für uns alle.

Und das können wir im Moment alle nicht verkraften. Jetzt denkt er erst einmal daran, Nahrung zu beschaffen. Dabei sollte es bleiben. Vorerst. Bis der Zeitpunkt besser ist.“

„Und wann ist der beste Zeitpunkt, dass ihm bewusst wird, dass er seine Liebste verloren hat?“

Ryg zuckte mit den Schultern. Er war in dieser Sache genauso hilflos wie Darnja. Trotzdem hatte er recht. Im Moment war für einen von Wynos großen Gefühlsausbrüchen keine Zeit. Und im Grunde ihrer Herzen wollten die beiden anderen ja auch noch nicht völlig begreifen, was sie eigentlich verloren hatten.

So stemmte Darnja sich mühsam hoch und begann langsam über den Sand zu gehen. Wenn sie sich sehr konzentrierte, hatte ihr die Erde noch immer verraten, wo es unterirdisch etwas Wasser oder essbare Wurzeln gab.

Doch sie konnte sich einfach nicht richtig konzentrieren. Zu viele Gedanken jagten durch ihren Kopf. Wohin sollten sie jetzt nur gehen? In keinem ihrer Träume hatten die Sey oder Maley ihnen das gesagt. Wussten sie es vielleicht selbst nicht? Waren die Beiden Völker wirklich so hilflos? Aber was sollten sie drei dann ausrichten können?

Plötzlich stolperte Darnja und fiel in den Sand. Und genau unter ihr konnte sie erkennen, dass sich ein paar Sprösslinge durch den harten Erdboden kämpften. Der großen Erdenmutter sei gedankt! Hier musste es Wasser geben. Sie kniete sich hin und begann mit ihren Händen etwas Sand und Steine abzuheben.

Schon bald stieß sie auf eine dicke Wurzel. Srea-Knollen. Sie waren sehr wasserhaltig. Diese hier war zwar nicht sonderlich groß, würde aber trotzdem den größten Durst der drei lindern. So schüttelte sie vorsichtig den Sand von der Knolle und ging zu ihrem Lager zurück. Dort traf sie nur noch Ryg an.

„Wyno wollte jagen gehen.“

„Du hast ihn alleine gehen lassen? Wenn er nun in Richtung Dorf geht? Oder ihm etwas passiert. Du weißt, dass wir nie alleine auf die Jagd gehen dürfen.“

Ryg sah seine Schwester eindringlich an. „Wie hätte ich ihn denn daran hindern sollen? Ich habe ihm ja auch gesagt, er soll auf dich warten. Aber du kennst ihn ja. Alles muss nach seinem Kopf  gehen.“

Darnja seufzte. Es würde ihm schon nichts passieren. So setzte sie sich neben ihren Bruder und begann, die Knolle in etwa fingerdicke Scheiben zu schneiden. Bald schon tropfte weißes Wasser an ihrem Dolch entlang und färbte den Boden darunter dunkelrot. Sie fing etwas mit den Fingern auf und strich damit über ihr Gesicht. Dann reichte sie Ryg die erste Scheibe.

Der nahm sie dankbar lächelnd an und biss vorsichtig hinein, um nur ja kein Wasser zu verlieren. Erst jetzt sah Darnja, wie verbrannt seine Schultern und Arme waren. Er hatte von den drei Geschwistern die hellste Haut, und deswegen in der Steinwüste immer schon Probleme gehabt. Vielleicht war er ja deswegen Heiler geworden.

„Was brauchst du für Kräuter gegen Sonnenbrand?“

Er sah erstaunt zu ihr auf.

„Wieso?“

Sie zeigte nur auf seine Blasen werfende Haut. Doch er wehrte ab.

„Das ist nicht so schlimm. Ich werde mich schon an die Sonne gewöhnen. Und vielleicht bricht ja bald wieder eine Nachtperiode an.“

Er kaute weiter auf seiner Sreascheibe herum und es war klar, dass für ihn damit das Thema beendet war. Für Darnja war die Abneigung gegen die Suche aber noch weiter gewachsen.

Was wussten sie schon, durch welche unwirtlichen Gegenden sie kommen würden. Vielleicht Wüsten, so groß, dass sie tagelang kein Wasser oder Schatten finden würden. Oder hohe Berge. Und es gab noch so viele andere Gefahren, die sie sich überhaupt nicht vorstellen konnte.

Beinahe hätte sie zu Ryg gesagt, sie würde doch nicht auf die Suche nach dem Kristall gehen wollen. Aber als sie sich zu ihm umdrehte, öffnete sie gar nicht erst den Mund. Ihr Bruder hatte seinen silbernen Schlangenkopf, das Amulett ihres alten Stammes, fest umklammert und den Kopf auf seine Brust gesenkt. Das war seine Meditationsstellung. Selbst in seiner größten Not fand er bei den Maley noch Zuflucht.

So stand sie schweigend auf und ging in Richtung Osten. Vielleicht würde sie ja noch etwas zu Essen finden.

4: Welterschaffung

Ihre Reise durch die Steinwüste dauerte nun bereits fast 10 Sonnenläufe. Und noch immer wussten sie nicht genau, wohin sie gehen mussten. Sie waren einfach nur immer in die entgegengesetzte Richtung ihres Dorfes gegangen. Doch es schien, als wären sie bis jetzt noch keinen Schritt vorwärts gekommen. Seit Tagen nur noch Sonne und Steinwüste. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es war kurz vor dem Zeitpunkt, an dem die Sonne den Horizont berührte. Die drei Geschwister hatten ein wenig zu Essen gefunden, doch es war kaum genug, ihren Hunger zu stillen. Aber sie hatten sich in der letzten Zeit an das ständig präsente Hungergefühl in ihrem Bauch schon so gewöhnt, dass sie ihn nur noch spürten, wenn er unerträglich wurde.

„Heute wird die Sonne untergehen.“

Darnja sah Ryg erstaunt an. Doch sie zweifelte keine Sekunde an seinen Worten. So wie sie alles wusste, was in und auf der Erde geschah, kannte Ryg jede Bewegung am Himmel. Das meiste hatte er von Parón, dem Schamanen ihres Stammes gelernt. Doch es gab auch einiges, was er von sich aus wusste. Dazu gehörte auch, dass er immer vorausahnte, wann wieder eine Dunkelperiode beginnen würde.

„Das ist nicht gut! Wenn jetzt eine Dunkelperiode anbricht, werden wir jeden Tag nur eine sehr kurze Zeit weiter sehen können als ein paar Schritte. Und diese Zeit werden wir brauchen, um Nahrung zu suchen. Also müssen wir hier bleiben, bis die Sey wieder gewonnen haben.“ Wyno schlug sich wütend mit der Faust auf den Oberschenkel.

Auch Danja wollte zuerst seinem ersten Impuls folgen und sprang wütend auf. Doch dann begann sie zu lächeln.

„Ryg konnte in der Dunkelperiode schon immer besser in die Geister- und Traumwelt einsteigen, als bei Licht. Vielleicht werden wir uns ja nicht fortbewegen können. Aber hoffentlich werden wir endlich erfahren, wohin wir eigentlich müssen.“

Sofort war Ryg voller Begeisterung.

„Wir müssen ein Beschwörungsritual für die Maley herrichten.“

Doch sofort wurde seine Freude wieder gedämpft.

„Aber ich habe noch nie ein solches Ritual alleine durchgeführt. Und hier haben wir weder alle Kräuter für den Trank, noch genug Thari, um das Ritual überhaupt durchzuführen.“

Darnja schüttelte den Kopf.

„Ich habe an kein Ritual gedacht. Du musst nur einfach einschlafen. Mehr nicht. Dann werden sich hoffentlich die Maley mit dir in Verbindung setzen.“

„Die Maley? Warum sie? Die Herren der Dunkelheit haben uns noch nie geholfen, und bis jetzt nur einmal zu Ryg gesprochen.“

„Aber wenn die Sey uns helfen könnten, hätten sie schon längst Kontakt zu dir aufgenommen, Wyno. Genug Zeit hätten sie ja gehabt. Nein. Die Maley sind unsere letzte Hoffnung.“

Wyno glaubte noch immer nicht recht an die Worte seiner Schwester. Doch er schwieg, als er das sorgenvolle Gesicht seines Bruders sah.

„Ich kann doch nicht in die Geisterwelt ohne Ritual eindringen. Ich bin zu schwach. Schon als ich in meinem Traum dem Maley gegenüber stand, wäre ich fast verloren gewesen, wenn er mich nicht entlassen hätte. Bitte, Darnja. Ich sollte niemals eure letzte Hoffnung sein.“

Darnja schwieg lange Zeit. Dann streckte sie ihre Arme aus und zog Rygs Kopf auf ihren Schoß.

„Du wirst nicht alleine gehen müssen. Ich werde dich begleiten, so gut ich kann.“

Sie legte eine Hand auf Rygs Stirn, richtete sich gerade auf und begann dann leise zu Summen. Ryg lächelte. Er hatte das Lied erkannt. Und auch Wyno legte sich auf dem Rücken, um dem zu lauschen, was nun kam. Das war die älteste und großartigste Geschichte aller Thari. Es war die Mutter aller Geschichten. Es war der Gesang der Schöpfung.

Darnja schloss die Augen, legte den Kopf ein wenig zurück, und begann die langgezogenen Worte des Ursprungs zu singen.

„Die Geschichte beginnt in einer Zeit, da die Welt noch wild und ungezähmt war. Raubtiere schlugen jedes Tier, dessen sie habhaft werden konnten, selbst wenn sie schon lange satt waren. Steine rollten aus reinem Übermut die Berge hinab und begruben an dessen Fuß alles Lebende. Die Gewässer traten über ihre Ufer hinaus und ertränkten alle, die an ihren Ufern Wasser gesucht hatten.

Die Pflanzen wuchsen wild und stahlen sich gegenseitig Licht und Wasser. Berge spieen  hohe Lavafontänen aus, die sich dann in rasendem Tempo ins Tal hinabwälzten und jeden, der nicht schnell genug war, mit sich rissen. Sogar die große Erde selbst hatte Spaß daran, sich plötzlich zu öffnen und alles zu verschlingen.

Sonne und Mond kamen und gingen, wann immer sie wollten. Täglich kämpften sie um das Anrecht, am Himmel stehen zu dürfen. So lebte jeder im ständigen Kampf mit jedem. Das Helle mit dem Dunklen, das Schwere mit dem Leichten, das Trockene mit dem Feuchten, das Weiche mit dem Harten, das Warme mit dem Kalten.

Dies alles sah Aramo, der Herrscher des Weltalls. Und es gefiel ihm nicht. So stieg er von seinem Himmelsschloss hinab auf den Planeten und wies allem einen Platz zu. Er zeigte den Gewässern ihre Ufer und den Steinen ihren Platz auf den riesigen Bergen.

Er befahl der Erde, sich nie zu öffnen und den Bergen kein Feuer mehr zu speien. Er gab den Pflanzen eine Größe, bis zu der sie wachsen durften und den Raubtieren sagte er, sie dürften nur aus Hunger jagen.

Er wies den Vögeln den Himmel, den Fischen die Gewässer und den Säugetieren das Land zu. Zuletzt stieg er hinauf in die Lüfte zu Sonne und Mond und zeigte ihnen die Bahnen, in denen sie von nun an die Erde umrunden sollten. Zufrieden sah er auf sein Werk hinab.

Bald jedoch bemerkte er, dass er nicht alleine darauf achten konnte, dass seine Regeln eingehalten wurden. Und so beschloss er für jeden seiner Sterne ein Volk zu schaffen. Das Volk der Erde sollte von der Zahl her am größten werden, da sie vom größten der drei Sterne abstammten. Doch wie Dorra von Sonne und Mond abhängig ist, sollte auch das Erdenvolk von den anderen beiden Völkern abhängen.

So nahm er etwas von dem heißen Gestein der Sonne, etwas von dem goldenen Gestein der Erde, drei Tropfen seines Blutes und vom Feuer der Sonne. Daraus formte er zwei Gestalten. Sie hatten helles Haar, goldene Augen und ihre Haut war von einem herrlichen bronzenen Ton. Aramo nannte sie Sey, das Sonnenvolk. Ihnen gab er au,f über die Sonne, und alle Lebewesen, die das Licht liebten, zu herrschen.

Als dies geschehen war nahm er etwas von dem kalten Mondgestein, etwas von dem silbernen Berggestein der Erde, drei seiner Tränen und von der Dunkelheit des Weltalls. Wieder formte er zwei Gestalten. Sie hatten schwarzes Haar, tiefschwarze Augen und eine schneeweiße Haut. Aramo nannte sie Maley, das Mondvolk. Ihnen trug er auf über den Mond und die Tiere der Dunkelheit zu herrschen.

Zuletzt nahm er etwas Erde und Wasser und formte daraus wieder zwei Gestalten. Ihnen hauchte er seinen Atem ein und gab ihnen den Namen Thari, das Menschenvolk. Sie sollten sich vermehren und im Namen des Sonnenvolkes und des Mondvolkes über die Erde herrschen.

Danach verschwand Aramo für immer. In der Welt jedoch, die er geformt hatte, brach ein goldenes Zeitalter an.

Alle Geschöpfe der Erde lebten friedvoll miteinander. Jeder besaß alles, was er zum Leben benötigte. Und deshalb gab auch jeder gerne etwas von seinem Besitz ab. So musste man nur um etwas Wärme bitten, und die Sey gab sie. Ebenso hüllten die Maley jeden in wohltuendes Schwarz, wenn sein Körper nach Ruhe verlangte.“

Langsam lies Darnja den Gesang ausklingen und öffnete die Augen. Inzwischen war die Sonne tatsächlich völlig untergegangen, und nur noch der halbe Mond und einige wenige Sterne leuchteten sanft auf die drei hinunter.

Ryg war eingeschlafen, und auch Wyno schnarchte leise vor sich hin. Darnja hob sanft den Kopf ihres Bruders aus dem Schoß und lies ihn zu Boden sinken. Dann stand sie leise auf und verlies das Lager.

 

5: Darnjas Verbundenheit zur Erde

Ryg wachte keuchend auf. Er fuhr auf und sah entsetzt um sich. Doch er konnte nichts sehen. Wolken hatten den dunklen Nachthimmel völlig verhangen. Kein Strahl des Mondes konnte die Erde erreichen.

Vorsichtig tastete er um sich. An seiner Rechten lag Wyno. Und zu seiner Linken – nur Steine. Entsetzt richtete er sich ein wenig auf und tastete weiter. Nichts. „Darnja?“ Keine Antwort. „Darnja?“ Diesmal hatte er ein wenig lauter gerufen, wovon auch Wyno erwachte.

„Was schreist du, kleiner Bruder? Haben die Maley dir solche Angst eingejagt?“

„Wo ist Darnja? Sie ist nicht im Lager!“

Sofort erstarb Wynos Lachen. „Sie würde in der Dunkelperiode niemals alleine fortgehen. Sie spielt uns sicher nur einen Streich.“

„Nein. Wir würden ihre Anwesenheit spüren. Sie hat uns verlassen.“

Die beiden richteten sich erschrocken auf.

„Wieso? Sie war doch so überzeugt davon, dass ich erfahren werde, wie es weiter geht.“

„Und, hast du es?“

Ryg nickte. Sofort fiel ihm aber ein, dass Wyno das ja gar nicht sehen konnte und hängte noch ein kurzes „Ja“ an.

„Aber ohne sie kommen wir niemals an. Wir dürfen uns nie trennen. In der Prophezeiung heißt es, dass drei Thari Welt retten wird. Drei! Ich weiß jetzt endlich, wie wir den Kristall finden können, und jetzt... .“ Seine Stimme erstarb.

Wyno rückte etwas näher zu seinem Bruder und legte ihm den Arm um die Schultern.

„Wir reden hier von Darnja. Die beste Jägerin unseres Stammes. Und unsere Schwester. Sie würde uns niemals verlassen. Sicherlich hat sie einen Grund für ihr Verschwinden gehabt. Also werden wir später in der Dämmerung ein wenig Nahrung suchen und warten, bis sie wieder kommt.“

Er drückte noch einmal kurz seinen Bruder an sich und legte sich dann wieder auf den Steinboden, um ein wenig zu schlafen.

Ryg hörte eine Zeit lang den Atemgeräuschen seines Bruders zu. Doch selbst konnte er nicht einschlafen. Er spürte, dass mit Darnja nicht alles in Ordnung war. Doch er konnte keine richtige Verbindung zu ihr herstellen, so dass er nicht ergründen konnte, ob es bloß der Schmerz über den Tod der Mutter war, oder ob sie in Lebensgefahr schwebte.

Lange Zeit wälzte er sich hin und her. Er hatte Angst vor der Dunkelheit, obwohl ihn die Maley beschützten. Schon wollte er seinen Bruder wecken. Doch dann stand er alleine auf und ging in die Richtung, in der er seine Schwester vermutete. Vorsichtig setzte er einen Schritt nach dem anderen. Überall konnte es kleinere Felsen oder Löcher geben.

Plötzlich hörte er ein leises Schluchzen. Er beschleunigte ein wenig seinen Lauf und folgte dem Geräusch. Nach nur wenigen Schritten stieß sein Fuß gegen etwas weiches. Langsam beugte er sich zu Boden und fuhr sanft über das Gesicht seiner Schwester. Die schreckte zusammen und schlang dann schluchzend ihre Arme um seinen Hals. Ryg setzte sich vorsichtig auf den Boden und presste Darnja eng an sich.

Lange Zeit saßen die beiden so da. Darnja klammerte sich immer enger an ihren Bruder, als wäre er der einzige Halt, den sie noch auf der Welt hatte. Doch obwohl sie sich körperlich so nahe waren, schien ihr Geist so weit von seinem entfernt, wie noch nie in vorher.

Etwas in ihr schien gestorben zu sein. Etwas wichtiges. Etwas, was all ihr Leben zuvor ausgemacht hatte.Schließlich versiegten ihre Tränen, doch die Kälte, die sie umgab, verschwand nicht. Sie verstärkte sich nur immer mehr, bis es Ryg kaum noch ertrug.

Da schlug sie die Augen auf und sah ihn aus trüben Augen an. Er versuchte, sie zum Aufstehen zu bewegen, doch schüttelte sie nur müde den Kopf.

„Lass mich. Ich kann nicht mehr.“

Ryg protestierte. „Ich weiß jetzt endlich, wohin wir gehen müssen. Wir werden bald aus der Wüste heraus sein. Du darfst jetzt nur nicht aufgeben.“ 

Doch Darnja schien ihm überhaupt nicht zugehört zu haben. Statt dessen nahm sie eine handvoll Kiesel und lies sie durch ihre gespreizten Finger fallen.

„Wieso nur hat sie das zugelassen?“

Ryg sah sie fragend an. Wen meinte seine Schwester mit „sie“?

„Ich habe ihr seit meiner Geburt gedient. Nie habe ich etwas getan, was sie verletzt hätte oder ihr gar missfallen hätte. Und trotzdem lässt sie mich in dem Moment im Stich, in dem ich sie am meisten gebraucht hätte.“

„Von wem sprichst du. Doch nicht etwa von Mutter?“

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Nicht unsere leibliche Mutter. Sie hätte uns niemals im Stich gelassen. Sie nicht. Aber die, die ich zu meiner zweiten Mutter, zu meiner Beschützerin gewählt habe. Sie hätte uns helfen können.“

Ryg stand ruckartig auf und sah seine Schwester wütend an.

„Du weißt, dass ich dich immer für deinen Glauben bewundert habe. Und du hast so viele Anfeindungen deswegen erlitten. Doch nie hast du dich davon abgewandt. Nicht einmal, als unser Häuptling dich deswegen verbannen wollte. Und nun verlässt du diesen Weg, deinen Glauben, nur weil er nicht das getan hat, was du gewollt hast?“

„Nicht ich habe meinen Glauben verlassen. Er hat mich verlassen. Ich spüre die Erde nicht mehr. Es ist, als würde ich in der Luft schweben, ohne Verbindung zu meiner Beschützerin. Sie hat mich verlassen.“

Ryg hörte deutlich die Verzweiflung in ihrer Stimme. Das war es also. Darnja hatte ihre Verbindung zur Natur verloren.

„Als ich mit den Maley sprach, sagten sie mir oft, dass es unsere Bestimmung sei, den Kristall zu suchen und zu finden. Vielleicht war es ja Mutters Bestimmung zu sterben.“

Darnja sah ihren Bruder wütend an. „Du willst also sagen, Mutter sollte uns gebären und uns großziehen. Und da wir jetzt alt genug sind, um uns auf die Suche zu machen, ist sie entbehrlich und kann einfach getötet werden? Dann würde dass ja bedeuten, dass auch wir drei sterben werden, wenn wir den Kristall gefunden haben.“

Langsam fühlte Ryg sich unwohl. Denn was seine Schwester sagte, war logisch. Und wenn er weiter darüber nachdachte, würde er vielleicht irgendwann selbst daran glauben.

„Ich meine nicht, dass sie den Beiden Völkern nicht mehr nützlich gewesen wäre, und deshalb sterben musste. Aber durch ihren Tod hat sie uns bei der Suche geholfen. Sie sogar erst ermöglicht. Oder hättest du ohne das Unglück freiwillig Mutter verlassen?“

„Nein.“

„Dann führte es also dazu, dass wir mit unserer Suche beginnen konnten.“

„Nein. Wir sind darauf noch nicht richtig vorbereitet. Wir sind jetzt erst 17 Regenzeiten alt. Die Maley hat in meinem Traum außerdem angedeutet, dass es eigentlich zu früh ist. Nur wegen Nepora mussten wir so früh aufbrechen. So ist Mutters Tod und der damit verbundene zu frühe Aufbruch wahrscheinlich eher schlecht für unsere Suche. Also sage nie wieder, dass Mutters Tod uns irgendetwas nützen würde.“

Darnja war wirklich wütend auf ihren Bruder. Er lies sich noch immer viel zu sehr von den Wünschen und Gedanken der Beiden Völker leiten. Wenn sie ihn nur endlich vom Gegenteil überzeugen könnte. Doch im Moment war sie viel zu aufgebracht, um mit ihm zu reden. So stand sie schnell auf und lief ein paar Schritte von ihm weg. Sie wollte alleine nachdenken. Aber erst, als sie hörte, dass Ryg wieder in Richtung Lager zurück ging, begann sie sich wieder etwas zu entspannen und setzte sich auf den Boden. Kaum aber berührte sie die Erde, durchflutete sie tiefe Müdigkeit, und sie schlief augenblicklich ein.

*

„Darnja!“ Es war die Stimme der alten Frau, die sie zu den Beiden Völkern geführt hatte. Doch diesmal war es nicht mehr so dunkel, dass sie kaum etwas erkennen konnte. Zumindest war es hell genug, um das Gesicht der Frau erkennen konnte. Ihr Haar war weiß und kurz geschnitten. Das war seltsam. Darnja kannte sonst niemanden, der sich die Haare schnitt. Nur Toten und Trauernden wurde vor der Beerdigung das Haar geschnitten. Denn Haare waren das Zeichen des Lebens.

„Bist du tot, Große Mutter?“

Die Alte schüttelte den Kopf. „Um tot zu sein, müsste ich erst einmal richtig gelebt haben. Aber das verstehst du nicht. So strenge deinen Kopf gar nicht erst an.“

Wütend starrte Darnja auf die Frau.

„Nun willst auch du meine Gedanken unterdrücken! Genau so wie die Beiden Völker.“

Sie drehte sich um und wollte weglaufen. Doch sofort legte sich die dünne, faltige Hand der alten Frau auf ihre Schulter und hielt sie eisern fest.

„Du bist so voller Hass gegen die Beiden Völker. Vielleicht zu recht. Ich weiß es nicht. Aber bedenke, was du dir immer in deinem Dorf gewünscht hast. Anerkennung. Für dich und deinen Glauben. Und jetzt willst du einen anderen Glauben unterdrücken? Einen Glauben, der deinem Bruder die nötige Kraft gibt, all das zu überleben?“

Darnja sah verlegen zu Boden. Das stimmte. Sie war ihrem Bruder gegenüber genau so intolerant gewesen, wie die Dorfbewohner ihr gegenüber.

„Ich verstehe dich.“ Sie drehte sich zu der Alten um und sah direkt in die grauen Augen der Alten. „Ich verstehe, was du mir sagen willst. Aber versuche niemals, niemals wieder mir etwas zu verschweigen oder mir das Denken zu untersagen.“

Kaum hatte sie das ausgesprochen, verschwand die Alte wieder, und Dunkelheit umgab sie.

*

Als sie aufwachte, spürte sie unter ihrem Kopf etwas weiches. Sie bewegte sich ein wenig und bemerkte, dass es Wynos Bauch war. Ihre Brüder hatten sie also gefunden, und in das Lager zurückgebracht. Suchend streckte sie ihren Arm aus und berührte Rygs Schulter. Er drehte sich zu ihr um und kam ihrem Gesicht so nahe, dass sie selbst in dem schwachen Licht der Feuerstelle sein Lächeln erkennen konnte.

„Es tut mir leid, was ich gesagt habe. Denn wenn du wirklich glaubst, dass die Beiden Völker nie etwas ohne Grund tun, muss ich das wohl respektieren.“

Er nickte, schwieg aber. Trotzdem spürte sie, wie sich die Verbindung zwischen ihnen wieder aufbaute. Es gab keinen Streit mehr. Und plötzlich spürte sie auch wieder ihre Verbundenheit mit der Erde. Doch sie war noch stärker geworden. Fast schien es ihr, als wäre sie selbst ein Teil dieser Erde. Alles Leben um sie herum konnte sie spüren. Selbst das kleinste Insekt tief unter ihnen, im kalten Wüstensand.

„Darnja!“

Erschrocken fuhr sie aus ihren Gedanken auf.

„Die Sonne geht wieder auf!“

Erstaunt sah sie auf. Und tatsächlich schob sich langsam über den Horizont der rote Streifen der ersten Strahlen.

„Das ist unser Zeichen! Die Maley sagten mir, dass wir im Reich der Sey unsere Wanderschaft fortsetzen müssen.“

Ryg war aufgeregt aufgesprungen. Das war erstaunlich. Sonst litt er nämlich sehr darunter, wenn die Maley wieder Land verloren hatten. Doch nun wirkte er wie elektrisiert. Und schon bald sprang der Funke der Begeisterung auch auf seine Geschwister über. Endlich würde es weitergehen. Und nun hoffentlich in eine bezeichnete Richtung.

 

6: Der Adler

„Bist du dir sicher, dass du deine Maley richtig verstanden hast?“

Wyno sah seinen Bruder wütend an. Doch der nickte nur zuversichtlich und ging weiter. Wyno aber blieb kurz stehen, bis Darnja ihn eingeholt hatte, und sah sie dann zweifelnd an. „Seit seiner Vision ist er wie besessen. Und was hat es uns bisher gebracht? Schon seit fast drei Tagen steht die Sonne wieder am Himmel, und wir haben noch immer unser Ziel nicht erreicht. Oder haben wenigstens einen Weg aus dieser Wüste gefunden.“

Darnja legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Bitte, Wyno. Vertraue Ryg doch. Ich weiß, dass er kein Spurenleser ist. Aber es gibt hier auch keine Spuren. Das einzige, was wir haben, ist seine Vision.“

Wyno zog geräuschvoll die Luft zwischen seinen Zähnen ein. „Ich möchte mein Leben nicht in die Hände eines Träumers legen. Schon gar nicht in die eines Träumers, der sein Leben von den Maley geschenkt bekommen hat.“

Er rannte er wütend nach vorne und fing wieder eine Diskussion mit seinem Bruder an. Darnja aber blieb einige Schritte hinter den beiden. Nicht etwa, weil sie mit deren Tempo nicht mithalten konnte. Aber sie ertrug die ewigen Streitereien zwischen den beiden nicht mehr.

Ob sie gingen oder rasteten, aßen oder tranken. Immer fanden sie etwas, worüber sie sich uneins waren. Und bei jedem Streit verlangten sie von ihr, dass sie für einen ihrer Brüder Partei ergriff. Doch das konnte sie nicht. Sie liebte beide gleichermaßen – und beide waren ihr zur Zeit gleichermaßen unerträglich.

So wollte sie lieber für sich alleine sein und ihre neue Verbundenheit zur Erde völlig auskosten. Es waren so viele neue Gefühle in ihr, dass sie ihr Inneres kaum ordnen konnte. Jedes Gras, jede Wurzel, jedes Tier sprach zu ihr, erzählte ihr von seinem eigenen winzigen Leben und dem großen Leben der Erde.

Plötzlich wurde sie durch einen wütenden Schrei aus ihren Gedanken gerissen. Vor ihr sah sie, wie sich Ryg in diesem Moment wütend auf Wyno stürzte und ihn zu Boden riss. Sofort stürzte Darnja los, um ihre Brüder wieder auseinander zu bringen. Doch mitten in der Bewegung blieb sie stehen.

Was sollte es. In einer Stunde würden sie sowieso wieder übereinander her fallen. Vielleicht sollten sie den Kampf endlich einmal zu Ende bringen. So ging sie einfach weiter, und versuchte krampfhaft, die Schmerzensschreie ihrer Brüder hinter sich zu überhören.

Schließlich setzte sie sich mehrere Schritte von den beiden entfernt auf den Boden und stützte ihren schwer gewordenen Kopf in die Hände. All ihre Sorgen schienen sie zu erdrücken. Sie konnte kaum noch atmen, fühlte sich wie eine Gefangene ihres eigenen Körpers. Sie atmete einige Male tief ein und aus, aber das Gefühl wich nicht.

Plötzlich hörte sie leise das knacken von Knochen und einen schmerzerfüllten Aufschrei. Sofort war sie auf den Beinen und lief zu ihren Brüdern. Die hatten sich inzwischen voneinander gelöst. Ryg stand keuchend über Wyno, der sich mit blutender Nase am Boden krümmte.

Aber auch Ryg war übel zugerichtet, und offenbar war es sein Handgelenk, dass geknackt hatte. Es hing völlig verdreht an seinem Arm. Zuerst starrte sie die beiden nur entsetzt an. Wie konnten die beiden sich nur so etwas antun. Fast wäre sie selbst auf ihre Brüder losgegangen. Doch dann presste sie nur stumm ihre Lippen zusammen, drehte sich um und ging langsam davon.

Ihre Brüder sahen sich betreten an. Dann lies sich Ryg neben seinen Bruder auf den Boden fallen. Wyno wischte sich mit einer ungeduldigen Geste das Blut aus dem Gesicht und sah dann ein wenig entschuldigend auf Rygs verletzte Hand.

„Wir haben es wohl diesmal übertrieben.“

Ryg nickte nur still.

„Ich verstehe das nicht. So haben wir doch früher nicht gekämpft.“

„Früher waren wir jünger und schwächer.“

„Nein. Das ist es nicht. Ich fürchte, es liegt mehr in unseren ewigen Streitereien.“

„Solch tiefgründigen Worte von dir zu hören, ist ja etwas ganz Neues.“

Sofort holte Wyno aus, um seinen Bruder für diese spöttischen Wort zu bestrafen. Doch dann senkte er seine Hand wieder und meinte traurig: „Siehst du. Früher hätten wir uns wegen so einer Kleinigkeit doch nie geschlagen.“

Lange saßen die beiden schweigend nebeneinander. Rygs Hand begann nun langsam zu schmerzen, und Wynos Nase war angeschwollen.

„Wahrscheinlich sind wir es einfach nicht mehr gewöhnt, so lange ständig beisammen zu sein. Im Dorf lebten wir ja nicht einmal mehr in der selben Hütte, seit dem der Schamane mich angenommen hatte. Und hier draußen sind wir jetzt die einzigen Menschen.“

„Gerade deswegen müssten wir uns doch gut verstehen. Wir brauchen einander dringender als jemals zuvor in unserem Leben.“

Ryg zuckte mit den Schultern, und begann dann vorsichtig Wynos blutende Nase abzutasten. Es schien nichts gebrochen zu sein. So schiente er mit Hilfe seines Bruders und zwei Hälften eines Pfeils von Darnja sein Handgelenk und versuchte möglichst den Schmerz, der sich inzwischen bereits auf seine Brust ausgebreitet hatte, und ihm das Atmen etwas schwer machte, zu vergessen.

Schließlich halfen sich die beiden vorsichtig beim Aufstehen und folgten Darnja, die sich inzwischen schon weit von ihnen entfernt hatte, ohne sich auch nur einmal umzublicken. Die beiden riefen sie. Doch obwohl sie es sicher gehört hatte, ihre Ohren waren scharf wie die eines Acynox, ging sie nur stur gerade aus. Sie schien ihre Schritte sogar noch zu beschleunigen, bis sie beinahe lief.

Plötzlich hörte Wyno hinter sich einen gedämpften Aufprall. Erschrocken drehte er sich um. Ryg war ohnmächtig geworden. Er beugte sich zu seinem kleinen Bruder hinunter. Sein Gesicht war heiß und trocken, seine Lippen aufgesprungen und rissig. Sein Brustkorb hob und senkte sich zwar noch, aber in so unregelmäßigen Abständen, dass Wyno manchmal befürchtete, Ryg hätte das Atmen völlig aufgegeben.

Was sollte er nur tun? Darnja musste zurück kommen. So legte er alles Bedauern, das er über den Kampf in sich trug, in seine Stimme, und rief nach ihr. Und diesmal hörte sie. Sie kam sogar so rasch in seine Richtung, als ob sie bereits von Rygs Zustand wüsste.

Als sie ihre Brüder erreicht hatte, sagte sie noch immer kein Wort, beugte sich aber sofort über Ryg und untersuchte ihn mit ein paar geübten Handgriffen. Schließlich war auch sie eine Zeitlang Schülerin des Schamanen gewesen.

„Ryg muss sofort etwas Trinken und in den Schatten kommen. Vor uns liegt ein kleines Schlammloch, um das ein, zwei Bäume wachsen. Dort müssen wir ihn hinbringen.“

Wyno nickte, legte dann all sein Gepäck beiseite und lud sich seinen Bruder auf die Schultern. Aber der Kampf schien ihm doch mehr als nur die Nase verletzt zu haben. Niemals hätte er geahnt, dass sein kleiner Bruder so kräftig zuschlagen könnte.

Trotzdem versuchte er es weiter. Sein Brustkorb schmerzte, und das Gewicht seines Bruders ließ ihn kaum noch atmen. Bunte Punkte tanzen vor seinen Augen, und seine Beine begannen zu zittern. Plötzlich spürte er, wie ihm die Last von den Schultern genommen wurde.

Erstaunt sah er durch den dunklen Schleier, der sich langsam vor sein Gesicht zu ziehen schien. Es war Darnja. Sie hatte Ryg auf ihre Arme genommen, und ging nun ohne auch nur ein wenig unter der Last zu wanken in die Richtung des kleinen Tümpels.

„Bleib hier. Ich hole dich und das Gepäck, wenn ich Ryg versorgt habe.“

Wyno sah ihr erstaunt nach. Zäh war seine Schwester zwar schon immer gewesen. Aber niemals stark. Denn obwohl Ryg der kleinste der drei war, wog er sicherlich nicht viel weniger als Darnja selbst. Und sonst tat sie sich schon bei kleineren Gazellen schwer, sie auch nur zehn Schritte weit zu tragen.

„Nimm das Gepäck und gehe ihr nach.“

Wyno sah erstaunt um sich, konnte jedoch niemanden erkennen. Trotzdem kam ihm diese Stimme bekannt vor.

„Auch du kannst mehr leisten, als die meisten anderen Thari. Nur hast du die Quelle deiner inneren Kräfte noch nicht entdeckt. Darnja schon.“

Wyno erinnerte sich. Das war die Stimme des Sey aus seinem Traum. Er wartete noch auf eine weitere Anweisung, doch blieb nun alles stumm.

Seine Quelle der inneren Kräfte. An so etwas hatte er noch nie geglaubt. Er hatte seine Muskeln und seinen Kopf. Es gab nichts anderes. Und trotzdem. Was Darnja heute, und eigentlich auch schon in den ganzen letzten Tagen ihrer Suche geleistet hatte, war nicht nur durch Muskelkraft und Denken zu erklären.

Plötzlich sah er das Bild von Laya vor Augen. Damals, auf dem Fest zum Beginn der Regenzeit, als sie mit ihren schweren, nassen Haaren auf ihn zu getreten war, ihn an der Hand genommen und dann in den Kreis der Tanzenden gezogen hatte. Damals hatte er sich gewünscht, dieses Fest würde niemals Enden.

Doch das Ende bedeutete hier einen Anfang. Noch in der selben Nacht teilten sie zum ersten Mal das Lager, und verbrachten von dieser Stunde an ihre gesamte Zeit gemeinsam. Und nun war alles vorbei. Nie wieder würde er ihre warme, dunkle Haut auf der seinen spüren, nie wieder ihr helles Lachen hören, nie wieder von ihr geschimpft werden, weil er schon wieder vergessen hatte, frisches Wasser und Holz zu holen.

Es schien ihm, als wäre nun jegliche Kraft aus seinem Körper gewichen. Er war nur noch erfüllt von seinem Sehnen nach Laya. Wie nur würde er weiterleben können ohne sie? Was hatte es für einen Sinn, ohne sie weiterzuleben? Seine Zukunft hatte er nur mit ihr gesehen. Und nun, da sie nicht mehr da war, gab es doch für ihn keine Zukunft mehr.

„Wyno, kannst du gehen? Ich fürchte nämlich, dass ich nicht mehr die Kraft dazu habe, auch dich noch bis zur Wasserstelle zu tragen.“

Er sah zu Darnja auf und nickte dann langsam. Sofort nahm sie ihm das Gepäck ab, hob es auf ihren Rücken und half ihm dann hoch. Wyno stützte sich auf sie. Er spürte, wie geschwächt sie inzwischen war. So versuchte er, sie möglichst wenig zu belasten, bis er sich nur noch zur Sicherheit auf sie stützte, um nicht zu stolpern. Aber auch Darnjas Schritte wurden immer unsicherer. Trotzdem hielt sie sich aufrecht und schleppte sich selbst und ihren Bruder durch die heiße Wüste.

Inzwischen reagierte sie auf nichts mehr, was um sie herum geschah. Völlig von alleine bewegten sich ihre Beine, taten einen Schritt nach dem anderen. Sie hatte zwar bereits ein paar Hände voll Wasser getrunken, bevor sie zu Wyno zurückgekehrt war, doch hatte der ständig leicht wehende Wind ihr bereits wieder die Nase und den Mund mit feinem Sand gefüllt, und den Mund ausgetrocknet. Sie versuchte zu schlucken, gab es jedoch schließlich auf. Es war zu schmerzhaft.

Endlich sah sie durch die flimmernde Hitze vor ihnen die Wasserstelle mit den zwei verkrüppelten kleinen Bäumen, die wenigstens etwas Schatten spendeten. Wyno beschleunigte etwas seine Schritte, so dass sie kaum noch mithalten konnte. Trotzdem kämpfte sie sich weiter.

Dort vorne gab es Wasser, Schatten und Ruhe. Wasser, Schatten und Ruhe. Ihre Gedanken überschlugen sich, wurden immer undeutlicher. Sie versuchte sich auf die drei Worte zu konzentrieren. Wasser, Schatten, Ruhe. Wasser, Schatten, Ruhe.

Sie spürte das kurze Gras unter ihren Füßen. Nur noch ein paar Schritte. Wasser, Schatten Ruhe. Sie konnte den Tümpel und die Bäume bereits riechen. Wasser, Schatten, Ruhe. Da löste sich Wyno von ihrer Schulter. Leicht schwankend ging er auf das Wasser zu, lies sich davor auf die Knie fallen und schöpfte gierig mit beiden Händen das Wasser in sich hinein.

Darnja wollte ihn warnen. Er durfte nicht zu schnell trinken. Aber kaum hatte sie den Gedanken gefasst, war er bereits wieder verflogen. Wasser, Schatten Ruhe. Noch einmal holte sie alle Kräfte, die ihr geblieben waren aus sich heraus, brachte das Gepäck zu dem provisorischen Lager, dass sie um Rygs Lagerstätte herum in der vorherigen Eile errichtet hatte.

Wasser! Sie schleppte sich zu der Wasserlache, wusch sich erst kurz den Sand vom Gesicht und versuchte dann unter Würgen etwas von dem dickflüssigen Wasser herunter zuschlingen. Sie spürte, wie mit dem Wasser auch kleine, spitze Sandkörner und Erde ihre Kehle hinunter rannen.

Sie hustete kurz, nahm aber trotzdem noch einen Schluck und kroch dann auf die Bäume zu. Schatten! Ohne sich zu kümmern, wo sie lag, streckte sie ihren Körper aus und legte den angewinkelten Arm unter ihren Kopf. Ruhe. Ruhe.

*

Darnja erwachte von einem leisen Geräusch über ihr, und war sofort hellwach. Über ihnen schwebte ein riesiger Vogel. Sie beschirmte ihre Augen, um ihr besser zu erkennen, doch kannte sie diese Art nicht. Er sah ein wenig wie ein Geier aus, hatte aber einen kürzeren und befiederten Hals.

Sie tastete bereits nach ihrer Schleuder, um ihn notfalls zu verscheuchen, falls er landen sollte. Doch er drehte nur weiter seine Kreise, stieß dann plötzlich einen schrillen Schrei aus und verschwand in Richtung Norden.

Erleichtert lies Darnja sich wieder auf das kurze Gras sinken. Sie war so schrecklich müde, und würde gerne noch ein wenig schlafen. Trotzdem drehte sie noch einmal den Kopf zu ihren Brüdern, bevor sie wegdöste.

Der Schatten war inzwischen gewandert, es mochte kurz nach dem völligen Aufgang der Sonne sein, und Ryg lag nun völlig ungeschützt vor den Strahlen auf dem Leder, dass Darnja ihm gestern untergelegt hatte. Kurz sah sie zu Wyno, doch der schlief ungestört leicht an einem der beiden Bäume gelehnt. Sie würde ihn wecken müssen, oder Ryg alleine umbetten. Langsam erhob sie sich.

Im ersten Moment glaubte sie, dass ihre Beine sie wohl niemals auch nur einen Augenblick aufrecht halten könnten. Sie schmerzten von der Zeh bis zur Hüfte hinauf, und ein Schritt brauchte eine ungemeine Willensanstrengung.

Mit Hilfe ihrer Arme stemmte sie sich in die Höhe, und ging dann zu Ryg, immer wieder ein schmerzerfülltes Stöhnen unterdrückend. Doch langsam lockerten sich ihre Muskeln bereits wieder, und je mehr Schritte sie machte, desto leichter wurde.

Als sie Ryg erreichte, war der Schmerz fast völlig verschwunden. Tanzen wäre zwar noch immer unmöglich, aber zumindest Ryg würde sie jetzt in den Schatten ziehen können. Sie nahm das Leder, stemmte dann beide Beine in das kurze Gras, und verlagerte ihr Körpergewicht möglichst weit nach hinten. Und bereits nach kurzem Ziehen bewegte sich das Lager mitsamt Ryg, und mit nur ein paar Schritten nach hinten hatte Darnja ihn da, wo er liegen sollte.

Trotzdem würde sie ihn nicht ständig dem Schatten nachziehen können. Sie musste eine künstliche Überdachung schaffen. Wenn nur die Äste der beiden Bäume länger wären. Sie würden zu einer ganz natürlichen Überdachung zusammenwachsen.

Lange starrte Darnja auf die beiden Bäume. Plötzlich durchflutete sie ein unbändiges Gefühl des Lebens, das allen Pflanzen an diesem Wasserloch auszugehen schien. Alle Müdigkeit war aus ihrem Körper gewichen. Das reine Leben pulsierte durch ihre Adern, umgab sie und breitete sich immer weiter aus.

Darnja schloss ihre Augen und sah, wie die Bäume anfingen zu wachsen. Zwar langsam, aber stetig. Immer weiter. Bald berührten sich die äußersten Zweige, verhakten sich ineinander und verwebten sich schließlich zu einem dichten, von Blättern umrankten Dach.

Langsam öffnete sie ihre Augen wieder. Und was ihr wie eine Vision erschienen war, war Wirklichkeit geworden. Die beiden Bäume waren zu einem einzigen Baum mit zwei Stämmen zusammengewachsen. Ungläubig berührte sie die Blätter und Äste. Die Triebe waren jung und biegsam. Aber völlig real.

Vorsichtig lies sich Darnja auf den Boden nieder, legte sich auf den Rücken und starrte auf den Blätterhimmel hinauf. An den Ästen hatten sich inzwischen auch Knospen gebildet, die sich bald zu kleinen, gelben Blüten öffneten, wieder verdorrten und schließlich zu kleinen, blauen Beeren wurden.

Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken richtete sich Darnja etwas auf, griff nach einer der Beeren und steckte sie in den Mund. Sie war unglaublich süß und hinterließ im Mund ein leicht betäubendes Gefühl.

Darnja legte sich wieder zurück, beobachtete, wie sich das Blätterdach sanft im schwachen Wüstenwind wiegte, und lies sich schließlich davon wie ein kleines Kind in den Schlaf wiegen. 

*

Als sie nun zum zweiten Mal aufwachte, war die Sonne bereits weit untergegangen. Bald würde sie ihren tiefsten Stand erreicht haben.

Ryg lag noch immer so da, wie sie ihn zuvor bei Hochsonne niedergelegt hatte. Aber Wyno schien bereits kurz auf gewesen zu sein. Zumindest lagen die Wasserflaschen gefüllt neben ihr, und Wyno hatte sich so niedergebettet, dass zumindest sein Gesicht vom Schatten der kleinen Laube bedeckt war.

Darnja nahm einige Schlucke aus der Flasche. Darin hatte sich in der Zeit, seit dem Wyno sie gefüllt hatte, bereits einiges des Sandes und der Erde im Wasser am Boden abgesetzt, und so schmeckte das Wasser relativ frisch. Zumindest fiel ihr das Schlucken nicht mehr ganz schwer.

Plötzlich hörte Darnja Flügel schlagen, und der große Vogel landete direkt vor ihrem Lager. Langsam zog sie ihre Schleuder, legte einen Stein ein, schoss jedoch noch nicht. Nur wenn er sie oder ihre Brüder direkt angriff hatte sie das Recht dazu, ihn zu verletzen oder sogar zu töten. Wenn er sich jedoch ruhig verhielt, hatte sie keinen Grund, sich zu verteidigen.

Und der Vogel schien keinerlei Anstalten zu machen, sie angreifen zu wollen. Er stand einfach nur da und späte zu den dreien herein. Und als Darnja ihre Schleuder etwas sinken lies, watschelte er näher, ohne jedoch seine Augen von Darnjas Händen zu lassen. Schließlich berührte er fast Rygs Füße mit seinem Bauch. Da blieb er stehen, krächzte leise, machte plötzlich einen Satz nach hinten und schwang sich wieder in die Lüfte hinauf.

Darnja sah ihm verwundert nach. Doch als sie zu dem Platz sah, an dem er vorher gestanden war, wurde ihr Erstaunen noch größer. Dort glitzerte es sanft in der nächtlichen Sonne. Sie griff hin, und hatte plötzlich ein Stück silbernes Gestein der Maley in der Hand. Es war oval und mit allerlei Zeichen übersäht, die sie nicht kannte. Eindeutig von den Beiden Völkern.

„Was hast du da?“

Ryg war inzwischen aufgewacht und sah Darnja interessiert über die Schulter. Sie zeigte ihm das Stück Silber. Sofort griff er danach und betrachtete es eingehend. Darnja holte eine der Wasserflaschen und hielt sie Ryg hin. Doch der wehrte nur ab.

„Wovon hast du das?“

„Ein merkwürdiger geierartiger Vogel hat es gerade hier liegen gelassen. Weißt du, was darauf steht?“

Ryg schüttelte den Kopf, stieß dann jedoch einen kurzen Pfiff aus wie immer, wenn er sehr überrascht war.

„Ein Zeichen kenne ich. Die beiden Kreise, die ineinander übergehen, bedeuten Freundschaft. Es scheint, als hätte uns dieser Vogel seine Freundschaft angeboten.“

Kurz nahm er nun doch von dem Wasser, lies aber das ovale Gestein keinen Moment aus den Augen. Liebevoll drehte er es von einer Seite auf die andere, fuhr immer wieder mit den Fingern darüber. Alles um ihn herum schien vergessen. Selbst die Schmerzen in seinem Handgelenk.

Darnja strich ihm kurz lächelnd über das Haar. Dann erhob sie sich, trat unter dem Blätter dach hervor und machte sich daran, einige der Beeren zu pflücken.

*

Darnja und Wyno standen wartend auf der kleinen Anhöhe neben dem Wasserloch, das in den letzten fünf Sonnenläufen ihr Ruheort gewesen war. Aber nun, da alle Wunden des Kampfes verheilt waren, und alle drei wieder etwas gestärkt waren, wollten sie weiter. Nur Ryg konnte sich noch nicht lösen. Er wartete auf den Vogel, den er inzwischen Dlanor, Greifer, genannt hatte, weil er ihnen immer wieder kurz vor und kurz nach dem völligen Sonnenaufgang eine kleine Maus oder Eidechse in seinen Klauen gebracht hatte. Stets war er dann dabei gesessen, während sie das Tier zubereitet hatten und mit den Beeren der beiden Bäumen gegessen hatten. Erst wenn alles aufgegessen war, hatte er wieder seine riesigen Flügel aufgespannt und war davon geflogen.

Nur heute war er noch nicht erschienen. Ryg wollte sich verabschieden und bedanken, doch mussten sie los. Sie konnten schließlich nur während der kühleren Zeit der untergehenden Sonne weitergehen, und die war bereits angebrochen.

Wyno rief ungeduldig nach seinem Bruder, und obwohl Darnja Ryg nur zu gut verstehen konnte, drängte es auch sie, endlich aufzubrechen. Aber erst als sie ihn rief, nahm Ryg traurig sein Gepäck auf und folgte seinen Geschwistern.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie plötzlich den inzwischen schon so vertrauten Flügelschlag, gefolgt von zwei hellen Schreien, über sich hörte. Und wie aus einer Eingebung heraus blieb Ryg stehen, streckte seinen Arm aus und wartete geduldig, bis sich Dlanor langsam herunterschraubte, kurz über ihren Köpfen schwebte und sich dann ruhig auf Rygs Arm niederließ.

Wyno war überrascht, doch Darnja hatte das bereits kommen gesehen. In den letzten Sonnenläufen war ihr das Versprechen der Sey, dass sie ihnen Helfer schicken würden, immer wieder in den Sinn gekommen. Und Dlanor schien direkt von den Maley zu kommen. So lächelte sie kurz und meinte dann:

„Jetzt haben wir wohl unseren Führer. Hoffentlich zeigt er uns den kürzesten Weg, um zu doppelgipfligen Berg zu gelangen.“

Zum Seitenanfang