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Halbblut

Von Susanne Rapp

„Das ist jetzt der vierte Tequilla. Du bist einfach zu gut. Hören wir auf. Noch ein Spiel und ich bin völlig besoffen.“ Ich legte meinen König um und deutete so meine Niederlage an.

Jakob grinste weise: „Du musst noch sehr viel lernen. Geduld gehört nicht zu deinen Stärken. Beobachte genau und versuche dich in deinen Gegner zu versetzen.“

 „All diese weisen Worte. Jakob, du beschämst mich. Wie habe ich es nur verdient, deine ganze Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.“

„Du bist eine gelehrige Schülerin und deine Arbeit wird uns helfen.“

Seit einigen Monaten lebte ich in einem kleinen Reservat der Navajo. Ich schrieb an meiner Dissertation, die sich mit den Bräuchen und der Philosophie dieses Stammes beschäftigte. Jakob war der Schamane des Dorfes und gleichzeitig mein Mentor.

Ich verbrachte viel Zeit mit ihm und war auf seine Unterstützung bei meinen Recherchen angewiesen. Er hatte mich als eine Art Tochter ins Herz geschlossen und freute sich über mein Interesse für alles, was er mir erzählte.

Neuerdings gingen wir abends in das kleine Lokal des Reservates, um Schach zu spielen. Ich war regelmäßig angetrunken, da der Verlierer einen Tequilla trinken musste und ich bisher nur ein einziges mal gegen ihn gewonnen hatte.

Jakob machte keine Anstalten aufzustehen und behauptete, es sei noch Zeit für ein letztes Spiel. Behutsam stellte er die Figuren zurück auf ihren Platz und drehte das Spiel so, dass die weißen Steine auf meiner Seite standen.

Er lächelte mich aufmunternd an und ich machte den ersten Zug, als die Tür von außen aufgestoßen wurde und vier grölende Cowboys das Lokal betraten. Sie waren staubig und stanken nach Schweiß und Pferd. Einer von ihnen sah zu uns herüber und stieß den neben ihm stehenden Mann an.

Der nahm sein Bier und baute sich grinsend vor uns auf: „Na, alter Mann. Gibst du Nachhilfeunterricht für weiße Touristen?“ Jakob antwortete nicht, sondern saß stumm wie ein Felsen auf seinem Platz. „Möchtest du ein Bier?“ Er nahm sein Bier und schüttete es über dem Schachspiel aus.

Ich war entsetzt, stand auf und fragte: „Was soll das, verdammt.“ Der Kerl spielte den Eingeschüchterten und rief zu seinen Kumpanen: „Helft mir Jungs, sie will mir was tun.“ Sein Grinsen wurde breiter: „Na du kleine Schlampe? Bist wohl die Studentin, die alles über unsere Kultur wissen will um einen Bestseller zu schreiben?“

Ich wollte ihm antworten, ihm an die Gurgel gehen aber plötzlich stand Jakob neben mir, nahm meinen Arm und sagte: „Gehen wir Samantha.“

„Ah, Samantha heißt die Kleine. Besser ihr verschwindet. Mir schmeckt mein Bier nicht mehr wenn ich einen alten Mann und seine weiße Fotze sehe.“ Wir gingen und ich hörte, wie die vier Kerle sich über unseren Abgang lustig machten.

„Wie konnte der Flegel es wagen, dich so zu behandeln?“ Jakob schwieg. „Wer war das?“ „Cloud that stays.” „Das war doch kein Navajo. Der hatte blaue Augen.“

„Er ist ein Halbblut.“ „Ein verdammtes Halbblut wagt es, so mit dir umzuspringen?“ „Sprich nicht weiter und übe dich in Geduld. Wir reden ein andermal. Nicht heute.“ Ich brachte ihn traurig nach Hause und in den folgenden Tagen spielten wir in Jakobs Haus. Ich musste den Tequilla mitbringen und meist auch allein trinken.

Ungefähr eine Woche später kam ich mit einer schweren, braunen Einkaufstüte beladen aus dem Supermarkt und entdeckte den Kerl, der sein Bier auf Jakobs Schachspiel ausgelehrt hatte. Er stand vor mir und versperrte mir den Weg zu meinem Auto. Sein Grinsen war breit und er roch nach Bier. „Würden Sie mich bitte durchlassen. Die Tüte ist sehr schwer.“ „

Gib sie mir, ich trag sie dir zum Wagen.“ Ich gab sie ihm, da ich Ärger vermeiden wollte. Er verzog das Gesicht, meinte, sie sei wirklich schwer und ließ sie fallen. Man hörte eine Flasche zerbrechen und Tequilla lief aus der aufgeplatzten Tüte. „Oh das tut mir aber leid.“ Die Ironie seiner Worte war deutlich zu hören.

Ich holte aus und wollte ihn ohrfeigen. Er war schnell. Seine Hand packte mein Handgelenk und hielt es fest. Er grinste wieder: „Nana. Nicht so brutal du kleine Schlam...“

Mein Knie landete in seinem Unterleib und sein Lächeln verschwand. Er sackte zusammen und krümmte sich vor Schmerzen. Ich nahm meine Tüte auf, ging zu meinem Auto und würdigte ihn keines Blickes mehr.

Es war Freitag. Freitags traf ich mich mit Sunshine und einigen ihrer Freundinnen zu einer Handarbeitsgruppe. Sie zauberten wundervolle Dinge mit Nadel und Faden und beantworteten gutmütig all meine Fragen. Ich stellte die Frage ohne mir etwas dabei zu denken: „Wer ist Cloud that stays?“

Die Reaktion war erstaunlich. Mehrere Mädchen begannen gleichzeitig mit Schimpftiraden über ihn, bis Sunshine sie zum Schweigen brachte. „Er ist ein Halbblut. Er ist der Sohn von Jakobs Tochter, die vor vielen Jahren gestorben ist. Er ist im Dorf nicht gern gesehen, da er keinen Respekt vor den Alten und vor unserer Kultur hat. Er arbeitet als Cowboy und hat einiges auf dem Kerbholz. Er war schon oft im Gefängnis weil er in Prügeleien verwickelt war.

Keine von uns will mit ihm zu tun haben. Er ist launisch, brutal und ein Weiberheld. Er hasst die Weißen. Nimm dich in acht vor ihm und gehe ihm aus dem Weg. Er kann wirklich sehr brutal sein.“ Ich bedankte mich für die Auskunft und wechselte das Thema.

Sonntag nahm mich Jakob zu einem Rodeo mit. Er meinte, auch das sei Teil der Navajo-Kultur und zwinkerte mir dabei schelmisch zu. Er war froh, jemanden gefunden zu haben, der mit ihm dort hinging. Wir saßen auf guten Plätzen und ich konnte die schmerzverzerrten Gesichter der Cowboys beobachten, wenn sie unglücklich stürzten oder von ihrem bockenden Pferd getreten wurden.

Einen der Cowboys kannte ich. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass er dein Enkel ist?“ „Er ist kein schlechter Junge, auch wenn du vielleicht anderes gehört hast. Da ist eine Wut tief in ihm drin, die er noch nicht bezwungen hat. Es ist wie bei den jungen Pferden auf denen er reitet. Sie müssen gezähmt werden, damit ihre Qualitäten sichtbar werden.“

„Das Schwein ist nicht zu zähmen. Entschuldige Jakob. Ich hab ihn kürzlich vor dem Supermarkt getroffen.“ „Ich weiß. Man hat mir erzählt, was du gemacht hast.“ Ich schwieg. Es war mir peinlich, dass er von Fremden darüber erfahren hatte.

Cloud that stays war gut und nach der Veranstaltung meinte Jakob, er würde gern mit mir zu seinem Enkel gehen und mit ihm ein paar Worte wechseln. Ich hielt es für keine gute Idee, ließ mich jedoch überreden und rechnete mit einer weiteren Auseinandersetzung. Er stand, von Kumpels umringt in einem Stall.

Als er uns sah veränderte sich sein Gesicht. Ernst begrüßte er Jakob, der ihm freundlich seine Hand hinhielt. Er war stark, solange er von seinen Freunden umringt war und sah wütend zu mir herüber:

„Ich sehe Jakob, du hast die weiße Frau mitgebracht. Wolltest ihr mal zeigen, was richtige Männer in ihrer Freizeit tun?“ Jakob hob die Hand und eine kleine Geste genügte, um die Männer um seinen Enkel wegzuschicken. Sie gingen ohne Kommentar und sahen wie geprügelte Hunde dabei aus.

„Was willst du von mir?“ „Ich habe erfahren, dass du unfreundlich zu Samantha warst. Wenn das noch einmal vorkommt, werde ich dich aus dem Stamm verbannen. Du weißt, was das bedeutet.“ „Du willst mir drohen? Wegen einer Weißen? Das ist nicht dein Ernst. Sie hat mir die Eier zu Brei getreten. Was willst du mehr?“

Jakob schwieg und sah ihn mit böse funkelnden Augen an. Er hatte Macht. Selbst seinen ungezähmten Enkel konnte er einschüchtern. Als wir gegangen waren, fragte ich Jakob, warum sein Enkel Cloud that stays heiße. „Als er auf die Welt kam, hing eine große Wolke über dem Land. Es wurde als schlechtes Ohmen gedeutet, als sie selbst noch nach drei Tagen da war. Man gab ihm den Namen, um die Geister günstig zu stimmen.

Aber noch immer sagen einige der Ältesten, auf ihm liege ein Fluch und er würde eines Tages Unglück über sein Volk bringen. Du siehst also, man hat ihm das Leben von Anfang an nicht leicht gemacht. Er selbst nennt sich übrigens Jesse. Er hasst seinen Navajonamen. Du solltest ihn niemals so nennen.“ „Aber warum hat er...“ „Geduld Samantha, Geduld.“ Ich schwieg und trottete in Gedanken versunken neben ihm zum Wagen.

Zwei Tage später hatte ich einen Traum. Ich ging allein durch die Wüste. Es war sehr heiß. Ich traf einen Skorpion. Er sagte: „Geh nicht weiter, sonst triffst du die Klapperschlange, die dich töten wird.“ Ich ging weiter und es wurde noch heißer.

Plötzlich saß eine riesige Schlange vor mir. Ihr Haupt war hoch erhoben und sie sagte: „Es ist sehr heiß. Du wirst in der Sonne sterben. Lass mich dich beißen und du rettest damit dein und mein Leben.“ Ich kniete vor ihr nieder und hielt ihr mein Handgelenk hin. Als sie zubiss spürte ich deutlich den Schmerz. Die Wüste um mich begann zu verschwimmen und ich sah einen jungen Mann vor mir stehen.

Er sagte: „Du hast mich gerettet, mir meine wahre Gestalt zurückgegeben. Böse Mächte hatten mich verzaubert weil ich meinem Stamm Unrecht zugefügt habe. Jetzt bin ich frei.“ Ich antwortete ihm: „Ich kann mich nicht bewegen. Du hast mich getötet.“ Der Mann nahm mich in die Arme und küsste mich. Ich konnte sein Gesicht deutlich erkennen. Sein Kuss war süß und eine dunkle Wolke schwebte über seinem Haupt.

Schweißgebadet wurde ich mitten in der Nacht wach und dachte über den Traum nach. Ganz früh am nächsten Morgen ging ich zu Jakob und erzählte ihm davon. „Hattest du Alkohol getrunken bevor du schlafen gegangen bist?“ „Nein.“ „Irgendwelche anderen Drogen?“ „Nein.“ Er lächelte und nahm mich in die Arme.

„Bitte Jakob, was hat das zu bedeuten? Es macht mir irgendwie Angst.“ „In unserer Kultur gibt es viele ähnliche Geschichten. Sie haben alle die gleiche Bedeutung. Es geht darum, dass ein Mensch dazu bereit sein muss, sich aufzuopfern, um der wahren Liebe zu begegnen.“ „Aber es war definitiv Cloud that st... Jesse in meinem Traum. Wieso?“ „Geduld kleine Tochter, Geduld.“

Ich war verwirrt und als ich irgendwann Jesse begegnete, nahm ich Reißaus vor ihm. Ich beobachtete ihn manchmal von weitem, wenn er die Pferde in die Koppel trieb und musste mir eingestehen, dass ich seit diesem seltsamen Traum keine Angst oder Wut mehr ihm gegenüber empfand.

Jakob begann, mir immer häufiger von ihm zu erzählen und durch seine Geschichten lernte ich ihn kennen. Er hatte kein einfaches Leben gehabt und verleugnete hartnäckig seine indianischen Wurzeln, da er als Halbblut meinte, Abschaum zu sein. Das Entgegenkommen der Navajos hatte ihn wütend gemacht und nur, wenn er auf dem Rücken eines Pferdes saß oder vollkommen betrunken war, schien er wirklich glücklich zu sein.

Er hatte bemerkt, dass ich vor ihm floh und sich darüber lustig gemacht. Besonders, wenn seine Freunde bei ihm waren, konnte er große Sprüche reißen und beschimpfte mich als weißen Dreck. Es war eine seltsame Gleichgültigkeit, die immer mehr das Oberwasser übernahm und mich ruhig bleiben ließ, wenn er mir böse Dinge nachrief.

Jakob erkundigte sich jeden Abend, ob ich ihn gesehen oder getroffen hätte. Wenn ich meinen Bericht beendet hatte, lächelte er meist wissend und strich mir dann übers Haar. Sein Lieblingswort war Geduld und es brachte mich manchmal zur Weißglut, wenn er mir, auf sein Lächeln hin befragt, keine Antwort gab.

Irgendwann erklärte er mir, er würde gern einmal wieder unter Menschen gehen und heute Abend würden wir unsere Schachpartie in der Kneipe spielen. Wir saßen dort noch keine halbe Stunde als die Cowboys kamen. Jesse sah uns und sein Gesicht verzog sich zu einer bösen Grimasse. Er sagte nichts und kehrte uns provokativ den Rücken zu.

„Was empfindest du für ihn?“ fragte mich Jakob mit weisem Lächeln. „Ich kann ihn nicht leiden und doch...“ Ich versuchte, mich mit einem frechen Spruch aus der Situation zu retten. „Er hat wirklich einen süßen kleinen Arsch.“ „Willst du mit ihm tanzen?“

„Was?“

„Fordere ihn auf.“ “Niemals.” „Es wäre eine Chance, ihn vor seinen Freunden zu blamieren.“ „Er wird nein sagen und ich stehe wie ein Idiot da.“ „Wird er nicht. Kann er gar nicht.“ „Ach und wieso nicht?“ „Er ist der beste Tänzer in der Stadt und er hat mal behauptet, er könne mit jedem Mädchen tanzen, auch wenn sie zwei linke Beine habe.“

„Ich trau mich nicht.“ „Du bist eine erwachsene und schöne Frau. Tanz mit ihm und lass ihn dann stehen.“ „Jakob.“ Er gab mir einen aufmunternden Schubs und ich stand auf und ging zu dem Mann, der zwischen seinen Freunden am Tresen stand. Jakob warf Geld in die Musicbox und Jesse drehte sich um.

Er sah mich verwirrt an. Er sah sehr gut aus. Sein dunkelbraunes Haar unterstrich seine blauen Augen und er hatte sehr schön geformte Lippen. Ich schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und sah eine Klapperschlange.

„Tanzt du mal mit mir?“ fragte ich lässig. Blanker Hass stand in seinem Gesicht: „Ich tanze nicht mit weißen Frauen.“

„Dann hast du bisher was verpasst. Außerdem habe ich gehört, du würdest mit jedem Mädchen tanzen, da du der beste Tänzer in der Stadt bist und deinen guten Ruf behalten willst.“ Er biss sich auf die Lippen. Seine Kumpels uzten und munterten ihn auf, einen Tanz mit mir zu wagen.

Er ließ sich überreden, legte seinen Arm um meine Taille und führte mich in die Mitte der Bar. Er war ein verdammt guter Tänzer und führte mich, so dass ich glaubte, zu schweben.

Als der Song zuende war, folgte ein langsames Stück. Ich hatte geglaubt, er würde jetzt einfach zu seinen Kumpels zurückgehen und mich stehen lassen. Aber er nahm mich fest in die Arme, zog mich an sich und begann langsam mit mir zu tanzen. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, merkte aber an den andächtigen Blicken seiner Kumpels, dass irgendetwas anders war. Wir sprachen kein Wort.

Als der Tanz zuende war, sah er mich mit ernstem Blick an. Auch der nächste Song war langsam und er wollte mich wieder an sich ziehen, um weiter zu tanzen. Ich ging einen Schritt weg von ihm, sagte „Danke“ und ließ ihn auf der Tanzfläche allein zurück. Als ich mich wieder zu Jakob gesetzt hatte, wagte ich es nicht, mich umzudrehen.

„Was tut er gerade?“

„Er steht noch immer da rum. Das war gut. Du bist am Zug.“ Ich zog und verlor meinen ersten Turm. Ich hörte die Cowboys laut applaudieren. Sie begannen wieder zu reden und der kurze seltsame, fast andächtige Moment war vorüber. „Hast du die Klapperschlange gesehen?“ „Ja.“ „

Empfindest du etwas für ihn?“ „Ich befürchte, ja.“ „Das ist gut so.“ „Was ist daran gut?“ „Etwas ist passiert. Aber das ist nur der Anfang. Du hast verloren. Spielen wir noch eine Runde?“

An den folgenden Abenden spielten wir in der Bar und wenn die Cowboys kamen, ließen sie uns in Ruhe. Es war, als habe sich eine Schutzmauer um uns gebildet. Sie lästerten nicht einmal mehr. Jakob hatte recht. Irgendetwas war geschehen. Irgendwann fragte ich ihn: „Warum waren seine Freunde auf einmal so still, als wir getanzt haben?“

„Hast du es wirklich nicht bemerkt?“ „Nein, was denn?“ „Als ihr eng miteinander getanzt habt, hat er geweint.“ „Vielleicht lag es an dem Song?“ „Nein, es lag an dir.“ Ich konnte nicht anders und musste mich nach den Cowboys umdrehen. Es war, als habe mir jemand mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen.

Alle Cowboys hatten uns den Rücken zugekehrt. Nur Jesse stand mit dem Rücken zum Tresen und sah mich unverwandt an. Für einen kurzen Augenblick sah ich wieder die Klapperschlange und drehte mich fröstelnd um. „Du hast sie wieder gesehen?“ „Ja.“ „

Es ist viel Magie in der Luft. Eine gefährliche Nacht. Wir sollten jetzt gehen. Verlasse nicht das Haus und öffne Niemandem. Versprich mir das.“

Es war wirklich eine seltsame Nacht. Ich hörte Geräusche, wie ich sie noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Die Wüste schien sich aufzubäumen und in mein Haus eindringen zu wollen. Ich hörte ein Klopfen als würde jemand vor meiner Tür stehen. Ich zog mir die Decke über den Kopf und konnte die ganze Nacht kein Auge zumachen.

Irgendwann döste ich völlig erschöpft ein und sah die Klapperschlange vor mir. Sie hatte Jessies Gesicht und sprach zu mir, ohne dass ich sie verstehen konnte. Irgendwann meinte ich den Geruch von Schweiß und Pferden zu riechen. Ich riss die Augen auf und durchsuchte mein Zimmer. Niemand war da und der Geruch, der eben noch ganz intensiv gewesen war, war verschwunden.

Am darauf folgenden Morgen öffnete ich die Tür und fand ein Amulett auf dem Abtreter liegen. Es schien sehr alt zu sein und war wunderschön gearbeitet. Ich ging zu Jakob und zeigte es ihm. Sein Lächeln verschwand für einen Augenblick und er fragte, wie ich es bekommen habe.

„Hast du heute Nacht Klopfen gehört?“ Ich erzählte ihm von den seltsamen Geräuschen und dem Geruch, der in meinem Traum vorgekommen war. „Du bist vollkommen sicher, dass du geträumt hast?“

Ich war mir nicht sicher und er bat mich, mich vor ihn zu legen. Er tat seltsame Dinge mit mir, rieb mich mit Wurzelsaft ein und blies duftenden Rauch auf mich. Er sang und sprach fremde Worte mit einer für sein Alter kraftvollen Stimme. Als die Zeremonie beendet war, bat er mich, das Amulett am Körper zu tragen, so dass man es nicht sehen konnte. Ich steckte es in ein Ledersäckchen und trug es am Hals unter meinem Hemd.

Jakob, wirst du mir bitte endlich erklären, was du da getan hast?“

„Er ist fort gegangen und war sehr weit weg. Jetzt kommt er zurück und wir müssen bereit sein, wenn er da ist.“

„Sprich so zu mir, dass ich es verstehe.“

„Sein Totem ist die Klapperschlange. Durch deine Träume haben wir es erfahren. Cloud that stays ist der neue Schamane, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Er hat sich lange von seinen Wurzeln abgewendet, doch bald wird er erkennen, welches seine Aufgabe ist. Er ist verwirrt, denn du hast durch deine Berührung während des Tanzes seinen Geist geweckt. Er sucht nach Hilfe, ist aber noch immer nicht bereit, sie anzunehmen.

Der erste Schritt ist getan. Er ist nicht der junge Draufgänger, wie er es jedem vorzuspielen versucht. Seine Mutter hatte die Gabe und hat sie an ihn weitergegeben. Hilf ihm durch deine Liebe und Weisheit.“

„Jakob wie denn? Ich bin eine Weiße.“

„Der Geist hat durch dich gesprochen. Cloud that stays hat dich gewählt, um zurück zu finden.“

„Wie denn?“

„Das Amulett, dass du vor deiner Tür gefunden hast, gehörte meiner Tochter. Es gilt als Liebesbeweis, wenn ein Mensch es an einen anderen weitergibt.“

„Aber du hast mir doch gesagt, dass er nicht an so was glaubt?“

„Mehr, als es ihm lieb ist.“

„Jakob hilf mir. Was soll ich denn tun?“

„Sei da, wenn er zu dir kommt. Lass dich von seinen Worten nicht einschüchtern und liebe ihn.“

Als ich sehr spät am Abend zu meinem Haus ging, sah ich eine Gestalt, die zusammengekrümmt am Straßenrand kauerte. Es war Jesse, völlig betrunken, eine Whiskeyflasche in der Hand. Ich ging auf ihn zu und er hob abwehrend den Arm:

„Lass mich in Ruhe, geh weg, fass mich nicht an. Ich will nicht, dass du mich anfasst.“ Ich blieb vor ihm stehen und beobachtete ihn. „Wo sind deine Freunde?“

„Weiß nicht. Geh weg.“ Ich wollte gehen als er mich mit seinen großen blauen Augen ansah und rief: „Bleib, bitte bleib hier. Geh nicht weg.“ Ich blieb stehen und fragte ihn, ob er nicht besser nach Hause gehen wolle. Er winkte mir zu: „Komm ein bisschen näher. Ich möchte dich was fragen.“

Ich ging einen Schritt auf ihn zu und er lächelte besoffen. „Hast du es gefunden?“ „Ja.“ „Weißt du, was es bedeutet?“ „Ja.“ „Das ist gut. Ich bin nicht so gut mit Worten.“ „Soll ich dich nach Hause bringen?“ „Nein. Das kann ich schon selber. Fass mich nicht an. Bitte, nicht anfassen.“ „Schon gut. Ich hab irgendwie kein gutes Gefühl, wenn ich dich hier so allein sitzen lasse. Soll ich einen deiner Freunde anrufen?“

„Nein. Du könntest dich doch noch ein bisschen zu mir setzen. Machst du das? Setzt du dich bitte ein bisschen zu mir?“ Er war so was von besoffen. Ich setzte mich mit einem gewissen Abstand neben ihn. „Warum betrinkst du dich?“

„Weiß nicht. Da sind so komische Gefühle. Ich will das nicht, aber sie kommen immer wieder. Ich bin doch nicht einmal ein richtiger Navajo. Warum verlangen sie das von mir.“ „Was denn?“

„Warum soll ich Jakobs Platz einnehmen?“ „Du weißt also davon?“ „Ich hab’s geträumt, nachdem wir miteinander getanzt haben. Nicht anfassen bitte.“

„Keine Bange, ich fass dich nicht an. Aber warum hast du solche Angst davor?“ „Wenn du mich anfasst, kommen diese Gefühle.“ „Welche Gefühle?“ „Dann will ich dich festhalten und nie wieder loslassen. Und du magst mich doch überhaupt nicht. Ich bin doch nur so ein stinkender Cowboy und du hast mir in die Eier getreten.“

„Du hast angefangen.“ „Stimmt.“ Er grinste dümmlich. „Ich bin ein ziemliches Arschloch. Kannst du vielleicht doch?“ „Was?“ „Mich anfassen? Nur ein bisschen.” Ich streichelte ihm übers Haar und er seufzte auf. „Das fühlt sich so gut an. Verdammt noch mal, warum bin ich nur so schrecklich besoffen?“

„Gib mir die Flasche.“ Er reichte sie mir und ich hörte auf, ihn zu streicheln und nahm sie ihm ab.

„Bitte nicht aufhören. Das ist so schön.“ „Komm, wir gehen jetzt nach Hause.“ Wieder grinste er mich an. „Zu dir oder zu mir?“ „Lass doch deine Machosprüche. In dem Zustand bekommst du doch sowieso keinen mehr hoch.“

„Stimmt. Verdammt. Ich will überhaupt kein Macho mehr sein. Das ist Scheiße.“ „Genau. Komm jetzt.“ Wir wankten durch die Straße und ich wusste, dass Jakob uns beobachtete.

Eine ganze Woche lang bekam ich Jesse nicht zu Gesicht und fürchtete schon, er würde mir absichtlich aus dem Weg gehen. Bei einem Rodeo traf ich ihn schließlich und er lächelte mich schüchtern an. Ich hatte meine Hand auf die Umzäunung gelegt und bemerkte, dass er seine Handschuhe auszog und seine Linke ganz nahe neben meine legte.

Er sah unter sich und berührte ganz vorsichtig meine Hand. Es war nur der Hauch eines Streichelns aber ich glaubte in diesem Augenblick, die Gewalt über meine Beine zu verlieren.

Laut schwatzend kamen seine Freunde zu ihm und er zog sofort seine Hand weg. Sie sahen mich kurz irritiert an, entschlossen sich aber dann, mich zu ignorieren. Auch Jesse ignorierte mich und Jakob erklärte mir, wir sollten uns beeilen, um noch ein paar gute Plätze zu erwischen bevor das Rodeo losging.

„Was hast du empfunden, als er dich berührt hat?“ „Ich hatte Gummi in den Beinen.“ „Ihm ist es genauso gegangen. Er wäre fast zusammengebrochen.“ „Wirklich? Ist mir überhaupt nicht aufgefallen.“

„Ich habe ihn genau beobachtet. Da ist eine große Anziehungskraft, die ihr aufeinander ausübt. In manchen Kulturen nennt man das Karma.“ „Warum hat er mich ignoriert, als seine Freunde gekommen sind?“

„Er muss sein Gesicht wahren. Sie würden ihn auslachen, wenn sie wüssten, wie sehr er dich liebt.“

„Tut er das wirklich?“ Jakob lächelte mich wissend an und wir gingen auf unsere Plätze.

Das Pferd, auf dem Jesse antrat war jung und ungestüm wie sein Reiter. Er wirkte unkonzentriert und wurde abgeworfen. Er blieb im Sand liegen und mich hielt es nicht mehr auf dem Platz. Entsetzt rief ich seinen Namen und es war, als hätte mein Rufen ihn wieder zum Leben erweckt. Er stand auf, rieb sich den Arm und sah in meine Richtung.

Er hatte einen seltsamen Gesichtsausdruck, voller Sehnsucht. Er schwenkte seinen Hut und bedankte sich bei dem erleichtert applaudierenden Publikum, bevor er die Arena leicht humpelnd verließ. „Jakob, wir müssen zu ihm. Er ist verletzt und braucht vielleicht unsere Hilfe.“

„Seine Freunde werden sich um ihn kümmern. Mach dir keine Sorgen. Es ist nichts passiert. Es freut mich zu sehen, dass auch du ihn liebst.“

Ich machte mir dennoch Sorgen und ging am nächsten Tag zur Pferdekoppel, da ich hoffte, ihn dort vielleicht zu sehen. Er hatte sich am Knöchel verletzt und war deshalb für ein paar Tage krank geschrieben, während seine Kumpels auf den Weiden arbeiteten. Als er mich sah, lächelte er glücklich und kam auf mich zugehumpelt.

Man konnte ihm ansehen, dass er mich gern in die Arme genommen hätte, es jedoch nicht wagte. „Du bist sonst nie hier bei der Koppel. Suchst du was? Kann ich dir vielleicht helfen?“

„Ich wollte wissen, wie es dir geht.“ Er lächelte mich dankbar an. „Nur der Knöchel ist ein bisschen verstaucht. Deshalb kann ich heute nicht mit auf die Weide. Dachte ich reite eine Runde. Truth braucht ein bisschen Bewegung.“

„Wer ist Truth?“ „Eine bildhübsche kleine Lady. Willst du sie kennen lernen?“ Wir gingen in den Stall und er führte eine falbfarbene Schönheit aus einer der Boxen. „Kannst du reiten?“ „Nur ein bisschen und nur mit Sattel.“

„Darf ich’s dir beibringen? Ohne Sattel ist es viel schöner. Du kannst besser fühlen, was dein Pferd vorhat.“ Er half mir auf Truth, die lammfromm alles über sich ergehen ließ. Dann setzte er sich hinter mich und rutschte so weit nach vorne, dass wir buchstäblich eine Linie bildeten. Sein Hemd war aufgeknöpft und es nahm mir den Atem, als sich sein nackter Oberkörper an mich schmiegte.

Er griff an mir vorbei und nahm die Zügel auf. Dabei streifte er kurz meinen Busen und ich glaubte zu vergehen. Sein linker Arm umfasste meine Mitte und er zog mich noch enger an sich.

„Sei ganz locker. Keine Angst haben. Lass dich gehen. Lehn dich an mich wenn du Angst bekommst. Ich, ich pass auf dich auf. Du, du wirst nicht runterfallen. Komm Truth.“

Sein Atem ging schneller. Es schien ihm ähnlich wie mir zu gehen. Ganz langsam ritten wir auf die Koppel hinaus. Es war ein herrliches Gefühl, das kraftvolle Pferd und Jessies schlanken, warmen Körper zu spüren. Irgendwann schloss ich meine Augen und lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Er küsste meinen Hals und seine Zunge hinterließ feuchte Stellen, die der Wind kühlte.

„Verzeih mir, aber es macht mich völlig verrückt wenn du so nahe bei mir bist. Ich träume jede Nacht von deiner zarten Haut.“ „Aber meine Haut ist weiß.“ „Von mir aus könnte sie grün sein. Du, du duftest so gut.“ Die Zügel rutschten ihm aus der Hand und er umarmte mich. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und wir küssten uns zärtlich.

Es war, als wären unsere Körper magnetisch und klebten aneinander. Truth war in dem Moment stehen geblieben, als Jesse die Zügel losgelassen hatte. Wir saßen auf dem breiten Pferderücken und tauschten Zärtlichkeiten aus. Unsere Körper bebten und unser beider Atem ging schnell. Ich begann zu seufzen und mit seinem Stöhnen bildeten wir ein Duett.

Er öffnete mein Hemd, zog es nach unten und liebkoste meine Schultern. Ich hatte keine Angst mehr, vom Pferd zu fallen. Er würde mich halten. Er seufzte laut auf und lehnte keuchend seine Wange an meinen Hals. „Ich glaube, ich brauch jetzt dringend eine neue Jeans.“ Wir lachten und ritten langsam zurück zum Stall. Er stieg von Truth und hob mich zärtlich vom Pferd, um mich in seine Arme zu nehmen.

„So bin ich noch nie geritten.“ „Ich auch nicht. Beim nächsten mal sitzt du vorne, einverstanden?“ Sein Kuss war liebevoll. „Truth wird in den nächsten Tagen fohlen. Soll ich dich rufen wenn es so weit ist?“ „Wird es blutig?“ „Nein, nur wenn es Komplikationen gibt. Aber es geht ihr gut und das Fohlen liegt richtig.“

Drei Tage später war es so weit. Um 4 Uhr Morgens ging mein Telefon: „Bitte entschuldige, dass ich so spät anrufe.“ „Bekommt sie ihr Baby? Ich komme.“ Truth lag auf frischem Stroh und sah angsterfüllt in meine Richtung als ich in ihre Box kam. Jesse streichelte ihre Nüstern. Er sah müde aus. „Komm ganz langsam zu mir und setz dich. Kannst du sie ein bisschen streicheln? Du musst keine Angst haben. Nur keine hektischen Bewegungen.“

Die Geburt war wie ein Wunder und als das kleine Fohlen da war, wurde es von Jesse mit Stroh abgerieben. Es versuchte, auf die Beine zu kommen und Jesse bat mich, zu ihm zu kommen, da ich mich zwischen Mutter und Tochter befand. Ich stand neben ihm und konnte meinen Blick nicht von diesem zerbrechlichen Geschöpf wenden.

Jesse kniete vor mir. Er schlang seine Arme um mich und schmiegte sein Gesicht an meinen Bauch. Gemeinsam beobachteten wir die ersten Gehversuche. „Es ist ein Wunder. Du hast es auf die Welt gebracht. Du hast das so toll gemacht. Ganz vorsichtig, fast zärtlich. Du hast Magie in deinen Händen.“

Er sah auf und lächelte mich glücklich an. „Trägst du das Amulett?“ „Ja.“ „Es bedeutet, dass ich dich liebe.“ Ich kniete nieder, um ihm in die Augen zu sehen. „Ich liebe dich auch. Mehr, als ich in Worte fassen kann.“ Wir blieben die ganze Nacht bei Truth und ihrem Fohlen und streichelten uns.

Zwei Tage später traf ich die Cowboys auf meinem Nachhauseweg. Jesse ignorierte mich, während die anderen mir Schweinereien zuriefen. Da Jakob nicht bei mir war, taten sie großspurig. Einer von ihnen packte mich plötzlich, zog mich an sich und raunte: „Irgendwann vernasch ich dich und deine weiße Haut. Es wird dir gefallen. Wir Navajos sind gute Liebhaber.“

Ich riss mich los und rannte den Rest des Weges zu meinem Haus. Sie grölten mir noch hinterher, so dass ich mich nicht umdrehen konnte um zu sehen, wie Jesse auf die kleine Attacke reagierte. Um Mitternacht klopfte es an meiner Tür. Ich öffnete und Jesse fiel mir um den Hals und bedeckte mein Gesicht mit kleinen Küssen.

„Es tut mir so leid, so unendlich leid. Ich hätte ihn zusammenschlagen sollen. Bitte sei mir nicht böse, dass ich dich nicht beschützt habe.“ „Was würde denn passieren, wenn sie von uns wüssten?“ „Sie würden mich auslachen. Ich habe zu oft behauptet, ich würde niemals was mit einer weißen Frau haben.“

„Wäre es für dich so schrecklich, wenn sie dich auslachen würden?“ Er sah mich ernst an. „Ich kann’s dir nicht sagen. Ich war zu lange der blöde Macho, der nur auf seine Schwanzlänge fixiert war. Ich habe nichts an mich rangelassen. Ich habe keine der Frauen geliebt, mit denen ich geschlafen habe. Es war immer nur ein Ritual, um meine Männlichkeit zu beweisen.

Etwas hat sich verändert, seit ich dich kenne. Da steht sie, direkt vor mir. Die Frau, die ich liebe wie ich noch nie etwas geliebt habe. Und ich habe Angst davor, mit ihr zu schlafen, weil ich dadurch vielleicht etwas zerstören würde, dass ich niemals verlieren will.“ Er schmiegte sich an mich und begann zu zittern. „Ich liebe dich Samantha, ich liebe dich so sehr.“

In dieser Nacht hatte ich einen Traum. Er war noch intensiver als der erste. Ich träumte, dass ich aus meinem Bett stieg und zu der Haustür ging. Lautlos, blind. Ich öffnete die Tür und spürte den heißen Wind, der aus der Wüste kam. Ich war nackt und bekam eine Gänsehaut vom Streicheln des Windes. Ich setzte einen Fuß nach dem anderen auf und bewegte mich in Richtung Wüste.

Jakob war bei mir und ich hatte keine Angst als ich weiterging. Stunde um Stunde verstrich und ich wurde nicht müde. Ich musste bereits weit weg von der Stadt sein. Außer dem Wind war nichts zu hören und ich war allein.

Plötzlich war Jakob nicht mehr bei mir und ich riss die Augen auf. Die Sonne stand hoch und ließ mich fast erblinden. Vor mir war eine Schlange. Nicht so groß wie die in meinem ersten Traum. Sie rasselte mit ihrem Schwanzende und hatte den Kopf erhoben. Sie war mir ganz nahe. Sie biss plötzlich und blitzartig zu.

Ich begann zu schwanken und die Wüste um mich herum begann zu verschwimmen. Ein dunkler Schatten war plötzlich über mir und ich verlor das Bewusstsein. Als ich erwachte, war Dunkelheit um mich. Entfernt hörte ich Stimmen. Ich öffnete die Augen und sah durch einen Schleier ein Gesicht, das direkt über mir war. Lippen küssten die meinen und der Kuss war süß. Ich fiel zurück in einen todesähnlichen Schlaf.

Als ich wieder erwachte, schien mein Körper zu brennen und ein gnadenloser Schmerz an meinem Fußgelenk raubte mir die Sinne. Jemand, ganz in meiner Nähe, sang. rhythmisch und melodiös. Es war nicht Jakob, der da sang. Die Stimme war rau und dunkel, aber viel jünger.

Wieder verlor ich das Bewusstsein. Erst als ich zum dritten mal erwachte, war mein Verstand klar. Ich versuchte mich aufzusetzen, war aber zu schwach und sank sofort wieder völlig entkräftet zurück. Ich versuchte zu sprechen, doch meine Stimme war nur ein Krächzen.

Ich rief nach Jakob, begann von der Schlange zu faseln und spürte Arme, die mich aufsetzten. Ich öffnete die Augen und sah in das alte, müde Gesicht Jakobs. Er lächelte mich an: „Du bist zurückgekehrt. Alles wird gut. Du bist außer Gefahr.“

Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und schlief ein. Es war ein Schlaf, der Stärke gab. Stärke und Heilung.

Eine Woche lang war ich ohne Bewusstsein gewesen. Ich war völlig entkräftet als ich wieder zu mir kam, doch aus meinem Gesicht war die fahle Färbung verschwunden und meine Augen glänzten wieder.

Jakob setzte sich neben mich, gab mir stinkenden aber heilenden Tee zu trinken und erzählte mir, was geschehen war. In der Nacht, in der Jesse bei mir gewesen war, hatte ich geschlafwandelt. Jesse war nach Hause gegangen, hatte aber nicht schlafen können, da er einen sehr intensiven Traum hatte. Die Geister hatten ihn gerufen und ihm gesagt, dass ich in Gefahr sei.

Er war zu meinem Haus gegangen und hatte die offene Tür und meine Fußspuren entdeckt, die in die Wüste führten. Er hatte stundenlang nach mir gesucht und mich gefunden, kurz nachdem die Schlange mich gebissen hatte. Er hatte sofort reagiert und mir das Gift aus dem Fußgelenk gesaugt. Er hatte mich zu Jakob gebracht und war völlig erschöpft zusammengebrochen.

Er hatte sich Vorwürfe gemacht, zu spät gekommen zu sein, aber er wusste, dass nur ein Schamane mir das Leben retten konnte. Er war nicht von meiner Seite gewichen und hatte Jakob angefleht, mir zu helfen.

„Ich tat alles in meiner Macht stehende. Aber ich bin ein alter Mann und habe nicht mehr die Kraft eines Fohlens. Cloud that stays war so verzweifelt, dass er mir anbot, zu helfen. Gemeinsam haben wir dich geheilt und er hat mir gesagt, dass er nun weiß, wo sein Platz ist. Er wird aus eigenem Willen der neue Schamane.“

„Wo ist er?“ Jakob deutete in eine Ecke des Zeltes, wo Jesse lag und fest schlief. „Es hat ihn sehr mitgenommen. Er hat eine Woche lang nicht geschlafen. Er hatte solche Angst, dich zu verlieren. Die Weissagungen haben sich erfüllt. Er hat dich gerettet und du hast ihm den Weg gewiesen. Ich danke dir, kleine Tochter. Du hast ihn gezähmt. Du hast ihn mir und seinem Stamm zurückgebracht.“

Ich umarmte Jakob und kroch unter Aufbietung meiner letzten Kräfte zu Jesse. Ich kuschelte mich an seinen Rücken und weckte ihn. Er nahm mich in den Arm und schaute mich glücklich und ein wenig verschlafen an.

„Ich liebe dich, Cloud that stays. Ich liebe dich.“


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