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Der grüne Stein
Von
Andrea Oberg Núñez
Kapitel 1
Fasziniert schaute Iris
zu, wie das Wasser durch ihre Zehen floss. Es war komisch, dass ihre
Füße mit Sand begraben wurden, wenn die Welle zurückfloss. Es fing an,
dunkel zu werden, und sie hätte schon zurückgehen sollen. Im Hotel
könnten sie sich Sorgen machen. Ja, sie könnten sich Sorgen machen…um
was? Um sie? Um ihr Schicksal? Oder war es eher so, dass das Schicksal
sich Sorgen um sie machte?
Sie wussten nichts von
dem, was passiert war. Niemand wusste gar nichts. Aber es war so schön
am Strand, und außerdem liebte sie es, alleine zu sein; manchmal, wenn
sie viel zu überlegen hatte. Komischerweise hatte sie im Moment gar
nicht viel zu überlegen, aber sich einfach vor dem Geräusch der Wellen
gehen zu lassen, war sehr schön.
Kein Strand roch sowie
dieser. Iris fand sowieso, dass Mexikos Strände die schönsten waren. Und
jetzt, wo sie an ihrem Lieblingsstrand war, fühlte sie sich unglaublich
wohl. Würden mich die anderen nicht sehen, wenn ich die Augen
schließe, überlegte sie sich, würde ich sie nie mehr öffnen.
Sie grinste. Ich bräuchte nicht zurückzugehen.
Iris war diesen Sommer
mit ihrer Familie an den Hafen von Puerto gefahren, und das Hotel war
ihr absoluter Traum. Mocambo hieß es, o ja, und war so schön,
dass sie immer nostalgisch wurde, wenn sie da war. Es war nicht luxuriös
wie die mit Touristen überfüllten Hotels, es hatte einfach Stil. Und in
der Nacht wurden in den Gängen Öllampen angezündet, die an den Wänden
hingen. Iris musste dann immer gewaltig seufzen. Das war nicht wichtig;
das Wichtige war, dass sie sich wie in einer anderen Welt fühlte. Und da
brauchte sie sich auch nicht Sorgen oder Vorwürfe zu machen, dass sie
dieses Jahr Abitur schreiben würde und kein einziges Buch mitgenommen
hatte.
Ihr Zimmer hatte Sicht
auf das Meer, und in der Nacht, während sie in ihrer Nische auf den
dünnen schneeweißen, frischen Baumwollbetttüchern lag, hörte sie noch
das Rauschen der Wellen durch das offene Fenster und der kühle Wind
blies ihr sanft ins Gesicht. In einem Zimmer waren Iris, ihre Mama, ihr
Bruder Jan und ihre beste Freundin Rosanna. Im anderen Zimmer war ihre
Tante mit den beiden Cousinen, die jünger als Iris waren. Sie liebte es,
sich auf das Fensterbrett zu setzten und die Augen zu schließen. Wenn es
regnete, wie es in diesen Ferien sehr oft passierte, war es am nächsten
Tag wieder sonnig und klar.
An jenem Abend saß Iris
auf dem Fensterbrett und zupfte ein paar neue Melodien auf ihrer Gitarre
herum. Es war halb sieben Uhr Abends, und eigentlich hatte sie nichts
Besonderes vor. Rosanna las in ihrem Buch und Jan störte Samantha und
Anouk, die beiden Cousinen.
Iris schaute raus. Es
wurde schon dunkel und die Sonne ging unter. Sie überlegte sich, ob sie
noch rausgehen sollte; sie bräuchte nur eine Straße zu überqueren und
schon wäre sie da.
Dieser Strand war
besonders schön, nicht wie der am Zentrum, wo die großen Schiffe waren,
denn dort stank es nach vielen Menschen und Öl. Nein, hier war es
wunderschön. Sie wollte einfach mal dort sitzen und den Wellen zuhören.
Rosanna hatte die Augenbrauen zusammengezogen und las sehr konzentriert
in ihrem Buch, und Iris fragte sich ob ihre beste Freundin mit ihr
rausgehen würde.
Samantha und Anouk
bestimmt nicht. Sie wollten entweder im Schwimmbecken sein oder Eis
essen. Oder Fernsehen. Oder mit Jan kämpfen. Oder sonst was. Und Jan
schien im Moment zu konzentriert auf den Kampf, um aufzustehen und mit
ihr ans Meer zu gehen.
„Nein!“, die Stimme von
Samantha riss sie aus ihren Gedanken. Iris drehte sich um und sah ihre
Cousine gerade noch auf Jan springen, der aber stehen blieb und Samantha
mitschleppte, die sich an seinem Bein festgeklammert hatte und wie ein
Krebs zappelte. „¡No! ¡Oh, no!“ schrie sie „Anooouuuk!!“ ihre Schwester
rannte zur Hilfe, indem sie auf das Bett kletterte und auf Jan sprang,
der schließlich auf den Boden fiel und wie ein Kind jammerte; Anouk war
auf seinen Fuß gefallen und es täte so furchtbar weh. Iris war das
gewohnt; Jan war eine der fatalistischsten Personen, die sie kannte. Ja,
sie wollte noch raus. Sie stand auf.
„Ma“, sagte sie „ich
möchte noch an den Strand.“
Helena, ihre Mama,
guckte sie ruhig an. „Hast du keinen Hunger?“
Iris schaute auf ihre
Füße. Das war Bestechung, denn wenn Iris Essen angeboten wurde, konnte
sie sich nicht beherrschen. Essen war ihr Sauerstoff, ihr Genuss, der
Sinn ihres Lebens. Sie nickte langsam und setzte sich dann wieder auf
die Fensterbank „Wann gehn wir dann?“
„Nein!“, jammerte Jan
diesmal, und sein Schrei entsprach nicht seinem Alter; so schrie Jan
schon, seitdem er zehn Jahre alt war. „Geht weg! Oder ich rülpse und
blase euch meinen Mundgeruch ins Gesicht!“ Anouk und Samantha rührten
sich nicht.
„So in einer
Viertelstunde“, sagte Helena, ohne von ihrem Buch aufzugucken.
„Ihhhhh!“, der Schrei
war im Chor zu hören, und Samantha und Anouk sprangen auf und
versteckten sich „Du Ekelschwein!“. Jan lachte sich tot und räusperte
sich, als er einen mahnenden Blick von seiner Mutter erntete.
Iris legte sich aufs
Bett. Die Ferien hatten gerade angefangen, und sie hatte sich mehrmals
gefragt, was alles passieren würde. In Veracruz würden sie zwei Wochen
lang bleiben, und in diesen zwei Wochen konnte allerhand passieren.
„Anouk! Samantha!“
sagte Alli, die Tante „Zieht eure Schuhe an! Wir gehen.“
Die zwei Mädchen liefen
mit ihren nackten Froschbeinen ins andere Zimmer. Als sie endlich alle
sieben zusammenkamen, war es halb acht. Jan, der es immer noch nicht
aufgegeben hatte, die Mädchen zu stören, rannte mit ihnen voraus; Iris
und Rosanna gingen langsam eingehakt zuletzt.
„Schau“, sagte Rosanna
und zeigte auf den Strand. „Stell dir mal vor, dort mit jemanden zu
sein.“ sie kicherte. Mit Jemanden, das hieß praktisch
„der Mann deiner Träume“. Iris fragte sich, warum der Ausdruck „Jemand“
so relativ sein konnte. Jemand war einfach irgendjemand, nicht unbedingt
der Mann ihrer Träume
Sie sagte nichts,
grinste nur. Sie liefen die Straße entlang, die ins Zentrum führte. Dort
war immer viel los und es gab sehr viele Menschen.
„Schau mal!“, flüsterte
Rosanna und stupste Iris wieder an. Sie folgte den Blick ihrer Freundin;
es war ein dunkler Brasilianer, der mit anderen im Kreis stand und sich
unterhielt.
„Na ja, er ist ein
bisschen bescheuert angezogen, aber sonst...“, lachte Iris.
„So einen schubse ich
nicht von der Bettkannte“, sagte Rosanna entschlossen „Oder den da! Was
hältst du von europäischen Milchbubis? Interessant!“
Iris hielt nichts
davon. Ach. Männer war so ein Thema.
„Schau!“, rief Rosanna
wieder „Der sieht aus wie...“, sie sprach es nicht aus. Sie wusste, dass
es für Iris tabu war, den Namen ihres Ex-Freundes zu auszusprechen. Iris
schaute ihn aber an.
„Ja, der da ist aber
hübscher. Lieber würde ich ihn nicht kennen lernen.“ und grinste ihre
Freundin an. Rosanna war erleichtert, sagte aber nichts mehr.
Iris guckte in die
Sterne und fragte sich, was sie wohl für sie vorbereitet hatten. Die
Antwort der Sterne hörte sie nicht.
Rosanna und Iris waren
an diesem Abend am Strand gewesen. Es war ein schöner Abend. Man hörte
nichts, nur die Wellen und das leise Gurgeln der Fische. Die beiden
Mädchen lagen auf dem Sand und starrten in den Himmel. Er war beinahe
schwarz und die Sterne waren ganz deutlich zu sehen.
„Woran denkst du?“
fragte Rosanna.
Iris grinste und drehte
den Kopf zu ihrer Freundin „Ich habe mir gerade etwas Blödes
vorgestellt.“ sie wartete darauf, ob ihre Freundin etwas sagen würde,
aber Rosanna blieb still, also fuhr sie fort „Glaubst du, dass es ein
Mann und eine Frau aushalten, sich nicht zu küssen, auch wenn ihre
Gesichter bloß 5 cm voneinander entfernt sind?“
Rosanna lachte leise
„Das habe ich mich auch schon oft gefragt; und ich habe keine Ahnung.
Ich meine, es kommt auf die Person an. Wenn du ihm gefällst wird er dich
so schnell geküsst haben, dass du es gar nicht merken wirst“, sie
kratzte sich am Knie „Aber wenn ihr euch nicht gut findet, glaube
ich kaum, dass eure Gesichter dann 5 cm. voneinander entfernt wären.
Glaubst du nicht?“
„Kann schon sein“,
meinte Iris und streckte sich „aber stell dir doch mal vor, er riecht
total gut und umarmt dich ganz lieb. Meinst du nicht, dass dich das auf
eine Art anziehen würde?“
Rosanna machte die
Augen zu kleinen Schlitzen „Ja, aber wenn er dir nicht gefällt...“
„Er muss
dir ja nicht unbedingt gefallen. Ich meine, glaubst du nicht, dass die
Magie dich bezaubert? Obwohl du das nicht willst?“. Rosanna schwieg.
Iris konnte diese Frage auch nicht beantworten, also schwieg sie auch.
„Iris“, sagte Rosanna
nach einer Weile „Wie spät ist es?“
„Halb zwölf. Gehn wir?“
Iris richtete sich auf und flocht sich das lange Haar zum Zopf.
„Nee“, meinte Rosanna
und setzte sich ebenfalls auf. „Ich find’s schön hier. Ich wollte nur
wissen. Weil der Leuchtturm aufgehört hat, zu leuchten.“
„Die leuchten doch
eigentlich die ganze Nacht lang, oder? Wegen der Schiffe. Damit sie
nicht verloren gehen, was weiß ich.“ Iris schaute in das Meer;
tatsächlich, es war kein Lichtstrahl zu sehen.
„Komisch“, war das
Einzige was Rosanna sagte, bevor sie sich wieder hinlegte. „Wird wohl
kaputtgegangen sein.“
Iris legte sich
ebenfalls hin und starrte Löcher in die Luft. Was also? Könnten zwei
Leute 5 cm. voneinander entfernt sein, ohne sich zu küssen? Ein Mann und
eine Frau? Gute Frage. Sie versuchte krampfhaft, sich daran zu erinnern,
ob sie die Chance schon mal gehabt hatte. Nee, oder? Vielleicht an dem
Tag, wo -
„Hast du das gehört?“
die Stimme ihrer Freundin klang sehr rauh und sie räusperte sich.
Iris war hochgeschreckt
und hörte ihr Herz klopfen, weil sie erschrocken war. Sie war außerdem
so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nichts gehört hatte.
„Was?“ sie blinzelte
„Was gehört?“
Rosanna antwortete nicht
und horchte auf. Sie hatte sich aufgesetzt und guckte verwirrt in eine
Richtung. „Da. Nochmal.“
Jetzt hatte Iris es auch
gehört. Es war ein leises Plantschen gewesen. So, als ob jemand einen
großen Stein ins Wasser geworfen hätten.
„Doch, jetzt hab ich’s
auch gehört.“ Sie waren doch alleine am Strand. Das dachte Iris
mindestens. Sie hatten niemanden gesehen, und außerdem - wer würde um
Mitternacht am Strand sein? Das Geräusch kam noch einmal. Und noch
einmal.
Rosanna wurde neugierig
und stand auf. „Komisch, no? Sollen wir mal nachschauen, was das ist?“
Iris wusste nicht recht,
ob sie das wollte. Es blitzte, und kurz danach donnerte es gewaltig. Sie
war inzwischen auch schon aufgestanden, und sie hielt Rosanna am Arm.
Was könnte hier schon so schlimm sein?
„Nee, ins Meer will ich
nicht. Die Wellen sind in der Nacht gefährlicher.“ Kurz darauf fing es
an zu regnen. Und in Puerto regnete es immer sehr fest. Iris stand noch
da.
Rosanna tickte sich an
die Stirn „Natürlich nicht. Jetzt ins Meer doch nicht. Mann!“, rief
Rosanna, „jetzt noch die Straße überqueren! Wir werden klatschnass
werden!“
„Ist doch logisch! Wir
werden so oder so nass werden.“ sagte Iris ruhig, fasste ihre Freundin
fester am Arm. Der Regen war so dicht, dass sie kaum was sehen konnte.
„Hast du Angst?“ Rosanna
Stimme war plötzlich wieder ruhig.
„Nein.“
„Also. Gehn wir.“
Ja, das würde wohl das
Beste sein. Man konnte ja nie wissen, was in der Nacht am Strand so
alles los war. Der Regen hatte sie innerhalb zwei Minuten bis zu den
Knochen durchgenässt und sie stapften Richtung Mocambo.
„Rosanna“, flüsterte
Iris, als sie auf etwas Hartes trat und sich bückte.
„Was ist?“ Rosanna war
stehengeblieben und beobachtete ihre Freundin, die in der Hocke saß und
im Sand rumwühlte.
„Ich habe etwas glitzern
sehen“, sie richtete sich auf „Hier.“ in der Hand hielt sie eine Kette
mit einem grünen Stein, einem sehr grünen Stein.
„Cool!“, meinte ihre
Freundin „Meinst du, jemand hat es verloren?“ Rosanna griente und boxte
Iris in die Rippen „Oder glaubst du, das gehört einer Wassernixe?“
„Sei nicht albern!“, gab
Iris zurück. „Das nehme ich mit! Und morgen kommen wir wieder hierher
und gucken, ob jemand es sucht, ok?“
„Bist du naiv! Der
Besitzer wird sie doch weder suchen noch finden, Iris!“ Plötzlich sah
Rosanna, wie ihre Freundin die Kette wegschleuderte und ein
erschrockenes Gesicht machte. „Was?! Was ist denn?!“ fragte sie.
„Das Ding
sieht wie ein Auge aus.“ ganz plötzlich bekam Iris eine Gänsehaut am
ganzen Körper, als ob jemand sie umarmt hätte. „Was ist bloß?“ fragte
sie ruhig. Rosanna mochte das von Iris; sie beherrschte sich immer
sofort. Iris schüttelte sich und nahm Rosanna am Arm. „Ich hab gefühlt,
als ob mich jemand umarmt hätte.“
Sie sprachen ziemlich laut weil der Regen ihre Stimmen dämpfte. Ohne ein
Wort zu sagen und eigentlich ziemlich erschrocken, machten sie sich auf
den Weg ins Hotel, überquerten die Straße und als sie endlich angelangt
waren, klatschnass bis in die Knochen, erschöpft, mit Schweiß –und
Wasserperlen auf der Stirn und mit Schlammspritzern auf der Kleidung,
ließen sie sich als Erstes in die Sofas fallen, die im Lobby waren.
,,Mann“, sagte Iris nur.
Rosanna
hatte sich neben sie geworfen und lag in einer sehr unattraktiven Pose
da, die Beine nach vorne und die Arme seitlich ausgestreckt. „Ich hab
keine Ahnung,“ sagte sie ,,was du gesehen hast, aber du hättest
jedenfalls deinen Gesichtsausdruck sehen sollen“, sie grinste leicht
„Ha! Du sahst aus wie so ’n...wie so ’n...“
Während Rosanna sich
noch überlegte, wie was Iris aussah, hatte die sie schon längst
unterbrochen „Hör auf!“ sagte sie „Du hast das ja nicht
gesehen!“ sie schmollte.
Rosanna atmete tief aus
und grinste immer noch, in ihrem Gesichtsaudruck lag etwas Verwirrung,
aber sie war ziemlich aufgeregt, wie Iris. „Ja, vielleicht haben wir uns
das auch nur eingebildet.“ und als sie Iris steinernes Gesicht sah, was
nichts Anderes verhieß, als dass sie sich das nicht eingebildet
hatte, fuhr sie fort „Oder? Meinst du nicht? Also, ich find das
ganz komisch, so was. Das gibt’s doch nicht, dass dich ein Stein
anguckt.“
„Ja eben“, gab Iris
zurück und schaute ihre Freundin an „Meinst du, ich hätte mir jemals
gedacht, dass... ist doch egal!“ Iris hatte die Beine an die Brust
gezogen und bibberte. Rosanna und sie waren durch und durch nass. Es
hatte wie aus Kübeln geregnet und als sie angekommen waren, waren sie
sehr erschöpft gewesen und Lust, gleich ins Zimmer zu gehen, hatten sie
auch nicht. Erst mussten sie über alles reden.
„Der Leuchtturm“, sagte
Rosanna plötzlich „hatte aufgehört zu leuchten, weißt noch?“
„Jaaa“, sagte Iris
langsam „Glaubst du, das hatte was damit zu tun?“
Rosanna rieb sich die
Stirn „Nee, ich glaub nicht. Ich wüsste nicht. Ich meine, vielleicht war
das ja auch nur Zufall. Aber dass du gerade diesen Stein
gefunden hast, als wir schon gingen...und es war ja dunkel.“ sie
räusperte sich „Wie hast du ihn gesehen?“
Iris guckte ihre
Freundin an. Ja, stimmt. Wie kam es, dass sie ihn gesehen hatte?
Es war dunkel gewesen; unter normalen Umständen hätte sie ihn nicht
entdeckt. Aber das hier waren keine normalen Umstände, das war klar.
„Frag mich nicht. Ich
habe keine Ahnung. Und dass es dann noch angefangen hat, zu regnen. Na,
egal.“ das hätte perfekt sein können für irgend so ein Abenteuer oder
so, und spannend war es auch. Aber es waren wohl bloß ganz normale Dinge
gewesen, und sie hatte sich das alles eingebildet. Aber seit wann konnte
ein Stein jemanden angucken? Seit wann spürte man eine Umarmung, nachdem
man diesen Stein in der Hand geha…
Plötzlich wanderten die
Blicke der beiden Mädchen zum Eingang, wo sie zwei Leute entdeckten, die
Anstalten machten, das Hotel zu betreten. Ohne ein Wort zu sagen und
höchst aufmerksam, beobachteten sie, wie zwei Jungen hereinkamen und
sich an den Tresen der Rezeption stellten. Rosanna und Iris warfen sich
einen kurzen Blick zu und beobachteten sie weiter.
Rosanna schien
aufmerksamer als ihre Freundin, obwohl Iris die beiden auch anguckte.
Als sie die Jungs eine Weile lang beobachtet hatten, wandten sie sich
wieder und unterhielten sich weiter.
„Ich meine, wir sollten
morgen zurück an Strand.“ stellte Iris fest und kratzte sich am Bein,
was klebrig und nass war und juckte. „Vielleicht können wir dann morgen
etwas klarer denken.“
Rosanna lag immer noch auf
dem Sofa und seufzte tief „Hättest du den Stein mitgebracht“, sagte sie
müde „könnten wir ihn uns genauer anschauen. Vielleicht,“ sie dämpfte
etwas die Stimme „wissen die Leute hier in der Lobby, worum es geht.
Vielleicht ist das eine Art Legende oder so.“ Sie zeigte mit dem Daumen
nach hinten, wo sich die Leute der Lobby und die Bellboys befanden. Und
die zwei Jungs.
„Eine Legende!“ platzte Iris heraus
„Nee, das glaub ich nicht. Und wenn das eine Legende wäre, wie hieße
sie? Der grüne Stein, der Mädchen anguckt und umarmt? Nein,
Rosanna, das glaub ich nicht.“
Rosanna erhob sich etwas, blieb jedoch
mit weit ausgestreckten Beinen liegen und gähnte. „Ja, mir fällt nichts
Anderes ein. Und vielleicht klebte ’n Krebs dran oder so. Oder ’ne
Qualle.“ Beim letzten Wort zuckte Iris zusammen. Sie verabscheute
Quallen, weil sie vor drei Jahren gewaltig verbrannt worden war. „...ich
mach nur Witze“, sagte Rosanna schnell, und die zwei schwiegen eine
Weile lang. „Uhhhh“, machte sie während sie noch mal gähnte und eine
gruselige Stimme machte „Steine mit Aaaaugen…aaaach neeeein, Iris du
bist jetzt verfluuuucht…“
„Du bist bescheuert“, meinte Iris und
drehte sich um. Bis sie schlurfende Schritte hinter sich hörten und Iris
auf Rosannas Gesicht wieder Aufmerksamkeit sehen konnte und ihr ein
merkwürdiger Geruch in die Nase drang. Dann wusste sie, warum: die zwei
Jungs hatten sich an die Sofas geschleppt und ließen sich müde fallen.
Rosanna und Iris drehten sich rasch um und beschlossen, wieder anfangen
zu reden, weil sie sich sonst doof vorkamen.
„Jedenfalls“, fing Iris an „haben wir
morgen den ganzen Tag, um dahin zu gehen. Und dann erst –wenn das Zeug
noch da liegt- uns wundern, was heute Nacht passiert ist.“
„Mhh“, machte Rosanna und ihr Blick
ruhte auf den zwei Ankömmlingen, die leise über etwas redeten. So leise,
dass die Mädchen kein Wort verstanden. Dann beugte sie sich zu Iris vor
„Meinst du, die bleiben hier?“
Iris zuckte die Achseln und guckte auf
die Jungs. Müde sahen sie aus, ja. Und als ob sie tausend Kilometer
gegangen wären. Oder zehntausend. Ja, sie sahen ziemlich schmuddelig
aus, aber das war egal. Iris hatte nicht mal auf die Gesichter geguckt;
sie war viel zu tief in Gedanken versunken gewesen. „Eh?“ machte sie und
hob die Augenbrauen. Eigentlich hatte sie nicht auf Rosanna gehört.
„Ob du meinst, dass die hier bleiben.“
wiederholte die.
Iris schaltete ihr Gehirn um „Ah. Keine
Ahnung. Obwohl, ich glaub’s nicht“, ihre Stimme war auch ein Flüstern,
und sie dämpfte sie noch mehr als sie sagte „Hm. Die sehen ja ziemlich
mitgenommen aus. Aber sie haben nichts dabei. Vielleicht kommen sie nur,
um sich auszuruhen.“
„Ja klar!“ platzte es Rosanna heraus „In
der Hotel Lobby um Mittern...“
Sie konnte den Satz nicht beenden, weil
die zwei Jungs sich umdrehten und sie ganz ruhig anguckten. Zuerst
einer, dann drehte sich der Andere auch um.
Rosanna hatte es die
Sprache verschlagen und sie verhedderte sich in ein Hüsteln und Murmeln
und drehte sich rasch um. Die erste Reaktion von Iris war ebenfalls,
sich umzudrehen und einen imaginären Punkt anzugucken. Als sie merkte,
dass dieser Punkt peinlicherweise der Hintern von einem Bellboy war und
der Wärter es merkte, beschloss sie, Rosanna aus der Klemme zu helfen
und so tun, als wäre nichts anormal. Sie guckte zu den Jungs und machte
eine herausfordernde Geste, hob leicht das Kinn, und beide drehten sich
wieder um.
Hoffentlich hörten sie
jetzt auch auf, so bescheuert rüberzugucken, während Iris und Rosanna
über...glotzende Steine und verschwundene Leuchttürme sprachen. Iris
wandte sich Rosanna zu. Und als sie dann eine Weile lang
schwiegen und Iris ihren Blick in der Lobby rumschweifen ließ, fixierte
ein Junge sie standfest.
Iris hatte zuerst
weggucken wollen, aber als sie ihn richtig ansah, musste sie ihn genau
mustern. Er hatte ganz pechrabenschwarzes Haar, was ihm kraus und wild
ins Gesicht hing. Er hatte es weg gestrichen und Iris erkannte, dass er
graue Augen hatte. Irgendwas war in seinem Gesichtsausdruck, was ihr
nicht gefiel. War es vielleicht dieses ironische Grinsen auf den Lippen?
Oder diese eingesperrte Ruhe in den Augen? Iris spürte, wie ihre Hände
kitzelten, und sie wandte sich zu Rosanna um, die ihren linken Fuß
inspizierte (sie hatte die unattraktive Pose aufgegeben und ein Bein an
die Brust gezogen, das andere lag in einem komischen Winkel auf dem
Sofa).
Wie konnte er sie bloß
so angucken? Sie schoss einen flüchtigen Blick zum anderen Jungen. Er
hatte kastanienbraunes Haar, und wenn sie sich nicht täuschte, grüne
Augen.
„Rosanna“, flüsterte
sie „Rosanna, die haben was.“ sagte sie und spähte zu ihrer Freundin
herüber.
Ihre Freundin guckte
von ihrem Fuß nicht auf „Hab irgendwas im Fuß...oh Kacke...ich hasse
Stachel.“
„Rosanna!“
„Eh? Ah – wie?
’tschuldige, hab nicht gehört. Was?“
Iris sprach jetzt ganz
leise „Komm, lass uns gehen.“ Sie warf noch einen Blick auf die Jungen,
die sie interessiert musterten, und seufzte. Das Haar hing ihr ins
Gesicht und sie fing wieder an zu zittern. Trotz der Schwüle war ihr so
kalt, und sie wollte bloß ins Bett. Die Jungen waren ihr egal.
Obwohl –sie musste
ihn noch mal angucken. Ja, sie sahen sehr mitgenommen aus, und Iris
merkte, dass der eine jede ihrer Bewegungen verfolgte, aber so
unauffällig, dass sie, wenn sie nicht Adleraugen hätte, es gar nicht
merken würde. Womöglich würde er sich dann noch wie ihr Spiegelbild
bewegen. Also, sie standen auf und machten sich Richtung Zimmer.
„Gar nicht übel, was?“
meinte Rosanna strahlend und leicht hinkend, sie hielt sich an Iris’
Schulter fest, doch ihre Freundin schüttelte sie ab. „Hab sie nicht so
gut gesehen, aber hm...interessant, ja. Frag mich bloß, was die hier
tun.“
Iris
lief langsam, um nicht auszurutschen „Wer weiß. Aber hast du es gemerkt?
Die haben wirklich jede Bewegung von uns beobachtet. Ich frag mich, ob
die hier schlafen oder was...Ich will bloß ins Bett.“ sagte sie, während
sie am Schwimmbecken entlang zu ihrem Zimmer gingen.
Die
Grillen kreischten laut, und ab und zu hörte man ein Gurgeln im Gras
oder das vom Meer kam. Iris musste an die Augen von dem Einen denken.
Der hatte was. Irgendwas…
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