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Ganz allein im Haus"

Von Lucy Lutzke

‚Niemals!‘ schallte es durch das Gewölbe der Burg und prallte von den verrotteten Mauern ab. ‚Niemals werde ich dich freilassen. Du wirst auf ewig meine Gefangene sein, solange  der Mond um die Erde kreist.‘

Sie wagte nicht, in seine Augen zu sehen, schwarze Augen voller Hass. Einem Donnerschlag gleich fiel  die wuchtige Kerkertür ins Schloss. Völlige Finsternis umfing sie. Im modrigen Stroh knisterten hungrige Mäuse. Sie zog die Beine näher an ihren Körper. Lange Zeit brauchten ihre müden Augen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.   

Als eine Weile später das Rascheln der kleinen Nager verstummte, breitete sich das Gefühl der Einsamkeit wie ein dunkles Moor vor ihr aus. Hoffnungslosigkeit und die aufkriechende Kälte ließen sie erschaudern...

***

Atemlos lauschte Jade der Stimme.

Der Fremde machte ihr Angst, doch etwas Unbeschreibliches ließ ihn auf seltsame Weise vertraut erscheinen. Als wäre es jemand, den sie seit langer Zeit kannte. Aber das war ganz und gar unmöglich. Jade hätte nicht sagen können, was diese eigenartigen Gefühle in ihr wachrief. Sie wusste nur, dass sie ihm nicht länger zuhören wollte. Doch auch diesmal hielt sie den Hörer wie gebannt in ihrer Hand, unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen.

Nach einer Weile ließ der Zustand angstvoller Lähmung etwas nach. Jade atmete tief durch. Sie legte den Hörer auf und verließ das Zimmer. Sie wusste, er würde am nächsten Abend wieder anrufen, wie all die Abende zuvor. Wenn er bemerkte, dass Jade ihm nicht mehr zuhören wollte, würde er vielleicht die Geduld verlieren und sie in Zukunft nicht mehr belästigen.

***

“Jade!”

Das Mädchen schrak aus verworrenen Träumen auf.

“Jade! Kommst du bitte?! Das Frühstück steht auf  dem Tisch. Und beeil' dich, Dad hat dir noch etwas  zu sagen, bevor er zur Arbeit fährt.”

Jade blinzelte verschlafen zum Wecker. Sie hatte noch zehn Minuten. Was konnte ihr Stiefvater wieder  von ihr wollen? Etwas auszusetzen hatte er eigentlich immer. Doch es war irgendwie beruhigend, die Stimme der Mutter zu hören. Jade seufzte und rekelte sich ein letztes Mal, bevor sie sich aus dem Bett schwang und auf den Tag vorbereitete. Bestimmt würden Mutter und sie nachmittags etwas Besonderes  unternehmen.

Doch schon als sie die Treppe herabschritt und die Küche betrat, spürte Jade sofort die Spannung, die bereits so früh am Morgen in der Luft lag. Schweigend und mit gesenktem Kopf nahm sie am Tisch Platz. Die Stimme ihres Vaters durchschnitt die Stille.

“Kannst du deine Eltern nicht grüßen, wenn du dich an den gedeckten Tisch setzt? Du erlaubst dir in letzter Zeit ja allerhand, junge Dame!” Sein barscher Ton ließ Jade zusammenfahren. Hilfesuchend schaute sie zur Mutter. Doch die wich ihrem Blick aus, strich verlegen die Tischdecke glatt und wandte sich dem Vater zu.

“John, wolltest du Jade nicht etwas sagen? Du bist bereits spät dran.” Ihre Finger spielten nervös in den Haaren. Der Mann lehnte sich lässig zurück und schenkte seiner Frau ein gönnerhaftes Lächeln. Seine  Augen  blitzten etwas spöttisch, als er sie einen Moment lang musterte. 

“Aber ja doch, meine Liebe. Danke. Ich weiß deine Sorge durchaus zu schätzen. Das weißt du doch, mein Schatz?”

Carol straffte die Schultern und hob die Mundwinkel zu einem verzerrten Lächeln.

“Und nun zu dir, kleine Jade. Deine Mutter wird heute nicht zu Hause sein, wenn du aus der Schule kommst. Sie ist bei einer Freundin und wird dort auch den Abend verbringen.” Jade setzte ihre Tasse ab. Sie  musste heftig schlucken. Die Mutter war also den  ganzen Tag fort. Wie konnte sie Jade bloß mit Daddy allein lassen?

Verzweifelt suchte Jade ihren Blick. Vergeblich. Doch die nächsten Worte des Vaters ließen sie erst einmal aufatmen. “Tja, und ich werde ebenfalls lange unterwegs sein.  Du weißt, was das heißt, Jadey? Du wirst den gesamten Nachmittag allein sein. Und wahrscheinlich auch den ganzen Abend. Also sei ein braves Mädchen, ja? Dass mir keine Klagen kommen!”

Die Mutter räumte schweigend den Tisch ab. Sie ordnete das Geschirr hastig in die Spülmaschine. Jade blieb noch ein wenig sitzen. Sie genoss den Gedanken: allein zu Haus!

***

Jade brachte die Schulsachen auf ihr Zimmer und trat auf die Veranda. Im Garten war es noch nicht auszuhalten, die Luft flirrte und ließ Jade schwer atmen. Sie zog sich in die kühle Geborgenheit des Hauses zurück. Den ganzen Nachmittag konnte sie ungestört tun und lassen, was sie wollte. Zuvor musste sie jedoch ihre Hausaufgaben erledigen, der Vater konnte sehr streng sein...

Jade verdrängte den Gedanken an ihren Stiefvater schnell. Heute wollte sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Langsam stieg sie die Stufen zu ihrem Dachzimmer hoch.

Einige Zeit später hatte sie ihre Aufgaben erledigt, ging in den Garten und setzte sich auf das warme Gras. Die Bäume spendeten inzwischen genug Schatten.

Jade gefiel es, einfach dazusitzen und die Wolken zu beobachten. Das konnte sie sonst nicht ungestört, immer war ihr Vater in der Nähe, um jeden ihrer Schritte zu überwachen. Er hatte etwas gegen Müßiggänger und äußerte sich oft missbilligend über Jades Vorliebe zu träumen. Der Mutter gefiel jedoch die ausgeprägte Phantasie der Tochter, sie  hörte sich gern ihre Geschichten an, wahrend sie bügelte oder  den Abwasch erledigte.

Die beiden hatten immer viel zu lachen. kaum war Jades Vater in der Nähe, änderte sich alles schlagartig. Dann war die Mutter plötzlich zu beschäftigt, um Jade zuzuhören. Aufgeschreckt huschte sie in der Küche hin und her, bemüht, ihrem Mann jeden Wunsch von den Lippen zu  lesen. Jade fühlte sich in solchen Momenten einfach hilflos. Am liebsten zog sie sich dann in ihr Zimmer zurück.

Heute gab es jedoch niemanden, der sie einschüchtern konnte. Heute gab es nur die Stille um sie herum. Jade fühlte sich sicher. So sicher, dass sie den geheimnisvollen Anrufer bereits vergessen hatte.

Umso mehr schrak sie aus ihren Gedanken auf, als sie das Telefon klingeln hörte. Es einfach zu ignorieren wäre eine Möglichkeit gewesen. Doch Jade wusste inzwischen genau, dass es keinen Sinn hatte. Er würde nicht aufgeben.

Deshalb erhob sie sich, klopfte Gras von ihrer Hose und ging ins Haus. Ihre Turnschuhe zog sie zuvor aus, um keinen Schmutz auf den Flurkacheln und dem flauschigen Wohnzimmerteppich zu  hinterlassen. Dad würde sonst wieder empört sein. Jade drückte sich mit  einem bangen Gefühl an den Sesseln vorbei, äußerst darauf bedacht, nichts zu beschmutzen.

Als sie den Raum durchquert hatte, zögerte sie einen Moment und horchte auf das schrille Klingeln. Nervös spielten ihre Finger mit der Telefonschnur. Dann nahm sie sich zusammen. Mit einem Ruck riss sie den Hörer von der Gabel.

Die Zeit wollte nicht vergehen. So zumindest erschien es Jade, die einfach nicht wusste, wie sie den seltsamen Anrufer loswerden sollte. Sie konnte sich nicht einmal jemandem anvertrauen. Mit dem Vater darüber zu reden war unmöglich. Und die Mutter hatte in letzter Zeit genug zu ertragen... Wer konnte Spass daran haben, sie zu quälen...       

Es hatte sich gezeigt, dass sich der Anrufer durch nichts von seinem verwerflichen Tun abbringen ließ . 

“Hörst du noch zu? Hallo?”                    

Eine Weile noch, dann würde er sie für diesen Abend in Ruhe lassen. Sie atmete tief durch.     

Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, als Jade die plötzlich aufkommende Kälte spürte. Es war  bereits  Abend, die Sonne ging unter und sandt ein letztes Glühen durch die hohe Eingangshalle. Jade musste die Verandatür schließ en. Niemand sollte ihr Nachlässigkeit vorwerfen können.                                

Was sie am meisten ärgerte, war der verdorbene Abend. Gestern noch hatte sie geglaubt, den mysteriösen Anrufer endlich los zu sein.

Der Weg zu Veranda führte sie am Arbeitszimmer des Vaters vorbei, das stets verschlossen und für Jade und ihre Mutter unbetretbar war. Ausßer dem Vater hatte nur die zweimal in der Woche kommende Putzfrau Zutritt. Der Vater hielt sich viel in diesem Zimmer auf.

Als Jade jetzt an der Tür vorbeiging, vernahm sie zu ihrem Entsetzen Geräusche aus dem Zimmer. Ihre Gedanken überstürzten sich. Was, wenn Einbrecher im Haus waren? Sie hätte die Verandatür nicht offen lassen dürfen. Und wie konnte überhaupt jemand unbemerkt in das verschlossene Zimmer gelangen?

Sie hatte keine Geräusche gehört. Vielleicht hatte sie sich auch geirrt, und ihre Nerven spielten ihr einen Streich. Jade hielt ein Ohr an die Tür. Sie fühlte sich in einem unheimlichen Alptraum gefangen, ohne jede Sicherheit zu entkommen. Nur war es leider kein Traum. Es war jemand ins Haus gelangt, durch ihre Unachtsamkeit. Was sollte sie tun?

Die Entscheidung wurde ihr augenblicklich abgenommen, als sich die Tür langsam öffnete. Doch wer vor ihr stand, war kein Einbrecher.

“Hallo, Jadey!”

 

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