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Hoffnung

Von Helene Scriva

Ich wollte unbedingt noch einmal dorthin: an den Ort, der mir vor vielen Jahren Sicherheit gab, wo jugendliche Unbefangenheit und der Ernst des Lebens brutal zusammentrafen.

Dorthin, wo man bei gutem Wetter die schneebedeckten Gipfel der Alpen sehen konnte, im Sommer die fetten Wiesen im Tal und die vielen verstreut liegenden Bauernhöfe.

Wo sich die Straßen wie eine Schlange durch die Landschaft schlängelten, auf denen sich sicher heute die schnellen Autos und Motorräder Rennen lieferten; die damals allerdings voll von Panzern und LKW waren.

Damals, das war das Kriegsende 1945:in einem idyllischen Ort in Oberbayern . Viele Menschen auf der Flucht vor den Bomben und dem Krieg waren dort hängengeblieben – warteten auf das Ende des langjährigen Schreckens.

Das Haus, in dem wir Flüchtlinge untergekommen waren, und in dem wir viele Wochen lebten, war eine Gaststätte mit Biergarten auf der Anhöhe des Ortes.

Von dort aus konnte man die Landschaft genießen, selbst wenn es regnete, hatte diese Aussicht ihren Reiz.

Man konnte beobachten, was sich in Richtung des Städtchens hin bewegte, oder wohin die Menschen gingen.

Geld hatten wir alle nicht, es gab auch wenig zu essen, aber es gab Essen. Und das war die Hauptsache.

Ich war noch sehr jung damals. Ich wußte auch nicht wohin, was die Zukunft bringen würde, aber die Hauptsache war, man lebte; nach all dem Schrecken der Wochen vorher, bis zu dem Tag, an dem das kleine Städtchen uns ein wenig Geborgenheit gab.

Daran dachte ich, als ich nach vielen Jahren erstmals wieder den Turm des Klosters auf der kleinen Anhöhe wiedersah.

Wie glücklich waren wir damals, als wir in der Küche mithelfen mußten, um ein wenig für unsere Verpflegung beizusteuern.

So lernte ich dort nicht nur, wie man Kartoffeln schält, auch das Backen von Holunderküchlein gehörte zu dem Neuen.

Im Frühsommer, wenn der Holunder blüht, nimmt man die blühenden und wohlduftenden Blütendolden von den Büschen und tunkt sie, nachdem sie gewaschen wurden, in einen leichten Teig und danach sofort in siedendes Fett. Ein wunderbares, knuspriges Gebäck mit dem Geschmack des duftenden Holunders entsteht. Heute immer noch eine Köstlichkeit, nur nicht mehr so zu empfehlen, denn die Abgase der Autos werden sich immer in den Blüten wiederfinden. Für uns damals eine wunderbare Sache in einer Zeit, in der es kaum etwas zu essen gab.

Zu den Leuten, die damals in dem Saal der Gaststätte schliefen, gehörte auch ein älterer Mann, der mit einem jüngeren auf der Flucht ebenfalls in der oberbayerischen Idylle hängen geblieben war.

Abends, es war Ausgehverbot und kein Mensch durfte sich mehr auf der Straße blicken lassen, erzählte der alte Mann, wieso er mit seinem Sohn ausgerechnet hier darauf wartete weiterzukommen.

Die Geschichten, die er und andere in dem Wirtshaussaal erzählten, waren die einzige Unterhaltung, die es an den langen Abenden gab.

Eigentlich wollten sie nach Österreich, aber durch die Ereignisse der letzten Tages des Krieges war die Verbindung dorthin unterbrochen. Der Sohn, war eigentlich Künstler, er hatte in jungen Jahren in Berlin ein Engagement gehabt und war, weil er wohl gute Beziehungen zu dem Oberen während des Krieges gehabt hatte, nicht eingezogen worden

So konnte er erfolgreich Abend für Abend in den teilweise zerbombten Kinos auftreten, sang und tanzte die gängigen Schlager, bis auch das nicht mehr ging, weil es jede Nacht Bombenangriffe gab.

So wurde der junge Mann, er war inzwischen in einem Alter, wo es auch der Nachbarschaft in seinem Haus auffiel, daß er nicht eingezogen worden war, in eine Rüstungsfabrik gesteckt, um Waffen für die Soldaten an der Front zu produzieren. Gemeinsam mit vielen Zwangsarbeitern aus Polen und Rußland stand er in einer großen. teilweise zerstörten Fabrikhalle und mußte Granaten produzieren. Immer in der Angst, daß durch Unvorsichtigkeit - oder Sabotage? - dabei ein Unfall passieren konnte.

Zu den Zwangsarbeitern hatte er ein gutes Verhältnis, denn er war immer freundlich zu ihnen und wenn nicht gerade ein Aufseher durch die Halle ging, sang er russische und polnische Volkslieder, die er kannte. Für einige Zeit verschwand dann bei allen die Angst.

So hörte er auch viel über das Leben der mit ihm Arbeitenden, in der Mehrzahl waren es Frauen: daß sie alle in primitiven Baracken lebten, bei Kälte und Hitze, immer eine dünne Suppe zu essen bekamen, im Winter keine warme Kleidung hatten. Wenn eine von ihnen nicht am Arbeitsplatz erschien, dann war sie wegen der Unterernährung erkrankt oder gestorben. Die Tuberkulose war zu der Zeit eine der Krankheiten, die zum Tode führten, für diese Frauen gab es keine Medikamente.

Fliegeralarm gab es immer wieder, tagsüber wie auch nachts und man rannte um sein Leben, wenn man den Luftschutzkeller rechtzeitig erreichen wollte.

Der letzte Winter war sehr kalt, täglich hörte man von Menschen, die erfroren und verhungert waren. Aus dem Radio ertönten nach wie vor die Siegesmeldungen der Soldaten an allen Fronten und nur wer nachts, ganz heimlich mal den Soldatensender Calais hören konnte, wußte über die Wirklichkeit Bescheid.

Aus Steckrüben und erfrorenen Kartoffeln wurde wenigstens eine warme Suppe gekocht, das machte der alte Vater täglich, und manchmal war auch in dem Blümchenkaffee der Geschmack von etwas Bohnenkaffee: dann war etwas von den jahrelang aufgehobenen Vorräten verwendet worden.

Als der Krieg begonnen hatte, wurde die Bevölkerung aufgerufen, sich aus Lebensmitteln, die sich lange halten, einen Vorrat anzulegen.

Bohnenkaffee gehörte bei allen dazu, Nudeln und Büchsenmilch, Zucker und Hülsenfrüchte wie auch Mehl und Oel wurden in die Vorratskisten getan.

Während der sechs langen Kriegsjahre hatte das vielen Menschen geholfen, nicht zu verhungern oder durch Unterernährung krank zu werden. Vor allem den Familien mit Kindern ging es dadurch eine gewisse Zeit besser, obwohl es für die Berliner Bevölkerung auch immer Sonderzulagen bei der Lebensmittelverteilung gab.

Es war bitter kalt in diesem Winter 1945, es gab kein richtiges Schuhwerk mehr, und viele Menschen litten unter erfrorenen Füßen. Zu Heizen gab es auch nichts, man holte sich aus den Ruinen der Nachbarhäuser Holz, um es in den Kanonenöfen, die inzwischen jeder in einem Zimmer stehen hatte, zu verheizen.

Die Angst steckte jedem Menschen in den Knochen, wie sollte es weitergehen? Würde man den nächsten Bombenangriff überstehen? Würde man selbst ausgebomt, wo sollte man dann hin? Was passierte, wenn man selbst verschüttet würde oder wenn man von den Phosphorbomben getroffen würde?

Darüber sprach der junge Mann oft mit seinem alten Vater, aber welchen Ausweg gab es?

Fort aus dieser Stadt? - das ging nicht mehr. Denn auf den Bahnhöfen patroullierten die "Kettenhunde" - Soldaten, die als Militärpolizei weitgehende Befugnisse hatten. Sie trugen an schweren Ketten breite Metallplatten, die wie große Hundemarken aussahen und mit dem Stahlhelm, den Pistolen oderGewehrenund den Nagelstiefeln waren sie furchteinflößend.

Jeder, der mit einem Zug fort wollte, wurde kontrolliert und Männer, wenn sie sich für eine anstehende Fahrt nicht richtig ausweisen konnten, wurden sofort an einer Weiterfahrt gehindert. Auch für die Zivilbevölkerung war es in den letzten Monaten immer schwieriger geworden, denn die "Flucht vor der Verteidigung der Reichshauptstadt" war strikt verboten.

Auch das Fahren mit einem Zug – wenn denn einer fuhr - wurde immer gefährlicher. Tieffliegerangriffe auf Züge gehörten zum Alltag, meistens wurden nur die Lokomotiven zerschossen, aber auch viele Wagen wurden zerstört.

Autos fuhren nur noch für das Militär und die Parteibonzen, alle Privatwagen waren von der Partei konfisziert worden.

Zu Fuß - sollte man so etwas wagen? Und das bei diesem Eis und Schnee? Und so blieb man weiter in der Stadt, bei Fliegeralarm und der Angst um die Zukunft, denn – das war die einzige leise Hoffnung - lange würde dieser Krieg bestimmt nicht mehr dauern.

Sollte man also in dieser Stadt bleiben, die fast nur noch aus Trümmern bestand?

Doch der nicht endende Kanonendonner zerrte an den Nerven, die Russen waren Berlin sehr nahe.

Elend sah jeder Mensch aus, der Spiegel zeigte früh gealterte Gesichter, und die Körper waren ausgemergelt.

Vater und Sohn tasteten sich in ihren Gesprächen immer mehr an eine ganz neue Hoffnung heran: Im Süden Deutschlands werden wohl die Amerikaner und die Franzosen bald alles eingenommen haben, deren Soldaten sind disziplinierter als die russischen, den Menschen dort wird es bestimmt eines Tages besser gehen. Und in Österreich sowieso , dort ist das Leben bestimmt leichter und angenehmer.

Wenn es auch keinem Menschen in Deutschland je wieder gut gehen wird, im Süden gibt es nicht so viel Zerstörung, wie in Berlin, es sieht dort wenigstens etwas menschlicher aus.

Ich lasse mir einen Bart wachsen, dann sehe ich nicht mehr so jung aus, sagte der junge Mann zu seinem Vater - und dann machen wir uns zu Fuß auf den Weg in den Süden. Wir werden es schon schaffen, denn wir sind ja noch gesund.

Es dauerte einige bedrückende Tage, bis der spärliche Haarwuchs im Gesicht als Bart bezeichnet werden konnte.

Arbeit in der Fabrik gab es nicht mehr, das Gebäude war endgültig zerstört worden und man hatte sich im Keller des Hauses versteckt gehalten. Damit die wenigen Nachbarn, die noch da waren, nicht den Blockwart informieren konnten, hielt man sich verborgen. Jeder Mensch, der sich jetzt noch bewegen konnte, wurde zum Volkssturm eingezogen, um die Stadt zu "verteidigen". Und um das zu verhindern, nahm man jede Pein auf sich.

Vater und Sohn hatten sich endgültig zur Flucht entschlossen. Kein Bombenangriff hatte ihr Haus zerstört. Nun mußte alles Liebgewonnene zurückgelassen werden. Die festesten Schuhe und die unauffälligste Kleidung wurden angezogen, in einem Rucksack das verstaut, was mitgenommen werden konnte. Oben drauf eine Wolldecke, der Beutel mit der Gasmaske und der Notration wurde umgehängt.. Regenkleidung wurde eingepackt, ja und den Fotoapparat, den wollte man auch mitnehmen.

Es gab zwar keine Filme mehr zu kaufen, aber zwei davon lagen noch versteckt im Bücherschrank - sicherlich kann man sie noch gebrauchen. All die Bücher mußten zurückbleiben, es war zu traurig. In jedem der schön gebunden Bücher steckte ein Stück der eigenen Geschichte: den Kant hatte der Vater dem jungen Mann zum Abitur geschenkt, eigentlich wollte und sollte er ja Philosophie und Literatur studieren. Nichts war daraus geworden - er tingelte sich mit Gesang und Tanz durch das Leben.

Den Bildband über die Oliympiade in Berlin hatte er sich von seinem gesparten Taschengeld gekauft. Wie stolz war er damals darüber gewesen, denn die Olympiade hatte nicht nur die besten Sportler der Welt nach Berlin gebracht, auch viele Gäste und Freunde aus dem ganzen Land waren 1936 zu Gast im Elternhaus gewesen.

Da war der Springreiter gewesen, der in der Deutschen Equipe ritt, ein Jugendfreund seiner Mutter. Und da waren die eleganten Frauen und Männer zu Gast, - Verwandte - die nur für die Olympiade aus Ostpreußen und Mecklenburg nach Berlin gekommen waren. Man wollte und mußte dabei sein, wohnte bei Freunden und fuhr jeden Tag zu den Wettkämpfen ins Stadion.

Und das eine oder andere Mal nahmen sie ihn mit, so sah er den Träger des olympischen Feuers in das Stadion einlaufen und die Flamme anzünden, er war bei den Schwimmwettkämpfen und dem Turmspringen mit dabei gewesen.

Erinnerungen, die plötzlich wieder wach wurden, knapp 10 Jahre ist es her. Damals war Berlin einer lebendige und strahlende Stadt - und was ist heute? Alles in Schutt und Asche, kein Mensch lacht mehr, es gibt keine Kinder oder junge Menschen mehr, die im Grunewald spazieren gehen.

Jeder hatte nur den Wunsch fortzugehen und hatte vor allem die einzige Hoffnung, daß dieses alles einmal zu Ende ist.

Schöne Romane hatten sich die Eltern im Laufe der vielen Jahre gekauft, und er wußte inzwischen, daß eine ganze Kiste davon im Keller hinter den noch spärlich vorhandenen Kohlen versteckt war. Sie durften nicht mehr in einem Bücherschrank stehen, sie waren verboten. Was für eine groteske Welt, in der sich die Obrigkeit vor dem geschriebenen Wort fürchtete.

Aber das war alles vorbei, nichts davon konnte mitgenommen werden. Aber das Bändchen mit den Gedichten von Rilke, das war nicht so schwer, das wurde in den Rucksack gesteckt

Eine kleine Erinnerung an eine schöne Zeit mußte man doch haben.

Mitten in der Nacht, nach dem Entwarnungssignal der Sirenen, machten sich der alte und der junge Mann auf den Weg. Es war stockdunkel und im Osten der Stadt sah man den Feuerschein der brennenden Häuser. Diesmal waren sie im Westen von dem Schrecken der Bomben verschont geblieben, die Einschläge, das konnte man hören, waren weit weg.

Jetzt hieß es aber ganz besonders aufpassen, denn auf dem Weg zum Grunewald konnte man einem Polizisten oder Blockwart begegnen. Und dann war es aus mit der Flucht. Bis Wannsee mußte man kommen, dort fuhr vielleicht ein Zug, auf den man aufspringen konnte.

Die Brücke über die Bahngleise war zerstört, man mußte die Böschung runter und auf der anderen Seite wieder rauf, für den Vater nicht so leicht.

Als sie auf der anderen Seite angekommen waren, blickten sie noch einmal zurück. In der Dunkelheit konnte man die Häuser, die einmal zu der Umgebung ihres Lebens gehört hatten erblicken. Die Häuser, die unmittelbar am Bahndamm gestanden hatten, waren alle durch die Bomben zerstört. Dadurch sah man die Häuserfront auf der gegenüberliegenden Straßenseite deutlich. Eigenartigerweise war keines dieser Gebäude schwer beschädigt worden. Einige Brandbomben hatten zwar die Dächer durchschlagen aber die kleineren Feuer hatten offensichtlich rasch gelöscht werden können.

Es waren schöne Jahre gewesen, die man hier verbracht hatte. Der Vater hatte eine Zahnarztpraxis gehabt, es ging ihnen in den Jahren vor dem Krieg gut. Viele der Klassenkameradinnen und .-kameraden waren Patienten beim Vater gewesen, sie kamen meistens mit ihren Müttern am Nachmittag in die Praxis

Da die Praxis-Räume in der Wohnung waren, erlebte er diese Besuche immer mit. Obwohl der Vater es ihm verboten hatte, es gab nichts aufregenderes, als während der Sprechstunden über den Flur zu laufen oder etwas ganz dringendes in einem Schrank zu suchen.

Dann sah er sie alle, die kamen und dann vor allem warten mußten. Die Angst vor dem Zähnebohren sah man allen an, aber der Vater war bekannt dafür, daß er besonders bei Kindern sehr behutsam war.

Meistens allerdings mußte er mit der Mutter oder dem Kindermädchen zu dieser Zeit spazieren gehen. Im Sommer durfte er dann seinen blauen Tretroller mitnehmen und konnte damit durch die Straßen rollern. Im Winter ging es mit dem Schlitten in den Grunewald oder zum Schlittschuhlaufen auf die Eisflächen der überall im Stadtteil überfluteten Tennisplätze.

Wie oft hatte er sich an dem Maschendrahtzaun die Nase wund gedrückt .Denn zu gerne hätte er auch Tennis gespielt, aber dafür reichte das Geld dann doch nicht.. Aber die Tennisbälle, die manchmal über den Zaun geflogen kam, die nahm er mit nach Hause.

Dann allerdings , wenn er nachmittags unterwegs war, wußte er nie, wer nun bei seinem Vater saß - anders wäre es schöner gewesen, denn als Sohn des Zahnarztes konnte man mit diesem Vorteil schön angeben.

Da war auch noch das Eckhaus mit der Kneipe. Dort holten sich die Leute aus der Nachbarschaft, vor allem an den schönen lauen Sommerabenden, ihr Bier in einem Krug. Manche hatten schöne Krüge mit einem Zinndeckel, diese hatte er als Kind immer besonders bewundert. Sie selbst hatten einen solchen Krug nie gehabt, wenn bei ihnen Bier geholt wurde, dann war es immer in einer Glaskaraffe gewesen. Der Schaum war dann immer rasch weg.

Seine Mutter schickte ihn ungern zum Bierholen, denn er kam meistens mit einem weißen Bart wieder nach Hause. Er schmeckte eben so gut, dieser Bierschaum.

Später, als er größer geworden war, mußte die Mutter oftmals sehr energisch werden, damit er die Treppen hinunter ging, um dem Vater das Bier für das Abendessen zu holen.

Ja, die liebe Mutter, wie sie wohl diese Flucht verkraftet hätte.

Sie war ein ruhiger und liebenswerter Typ gewesen, wie den Vater hatten auch sie alle Menschen gemocht.

Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, ging mit ihnen oftmals am Nachmittag in der Stadt bummeln, die Auslagen in den Schaufenstern bewundern, einen Kaffee trinken, und abends viel ins Kino.

Sie liebte das Kino und das Theater, als junges Mädchen hatte sie den Traum Schauspielerin zu werden.

Aber in ihrer Jugend galt dieser Beruf ihrer Familie nicht als anständig und so nahm sie Mal- und Gesangsunterricht, wie es sich damals für eine höhere Tochter ziemte. Und dann lernte sie in der Tanzschule den jungen Medizinstudenten kennen, den sie nach seinem Staatsexamen heiratete.

Die ersten Jahre der jungen Ehe waren nicht leicht, aber die Schwiegereltern unterstützten das junge Paar finanziell, so daß sie bald eine schöne Wohnung und danach eine gut gehende Praxis hatten.

Dann kam im Herbst 1943 der Schock, den Vater und Sohn lange nicht überwinden konnten. Die Mutter war mit zwei Freundinnen abends im Kino gewesen, es gab während der Vorstellung Fliegerarlarm. Nur mit Mühe konnten die Besucher die nächsten Luftschutzkeller erreichen, da brach auch schon der Bombenhagel los.

Es fielen die ersten Luftminen, Bomben, die die Häuser total zerstörten. In dem Keller, in dem die Mutter mit ihren Freundinnen Zuflucht gefunden hatten, war alles verschüttet. Es war für die beiden Männer fast nicht zu ertragen, als sie nach tagelangem Warten die Gewißheit hatten, daß die Mutter unter den Trümmern nur noch tot geborgen werden konnte.

Daran dachten sie, als sie noch einmal zurückblickten, es waren schöne gemeinsame Jahre gewesen. Und es hätte so schön bleiben können, wenn da nicht dieser Verrückte gewesen wäre, der als Führer die ganze Welt beherrschen wollte und inzwischen das Leben von Millionen von Menschen auf dem Gewissen hatte.

Es war kalt, und die beiden Männer hatten noch einen weiten Weg vor sich, einen Weg, der sie hoffentlich in eine schönere Zeit führen würde.

Hin und wieder kam der Mond zwischen den dunklen Wolken hervor und ganz in der Ferne hörte man den Kanonendonner. ob sie wohl jemals ihr Ziel erreichen würden?.

Als der Morgen graute, waren sie an dem ersten Ziel ihres langen Marsches angekommen. Auch hier sah es aus wie überall. Nur Zerstörung, ausgebrannte Güterwagen, zerschossene Lokomotiven.

Es sah nicht so aus, als wenn irgendein Zug sich Richtung Süden, Bayern also oder gar Österreich, in Bewegung setzen könnte. Am Rande der zerstörten Gleisanlagen stand ein Sanitätswagen, bei dem einige Männer in Uniform heftig miteinander sprachen.

Die beiden Männer gingen dorthin und hörten, daß dieses Auto Richtung Süden fahren sollte, um dort etwas abzuholen.

Sollte man fragen, ob man mitgenommen wird? Wie konnte man Soldaten erklären, daß hier zwei Männer aus der Stadt, Richtung Süden mitwollten, anstatt zur Verteidigung zu bleiben?

Die Beiden taten den Soldaten leid und einer meinte, ‚die können sowieso nichts tun für den Endsieg.‘

Kurz bevor der Fahrer und seine Begleitung, in den Wagen stiegen, war man sich einig, die beiden hinten im Auto mitzunehmen.

Und so verließen Vater und Sohn Berlin.

Nach einer ungemütlichen Fahrt, der Wagen war geschlossen , man konnte nichts sehen, hatte aber das Gefühl die Fahrt ging über Äcker und nicht über Straßen, mußten sie ganz plötzlich aussteigen.

In der Nähe einer etwas größeren Stadt standen sie nun auf der Straße und wußten nicht wohin. War es richtig gewesen, einfach so Berlin zu verlassen und Richtung Süden zu ziehen?

Sie gingen weiter, mußten sich erst wieder an den festen Boden unter den Füßen gewöhnen und erreichten eine größere Stadt. Wie alle anderen Städte hatte auch sie unter dem Bombenkrieg gelitten. Irgendwo am Rande der Stadt stand ein langer Güterzug, in den Güterwagen waren viele Menschen, alte und junge Frauen , Kinder, um den Zug herum viel Uniformierte.

Der Zug sollte Richtung Süden fahren, die Lok stand schon unter Dampf. Aber es war wegen der Soldaten nicht möglich, an den Zug heranzukommen. Die beiden Männer erspähten am hinteren Wagen eine Tür, die halb geöffnet war.

Als der Zug sich in Bewegung setzte, sprangen beide auf, zuerst warfen sie die Rucksäcke hinein und dann schwangen sie sich hinterher. Gekochte Kartoffeln und etwas Würfelzucker aßen sie während der Fahrt, das war nicht so schwer zum Tragen gewesen und sie hatten es in ihren Rucksack gepackt.

Im Schutz der dunklen Nacht fuhr der Zug; es gab erstaunlicher Weise während der langen Fahrt keinen Tieffliegerangriff und als der Zug hielt, war man in Bayern.

Die beiden Männer sprangen von dem Zug ab und liefen von den Gleisen fort.

Es war immer noch dunkel und sie waren müde und schwach. Wohin jetzt? Im Schutz einer Gruppe von Bäumen warteten sie, bis der Morgen kam. Sie konnten sogar etwas schlafen.

Hier sah wirklich alles anders aus. Viel friedlicher und vor allem unzerstört wirkte alles um sie herum. Bis zum nächsten Ort mußten sie am anderen Morgen noch eine ganze Weile laufen, immer etwas von der Straße entfernt, denn nun wollten sie wirklich nicht mehr entdeckt werden.

Bei einem Bauernhof machten sie Halt und baten um etwas Milch und Brot. In der Scheune durften sie sich ausruhen. Geld wollte man nicht annehmen, etwas anderes wollte der Bauer haben. Der Vater packte aus seinem Rucksack ein silbernes Abendtäschchen, es hatte seiner Frau gehört und er hatte es als Andenken eingepackt.

Das wurde gerne genommen und als man weiter ging, gaben ihnen die Bauern noch etwas Brot und zwei hartgekochte Eier mit.

Danach ging alles ganz schnell. In der Nähe des Bauernhofes stand ein Militär-LKW, auf dem einige Soldaten saßen, die aber an ihren Uniformen keine Rangabzeichen oder Tressen mehr hatten. Auch sie wollten so schnell wie möglich dahin, wo nicht mehr gekämpft wurde, möglichst auch ohne in Gefangenschaft zu geraten, in die Nähe von München gelangen.

Sie nahmen die beiden Männer mit, es war eng, aber warm in dem Auto und so fuhr man in die mondhelle Nacht hinein. Schnaps und Wurst aus Büchsen war der Proviant, hin und wieder wurde angehalten, um sich zu orientieren, denn die großen Straßen wollte der Fahrer meiden.

Am anderen Morgen war man in der Nähe von München, der Benzintank war leer, nun mußte der Rest des Weges zu Fuß zurückgelegt werden. Alle gingen in die verschiedensten Himmelsrichtungen, Vater und Sohn in der Morgensonne in Richtung eines Turmes, den sie am Horizont sahen. Beim Näherkommen sah das Gebäude wie ein Schloß aus, der kleine Ort wirkte wie verschlafen auf die beiden Großstädter, obwohl auch hier viele Soldaten und Fahrzeuge auf den Straßen waren.

Man solle doch auf den Berg zum Schloß gehen, dort gebe es etwas zu essen und zu trinken und schlafen könne man dort auch, wurde den beiden Männern gesagt.

Viele Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder seien dort schon, sicherlich gebe es auch einen Platz für sie.

Und so erlebten Vater und Sohn das Ende des Krieges weitab von Berlin, ihrer Heimat, auf dem Weg in eine gemeinsame neue Zukunft - ohne weiteren Kanonendonner oder Bombenangriffe.

Nun war man hier, keiner hatte gefragt, warum ausgerechnet hier.

Die ersten amerikanischen Zeitungen lagen auf dem Tisch, Bilder einer heilen schönen Welt sah man in den Magazinen. Ob es uns wohl jemals auch so gut gehen würde?

Ob das Grau des Kriegsalltags verschwinden würde und Farbe das alltägliche Leben bestimmen würde?

"Wir wollen es einmal besser haben", sagten die beiden Männer.

Und so waren sie eines Morgens nicht mehr in ihren Betten, sie hatten sich in der Nacht aufgemacht, um nach Österreich zu gehen.

Ob sie wohl jemals angekommen sind?

An ihre Geschichte dachte ich, als ich nach vielen Jahren wieder an der Brüstung des Biergartens stand und in Richtung Süden blickte, wo die Straßen sich wie eine Schlange durch die fetten Wiesen schlängelten, hin und wieder ein Bauernhof sichtbar war und die schneebedeckten Gipfel der Alpen in der klaren Luft wie damals sichtbar waren.

Eigentlich hatte sich nichts verändert – oder doch?

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