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Erinnerungen von Renate BasinskiEin Glas WasserIch war 4 Jahre alt, als ich ihn zum ersten Mal bewusst wahrnahm. Ein etwas untersetzter, älterer Herr, der mit einem mir fremd anmutendem Dialekt sprach; es war etwas kehliges und breites darin. Er sagte “scheeeen”, während wir “schön” sagten. Er nahm sich immer Zeit für mich, fabulierte nach Herzenslust, scherzte mit mir und zog mich auch auf, wenn ihm danach zumute war. Stundenlang konnte ich ihm zuhören. In seiner Stimme gab es keinen Missklang. Es ging von ihm keine Bedrohung aus. Freundlich und warmherzig zeigte er sich uns und dennoch spüre ich heute noch die Traurigkeit, die hinter all` diesem heiteren Wesen stand. Keine Traurigkeit, die man sofort ausmachte, nein: sie stand irgendwo hinter ihm. Wenn er zu uns kam, beredete er so vieles, was ich nicht verstand und mich auch nicht interessierte, zuerst mit meiner Großmutter, die er zu verehren schien und auch sie benahm sich nicht so geschäftig, wie ich sie täglich erlebte, sondern machte es sich mit ihm in einer konspirativen Weise bequem. Nach einer gewissen Zeit wollte ich nicht mehr das fünfte Rad am Wagen sein und dachte mir irgendetwas aus, um seine Aufmerksamkeit wieder zu erlangen. Er lächelte dann immer verständnisvoll und strich über meine langen Haare. Ich glaube heute, ich war ein Enkeltochterersatz für ihn. Sein Name war Barnitzki. Damals konnte ich nicht wissen, dass er jüdischen Glaubens war und seine Familie samt und sonders ausgemerzt wurde. Meine Großmutter kannte ihn schon lange Zeit vor dem Krieg, und an ihrer Freundschaft zu ihm hatte sich auch in den schweren Kriegsjahren nicht geändert. Sie hatte, aus einer Gutsbesitzerfamilie stammend, von ihrem Vater und Mutter Courage und Durchsetzvermögen, Ehrlichkeit und Treue kennen gelernt und so war ihr ganzes Wesen von diesen Kriterien durchwoben. Ich wusste damals noch nicht, dass sie Herrn Barnitzki in einer für uns alle sehr gefährlichen Zeit, versteckt hielt und somit sein Leben retten konnte. Sie trat immer für ihre Überzeugungen ein, selbst wenn sie dadurch Nachteile hatte. Aber sie ging nie, niemals von diesen wunderbaren moralischen Werten ab, auch nicht, als meine Oma Ortsverbands-Vorsitzende in der Lübecker SPD wurde. Sie kämpfte einfach und tat, was richtig für sie schien. Herr Barnitzki schlug sich nach dem Kriege als Handelsvertreter durch und zeigte sich meiner Familie darüber erkenntlich, in dem er Weißzeug, Leinen, Betttücher und was man noch alles so brauchte, um eine ordnungsgemäßen Haushalt zusammenzustellen, zu verbilligten Preisen und was noch wichtiger war, auf Abzahlung, für uns besorgte. So manche Rate wurde meiner Großmutter erlassen. Wenn er kam, dann teilten wir wie selbstverständlich unser weniges Essen mit ihm. Er gehörte einfach zur Familie. Mein Freundschaftsdienst für ihn begrenzte sich darauf, dass ich ihm immer ein Glas Wasser holen durfte, welches auf einem gut abgelaufenen Kran herauskommen musste. Darauf legte er Wert! Die Erinnerung an ihn kommt mir zurück wenn ich an einem Wasserhahn stehe und fasziniert dessen Lauf beachte. Er kommt einfach in meinen Kopf und ich muss lächeln, wenn ich daran zurückdenke. Er hat bei uns sicherlich immer zuviel gut abgelaufenes Wasser trinken müssen, denn ich wollte doch immer seine Aufmerksamkeit und Fürsorge. Aber Wasser ist Leben und er hat es mir sicherlich nicht übelgenommen, wenn ich als kleines Kind mit dieser symbolischen Handlung etwas gereicht hatte, was wichtig für ihn war. Die unbewusste Aufforderung weiterzumachen und zu leben. Nach üb er 50 Jahren ist dieser Mann von unserer Familie nicht vergessen. Ich erinnere mich an ihn, wenn ich meine Badelaken und Bettwäsche in die Hand nehme. Sie sind von der gleich guten Qualität, wie vor Jahren. Badelaken mit Rosenmuster. Aus den Leinenbettüchern wurden Tischdecken mit Einlegespitzen genäht und sie werden fleißig benutzt. Ich erinnere mich an ihn als aufgeregten Zuschauer beim Vortanzen am Theater und wie er sich freute, als ich dort in den Ballettunterricht kam. Er war irgendwie stolz auf mich, er konnte gar nicht anders, denn ich forderte diese Aufmerksamkeit von ihm unbekümmert ein. Herr Barnitzki, ein Mann, den ich verehrte. Ich muss meinen Kindern von ihm erzählen und warum ich sie bitten werde, auf die Handtücher und Tischwäsche besonders gut aufzupassen. ***** Zum Seitenanfang Meine IkoneNeulich las ich die Geschichte eines Mannes, der etwas von einer mit verblichenem Seidenpapier beklebten Schachtel erzählte, die sich in seinem Arbeitszimmer auf dem Schrank befand. Er sieht sie jeden Tag an, manchmal nimmt er sie auch herunter, streichelt sie zärtlich und begeht einen gedanklichen Ausflug in die Vergangenheit. Es ist der größte Schatz, den er besitzt und er wird sich niemals von ihm trennen wollen. Es ist ein Liebesbeweis in seiner unkompliziertesten und vertrauenswürdigsten Form. Der Mann war schon sehr alt und hatte in seinem Leben viele, wunderschöne Dinge geschenkt bekommen. Ihm wurde auch schon viel Liebe entgegengebracht, aber gerade dieser Schuhkarton mit den vielen Liebesbeweisen seiner drei Kinder gaben seinem Leben erst den richtigen Wert. Aus den Schulheften herausgerissene Seiten, mit ungelenker Schrift geschriebene Bekenntnisse, die entweder hinwiesen auf einen Bubenstreich, den man zu verzeihen hatte, oder aber sogar zum Valentinstag bekam er von ihnen etwas Gebasteltes. Es war eine wahre Schatztruhe! Die Kinder waren schon erwachsenen, liebten ihn jedoch immer noch, es war nur schwieriger einen direkten Beweis darüber zu bekommen. Sicher ist es noch Liebe, die sie alle verbindet, man kann sie aber nicht mehr in den Schuhkarton legen. Auch ich besitze ein paar Schachteln dieser Art. Schachteln, die mit diesem und jenem gefüllt sind. Eine Locke von meiner verstorbenen Mutter, Brillengestelle von den Kindern und vor allem: Postkarten. Beschriebene und unbeschriebene. Eine Schachtel jedoch liebe auch ich besonders. Es ist diejenige, welche die kleinen handgeschriebenen oder bemalten Zettel enthält, die meine Kinder mir schrieben, als sie noch klein waren. Auch heute kommen ab und zu welche dazu, allerdings übers Internet. Ich bewahre sie sorgfältig auf. Bringen sie mir doch manchmal sogar auch meine Jugend zurück, als die Beiden mir an einem Muttertag Zwanzig handgeschriebene, jeweils mit einem Band zusammengerollte Zettel übergaben (das Spiel hieß: erinnerst Du Dich noch?) Es waren Fragen wie: wie alt warst Du bei Deinem ersten, richtigen Kuss? Wann und wo hast Du Papa zum ersten Mal getroffen? Was hast Du bei unseren Geburten gefühlt? Usw. und so fort. Ich entsinne mich, dass wir einen langen Morgen miteinander verbrachten. Es wurde viel gelacht und auch ein bisschen geweint. Ich wurde nostalgisch und romantisch zugleich, als ich aus der Tiefe meiner Erinnerungen ihnen alle meine Gefühle beschreiben musste. Es war wirklich überwältigend. Es gab auch "Nachhausekomm-Zettel", mit lieben Grüßen von Deinen Söhnen. Nach Krankenhausaufenthalten selbst gemachte Bilder, die in der Interpretation es zuließen zu glauben, wie einsam und verlassen sie sich gefühlt haben. Ich vertraute meiner Schachtel auch den Wunschzettel meines Ältesten an, der in allerbester Manier einen ellenlangen Spielzeugwunschzettel schrieb. Aber da er, wie er im Nachtrag vermerkte, bescheiden sein wollte, hätte er doch 2/3 der Wünsche durchgestrichen. Wir stellten beim Durchlesen fest, dass er all` die preiswerten und nichtigen Dinge durchgestrichen hatte und dafür die teuren stehen ließ. Ja, es ist so ziemlich das Sentimentalste, was einen mit so einer Schachtel passieren kann, aber ich erkläre sie hiermit zum Symbol der Liebe und auch ich möchte sie überall mit hinnehmen, wo immer ich auf meinem Lebensweg hingehen muss - selbst auch auf den letzten meiner Wege. Sie ist "meine Ikone". Zum Seitenanfang |