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Joe, der Indianer

Ein Roman von Patricia Lucas

I.

Blue Ridge Mountains, Virginia, März 1925

Joe blickte nur kurz von seiner Arbeit auf, als er die Geräusche des herannahenden Pferdefuhrwerks hörte, das die Balken für die Brücke lieferte. Heute saß der Farmer nicht allein auf dem Kutschbock. Ein etwa zehnjähriger Junge begleitete ihn. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen ließ sie leicht als Vater und Sohn erkennen. Ungeniert und neugierig  musterten die braunen Augen des Jungen die grau gekleideten Gestalten.

Joe widmete sich wieder seiner Arbeit und schaufelte die Erde in den Schubkarren. Es war nicht gut, durch zu lange Pausen die Aufmerksamkeit der Aufseher auf sich zu lenken.

“Tag, Mr. Carson! Haben Sie wieder eine Fuhre? Cryber, Sneller, Smith, King, abladen!”

Perrit, der Oberaufseher, ging zu Carson hinüber.

“Na, haben Sie sich heute Gesellschaft für die Fahrt zu uns herauf mitgebracht?”

Carson stieg ab und drehte sich lächelnd zu dem Oberaufseher.

“‘n Tag, Mr. Perrit. Mein Sohn Billy war neugierig. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?”

“Natürlich nicht. Ist vielleicht ganz lehrreich, wenn er diese Galgenvögel sieht!”

Er strich dem Jungen über die Haare. “Geh nur nicht zu nahe an sie heran.”

Dann schlug er Carson kameradschaftlich auf die Schulter.“Wie wär’s: Lust auf einen heißen Kaffee? Hier auf dem Berg ist es zu dieser Jahreszeit morgens noch recht kühl!”

“Keine schlechte Idee!”

Während sie zum Versorgungswagen schlenderten, unterhielten sie sich angeregt über die Wetterlage in den Blue Ridge Mountains. Bis sie beim Wagen ankamen, waren sie bei dem längst fälligen Ausbau der Straßen in diesem Teil Virginias angelangt. Ein Thema, für das sie sich beide ereifern konnten.

Billy spazierte zwischen den arbeitenden Häftlingen umher. Joe fühlte den Blick des Jungen auf sich gerichtet. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete Joe ihn. Ihm gefiel das offene Gesicht mit der Stupsnase und den Sommersprossen. Lockige, hellbraune Haare fielen dem Jungen widerspenstig in die hohe Stirn. Die braunen Augen waren hellwach und an allem interessiert. Joe zwinkerte ihm kurz zu, doch es blieb unbemerkt. Fasziniert starrte Billy auf die stählernen Handfesseln, die Joes Handgelenke umschlossen.

Waller, einer der Aufseher, ging neben dem Jungen in die Knie. “Bei dem musst du aufpassen. Der frisst kleine Jungs zum Frühstück, und heute hat er noch nicht viel bekommen”, versicherte er mit todernster Miene.

Doch so einfach ließ sich Billy keinen Bären aufbinden.“Sie wollen mich wohl verkohlen, Mister”, stellte er selbstbewusst  fest.

Lachend stand Fred Waller wieder auf und setzte seinen Rundgang fort. Für einen kurzen Moment blieb Billy bei Joe stehen, dann ging er zurück zum Wagen.

Niemandem fielen die verständigenden Blicke von zwei der Männer auf, die das Fuhrwerk abluden. Nach einem sichernden Blick in die Runde ging alles sehr schnell. Mit festem Griff packte King den Jungen im Genick, hob ihn hoch und hielt ihn als lebenden Schutzschild vor sich.

“Lasst  eure Waffen fallen! Sonst brech‘ ich der kleinen Kröte das Genick!”

Mit einem gefährlichen Unterton klang seine Stimme hart über den Platz. Alle Augen richteten sich auf King und Sneller, seinen ihm blind ergebenen Kumpanen, und den strampelnden Jungen.

“Billy!” Carson wollte zu seinem Sohn springen, wurde jedoch von Perrit zurückgehalten.

Die Strafgefangenen hörten auf zu arbeiten. Smith und Cryber traten von King zurück, um den Aufsehern zu demonstrieren, dass sie damit nichts zu tun hatten. Die Aufseher zögerten, Kings Aufforderung Folge zu leisten.

Carson wandte sich an Perrit. “Mein Gott, tun Sie endlich, was er verlangt!”

King lachte. “Dieser Hillybilly ist gar nicht so blöd! Na, wird’s bald!” Er verstärkte den Druck auf Billys Genick um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen. Billy stieß einen erstickten Schrei aus. 

Für King wäre es ein leichtes, seine Drohung wahr zu machen. Er war ein großer, kräftiger Mann mit klobigen Händen. Und Joe wusste, dass King brutal genug war, seine Drohung auch auszuführen. Joes Blick wechselte von King zu Perrit. Endlich hatte sich der Oberaufseher zu einer Entscheidung durchgerungen.

“Tut, was er sagt, Männer!” Als erster warf er seine Waffen auf den Boden. “Glaubt ihr wirklich, dass ihr weit kommt, King? Gebt lieber auf und wir vergessen diese Sache”, wandte er sich an King und Sneller.

Fortsetzung des Romans als downloadbare RTF-Datei (122 KB)!

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