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Gott ist tot

Von Anja Göttsching

Vorgestern auf einer Party habe ich einen eigenartigen Menschen getroffen. Zuerst habe ich ihn gar nicht beachtet, weil er nur mit einem Glas Cola in der Hand in der Ecke rumstand. Überhaupt war er ein sehr unauffälliger Typ. Dann aber trat er in Aktion, als der Gastgeber den Peter beim Pokern abzocken wollte. Wir alle wussten, dass Peter wenig verdient und zu Hause zwei Kinder hat, und der Unauffällige hatte es wohl auch mitbekommen.

Als Olaf ihm nun 400 Mark abnehmen wollte und Peter gerade einen Schuldschein unterschreiben sollte, trat der Unauffällige dazwischen. Er versuchte, Olaf dazu zu bewegen, Peter das Geld zu erlassen. Seine Kinder und seine Frau müssen das ausbaden, sagte er. Hast du denn kein Mitleid? Olaf lachte nur, schob den Unauffälligen beiseite, und als der keine Ruhe gab, drohte er ihm mit der Faust. Geknickt kam der Unauffällige ins Wohnzimmer zurück. Da sprach ich ihn an.

"Warum tun sie das nur, warum nur", seufzte er. "Wo ich hingucke, sehe ich Ungerechtigkeit und Gefühllosigkeit. Jede uneigennützige Form der Liebe ist euch abhanden gekommen. Ihr liebt nur noch euch selbst."

So was hat noch nie jemand auf einer Party zu mir gesagt. Und wenn es jemand zu mir sagen würde, so würde ich ihm wohl einen Vogel zeigen. Aber der Unauffällige hatte etwas an sich, etwas bodenlos Trauriges und gleichzeitig eine Art von Vertrauen, irgendetwas lag in seinen samtbraunen Augen, das mich dazu brachte, ihm weiter zuzuhören.

"Auf der Erde gibt es doch alles, um glücklich zu sein! Es gibt die Natur und die Schönheit, zu Essen und Kleidung und Wohnung, es gibt Kunst und Musik und Literatur, es gibt Liebe und Freunde und Familie, es gibt etwas zu erforschen und zu bauen, alles gibt es, um zufrieden zu sein - ihr seid sogar so glücklich, dass ihr all das einander geben dürft. Aber genau das tut ihr nicht! Ihr nehmt einander alles weg und merkt gar nicht, dass ihr es euch eigentlich selbst nehmt. Ihr vernichtet Leben, wo ihr nur könnt. Ihr zerstört und tut anderen weh. Ihr habt kein Vertrauen, und ihr verleugnet die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Liebe."

Normalerweise antworte ich auf derlei Geschwätz mit dem Schlagwort Werteverfall und suche mir einen anderen Gesprächspartner. Aber in der Haltung des Unauffälligen lag etwas, etwas Aufrechtes, das niedergebeugt wurde, das mich dazu brachte, ihm weiter zuzuhören. Aber er schwieg.

"Wer sind sie?", fragte ich.

"Ich bin Gott."

Ein Verrückter also. Ein Verrückter, in dessen Gesten aber etwas Verzweifeltes lag, das dennoch voller Stärke war, so dass ich weiter zuhörte.

"Ich wollte euch alle glücklich machen. Ich wollte euch ein Paradies schaffen. Aber ihr habt nicht auf mich gehört und mich nicht gesucht. Keiner von euch hat mich je wirklich gekannt. Alle, die behaupteten, Kontakt zu mir zu haben, haben mich in Wirklichkeit nie erreicht. Wie konntet ihr nur glauben, ich würde euch wehtun und euch bestrafen wollen? Nie würde ich einem von euch auch nur ein Haar krümmen! Wie konntet ihr glauben, ich wollte, dass ihr euresgleichen bekämpft? Lieben sollt ihr euch! Wie konntet ihr glauben, ich gäbe euch Vormünder im Glauben? Einen eigenen Verstand gab ich euch! Wie konntet ihr glauben, ich zwinge euch Rituale auf? Freiheit ließ ich euch!"

So ein Blödsinn. Blödsinn hinter einer Stirn, die sich in leidenschaftlichem Zorn, der dennoch liebevoll war, zusammenzog und mich an meinen Platz fesselte.

"Ich rief euch. Ich hoffte. Ich wünschte mir, ihr würdet es merken und einsehen. Oft sah es so aus. Ich litt mit euch. Ich leide noch mit jedem einzelnen von euch. Nie würde ich euch wehtun. Ich kann nichts dagegen tun, dass ihr euch selbst zerfleischt. Oft dachte ich daran, wegzugehen. Doch ich fürchtete, den Augenblick zu verpassen, in dem ihr euch besinnt, in dem ein einzelner von euch sich besinnt. Ich fürchtete, nicht für euch dasein zu können, wenn ihr mich endlich bräuchtet. Ich wollte euch nicht im Stich lassen."

Die vollen Lippen waren voller Mitgefühl. Ich hörte zu.

"Doch alles wurde nur noch schlimmer. Kriege. Hunger. Gewalt. Ich halte es nicht mehr aus. Ich glaube nicht mehr an euch. Ihr werdet nie nach mir fragen. Ihr habt das Gute für immer aufgegeben. Ich bringe mich um. Morgen bringe ich mich um. Zu dem Zweck bin ich ein Mensch geworden."

Eingefallene Wangen. Aufgegeben.

Ich wollte versuchen, ihm zu erklären, dass er das alles nicht so ernst nehmen sollte. Es gab doch immer noch Freude und Spaß im Leben. Warum machte er daraus nicht etwas. Andere hungerten, andere führten Kriege. Wir feierten gerade eine Party. Das Leben ist halt nicht perfekt. Man muss sich eben arrangieren, man muss Abstriche machen. Aber es bleibt doch auch was übrig! Man schläft halt mit dieser oder jener, man verarscht diesen oder jenen, man trinkt und raucht das eine oder andere. Na und? Man ist doch kein Unmensch! Foltern, töten, vergewaltigen - das ist weit weg.

"Das halte ich nicht aus. Ich gehe weg."

Der Mann machte sich einfach zu viele Gedanken. Da konnte man ihm nicht helfen.

Am nächsten Tag las ich es in der Zeitung:

Gott verließ die Party etwa um zwölf Uhr. Dann ging er zu einem verlassenen, verfallenen Haus in den Feldern abseits der Stadt. Er suchte sich einen großen und einen kleinen Balken und nagelte sie aufeinander. Bis dahin folgte er noch den Naturgesetzen. Ohne diese zu beachten, rammte er das Kreuz in den Boden und nagelte sich daran. Ich muss es auf diese Weise tun, dachte er. Ich muss meinen Schmerz ausdrücken. Gott starb gegen zwei Uhr früh.

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