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Freitag Abend

Von Julia

Bin ich schön?

Ich stehe vor meinem Jugendstilspiegel, ein Erbstück von der Großmutter, und frage mich zum 30. Mal: Bin ich schön?

Vielleicht fällt die Antwort nach dem fünften Glas Prossecco leichter, denke ich und geh in meine Einbauküche, schnurstracks zu meinem Einbaukühlschrank. Der beherbergt seit Wochen eine Flasche Citronat, ein paar Birnen, die zu essen an Lebensunmut grenzen würde, und meinen Retter, den Prossecco.

Ich liebe das undefinierbare Prickeln der Kohlensäure zwischen Zähnen und Zunge. Schade dass keine Erdbeeren mehr da sind. Man muss eine Beere in den Mund nehmen und zerkauen aber nicht herunterschlucken und dann den Prossecco dazu. Was danach kommt, ist fast orgastisch gut.

Ich sitze wieder in meinem Zimmer. Nackt rauche ich meine schätzungsweise dreiundzwanzigste Zigarette und habe beschlossen, den Blick in den Spiegel solange zu vermeiden, bis ich die Flasche geleert habe. Na dann Prost.

Ich hebe mein Glas Richtung Fenster. Und wünsche allen da draußen ein langes und glückliches Leben. Gestern hat mich Jens gefragt, „Was macht dich glücklich?“ „Ich weiß nicht“, hab ich gesagt.

Ich mag es Essen zu gehen. Prossecco. Ich mag Sex. Aber sind diese kurzzeitigen Freuden eine Ahnung von GLÜCK? Ich schenke mir ein weiteres Glas ein. Ein schönes Geräusch. Macht mich glücklich.

Manchmal weiß ich, was im nächsten Augenblick passieren wird.  Gleich wird das Telefon klingeln. Es klingelt.

Wenn mir schon so etwas wie Wahrheit in den Schoß fällt, wieso bloß immer nur die halbe?

Ich weiß, dass mein Telefon klingeln wird, aber nicht wer mich anruft.

„Hallo?“ Es ist meine Mutter. Sofort bekomme ich Gewissensbisse bezüglich meiner schon lange nicht mehr aufgeräumten Wohnung. Mit meinem linken Fuß versuche ich die Hallo- Pizza- Pizzaverpackung in den Mülleimer zu katapultieren. Das geht natürlich daneben.

Ein Schwall Prossecco fließt in kleinen Bächen über meinen Bauch. „Mist“, fluche ich.

„Nein Mama ich hab nicht mit dir gesprochen“

„Nein ich bin allein“

„Ja es geht mir gut. Ich bin nur leider in Eile“

„Ja ich ruf dich morgen an“

 „Gute Nacht“

Es ist kurz vor neun. Ich habe noch immer keine Eingebung für mein Outfit. Der Prossecco ist so gut wie leer. Es klingelt.

Ich zieh meinen rosa Bademantel über- sehr chic wäre doch ne Idee für heute Abend - und sprinte zur Tür. Es ist Martina. Martina ist meine Freundin aus dem dritten Stock. Sie sieht verheult aus.

Na prima denke ich, in einer viertel Stunde muss ich los, habe noch immer keine Ahnung was ich anziehen soll und werde wegen Martina wohl die Party des Jahres verpassen.

„Martina! Willst du nicht reinkommen?“, höre ich mich sagen. Blöde Frage. Natürlich will sie reinkommen, sonst hätte sie ja nicht geklingelt.

„Hattest du Streit mit Frank?“, rufe ich aus der Küche, den Kopf im Kühlschrank. Gut trinken wir die letzte Flasche eben zusammen. Keine Antwort. Ich vernehme nur ein unterdrücktes Schluchzen, während  ich fluchend nach einem sauberen Glas für meine Freundin suche.

„Danke“, lächelt Martina, als ich ihr das prickelnde Getränk reiche. Ich starte einen zweiten Versuch. „Was ist denn passiert? Habt ihr euch wieder gestritten?“ Sie schüttelt den Kopf. „Ja“ 

„Ist das von ihm?“, frage ich und deute auf die grüngelbe Verfärbung unter ihrem rechten Auge. Martina sieht mich nicht an. Tränen laufen über ihr kleines schönes Gesicht. „Dieser Scheißkerl“, murmel ich, mehr fällt mir nicht ein dazu und schenke die Gläser nach.

Ich überlege, wie ich dem schluchzenden Etwas klarmachen soll, dass ich eigentlich keine Zeit habe. „Heute Abend ist eine Party bei Christine. Hast du nicht Lust mitzukommen? Das bringt dich vielleicht auf andere Gedanken.“, höre ich mich fragen.

Na toll. Wenn sie jetzt JA sagt, hab ich sie den ganzen Abend an der Backe.

„Nein“, schluchzt Martina und verschluckt sich an dem edlen Prossecco. „Besser ich bleib zu Hause“

Puh. Glück gehabt. Im gleichen Moment schäme ich mich ob meines Egoismus`. „Bist du sicher?“

„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht aufhalten“ Toll. Das schlechte Gewissen frisst sich durch meinen Körper bis in die Zehenspitzen. Sagen kann ich nichts. Martina erhebt sich. „Es tut mir leid Ida“, entschuldigt sie sich erneut. „Ich glaub ich geh jetzt wieder“ Ich nicke ihr zu. „Mir auch“

Als die Tür wieder ins Schloss fällt, muss ich heulen. Danke Martina! Es ist zwanzig nach neun. Der Bus ist weg. Ich finde nichts zum Anziehen. Ich fühle mich betrunken. Schwerfällig. Nackt stehe ich vor dem Spiegel. Meine Zigaretten sind schon lange aufgeraucht. Ich werde ins Bett gehen.

Es ist Freitag Abend.


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