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Lough Erne, versuchsweiseVon Dieter Lühmann "In Hamburg lebten zwei Ameisen, Die wollten nach Australien reisen. Bei Altona auf der Chaussee Da taten ihnen die Beine weh, und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise." Es hatte aufgefrischt, und das Schiff begann, an den Festmacherleinen zu zerren. Es hatte sich schon etwas vom Jetty entfernt und schlug nun unruhig mit den Fendern ans Holz. Er würde die Klampen noch einmal fester belegen müssen, damit sie heute nacht ruhig schlafen könnten. Die Sonne stand noch hoch über den Pappeln am anderen Ufer des Sees, und Wolkenfetzen zogen knapp über die Hügel. Er sah auf die Uhr: kurz vor halb elf. “Man hat einfach mehr von der Zeit, hier”, sagte er und drehte sich zu ihr. Sie stand vor dem kleinen Kocher und war dabei, geschnetzeltes Fleisch in der Pfanne zu braten. Sie sah ihn an, lächelte, “hoffentlich wird es uns nicht zuviel werden.” Sie wirkte größer da unten in der Pantry, und er dachte daran, wie sie ihm am Flughafen entgegengekommen war: klein und schmal und schüchtern und mit diesem roten Mund. Und wie er gezittert hatte, als er ihr übers Haar strich und wusste, dass nun alles zurückzubleiben hatte. Und dass es schwer würde, alles zu vergessen. Denn es hatte sehr geschmerzt, als er schließlich ging. Siehatten sich ein Jahr genommen. Ein Jahr überall auf der Welt. Sie wollten zusammen das viele gemeinsam gewonnene Geld ausgeben und versuchen, rauszukommen aus diesem Leben, das nur noch aus Büro und Fernsehen bestand, und das man kaum noch wahrnahm. Er wusste, dass es ihr ähnlich ergangen war. Auch sie hatte jemanden zurückgelassen. Anfangs meinte er, eine Frau und ein Kind und eine Ehe, das wäre mehr als nur ein Freund; aber dann spürte er, dass es überhaupt nicht aufzurechnen sei – selbst eine Katze würde dir den Magen rumdrehen! Aber jetzt kam es darauf an, Neues zu erleben, Geld auszugeben, den Moment zu leben und sich, vielleicht, zu verlieben. Das würde den Abschied vergessen machen und später, nach diesem Jahr, genug sein, um damit neu anfangen zu können. “Wir werden uns ineinander verlieben müssen”, sagte er und stieg die zwei Stufen hinunter zu ihr. “Sonst zählt’s später nicht. Eine Scheiß-Reise kann man auch allein unternehmen.” “Laß uns was essen”, sagte sie. *** Sie saßen auf dem kurzgeschnittenen Rasen, der beim Betreten wie ein dicker Teppich unter den Füßen nachgab und von sattem Grün war, mit ein paar braunen Flecken darin. Es dämmerte jetzt und die Ruine des alten Klosters hinter ihnen sah vor dem graublauen Himmel wie ein in dunklen Tönen gemaltes Aquarell aus. Den Abhang vor ihnen hinunter lag das Schiff. Ruhig jetzt, nachdem er es mit den Ferndern so fest an den Jetty gelegt hatte, dass es nicht mehr hin und her schlagen und sich trotzdem im Wind wiegen konnte. Es war still, nur das leise Knarzen der Fender am Holz war zu hören. “Wunderschön ist das hier”, sagte sie. “Ich werde den Whiskey holen”, sagte er, “ich will den Rasen spüren.” Er zog seine Schuhe aus und fühlte das feuchte Gras spitz und nachgiebig unter seinen nackten Füßen. “Du solltest sie dir auch ausziehen.” “Bring mir ein Glas mit”, sagte sie. Er ging den Abhang hinunter, an den Kühen vorbei, die ein paar Meter entfernt standen, still, und ihn ansahen. Ich werd’ mir einen ansaufen, dachte er. Die einzige Möglichkeit, heute noch klarzukommen, ist, sich einen anzusaufen. Er dachte daran, dass sie, nur ein paar Meter voneinander entfernt, schlafen würden. Und wie es vorher – ohne hinzusehen – vor seinen Augen ablaufen würde, wenn sie sich, in der Achterkajüte, auszieht. So Stück für Stück freilegte von sich. Ordentlich einen trinken, dachte er. Er fand die Flasche im Kühlschrank. Sie hatte Bushmills gekauft, den mit dem schwarzen Etikett, der ihm besser schmeckte und so intensiv war, dass man ihn normalerweise nicht einfach so runterschütten konnte. Mit einem Griff drehte er den Verschluss auf, nahm eins dieser dickwandigen Gläser aus dem Regal und goss es sich halbvoll. Die Colaflaschen standen ungekühlt im Flaschenschapp. Er trank den Whiskey aus, und als die Wärme den Bauch erreicht hatte, begann er sofort, sich wohler zu fühlen. Er nahm noch ein zweites Glas, die Flaschen, und ging wieder zu ihr. “Du hättest die Cola kühlen sollen, so schmeckt es nicht. Den Whiskey dagegen ...” “Mir schmeckt es auch so”, sage sie. Sie saßen auf dem Rasen, beide barfüßig jetzt, in der Ruhe, und tranken. Es wird schon werden, dachte er, und begann zu vergessen. “Es wird schon werden”, sagte er. Sie sah ihn an. “Ich glaube, dass wir es schaffen”, sagte er. Als er dann später in der Vorderkajüte war, schwerbeinig und stumpf, dachte er an gar nichts mehr. Er war nur noch müde und betrunken und wollte jetzt schlafen. *** Er wachte auf, als er fror. Durch die schmalen Kajütfenster sah er den Dunst, der sich über dem Wasser ausgebreitet hatte. In der Kälte die ersten Strahlen der Sonne. Es war erst halb sechs, und er beschloss, sich einen Kaffee aufzubrühen und dann zur Ruine zu gehen. Das Gras war feucht vom Tau. Es roch frisch nach einem neuen klaren Tag. Die Luft tat ihm gut, er schritt kräftig den Hügel hinauf und atmete tief durch. Er spürte, wie sein Kopf klar wurde und wie es ihm Spaß machte, morgens um diese Zeit in dieser frischen Luft allein über den feuchten Rasen zu gehen. Und er freute sich auf den Tag in diesem herrlichen Land und mit diesem wunderbaren Mädchen. Am Rundturm öffnete er das alte Gitter des Eingangs und stieg die schmalen Stufen empor. Oben angekommen, war er außer Atem. Aber es war gut, richtig gut, mal so außer Atem zu sein. Unter ihm lag sein Schiff. Es glänzte jetzt in der Morgensonne. Dicht daneben reckten sich zwei Schwäne im Schilf. Wie auf ‘ner Ansichtskarte, dachte er, das ganze Land ist vom Irish Tourist Board hingestellt worden. *** An Bord bereitete er das Frühstück. Er übergoss die Teebeutel mit kochendem Wasser. In jede Tasse hatte er drei dieser runden Kissen Typhoo gelegt, weil er den Tee stark mochte aber nur zwei Minuten ziehen ließ. Er briet den Schinken kurz an, um dann sofort drei Eier darüber zu schlagen. So vermied er, dass der Schinken an den Rändern zu kross und schwarz werden würde. Er schnitt das frische Brot an – sie hatten vorgestern lange nach einem vernünftigen Brot gesucht und schließlich diese soda farls gefunden, die fest waren und leicht gesalzen. Das Geräusch der Wasserpumpe sagte ihm, dass sie sich jetzt wusch und angezogen gleich an Deck kommen würde. Beim Frühstück sagte sie, dass sie noch nie eine so gute Marmelade gegessen hätte und dass der Tee ausgezeichnet schmecke und das Brot, und beide waren glücklich, weil sie spürten, wie es begann. Den Maschinencheck erledigte sie. Sie kniete am Rand der offenen Luke, unter sich den sechszylindrigen Perkins-Diesel, prüfte die Bilge auf Trockenheit, maß den Ölstand und schmierte die Welle mit einem kurzen Dreh an der Stevenfettpumpe. Dann startete er die Maschine, schaute achtern, ob Kühlwasser austrat und ließ sie einen Moment warmlaufen. Sie machte die Leinen los und er legte ab. Während er Kurs auf den Ausgang des Sees nahm, holte sie die Fender ein und schoss die Leinen auf. In der Mitte des Sees nahm er volle Fahrt auf, hatte im Nu die Flussmündung erreicht und fuhr dann mit geringer Kraft stromaufwärts. Sie betrachteten die Pferde, wie sie sich auf den Wiesen über das frische Gras hermachten, stellten fest, dass die Kühe am Ufer oft nur ganz kleine Euter hatten: Milch nur für das eigene Kalb; sie sahen verfallene Häuser, vor langer Zeit verlassen, die Dächer zerstört, mit Mauerwerk, das durchbrochen von jungen schmalen Baumstämmen war. Sie sahen ein Castle, grau und vornehm hinter Büschen von Rhododendren. “Da wohnen die Lords”, sagte sie und lachte. Später wollten sie dann ankern. Sie hatten eine Stelle erreicht, an der sich der Fluss mächtig verbreitert hatte und man die Bezeichnung auf den roten Tonnen backbords nur mit dem Fernglas erkennen konnte. In Ufernähe gab er ihr das Zeichen, den Anker zu werfen, hörte das Rasseln der Kette über die Bugrolle, ließ sich zurücktreiben und spürte wie das Schiff fest kam. “Sitzt”, sagte er, stellte die Maschine ab und plötzlich war alles ganz still. Das Schiff bewegte sich leicht im Wind und wenn es in Richtung des Ankers trieb, hörte man die Kette den Rumpf berühren. * Sie hatten das Frühstücksgeschirr abgewaschen, die Betten gemacht und ein wenig aufgeräumt. Jetzt wollte sie baden. Er sah sie zum ersten Mal im Bikini. Sie war schlank, hatte einen ordentlichen Hintern und unwahrscheinlich lange Beine. Sie lachte, als er sie so ansah und meinte, er solle lieber die Heizung einschalten, denn sie würde frieren, wenn sie aus dem Wasser käme. “Du siehst gut aus, Mädchen”, sagte er. Aber da sprang sie schon ins Wasser. “Es ist furchtbar kalt”, rief sie und schwamm mit starken Stößen gegen den Strom in die Mitte des Flusses. Dann ließ sie sich zurücktreiben und musste nur noch leicht die Richtung aufs Schiff korrigieren. Sie fror sehr. Er sah ihre Gänsehaut und wie sie zitterte und sich in den Bademantel kuschelte. Und wie blass sie war, so ohne Make-up. Er wollte sie in die Arme nehmen, aber er spürte, dass sie jetzt fror und sonst gar nichts. “Geh nach unten”, sagte er, “da ist es schön warm, jetzt.” Er hatte zusätzlich zur Heizung noch die zwei Gasflammen des Kochers angezündet, und es war so warm geworden, dass schon die Scheiben beschlugen. “Ich bring dir deine Sachen.” *** Er mochte es, wenn sie sich frisch geschminkt hatte. Diesen verrückten roten Mund, vor allem, wenn sie lachte. Ihre Haare waren noch feucht. “Wir könnten einen Fön gebrauchen”, sagte sie. “Nein, lass nur. Ich find es schön so.” “Du findest alles schön.” “Ich finde dich schön. Das vor allem.” “Weil du mich magst.” “Ja. Und ich möchte dich endlich küssen.” “Laß uns noch warten”, sagte sie. “Du nimmst zuviel”, sagte er, “du bist immer am Nehmen. Ich will nicht, dass du immer nur nett kassierst. Ich weiß, dass einer immer gibt und der andere nimmt. Aber ich will es nicht, nicht mir dir, verstehst du?” “Ich kann nichts dafür. Ich bitte dich nicht. Ich bin da, und du gibst. Was kann ich daran ändern? Was, willst du, dassi ch tue?” “Mit mir ins Bett gehen.” “Gut, wenn du meinst – aber es macht alles kaputt. Jetzt macht es noch alles kaputt.” “Was denn?” sagte er, und “ich will ja nicht, ich will ja gar nicht.” Später saßen sie zusammen auf der Eckbank in der Plicht und aßen. Sie hatte Irish Stew gemacht, und es schmeckte. Aber es war nicht mehr das gleiche wie heute morgen. Obwohl sie besonders nett war und sagte, dasssie ihn mochte und sich nicht vorstellen könnte, mit jemand anderem eine solche Reise zu unternehmen, und dass vielleicht morgen schon alles in Ordnung sein würde. Er lächelte, und sie vertrugen sich. Aber es war nicht mehr das gleiche. *** Am nächsten Morgen regnete es ein wenig. Vereinzelte Tropfen kamen aus dichtem Nebel und fühlten sich angenehm soft an, auf der Haut. Sie gingen zu dem kleinen Ort in der Nähe ihrer neuen Anlegestelle, um dort einzukaufen. Ihre Haare benetzten sich zuerst mit dem feinen Nebel, wurden dann zu Strähnen, und Regen war auf ihren Gesichtern. Aber sie fühlten sich gut, gingen Hand in Hand und blieben manchmal bei den regennassen Kühen stehen, von denen sie mit großen Augen still betrachtet wurden. In Kesh angekommen, konnte man nicht an der ‘May-Fly-Inn’, einem uralten Pub, vorbei, ohne einen Schluck zu nehmen. So bestellten sie sich jeder ein half pint of Harps, einem leichten Lager, das man schon morgens trinken konnte, ohne sich den Tag damit zu verderben. Unzählige Flaschen standen vor der Spiegelwand, die Werbung machte für Bushmills oder John-Power’s Whiskey. Sie wärmten sich auf und gingen dann Steaks einkaufen und Whiskey, Bier und Cola. Sie beschlossen, jetzt gleich nach Enniskillen zu fahren. Dort würden sie shopping machen und wieder unter ‘ner Menge Menschen sein. Auf dem Rückweg zum Schiff öffneten sie ein Bier und tranken einen tiefen Schluck. Dann lachten sie über einen Iren, der ihnen auf einem Karren begegnete, den Kopf, als Begrüßung, zur Seite schnickte und so etwas wie “Cheers” zurief. Sie winkten ihm und fühlten sich glücklich. *** Sie blieben zwei Tage in Enniskillen. Drängelten sich im Five Star Supermarket durch die regennasse Menschenmenge, dicht an dicht, dickliche, auch rothaarige, ärmlich gekleidete, auffallend viele Behinderte und fast alle mit Zahnlücken – es schien zu dampfen vor lauter Geschäftigkeit. Sie kauften ein, als würden sie wochenlang kein Geschäft mehr sehen, dabei wollten sie das Schiff schon in knapp zwei Wochen wieder abgeben. Sie kauften diese herrlichen Konfitüren und Marmeladen, homemade im Supermarkt: verrückt, dieses Land. Sie kauften Tee in Tüten, blended in Ireland, der ihnen auch später zu Hause noch schmecken würde – trotz allem! Kauften eine Angelausrüstung, obwohl keiner von ihnen jemals einen Fisch würde töten können. Sie fanden in einer kleinen Bäckerei wieder ihre soda farls und nahmen Kuchen mit, schwer und mit eingebackenen Rosinen und Kirschen. Abends saßen sie an Bord mit Nordiren und deren englischen Besuchern, die am gleichen Jetty lagen und Enniskillen auch genossen, nach den einsamen Tagen draußen. Sie tranken und stellten tags darauf fest, dass sie vor dem Ablegen doch noch einmal Whiskey kaufen müssten. Sie versuchte sich an einem Gebäck, das sie im ‘Sheelin’ probiert hatten und von dem sie so begeistert gewesen waren. Die kleine Schachtel mit den Zutaten für diese Art Baiser, Teig und Füllung, sollte das lemon meringue auch zu Hause, oder eben hier auf dem Schiff, möglich machen. Doch es gelang ihr nicht, und das war der einzige Moment während der letzten zwei Tage, in dem sie traurig war. *** Sie ankerten zwischen zwei Inseln auf dem oberen Teil des Flusses. Die Stelle war auf der Karte als windgeschützt gekennzeichnet, und deshalb wunderten sie sich, dass sie den ganzen Nachmittag allein geblieben waren. Sie hatten beide gebadet und sich dann einen heißen Tee mit Orangensaft gemacht. In der Dämmerung wollten sie losfahren, zu einem Jetty, der ihnen von einem ihrer Besucher in Enniskillen, als besonders schön gelegen, empfohlen worden war. Als er die Maschine starten wollte, gab es nur ein jaulendes Geräusch. Der Anlasser drehte sich, griff aber nicht. Sofort wurde ihm klar, dass er Hilfe brauchen würde. Nur nicht mehr viel probieren, dachte er, sonst geht uns noch die Starterbatterie zum Teufel. Und die andere würden sie für die Nacht brauchen und morgen früh. Einmal versuchte er es noch: wieder dasselbe. Sie stand vorn am Bug, bereit, die Ankerkette einzuholen. Als sie das Geräusch hörte, blickte sie auf. Sie sah sein Gesicht und kam zu ihm. “Was ist los?” “Der Anlasser. Irgendwas ist kaputt. Wir schaffen das nicht allein.” “Aber es wird dunkel”, sagte sie, “wir können doch nicht über Nacht hier bleiben, mitten auf dem Fluss!” Sie bat ihn, es noch einmal zu versuchen. Aber es brachte nichts. “Hat keinen Zweck”, sagte er, “kein Funkgerät und weit und breit kein Mensch zu sehen.” Dann fielen ihnen die Leuchtraketen ein. Er ging durch die Vorderkajüte und fand, in der Bugspitze unter einer kleinen Luke, den Blechkasten mit der großkalibrigen Pistole und der Raketenmunition. Alles war feucht. “Sie sind feucht”, rief er. Oben auf dem Vordeck probierte er, die gequollenen Raketen in den abgeknickten Lauf zu drücken. Es ging nicht. Verdammte Scheiße, dachte er, verdammte Scheiße! Laut und durchdringend erklang plötzlich das Schiffshorn. Sie drückte den Taster viermal etwa eine Sekunde lang, wie es auf der Messingtafel neben dem Cockpit unter ‘Manövrierunfähig’ eingraviert war. Und dann hielt sie den Taster einfach gedrückt, mit der ganzen Hand. Das Schiff dröhnte. “Hör doch auf”, schrie er, “niemand hört uns. Ist keiner da, weit und breit. Den ganzen Tag waren wir schon allein hier. Jeder ist jetzt an irgendeiner Anlegestelle. Der Himmel, weiß wo!” Dann war es ganz still. Sie stand am Steuerrad, und er sah, wie sie weinte. Sie schluchzte nicht, bewegte sich nicht, stand nur da und die Tränen liefen ihr übers Gesicht. “Mädchen”, sagte er und wusste nicht weiter. “Ich will hier nicht bleiben”, sagte sie. Er sagte, dass es nichts ausmachen würde. Es sei windstill hier, geschützt. Sie hätten eine gute Servicebatterie, die für Innenbeleuchtung und oben das Ankerlicht ausreichend sei. Die Heizung würde funktionieren, Gas wäre da und Wasser, um sich was zu kochen, und sie würden was trinken. “Ich will hier nicht bleiben”, sagte sie. Er ging zu ihr und küsste sie. Ich nutze was aus, dachte er, ich nutze es aus. Und sie hielten sich fest und küssten sich. Später hatte er das Gefühl, nichts mehr auszunutzen. Beide wollten es jetzt. Das Schiff lag im Dunkeln in der Stille. Vor den Fenstern, im Ankerlicht, bildeten sich Nebelschwaden über dem Fluss. Leise klatschte das Wasser an die Bordwand. *** Plötzlich waren sie wach: das knirschende Geräusch des Kiels, als das Schiff auflief. Sie sofort in Panik. Nackt rannte sie in ihre Kajüte ich-wußte-es-ja! Wind war aufgekommen und hatte sie abgetrieben. Wir hätten doch die Ankerkette hören müssen, dachte er, wir müssen wie die Bären geschlafen haben. Aus dem Fenster sah er direkt auf die Bäume einer Insel, nur zwei, drei Meter entfernt. Als würde man dazwischen stehen. Es wurde gerade hell, Morgenröte kam auf und er ging aufs Gangbord, tief die frische Luft einzuatmen. Er wusste, dass es nicht schlimm war: Grundberührung war für diese Schiffe kein Problem, vor allem nicht, wenn sie so sanft aufliefen, wie heute morgen. Trotzdem hob er innen die Motorluke an, um nachzusehen, ob Wasser in die Bilge ... aber es war alles trocken, natürlich. Er ging zu ihr. “Es ist nicht schlimm”, sagte er und wollte sie berühren. “Laß mich!” fegte sie seine Hand weg. “Was ist los?” “Was los ist? Was ist los! Nichts ist mehr los! Ich hab es satt: das Schiff, diese Insel, dich, diese verdammte Nacht! Ich will einfach nicht mehr.” Sie sah ihn direkt an. Wütend jetzt, blasses Gesicht, aufgerissene Augen. “Es tut mir leid”, sagte er und spürte, wie es ihm immer weniger leid tat. Von Sekunde zu Sekunde sozusagen. Gleich würde er lachen müssen: dieses Gesicht! Er drehte sich um, verspürte gewaltige Lust auf ein eiskaltes Bier. Im Führerstand schnappte er die Flasche auf, setzte sie an und leerte sie in zwei vollen Zügen. Und ohne an sie zu denken, rülpste er laut und kräftig. Gut, dachte er, auch gut. Alles klar. Die Scheiße hier wäre kein Problem. Irgendwann, im Laufe des Tages, würde schon jemand vorbeikommen. Oder sich jemand hier auf der Insel zu schaffen machen. Das andere war nicht zu reparieren. Er überlegte, was sie ausgegeben hatten. Es war lächerlich gegenüber dem, was sie noch hatten. Jeder würde noch lange davon leben können; ein, zwei Jahre vielleicht, zu Hause natürlich. Ein Blödsinn, dachte er, was für ein Blödsinn mit irgend so ’ner Alten Abenteuer rund um den Globus ... Blödsinn, bloß weil man zusammen gewonnen hatte und sich nicht unsympathisch war. Quatsch. Sie warteten nur gute zwei Stunden. Es waren Deutsche, die sie rauszogen und bis zum Jetty in Tirraroe schleppten. Der Monteur der Marina begann schon um halb zehn damit, den Anlasser auszuwechseln. Noch am Nachmittag fuhren sie zurück nach Enniskillen und gaben das Schiff ab. Sie ließen alles Gekaufte an Bord – die Putzfrauen würden sich freuen. In Dublin kauften sie, vor dem Abflug, noch ein paar Antiquitäten, ein Waterford-Daumenglas, ein bibliophile Ausgabe von Swift’s Gulliver – jeder etwas für die, die man nur einen Moment vergessen hatte. *** Verloren standen sie in der Ankunftshalle des Frankfurter Flughafens. “Wie kommst du jetzt nach Hause?” fragte er. “Ich nehm' mir ‘ne Taxe.” Und dann: “Wie geht’s denn jetzt weiter?” “Du bist herrlich! So, wie’s bei dir immer gegangen ist. Nehmen, nehmen, nehmen.” “Du hast nichts begriffen”, sagte sie, “du bist immer nur auf deinem Trip gewesen ...” Er drehte sich ab. “Mach’s gut”, sagte er. Zum Seitenanfang |