vorja
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Geschichten von Britta Hoffarth Keinen BH mehr – ein Roadmovie Ich sitze öfter abends und länger vor dem PC, seit ich alleine schlafe. Habe mich mit T. über undoing gender unterhalten und sie meinte, sie trüge jetzt keinen BH mehr. Stimmt, denke ich, und: cool, und ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn ich keinen BH trage. Und mir fällt J.s Geschichte wieder ein, wie dieser Typ sie angequatscht hat, nur weil er sich angemacht gefühlt hatte, weil sie keinen BH trug. Ekelhaft. Den Typen mein ich. T. und ich haben herausgefunden, dass undoing gender etwas Anderes für sie bedeutet als für mich. Wir haben viel über Klamotten gesprochen – ist da heute noch Revolution in den Hosen? Und wie viel Sprengstoff steckt unter meinem Rock? – eigentlich stehen wir auf ziemlich ähnlichen Fummel. Nur – wir stecken in völlig unterschiedlichen – Phasen. Sie muss damit sagen, dass sie stark ist, oder so, dass sie sich nicht auf die üblichen Spielchen einlässt, sie demonstriert damit ihr „Ich-bin-nicht-so-weiblich-wie-ihr-mich-haben-wollt.“ Ich wünsche mir, während ich das hier aufschreibe, dass es stimmt, ich will nichts, was sie gesagt hat, verdrehen, das ist mir zu wichtig, gerade, weil ich es anders sehe. All hands on the bad one. Wenn ich einen Rock anziehe, dann hat es für mich eigentlich dieselbe Bedeutung. Nur anders verpackt: die Frau, die aus mir wurde, kann ich sein, aber ich kann auch mit Absätzen Tische tragen. Aber ich hab keinen Bock drauf, ohne BH herumzulaufen. Und das ist echt ok. Beides, mein ich, und am okaysten ist, dass wir beide das ok finden. Wir ergänzen uns ganz gut an diesem Abend. Und die ganze Zeit hab ich gedacht, es ist wie immer, ich trag ein Etikett mit mir herum, das ist unerhört, wirklich. Bin ich ich, wenn ich mich spiele. Nur mit Make-up bin ich echt. The magics in the make up. Manchmal trau ich mir ungeschminkt nicht über den Weg. Echt. Dass mich jemand ansieht, macht mich echt fertig. Scheiß-BH hin oder her. Keinen BH zu tragen ist antipatriarchal. Frau zu sein auch. B. kommt an unsern Tisch – fünf Jahre nicht gesehen, ganz schön heftig, wenn sich jemand in so langer Zeit nicht ein winziges bisschen in der Lage ist zu verändern – linst auf die Blättchen, die T. faltet und fragt, ob wir ein Bier wollen. Klar. Aber den Sticky rauchen wir alleine. Emanzipiert zu sein, kann echt effizient sein. ***** Common Gateway Interface Die Situation spitzte sich zu. Als ich später, es muss so gegen halb zwölf, zwölf gewesen sein, noch einmal aus seinem Zimmer kam – nachDEM wir miteinander geschlafen hatten, und das nicht zu knapp: alle Register gezogen, Sex ist dann guter Sex, sobald dir bei dem, was du tust, nicht langweilig wird – lief der Fernseher immer noch und während meine Augen sich an die blaubestrahlte Dunkelheit zu gewöhnen versuchten, überlegte ich, ob sie ihn einfach hatte laufen lassen, ob sie vielleicht einfach so ins Bett oder womöglich vor der Kiste eingeschlafen war. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass außer uns noch jemand wach war im Haus. Aber da sah ich sie im Halbdunkel sitzen, in eine Decke gewickelt, sie überraschte mich, sah mich unverwandt an, vermutlich hatte ich sie erschreckt, als ich gedankenlos die Tür öffnete. Jetzt dachte ich nur, scheiße, wie muss ich aussehen, total zerzaust, und eigentlich, ganz eigentlich, war mir das – und in diesem Augenblick rundete der Abend sich ab, gab er sich selbst einen Titel und einen vollkommenen Höhepunkt– ziemlich recht. Sollte sie denken, was sie wollte, und meinetwegen noch mehr, wilde Dinge sollte sie sich ausmalen, die da passiert sein mochten, hinter seiner Tür. Aber vielleicht brachte sie es nicht einmal dazu, sich auszudenken, was wirklich geschehen war. Schade, dass ich mich wieder anziehen musste, weil es zum Nacktschlafen mittlerweile zu kühl war. „Is noch Wasser da?“ fragte ich schlechtlaunig und wies auf den mit Pizzaschachteln. Weinflaschen und Zigarettenschachteln überladenen Tisch. „Ja“, sie deutete auf die Tür zum Keller. Feindberührung. ***** Zum Seitenanfang |