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DAS HAUS, DAS MEIN LEBEN IST

 Eine erträumte Erinnerung von Andreas Gröger

Das Haus, das mein Leben ist, steht in einer stillen Allee mit alten Pappeln, die fortwährend murmeln und sich leise unterhalten in einer Sprache, die aus Stille und Erhabenheit geboren ist.

Umgeben ist das Haus von einer hohen, dunklen Haselnusshecke mit vielen kleinen Schlupflöchern , und in jedem Strauch brüten Vögel oder klettern Eichhörnchen herum.

Das hölzerne Gartentor ist nur angelehnt und das Namensschild daran hängt halb herunter.

Ein schmaler Pfad führt zu dem Haus, durch einen großen Garten mit großen Bäumen, gepflegten Rabatten voller Rosen und Mittagsblumen und Stellen, an denen alles wild durcheinander wächst in einer lebensstrotzenden Pracht und Vielfalt, dass man sich nicht satt sehen kann und immer wieder etwas Neues entdeckt.

Ein Teich ist in dem Garten; voller Seerosen und an den Rändern mit Schilf bewachsen, aus dem das Rumoren kleiner Wasservögel zu hören ist, die dort brüten.

Libellen schwirren über das dunkle, grüne Wasser und Frösche beobachten sie, während die Sonne ihre kalten Leiber erwärmt.

Manchmal durchbricht ein glitzernder Fisch die stille Oberfläche, entweder um eine Mücke zu fangen, die ihren immerwährenden Tanz des Lebens und Sterbens vollführen oder aus purer Lebensfreude; wer weiß das schon.

Am Grunde des Teiches treibt ein alter Wels still durchs dunkle Wasser.

Gespeist wird der Teich von einer kleinen Quelle, die manchmal Freuden- und manchmal Tränen der Trauer und der Wut weint.

Bäume stehen in dem Garten; uralt und voller Weisheit. Höflich sind sie und verneigen sich sanft vor jedem, der als Freund kommt. Kennen alle Namen und Geschichten eines jeden einzelnen, denn oft sitze ich unter ihnen und erzähle ihnen von mir.

 Bleibt man still stehen, dann spricht der Garten bisweilen und erzählt seine Geschichte und die seiner Bewohner. Spricht über das Wachsen, das Sterben und das Wiedererstehen. Erzählt von den Vögeln, die ihn im Frühling begrüßen und sich im Herbst verabschieden. Berichtet von tausend kleinen Tieren, die ihn Freund nennen.

Und manchmal lacht er einfach nur oder singt ein Lied.

Inmitten des Gartens steht das Haus, das mein Leben ist.

Alt ist es und doch voller Leben.

Es ist aus altem Holz und festen Steinen gebaut und seine Mauern sind weiß gestrichen. Efeu hangelt sich daran empor, um näher bei der Sonne zu sein und umschließt es fast zur Gänze wie ein warmer Mantel.

Aus einem großen Kamin kommt weißer Rauch, der einen kurzen Moment lang mit dem Wind tanzt, sich dann höflich verbeugt und in der Unendlichkeit verliert.

Die Haustür ist nie verschlossen und durch sie betritt man die Eingangshalle.

Holzdielen, mit Teppichen zugedeckt, knarren zur Begrüßung und Bilder an den hohen Wänden laden zum Betrachten ein. Landschaften, Stilleben, Portraits. Die einen sind abstrakt, andere von fast kantigem Realismus, wieder andere naiv und verspielt.

Einige sind blitzblank, andere verstaubt, und bisweilen, wenn ich durch die Halle des Hauses, das mein Leben ist, streife, bleibe ich vor dem einen oder anderen eine kleine, versonnene Weile stehen, betrachte es und erinnere mich.

Und meist, wenn ich dann weitergehe, trage ich ein Stück jenes friedvollen, stillen Glückes in mir, das mir dann jener Urgedanke zu sein scheint, jener erste Zustand, aus dem wir alle kommen und in den zurückzukehren unser Streben sein sollte.

Gehe ich die gewundene Holztreppe nach oben, dann redet jede Stufe mit mir wie es Freunde tun.

Die einen erzählen mir Witze und lustige Geschichten, während die anderen mir von Trauer und Leid berichten, wieder andere sind Narren oder Weise.

Und ich, ich betrete jede und überspringe keine, denn der weise Mann kennt beide Seiten.

Viele Zimmer hat das Haus, das mein Leben ist und jedes einzelne von ihnen ist es wert, betreten und bewohnt zu werden.

Da gibt es Zimmer, in die immer Licht fällt; die in hellen, freundlichen Farben gehalten sind, und in denen alle auf ewig wohnen, die ich Freunde nenne, Familie.

Oft sitze ich dort; in Lehnstühlen, auf Chromhockern oder dem Boden; liege auf Sofas, Betten oder Sitzsäcken. Lese in Büchern, Comics oder Poesiealben, höre Musik oder lausche nur dem Echo vergangener Gespräche, dem Lachen, dem Weinen und dem Zwist, das uns miteinander verbindet und uns zu Brüdern und Schwestern macht.

Und ist einer gegangen, vor oder zu seiner Zeit, dann senke ich mein Haupt und berühre ihn in meinem Inneren und blicke meinen Tränen nach, in denen sich das Licht in Tausenden Facetten bricht; jede einzelne ein ferner, einzigartiger Augenblick, eine Erinnerung, treibend auf den endlosen Wogen der Ewigkeit.

Und ich weiß, solange ich weinen kann, werde ich mich erinnern und irgendwann rinnen die Tränen an lächelnden Wangen hinab.

Tausend verschiedene Gerüche wehen durch die Zimmer des Hauses, das mein Leben ist, tausend leise Klänge von Musik, tausendmal Geschmack auf meinen Lippen.

Doch es gibt Zimmer im Haus, das mein Leben ist, an denen möchte ich am liebsten vorbeischleichen wie ein Dieb in der Nacht, aus Angst, sie betreten zu müssen. Ich, der ich sie dereinst baute und bewohnte, ob ich wollte oder nicht.

Aber ich muss sie betreten, ihrer gewahr werden, um sie nicht zu vergessen. Nicht heute, nicht morgen, niemals.

Da sind Zimmer, die mich zu Boden drücken, mir die Luft abschnüren und mich Tränen weinen lassen, die mir die Haut verbrennen und mich böse anzischeln, bevor sie im Boden einsickern.

Manchmal gelingt es mir, in einem Zimmer die Läden zu öffnen, Blumen vors Fensterbrett zu stellen und ein Licht anzuzünden, das die Kälte und Feuchtigkeit vertreibt.

Doch manchmal höre ich dann auch eine andere Tür zufallen, einen anderen Fensterladen sich schließen.... im Haus, das mein Leben ist.

Und dann wünschte ich mir bei Gott, der Wind wäre weniger stark gewesen oder die Sonne würde von allen Seiten scheinen.

Das schönste Zimmer im Haus, das mein Leben ist, ist das meiner wahren Liebe.

Kein Bildnis hängt an der Wand, keine Stimme begrüßt mich, keine Farben zieren es.

Und doch, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ein Bild vor mir, zusammengesetzt aus tausend Träumen, summe eine Melodie, fremd und doch vertraut, und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich dort den sattesten Regenbogen, den man sich vorstellen kann.

Und wenn ich meine Finger hineintauchen würde, wären sie voll der leuchtendsten Farben.

Und ich weiß: Eines Tages werde ich mit IHR gemeinsam hineingreifen, und wir werden das Zimmer mit diesen Farben bemalen; so bunt, so warm, so voller Glück.

Und dann wird die Zeit einen Moment, einen winzigen Moment nur, stillstehen und alle Welt wird IHR Lied singen, die Sterne werden sich zu IHREN Ehren verneigen und ich werde in IHREM Namen sterben und wiederauferstehen in ewigem Glück.

Und dann gehe ich hinunter vor das Tor des Hauses, das mein Leben ist.

Ich werde das alte Namensschild abnehmen und ein Neues anbringen.

Und darauf wird nur ein Wort stehen: GLÜCKSELIGKEIT

... und dann setze ich mich unter die Bäume im Garten des Hauses, das mein Leben ist, und erzähle ihnen von UNS.


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