vorja
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"Ich habe doch Bescheid gesagt ..." Von Stefani Guttstadt Wir sitzen alle beim Abendbrot. Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und meine Schwester. In meiner Tasse ist roter Tee und meine Mutter hat mit kleine Häppchen gemacht. Ich wollte das doch selber. "Das kannst du noch nicht, du bist noch zu klein", entschied meine Mutter. Auf dem Tisch stehen so viele leckere Sachen. Davon hätte ich auch gerne was. Wenn ich doch erst so groß sein könnte, wie meine Schwester, die darf das und ist schon fünf, denke ich für mich. Das laut sagen, hätte ich das nicht gedurft. Alle hätten mich ausgelacht. Trotzig starre ich auf das Brot. Es ist Schwarzbrot mit Mettwurst. Eigentlich mag ich das ganz gerne. Ich nehme ein Häppchen und spiele damit rum. Ich mag gar nichts mehr. Meine Beine kleben am Stuhl fest. Es ist gelbes gepolstertes Plastik. Es tut weh, wenn man sich bewegt. Man klebt daran fest. Und dann ist da auf einem Mal diese Schlange in meinem Bauch. Es tut schrecklich weh. Sie bewegt sich ganz doll. Sie beißt mir auch in den Bauch. Ich fange an zu weinen. "Uuh, mein Bauch tut so weh", schluchze ich. "Ich glaub' ich muss mal, auuh". Dicke Tränen kullern über mein Gesicht. Mit dem Handrücken wische ich sie weg. Mein Bruder und mein Vater springen auf. Mein Bruder holt den Topf. Vorsichtig klettere ich vom Stuhl. Nur nicht kleben bleiben. Nun tut beides weh, mein Bauch und meine Beine. Ich kann kaum gehen. Es tut so weh. Bei jedem Schritt windet sich die Schlange und beißt mich immer wieder. Warum tut sie das ? Mein Bruder ist mit dem Topf zurück und stellt ihn am anderen Ende des Zimmers hin. Mein Vater schnappt mich an beiden Oberarmen und trägt mich zum Topf. Er hält mich hoch. Nun schreie ich. Alles tut so weh. Mein Bruder zieht mir die Unterhose runter. Ich sehe etwas Braunes an den Beinen, bis zu den Knien, und an der Hose. Ich kriege Angst. Was ist das, ich hab' doch gar nichts gemerkt ? Mein Vater setzt mich auf den Topf. Und dann prasseln mir die Schläge ins Gesicht. Sie schimpfen alle. Meine Mutter steht nun auch neben mir. Sie schimpft am
lautesten. Sie schlägt auch. Ich weiß nicht warum. Ich versuche meinen Kopf mit meinen Armen zu schützen. Die
Schläge hören langsam auf. Was habe ich getan ? Fragend blicke ich nach oben.
Aber nur böse Blicke starren mich von allen Seiten an. Große, böse, drohende Gestalten. Sie sind über mir und ihre Blicke funkeln wütend auf mich
nieder. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Ich habe doch Bescheid gesagt ... Ich werde nach oben ins Badezimmer getragen, gewaschen und ins Bett gesteckt. Es ist Mittags. Ich liege ganz alleine in meinem Gitterbett. Ich soll schlafen. Oh, wenn ich doch nur schon
größer wäre. Meine Schwester braucht keinen Mittagsschlaf mehr zu machen. Aber ich soll schlafen. Und das geht nicht. Und ich will auch nicht und ich
bin auch gar nicht müde. Ich will lieber weiterspielen. Und - , wegen der Schlange in meinem Bauch. Sie ist schon
wieder da. Sie beißt mich auch schon wieder. Und es tut wieder weh. Ich kriege Angst. Wenn ich jetzt zum Klo gehe, dann schimpfen die, weil ich doch keinen Mittagsschlaf mache. Und vielleicht auch gerade, weil ich zum Klo gehe. Ich überlege, wie ich aus dem Bett kommen kann. Da ist irgendwo in der Mitte des Gitterbettes eine Stange lose. Ich habe es gesehen. Die kann ich rausziehen. Und dann kann ich da aus dem Bett klettern. Aber ich werde bestimmt erwischt, wenn ich über den Flur zum Badezimmer gehe. Ich sehe die Stelle schon vor mir: auf dem Flur, neben der Treppe bin ich gerade, als meine Mutter die Treppe raufkommt und mich dort sieht. "Du sollst doch schlafen", schimpft sie und schon brennt ihre Hand in meinem Gesicht. Ich konnte gar nicht erklären, daß ich Bauchweh habe und doch nur zum Klo wollte. Aber, was soll ich tun ? Es tut so weh in meinem Bauch. Ich fange an zu weinen. Ich muss doch
zum Klo! Aber sie sagen bestimmt, das erfinde ich nur, weil ich nicht schlafen will. Und wenn ich dann doch ins Bett mache, dann verhauen sie mich wieder. Und wenn ich doch einfach zum Klo gehe ? Wieder sehe ich das Bild vor mir: von der Stelle auf dem Flur neben der Treppe. Oder spätestens, wenn ich vom
Klo komme. Dann hören die doch, dass ich die Spülung betätigt habe. Und wenn ich einfach vergesse aufzuziehen ? Aber dann fragen sie, wer das war. Und dann kommt doch alles raus. Und dann höre ich Schritte. Langsam und schwer kommen sie die Treppe herauf. Tap, tap, tap .. Ich wage nicht
mehr zu atmen. Hoffentlich werde ich nicht erwischt, weil ich ja nicht schlafe. Ich verfolge mit meinen Ohren die Schritte. Sie sind jetzt auf dem Flur. Sie
kommen langsam näher. Ich habe Angst. Ich bleibe stumm, die Tränen kullern mir aus den Augen. Und dann steht mein Vater im Zimmer. Mit großen, nassen Augen schaue ich ihn an. Zum Glück ist er es. Ich schluchze. Ich bin etwas beruhigt. Wenn meine
Mutter das gewesen wäre ..... Wortlos nimmt mich mein Vater aus dem Gitterbett, auf seinen Arm und trägt mich zum Klo. |