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Dunkler Engel
Ein Fantasy-Märchen von Cailyn
Es war kalt. Channel rannte durch die verschneiten Straßen in Richtung Waisenheim. Es war Nacht; dunkel; nur die Sterne strahlten in all ihrer Schönheit.. Doch Channel beachtete dies nicht. Sie war jung. Erst 17 Winter alt, und arm. So arm, dass sie mit einem zerrissenen Kleid und barfüßig durch die Straßen lief. Die schönen, schwarzen Locken wippten hin und her, die braunen Augen schauten traurig, die sonst so roten Lippen waren blau. Channel fror.
Endlich erreichte sie das Waisenhaus. Ein altes, zerfallenes Gebäude, das halb mit Brettern zugenagelt war. Eine offene Feuerstelle im Inneren wärmte die kalte Luft. Das Waisenheim war kein besonderes Haus, aber es war ein Haus, nach dem Tod ihrer Eltern Channels Haus. Hier fühlte sie sich wohl.
„Channel!“ Eine kindliche Stimme drang an das Ohr der Gerufenen, „Da bist du ja endlich!“. Die klaren, blauen Augen eines achtjährigen blickten sie an. Er trug eine zerrissene Hose, einen Fetzten von Hemd und ebenfalls keine Schuhe. Eine alte Decke, die auf seinen Schultern lag, sollte ihn vor der Kälte schützten. Doch das schaffte sie nicht, denn der Junge klapperte bereits mit den Zähnen.
„Frederic“, das junge Mädchen nahm das Kind in den Arm, „Du sollst doch bei dieser Kälte nicht nach draußen. Sonst wirst du mir noch krank!“ Die Stimme klang sanft und freundlich, die Augen blickten besorgt, der Körper zitterte.
Channel trug den kleinen Jungen ins Haus und setzte sich mit ihm vors Feuer. Die heißen Flammen wärmten ihre Glieder und sie hörte nun endlich auf zu frieren.
„Hast du ihn erwischt?“ Die Augen des Jungen wurden größer und füllten sich mit Hoffnung.
„Nein, leider nicht. Er war schon weg, als ich kam. Diese Woche müssen wir wohl alleine zurechtkommen.“ Channel senkte den Kopf. Sie war den langen, kalten Weg umsonst gelaufen. Mr. Stewart war mit der Kutsche weggefahren, ohne ihr das Geld für diese Woche zu geben. Jetzt musste sie fünf kleine Kinder und sich selbst alleine durchfüttern. Nur wie sollte sie das tun?
Mr. Stewart war ein alter Mann, den viele als Geizhals bezeichneten. Er zählte zu den reichsten Männern der Stadt, führte sie sogar unoffiziell. Jeder fürchtete ihn. Er lachte nie, war unfreundlich und hatte eine immer raue und ernste Stimme - er war wirklich unbeliebt.
Doch Channel war das egal. Sie hatte seine Schwäche entdeckt: Kinder. Er hatte nie die Gelegenheit , eigene zu bekommen. Und nun war er zu alt. Vor sechs Jahren hatte er das wunderschöne Kind beim Betteln gesehen, es zu sich ins Warme genommen und versprochen, ihm zu helfen. Seit diesen sechs Jahren bekam Channel jede Woche Geld für die Nahrung von sich und den Kindern.
Nein, Mr. Stewart konnte kein schlechter Mensch sein, egal was die Leute sagten.
„Ich bin müde, ich geh‘ jetzt schlafen. Und das solltest du auch lieber tun!“ Channel schaute dem kleinen Jungen in die Augen, hoffend, dass er ihren Ratschlag annehmen würde. Befehlen konnte sie ihm nichts, er würde nicht auf sie hören. Sie war ja nicht besser als er, auch nur ein Waisenkind , das keiner haben wollte. Das waren sie alle hier. Alle sechs. Sie war nur die Älteste.
„Du hast recht, ich bin auch schon müde. Und die anderen schlafen bereits. Morgen sieht die Welt bestimmt schon anders aus.“ Frederic betrat eine andere Ecke des Raumes, die durch eine Decke getrennt war. Dort war der Schlafraum. Türen gab es nicht, waren zu teuer.
Channel beschloss vorm Feuer zu schlafen. Dort war’s warm und gemütlich. Sie schlief schnell ein, der Tag war schließlich auch anstrengend genug gewesen.
„Welch ein schönes Mädchen!“
„Wer bist du?“
„Und es wird von Tag zu Tag schöner!“
„Was bist du?“
„Bald wirst du mein sein!“
„Wo bist du?“
Du wirst sein, was ich bin. Wirst sehen, was ich sehe, und wirst für immer nur die Meine sein, Channel!“
Channel schreckte hoch: „Was willst du von mir?“
Schweiß lief ihre Stirn hinunter. Was war das gewesen? Ein Alptraum? Ihr Herz raste. Was hatte sie geträumt? Sie konnte sich an nichts erinnern, nur an dieses Schwarz...
Lange konnte sie nicht geschlafen haben, dass Feuer brannte noch gut, ohne dass sie neues Holz hätte nachlegen müssen.
Channel war verwirrt... und so müde! Sie war immer noch so müde. Denn der kurze Schlaf war alles andre als erholsam gewesen. So legte das Mädchen sich wieder hin. Morgen hatte sie noch genug Zeit, um sich Gedanken machen. Sehr schnell fiel sie in einen erholsamen, traumlosen Schlaf.
Die Kälte des Morgens legte sich über die Stadt. Wolken zogen sich am Himmel zusammen und verdrängten die wärmenden Sonnenstrahlen.
Das Feuer im Waisenheim war schon lange erloschen, so dass der Morgen auch dort einziehen konnte. Er weckte Channel. Frierend legte sie neues Holz an die Feuerstelle und entzündete es mit einem Stück brennendem Stoff. Der Traum der letzten Nacht war vergessen, sie musste jetzt dafür sorgen, dass die Kinder was zu Essen hatten.
Langsam schlich das 17 Winter-alte Mädchen in die Schlafecke, um Frederic, dem Ältesten der Kinder, zu berichten, dass sie nun Betteln gehen würde.
„Wann wirst du wieder da sein?“ Der Junge redete sehr verschlafen und war in eine alte Decke gekuschelt.
„Gegen Abend, vielleicht früher, vielleicht später. Ich hab das Feuer jetzt neu entzündet, sorg‘ dafür, dass es nicht ausgeht. Und pass‘ auf die Kleinen auf, ich vertrau‘ dir!“ Ein Lächeln huschte über Channels Gesicht, auch der Junge lächelte. Danach drehte er sich auf die Seite, um weiterzuschlafen, während sie die Ecke verließ. Ein alter Stofffetzen, der neben dem Feuer lag, wurde ihr Mantel, als sie aus dem Haus ging.
Die Straßen waren noch leer, denn die Frühe hatte ihren Schlaf noch nicht von der Stadt genommen. Auch das Mädchen mit der hellen Haut und den dunklen Haaren war in ihren Bann gehüllt. Jedoch konnte sie sich der Kraft der Müdigkeit wiedersetzen.
Das musste Channel auch, denn einem schlafenden Mädchen würde niemand Geld geben. Im Gegenteil, sie wäre ein leichtes Opfer für die Diebe.
„Was macht ein so schönes Kind wie du denn bei solcher Zeit auf der Straße?“
Channel drehte sich zur Richtung, aus der die Stimme kam. Dort sah sie einen jungen Mann mit langen braunen Haaren und dunklen Augen, die verführerisch und mysteriös glänzten. Er war sehr groß und über sein schwarzes seidenes Hemd war ein langer schwarzer Umhang geworfen, der in der Innenseite aus rotem Samt bestand.
Über dem freundlichem Lächeln gab es zwei kurze Bartanfänge und am Kinn selbst war auch ein kleiner Spitzbart zu sehen. Seines Äußerem nach zu urteilen, musste er der Sohn eines Adeligen sein. Vielleicht ein Graf oder Baron. Insgeheim vermutete Channel sogar, einen wahren Prinzen vor sich zu haben.
„Kannst du reden?“ Da war sie wieder, die sanfte Stimme. Channel war wie verzaubert von ihr.
Sie erhob sich rasch und verbeugte sich kurz. Ihr Blick war demütig auf den Boden gerichtet, wie es sich in Gegenwart eines Edelmannes gehörte.
„Entschuldigt Sire, dass ich Euch nicht gleich geantwortet habe. Aber ich habe Eure Ankunft nicht gehört.“ Sie sprach mit einer zarten, fast flüsternden Stimme, und wagte es nicht, auch nur einen Blick nach oben zu riskieren.
„So kann ich gar nicht deine bezaubernden Augen sehen. Und dein wunderschönes Lächeln auch nicht. Sehe ich so fürchterlich aus, dass du mich nicht ansehen willst?“
„Nein, Sire!“, erwiderte Channel mit einem schnellen Blick nach oben. Ihre Augen trafen die des Edlen. Wie sanft sie doch wirkten. So gnädig und gerecht. Gar nicht so verzogen und verwöhnt, wie es sich für einen Adligen gehörte.
„Aber ich… ich…“, stotterte das Mädchen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Hatte sie es gewagt, einen Edelmann zu beleidigen?
Ein kalter Hauch des Morgens schlich durch die Strassen und streichelte Channel auf seine Art. Sie begann zu frieren.
„Oh, du frierst ja! Warte hier!“ Der Edle legte seinen schwarzen Mantel dem Mädchen auf die Schulter. Channel fühlte sich nicht wohl dabei. Sie hatte Angst, den schönen Stoff zu beschmutzen.
„Nein, Sire! Das... ist...“, versuchte sie einzuwenden.
„Hey, du willst mir doch nicht widersprechen, oder?“, der Fremde lächelte sie fragend an.
„Nein, Sire! Das würde ich nie wagen!“, sagte Channel wieder in ihrem demütigen Flüsterton.
„Na also. Du bist sicher hungrig. Ich wohne auf der Burg Everdark Wood. Dort drüben steht meine Kutsche. Bei mir wird es dir sicher besser ergehen als hier auf der Strasse.“
Er nahm die Kleine in den Arm und führte sie zu seiner Kutsche. Sie wollte nicht mitkommen; musste doch Geld für die Kinder sammeln. Doch widersprechen durfte sie nicht. Adlige waren Menschen einer besseren Welt, die hoch am Himmel schwebte. Nur manchmal, wenn in einem von ihnen die Neugier entflammte, wagte er sich auf die tiefe Ebene hinab, um die seltsamen Kreaturen, die dort lebten, zu betrachten.
Nur selten hatte ein Schatten der untereren Welt die Gelegenheit, dies erhobene Reich zu sehen, gar sich dort zu verstecken. Aber unentdeckt zu leben war unmöglich, denn ein Monster unter Göttern blieb ein Monster, auch wenn es goldene Kleider trug.
Als Channel in die Kutsche stieg, stieg sie auf eine Leiter, die den Himmel mit der Erde verband. So kam es ihr zumindest vor.
Den Everdark Wood kannte sie. Es war der Wald hinter Stadt, indem man sich sehr leicht verlief. Aber von der Burg hatte sie noch nie etwas gehört. Doch was konnte sie schon wissen; sie war schließlich nur ein einfaches Mädchen.
Es war wie Magie. Vom Fenster der Kutsche aus sah Channel Bäume und manchmal auch Häuser so schnell vorbei ziehen, als ob sie fliegen würden. Und als sie versuchte, sich an das Gesehene zu erinnern, so war dies nicht möglich.
Channel war das nicht geheuer, doch sie traute sich nicht, ein Wort zu sprechen. Es könnte den edlen Herren neben ihr verärgern.
Die Everdark Wood Burg war monströs und finster. Wie ein Ungeheuer, dass auf sein nächstes Opfer wartet. Sie machte Channel Angst, doch das Mädchen traute sich erneut nicht zu sprechen.
Das Innere der Burg war dunkler als das Schwarz der Nacht, und die Gänge waren aufgebaut wie ein Labyrinth; so verwirrend wie der Everdark Wood selbst.
An den Wänden hingen Teppiche, die verschiedene Schlachten zeigten, die lange vor dieser Zeit gekämpft wurden.
Channel mochte diesen Ort nicht, doch was hätte sie tun können? So ließ sie sich von dem Lord oder Fürsten in einen Saal führen, in dem ein alter Spiegel stand.
„Hier, ich glaube dieses Kleid ist besser.“ Der Edle reichte ihr ein Kleid aus gelber Seide, welches vorne eine Edelstein-Brosche in Form eines Käfers schmückte.
Solch ein schönes Kleid hatte das Mädchen noch nie in den Händen gehalten. Sie fühlte ganz langsam über die Seide und spürte den weichen Stoff unter ihrer Handfläche. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Es war wie in dem Märchen, das sie als Kind so oft gehört hatte. Ein Prinz verliebte sich in ein armes Mädchen, heiratete es und zeigte ihr seine Welt. Dieses Mädchen war nun sie. Und wenn es nur für einen Tag war.
„Oh, habt Dank, Sire! Ihr seid so gnädig!“, bedankte sich Channel mit einem Lächeln.
„Aber bitte, nenn‘ mich doch Demian. Das klingt wesentlich besser als Sire.“ Er lächelte durch seine sanften Augen und drehte sich anschließend um, damit Channel sich umziehen konnte.
„Magst du Wein?“, fragte er dann.
„Ich weiß nicht, Si… ähh… Demian. Ich habe noch nie welchen getrunken.“, beantwortete sie seine Frage.
„Bestimmt magst du Wein. Jeder mag Wein.“, sagte er und reichte ihr einen silbernen Kelch mit einer roten Flüssigkeit.
Channel nahm einen großen Schluck, doch musste direkt darauf anfangen zu husten, denn das Zeug schmeckte widerlich. Irgendwie metallisch.
„Wie mir scheint, verträgst du den Wein nicht sonderlich. Das ist nicht schlimm. Übrigens, das Kleid sieht wunderschön an dir aus. Es zeigt deine vollendete Eleganz. Dass die Sonne sich überhaupt traut, jeden Morgen aufzugehen! Sie weiß doch ganz genau, so sehr sie auch voller Schönheit strahlt, dich wird sie nie überbieten können.“
Demian schlich langsam um das junge Mädchen rum, während er sprach. Channels Augen leuchteten auf. So etwas hatte man ihr noch nie gesagt. Oh, was für ein Glück sie doch gehabt hat, diesen Edlen kennen zu lernen.
Sie atmete schnell auf, als sie Demians Hände auf ihren Schultern spürte. Ganz sanft strichen sie Channels Arme hinunter. Er stand dicht hinter ihr und fing an, ihren Hals mit seinen zarten Küssen zu liebkosen.
Das Mädchen versuchte dem Geschehenem zu folgen. Alles kam ihr vor wie im Traum; alles ging so schnell. Doch wie gut es sich anfühlte! Gleich was jetzt geschehen wird, es solle geschehen. Sie würde nicht versuchen, es zu verhindern.
„Ich will dich haben. Für die Ewigkeit.“, flüsterte Demian in ihr Ohr. Doch das klang nicht nach seiner sanften Stimme! Dies Flüstern war so rau und ernst. Es machte Channel Angst. Sie kannte diese Stimme; sie konnte sich wieder erinnern. Diese Stimme stammte aus ihrem Alptraum.
Schnell versuchte sie sich aus Demians Armen zu befreien, doch es war zu spät. Sie spürte seinen Biss auf ihrem Hals.
Plötzlich war alles so verschwommen; der Boden löste sich unter ihren Füssen auf. Dann begann der stechende Schmerz. Erst im Inneren, später am Rücken.
Channel lag auf dem Boden; drehte sich von einer Seite zur nächsten, doch der Schmerz fand einfach kein Ende!
Auf einmal, sie war am Ende ihrer Kräfte angelangt, hörte alles auf. Der Schmerz war weg. Sie wollte aufstehen, konnte es jedoch nicht. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Dann wurde ihr schwarz vor Augen: Das Nichts war da! Channel wollte schreien, doch kein Ton durchbrach die Stille, die im Raum herrschte. Sie sah Demian. Er hockte neben ihr.
„Keine Angst, deine Seele stirbt. Das wird nicht wehtun.“ Mit diesen Worten legte er seine Hand auf ihr Gesicht, streichelte ihre Wange und schloss letztlich die einst so schönen, braunen Augen, in denen sich nun nur Leere spiegelte.
Und nach einpaar Sekunden ward nichts mehr…
Shostisia erhob sich. Ihr neuer Körper gefiel ihr gut. Er war so jung, erst 17 Winter alt.
Sie blickte in den Spiegel. Doch anstatt des Bildes eines jungen Mädchens erschien dort das Bild eines Skelettes, mit einem edelsteinernem Käfer am Brustkorb. Zwei Zähne im Gebiss schienen länger und spitzer zu sein als die übrigen. Shostisia grinste, und mit ihr das Skelett im Spiegel. Dann strich sie sich über den Rücken und fühlte monströse Fledermausflügel, die sich sogleich um ihren Körper schlangen.
„Shostisia, meine Geliebte. Endlich bist du wieder mein!“
Die Dämonin drehte sich zu Demian, der nun hinter ihr stand. Und während sie ihren alten Geliebten leidenschaftlich küsste, floss eine Träne, rot wie Blut, ihre Wange hinunter: Das Einzige, was von Channel noch geblieben war.