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Der Sprung und andere Geschichten 

von Kathrin Siemers

  1. Der Sprung

  2. Himmel und Hölle

Der Sprung

“Betreten des Steinbruchs verboten. Lebensgefahr!” steht auf  den Schildern, die in regelmäßigen Abständen am Stacheldrahtzaun angebracht sind. Sogar zwei Zäune sind es, die das Gelände von dem umgebenden Wald trennen, ein alter rostiger und ein neuer, leuchtend  gelb.

Trotzdem komme ich leicht auf die andere Seite.

Ich trete aus dem Schatten der Bäume und nähere mich dem Rand. Es ist Mittag, die Sonne scheint. Wenn es dunkel wäre, würde ich einfach weiterlaufen, ohne zu wissen, wann ich den Boden unter den Füßen verliere.

Von hier aus geht es steil in die Tiefe. Ich stehe auf einer schmalen Felskante, unter mir nur noch grauer Stein. Wenn ich den Kopf in den Nacken lege und in das haltlose Blau des Himmels schaue, wird mir schwindlig.

Ich schließe die Augen.

Wer hier einen Schritt vorwärts macht, stürzt wie eine abgeschossene Krähe einfach ins Nichts. Krähe, auf tschechisch “kavka”.

Ich springe.

Ganz allein stehe ich am Rand des Schwimmbeckens und starre in die formlose blaue Masse vor mir. Hinter mir stehen sie, alle anderen und gucken mich an und warten, dass etwas passiert.

Ich muss nur einen Schritt vorwärts machen, und alle sind zufrieden.

Die Oberfläche des Wassers ist spiegelglatt.

Aber so schlimm kann es nicht sein, ich muss nur springen, mehr nicht.

Okay, jetzt. Oder doch nicht?

Der Stoß von hinten kam völlig unerwartet. Ich plumpse wie ein Stein ins Wasser, ich gehe unter, das Wasser dringt mir in Nase und Mund, und die nackte Angst zu ertrinken lässt mich nicht los, bis ich wieder auftauche, den Beckenrand erreiche und mich hochziehe.

Als ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen habe, umringen sie mich alle, na, ist doch gar nicht so schlimm, oder?

Ja, es war toll, danke.

Das Chlorwasser brennt in den Augen. Es war noch schlimmer, als ich befürchtet hatte. Ich bin nun endgültig überzeugt, dass ich so etwas nie wieder erleben will. Und ich Idiot wäre fast freiwillig gesprungen.

Ich schlage die Augen auf.

Die Sonne scheint hell auf den grauen Stein, und der Bussard am Himmel kreist und kreist, sucht Mäuse und findet keine.

***

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Himmel und Hölle

Die Sonne blendet und lässt die Kreidezeichnung auf dem Straßenpflaster kaum erkennen. Das Steinchen in der Hand steht sie da und konzentriert sich. Der Asphalt ist fast unangenehm heiß unter den nackten Fußsohlen. Sie holt tief Luft, dann wirft sie. Das Steinchen trifft auf der Zahl 1 auf, rutscht weiter und bleibt schließlich knapp außerhalb des Feldes liegen.

           „Hölle!“ ruft Sandra triumphierend und schaut sie erwartungsvoll an.

Ja, Hölle. Judith schluckt. Was sollte sie erzählen?

          „Heute gab`s bei uns irgend so `nen ekligen Eintopf, den konnte man nicht essen.“         

          „Ja? Bei uns gab´s Pizza“, sagt Sandra. „ich bin dran.“

Sie nimmt ihren Stein, stellt sich an die Ausgangslinie, zielt und wirft. Der Stein landet genau in der Mitte des ersten Feldes.

          „Himmel!“, lacht sie und hüpft leichtfüßig auf einem Bein über die zehn Felder, ohne einmal den Rand zu übertreten. Ihr dunkler Pferdeschwanz schwingt hin und her.

Zweiter Versuch. Man muss nur genau zielen, sich richtig konzentrieren und dann einfach werfen. Wieder schlittert der Stein über die Feldbegrenzung hinaus.

          „Wieder Hölle!“, sagt Sandra.

Judith sieht ratlos aus.

          „Ich weiß nicht, mir fällt nichts ein.“

          „Du musst aber was sagen, so war´s abgemacht“, drängt Sandra.

So ein blödes Spiel hatte sich auch nur Sandra ausdenken können. Aber jetzt war´s eh zu spät. Also sagt Sandra:

          „Ich war gestern beim Zahnarzt. Ich hab drei Löcher.“ Sie hätte sich die Zähne mehr putzen sollen, das hatte ihre Mutter immer gesagt.

          „Da kommt ein Auto“, ruft Sandra, und beide gehen von der Straße und warten, dass das Auto vorbeifährt. Zwei Autoreifen überrollen die Kreidezeichnung auf dem Asphalt, und als sie wieder zum Vorschein kommt, prangt zwischen dem siebten und achten Feld ein dicker weißer Fleck. Sie hatten das Kreidestück aus Versehen dort liegen lassen.

          „Schweinerei!“, ruft Sandra wütend. „Das war meine letzte Kreide“.

          Das Spiel geht weiter. Sandra wirft und trifft, doch diesmal verliert sie beim Springen kurzzeitig das Gleichgewicht und übertritt den Rand des vierten Feldes.

          „Was Schönes“, sagt Judith. „Du musst was Schönes erzählen.“

          „Was Schönes, hm.....Erdbeereis“, sagt Sandra leichthin. „Du bist dran“.

Es war von vornherein klar, sie traf das Feld nicht. Scheiße.

          „Ich bin heute zu spät in die Schule gekommen, weil ich den Bus verpasst hab.“

          „Das ist doch nicht schlimm“, meint Sandra. „Ich komme ganz oft zu spät. Wie ist es eigentlich in der neuen Klasse?“

          „Gut“, sagt Judith, „die sind alle nett.“

Dann wirft Sandra wieder, und zum erstenmal trifft sie daneben. Judith ist erleichtert. Und ein bisschen schadenfroh. So, jetzt bist du dran. Nach einigem Zögern sagt Sandra:

          „Letzte Woche ist Moby gestorben.“

          „Euer Hund? Aber den habt ihr doch noch gar nicht lange?“

          „Ein halbes Jahr erst. Sie ist gestorben, weil sie Angst hatte. Sie ist überfahren worden.“

Sandra geht zum Straßenrand und setzt sich auf die Bürgersteigskante. Dann erzählt sie:

          „Wir haben sie uns aus dem Tierheim geholt. Sie war der schönste Hund von allen, sie sah aus wie ein Schäferhund, aber kleiner und ganz schlank. Und riesige Ohren hatte sie, sie sah aus wie ein wildes Tier, ein Schakal oder so. Sie war so ängstlich, dass sie uns schon auf dem Tierheimgelände dreimal weggelaufen ist, sie kannte ja nur das Tierheim und wollte da gar nicht weg, weißt du, und das Halsband, was wir hatten, war ein bisschen zu weit für sie, da ist sie dann einfach rausgeschlüpft mit ihrem Kopf, und weg war sie. 

          "Wie wir sie dann endlich zu Hause hatten, hat sie sich ganz tief unterm Tisch verkrochen und wollte gar nicht wieder rauskommen. Am ersten Abend ist sie uns dann gleich noch einmal weggelaufen, und wir sind fast die ganze Nacht in der Gegend rumgelaufen und haben den Hund gesucht, aber im Dunkeln haben wir sie natürlich nicht gefunden. Als wir dann am nächsten Morgen weitergesucht haben, saß sie genau in demselben Busch, den wir in der Nacht schon so oft abgesucht hatten, und hat gezittert vor Angst. 

          "Kannst du dir das vorstellen, sie hat die ganze Zeit da gesessen, und wir sind immerzu ganz dicht an ihr vorbeigelaufen und haben sie gerufen, und sie hat sich nicht gemeldet. Auch vor anderen Hunden hat sie panische Angst gehabt, sie ist immer gleich abgehauen, wenn sie einen Hund gesehen hat, und dann wurde sie natürlich erst recht gejagt. Aber zu uns ist sie dann doch ganz schnell zutraulich geworden, sie war so lieb. Mich mochte sie am meisten, sie hat immer auf meinem Schoß gesessen, dafür war sie eigentlich viel zu groß, aber Moby durfte das.

          "Mit der Zeit ist sie dann immer mutiger geworden. Sie ist zwar immer wieder weggelaufen, meistens, wenn andere Hunde auf uns zukamen, aber immer seltener. Am Ende ging es richtig gut mit ihr. Und gerade dann ist sie überfahren worden.“

Eine Weile herrscht Schweigen zwischen den beiden Mädchen, die da am Straßenrand sitzen. Judith wusste nicht, was sie sagen sollte. Im Geiste sah sie einen kleinen braunen Hund zitternd in einem Busch sitzen. Je näher die Schritte der ihn suchenden Menschen kamen, desto kleiner machte er sich, presste seinen schmalen Körper ganz dicht an den Boden. Er hatte grüne Augen wie sie.

          „Warum hatte er so viel Angst?“

          „Ich weiß nicht. Vielleicht ist sie schlecht behandelt worden. Soviel Angst kann man doch normalerweise gar nicht haben, oder?“

          „Nein.“ Angst hat man, wenn man einen Grund dazu hat. Im Krieg zum Beispiel, das ist entschuldbar. Heute muss niemand mehr Angst haben. Nur ein kleiner Hund.

***

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