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Die Angst springt mit Von Danny P. Juhani konnte sich ein Leben ohne Skispringen nicht vorstellen. Der Sport brachte ihm alles, was er brauchte. Es war ein unglaubliches Gefühl, wenn man auf dem Balken saß und darauf wartete, dass die Ampel auf Grün umsprang und der Trainer einen abwinkte. Es war ein unglaubliches Gefühl, wenn man in die Spur ging, wenn man dann in höchster Konzentration auf den Schanzentisch zuraste und auf nahezu 95 Stundenkilometer beschleunigte. Wenn man wusste, man musste den Absprung genau treffen. Und es war ein unglaubliches Gefühl, wenn man durch die Luft flog. Auch dieser Sport brachte Leben und Tod; Sieger und Besiegte, Triumphe und den unverwechselbaren Untergang. Juhani lag gut zwischen den Skiern. Er flog hoch – aber nicht weit. Andere erreichten 135 m oder sogar mehr auf dieser K125-m-Schanze. Doch Juhani blieb an diesem Tag hinter seinen Erwartungen zurück. Er verpatzte die Qualifikation zum Auftakt der Vier-Schanzen-Tournee in Oberstdorf, denn er fiel bereits bei 99 Metern wie ein schwerer Stein in den Schnee. 99, das war eine Schnapszahl. Und womöglich war es ja wirklich das Beste nicht einfach nur zu trinken, sondern zu saufen. Juhani hatte seine große Schwester verloren, als er gerade zehn Jahre alt geworden war ... *** ... Seine Mutter ist schreckensbleich, als sie das Telefonat beendet. Sie starrt Juhani einfach nur an und sagt kein Wort. Tränen schießen ihr in die Augen, als sie anfängt unkontrolliert zu zittern. Juhani eilt zu ihr und nimmt sie in die Arme. Seine Mutter flüstert immer wieder den Namen seiner großen Schwester. Sie macht ihm Angst. „Was ist passiert?“, möchte er daher mit bebender Stimme wissen, „Mama, sag mir, was ist passiert?“ Sie sieht ihn mit Augen an, in denen Juhani das blanke Entsetzen lesen kann. Sein Mund wird trocken. Die Angst schlägt um in Panik, weil seine Mutter so verzweifelt aussieht. So verzweifelt und so hilflos. Als sie seine Frage endlich beantwortet, steht Juhani da wie erstarrt. Eiskaltes Entsetzen hält ihn fest. Aber er kann nicht weinen. Denn er kann nicht glauben, dass es tatsächlich so ist. Dass das tatsächlich geschehen ist. „Sie wollte nur helfen. Sointu ist ein guter Mensch. Sie hat dafür mit dem Leben bezahlen müssen.“ Das träume ich, denkt Juhani, nachdem sich die Lähmung gelöst hat. Meine Mutter bildet sich das nur ein, möchte er sich einreden, um der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Doch seine Mutter fährt fort: „Es hat eine Messerstecherei zwischen einem Finnen und einem Ausländer gegeben. Zuerst haben sich die beiden nur gegenseitig beleidigt. Aber dann sind sie handgreiflich geworden und schließlich hat einer von ihnen ein Messer hervorgeholt und Sointu ...“ Juhanis Mutter drückt ihn wieder fest an sich, als ob sie ihn beschützen möchte. Juhani kann keinen klaren Gedanken fassen. Erst später am Abend fallen ihm die Fragen ein: Wo ist das passiert? Und wann? Und warum? Das ist die schlimmste Frage von allen: Warum? Warum musste das sein? Seine große Schwester Sointu hat ihr Leben verloren, weil ein kleiner Streit zu einem übermächtigen Riesen geworden ist, den keiner mehr unter Kontrolle bringen kann. So viel steht fest. Juhani sieht weiterhin den Schrecken in den Augen seiner Mutter und deshalb weiß er, dass es wahr ist. „Sie hat sich eingemischt, weil sie den Streit schlichten wollte. Aber da hat einer von beiden Sointu erstochen.“ Wer?, fragt sich Juhani später, wer hat sie auf dem Gewissen? Aber er fragt sich das erst später. Zuerst zählt nur die Tatsache, dass Sointu nicht mehr lebt. Sie ist gestorben, weil sie dazwischen gegangen ist. Weil sie das einzig Richtige getan hat. Aber war es vernünftig? Wie denkt Juhani darüber? Und wie würde er darüber denken, wenn sie Glück gehabt und Schlimmeres verhindert hätte? Sie hat dem Finnen oder auch dem Ausländer das Leben gerettet. Doch zu welchem Preis? Schmerz und Trauer überwältigen Juhani. In Gedanken führt er viele, lange Gespräche mit seiner Schwester. Über den schrecklichen Vorfall allerdings unterhalten sie sich nie. ... *** ... Als Juhani ins Hotel kam, blickten ihm alle feindselig entgegen. Was hatte er getan? Nein, er hatte nichts getan. Nichts Böses. Nichts Gemeines. Er hätte niemandem weh tun können, niemandem außer seinem Vater. Doch dieser war nicht hier. Hier waren die anderen Springer, die zur Vier-Schanzen-Tournee angereist waren, Trainer und Betreuer. Einer von ihnen reichte Juhani wortlos eine Zeitung und wandte den Blick schnell wieder von ihm ab, als wäre der andere giftig. Juhani las die dicke Überschrift. Etwas in seinem Inneren zerbrach. Er wurde kalkweiß, dann dunkelrot im Gesicht. Seine Hände bebten, als er den Artikel überflog. „Aber das ist doch nicht wahr!“ Mit einem Mal fühlte er sich wie in dem Moment, als er hatte erfahren müssen, welcher Dummheit seine Schwester zum Opfer gefallen war. Nur war Juhani jetzt auf sich allein gestellt. Er war empört, da er sofort begriff, dass diese Anschuldigung einen langen, dunklen Schatten auf seine Karriere warf, wenn sie sie nicht sogar ruinierte. „Wer hat das behauptet? Ich habe kein Mädchen vergewaltigt.“ Doch hier stand das Gegenteil geschrieben, vor ihm schwarz auf weiß. Juhani wurde übel. Er verstand die Männer nicht, die anderen Menschen Gewalt antaten. Sie mussten ausnahmslos Verrückte sein. Man nützte aus, wie klein und schwach sie waren. Wie hilflos. So hilflos, wie Juhani sich zum ersten Mal gefühlt hatte, als seine große Schwester Sointu hatte gehen müssen. Juhani drehte sich um und zog sich zurück. Er war froh, dass Sointu ihn noch immer überall hin begleitete. Er war dankbar, dass sie immer Zeit für ihn hatte, wenn er einen geliebten Freund brauchte. „Du weißt“, flüsterte er mit Tränen in den Augen, „dass ich so etwas nie tun würde.“ Mädchen küssen. Sie streicheln. Ihnen die Beine auseinanderdrücken. Sie dazu zwingen, dass sie sich zerstören ließen. Juhani könnte niemanden kaputt machen. Er hasste diese sinnlose Brutalität, denn sie hatte ihm seine einzige Schwester genommen und nichts und niemand konnte sie ihm zurückbringen. Am nächsten Tag, dem 29. Dezember 2005, gab Juhani die einzige Antwort, die er geben konnte. Er hatte sich 24 Stunden vorher für den Wettkampf qualifiziert, den er dann dominierte. Eindrucksvoll stellte Juhani unter Beweis, dass mit ihm zu rechnen war. Nicht nur im ersten Durchgang legte er einen perfekten Sprung hin, sondern auch im zweiten den besten. Aber er jubelte nicht. Und die Fans feierten seinen Sieg nicht, sondern schienen ihn zu bewerten, als wäre es eine Niederlage. Sie verachteten Juhani oder sie pfiffen ihn gnadenlos aus, sobald er zu sehen war oder der Stadionsprecher seinen Namen durchgab. War das etwa sportlich faires Verhalten? Juhani konnte nicht sagen, was ihm am meisten weh tat. Die Journalisten befragten ihn, aber nicht zum Wettkampf, sondern zu der Vergewaltigung. Jawohl, es war eine Vergewaltigung. Keine angebliche, sondern eine Vergewaltigung. Als ob sie wussten, was er getan hätte. Als ob sie es an seiner Stelle getan hatten. Denn Juhani konnte sich nicht daran erinnern. Er erschauerte. Es machte ihm nur wenig aus, dass keiner ihm zum Sieg gratulierte. Aber diese kalten, harten Augen, diese hasserfüllten Gesichter gingen ihm durch und durch. Sie verfolgten ihn und Juhani fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Er hätte es über sich ergehen lassen können, wenn die Ahnungslosen still geblieben wären. Aber so ... Die Einzige, die ihn unterstützte, war Sointu. Sie hätte auch nicht geschwiegen, wenn sie von seiner Schuld überzeugt gewesen wäre. Aber das war nicht der Fall. Und sie war außerdem die Letzte, die irgendeinem Journalisten geglaubt hätte, ohne vorher Punkt und Komma zu hinterfragen. Es enttäuschte Juhani, wie naiv und leichtgläubig die Ahnungslosen doch waren. Seine Fans, zu denen auch Sointu gehörte und doch wieder nicht, weil sie anders war, weil sie weit besser und umsichtiger war, obwohl der Tod sie mitgenommen hatte. Juhani klammerte sich an die Liebe seiner älteren Schwester. „Ich bin immer bei dir“, sagte sie mit fester, warmer Stimme, „und ich müsste wissen, wenn du so etwas getan hättest.“ So etwas. Leider konnte sie niemandem sagen, dass er sich ekelte, wenn er sich das nur vorzustellen versuchte. Juhani hatte nicht einmal in Erwägung gezogen einer Frau Angst einzujagen. Er war harmlos. Allein auf den Schanzen konnte er unberechenbar stark werden; stark, weil Sointu ihn nicht schwach werden ließ. Juhani bemühte sich die Diskussionen zu überhören, die heftig geführt wurden. Es gab Ankläger und Verteidiger, aber keinen Richter. Niemand traf eine Entscheidung. Niemand wollte sich festlegen. „Glück und Unglück liegen so nahe beieinander, dass du nicht einmal einen Schritt machen musst, um vom einen zum anderen zu kommen“, hatte sein Bruder Lauri einmal gesagt. *** Am 31. Dezember stand die Qualifikation für das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen auf dem Programm, wo Juhani aber im Vergleich zu seinem letzten Sieg eine Leistung ablieferte, die sich um 180 Grad wendete. Wie Licht und Schatten. Wie Wärme und Kälte. Die Winter in Finnland waren immer sehr kalt. Und sehr lang. Aber wenn er für alle anderen zu Ende ging, steckte Juhani noch mittendrin. Sein ganzes Leben war von Schmerz, Trostlosigkeit und Verzweiflung bestimmt. ... *** ... „Deine Mutter ist tot“, teilte ihm sein Vater mit tonloser Stimme und leeren Augen mit, „sie hat sich erhängt.“ Juhani starrte ihn fassungslos an. „Sie hat einen Brief hinterlassen.“ Juhani schüttelte den Kopf. Er wollte ihn nicht lesen. Er wollte nicht, dass jetzt auch seine Mutter tot war. Er wollte nur, dass sie lebte. „Sie schreibt, dass sie Sointus Tod niemals würde verwinden können. Deshalb.“ Weshalb? Deshalb. War das Leben wirklich so einfach? Warum tat sie ihnen das an? Juhani war nicht nur traurig, er war auch von seiner Mutter enttäuscht. Hätten sie es nicht gemeinsam geschafft? Wieso kämpfte sie nicht mit ihrem Mann und den beiden Söhnen gegen den Schmerz an, der sie beinahe um den Verstand brachte? Sointu war aus ihrer Mitte gerissen worden. Aber seine Mutter trennte sich freiwillig von ihnen und Juhani verurteilte dies bereits nach wenigen Wochen als eine feige, charakterlose Tat. Er war sich nicht sicher, ob er seiner Mutter das jemals verzeihen würde. Denn er fühlte sich ganz eindeutig im Stich gelassen. Wie konnte sie nur ihre Familie in ein schwarzes Loch werfen? Verstand sie denn nicht, dass Juhanis Vater eine Frau und dass sein Bruder und er selbst eine Mutter brauchten? Verstand sie das alles denn wirklich nicht? Der Kontakt zwischen ihr und ihrem Sohn brach ab, weil Juhani ihn nicht länger zuließ. Eine Bindung wie die mit Sointu, für die der Tod kein Hindernis war, ging er nicht ein, weil er neben der tiefen Verbitterung auch sehr verärgert auf den Selbstmord reagierte. ... *** ... So fühlte Juhani sich wieder, als er Zweiter beim Neujahrsspringen wurde. An der Stimmung um ihn herum hatte sich nichts geändert. Und Juhani riss nicht die Arme nach oben. Er ballte nicht die Faust, sondern wandte sich nur ab und beteuerte von Neuem, dass er nichts getan habe. Inzwischen war ein zweiter Fall bekannt geworden. Beim ersten hatte man keinen Namen genannt. Eine junge Frau behauptete anonym, Juhani hätte sie misshandelt. Doch was sich dann ereignete, das war zu viel. Ein weiteres Mädchen schloss sich an. Sie hatte ein Gesicht. Juhani erfuhr, wie sie hieß. Er kannte sie nicht. Weder waren sie sich auch nur ein einziges Mal begegnet, noch hatte er sie jemals gesehen. Aber er würde sie nie wieder vergessen. Der Ruhetag, an dem die Mannschaften von Deutschland nach Österreich fuhren, war alles andere als das. Juhani wurde mit finsteren Blicken und Beleidigungen bombardiert. Man zeigte mit dem Finger auf ihn und warf ihm Schneebälle an den Kopf, in die man Steine eingeschlossen hatte. Juhani fühlte sich ausgegrenzt. Alle redeten über ihn. Aber kaum noch einer sprach mit ihm, es sei denn, man wollte ihn ausquetschen. „Juhani bleibt“, erklärte der Trainer. Mit dieser Meinung stand er weitgehend alleine da. Viele wünschten, er sollte gehen. Sie duldeten keinen, der unschuldige Mädchen anfasste und ihnen rücksichtslos weh tat, nur um ein bisschen Spaß zu haben. Und sie duldeten außerdem keinen, der nichts zugab und nichts bereute. Sie glaubten ihm kein Wort, wenn er beteuerte, dass er diese Verbrechen nicht begangen hatte. „Du hast in Dreck gebadet“, sagte einer. „Du gehörst nicht zu so aufrichtigen Männern wie uns“, meinte ein anderer. Aber der Trainer hielt an Juhani fest, der immerhin die Tournee-Gesamtwertung mit einigem Abstand anführte und zwar seit neuestem im Training versagte, aber nicht dann, wenn es um Punkte und Platzierungen ging. Juhani war verunsichert. Und er wurde nervös. Er freute sich nicht mehr, sondern stumpfte ab. Und das, obwohl er der Einzige war, der wusste, dass er das Richtige tat. Er hatte sich keine Schuld aufgeladen. Es waren andere, die ihn belasteten. Aber warum? Manchmal glaubte Juhani, dass diese Frage sein Leben dominierte. Warum dies? Warum das? Warum? Und in den meisten Fällen bekam er keine Antwort, gerade so, als hätte niemand seine gequälte Frage gehört. Wahrscheinlich wollte sie bloß niemand hören. Die Einzige, der er sie nicht stellte, war seine Schwester. Sie hatte helfen wollen. Und man nahm ihr alles, nämlich ihr Leben. Jetzt zog man auch Juhani den Boden unter den Füßen weg. Die Parallelen waren leicht erkennbar. Ein Stein brachte viele mehr ins Rollen. ... *** ... „Ich möchte auf keinen Fall, dass ihr das macht.“ Juhanis Vater fleht seine beiden Söhne an. Er bittet seine Kinder ihre größte Leidenschaft einzustellen; ihre einzige. Und er erklärt ihnen, dass er viel zu viel Angst um sie habe. Sein großer Sohn, Juhani, will Skispringen. Und natürlich auch Skifliegen. Das ist gefährlich. Es kann mit schweren Verletzungen enden, im Koma oder sogar im Grab. Der jüngere Sohn, Lauri, möchte Formel-1-Pilot werden. Auch für ihn könnte eine Sekunde Unaufmerksamkeit den Tod bedeuten. Ein winziger Fahrfehler, es muss ja nicht einmal seiner sein und dann ... „Nein. Ich bitte euch, tut das nicht.“ Aber ja. Sie tun es doch. Natürlich können die beiden ihren Vater verstehen. Er hingegen begreift nichts. „Warum liebt ihr das Risiko so sehr? Ich möchte euch nicht verlieren. Wir haben schon zu viel hergeben müssen. Warum stürzt ihr euch freiwillig in die Gefahr?“ Warum? Darum. – Das ist es nicht, weswegen Juhani diesen Weg gehen möchte. Er hat den Sport bereits begeistert verfolgt, als Schwester und Mutter noch gesund und munter gewesen sind. Er trainiert seit Jahren jeden Tag ein paar Stunden. Nichts und niemand kann sich zwischen ihn und seinen Sport schieben. Juhani ist mittlerweile von kleinen Schanzen gesprungen. Sie werden immer größer. Und wenn er eine beherrscht, wechselt er auf die nächst größere. Weit geht es hinunter. Das ist Juhanis Leben. Das ist, was er will. Was er braucht. Er ist nicht hier, um die Verwirklichung seines Traumes aufzugeben. Juhani wird nicht aufhören. Er wird seine Bemühungen nicht einmal unterbrechen. Denn wenn es auch jeden Tag wieder ein Kampf ist, so ist dieser spannend und meistens lohnt es sich die Herausforderung anzunehmen. Wer sich einmal überwindet und in die Ungewissheit hineinspringt, weiß danach, dass für ihn immer nur diese Möglichkeit besteht. *** ... Und so verhielt es sich auch diesmal wieder. Juhani wusste, dass er unschuldig war. Deshalb war es für ihn undenkbar die Tournee abzubrechen. Er war im Recht. Daher würde er sich durchsetzen. Wenn er auch schlechter und kürzer sprang als andere, weil er den Kopf nicht frei bekam, so hatte Juhani doch nicht verloren. Denn er gewann bereits, wenn er bleiben durfte. Er wollte der ganzen Welt zeigen, dass er den Kopf nicht zwischen die Schultern zog. Jedem würde er das offen ins Gesicht sagen. Juhani hatte nichts zu verstecken. Zwar lächelte er nicht in die Kamera, da er verkrampft war. Aber er gab bereitwillig Interviews und wich keiner Frage aus. Wann immer er konnte, gab er Auskunft. Allerdings ließ sich einfach nicht verhindern, dass seine Antworten zum sportlichen Erfolg länger ausfielen als die, die sich mit den armen, zerbrechlichen Mädchen beschäftigten. Die Opfer sexueller Überfälle waren wirklich bedauernswert. Juhani hatte sich übergeben müssen, als ihn ein Alptraum quälte, in dem er über ein hilfloses Mädchen herfiel, das jung und klein war. Abscheu schüttelte ihn. In seinem Herzen loderte eine Flamme auf. Es war Hass, der sich gegen alle richtete, die so bestialisch handeln und das zu allem Überfluss auch noch verantworten konnten. Sie waren grob, hart und mit Sicherheit nicht mehr ganz klar im Kopf, was Juhani von sich nicht behaupten konnte. Denn er sah nicht weg. Er suchte sogar das Gespräch mit den Opfern. Aber er fand es nicht. Das erste Mädchen war und blieb unerkannt. Und das zweite war nicht daran interessiert, dass sein Peiniger kam und sie mit Blicken aufspießte. Juhani fühlte sich ebenfalls durchbohrt. Er hatte so viele Fragen zu stellen und wieder liefen sie alle nur auf eine einzige heraus: Warum? Warum gaben sie vor, dass er Dinge getan hätte, von denen er keine Ahnung hatte? Er war bestimmt nicht betrunken gewesen. Diese Mädchen wollten ihm zweifelsohne schaden. Aber warum? Beruflich oder privat? Privat ... Juhani stöhnte. Er hatte mehrfach versucht seine Freundin Anelma zu erreichen, die er liebte, wie er nie zuvor einen Menschen geliebt hatte und wie er wahrscheinlich niemals einen anderen würde lieben können. Sie hatte ihm Viljami, einen kleinen, strahlenden Jungen geschenkt, der sich prächtig entwickelte. Juhani war auf beide sehr stolz. Er hätte Anelma nicht erklären können, wie glücklich er war, weil sie ihn mit all den Schwierigkeiten akzeptierte, die auftraten, wenn man sich dafür entschied, einen Leistungssportler zum engen Partner zu nehmen. Juhani war kaum zu Hause, aber sie meisterten das. Sie versuchten sich so oft wie möglich zu sehen, telefonierten lange, schrieben sich sogar täglich einen Brief. Besser gesagt, Anelma kam immer dazu, Juhani nur gelegentlich. Aber auch dafür zeigte sie Verständnis. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und sie war nicht nachtragend. Wenn sie konnte, stand sie an den Schanzen, die Juhani bezwang und jubelte ihm zu. Sie hatte mit ihrem Sohn zur Tournee kommen wollen. Doch Juhani konnte sie nirgendwo entdecken. Sie meldete sich nicht bei ihm. Ging nicht ans Telefon. Beantwortete weder E-Mails, noch SMS. Juhani war verzweifelt. Er stellte sich vor, wie erleichtert er sein würde, wenn sich alles aufklärte. Aber bis es so weit war, würde er vermutlich noch lange warten müssen. Und er war nicht sehr geduldig, denn er hatte die Frau seines Lebens zu verlieren. Wie würde sie sich entscheiden? Bis wann würde sie ihn zappeln lassen? Das waren Fragen, die Juhani beschäftigten. Doch an erster Stelle quälte ihn erneut die nach dem Warum. Warum hielt sie nicht zu ihm wie sein Trainer? Sie hätte ihn unterstützen und aufbauen sollen. An ihrer Liebe hätte er sich wieder aufrichten können. Aber Anelma wich ihm aus, als ob sie vor ihm davonlaufen würde. Das war für Juhani unerträglich, denn das hieß nichts anderes, als dass sie an ihm zweifelte. Und da dies so war, wusste Juhani, dass es zwischen ihnen beiden nie mehr so werden konnte, wie es bisher verlaufen war. Nicht gut, sondern bestenfalls schlecht würde das ausgehen, was ein kleiner Vorteil war gegenüber den seelischen Schmerzen, die „sehr schlecht“ besagten. Juhani würde vieles aufzuarbeiten und zu flicken haben. Vielleicht brauchte Anelma ja auch einfach nur ein paar Tage Zeit, um den Schock zu verdauen. Sie musste lernen damit umzugehen, bevor sie wieder auf Juhani zuging. Möglicherweise glaubte sie, sie konnte ihm nur dann eine Hilfe sein, wenn sie gefasst war und sie musste sich zunächst sammeln. Währenddessen konnte Juhani nichts anderes tun als zu hoffen und abzuwarten. Er hatte Angst davor Anelma wieder zus ehen, denn ihr Zögern legte nahe, dass sie den Gerüchten nicht nur Beachtung schenkte, sondern sie womöglich auch für wahr hielt. Machte es unter diesen Voraussetzungen überhaupt Sinn, die Beziehung am Laufen zu halten? Auch Juhanis Trainer schwankte inzwischen im Wind, der von verschiedenen Seiten wehte. Zu viel stürmte auf ihn ein und er war hin und her gerissen. Manches sprach für Juhani, manches aber auch gegen ihn. Wenn er ihn aus der Mannschaft warf und sich später herausstellen sollte, dass sich Juhani keinem der beiden Mädchen auch nur bis auf zwanzig Meter genähert hatte, würden Stimmen laut, die sich darüber beklagten, dass der Trainer seinem Schützling die Chance auf einen überragenden Gesamtsieg der Tournee genommen hatte. Man würde ihn an den Pranger stellen, denn Juhani war ein Athlet, der die Massen mit seinen Sprüngen begeistern konnte. Und bisher lag nichts Handfestes gegen ihn vor. Da waren nur Gerüchte. Sollte man sie für falsch halten, solange ihre Richtigkeit noch nicht bewiesen war? Es gab keine ärztlichen Gutachten. Alles, was bisher vorgebracht worden war, war eine Anklage und danach noch eine. Die Polizei hatte Juhani mehrmals befragt, was natürlich seine Konzentration störte. Und auch die Aufmerksamkeit vieler anderer Springer entwickelte sich auf einen ungünstigen Punkt zu. Juhani gab immer wieder die gleichen Antworten. Er versicherte auch, dass er alles dafür tun würde, um die Angelegenheit aufzuklären. Sein Trainer nahm ihm das ab, denn er kannte Juhani als einen ehrlichen Mann. Und als einen fairen Sportler. Doch reichte das aus, um zu rechtfertigen, dass er die Tournee fortsetzte bis zum bitteren Ende? Wenn sich irgendwann zeigen sollte, dass sich der Himmel über Juhani verdunkelte, weil er gelogen hatte, bedeutete das für seinen Trainer, dass sein Kopf rollen würde. Denn dann würde er, weil er sich lange Zeit vollständig in Juhani getäuscht hatte, alles verspielt haben. Man würde ihn treten, weil er sich vor einen Vergewaltiger gestellt hatte. Andererseits würde man ihn vielleicht auch deswegen schlagen, weil er ihm jetzt nicht den Rücken freihielt. Das Eis, auf dem Juhanis Trainer lief, war dünn und deshalb sehr brüchig. Aber er glaubte an Juhani, der nun rund um die Uhr von der örtlichen Polizei unter Beobachtung gehalten wurde, damit er sich nicht wieder an Wehrlosen vergreifen konnte und damit die Empörung nicht allzu stark wurde. Man schützte die Bevölkerung vor Juhani und Juhani vor der Bevölkerung. Das war natürlich keine Dauerlösung. Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt und Juhanis Trainer hoffte, dass sich möglichst bald alles aufklären würde. Im Moment schützte man noch die Bevölkerung vor Juhani und Juhani vor der Bevölkerung. Aber wer schützte die übrigen Springer, die für Finnland an den Start gingen? Ihre Leistungen sackten nach unten. Juhani war immer das Schild gewesen, das den Druck von ihnen nahm, indem er sich konstant an der Spitze einreihte und so das Interesse der Medien hauptsächlich auf sich zog. In seinem Hintergrund konnten die restlichen finnischen Springer in Ruhe arbeiten. Man kritisierte sie nicht allzu sehr dafür, dass die Leistungen, die sie erbrachten, höchstens mittelmäßig bis mangelhaft waren, denn sie hatten ja Juhani in ihren Reihen, der vieles ausglich. Doch was jetzt in der Luft hing, trug eher dazu bei, dass ein schweres Gewicht auf allen Schultern lastete und die anderen finnischen Springer früh nach unten drückte. Es gab auch innerhalb der Mannschaft zwei Lager. Manche sprachen sich für, manche gegen Juhani aus. Er spaltete die Nationen und sein Trainer fragte sich, ob er die übrigen Athleten dieser Belastung aussetzen durfte, die Juhani zur Zeit mit sich brachte. Am dritten Januar wurde die nächste Qualifikation gesprungen, diesmal in Insbruck und Juhani war wieder so schlecht, dass die Kritik an ihm einen guten Nährboden fand. Ihm war klar, dass er, wenn man ihn im Wettkampf auch um Längen schlug, sofort seine Koffer würde packen müssen. Das setzte ihn zusätzlich unter Druck, aber es war ihm im Moment egal. Zum ersten Mal in seinem Leben war Juhani das völlig gleichgültig. Denn am frühen Morgen hatte er einen Anruf bekommen, der ihn nicht wieder einschlafen ließ. Nachdem er unzählige Male versucht hatte Anelma zu erreichen und sich schließlich sagte, dass er ihr besser die Zeit ließ, die sie brauchte, meldete sie sich bei ihm. Sie war verstört. Aber sie hatte eine Entscheidung gefällt, die Juhani nicht schmeckte. Er war mit sofortiger Wirkung entlassen. Sie kündigte ihm. „Ich kann nicht mehr mit dir leben.“ Der Schmerz fraß auch sie auf. Und er rammte Juhani ein glühend heißes Messer ins Herz, das so scharf und spitz war, dass es ihn beinahe getötet hätte. Für Juhani brach eine Welt zusammen. Anelma schluchzte laut und auch er weinte, aber leise. „Bitte geh mir aus dem Weg. Und halte dich von Viljami fern. Du machst mir Angst, Juhani. Und ich will nicht, dass ihm etwas zustößt. Kannst du das verstehen?“ Ihre Stimme bebte. Juhani hatte Mühe sich zurückzuhalten. Verlangte sie, dass er ihren Entschluss auch noch billigte? Warum? Warum setzte sie sich nicht für ihn ein? Er hatte weder Anelma, noch seinem geliebten Sohn jemals weh getan. Warum erinnerte sie sich daran nicht? Und wenn sie es doch tat, warum rückte sie das nicht in den Vordergrund, wie es sich für eine Frau gehörte, die ihn liebte? Anelma vertrat ihn nicht wie seine Schwester Sointu. Sie kannte ihn nicht weniger gut, aber Sointu liebte ihn weit mehr. Sie legte Juhani das Wort in den Mund, das er ohne zu zögern aussprach: „Nein!“ Sofort beendete er das Gespräch. Darüber würden sie noch reden müssen. Später. Zunächst war Anelma zweitrangig. Oder zumindest sollte sie es sein. Ihr Vertrauen war erschüttert. Doch Viljami konnte sie ihm nicht wegnehmen wie einem der Führerschein entzogen wurde, nachdem man die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten hatte. Und auch nicht seinen starken Willen die Ketten, die ihn zurückwarfen, zu durchbrechen. Juhani blutete. Dann schlug Anelma ihn von hinten nieder. Aber er wollte nicht zu seiner großen Schwester gehen. Dafür war die Zeit noch nicht reif. Stattdessen würde Juhani kämpfen. Er würde es allen zeigen. Er würde sich reinwaschen. Ob er zuließ, dass seine Freundin danach zu ihm zurückkehrte, stand auf einem anderen Blatt. Zunächst einmal wollte Juhani denen, die ihm die Treue hielten, belegen, dass ihre Einstellung gerechtfertigt war. „Du schaffst es“, machte Sointu ihm Mut. Doch viele waren das nicht mehr, wie er während des Springens am vierten Januar abermals verbittert feststellte. Die Fans waren wie seine Freundin. Sie ließen ihn hochleben, wenn er ein Stern am Himmel war. Aber sie wandten sich gegen ihn, sobald an dessen Echtheit gekratzt wurde. Nicht nur, dass sie ihn fallen ließen. Ihre Reaktionen enttäuschten Juhani schwer. Er fühlte sich, als würden sie ihn zum Dank dafür, dass er noch einmal den zweiten Rang belegte, verprügeln. Immerhin glitt er nicht ab. Aber alle prophezeihten ihm doch, dass er bald abrutschen würde. Bald. Und langsam. Aber definitiv. Juhani dachte an seinen kleinen Sohn. Er sehnte sich sehr danach ihn auf den Armen zu wiegen und sein Lächeln zu sehen. Denn um ihn herum lächelte ihm keiner mehr zu außer Sointu, die von früh bis spät und auch noch in seinen Träumen mit Juhani sprach. Sie war neben seinem Bruder sein einziger Halt. Geschwister gehörten eben unzertrennlich zusammen. Lauri rief ihn an. Sie sprachen lange. Er machte Juhani keine Vorwürfe, sondern eröffnete das Gespräch nachdrücklich mit den Worten: „Ich weiß, dass du unschuldig bist.“ Er konnte das nicht wissen, sondern allenfalls sagen, dass er sich sicher wäre. Aber er sagte, dass er es wüsste. Diese Überzeugung war unerschütterlich. Es tat Juhani unendlich gut seinem Bruder Lauri alles zu erzählen. Endlich war da jemand aus Fleisch und Blut, der ihm zuhörte. Endlich war da jemand, der ihn ernst nahm und der ihm weiterhin die Hand reichen würde, ohne die Augen zu verdrehen. Juhani schluckte schwer. Mein Vater, ging es ihm durch den Kopf. Unser Vater ... *** ... Sie entzweien sich. Juhani und sein Bruder verstehen die Sorgen und auch die Bedenken, die ihr Vater äußert. Trotzdem können sie ihm nicht entgegenkommen. Sie können ihm den Kummer nicht ersparen, nicht Leid, nicht Schmerz. Denn sie brauchen ihren Sport, um den Kopf über Wasser halten zu können. Das muss er einsehen, ob es ihm nun passt oder nicht. Wenn er will, dass seine Söhne mit den harten Schicksalsschlägen fertig werden, muss er ihre Entscheidung akzeptieren, anstatt zu versuchen ihren Willen zu brechen. Und er gibt sich auch tatsächlich geschlagen. Doch diese Wunde heilt nicht wieder. Deshalb zieht er aus und im Laufe der kommenden Jahre verschwindet er nahezu komplett aus dem Leben seiner beiden Söhne. Sie schreiben sich zu Weihnachten eine Karte und rufen sich zum Geburtstag an. Sie laden einander nicht ein. Juhani und Lauri wissen nicht, wie es mit ihrem Vater weitergeht. Er hingegen kann viele Medien nutzen, um zumindest einen Einblick zu bekommen, was aus ihnen wird. Sie sind beide sehr erfolgreich. Wie sie darüber denken, dass sie mit ihrem Vater gescheitert sind, erfährt er natürlich nicht, denn das ist nichts für die gierigen Augen der Öffentlichkeit. Er ist nach wie vor verletzt, weil sie, anstatt nachzugeben und sich seinem Wunsch unterzuordnen, sie heil und sicher zu wissen, sich quer gestellt haben. Und sie sind verletzt, weil ihr eigener Vater so wenig Verständnis dafür aufbringt, dass sie den Verlust von Schwester und Mutter nur überleben können, wenn sie an ihren Zielen festhalten. Er hat sie nie aufgefordert den Sport hinter sich zu lassen, aber doch gebeten und gefleht damit abzuschließen. Gebettelt. Bis Juhani und Lauri klar wird, dass es für ihren Vater nicht beides gibt, sondern entweder die Familie oder die Karriere seiner Söhne. Und seit er sich ihnen derart massiv in den Weg stellt, machen sie einen großen Bogen um ihn. „Schade, dass es so weit kommen musste“, meint Juhani. „Es ist offensichtlich nicht zu ändern“, entgegnet Lauri, der an diesem Tag seinen ersten Sieg in der Formel-1 eingefahren hat. Sein Vater reagiert nicht darauf. Nimmt er überhaupt davon Notiz? Oder ist er nur immer noch nachtragend? ... *** ... Das alles, überlegte Juhani unzufrieden, hat zu einer engen Bindung zwischen Lauri und mir geführt. Nicht nur, dass wir uns von Anfang an sehr ähnlich gewesen sind. Wir haben gleiche Träume und gleiche Ziele vor Augen. Jeder versteht den anderen wie kein Zweiter. Was weiterhin dazu beiträgt, ist Sointus unnötiger Tod. Auch der Selbstmord ihrer Mutter verband sie und schließlich schweißte sie die Tragik zusammen, die der Weg mit sich brachte, den ihr Vater eingeschlagen hatte. Zu dritt standen sie an einer symbolischen Kreuzung. Ihr Vater ging geradeaus weiter, ohne sich nach den beiden umzusehen. Juhani ging nach links. Da war sein Herz. Und da war das Skispringen. Lauri wollte nicht zum Skispringen. Also entschied er sich nach rechts zu wenden. Er blieb mit Juhani auf einer Linie. Auf gleicher Höhe. Daran dachte Juhani, als plötzlich die Tür zu seinem Zimmer aufging. Sein Trainer hatte nicht geklopft. Er blickte Juhani einfach nur traurig an und dieser wusste, was die Stunde geschlagen hatte. „Es tut mir Leid, aber ich muss mich beugen. Du bist für unser Team nicht länger tragbar.“ Juhani stockte der Atem. „Es gibt noch ein drittes Mädchen, das du vergewaltigt haben sollst“, fuhr der Trainer fort und richtete den Blick zu Boden. Hört das denn nie auf?, fragte sich Juhani. Er hatte keine Wahl. Er würde abreisen müssen. „Deine Person ist so sehr belastet, dass du zu einem schlechten Vorbild geworden bist. Alle, die zu Hause vor den Fernsehgeräten mitfiebern oder dir nacheifern wollen, könnten zu der Auffassung gelangen, dass eine Vergewaltigung doch nicht so schlimm ist, wenn du ungeschoren davonkommst.“ Der Trainer wich seinem Blick aus. Er ging schneller wieder, als er gekommen war. Doch nicht so schlimm, dachte Juhani. Abermals stieg Übelkeit in ihm hoch. Er würgte ergeben, während ihm eiskalt wurde. Ein paar Minuten Spaß, vielleicht auch nur ein paar Sekunden, den diese Schweine sich nahmen, war für sie Grund genug, um die ruhige, geregelte Zukunft einer Frau auszulöschen. Um Angst und Schrecken zu verbreiten. Warum gingen sie nicht in ein Bordell? Warum nicht? Da war sie wieder, diese Frage, die Juhanis Leben beherrschte. Machte es ihnen Spaß, wenn sich die Frauen wehrten? Sie zu bedrohen, verbal oder auch mit Waffen? Wenn sich ihre Augen furchtsam weiteten und sie alles mit sich geschehen ließen, nur um nicht sterben zu müssen? Warum trieb so viele Männer das zu so hartherzigem Handeln an? Sie waren gefühlskalt und egoistisch. Juhani wurde schwindelig, wenn er nur daran dachte. Alles begann sich um ihn zu drehen. Immer schneller und schneller. Er musste sich setzen. Am liebsten hätte er diesen Männern das angetan, wofür man zur Zeit ihn verantwortlich machte. Im Moment spielte es nur eine untergeordnete Rolle für ihn, dass er seine Koffer packen musste. Er hatte das zwar registriert und er wusste auch, was es bedeutete und doch verstand er es noch nicht. Es machte einfach nicht klick, weil der Trainer ihn außerdem noch etwas viel schwerwiegenderes hatte wissen lassen: dass sich noch ein drittes Opfer zu Wort gemeldet hatte, das schamlos vergewaltigt worden war. „Du bist es nicht gewesen“, sagte Lauri. „Du bist es nicht gewesen“, pflichtete Sointu ihrem Bruder in Juhanis Gedanken bei. Aber welchen Unterschied machte das jetzt noch? Für alle anderen würde er es sein Leben lang gewesen sein. Er würde in diese Rolle hineinwachsen müssen, wie man ein Kleidungsstück anlegte. Allerdings kam es nicht darauf an, ob ein Leben mehr oder weniger geschändet und verwüstet wurde. Ausschlaggebend war einzig, dass der wahre Täter noch frei herumlief und weitere Verbrechen planen konnte. Juhani musste ihn aufhalten. Oder sie. Einen skrupellosen Vergewaltiger, zwei oder drei - und das war vielleicht nur der Anfang. Juhani musste sie aufhalten. Aber das konnte er nicht, weil er keinen Anhaltspunkt hatte. Weil alle sich auf ihn einschossen. Sich auf ihn festgelegt hatten, sodass er, anstatt dafür sorgen zu können, dass die Täter ans Licht kamen und ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden, sich selbst verteidigen musste. Ihm waren die Hände gebunden, wenn Lauri und Sointu auch wussten, worauf ja nicht einmal Anelma noch vertraute: dass er unschuldig und keineswegs rücksichtslos war. Doch an diesem Abend wurde die Wendung eingeleitet. Es war ein Japaner, der zugab: „Dieses dritte Mädchen ... Juhani hat sie nicht vergewaltigt.“ Der Japaner schämte sich sehr, aber er wusste, dass er Juhani von seinen Fesseln befreien musste. Deshalb trat er vor die versammelte Presse. Er konnte aber niemandem in die Augen sehen, als er feststellte: „Das war ich.“ Daraufhin begannen viele Juhani doch wieder in ihr Herz zu schließen, wenn sie auch nur zögernd nachgaben. Denn Juhani konnte nach wie vor zwei andere Mädchen vergewaltigt haben. Was die beiden betraf, war da noch nichts mit Sicherheit geklärt. Aber jetzt war Juhani nicht länger definitiv eine Schande für Finnland, sondern nur noch eventuell. Der Hass gegen ihn nahm ab, da er auf den Japaner umgelenkt wurde. Dieser hatte unter allen Umständen einer jungen Frau Gewalt zugefügt, wohingegen Juhani sie in zwei weiteren Fällen nicht nachweisbar verübt hatte. Einmal war er es nicht gewesen. Das legte die Meinung nahe, dass man ihn auch die anderen beiden Male zu Unrecht verdächtigt hatte. Die meisten verachteten und verabscheuten jetzt den Japaner, wo hingegen Juhani ihn bewunderte. Ein weiteres Mal unterschied er sich von allen anderen, von denen Juhani nicht mehr aufgenommen werden wollte. Er hatte seine Lektion gelernt und Sointu bestärkte ihm in dem Entschluss, auf den Japaner zuzugehen, bevor er abgeführt wurde. Nur dieser hatte ihm schließlich tatsächlich geholfen. Er nahm die Schuld auf sich, was ein Schritt war, der sich danach nicht mehr rückgängig machen ließ. Ein Schritt, der ihn in bodenlose Tiefe stürzte. Und der Juhani Luft zum Atmen gab. Er ging zu dem Japaner, um sich bei ihm zu bedanken. „Ich habe es wirklich getan. Mit den anderen beiden Vergewaltigungen habe ich nichts zu tun. Aber die dritte geht wirklich auf meine Rechnung.“ Seinen Augen konnte Juhani entnehmen, dass das die Wahrheit war. „Ich weiß nicht“, setzte der Japaner, der Juhanis Blick nicht auswich, hinzu, „was da über mich gekommen ist. Aber ich weiß, dass ich so etwas nie wieder tun würde. Nicht noch einmal! Und dass ich dich aus diesem Strudel reißen möchte.“ Er unterstützte Juhani nach Kräften. Gab sich selbst für ihn auf und hatte alles verloren. Juhani würde ihm endlos dankbar sein. Der Japaner war ausgerutscht. Er war vom rechten Weg abgekommen. Aber er hatte zurückgefunden. Aber hätte er sich auch zu seiner Untat bekannt, wenn man sie nicht einem anderen zu Lasten gelegt hätte? Außerdem stand da noch immer die Tatsache, dass er ein Mädchen vergewaltigt hatte. Juhani wusste nicht zu sagen, welcher Faktor wie schwer wog. Er hatte den Japaner schon immer für kühl und berechnend gehalten. Bestätigte sich dieser Eindruck? War der Japaner insgesamt mehr schlecht als gut oder mehr gut als schlecht? Und wie verhielt es sich mit Anelma? *** Als er sie kennen lernt, begreift Juhani allmählich, dass er Sointus Tod würde verwinden können. Anelma schenkt ihm das Leben zurück. Doch dann wird sie bei einem Unfall schwer verletzt. Die Straße ist spiegelglatt, als sie sie überquert. Ein Wagen, der sich nähert, gerät ins Rutschen. Er fährt nicht schnell, aber er erfasst Anelma. Sie wird schwer verletzt. Man kümmert sich sofort um sie, auch der unglückliche Autofahrer. Als Juhani davon erfährt, hat man Anelma inzwischen ins Krankenhaus gebracht. Erinnerungen an ihre Gemeinsame Zeit überschwemmen ihn. Er nimmt nichts mehr wahr, nur noch die unzähligen Gedanken an Anelma, die sich endlos aneinanderreihen und im nächsten Moment im Kreis drehen. Verzweiflung. Panik. Bestimmt hat er seine Freundin für immer verloren. „Nein“, beruhigt ihn Sointu, „Anelma lebt.“ Ihr Zustand ist allerdings kritisch. Ist sie bei Bewusstsein? Kann Juhani mit ihr sprechen? Nein. Immer wieder nein. Geht es ihr gut? Nein. Sie liegt im Koma. Wird Anelma jemals wieder völlig gesund? Wenig später nimmt sich Juhanis Mutter das Leben. Ist sie es, die Anelma zu ihm zurück schickt, die auf der Schwelle zum Tod steht? Erkennt sie, wie sehr sie Juhani verletzt hat und tut ihr Leid, was sie nicht mehr ungeschehen machen kann? Oder holt Juhani Anelma ins sichere Leben zurück? Oder kommt sie von sich aus zu ihm? „Bleib bei mir. Komm zu mir zurück!“ Er sitzt stundenlang an ihrem Bett und redet mit ihr. Er erzählt ihr Geschichten oder beschreibt ihr, wie er sich fühlt. Juhani hofft, dass sie ihn hört. Er glaubt nicht daran. Trotzdem spricht Juhani weiter. Aber weint nicht in ihrer Gegenwart, weil er ihr nicht zusätzlich Schmerzen bereiten will. Also tut er das nur dann, wenn Lauri bei ihm ist oder wenn er mit Sointu alleine sein kann. Juhani greift nach Anelmas Hand. Sie ist warm, also lebt seine Freundin. Anelma sieht in ihrem weißen Nachthemd aus, als würde sie schlafen. Juhani fühlt sich leblos und müde. Anelmas Gesicht ist so unendlich leer. Wenn sie sterben muss, ist auch er tot. Das glaubt er zunächst. Bis Sointu ihn davon überzeugt, dass er nicht aufgeben darf. Er vernachlässigt den Sport, aber alle kommen ihm verständnisvoll entgegen. Und dann kehrt Anelma zu ihm zurück. Da weiß Juhani, dass er das Schlimmste überstanden hat. Nichts würde ihn jemals wieder so sehr aus der Fassung bringen, dass er sich wünscht zu sterben, um bei Sointu sein zu können. Zumal Sointu ihm unnachgiebig erklärt, dass er noch Zeit hat. Sein Weg sei ein anderer, heißt es immer wieder und ein knappes Jahr später erhält Juhani die Bestätigung dafür, als Anelma Viljami zur Welt bringt. Sie schenkt nicht nur ihrem Sohn das Leben, sondern auch der Vater fühlt sich wie neu geboren, als er das schreiende, zappelnde Bündel zum ersten Mal an sich drückt. *** Wer musste hier sterben? Für Juhani war es ein Wechselbad der Gefühle. So tief unten wie er heute war, so hoch oben konnte er morgen sein. Er schwankte andauernd hin und her. Dennoch lebte er zweifellos, denn er wollte nur Gutes und Gerechtes. Er wollte Freude verbreiten und andere glücklich machen wie auch der Autofahrer, der die Kontrolle über seinen Wagen verloren hatte. Ihn traf keine Schuld. Was er gewollt hatte, war nichts als dass Anelma wieder aufrecht stehend durchs Leben gehen konnte. Sie hatte überlebt. Und auch Sointu war auf ihre Weise noch am Leben, obwohl sie zu den Toten zählte. Sie war gut wie ihr Bruder Lauri. Aber was war mit den Opfern von Vergewaltigungen? Konnte man, was sie betraf, auch einfach so sagen, dass sie lebten? Starben sie für immer oder konnten sie wieder leben wie Anelma, wie Sointu oder auch wie Juhani, wenn sie wussten, dass sich die ausgleichende Gerechtigkeit durchsetzte und das Scheusal, das ihnen das alles angetan hatte, nun ebenfalls leiden musste? Wenn sie sich in Zukunft vor seinen Händen und vor seinem Mund bewahrt fühlen konnten? Wenn sie nicht länger fliehen mussten? Und wie war das mit den Tätern? Der Japaner beispielsweise, galt er in Juhanis Augen als tot, da er einer so grausamen Tat in die offenen Arme gelaufen war, anstatt ihr auszuweichen und sie zu umgehen? Oder galt er als lebendig, weil er - besser spät, als nie - aufrichtige Reue zeigte und sich zu seinen Fehlern bekannte? Juhani blieb keine Zeit sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn Lauri hielt bereits die nächste Überraschung für ihn bereit. Er erwartete ihn vor dem Hotel. Neben ihm stand ein Mädchen mit roten, verquollenen Augen. „Da hast du sie, Irmeli“, stellte Lauri ihm das Mädchen kühl vor, „die Tochter der zweiten Frau unseres Vaters.“ Irmeli schloss die Augen, als sie Juhani die Hand reichte. Warum konnte sie ihn nicht ansehen? – Weil sie das Mädchen war, das zweite Mädchen, das Juhani auch vergewaltigt haben sollte. „Sag ihm alles“, befahl Lauri ihr. Sie stammelte und es dauerte eine Weile, bis sie den Faden fand. Ihre Stimme klang erstickt. „Es tut mir Leid. Ich wollte nicht -“ „Doch“, fiel Lauri ihr ins Wort, „genau das wolltest du. Aber dann“, ergänzte er mit vergleichsweise sanfter Stimme, „bist du zu mir gekommen, um dich zu stellen.“ Sie ist wie der Japaner, dachte Juhani. Ihm wurde warm ums Herz. Im nächsten Moment blieb es beinahe stehen. Was hatte sein Bruder gesagt? Dieses Mädchen war die Tochter der zweiten Frau seines Vaters? „Er hat noch einmal geheiratet. Meine Mutter hat es aber nicht lange bei ihm ausgehalten. Sie hat immer gesagt, dass er sie verrückt macht. Aber ich konnte ihn verstehen. Er ist wütend auf euch beide, frustriert und zutiefst enttäuscht. Er braucht seine Söhne, um die Schmerzen niederringen zu können, den der Tod von Tochter und Frau für ihn bedeuten. Er hat euch nicht verlassen, nachdem seine Frau von ihm gegangen ist. Er dachte, ihr steht das gemeinsam durch. Aber dann habt ihr mehr Wert auf die Erfüllung eurer Träume als auf seine Liebe gelegt. Ihr habt ihn zurückgestoßen.“ Waren sie für ihn gewesen, wofür Juhani seine Mutter nach ihrer Wahl zum Freitod gehalten hatte? Sein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Juhani senkte den Blick zur Erde. Dessen ungeachtet fuhr Irmeli mit Tränen in den Augen fort: „Und ohne euch beide, was hat er da denn noch?“ „Und da hast du ...?“ Juhani war entgeistert. „Genau. Da habe ich gesehen, wie sehr ihr ihn verletzt habt. Meine Mutter ließ sich bald wieder scheiden. Aber ich bin bei ihm geblieben, nicht bei ihr. Und ich wollte Rache. Du solltest dafür bestraft werden und ebenso eingehen wie er. Schrumpfen und dann zusammensacken. Ich habe zunächst nur noch nicht gewusst wie. Aber dann kam die Gelegenheit und ...“ Sie unterbrach sich, da Juhani ihr eindringlich in die Augen sah. Auch sie hielt Juhanis Blick stand. „Ich bin zu eurem Vater gegangen und habe ihm alles gebeichtet.“ „Dann hat sich das schlechte Gewissen durchgesetzt“, beendete Lauri die Zusammenfassung. Es war eine Aufsehen erregende Erhüllung und Juhani wusste nicht, ob er sich freuen oder weinen sollte. Warum stand Irmeli jetzt hier vor ihnen? Weil sie das wollte oder weil Lauris und sein Vater das so haben wollte? Es gab keine eindeutigen Antworten mehr. Der Einzige, von dem Juhani eine solche bekam, war der Trainer, welcher einen Rückzieher vom Rückzieher machte und ihn nun doch nicht aus dem Kader nahm. Und am sechsten Januar siegte Juhani wieder. Und die Fans jubelten wieder. Micha, sein härtester Konkurrent, stürzte in Bischofshofen schwer und wurde sofort bewusstlos. Man legte ihn auf eine Bahre und ein Krankenwagen fuhr mit ihm davon. Das tat Juhani sehr weh. Micha, ein ehrgeiziger, aber gerechter Sportler, hatte viel verloren. Und er konnte noch viel mehr verlieren. Juhani dachte an seinen Vater. Gleichzeitig kam ihm wieder in den Sinn, dass am Morgen ein Journalist zugegeben hatte die Geschichte über die erste Vergewaltigung frei erfunden zu haben, um Zündstoff in die Tournee zu bringen. Die unangenehmen Folgen, die das Feuer, das er entzündete, auslösten, waren ihm gleichgültig. Er war der Erste, der diese Information unter die Leute brachte und wenn er auch eine unglaubliche Geschichte erfinden musste, um sich in den Mittelpunkt stellen zu können, so war der eifrige Journalist doch begeistert gewesen, als die Bombe in die Luft gegangen war. Er sonnte sich in seinem ganz eigenen Erfolg. Dass Juhani darunter litt, störte ihn zunächst nicht. Es machte ihm erst etwas aus, als andere Meldungen folgten und er immer weniger kontrollieren konnte. Alle Augen richteten sich jetzt auf Juhani; keiner schaute ihn noch an. Er. Er hatte ja nicht gewusst, was er damit ins Rollen brachte. Auch dieser Journalist war irgendwie wie der Japaner und die Tochter der zweiten Frau von Juhanis Vater. Auch er gestand seine Schuld ein. Aber was war sein Motiv? Und was hätte er getan, wenn nicht so viel Schlimmes gefolgt wäre? Oder dann, wenn die anderen beiden nicht vor ihm zugegeben hätten, was sie verbrochen hatten? Die Fans jubelten Juhani jetzt wieder zu. Sie schrien wie früher seinen Namen und wollten ihn auf Händen tragen. Juhani wollte nichts mehr davon wissen. Sein Sprung war der Letzte. Er war hoch gewesen. Und weit. Doch Juhani hatte verlernt sich zu freuen. Er sah Oliver, einen ehrgeizigen, aber ungerechten Sportler, der die Tournee gewann. Und auch Juhani gewann die Tournee. Sie hatten mit je acht Sprüngen auf das Zehntel genau gleich viele Punkte gesammelt. Aber Juhani ließ sich nicht feiern wie Oliver. Die beiden waren wie Tag und Nacht. Juhani fühlte sich abwesend. Er zeigte keine Reaktion, sondern starrte nur teilnahmslos vor sich hin, bis ihm schwere Tränen über die Wangen rollten. „Glück und Unglück liegen so nahe beieinander, dass du nicht einmal einen Schritt machen musst, um vom einen zum anderen zu kommen“, hatte sein Bruder Lauri nicht nur einmal gesagt. ' Zum Seitenanfang // Zur Startseite |