<

vorja

Lesen bildet!

Der Erzähl-Club 

Der Treffpunkt für Autoren und Leser: 
Eure Texte im Web veröffentlichen!

Das Motto:
"Wer schreibt,
der bleibt"

Hier könnt Ihr die Kategorien der Erzähl-Club-Texte anklicken,
um einzelne Texte zu lesen:

Startseite

Kurzgeschichten

Erzählungen

Erinnerungen

Fabeln & Märchen

Gedichte

Essays

Romane

Web-Katalog

Erzähl-Club News

Kurzgeschichten von Kathrin Siemers

  1. Morgen gehen wir raus

  2. Schritte auf der Treppe

  3. Die letzten Träumer

  4. Rabenvogel

  5. Wenn das alles vorbei ist

  6. Stadt ohne Leben

  7. Die Geschichte vom Fahrrad,
    das im hohen Bogen ins Wasser flog

Morgen gehen wir raus

Die Sonne scheint an die gelbe Wand, und meine Hände riechen nach Seife.

Der Jaguar kratzt an der Tür.

Ich mach ihm auf, geschmeidig und langsam kommt er ins Zimmer und umschleicht das Sofa, geschmeidig und langsam, hin und her.

Draußen ist es warm, ein warmer Luftzug kommt durchs Fenster und streift meine Haut.

Morgen gehe ich raus. Der Jaguar ist mein Freund.

Wir haben uns in der U-Bahn getroffen, und gemeinsam durchstreifen wir die Stadt, zwei Fremde auf der Suche nach etwas Vertrautem.

Aber wir sind nicht gern gesehen, wir können uns nicht benehmen. Immer öfter bleiben wir zu Hause. Ich glaube, der Jaguar ist traurig.

Der Asphalt bekommt seinen Pfoten nicht, die Leute machen ihn nervös. Und wenn ich ihn unruhig endlose Runden durch mein kleines Zimmer drehen sehe, tut es mir in der Seele weh.

Dann muss ich leise flüsternd auf ihn einreden. Manchmal beruhigt ihn das, dann kommt er her und legt sich zu meinen Füßen wie eine zu groß gewordene Hauskatze.

In solchen Momenten fühle ich mich ihm ganz eng verbunden, ich streiche sanft über sein Fell und bewundere seine Stärke. Er gibt mir ein Gefühl von Wärme und Sicherheit. Er ist wirklich mein Freund. So wie heute.

Ich würde so gerne mehr für ihn tun, aber ich fürchte, wirklich helfen kann ich ihm nicht.

Er passt einfach nicht hierher. Manchmal ist er mir selber fremd, dann zittere ich vor der unterdrückten Wut in seinem Blick.

Traurige Wut, sie macht mir Angst. Und misstrauisch male ich mir aus, was er alles anrichten könnte, was alles passieren könnte, wenn....

Ja, wenn........ Mit dem Vermieter gab es auch schon Ärger. Ein Schäferhund würde es doch auch tun, hat er gemeint, oder eine Katze.

Da musste ich ihm erklären, dass der Jaguar eben kein Haustier ist, sondern mein Freund. Einen Freund zähmt man nicht! Oder doch?

Na ja, manchmal habe ich auch meine Zweifel. Vielleicht würde es ihm helfen, besser zurecht zu kommen. Aber er gefällt mir doch, so wie er ist!

Ich mag ihn, weil er anders ist, und ich fände es unfair, ihn ändern zu wollen. Es würde ihn verletzen. Außerdem, heute ist ein schöner Tag. Ein Tag voller Sonne und ein Tag voller Vertrauen.

Meine Hände riechen nach Seife und nach dem warmen Fell des Jaguars.

Morgen gehen wir raus. -  Siehe auch das Feedback zu dieser Geschichte!

*****

Zum Seitenanfang

 Schritte auf der Treppe

„Ich bin allein zu Hause.

Ich sehne mich so oft danach, alleine zu sein, um endlich nachdenken zu können, ohne dass mich jemand stört. Jetzt bin ich es, und auf einmal fühle ich, dass ich wirklich ganz alleine bin mit mir, und das macht mir Angst.

Macht mir Angst und macht mich traurig.

Und ich nehme Kuli und Papier und schreibe dir, weil ich irgendwie loswerden muss, was mich so traurig macht, so übervoll innerlich und gleichzeitig so leer. Einsam und leer.

Ich weiß nicht, ob du mich verstehen kannst, du kommst mir immer wieder nur fremd vor, obwohl ich dir doch nahe sein möchte, aber geht das überhaupt? Wenn ich allein bin und dir schreibe, kann ich dir alles sagen, aber wenn du mir gegenüberstehst, kommst du mir so fremd und unnahbar vor. Und ich weiß, dass der, dem ich schreibe, und der, mit dem ich mich treffe, zwei verschiedene Menschen sind, auch wenn es mir so schwer fällt, mir das einzugestehen, ich will es einfach nicht wahrhaben.

Aber immer wieder ist es so.

Und ich weiß, dass es dir genauso geht, dass die Person, die du liebst, nichts mit mir zu tun hat, ja, dass du im Grunde nichts von mir kennst und nichts von mir weißt, weil ich mich so gut verstecken kann.

Und weil ich keinen Brief an dich je abschicke.

Doch, einmal habe ich einen Brief abgeschickt, nicht an dich, an jemand anders. Aber das hätte ich nie machen dürfen, und ich werde so etwas nie wieder machen. Ich werde nie wieder jemand die Chance geben, mich zu kennen, denn keiner darf die Stellen entdecken, an denen ich verletzbar bin, verletzt und verletzbar. Das ist mein Geheimnis.

Deshalb schreibe ich dir und schreibe dir doch nicht. Du würdest denken, ich bin verrückt, durchgeknallt, wenn ich dir wirklich sagen würde, was mit mir los ist.

Und wahrscheinlich hättest du Recht. Ich glaube das selber.“

***

Sie hörte auf zu schreiben. Ihr fiel nichts mehr ein, und ihr war kalt, obwohl es mitten im Sommer war.

Bis eben war ihr noch gewesen, als würde sie wirklich mit jemand reden, ganz selbstverständlich alles rauslassen, was ihr auf der Seele lag, weil sie es nicht mehr für sich behalten konnte.

Aber auf einmal war das Vertrauen wieder weg. Denn nicht mal sie selber war so ein Jemand, dem sie das ohne Angst erzählen konnte.

Ohne Angst.

Ihr fiel kaum noch etwas ein, was sie tun konnte ohne Angst. Und sie schämte sich dafür und hasste sich, wenn sie die lachenden Gesichter im Fernsehen sah, die lachenden Gesichter auf Partys, auf Fotos und Zeitschriften, und sie lachte selber und verachtete sich noch mehr dafür.

Sie wusste nicht, wie viele so ein unechtes Lachen lachten wie sie, so ein Lachen, das schon ganz automatisch auf dem Gesicht erscheint, sobald man jemand begegnet, und nicht wieder verschwindet, bis man wieder alleine ist mit sich. Vielleicht würde sie es erfahren, wenn sie einmal aufhören würde zu lachen. Aber das ging nicht mehr.

Nicht mehr ohne Angst.

Ihr war fürchterlich kalt, trotzdem stand sie nicht auf, um sich etwas überzuziehen. Die Uhr an der Wand tickte ihr penetrantes Ticken, das ihr auf die Nerven ging.

Und sie lähmte.

Bis sie irgendwann Schritte hörte. Jemand kam die Treppe herauf.

*****

Zum Seitenanfang

Die letzten Träumer

Der Glanz in deinen Haaren. Ich bin aufgewacht und habe gewusst: Ich bin nicht allein!

Und ich könnte zerspringen vor Freude, dass es dich gibt. Du bist mir ganz nahe, und auf einmal ist alles andere so unwichtig, oh Mann, jetzt weiß ich auch, wie unwichtig das alles ist, studieren, meine ewige Angst, wie es weitergehen soll, kein Geld, keine Arbeit, und keine Kraft, irgendetwas anzufangen, das hat alles so an mir gefressen, dass ich schon ganz krank war.

Krank und kaputt bin ich in der Gegend herumgelaufen, und ich habe mich nicht einmal mehr getraut zu träumen, denn alles, wovon ich träumte, war so unerreichbar, dass es nur noch wehgetan hat.

Aber jetzt bist du da, und ich kann es kaum glauben. In deinen Armen fühle ich mich so sicher, du, ich brauche deine Arme wie sonst nichts auf der Welt, in deinen Armen bin ich stark, wir werden sie einfach auslachen, kaputtlachen, diese wahnsinnige Welt, und uns eine eigene schaffen!

Als letztens die Alte von nebenan wieder anfing, mich voll zu meckern wegen irgendetwas, habe ich einfach nur gelacht und bin weitergegangen, und seitdem, du glaubst es nicht, ich habe wirklich gewonnen, wenn wir uns begegnen, und ich schaue sie an, blickt sie zur Seite wie ein geprügelter Hund! Und jetzt tut sie mir fast Leid, denn es macht mir keinen Spaß, Macht auszuüben.

Dabei hat sie mich schon einmal so fertig gemacht, dass mir die Tränen kamen, ‚ich hol die Polizei’, und ich wusste gar nicht, was sie von mir wollte, und habe zurückgeschimpft und mich dann ganz schnell davongemacht, damit sie nicht sieht, dass ich weine. 

Monatelang habe ich mich an ihrem Haus vorbei geschlichen, immer in der Angst, ihr noch einmal zu begegnen, habe den Hund schnell weitergescheucht, dass er ja nicht eine Pfote auf ihren heiligen Hof setzt und Anlass gibt zu neuem Ärger. Und jetzt auf einmal traut sie sich nichts mehr, und ich kann so frei und selbstverständlich den Bürgersteig benutzen wie jeder andere Mensch doch auch!

Aber für mich ist das völlig neu.

Oh Mann, weißt du, wie das ist, wenn man sich kaum auf die Straße traut, fast, als hätte man kein Recht dazu, kein Recht zu gehen, wohin man will, einfach zu leben? Wenn du irgendwo in der Stadt bist, und auf einmal hast du das Gefühl, du müsstest lauthals losheulen, und weißt nicht mal warum, einfach so, und du denkst, jeder, der dir entgegenkommt, merkt es dir an? Dabei sind sie alle Idioten und merken gar nichts, aber du hast so fürchterliche Angst, dass dich jemand ertappt, beim Weinenwollen.

Weißt du, wie das ist, im Supermarkt zu stehen und dich da mit einem Mal zu fühlen wie die Maus in der Falle? Da ist alles so hell, wie auf einer Bühne, nein, nicht wie eine Bühne. Ich wollte einmal Schauspielerin werden, und Bühnen und die Geschichten, die darauf erzählt werden, sind mir wie Heimat. 

Nein, es ist ganz anders als eine Bühne, ganz kalt, aber so hell und ausgeleuchtet, und überall kommt dir jemand entgegen, und wieder hast du das Gefühl, dass dir die Tränen in die Augen steigen, und du möchtest am liebsten unter die Regale kriechen, damit sie dich nicht sehen. Denn raus kommst du auch nicht, nicht, ohne dass du bezahlst oder dich an den Leuten, die an der Kasse warten, vorbeidrängst, oh shit, und du hast solche Angst vor Leuten!

Wenn dir immer wieder solche Sachen passieren, denkst du selber, du bist nicht ganz normal. Und du kannst es keinem erzählen, weil du keine Hoffnung hast, dass dich irgendjemand versteht, und du frisst es alles in dich hinein, alles, was dir wehtut, und deine Angst wird immer größer.

Weißt du, wie sehr ich diese aalglatten Typen hasse, die immer nur Erfolg haben und alles bekommen, was sie wollen, und die noch keine einzige Nacht mit Herzklopfen im Bett gesessen haben, in panischer Angst vor dem nächsten Morgen?

Früher habe ich sie beneidet, weil sie mir so viel mutiger und stärker vorkamen, als ich es war, aber heute hasse ich sie, weil sie nur Fassade sind und nichts dahinter, und weil sie genau das tun, was man von ihnen erwartet, und keinen Gedanken mehr darauf verschwenden, ob es auch dem entspricht, was sie sich einmal erträumt haben.

Du, ich habe so gekuscht als Kind und mich nie irgendwas getraut, den Radau haben die andern gemacht, ich hatte immer nur Angst, vor Erwachsenen, vor Gleichaltrigen, egal, vor allem und jedem, ich kam mir so klein und zerbrechlich vor.

Aber heute, heute ist alles anders, heute bin ich größer und stärker, und ich muss mich vor niemandem mehr ducken. Und ich bin wild entschlossen zu leben, zu lieben und zu hassen, glücklich zu sein und verzweifelt und vor allem zu träumen, immer wieder neu zu träumen und mich von meinen Träumen leiten zu lassen!

Oh Mann, ich habe solche Sehnsucht nach Dingen, die wirklich Tiefe haben, die nicht bloß Werbung sind oder schlechte Kopien von irgendwas, ohne Sinn und Inhalt, das kotzt mich alles so an! Ich brauche Menschen, die noch eine Seele haben, und wo sind die ganzen Leute, zu denen ich früher als Kind hoch geschaut habe, weil sie sich Sachen getraut haben, zu denen mir doch immer der Mut fehlte, und das Selbstvertrauen?

Heute haben sie sich angepasst, mucken nicht mehr auf und träumen nicht mehr, und sind so gesichtslos wie alles in der Welt, und warum? Weil sie sich fürchten vor einer Nacht mit Herzklopfen, in panischer Angst vor dem nächsten Morgen, und falls sie so etwas doch einmal erleben sollten, gibt es dagegen Tabletten.

Und ich habe mich doch auch so gefürchtet in meinen Nächten, mich so wahnsinnig allein gefühlt in Depression und Angst, und jetzt auf einmal bist du da, und wenn ich Angst habe, sind da deine Arme und fangen mich auf, und endlich, endlich kann ich aufhören, mich zu hassen.

Ja, ich habe mich wirklich gehasst, ich habe mich gehasst, seit ich denken kann, weil ich es nicht schaffe, meine Angst zu verbergen, und schaut mich einer schief an, fange ich gleich an zu heulen.

Richtige Freunde hatte ich nie, dabei war ich nie dick und hässlich, aber unsicher und verletzbar, und ich habe mich durch die Kindheit geschlichen, als hätte ich ein großes Geheimnis zu verbergen. Mein Geheimnis waren meine Gefühle, meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, und ich habe das alles ganz tief in mir verschlossen und verdrängt, um nicht zur Lachnummer zu werden für alle, die immerzu nur Stärke zeigen und niemals Schwäche.

Aber geträumt habe ich, während andere gelebt haben, habe ich geträumt, und sag nicht, dass das falsch war!

Im Leben hatte ich schon resigniert, bevor es überhaupt angefangen hatte, in meinen Augen war ich der geborene Versager,  ja, weil es doch nur darum geht, wer die Klappe am weitesten aufreißt, und das konnte ich nie.

Aber träumen konnte ich, und ich sehe immer noch das Gesicht der Politiklehrerin, die mir immer nur Fünfen gegeben hat, die Schickse, alle Noten hat sie abgefragt, “du?”, hat sie ganz ungläubig gefragt, wie es darum ging, wer den besten Deutschaufsatz hatte. Ja, ich, du blöde Kuh, habe ich mir gedacht, aber das war auch mein einziger Triumph, denn wenig später musste ich schon wieder um meine Versetzung bangen.

Nein, das war nicht meine Welt, und wo ich konnte, habe ich ihr einfach den Rücken zugedreht. Du, ich habe mir die Einsamkeit aus der Seele geträumt, die Einsamkeit und die Angst, und wie schwer fiel es mir, immer wieder in die Wirklichkeit zurückkehren zu müssen, die mir so fremd war und voller Schwierigkeiten, denen ich nicht gewachsen war.

Du, ich habe von dir geträumt, und dabei nicht geglaubt, es könnte dich wirklich geben. Später, als andere schon längst mit ihrem ersten Freund geschlafen hatten, und ich mich umschaute und in jeden hübschen Jungen all die Eigenschaften hineinlegte, die mir wichtig waren, und ich so enttäuscht war, dass sich keiner von ihnen für mich interessierte. Dabei lag ich so daneben mit meiner Einschätzung, denn in Wirklichkeit waren sie ganz anders.

Und so habe ich mich durchgehangelt, mich mit Magenschmerzen und überhaupt den absonderlichsten Schmerzen gequält, ohne dass ich mich getraut habe, mir einzugestehen, wie traurig ich war. Was hätte mir das auch gebracht?

Nein, das habe ich mir erst viel später bewusst gemacht, als ich dachte, dass nun alles besser wird, als die Schule zu Ende ging und ich Pläne machte, wegzugehen und endlich mein Leben zu leben.

               Als ich anfing, Theater zu spielen.

Weißt du, wie wunderbar es ist, auf der Bühne zu stehen und dich so unheimlich geborgen zu fühlen in der Sicherheit, dass du nur eine Rolle spielst und nicht du selber sein musst? Und endlich kannst du dich gehen lassen, du kannst lachen und weinen und schreien und tanzen, ohne jede Hemmung, und ohne dass dich jemand blöd anmacht!

               Die einzige Möglichkeit, noch ein Mensch zu sein, ist das Theater.

Wir waren nur eine Laiengruppe, ohne großen Anspruch, aber für mich hat es alles bedeutet. Verstehst du, ich habe mein ganzes Gefühl, Verzweiflung, Glück, Wut, egal, alles in die Rollen gelegt, und ich war genauso überrascht wie alle anderen, wie gut ich das konnte. Wo ich doch sonst so verschlossen war.

Und ich dachte, das ist es, endlich hast du einen Platz gefunden, wo du leben kannst, leben und  dich einbringen, und wo man dich akzeptiert! Wo du zu Hause bist.

Und ich wollte Schauspielerin werden.

Aber du, ich habe auch Träume begraben, wie alle anderen, weil ich zu feige war. Erst den einen, dann nach und nach alle anderen.

Ich sehe es noch vor mir, den einen Samstagmorgen, als ich die Straße hochging, um meinen Freund abzuholen.

Es war Frühling, die Sonne schien, und wir wollten uns zusammen einen Hund aussuchen gehen, meinen ersten eigenen Hund! Davon hatte ich als Kind schon immer geträumt, und ich hatte mich so auf diesen Tag gefreut!

Ich hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung, und ich ging hoch, schloss auf, machte die Tür zu seinem Zimmer auf, und da lag er mit einer anderen im Bett. Er hat fest geschlafen, aber sie war wach geworden und schaute mich an, und ich schaute zurück, wie unter Schock, und dann habe ich die Tür wieder zugemacht und bin weggelaufen, wieder die Straße lang, zurück zu mir nach Hause. Da habe ich nur noch geheult.

Du, ich habe so viele Träume begraben, weil Träume so wehtun, wenn sie sich immer wieder nicht erfüllen. Und du fühlst Dich so unsicher und verletzbar, weil die Wirklichkeit doch ganz anders ist. Und du denkst, du solltest dich damit abfinden. Aber hörst du auf zu träumen, hörst du auf zu leben, irgendwann merkst du, dass du nicht mehr leben willst.

Du, ich habe immer noch Angst. Werden wir es schaffen, weiter zu träumen?

*****

Zum Seitenanfang

Rabenvogel

Ich bin ein Vogel.
Ich bin ein Vogel, und wenn ich will, fliege ich weg.
Sie lag auf dem Rücken und stellte es sich vor: Wegfliegen. Hier war es leicht, hier war alles so unwirklich, das große Feld, Wald, über ihr der blaue Himmel und die Sonne, die ihr ins Gesicht brannte und sie leicht benommen machte. Es war wirklich nicht schwer, abzuheben, sich immer höher zu schrauben, während die Welt unter ihr immer kleiner und unwirklicher würde.
Es war so still. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Radfahrer über den Feldweg, erst von Bäumen und Sträuchern verdeckt, tauchte er plötzlich für ein paar Sekunden auf und verschwand wieder, ohne sie zu sehen. Meist alte Leute, auf dem Weg ins nächste Dorf.
Sie wurde immer schläfriger.

Der Vogel kreist über der Stadt. Immer enger zieht er seine Kreise, er weiß, was er will, auch wenn es ihm nicht bewußt ist. Ganz klein und unwirklich ist die Welt unter ihm noch, aber sie kommt immer näher, er kommt ihr näher, Häuser, Autos, ganz winzig schließlich auch Menschen. Aber sein Ziel ist ein Haus. Immer schneller schießt er seinem Ziel entgegen, da, das Fenster im vierten Stock zur Straße hin ist es, und die Scheibe zerspringt krachend in unzählige Teile.
Als er wieder zu sich kommt, liegt er im Zimmer auf dem nackten Dielenboden.
Überall sind Scherben, Scherben und wüstes Durcheinander, zerfetzte Bücher. Immer nur Scherben, dazwischen Tropfen von Blut. Das ist sein Blut.
Es fällt ihm schwer, sich wieder aufzurichten. Die ersten Flugversuche sind taumelnd, ein Flügel ist verletzt und jede Bewegung schmerzt. Aber irgendwie schafft er es zu fliegen, durch das große Loch in der zerborstenen Scheibe hindurch nach draußen zu kommen und zu fliegen, weg von diesem Zimmer.
Seine schwarzen Federn glänzen in der Sonne.

Benommen schlug sie die Augen auf. Sie musste eingeschlafen sein, und ihr war, als hätte die Sonne, die immer noch fast genau senkrecht über ihr am Himmel stand, alle Kraft aus ihrem Körper gezogen. Es war heiß, und sie hatte Durst.
Zeit, nach Hause zu fahren.
Noch träge und benommen, stand sie auf und holte ihr Fahrrad. Schob es bis auf den Weg, dann stieg sie auf.
Der Schatten der Bäume tat gut, und während sie zurück in die Stadt fuhr, wurde sie langsam aber sicher wieder wach. Sie musste sich beeilen, wenn sie noch rechtzeitig zur Uni kommen wollte. Aber vorher musste sie noch nach Hause.
Auf dem Feldweg begegnete ihr niemand. Dann kam das Dorf, und gleich an das Dorf anschließend die Plattenbauten der Südstadt.
Sie schwitzte, weil sie sehr schnell fuhr, jetzt nicht mehr durch Bäume vor der Sonne geschützt fuhr sie quer durch die Stadt Richtung Zentrum und bog schließlich, noch eher als erwartet, in die schmale Altstadtstraße ein, in der sie wohnte.
Sie schloss das Fahrrad am Zaun an und lief die Treppen hoch bis zu ihrer Wohnung im vierten Stock.

Dass etwas nicht stimmte, spürte sie gleich.
Doch sie musste erst durch den Flur gehen und die Tür zum Zimmer öffnen, bis ihr schlagartig klar wurde, was es war.
Bis sie nur noch Scherben sah und  keine Macht mehr hatte gegen die Tränen, die einfach so über sie herfielen.
"Warum ich?"

*****

Zum Seitenanfang

Wenn das alles vorbei ist...

In letzter Zeit ist es sehr ruhig geworden bei uns. 

Der CD-Player in der Küche funktioniert auch schon nicht mehr, und die Zeiten, wo man morgens aufstand und selig mit "Radiohead zum Frühstück" den Tag vergammeln konnte, sind erst mal vorbei. Das Autoradio haben sie uns vor einem halben Jahr geklaut, damit hatte das Autofahren seinen Zauber endgültig verloren.

Ich brauche Musik, Musik gibt mir den Halt, den ich brauche, und sie übertönt alle Geräusche, die mir Angst machen. Wenn sie vorbei ist, falle ich zusammen.

Bei uns ist es ruhig geworden.

Alles, was uns bleibt, ist der Fernseher.

Wenn wir zusammen im Bett liegen, fühle ich mich wie eingesperrt, und ich denke, ich müsste ersticken, sobald er im Schlaf den Arm um mich legt. Dabei ist Platz genug, es ist nicht wie früher, am Anfang, als wir noch auf einer engen Liege geschlafen haben und uns aneinander festhielten, um nicht herunterzufallen.

Am Anfang war es noch anders.

Als ich einmal längere Zeit weg war, habe ich mich danach gesehnt, wieder nach Hause zu kommen, denn ich war traurig und einsam. Ich sehnte mich nach blauen Seen und dem Strand, ich sehnte mich danach, durch den Wald zu wandern und schließlich an einem herrlich menschenleeren Strand herauszukommen, mich auszuziehen und ins Wasser zu laufen. Am Anfang zieht einem das kalte Wasser alles zusammen, manchmal ist der Grund voller Steine, und wir lachten über unsere Zaghaftigkeit und liefen weiter, und wenn der Körper sich einmal an die Kälte gewöhnt hat, ist es wunderbar.

Ich sehnte mich danach, morgens zusammen mit ihm aufzuwachen, und ich dachte an die Katze seiner Mutter, die wir damals in Pflege hatten, wie sie jeden Morgen zu uns ins Bett kam und schnurrend über unsere nackten Körper hinwegstieg. Wie sie einmal neugierig meinen Busen inspizierte und spielerisch ihre Pfote darauf setzte.

Als wir uns kennen lernten, war es Sommer.

Als ich dann endlich voller Erwartung wieder nach Hause kam, war es Winter, und etwas war kaputtgegangen.

Wir machten so weiter wie bisher, aber wir hatten keinen Spaß mehr an unserem Spiel, wir waren keine jungen Hunde mehr, sondern graue Wölfe. Und mit jedem Tag wurden wir älter.

Ich wurde älter. Wenn wir zusammen schlafen, spüre ich nichts mehr. Nur, dass ich todmüde bin.

Ich weiß nicht, warum uns alle Welt einen Fernseher schenken will. Wir brauchten nur irgendwo zu erwähnen, dass wir keinen hatten, und einen Tag später klingelt es an der Tür, und jemand will uns seinen alten abgelegten überlassen. So hatten wir dann irgendwann drei, einen behielten wir, die anderen gaben wir weiter.

Es ist verrückt, den Fernsehern entkommt man nicht, und er geht mir auf die Nerven wie alles andere.

Und es ist alles meine Schuld.

Ich sollte mich mehr zusammenreißen, warum bin ich nur so gereizt? Wir streiten uns oft, aber ich würde nie zugeben, wie sehr mich jedes seiner Worte verletzt. Lieber alles zurückgeben, doppelt, dreifach.

Warum bin ich nur so müde?

Er hat Recht, ich bin langweilig geworden. Es ist alles meine Schuld.

Heute habe ich mir eine Pflanze gekauft. Das ist das erste Mal seit langem, dass ich mir mal wieder etwas gekauft habe. Ich mag Pflanzen, ich mag sie, weil sie grün sind. Ich habe sie lange angeschaut.

Wenn das alles vorbei ist, fahre ich nach Polen.

******

Zum Seitenanfang

Stadt ohne Leben

Als er sich auf den Heimweg machte, war es  schon lange nach Mitternacht. Auf einmal war es doch wieder sehr kalt geworden, und der Wind blies ihm schneidend ins Gesicht, als er durch die menschenleeren Straßen nach Hause ging.

Sie kam ihm in der Margaretenstraße entgegen. Im spärlichen Licht der Straßenlaternen konnte er ihr Gesicht nur undeutlich erkennen. Es erinnerte ihn an einen Pinguin, rund und blass, mit großen runden Augen, die ihn von weitem starr und abschätzend anblickten. Als sie sich näher kamen, schlug sie die Augen nieder und ging in betont aufrechter Körperhaltung an ihm vorbei.

Er blickte ihr nach, sah noch, wie sie auf dem vereisten Bürgersteig ausrutschte und beinahe hingefallen wäre. Dann bog sie um die nächste Ecke und war weg.

Sonst begegnete er niemandem mehr, nur einer grauen Katze, die in einem Hauseingang bequem auf der Mülltonne lag und ihn völlig ungeniert mit ihren grünen Phosphoraugen anschaute.

***

Der nächste Morgen war einer von vielen.

Er wachte auf und fror, denn der Ofen gab schon lange keine Wärme mehr ab. Also doch schon aufstehen, neue Kohlen holen, anheizen.

Er hatte sich gerade einen Kaffee gemacht, als es an der Tür klingelte. Hingehen, aufmachen? Wer sollte schon groß kommen?

Es klingelte noch einmal, ziemlich durchdringend.

Vor der Tür stand ein Kerl in dunklem Anzug und streckte ihm die Hand entgegen.

“Schönen guten Morgen, mein Name ist Rodt, ich bin der neue Besitzer dieses Hauses. Es gibt einiges zu besprechen. Sie sind...”, er schaute auf die Unterlagen in seiner Hand, “Herr Schmidt, nehme ich an?”

Kai Bramow nickte.

***

Nie passierte etwas, und wenn, dann gab es nur Ärger.

Es hatte lange gedauert, bis der komische Hausbesitzer endlich wieder gegangen war, die ganze Wohnung hatte er sehen wollen, und viel zu viel gefragt. Am Ende war er dann völlig fertig gewesen.

Verdammt, er wollte doch nur seine Ruhe haben!

Nicht einmal das Wetter ließ einen in Frieden. Es war wirklich erbärmlich kalt draußen, wenn sich auch der ewige Wind vorerst etwas gelegt hatte.

Die beiden Peruaner standen trotzdem in der Fußgängerzone und verkauften ihren Schmuck. Er grüßte kurz, “ hola, que tal”, dann ging er weiter.

In letzter Zeit unterhielt er sich kaum noch.

***

In aller Gemütsruhe lag Nico auf dem kalten Pflaster und guckte sich die Leute an, die vorbei gingen.

José Luis und Ricardo redeten und redeten, zwischendurch lachten sie, aber sie verstand nur die Hälfte. Sie wollte nach Hause, es war kalt, und der Wind blies ihr andauernd die Haare ins Gesicht.

Ricardo deutete mit dem Kopf auf irgendetwas hinter ihr: “¡Allá viene el Kai!”.

Sie drehte sich um.

Der Junge, der am Stand vorbei ging, nickte kurz, ohne eine Miene zu verziehen. Nico knurrte leise, und er beeilte sich weiter zu kommen.

Auch sie verabschiedete sich nun und ging weiter. Nico, der schwarze Stafford, erhob sich auf seine Pfoten und folgte ihr die Straße hinunter, zwischen den Passanten hindurch, die es heute noch eiliger hatten als sonst.

***

Wie der Hund geknurrt hatte auf einmal. Hunde waren ihm unheimlich, und er hatte das Gefühl, sie mochten ihn auch nicht.

Er hatte sie gleich erkannt, die von gestern Abend. Irgendwie ratlos hatte sie ausgesehen, wie sie da stand und sich immerzu die langen Haare hinter die Ohren strich, die ihr dann doch wieder ins Gesicht wehten. Gesagt hatte sie nichts.

So jemand brauchte wohl schon einen Kampfhund.

***

Verdammte Scheiße, auch das noch.

Er hätte das Fenster nicht offen lassen dürfen. Der Wind hatte die Scheibe herausgedrückt. Die lag jetzt zersplittert unten im Hof.

Er musste schnell dem Vermieter Bescheid sagen, damit der es in Ordnung brachte. Und es erst mal irgendwie abdichten, dass er hier nicht völlig einfror.

Eine ganze Weile saß er regungslos da und starrte auf das kaputte Fenster vor ihm.

Irgendwann klingelte es, aber diesmal öffnete er die Tür nicht.

***

Nachts im Dunkeln konnte man auch in der Stadt ewig herumlaufen, ohne dass man irgendjemand begegnete.

Sie war unruhig, konnte nicht schlafen, deshalb war sie noch einmal herausgegangen. Die kalte Luft tat gut. Aber es würde wieder wärmer werden, das merkte man.

Sie ging zum Fluss.

Der große Dreimaster aus Russland stand schon länger im Stadthafen, sie hatte ihn von ihrem Fenster im vierten Stock aus immer schon gesehen. Die Masten wurden von einer Lichterkette umrahmt, die jeden Abend pünktlich nach Einbruch der Dunkelheit leuchtete.

Ein Stück weiter, beim alten Speicher, stand noch ein russisches Schiff, ein völlig verrosteter Kahn aus Kaliningrad. Er hatte Autos geladen.

***

Im Park war es stockfinster, aber sie kannte sich hier so gut aus, dass sie sich auch so zurechtfand.

Sie mochte diesen Park, die Wege wurden von großen alten Linden gesäumt und zwischen den Büschen, halb vom Unkraut überwuchert, standen vereinzelt alte Grabsteine. Vor ewigen Zeiten war dies einmal ein Friedhof gewesen.

Vor ihr, am anderen Ende des Wegs, waren auf einmal kleine leuchtende rote Punkte zu sehen, die sich auf und nieder bewegten und langsam aber sicher auf sie zukamen.

Brennende Zigaretten.

Schnell bog sie ab, in einen kleinen Seitenpfad.

Inzwischen war ihr schon ungemütlich kalt, und sie war müde, aber sie wollte noch nicht nach Hause. Solange man sich bewegte, war es nicht so stark, dieses Gefühl, dass einem einfach der Boden unter den Füßen wegsackte und man erst langsam und dann immer schneller im Morast versank. Man konnte dem nicht einfach davonlaufen, das wusste sie. Aber man konnte sich zumindest einbilden, dass es ginge.

Die S-Bahn, die am anderen Ende des Parks vorbeifuhr, war völlig leer.

***

Sie bog wahllos in irgendwelche Straßen ein, ging sie durch bis zum Ende oder auch nicht, um dann irgendeine Abzweigung zu nehmen.

Auf einmal stutzte sie und drehte sich um.

Wo war der Hund geblieben?

Nico war nun schon etliche Meter entfernt und schaute eher verdutzt zu einer Mülltonne hoch, auf der mit gesträubtem Fell eine graue Katze stand und ihn kampflustig anfauchte.

***

Ja, wirklich, es schneite.

Der Schnee fiel in schweren nassen Flocken vom Himmel und ging langsam aber sicher in kalten Regen über.

Von hier bis nach Hause war es noch weit.

Sie stand genau vor dem “Crocodil”.

Sie überlegte. Sie war lange nicht dort gewesen. Drinnen saßen nur wenig Leute herum.

Sie ging hinein.

An der Theke holte sie sich ein Bier, dann ging sie mit dem Glas durch nach hinten, zu dem etwas versteckten Winkel, wo sie schon öfter gesessen hatte.

Erst als sie davor stand, merkte sie, dass da schon jemand saß.

Jemand, der misstrauisch erst auf den Hund und dann nicht weniger misstrauisch auf sie schaute.

******

Zum Seitenanfang

Die Geschichte vom Fahrrad,
das in hohem Bogen ins Wasser flog

                 “Weißt du, was ich heute morgen gedacht habe? Lieber eine kaputte Beziehung als gar keine.”

Auf einmal waren sie da, die Worte, wehten ihr ins Gesicht, verteilten sich und stiegen zur Decke, wie der Rauch der unzähligen Zigaretten, die er sich schon angezündet hatte.

Sie schaute ihn an.

            Sie kannten sich flüchtig, so, wie sie so viele Leute kannte, und als sie vor ein paar Stunden zusammen mit einigen anderen in die Kneipe gekommen war, hatte er allein dagesessen und sich eingenebelt mit seinen Gauloises blondes. Sie hatten sich zu ihm an den Tisch gesetzt, und als nach einem Bier und ein paar Witzen alle weiterzogen zum nächsten Szenetreff, wollte sie auf einmal nicht mehr, keine Lust, kein Geld, und blieb.

Seitdem teilten sie sich einen Tisch und, wenn die Unterhaltung wieder einmal stockte, peinliche Schweigeminuten, die sie überbrückte, indem sie im flüssigen Wachs der Kerze herumstocherte, und er, indem er sich eine neue Zigarette anzündete.

            Er sah gut aus, das sah sie, dunkle, halblange Haare, einen Kontrast bildend zu den hellen Augen, die blau waren, blau wie sein T-Shirt, die Kapuzenjacke und die Zigarettenpackung vor ihm auf dem Tisch. Sie sah auch, wie sich blaue Coolness immer mehr in durchsichtige Verletzlichkeit verwandelte, der sie schwer etwas entgegensetzen konnte.

           Und während die Wirkung von Alkohol, düsterer Musik und der Zigarettenrauch sie in einen immer dickeren Nebel von dumpfer Nachdenklichkeit packten, begann er zu erzählen.

Sie hatte keine Ahnung, warum immer alle glaubten, ihr ihre Lebensgeschichte anvertrauen zu können, obwohl sie selbst kaum etwas sagte, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Sie hörte zu, hörte, was er erzählte, aber es ging nicht durch, nicht so tief, dass sie ihn wirklich verstanden hätte.

“Weißt du, was ich heute morgen gedacht habe? Lieber eine kaputte Beziehung als gar keine.”

Das waren sie, die Worte, mit denen er aufschaute und sie fast Rat suchend anblickte, und sie schaute zurück und wusste, dass sie jetzt aufwachen musste aus ihrer Trance, auf ihn zugehen, irgendetwas sagen. Er sah anziehend aus, so anziehend verletzlich und offen, dass es ihr Angst machte.

“Ich weiß nicht, es gibt doch nichts Nervigeres als eine kaputte Beziehung. Man macht sich selber nur kaputt dabei. Dann muss man Schluss machen, sonst wird es immer schlimmer.”

 Weg war er. Nachdem sie raus waren  aus der Kneipe und sich an der nächsten Wegbiegung getrennt hatten, musste sie erst einmal tief durchatmen. Nein, nach Hause wollte sie jetzt noch nicht, lieber noch eine Zeit lang draußen herumlaufen. Über dem Fluß lag dicker Nebel, man konnte die Lichter auf der anderen Seite kaum erkennen.

          Aber die kalte Luft wirkte befreiend. Sie ging bis an den äußersten Rand der Kaimauer, schaute ins Wasser, wurde ruhiger.

         Ein paar Meter weiter lag die “Stubnitz”, und sie musste an die Geschichte mit Martin denken. Der war eines Morgens ziemlich besoffen vom Discoschiff gekommen. Die Punkerin, der er dann draußen trotz ihres lauten Streitens schüchtern übers Haar strich, muss auch ziemlich besoffen gewesen sein, sonst wäre sie wohl nicht auf die Idee gekommen, gleich sein Fahrrad zu packen und ins Wasser zu schleudern. Und es war ein teures Fahrrad gewesen, an dem er außerdem noch viel herumgebastelt hatte.

        Kaputte Beziehungen von kaputten Leuten, und das Kaputteste von allem ist, dass sie doch wusste, was er in der Kneipe gemeint hatte, und sie hatte es ihm trotzdem nicht gesagt, weil sie nur daran gedacht habe, auszuweichen und wegzulaufen:

Manchmal kann man einfach nicht allein sein.

*****

Zum Seitenanfang