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Der Elfenbeinpavillon
Ein Roman von Valeska Roller
Inhalt:
Kapitel 1: Am Strand von Devonshire
Kapitel 2: Traurige Heimkehr
Kapitel 3: „Ich bleibe auf Malmedy"
Kapitel 1
Am Strand von DevonshireÜbermütig schnaubend preschten die beiden stolzen Schimmel den weiten, weißen Strand von Devonshire entlang. Ihre Mähnen wirbelten in der salzigen Meeresbrise und ihre Hufe donnerten laut, wie die tosende Gischt am Horizont, wo sie an zerklüftete Felsklippen brandete. Möwen kreischten zwischen grauen Wolken, hinter denen das letzte wärmende Sonnenlicht dieses Sommers seine rötlichen Strahlen auf die rauschende See warf.
Die sechzehnjährige Sarah Buchanan hielt ihr Gesicht dem Wind entgegen und trieb ihre Stute immer schneller voran. Sie flog nur so über den weichen Sand, spürte die sanften, rhythmischen Bewegungen des Tieres unter sich, hörte seinen schweren, bebenden Atem, das Klackern der Zügel in ihren Händen.
Nach einer Weile verfiel das Pferd in einen leichten Trab und das Mädchen sprang behände direkt aus dem Sattel in die heranbrausenden Wellen. Das glitzernde Wasser umspülte keck ihre nackten Beine, während sich der aufgeblähte Rock um ihre Hüften plusterte.
"Doug, komm schnell! Es ist noch ganz warm." Lachend wandte sie den Blick über die Schulter ihrem Begleiter zu, der nun ebenfalls sein Pferd neben dem ihren zum Stehen brachte. Das weiße Fell des tänzelnden Hengstes glänzte feucht. Halb belustigend, halb missbilligend schüttelte Douglas Bellamy den Kopf.
"Das glaube ich nicht. Wir haben Mitte September, es kann gar nicht mehr warm sein. Außerdem", er setzte ein breites Grinsen auf, "stell dir doch nur einmal den Skandal vor, wenn Lord Bellamy, der Erbe von Chestnut Hall, mit der jungen Lady Malmedy in aller Öffentlichkeit beim Baden gesehen würde. Der Stallbursche würde es dem Gärtner erzählen, der Gärtner der Köchin, die Köchin den Küchenmädchen, die Küchenmädchen der Zofe und mir bliebe nichts anderes übrig als dich zu heiraten oder mich mit deinem Vater zu duellieren, um wenigstens meinen Namen durch einen tapferen, ehrenvollen Tod wieder rein zu waschen."
"Ach, du bist unmöglich!" Sarah zog ein schmollendes Gesicht in Richtung ihres Jugendfreundes, kam jedoch bereitwillig zum Ufer zurückgewatet. Sorgfältig wrang sie das klare Wasser aus den schweren Stoffen ihres Kleides, schüttete es aus ihren Schuhen und lehnte sich danach genüsslich räkelnd an die sonnenbeschienene Felswand. Den Rock hatte sie zum Trocknen wie einen Fächer um sich herum ausgebreitet.
"Zufrieden?" Halbgeschlossenen Auges betrachtete sie die Silhouette des Reiters. "Ich werde mit gekreuzten Beinen hier sitzen bleiben, unschuldig und rein wie eine Elfe, und du kannst von deinem hohen Ross herunter ein wachsames Auge auf mich haben, damit ich mich auch anständig benehme. Ich möchte am Ende nicht schuld sein, wenn du dein Leben vorzeitig aushauchen musst."
"Zu gnädig, meine Teuerste!" Douglas legte in einer theatralischen Geste die Hand auf sein Herz und schwang sich aus dem Sattel. "Lady Sarah, holdes Wesen, Ihr errettet mich vor Schmach und Tod." Er kniete sich neben das Mädchen und fuhr sich mit einer Hand durch sein volles, vom Wind zersaustes, blondes Haar. Die wie zufällig hingeworfene Bemerkung über eine Heirat hätte ein Köder sein sollen, doch sie hatte leider nicht angebissen.
In diesem Spätsommer 1786 war Douglas Bellamy 23 Jahre alt, ein Gentleman von schlanker, eleganter Gestalt und formvollendeten Manieren. Er hatte eine gerade, aristokratische Nase, Sommersprossen und ernsthafte Augen von der gleichen Farbe, wie die satten, grünen Hügel seiner Heimat. Sein schmales Gesicht strahlte Güte und Besonnenheit aus, sowie die Fähigkeit zu bedingungsloser Liebe und Freundschaft.
Nur allzu gern hätte er diese Liebe der hübschen Sarah angetragen, aber wie er sie so da sitzen sah, mit ihren gespielt streng zusammengepressten Schenkeln, verließ ihn wieder einmal der Mut, seine Gefühle für sie in Worte zu kleiden.
In absehbarer Zeit, nach dem Tode seines kränkelnden Vaters, würde Douglas der sechzehnte Earl of Strathford werden und spätestens dann wäre es für ihn an der Zeit, sich nach einer passenden Frau umzusehen. Er war in London und Paris gewesen, hatte Mädchen getroffen, eines reicher, schöner und verführerischer als das andere, aber seine Gedanken waren in den letzten Monaten immer wieder zu dem bezaubernden Geschöpf zurückgeschweift, das zuhause auf Schloss Malmedy heranwuchs.
Douglas Bellamy war kein Mann, der sich von einem prallen Busen oder einer stattlichen Mitgift beeindrucken ließ, vielmehr suchte er nach einer Gefährtin, auf die er sich blind verlassen durfte und der er es erlauben konnte bis zum Grund seiner reinen, verletzlichen Seele zu blicken, ohne Furcht haben zu müssen, verhöhnt oder zurückgestoßen zu werden.
Das Fundament einer glücklichen Ehe war für ihn nicht die brennende, körperliche Begierde, sondern die Achtung und das Vertrauen, welches sich zwei Menschen entgegenbrachten. Niemand anderes als Sarah Buchanan, die Tochter von Lord Simon, schien ihm geeigneter diese Wünsche zu verwirklichen und den Platz an seiner Seite auszufüllen.
Beide waren sie die einzigen Kinder ihrer Väter, aufgewachsen ohne Mutter. Schon früh konfrontiert mit der bitteren Erfahrung des Verlustes, hatte sich eine Schicksalsgemeinschaft zwischen dem schlaksigen Jungen und dem kleinen Mädchen entwickelt, die bis zum heutigen Tage anhielt, selbst als Douglas, um den letzten gesellschaftlichen Schliff zu erhalten, auf den Kontinent gereist war und Sarah zwei Jahre bei ihrer inzwischen verstorbenen Tante Lady Felice Bradshaw in London verlebt hatte, wo sie in Französisch, Musizieren, Tanzen und den feinen Manieren der englischen Oberschicht unterrichtet worden war.
'Mit wenig Erfolg, wie man sieht', dachte Douglas amüsiert, 'dabei hat sich Tante Felice seinerzeit solche Mühe gegeben.'
"Was meinst du?" Irritiert blinzelte Sarah gegen die schräg fallenden Sonnenstrahlen.
"Och, ich habe nur laut gedacht", schmunzelnd wehrte Douglas ihre Frage ab. Hingerissen musterte er die junge Frau, die nun schwungvoll das dichte, ungebändigte Haar in den Nacken warf und ihre bloßen Zehen in den feinen Sand grub.
'Sie ist vollkommen', stellte er mit klopfendem Herzen fest. Sarahs Taille war so schmal und biegsam, dass er am liebsten die Arme darum geschlungen und den Kopf in der Mulde zwischen ihren duftenden Brüsten verborgen hätte, die sich fest und rund wie zwei reife, anziehende Äpfel unter ihrem Kleid abzeichneten.
Seidige rote Locken ringelten sich um das zart geschnittene Gesicht, dessen helle Haut unter der leuchtenden Haarpracht, wie gemeißelter Marmor schimmerte. Die niedliche Stupsnase über dem vollen, schön geschwungenen Mund, kräuselte sich leicht, wenn sie lachte und die großen, smaragdgrünen Augen blickten in diesem Moment so erwartungsvoll blitzend über das tiefblaue Meer, als ob sie da draußen irgendetwas wunderbares zu entdecken hofften, das nur für sie allein bestimmt war.
Douglas sah sie den Bogen langer, dunkler Wimpern senken, die sanfte Schatten auf ihre weichen Wangen malten und eine ungeahnte Sehnsucht überkam ihn. Er wollte diese unberührte Mädchen an sich reißen, es liebkosen, seine Lippen küssen - und dann vergaß der junge, ehrenhafte Bellamy, Stallbursche wie Köchin und tat es einfach, inmitten der welligen Dünen und der rauen, tönenden See.
Mit einem spitzen Schrei wand sich Sarah aus seiner Umklammerung und sprang auf die Füße. Ungläubig tastete sie nach ihrem zuckenden Mund, der sich offenbar nicht entscheiden konnte, ob er nun lachen oder weinen sollte. Douglas hatte sich ebenfalls aufgerappelt und klopfte sich verlegen den Sand von der Hose.
"Sarah, verzeih", hilflos hob er die Schultern, "es ist plötzlich über mich gekommen. Aber so hast du wenigstens endlich die Wahrheit erfahren. Ich habe mich in dich verliebt!" Sein Blick huschte gehetzt und entzückt zugleich über Sarahs bebende Brust. "Sie trägt kein Mieder", dachte er flüchtig.
"Es kann keine andere Frau für mich geben, dass ist mir schlagartig bewusst geworden, als ich dich nach meiner Rückkehr endlich wieder gesehen habe. Liebe Sarah", er streckte ihr zaghaft seine Hände entgegen, "heirate mich. Kannst du dir denn nicht vorstellen, wie glücklich wir miteinander werden würden?"
Enttäuscht ließ er die Hände sinken, weil Sarah keine Anstalten machte sie zu ergreifen und in seine Arme zu fallen, wie er gehofft hatte. "Ich kann es jedenfalls sehr gut", fuhr Douglas leiser fort. Die wilde Hast in seinen sanften Augen war einer stummen Anbetung gewichen. "Wir sind füreinander geschaffen, waren wir das nicht schon immer? In einer Ehe zwischen uns gäbe es keine Lügen, keine Tränen, kein Streit, nur Respekt, Verständnis und Freundschaft."
'Und sehr viel Langeweile', überlegte Sarah gequält. Sie mochte Douglas Bellamy sehr, ja vielleicht liebte sie ihn sogar, doch obwohl sie nie darüber nachgedacht hatte, spürte Sarah, dass es nicht die Art von Liebe war, die man dem Mann seines Herzens schenkte.
"Du glaubst doch nicht etwa, dass unsere Eltern niemals an solch eine Verbindung gedacht hätten?" Douglas' Stimme klang schärfer als beabsichtigt, aber in seine Verletztheit über Sarahs offensichtliche Ablehnung mischte sich nun auch noch sein gekränkter männlicher Stolz.
Aufgewühlt stampfte er zum Wasser zurück, um das Mädchen nicht länger ansehen zu müssen. Kleine Wellen, geschmückt mit Schaumkrönchen, trugen den scharfen Seewind zur Küste, der ihm die Zornestränen in die Augen brannte.
"Mein Vater wäre hocherfreut, wenn ich dich als meine Braut nach Chestnut Hall heimführen dürfte. Er könnte wahrlich keine bessere Schwiegertochter finden."
"Das glaube ich gern!" Gereizt wirbelte Sarah herum. "Brächte diese Schwiegertochter doch Schloss Malmedy als beachtliche Mitgift in die Ehe und dein Vater wäre endlich am Ziel seiner Träume - Chestnut Hall und Malmedy, die beiden schönsten und größten Güter der ganzen Gegend, eines Tages im Besitz der Bellamys!"
Erschrocken hielt sie inne, als sich Douglas' Gesicht bei ihren Worten vor Empörung abwechselnd rot und weiß färbte. "Oh, Doug", rief sie bestürzt aus, "ich weiß, dass du nie solche Absichten gehegt hast und ich fühle mich äußerst geschmeichelt von deinem Antrag, aber schau, waren wir nicht stets mehr Geschwister, sowie Lightning und Thunder", sie deutete auf die beiden Pferde, die ihre schlanken Hälse im Schein der untergehenden Sonne aneinander rieben, "und wie kann ich meinen eigenen Bruder heiraten?"
Verschmitzt neigte Sarah ihre wilde Lockenpracht zur Seite und lächelte ihren Freund versöhnlich an. "Aber ich bin nicht dein Bruder!" Verärgert rannte Douglas auf das Mädchen zu und rüttelte es unsanft an den Schultern. All die monatelang unterdrückten Gefühle drangen nun mit Macht an die Oberfläche.
"Sarah, ich beschwöre dich, öffne dein Herz und sieh, wie nahe das Glück ist. Wir müssen nur die Arme ausstrecken und danach greifen. "Flehentlich, als wollte er seinen Worten Nachdruck verleihen, presste er ihre Hände an seine Brust. Für einen Augenblick schien die Welt still zu stehen, die Wellen zu verebben, der Wind sich hinter die bauschigen Wolken zurückzuziehen, um der jungen Frau die Möglichkeit zu geben, eine Entscheidung zu treffen, dann schüttelte Sarah langsam, aber bestimmt den Kopf.
"Ich suche nach einem anderen Glück als du, Douglas", antwortete sie leise. "Vielleicht werde ich meine Wahl eines Tages noch bereuen und mich an diesen herrlichen Abend am Meer zurücksehnen, aber heute steht mein Entschluss fest. Ich werde dich nicht heiraten!"
"Ist das dein letztes Wort?" Douglas' Stimme drang gedämpft durch seine schmalen, zusammengekniffenen Lippen.
"Es tut mir leid..."
"Spar dir die Mühe!" Mit einer barschen Handbewegung schnitt er Sarah das Wort ab und eilte rasch auf sein Pferd zu, das beim Anblick seines rasenden Herrn den Kopf ängstlich in die Höhe warf. "Da es wohl nichts weiter zu sagen gibt, Madam, schlage ich vor, den Heimweg anzutreten, bevor die Dunkelheit hereinbricht. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen einzuwenden hast." Brüsk wandte Douglas sein totenbleiches Gesicht ab und gab seinem Hengst die Sporen.
Schweigend ritten sie Seite an Seite die Kastanien gesäumte Allee entlang, die Malmedy und Chestnut Hall seit alters her voneinander trennte.
Doch an diesem Abend trennte Douglas Bellamy und Sarah Buchanan eine größere Distanz, die sich nicht so leicht überwinden ließ. Angestrengt starrte jeder der beiden Reiter in den sich verdunkelten Himmel, an dem der fahle Schein der Mondsichel nur spärlich Licht spendete, peinlichst darauf bedacht, nicht dem eisigen Blick des anderen zu begegnen.
Unterbrochen wurde diese Unheil verkündende Stille nur von dem steten Klappern der Pferdehufe und dem leisen Wispern des Windes in den Bäumen und blauen Kornblumen am Wegesrand. Verdrossen kaute Sarah an ihrer Unterlippe herum. Sie mochte keinen Streit mit dem ansonsten so gutmütigen Douglas haben, aber sein Verhalten machte sie wütend und traurig zugleich.
Er gab vor sie zu lieben - schön - , doch musste ein Mann nicht die Gefühle der Frau, die er liebte, respektieren, auch wenn es ihn selbst zutiefst verletzte? Ihr Vater hatte es damals jedenfalls getan. Douglas dagegen schmollte nun schon, seit sie vom Strand aufgebrochen waren.
Scheu betrachtete Sarah ihren Freund aus den Augenwinkeln. Er hatte ihr den aufrechten Rücken zugewandt und ließ sein Pferd am lockeren Zügel laufen. Er war ein lieber Kerl, dieser Douglas, dachte Sarah ein wenig versöhnt, doch eben leider nicht das wonach sie sich sehnte.
Sie wollte erobert werden, im Sturm, hinfort getragen auf einer Woge selbstloser Liebe und glühender Leidenschaft. Abrupt hielt Sarah in ihren Träumen inne. Hatte ihre Mutter womöglich den gleichen Gedanken gehabt, als sie vor nunmehr siebzehn Jahren diese Prachtstraße entlanggefahren war, in einer Kutsche über und über geschmückt mit Orangenblüten?
Verwirrt huschte Sarahs Blick wieder über Douglas' schlanke, edle Gestalt. In gewisser Weise ähnelte er sogar ihrem Vater, stellte sie verblüfft fest. Beide waren sie fröhliche und gerechte Männer, hilfsbereit und höflich gegenüber Jederman.
Und beide waren sie von einer Frau mit roten Locken schmerzlich enttäuscht worden. Unangenehm berührt rutschte Sarah in ihrem Sattel hin und her. Sie hätte gern etwas Aufmunterndes gesagt, um Douglas und nicht zuletzt auch sich selbst zu beruhigen, aber kein Laut wollte über ihre Lippen dringen.
Als das herrschaftliche Portal von Malmedy hinter den Bäumen aufragte, war es Douglas, der sich mehrmals umständlich räusperte, bevor er sich zu ihr umwandte. Angestrengt versuchte Sarah seine Gesichtszüge im Schatten der Kastanien zu unterscheiden, doch in der Dämmerung gelang es ihr nicht.
"Wenn du das letzte Stück allein schaffst, würde ich mich jetzt gern verabschieden. Gute Nacht, Sarah!"
"Schlaf schön, Douglas."
Seine Stimme klang ganz fremd, wenn sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Mit einemmal beschlich Sarah eine unerklärliche Furcht vor den Tiefen dieser lauen, schwarzen Nacht, die ihrem klopfenden Herzen mehr enthüllte, als ihr eigentlich lieb war. Sie konnte ihn nicht einfach so gehen lassen, ehe er verstand, nicht ohne ihm gesagt zu haben, dass...
"Doug!" Ihr Ruf klang hoch und schrill und angsterfüllt und ließ Douglas erschrocken zusammenzucken.
"Mein Gott, Sarah, was ist passiert?" Mit weit aufgerissenen, besorgten Augen lenkte er Thunder sofort an Sarahs Seite und berührte sacht ihre kalten, verkrampften Hände.
"Himmel, du zitterst ja", entfuhr es ihm aufgebracht. Mechanisch begann er ihre Finger in seinem Schoß zu kneten, um ihnen etwas von seiner Wärme abzugeben. "Sarah, sag mir endlich was geschehen ist. Du siehst aus, als würdest du jeden Moment in Ohnmacht fallen. Sarah? Habe ich mich in einen Geist verwandelt oder weshalb starrst du derart gebannt auf mein Gesicht?"
Erleichtert hatte Sarah festgestellt, dass Douglas' Miene trotz der bedrohlichen Dunkelheit nichts von ihrem Sanftmut und ihrer Güte verloren hatte. Unsicher lächelte sie ihn nun an, während sie schwer schlucken musste, um den bedrückenden Tränenkloß in ihrer Kehle loszuwerden. "Es ist nichts, wirklich nicht, entschuldige, wenn ich dich mit meinem albernen Geschrei erschreckt habe. Ich wollte dich nur noch etwas wissen lassen", entschlossen entzog Sarah ihm ihre Hände und ballte sie zu kleinen Fäusten, bevor sie weiter sprach.
"Als ich dir vorhin sagte, dass ich dich nicht heiraten will, da wollte ich dich nicht verletzen. Ich liebe dich, wie man seinen Bruder nur lieben kann, aber ich fürchte, das reicht nicht für eine Ehe. Wie oft stehen sich in unserer Schicht zwei Fremde vor dem Traualtar gegenüber, die sich in ihrem ganzen Leben vielleicht erst zweimal begegnet sind und fortan den Rest ihrer Tage miteinander verbringen sollen, nur weil ihre Eltern oder sonst irgendjemand findet, dass Geld und Titel so wunderbar zueinander passen? Das will ich nicht, Douglas, ich will aus Liebe heiraten, aus wahrer Liebe."
"Man kann einander lieben lernen“, Sarah. Glaubst du, eine Verbindung, geschlossen durch diese sinnverwirrende Gefühlsregung namens wahrer Liebe, birgt die Garantie für ewigen Frieden und Freude in sich? Meine Eltern wurden sich bereits als Kinder versprochen und sie führten bis zum Tod meiner Mutter eine glückliche Ehe. Zudem bin ich weder dein Bruder noch ein Fremder."
"Das ist wahr und sollte mein Vater jemals eine Heirat für mich arrangieren, könnte mir kein Mann lieber sein als du. Aber das wird er niemals tun. Papa wird mich wählen lassen, wenn es soweit ist, denn er hat erfahren, wie bitter die Enttäuschung schmeckt."
Zögernd strich sich Sarah eine ihrer dicken Locken hinter das Ohr. Die weiche Haarwelle duftete nach Wind und Meer und hinterließ auf ihrer Wange das tröstliche Gefühl einer zärtlichen Liebkosung. "Während unseres Rittes ist mir eine Sache klargeworden." Sarahs Worte hallten stark und fest in der Nacht, obwohl sie innerlich erzitterte.
"Es geht nicht darum, ob ich dich heiraten will. Du verdienst nur das Beste, Douglas, und das kann ich dir niemals geben. Deshalb darf ich dich nicht heiraten. Es würde nur Unglück über dein Leben bringen, wie es mit allen Männern geschieht, die eine Lindley zur Frau nehmen."
Verständnislos blickte Douglas sie an, dann schien er zu begreifen, hob eine Augenbraue und blies mit einem verächtlichen Schnauben die eingesogene Luft scharf durch seine Nase. "Welch ein himmelhoch schreiender Unsinn! Nur weil deine Mutter..."
"Und meine Großmutter, Doug! Du weißt nicht, wie sehr mein Großvater unter dem Gerede der Leute gelitten hat und Papa erging es später nicht anders, auch wenn er es nie zugegeben hätte. Aber warum glaubst du, hat er Malmedy seit damals nicht einmal verlassen, er, der sich früher keinen Londoner Ball, keine Soirèe hätte entgehen lassen? Ich möchte nicht, dass es dir einst ebenso ergeht wie ihm."
"Oh, meine liebe Sarah", Douglas' bekümmertes Gesicht hellte sich auf, "wenn dies deine einzige Sorge ist! Du kannst mich gar nicht unglücklich machen, auch wenn du dir noch soviel Mühe geben würdest. Ich liebe dich und daran wird sich niemals etwas ändern. Du bist ein eigenständiger Mensch, Sarah, du bist nicht wie deine Mutter."
"Wie kannst du dir da so sicher sein?, fuhr sie ihn unbeherrscht an. "Kennst du das Portrait meiner Mutter, das an der Galerie in Malmedy hängt? Ich bin ihr Ebenbild, Douglas, woher weißt du, dass sie mir nicht nur ihr rotes Haar, sondern auch ihre Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte vererbt hat? Vielleicht werde ich eines Tages wie sie aus meiner Ehe ausbrechen, um nichts als einen Haufen Scherben zurückzulassen, der sich nicht mehr kitten lässt.
Du hast recht, ich bin ein eigenständiger Mensch und dies ist beinahe das Schlimmste daran. Ich hasse meine Mutter für vieles, aber dass sie mir ihr Aussehen und ihr Wesen gegeben hat, dafür kann ich ihr keine Schuld geben, denn alles was ich empfinde, sind nur die Wünsche und Sehnsüchte von Sarah Buchanan und die muss ich vor meinem eigenen Gewissen verantworten. Doch das macht es nicht unbedingt leichter."
Ein wehmütiges Lächeln umspielte Sarahs weiche, volle Lippen als sie sich ruckartig umwandte. "Sei kein Narr, Douglas. Heirate ein braves Mädchen, das dich aufrichtig liebt. Du hast es verdient glücklich zu werden. Die Lindleys sind keine gute Partie."
"Sarah!"
"Träume süß, Douglas."
Kapitel 2
Traurige HeimkehrSchloss Malmedy lag geborgen im Schatten einer Gruppe von Lindenbäumen, deren Wipfel sich im leichten Abendwind sacht berührten. Entlang der steinernen, granitgrauen Fassade wand sich üppiges Efeu, und Kletterrosen erklommen anmutig die Balustraden und Arkadenbögen, unter denen man an heißen Sommertagen Schutz vor den gleißenden Sonnenstrahlen finden konnte.
Hinter einer moosbewachsenen Mauer, erstreckten sich die endlosen Wiesen und Weiden des Anwesens bis an die felszerklüfteten Abhänge der Küste. Sprudelnde Springbrunnen, die die Rhododendrenbüsche auf den ausgedehnten Rasenflächen besprengten, vollendeten das harmonische Bild der liebevoll angelegten Parkanlage.
Marmorstatuen begleiteten den kiesbestreuten Weg, auf dem Sarah nun ihre Stute langsam an den Stallungen und Dienstbotengebäuden vorbeitraben ließ. Finster und verlassen lagen sie da, nur das flackernde Kerzenlicht in den goldenen Kandelabern, leuchtete warm aus den hohen Salonfenstern des Herrenhauses.
Verwundert glitt Sarah aus dem Sattel und strich ihre Röcke glatt. Für gewöhnlich drangen bis in die späten Abendstunden die gedämpften Geräusche lachender Frauenstimmen, weinender Babies und blaffender Hunde an ihr Ohr. Laute, die Sarah seit frühester Kindheit lieb und vertraut waren, und die sie, in die seidenen Laken ihres Bettes gehüllt, in einen seligen Schlummer lullten.
Heute jedoch blieben die Türen geschlossen, die Kinder stumm, was Sarah ein unwilliges Schaudern entlockte. Trotzdem griff sie beherzt nach Lightnings Zügeln und führte das Pferd selbst in den heimeligen Stall. Vielleicht würde sie dort jemanden antreffen, der ihr sagen konnte, was hier geschehen war.
Neben dem Eingang lag eine brennende Kerze auf dem Boden. Bedrohlich nahe züngelte die Flamme um das verstreute, trockene Stroh über den Holzplanken. Erschrocken bückte sich Sarah und stellte die Laterne aufrecht an ihren vorgesehenen Platz zurück.
Tadelnd betrachtete sie dabei den glimmenden Docht. Wie unverantwortlich von David, dem Stallknecht, einfach fortzugehen, ohne auf das gefährliche Feuer zu achten. Das war doch sonst nicht seine Art. Ein kleiner Funke genügte schließlich, um das gesamte Gebäude in Brand zu stecken!
Zornig ließ Sarah ihren Blick durch den Raum schweifen. Wenn sich dieser Kerl hier zum Schlafen hingelegt hatte, womöglich noch volltrunken, würde sie ihm aber kräftig die Leviten lesen...
Doch es war nichts Verdächtiges zu entdecken. Die Pferde standen friedlich in ihren Boxen, wiegten bedächtig die Köpfe und glotzten sie aus glänzenden, schwarzen Augen treuherzig an. Der angenehme Duft nach frischem Heu schwebte in der Luft, vermischte sich mit dem beruhigenden Schnauben und Kauen der sanften Tiere.
Achselzuckend, aber immer noch aufmerksam, löste Sarah die Riemen um Lightnings Bauch, ging, den schweren Sattel über den Arm gelegt, in die winzige Kammer neben den Pferdeunterkünften und - wäre beinahe über die kleine, zusammen gekrümmte Gestalt gestolpert, die sich dort vor dem Durchgang in eine Decke eingerollt hatte.
So jäh aus seinem Schlaf gerissen, sprang der Junge, wie ein Floh in die Höhe und blinzelte verwirrt über die unliebsame Störung aus verklebten Äuglein zu dem Mädchen auf. Mit seinen braunen Wuschelhaaren, die ihm viel zu lange in die Stirn fielen und den weißen, hervorstehenden Schneidezähnen erinnerte er Sarah an ein zutrauliches Kaninchen, und obwohl auch sie sich zuerst erschrocken hatte, musste sie nun doch heftig lachen.
„Guten Abend, Brian“, begrüßte sie den Sohn der Köchin fröhlich, „hast du kein eigenes Bett oder bist du auf der Flucht vor deinem Vater, weil du wieder etwas angestellt hast? Wenn ja, würde ich schnell laufen und es hinter mich bringen, dein Lager hier scheint mir nämlich nicht besonders bequem zu sein.“
„Doch, Madam... ich meine... nein, Madam“, stammelte der Junge, als er Sarah erkannte und bemühte sich eine unbeholfene Verbeugung anzudeuten. Eine tiefe Röte überzog sein mageres Gesicht bis zu den Ohrspitzen, während er krampfhaft versuchte Sarahs fragendem Blick auszuweichen.
„Hat David dir erlaubt im Stall zu übernachten? Ich habe ihn draußen nirgends gesehen. Kannst du mir sagen, wo er ist?“ Sarahs vermeintliche Ruhe war nur vorgetäuscht, innerlich kochte sie vor Wut. Schlimm genug, dass David die Pferde in Gefahr gebracht hatte, aber hier schlief auch noch ein Kind! Ob er überhaupt etwas von Brians Anwesenheit bemerkt hatte? Sie kam nicht mehr dazu, den Jungen danach zu fragen, denn im gleichen Moment platzte dieser heraus: „Er ist im Haus, Madam!“
„Aber dort ist niemand.“
„Er ist in dem großen Haus, Madam.“ Für einen kurzen Augenblick war Sarah völlig irritiert, dann begann es ihr plötzlich zu dämmern.
„Du meinst Malmedy?“
„Ja!“ Der Junge nickte eifrig. Zappelnd wippte er von einem Bein auf das andere. Er schien sich in Sarahs Gegenwart sichtlich unwohl zu fühlen.
„Aber was macht er da bloß?“
„Ich weiß es nicht, Madam! Ehrlich nicht!“, beteuerte Brian mit hochrotem Kopf. „Sie sind alle im Haus!“
„Alle! Wie...?“
„Ich weiß von nichts, Madam!“, behaarte der Junge abwehrend. „Mit mir spricht niemand über das Schloss.“
„In Ordnung.“ Sarah sah ein, dass sie wohl nichts brauchbares mehr aus dem Burschen herausbekommen würde. Wahrscheinlich war es klüger einmal selbst nach dem Rechten zu schauen.
„Kümmere dich bitte um Lightning“, wies sie den Jungen an. „Reibe sie anständig trocken und lege ihr danach eine Decke über. Und gib ihr kein kaltes Wasser zu trinken. Sie hat kräftig geschwitzt.“
„Natürlich nicht, Madam! Sie können sich auf mich verlassen, Madam!“ Froh, endlich diesem Verhör entkommen zu können, huschte Brian flink, wie ein Kaninchen an Sarah vorbei und stürzte sich sogleich auf die ihm erteilte Aufgabe. Sorgfältig begann er das dichte, weiße Fell der Stute mit dem Striegel zu bearbeiten.
Unschlüssig, ob sie dem Jungen wirklich ihr wertvolles Pferd anvertrauen sollte, blieb Sarah an der Tür stehen und spähte zurück. Befriedigt stellte sie fest, dass Lightning einen entspannten Eindruck machte und die regelmäßigen Bürstenstriche auf ihrem Rücken wohl offensichtlich sehr genoss. Sie brauchte sich nicht um ihren Liebling zu sorgen.
‚Dieser Brian ist ein seltsamer Junge’, dachte Sarah, als sie beschwingt auf Malmedy zueilte. Mit den Pferden und Hunden tollte er munter über die Wiesen, doch bei den Menschen reagierte er schüchtern und verstockt. Gerade eben hatte sie ja kaum ein vernünftiges Wort aus ihm herausgeholt.
Aber vielleicht hatte ihn auch nur die Tatsache, der Tochter von Lord Simon gegenüberzustehen, so aus der Fassung gebracht. Wie er selbst sagte, er kam nicht oft in die Nähe des Schlosses.
Der Wind hatte merklich aufgefrischt, pustete rauschend durch Sarahs wildes Lockenhaar und zerrte ungeduldig an ihren Röcken. Sie freute sich schon auf das prasselnde Kaminfeuer und eine schöne Tasse dampfenden Tee. Außerdem wollte sie nun endlich erfahren, welch merkwürdige Dinge hier vor sich gingen.
Die große Eingangshalle lag im Dunkeln, einzig von zwei flimmernden Kerzen in ein mattes Licht getaucht. Schwarze Schatten tanzten auf den unbewegten Gesichtern von Sarahs Ahnen, die, in schwere hölzerne Rahmen gefasst, entlang der Treppe, spöttisch, wie es ihr schien, auf sie herabblickten.
„Du bist eine von uns“, höhnten die Bilder, „du bist eine von uns, ob du es willst oder nicht.“ Obwohl Sarah mit diesen Bildern aufgewachsen war, jeden Tag an ihnen vorbeigelaufen und sie betrachtet hatte, sah sie die Menschen auf der Leinwand nunmehr das erstemal.
Menschen, die in der Vergangenheit gelacht, geliebt und gelebt hatten, wie sie selbst, am heutigen Tage aber nur noch eine Erinnerung in den Köpfen derer, die sie kannten und trotzdem unsterblich durch den Pinselstrich eines Malers.
Sarahs Blick schweifte über das stolze Profil Lord Arthur Buchanans, ihres Großvaters, weiter zu dem Bildnis seiner Gattin, Lady Carolyn. Eine anziehende, füllige Frau vor dem geschmackvollen Hintergrund einer mahagonifarbenen Wandvertäfelung. Lady Carolyn, die mit ihrem feinen, goldflirrenden Haar und den milden, braunen Augen, Sarah ebenso wenig ähnelte, wie der Reigen flachsblonder Töchter, der sich die Stufen hinaufschlängelte.
Um so deutlicher stach das einzelne Portrait am oberen Ende der Treppe hervor. Es zeigte ein kaum achtzehnjähriges, gertenschlankes Mädchen auf einer Schaukel, inmitten eines Meeres aus Schlüsselblumen sitzen. Unschuldig wirkte sie beinahe in ihrem lilienweißen Musselinkleid und dem breitkrempigen Strohhut auf den samtenen, roten Locken.
Nur wer genauer hinsah, entdeckte dabei das mokante Lächeln um ihren honigsüßen Schmollmund, den vorwitzigen Schalk, mit dem sie ihr herzförmiges Gesicht zur Seite neigte und ihren Bewunderer aus grünen Katzenaugen herausfordernd anblinkte. War es diese Mischung aus Unschuld und Verführung gewesen, die den jungen Comte de Montbrison zuerst in seinen Bann gezogen hatte? Sarahs Herz krampfte sich zusammen, wie sie dem Antlitz ihrer Mutter gegenüberstand.
Justine Lindley war die einzige Tochter des wohlhabenden Arztes Dr. Samuel Lindley und seiner französischen Gemahlin Laure gewesen. Sarahs Andenken an ihre verstorbene Großmutter beschränkte sich auf das traurige Bild einer schreckhaften Frau mit verlorenem Blick und dem typischen unberechenbaren Verhalten der Laudanumsüchtigen.
Sie hatte dasselbe rote Haar, wie ihre Tochter und Enkelin besessen, jedoch nicht deren körperliche Schönheit. Möglicherweise wollte Justine durch ihre Ehe mit dem zwanzig Jahre älteren Simon diesem Elternhaus entfliehen, vielleicht glaubte sie damals aber auch tatsächlich ihren Mann zu lieben.
Sechs gute Jahre hatte das Paar miteinander verbracht, gekrönt durch die Geburt eines Töchterchens, dann war sie fort, von einem Tag auf den anderen durchgebrannt mit einem französischen Adligen.
Seitdem der attraktive Comte de Montbrison, ein Patenkind von Laure Lindley, auf Malmedy aufgetaucht war, hatte Justine nur noch Augen für ihn gehabt. Von früh bis spät begleitete sie ihn auf Ausritten in die Umgebung oder entführte den charmanten Franzosen zu abendlichen Spaziergängen am Strand.
Wenn Sarah die Augen schloss, erinnerte sie sich an das glockenhelle Lachen ihrer Mutter, an den markanten Moschusgeruch des Mannes, auf dessen Knien sie heimlich Karamellbonbons naschen durfte. Für diese Leckereien hatte ihn das Mädchen heiß geliebt, doch dann war jener Morgen gekommen, an dem die Kleine von den geschlossenen Fenstern ihres Kinderzimmers aus, das Knirschen der Räder auf dem Kiesweg gehört hatte, als die schwer beladene Karosse durch das schmiedeeiserne Tor gerollt und nie mehr zurückgekehrt war.
Anfangs hatte Sarah ihre Mutter schmerzlich vermisst, aber die Zeit war vergangen und Justine bald nur noch ein Gemälde in der Galerie, ein Duft, eine Stimme, die mahnte: „Pass auf, Liebling, du ruinierst meine Frisur.“
Und nun war sie mit einem Schlag wieder da. Achtlos heraufbeschworen durch die Worte eines verliebten jungen Mannes, eroberte sich die naseweise Göre machtvoll ihren Platz im Gedächtnis der Tochter zurück, die gerade auf dem Treppenabsatz stehenblieb, um ihre Mutter feindselig anzufunkeln.
„Lass mich in Frieden!“, zischte sie der vergnüglich schaukelnden Justine zu, „ich habe dich geliebt, aber du bist einfach fortgegangen, ohne ein Wort, ohne einen letzten Kuss. Ich habe mich nach dir gesehnt, sosehr, aber du wolltest lieber den Mann als dein Kind.
Und jetzt will ich dich nicht mehr! Von mir aus kannst du bleiben, wo der Pfeffer wächst! Papa ist immer gut zu mir gewesen und Douglas der verlässlichste Freund, den man sich nur vorstellen kann. Ich werde nicht zulassen, dass du sein Leben auch noch zerstörst! Ach, soll dich doch der Teufel holen!“
Sarah spürte gar nicht, wie ihre geballte Faust auf das makellose Mädchen niedersauste und sie mitten im Gesicht traf. Justine, unbeeindruckt von den aufwallenden Gefühlen ihrer Tochter, wackelte in ihrem Rahmen jedoch nur ein wenig hin und her, fand schließlich ihr Gleichgewicht wieder und begann von neuem, grazil über ein Meer von Blumen zu schweben.
Alarmiert durch den plötzlichen Krach, wurde eine Tür im oberen Stockwerk des Hauses aufgerissen und Emma, eines der jüngeren Dienstmädchen, erschien auf der Schwelle. Ihr ansonsten so ordentliches Spitzhäubchen war ihr über den blonden Knoten in den Nacken gerutscht und die ohnehin schon blassen Wangen wurden noch eine Spur bleicher, als sie Sarah erblickte.
„Oh, Mistress Sarah“, rief sie händeringend, „endlich seid ihr da. Wir haben schon David und Wilkin ausgeschickt, damit sie nach Euch suchen, aber sie haben Euch nicht gefunden und...“
„Ist ja schon gut, Emma!“ Mit schnellen Schritten war Sarah bei dem Mädchen angelangt und legte ihr einen Arm um ihre zuckenden Schultern. „Jetzt bin ich ja hier. Was ist denn nur geschehen?“
„Oh, arme Mistress Sarah“, schluchzend klammerte sich Emma an Sarahs Hals. Die Tränen schossen aus ihren veilchenblauen Augen, wie Sturzbäche und die zusammenhanglos gestammelten Worte erfroren in der eisigen Kälte, die mit einemmal gewaltvoll Besitz von Sarah ergriff.
Wie durch einen Schleier nahm sie die Umrisse der gebeugten Gestalten wahr, die sich in dem verdunkelten Schlafgemach neben dem großen Bett versammelt hatten. Dem Bett ihres Vaters. Ein einzelner Schatten löste sich langsam aus den anderen und trat schwermütig hinaus ins Helle.
Verhärmt sah er aus, seinen Hut in den schwieligen Händen knetend. Auch David Byrnes standen Tränen der Verzweiflung in den Augen. „Mistress Sarah“, seine Stimme drohte zu brechen, „mein armes Mädchen. Es tut mir unendlich leid! Euer Vater... er ist... sein Herz... oh, Sarah, dein Vater ist vor einer Stunde gestorben
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Kapitel 3
Lord Simon wurde an einem klaren Septembermorgen auf dem abgeschiedenen Familienfriedhof von Malmedy zu Grabe getragen. Als wollte der Himmel Sarahs Trauer Lügen strafen, brach hell die Sonne durch die gold flimmernden Blätter der Bäume und brannte heiß auf den Blumen übersäten Eichensarg. Obwohl Sarah in ihrem hochgeschlossenen Kleid aus schwerem, tiefschwarzem Samt hätte schwitzen müssen, waren ihre Finger kalt und steif, als sie das kleine Bouquet lachsfarbener Rosen der Erde übergab.
Keine Träne rollte über ihre Wangen, sie hatte sich bereits in den vergangenen Tagen die Seele aus dem Leib geweint. Nun fühlte sie sich leer, ausgebrannt, gefangen in ihrer grenzenlosen Trauer um den geliebten Vater.
‚Er musste nicht leiden. Es ist alles sehr schnell gegangen’, an diese Worte Dr. Dawsons klammerte sich Sarah mit der Kraft einer Wahnsinnigen und vielleicht, so hoffte sie inständig, gab es in der Ferne einen Ort, an dem sie sich am Ende wiedersehen würden.
***
„Sie ist im selben Moment stehen geblieben, wie sein Herz. Findest du das nicht auch merkwürdig? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals kaputt gewesen wäre.“ Apathisch strichen Sarahs Fingerkuppen über die verschnörkelten Zeiger der Taschenuhr in ihrer Handfläche.
„Es war ein Erbstück. Papa hatte sie von seinem Vater und der wiederum von seinem. Und jetzt, wo sie mir gehört, hört sie einfach zu schlagen. Das ist ungerecht! Es kann doch nicht aufhören zu schlagen, noch nicht! Ich brauche ihn doch so sehr!“
Verzweifelt grub Sarah das Gesicht in die Daunenkissen ihres Bettes. Sie konnte nicht weinen, gab nur ein ersticktes Keuchen von sich, das sich in Douglas’ Ohren um so bemitleidenswerter anhörte.
„Wir haben es immer so schön gehabt! Warum hat er mich nur verlassen müssen? Wenn ich früher etwas von seiner Krankheit bemerkt hätte, vielleicht hätte ich es verhindern können! Doug, ist es meine Schuld, dass Papa tot ist?“
„Nein, oh nein!“, beruhigend streichelte Douglas Sarahs bebende Schultern. „Niemand hat Schuld, am allerwenigsten du. Daran darfst du nicht einmal denken! Sein Herz war einfach zu schwach geworden.“
„Wahrscheinlich hast du recht. Aber es tut trotzdem schrecklich weh!“ Still drehte sich Sarah auf den Rücken und lächelte ihn tapfer an. Dann senkte sie matt die Lider.
Bekümmert betrachtete Douglas die knochigen Rippenbögen, die viel zu deutlich unter ihrem Mieder hervorstachen. Sie war dünn geworden - kein Wunder, er hätte nicht sagen können, wann sie das letzte Mal anständig gegessen hatte - die blaugrauen Schatten unter ihren Augen dafür größer und tiefer.
Auch er war sichtlich schockiert von Lord Simons plötzlichem Tod, doch noch mehr erschütterte ihn die grausame Erleichterung, die er beim Erhalt der Nachricht verspürt hatte. Anstatt zu trauern, konnte er nur daran denken, dass Sarah ihn jetzt brauchte, wie nie zuvor in ihrem Leben.
Die Vorsehung hatte ihm nun unverhofft die Chance geboten zu beweisen, wie ehrlich und stark seine Gefühle waren. Sie würde es begreifen, erkennen, dass Douglas Bellamy der einzige Mensch auf Erden war, der ihr geblieben, der ihr Tröster und Beschützer zugleich war.
In seinen Armen konnte sie die verlorene Wärme wieder finden und auch, wenn sie es nicht schafften, aus dem hellen Licht der Freundschaft die lodernde Flamme der Liebe zu entfachen, so würde sie seine Bemühungen doch zu schätzen wissen und ihm auf ewig in Dankbarkeit verbunden sein.
Monotones Stimmengemurmel unterbrach seine Erwägungen. Sarah hielt die Augen noch immer geschlossen, bewegte ihre blutleeren Lippen in einem tonlosen Gebet. Stirnrunzelnd erhob sich Douglas von der Bettkante und raufte sich die Haare. Ihm wäre es lieber gewesen, sie würde heulen, schreien, nach den Möbeln treten, alles musste gesünder sein, als diese selbstzerstörerische Ergebenheit.
Ratlos trat er ans Fenster und schob die gerafften Vorhänge zur Seite. Das bunte Herbstlaub schwebte sacht wie Engel vom Himmel herab, fiel schweigend auf die geharkten Wege oder kam im kalten, grauen Wasser der Brunnen zur Ruhe. Eine Kutsche näherte sich von der Allee her dem Schloss. Der schwankende Wagen blitzte minutenlang zwischen den Kastanien auf, um dann wieder hinter den massiven Stämmen zu verschwinden.
‚Meine Güte!’, nachdenklich rieb sich Douglas über das glattrasierte Kinn. Sarah würde ihn dringender benötigen, als er es sich im ersten Moment ausgemalt hatte. Sie war die Erbin von Malmedy, trug praktisch über Nacht unversehens die Verantwortung für ganze Familien auf ihren zarten Schultern.
Die Ernte musste eingebracht, Futterbestände kontrolliert, Arbeiter und Pächter gerecht entlohnt werden. Ihm hätte der Kopf qualmen können, bei all den vorstellbaren Pflichten eines Gutsbesitzers. Solchen Herausforderungen war keine Frau gewachsen, schon gar nicht ein erst sechzehnjähriges Mädchen. Selbst wenn es sich, wie in diesem Fall, um einen sturen, unberechenbaren Wildfang handelte.
Aber auch Sarah würde einsehen, dass sie einen Mann brauchte, wenn sie Malmedy halten wollte. Einen vertrauenswürdigen Mann, der sich mit der Verwaltung eines Anwesens auskannte. Am Besten einen Ehemann. Nämlich ihn.
Die fremde Kalesche passierte soeben den geöffneten Torbogen des Schlosses, ratterte die gepflegten Blumenbeete entlang, verscheuchte eine Schar Gänse und kam schließlich direkt unter den hohen Giebelfenstern zum Stehen. Überrascht wandte Douglas sich um.
„Erwartest du Besuch?“ „Nein.“ Sarah hatte ihr Gesicht hinter einem Taschentuch versteckt und schnäuzte sich geräuschvoll die Nase. Sie sah derart erbärmlich aus, dass Douglas große Scham überfiel. Seine Liebste trauerte um ihren gerade verstorbenen Vater und er dachte bereits an die Hochzeitsnacht! Sicher, man würde über diese Dinge sprechen müssen, aber vielleicht sollte er ihr noch ein wenig Zeit lassen.
„Wer ist es denn?“ Sarah stützte sich auf einen Ellbogen und sah ihn fragend an. Sie hatte die Kutsche auch gehört.
„Oh, ich weiß es nicht!“ Angestrengt versuchte Douglas einen Blick auf den schwarzen Wagenschlag zu erhaschen, doch er konnte nichts erkennen, vernahm nur das entfernte Wispern unbekannter Stimmen neben dem raschelnden Geräusch seidener Röcke auf Kies.
„Sie sind wohl schon ins Haus gegangen. Seltsam, ihr Wappen habe ich hier in der Gegend noch nie gesehen. Anscheinend kommen sie von außerhalb. Eventuell Freunde deines Vaters aus London?“
„Möglicherweise. Auf jeden Fall einer dieser lästigen Kondolenzbesuche.“ Schlaff und mit gequältem Gesichtsausdruck hieb Sarah auf die Bettdecke ein.
„Ach, ich hasse dieses verlogene Austauschen von Höflichkeiten, während sie nur darauf lauern, dass ich vor ihren Augen in Tränen ausbreche. Aber diesen Gefallen werde ich ihnen nicht tun! Schick sie weg, Douglas, ich bitte dich darum.“
„Das wäre doch ziemlich unhöflich...“
„Schick sie fort!“ Sarahs Augen schimmerten voll unvergossener Tränen. Unendlich zärtlich strich Douglas ihr eine zerdrückte Locke hinter das Ohr.
„Ich werde ihnen erzählen, dass du sehr erschöpft bist und schlafen möchtest. Vielleicht kannst du später nach unten kommen, ich kümmere mich bis dahin um die Gäste. Magst du solange einen Tee trinken? Euer neues französisches Mädchen soll dir eine Tasse bringen. Wie hieß sie noch gleich?“
„Lisanne. Ihr Name ist Lisanne und nein, danke, ich möchte keinen Tee.“
„Es würde dir in deinem Zustand bestimmt gut tun.“
„Ich bin in keinem Zustand! Doug, ich brauche schon lange kein Kindermädchen mehr und ich wäre dir zu tiefstem Dank verpflichtet, wenn du dich nicht weiterhin, wie ein solches benehmen würdest.“
Entnervt zog sich Sarah die Decke über den Kopf und stauchte mit dem Fuß gegen den Bettpfosten. Einen Moment lang war Douglas versucht, seine gesamte gute Erziehung über Bord zu werfen, um das verzogene Gör einmal windelweich zu prügeln, dann meldete sich jedoch sein schlechtes Gewissen zurück und beschämt tat er schließlich, wie ihm geheißen.
Als seine Schritte auf dem Gang verhallt waren, tauchte Sarahs rote Strubbelmähne wieder aus den Laken hervor. Sie fühlte sich elend. Ihre Wangen glühten, ihre Schläfen pochten und das Herz lag ihr schwer in der Brust.
Wie immer, wenn Douglas im Spiel war, hätten Sarahs Empfindungen zwiespältiger nicht sein können. Er war rührend um sie besorgt gewesen und dafür hätte das Mädchen ihn küssen mögen, gleichzeitig sah sie aber auch die aufkeimende Hoffnung in seinen grünen Augen leuchten, die sowohl Zuflucht, wie Gefängnis für sie bedeuten konnte.
Es gab natürlich Schlimmeres im Leben, als eine Ehe mit Douglas Bellamy. Sie würde einen kultivierten, geachteten Mann an ihrer Seite haben, liebevoll, treu, mit dem nötigen Geschäftssinn, der ihr bei der Verwaltung von Malmedy von Nutzen sein konnte - Malmedy, ihr geliebtes Schloss, das nun wie ein erdrückender Fels auf ihrer Seele lastete - aber sie würde ihn nicht begehren, bei ihm niemals die Erfüllung erlangen, nach der sie sich so sehr sehnte.
Und diesen Preis für ein Fünkchen Sicherheit zu bezahlen, war sie nicht bereit. Aus dem Treppenhaus erschallten ärgerliche Zwischenrufe, das Klatschen einer Tür, gefolgt von flinken Mädchenschritten, die auf Sarahs Zimmer zueilten. Ohne anzuklopfen, stürmte Lisanne Dupont über die Schwelle. Die schönen dunklen Augen der Französin glänzten vor Aufregung.
„Mademoiselle“, gewissenhaft ignorierte sie Sarahs frostigen Blick, „bitte kommt schnell. Im Salon wartet eine Dame, die Euch unbedingt zu sprechen wünscht.“
„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt, dass ich niemanden sehen möchte?“
„Oh, Monsieur wollte die Dame auch auf den nächsten Tag vertrösten, doch Madame scheint in dieser Angelegenheit äußerst uneinsichtig. Sie meint, sie habe die beschwerliche Reise von Paris nicht auf sich genommen, um jetzt von ‚Chevalier de la Saussice’ abgespeist zu werden.“
„Dem Ritter von der Wurst?“
„Ja“, Lisanne neigte amüsiert den Kopf, „Monsieur zeigte sich über diese Titulierung gar nicht erfreut.“
„Das glaube ich gern.“ Sarah lächelte ein wenig unwillig, etwas an dieser ominösen Besucherin bereitete ihr Magenschmerzen.
„Hast du gesagt, die Dame kommt aus Paris?“, fragte sie argwöhnisch. „Wie sieht die Frau aus?“
„Wie die Königin!“ Lisanne meinte die französische Monarchin Marie – Antoinette. Selbst auf Malmedy hatte man von den Spannungen im Nachbarland gehört, der Groll des Volkes über die Staatsverschuldung, richtete sich vornehmlich gegen die verschwenderische Marie – Antoinette, doch bei dem jungen Dienstmädchen war davon nichts zu spüren.
„Sie trägt ein kostbares, champagnerfarbenes Kleid mit Rüschen und Volants aus heller Seide. Und die Haare! Mademoiselle, die Haare! Turmhoch und voll schneeweißem Puder.“ Lisanne reckte die Arme in die Luft, um ihrer Beschreibung Ausdruck zu verleihen.
„Obwohl Madame nicht mehr in der Blüte ihrer Jahre steht, ist sie noch immer eine sehr attraktive Erscheinung. Es liegt wahrscheinlich an dieser tadellosen Haut, weich und rein, wie Schwanenfedern und ihren smaragdgrünen Augen, die mich so verwirrend an die Augen von Mademoiselle erinnert haben.“
Blitzartig schoss Sarah in die Höhe. Im Namen aller Heerscharen des Himmels – konnte es wahrhaftig möglich sein? !“ „Hat Madame ihren Namen genannt?“ Die Frage klang zögernd. „Nein, das hielt sie wohl für überflüssig. Wenn Ihr mir die Bemerkung erlaubt, Mademoiselle – die Dame spielt sich geradezu auf, als wäre sie die Herrin persönlich.“
„Ach, wirklich?“ Heilige Jungfrau, vielleicht war sie das ja auch!
„Sie stolzierte ohne Umschweife in den Salon, warf sich auf die Chaiselongue und forderte Mademoiselle zu sprechen. Monsieurs Erklärungen über Euer Befinden ließen sie dabei offensichtlich kalt. Madame schien es nicht einmal zu interessieren.“
„Das hat es noch nie!“ Sarah warf einen erbosten Seitenblick in die spiegelnden Scheiben der Wandvitrine, um ihr wirres Haar zu ordnen. Sie wäre kaum verwundert gewesen, hätte das Glas unter ihrem schwelenden Zorn nachgegeben.
„Lisanne, richte unserem dreisten Gast doch bitte aus, dass ich in einer Minute für ihn da sein werde. Sollte Madame das allerdings zu lange dauern“, Sarah flötete mit zuckersüßer Stimme, „kann sie meinetwegen auch gerne ihr berüschtes Hinterteil wieder in ihre Kutsche verfrachten und nach Frankreich zurückreisen.“
***
Sie saß, wie Lisanne gesagt hatte, auf der Chaiselongue, malerisch in ihren ausschweifenden Röcken, als wäre sie direkt einem Gemälde entstiegen. Dem Gemälde auf der Galerie. Befremdet betrachtete sie die junge Frau in Schwarz, mit den dunklen Augenringen und dem bleichen Gesicht, von dem das flammend rote Haar unnatürlich abstach. Medusengleich verharrte Sarah im Türrahmen und bohrte sich rosa Halbmonde in ihre Handflächen.
„Madame, ich bin Sarah Buchanan, die Tochter des Hauses. Man sagte mir, dass Ihr mich zu sehen verlangt. Mit wem habe ich bitte die Ehre? Wir hatten noch nicht das Vergnügen einander vorgestellt zu werden.“
„Ihr sprecht ausgezeichnet Französisch, meine Liebe. Très bien. Aber schließlich fließt auch durch Eure Adern gallisches Blut, nicht wahr?“ Justine hatte sich erhoben und trat einen Schritt auf ihre Tochter zu.
„Doch in Anbetracht der Umstände wäre es vielleicht rücksichtsvoller uns auf Englisch zu unterhalten.“ Mühelos wechselte sie in ihre Muttersprache, während die Umstände zähneknirschend vor dem Kamin auf den Zehenspitzen wippten. Anscheinend hatte Douglas das Würstchen noch immer nicht verdaut.
„Das wird kaum nötig sein. Lord Bellamy, der im Übrigen geraume Zeit in Paris verbracht hat und daher des Französischen durchaus mächtig ist, wollte ohnehin gerade gehen.“
„Ach, wollte er das?“, entfuhr es Justine und Douglas gleichermaßen überrascht.
„Ja!“ Sarah bedachte ihren Freund mit einem drohenden Blick, der keine Widerworte duldete. „Richtig“, wie es seine Gewohnheit war, fuhr sich Douglas in den vollen Blondschopf, „es warten dringende Geschäfte auf mich, die leider keinen Aufschub billigen, sonst wäre es mir ein Vergnügen gewesen, noch weiter mit Madame zu plaudern.“
Von Justines herausfordernd hingestreckter Hand genötigt, hauchte er einen gezierten Kuss auf den prangenden Rubinring und stolzierte beleidigt an Sarah vorbei. Beim Hinausgehen sah er das Bild eines schlanken, weißen Nackens vor sich, an dem sich sorgfältig gepuderte Kringel zu kleinen Schnecken formten. Ein Nacken, um den seine beiden Hände genau einmal gereicht hätten.
„Bellamy?“ Justine hob eine ihrer kupferfarbenen Augenbrauen.
„Ich erinnere mich an einen Henry Bellamy von Chestnut Hall, Earl of Strathford, aber das kann unmöglich dieser junge Mann sein. Doch nicht etwa sein Sohn? Er hatte einen hässlichen, rotblonden Jungen, soviel weiß ich noch. Douglas, glaube ich, war sein Name.“ „Lord Douglas Frederic Henry Bellamy von Chestnut Hall“, echote Sarah giftig.
„Mon Dieu, er ist es also wahrhaftig? ! Aus ihm ist ja ein richtig gut aussehender Mann geworden. Aber vorher kann man wohl nie sagen, in welche Richtung sich die Kinder entwickeln.“ Ein melancholisches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
„Du weißt sicher nicht mehr, wer ich bin? Es liegt so lange zurück.“
„Ihr seid meine Mutter und es war vor zehn Jahren, als Ihr mich und Vater im Stich gelassen habt“, antwortete Sarah kühl.
„Im Stich gelassen! Wie hart sich das bei dir anhört.“
„Wenn Madame eine genehmere Formulierung für den Tatbestand findet, meines Vaters Herz gebrochen und ihn in den Tod getrieben zu haben...?“
„Das ist doch nicht dein Ernst, mein Kind!“ Ein bestürztes Flackern verdüsterte Madames helle Augen.
„Du glaubst wirklich daran?“ Schock und Unsicherheit, die Sarah erstaunlicherweise keine Genugtuung brachten, breiteten sich in Justines Gesicht aus.
„Ich war unglücklich auf Malmedy und verliebte mich in Comte de Montbrison. Er wurde meine Luft zum Atmen, mein Wasser zum Trinken. Was hätte ich anderes tun sollen, als mit ihm fortzugehen? Was hättest du gemacht, Sarah?“
„Ich hätte nie meine Tochter verlassen!“
„Ich wollte dich mitnehmen! Du warst doch mein einziges Mädchen!“
Weggeschobene Gedanken an die Geburt dieses Mädchens drängten sich Justine auf. Unvorstellbare Krämpfe, die sie zu zerreißen versprachen, der beißende Qualm des Winterfeuers, überall Blut und inmitten der rot getränkten Linnen ein schrumpeliges, wimmerndes Kind, das man ihr sofort wieder aus den Armen stahl.
Gedanken an den Anflug eines zehrenden Fiebers, das ihr die Sinne raubte, an einsame, durchweinte Nächte, steife Glieder und hochgebundene, schmerzende Milchbrüste, die ihr die Gewissheit gaben, dies kein zweites mal überstehen zu können.
„Aber du hingst so sehr an deinem Vater, viel mehr als an mir, und an dem Gut hier, dass ich dachte, es wäre besser dich dort zulassen. Bist du denn nicht glücklich gewesen?“ Justines Stimme schwankte leicht.
Glücklich? Sarah schnaufte heftig. Natürlich war sie glücklich gewesen, mit ihrem liebenden Vater und Douglas. Nur wie oft hatte sie sich insgeheim gewünscht, eine richtige Mutter zu haben und wäre nicht alles anders gekommen, wenn Justine bei ihnen geblieben wäre?
Vielleicht würde ihr Papa heute noch leben. Auch wenn sie wusste, dass Lord Simon an seiner Krankheit und nicht an gebrochenem Herzen gestorben war, so genoss sie es doch offenkundig ihre Mutter dafür verantwortlich zu machen. Sarah spürte nicht, wie ihr plötzlich heiße Tränen die Wangen hinunterliefen.
„Ja, ich bin glücklich gewesen. Aber jetzt ist Vater tot und ich habe gar keine Eltern mehr.“ „Und was ist mit mir?“, wand Justine empört ein. „Ich bin sofort abgereist, als mich die Nachricht von Simons Tod erreicht hat.“
„Wie habt Ihr es erfahren?“, schniefte Sarah.
„Mein Anwalt hat mir geschrieben. Immerhin waren Simon und ich noch verheiratet und es gibt den Nachlass zu regeln, das Schloss, unser Stadthaus in London – und du. Ich bin schließlich deine Mutter und werde für dich sorgen müssen.“
„Wie lästig für Euch!“
„Ich habe in der Vergangenheit Fehler begangen, Sarah, das weiß ich selbst. Lass sie mich in der Zukunft wiedergutmachen. Du kommst mit mir nach Frankreich zurück.“
Fassungslos betrachtete Sarah ihre Mutter. „Ich soll was?! Ich will nicht nach Frankreich, Ihr seid eine Fremde für mich! Ich will auf Malmedy bleiben! Es gehört mir!“
„Das Schloss ist zwar dein Erbe, Tochter, aber du bist noch nicht mündig und ich denke keine Sekunde daran hier zu leben.“ Justine strich sich über die geschnürte Taille. Anscheinend hatte sie ihre Gefühle wieder vollständig in der Gewalt.
„Ich werde die Häuser einem Verwalter übergeben, der sich um alles kümmern soll. Wenn du dich einmal vermählen wirst, kannst du von mir aus auf dieses verdammte Anwesen heimkehren. Weiß der Himmel, was du an diesem alten Gemäuer findest? !“
„Ich werde heiraten! Douglas Bellamy hat mir einen Antrag gemacht.“
Justine starrte Sarah entgeistert an, bevor sie in ein hysterisches Gelächter ausbrach.
„Meine Tochter will einen Bellamy heiraten? Das ist das drolligste, was ich seit Ewigkeiten gehört habe! Kind, liebst du den Jungen etwa?“
„Die besten Ehen wurden nicht aus Liebe geschlossen.“ Eine sengende Hitze stieg aus Sarahs Dekolleté auf. Las man ihr die Lüge nicht an den Augen ab?
„Dein Vater hat dich zu einem artigen Mädchen erzogen. Wenn du nicht mein eigen Fleisch und Blut wärst, würde ich dir die Geschichte sogar abnehmen. So fürchte ich allerdings, du willst die Hochzeit nur benutzen, um auf Malmedy bleiben zu können.
Als deine Mutter aber, cherié, werde ich nicht erlauben, dass meine Tochter ihre Jugend vergeudet. Du kommst mit mir nach Frankreich. Ende der Diskussion. Dominique freut sich im Übrigen schon ungeheuer auf dich.“
„Dominique de Montbrison?“
„Du erinnerst dich noch an ihn? Er hatte dich damals sehr gern.“ Justines Züge wurden ungewohnt weich.
„Nun darf ich endlich seine Frau werden. Nach all diesen Jahren. Die katholische Kirche erkennt Ehescheidungen nicht an.“
„Die meiste Zeit leben wir in Montbrisons Palais in Paris. Paris ist eine herrliche Stadt, voll Vergnügen und Lebenslust. Du wirst es lieben!“
„Man sagt, die Franzosen haben eine lockere Moral.“
Sarah spielte mit den Kristallgläsern auf dem Beistelltischchen. Ebenso hell klingend, wie die zerbrechlichen Gefäße, erschallte Justines Lachen hinter dem Strauß gelbseidener Papierblumen neben der Silberkaraffe.
„Aber eben dies ist doch das Vergnügen! Unsere Existenz als ewiger Genuss der Sinne, im Strudel gleißender Lichter, verführender Düfte und berückender Schönheit und ihrer ergebenen Huldigung.“
„Ich ahnte es – ein Sündenpfuhl!“
„Es wird dir gefallen oder ich bin nicht deine Mutter! Und falls du Sehnsucht nach Malmedy bekommen solltest, kann ich dich beruhigen. Montbrison hat ein Chateau auf dem Land, schattige Alleen, plätschernde Teiche, Tannenbäume...
Entre – les – Fourgs ist nicht so groß, wie Malmedy, aber sehr viel prachtvoller.“
Justine hatte sich warm geredet und musterte ihre Tochter nun unverholen.
„Aber an deinem Aussehen müssen wir noch einiges ändern, Kind. Du bist zu mager, eine Frau braucht anschmiegsame Rundungen, damit sie den Männern gefällt. Iss mehr und renne weniger, wie ein Junge über Stock und Stein.“
„Ich habe ein Pferd, das täglich bewegt werden muss. Außerdem mag ich meine Figur!“, warf Sarah schnippisch ein.
„Üppige Brüste und Hüften hat noch keiner Frau geschadet. Im Gegenteil, manch einer hat es verschlossene Türen geöffnet. Wenn du gerne reitest, so habe ich jedoch nichts dagegen. Montbrison besitzt vier wunderschöne Araberstuten.“
Justine griff nach Sarahs Rocksaum und ließ den glatten Stoff durch ihre Finger gleiten. Abschätzend wippte ihre eigene Robe aus wallendem Brokat, knisternd, verlockend.
„Dieses Kleid ist so altmodisch“, konstatierte sie, „und die schwarze Farbe macht dich noch blasser. Du solltest zarte Töne tragen, das schmeichelt dem Teint. Und ein Klecks Rouge auf den Wangen wirkt oft Wunder. Du hast gottlob eine gesunde Haut, keine entstellenden Pockennarben oder hässliche Pusteln, oder gar noch schlimmer – Sommersprossen!
Leider sind viele Menschen unserer Haarfarbe mit diesem Makel der Natur bestraft. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären. Was stellt bitte das Gestrüpp auf deinem Kopf dar? Locken? Vogelnester? Dein Haar ist dicht und glänzend, ein geschickter Coiffeur würde zauberhafte Flammenlöckchen daraus drehen können.“
Justine seufzte. Etwas belastete noch ihr Gewissen.
„Es gibt hier kaum Mädchen in deinem Alter, Sarah. Vermisst du nicht manchmal eine Freundin oder Schwester? Heranwachsende Mädchen stecken doch ständig zusammen, plaudern über die erste, heimliche Liebe und all die anderen süßen Geheimnisse ihrer Jugend.“
Sie lächelte verschwörerisch.
„Weißt du, Dominique ist als junger Vicomte schon einmal verheiratet gewesen. Seine Frau starb im Kindbett, kurz nachdem sie einer zweiten Tochter das Leben geschenkt hatte. Désirée ist jetzt sechzehn Jahre alt und ihre Schwester Sophie wird im nächsten Monat achtzehn. Sie sind reizende, liebenswerte Mädchen, mit denen du dich sicher prächtig verstehen wirst.“
Wie von Geisterhand löste sich eines der Kristallgläser aus Sarahs Fingern und zerbrach klirrend auf dem Marmorboden.
„Dominiques Kinder? Ihr habt sie aufgezogen?“
Diese Erkenntnis traf Sarah unvermittelt. Sie hätte sich Pensionate vorgestellt, Scharen hochgeborener Mädchen auf einem tristen Institutshof mit steifen Uniformen und strengen Erzieherinnen, doch stattdessen sah sie sich einer glücklichen Familie gegenüber, zwei Prinzessinnen in himmelblauen Seidenkleidern und Schleifen in den dunklen Locken, behütet und liebkost von den Armen einer Mutter. Ihrer Mutter.
Wutentbrannt stürzte sie aus dem Zimmer. Sie roch Justines Duft nach Ambra und Reispuder und war den Tränen nahe. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und funkelte ihre Mutter hasserfüllt an.
„Ich bleibe auf Malmedy und heirate Douglas Bellamy! Ich wünschte, Ihr wärt nie zurückgekommen! Au revoir, Madame.“
Ach, sollte sie doch der Teufel holen!
(Wird später fortgesetzt)