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Von Ute Hochgrebe am 25.1.95 Heute vor 50 Jahren - ich war 13 Jahre alt - fuhr ich in einem überfüllten Eisenbahnzug vor dem Artilleriegedonner in wahnsinniger Angst vor den anrückenden russischen Soldaten aus Weichsel in Oberschlesien, ein Ort an der Quelle der Weichsel, Richtung - ja, wohin eigentlich, fort. Besonders in diesem Jahr 1995 bewegen mich meine Gedanken an die Vergangenheit sehr stark, selten habe ich in den letzten 50 Jahren so intensiv die Zeit von damals wieder durchlebt. Vielleicht, weil in diesen Tagen besonders viel an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz/Birkenau erinnert wird und weil in diesem Jahr der 50.Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Naziterror - am 8.Mai - ist. Es war damals, 1945, seit sechs Jahren Krieg. Als 12jähriges Mädchen (so alt wie Tim heute ist) hatte meine Mutter mich mit meiner Schule in die Kinderlandverschickung, aus Berlin fortgeschickt. Damit ich ruhig schlafen konnte und meine Gesundheit nicht Schaden nehme. Es tobte damals ein schrecklicher Krieg, heute weiß ich natürlich, was damals alles geschah; darüber will ich Euch auch meine Gedanken aufschreiben, damit Ihr einmal wisst, warum Ihr das Glück habt in einer Demokratie zu leben. Und warum ich auch mein Leben lang für Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen eingetreten bin und dafür gekämpft und gestritten habe. Berlin war damals die Hauptstadt Deutschlands, und ich verlebte in einem gut bürgerlichen Haus eine glückliche Kindheit. Auch als es Krieg gab, mein Vater als Soldat eingezogen wurde und damit nicht mehr bei uns war, veränderte sich eigentlich nichts. Wir sorgten uns, wenn keine Feldpost (so nannte man die Briefe der Soldaten) kam, aber Vati kam oft zum Urlaub nach Hause, und dann war es immer wieder besonders schön. Damals war Deutschland, seit 1933 -ein faschistischer Staat, die Menschen waren nicht frei, wer gegen den Staat war kam in ein Konzentrationslager, wie auch alle Menschen jüdischen Glaubens, denn nur die „reine arische“ Rasse sollte bestehen und nach dem siegreichen Krieg die Welt beherrschen. Ich begriff das alles damals nicht, ich war eigentlich sehr stolz darauf, ein “Deutsches Mädel” zu sein, im Jungvolk, einer Vororganisation der Hiltlerjugend sein zu dürfen und dort auch schon bald Wimpelträgerin zu sein. Alles Begriffe, mit denen keiner von Euch sicherlich umgehen kann : in der Hitlerjugend wurden vor allem die männliche Jugend im Alter von 14 Jahren aufwärts darauf vorbereitet, eines Tages als Soldaten für den “Führer und das deutsche Volk” in den Krieg zu ziehen, um für das Vaterland zu kämpfen (und zu sterben). Für die weibliche Jugend gab es den Bund Deutscher Mädchen (BDM); auch sie wurden für den Führer und den Staat erzogen, damit sie ihm eines Tages gesunde arische, also deutsche, blauäugige, blonde Kinder gebären können. Alle 10 - 14 jährigen Kinder kamen entweder zum Jungvolk oder zu den Jungmädchen, um auf das Kommende in teilweise spielerischer, aber auch sehr stramm disziplinierter Form vorbereitet zu werden. Alle hatten Uniformen, wir Mädchen schwarze Röcke, weiße Blusen, ein schwarzes Dreiecktuch, das um den Hals geschlungen und mit einem braunen Lederknoten festgehalten wurde und wir hatten auch eine braune Jacke (in der Art einer Windjacke) aus dickem Stoff, damit wir auch bei kaltem Wetter gleich angezogen waren. Wenn man eine Uniform anhatte, mussten wir mit dem Hitlergruß (der rechte Arm wurde dazu ausgestreckt und „heil Hitler“ gerufen) jeden anderen Uniformierten, auch die Soldaten grüßen. Wir waren sehr stolz darauf, besonders in diesem Krieg, bei dem “unsere Soldaten in Russland und in Frankreich für das Vaterland kämpften”, mit dazu zu gehören und fühlten uns eigentlich sehr erwachsen. Da in diesen Kriegsjahren die Lebensmittel knapp waren, gab es für alles Bezugsscheine, von der Milch angefangen, über Schuhcreme bis zu Schuhen oder anderer Kleidung. Uns ging es in Berlin - im Verhältnis zu anderen Städten oder den Landkreisen, verhältnismäßig gut, denn es gab immer wieder “Sonderausgaben”, weil in Berlin immer sehr schwere Bombenangriffe waren und weil die Stadt als Reichshauptstadt etwas Besonderes war. Die Stadt war die Hauptstadt des Landes und die gesamt Regierung war hier natürlich auch. Und damit die Menschen -trotz Krieg - nicht klagten, gab es hin und wieder Sonderrationen. So gab es immer Obst, wir wussten was z.B. Melonen waren, denn die lieferten “unsere Verbündeten” aus Italien und Spanien oder vielleicht wurden sie aus dem besetzten Griechenland oder Jugoslawien eingeführt. Auch hatten wir während des Krieges Apfelsinen und Mandarinen, die andere Kinder meines Alters erst 1952 oder später kennen lernten. Aber worauf ich hinaus wollte: diese Lebensmittelmarken wurden von den Geschäften von einer Karte, die einmal im Monat ausgegeben wurde, abgeschnitten, gesammelt - und dann mussten sie auf großen Bögen aufgeklebt werden, damit die Geschäfte dann wieder neue Waren bekommen konnten. Da alle “kriegsfähigen” Männer nicht mehr da waren und die Frauen alle Arbeit machten, wurden wir Kinder zum Markenkleben eingesetzt. Nicht gezwungen, ist ja klar, aber man wurde mit etwas Druck doch bewegt, für “Führer und Volk in der Kriegszeit” auch da zu sein. So klebten wir nachmittags Brot-oder Lebensmittelmarken und waren stolz. Keiner klärte zumindest mich auf, nur manchmal nachts bewegten mich viele Fragen der Unsicherheit, wenn ich hörte, dass meine Mutter und unser Kindermädchen ganz leise Radio hörten und es immer ausgestellt wurde, wenn meine Schwester oder ich mal wach wurden und durch die Wohnung schlichen. Eigenartig war das. Das die jüdischen Nachbarn gelbe Sterne an ihrer Kleidung tragen mussten, nun ja, es war eben so. Wir hatten auch in unserem Haus jüdische Familien wohnen, auch ihnen waren in der so genannten “Reichskristallnacht” am 9. November 1938 -als die Synagogen angezündet wurden - die Fensterscheiben eingeschlagen worden, was wir im Schlaf gehört haben. Verstanden haben wir es nicht, erklärt hat uns keiner etwas, nur ich hatte Angst. Unter uns im Haus wohnte ein nettes älteres Ehepaar, der Mann war im Rollstuhl. Aber immer, wenn sie uns sahen, bekamen wir von ihnen Sahnebonbons geschenkt. Eines Tages, es muss im Jahr 1942 gewesen sein, denn ich war schon auf der Oberschule, stand ein großes Auto - wie ein kleiner Lastwagen sah es aus - vor unserer Tür und dieses Ehepaar kam aus dem Haus, die Frau war ganz verweint. Sie sagten mir, dass sie fortfahren und nicht wiederkommen würden. Ich war sehr traurig, denn ich mochte die Beiden irgendwie sehr, obwohl wir kaum Kontakt zu Ihnen gehabt hatten. Heute weiß ich, dass sie nie, selbst wenn sie es gewollt hätten, wiedergekommen wären, denn sie sind wie Millionen andere in ein Konzentrationslager gebracht worden und dort umgebracht worden. Anders war es bei einer älteren Dame, sie war Hebamme und wohnte im Haus gegenüber, in dem meine Freundin Renate wohnte. Als sie auch ihren Judenstern tragen musste sagte meine Freundin Renate zu ihr: “Du bist jetzt ein Indianer.” Sie nahm das sehr lieb und gelassen auf und erklärte uns beiden kleinen Mädchen, dass jetzt alle Menschen jüdischen Glaubens diesen Stern tragen müssten, wenn diese wüssten, dass sie jetzt Indianer wären, würden sich alle sehr freuen. Auch sie war dann -allerdings im Jahr 1943 - nicht mehr zu sehen. Damals war aber der Krieg mit seinen Bombenangriffen bereits tagtäglich und nachts bei uns, so dass es mir eigentlich gar nicht richtig aufgefallen war. Später, nachdem der schreckliche Krieg zu Ende war und ich zwei Jahre später wieder nach Berlin kam, hörte ich von unserer Portiersfrau, dass sie in ihrem Wohnhaus von Nachbarn versteckt worden war, bis das Haus durch Bomben zerstört wurde. Danach wurde sie in unserem Nachbarhaus für einige Zeit und später in unserem Haus versteckt. Sie überlebte als ganz alte Frau die Schrecken der Verfolgung jüdischer Menschen. Seit 1940 hatten wir schwere Bombenangriffe auf Berlin und bereits am Tag des Kriegsbeginns mussten alle Menschen zum Absichern der Hauskeller als Luftschutzräume sich einsetzen lassen. In diesen schrecklichen Jahren der Naziherrschaft, die zwar nur 12 Jahre andauerte, aber viel Schrecken, Unheil, Terror und Millionen von Toten forderte, gab es Mitglieder der einzigen Partei, der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nannte sie sich, wurde aber immer abgekürzt), die als Blockwarte ihr Unheil trieben. Sie waren für einige Häuser zuständig und hatten dafür zu sorgen, dass es keine offensichtliche Gegner der Regierung gab, ja sie kontrollierten auch, ob alle Familien am “Eintopfsonntag”, den es bereits schon zu Friedenszeiten gab, auch das Essen als Eintopf auf dem Tisch stand. Sie standen dann einfach vor der Tür und man musste sie rein lassen. Und so kontrollierten und beaufsichtigten sie auch die Schutzmaßnahmen für die Absicherung der Hauskeller, gemeinsam mit einem aus dem Haus benannten Luftschutzwart, möglichst sollte das auch immer eine Person sein, dem die Partei trauen konnte. Schon damals - 1939 - wurden die Keller n u r für die arischen Bewohner mit starken Balken und Sandsäcken sowie gut funktionierenden Notausgangstüren hergerichtet, auch für die Hunde der Bewohner gab es einen Kellerraum, der daneben lag und etwas geschützt war. Für die jüdischen Bewohner gab es bei Fliegeralarm nur die Möglichkeit einen selbst freigemachten Kellerraum, völlig ungeschützt, im Hinterhaus aufzusuchen. Fliegeralarm gab es zunächst nur in der Nacht; ich hatte ein Gehör, dass ich oftmals, bevor es den so genannten Voralarm gab, bereits schon die Flack kilometerweit entfernt hörte und so meine Mutter oder unser Mädchen wach machen konnte. Ich hatte immer schreckliche Angst und war somit auch immer die Erste im Luftschutzkeller. Wir mussten uns abends immer unsere Sachen so zurechtlegen, dass wir bei dem Ertönen der Sirenen alles so griffbereit hatten, dass wir schnell angezogen waren. Dann mussten wir unseren Beutel mit einer so genannten “Eisernen Reserve” an Lebensmitteln, wie Schokolade, Kekse und Verbandsmaterial und einer Gasmaske umhängen, einen Koffer mit Kleidung schnappen und dann ging es 4 Etagen runter in den Keller. (Die Gasmaske musste jeder von uns haben, denn man hatte die Angst, dass bei den Bombenangriffen nicht nur Sprengbomben und Luftminen, Brandbomben und Splitterbomben abgeworfen wurden, sondern evtl. auch Gasbomben. Und um sich davor zu schützen hatte -zumindest in den Großstädten - jeder Mensch eine Gasmaske.) Oftmals schoss die Flack in unserer Nähe dann schon und es bestand die Gefahr, bei Überqueren des Hofes, von herumliegenden Flacksplittern getroffen zu werden,. Das war unmittelbarer Krieg in einer Stadt, obwohl die Soldaten in Frankreich oder Russland kämpften. Wenn der Fliegeralarm länger als bis zwei Uhr morgens gedauert hat, dann brauchten wir am anderen Tag erst in die dritte Stunde um 10 Uhr in die Schule zu gehen. Am Anfang des Krieges - bis zu Beginn des Jahres 1942 -hatten wir nicht jede Nacht Fliegeralarm. Dann aber wurde es immer häufiger, keine Nacht konnte durchgeschlafen werden. Auch konnte man im Keller, obwohl wir Kinder Betten dort hatten, nicht schlafen. Denn das Schießen der Flack, es waren riesengroße Kanonen, die Flugzeuge abschießen sollten, und die heransausenden Sprengbomben und Luftminen versetzten uns immer in große Angst und Schrecken. Unter meiner Decke zitterte ich oft stundenlang, denn man wusste ja auch nie, was wo nun passiert war, und die Geräusche, dieses schreckliche Pfeifen und Krachen der Bomben war unerträglich. Zwar musste immer der Luftschutzwart draußen aufpassen, ob vielleicht Brandbomben auf das Haus fallen würden, damit sie gleich gelöscht werden konnten. Als die Männer aus dem Haus noch da waren, mussten diese das machen. Aber als dann alle eingezogen worden waren, mussten die Frauen diese Arbeit übernehmen und oftmals war meine Mutter oder unser Kindermädchen nicht im Keller. Man war dann so einsam und voller Angst, obwohl ja die anderen Hausbewohner ebenfalls mit im Keller waren. Gott sei Dank ist nie eine Bombe auf unser Haus gefallen, aber in der Nachbarschaft sind viele Häuser zerbombt worden oder ausgebrannt. Bereits schon 1940 war meine Mutter mit mir und meiner Schwester nach Königsberg in Ostpreußen zu unseren Verwandten gefahren, damit wir ruhiger schlafen konnten. Das war zwar eine kurze Zeit, schon nach zwei Monaten ging es wieder nach Berlin zurück, aber ich musste dort in die Schule gehen. Königsberg war eine alte schöne Stadt, die ich aber als “Berlinerin” gehasst habe. Alles war so eng und alt, es gab nur Kohle -Kachelöfen, keine Zentralheizung, wie ich das von Berlin her gewohnt war. Ebenso gab es kein fließendes warmes Wasser oder gar eine Badewanne, auch das kannte ich nicht. Aber am schrecklichsten waren für mich die alten Häuser mit den knarrenden ausgetretenen Treppen. Und dann waren da die alten kleinen Geschäfte in denen es alles, vom Sauerkraut über Milch und Waschpulver bis zu Zucker und Mehl, gab, was man brauchte. Berni, meine Schwester, und ich machten uns immer einen gruseligen Spaß daraus Ratten zu beobachten: wir gingen dann auf den Balkon, den man eigentlich gar nicht betreten durfte, weil er so unsicher war. Und von dort aus beobachteten wir die Ratten, die aus den Hausmauern mit ihren spitzen Köpfen und den Nagezähnen herausguckten. Auch das kannten wir nicht und es war schon ganz schön gruselig. Wir selbst wohnten in einem etwas schöneren Haus, einem Altenstift in der Vorstädtischen Langgasse; dort hatte meine Großmutter ein “Ein Zimmer -Apartment” mit Küche, aber die Toilette war im Treppenhaus, auf der halben Treppe unter uns. Und wir mussten immer ganz leise sein, durften in dem Schönen Park im Innenhof nicht spielen, weil die alten Damen ihre Ruhe haben wollten. 1943 dann ging meine Mutter mit uns für längere Zeit nach Königsberg, denn die Situation in Berlin wurde immer gefährlicher. Wir mussten natürlich wieder in die Schule, diesmal hatte ich einen längeren Weg zum Lyzeum, das in der Altstadt, in der Nähe des schönen alten Schlosses, lag. Dabei musste ich immer zwei Brücken, die über den Pregel, dem Fluss Königsbergs, führten überqueren, und wenn ich nicht pünktlich morgens das Haus verließ, dann wurden genau zum dem Zeitpunkt meines Eintreffens die Brücken hochgezogen, damit die Schiffe fahren konnten. Und ich kam zu spät in die Schule und wurde bestraft, aber das ärgerte mich überhaupt nicht, denn ich mochte diese Schule sowieso nicht. Dann gab es natürlich irgendwann einmal Krach zuhause, weil die Lehrerin, ausgerechnet auch noch eine Tante von mir, es der Verwandtschaft gesagt hatte und meine Mutter natürlich sofort informiert wurde. Und es gab Krach, weil ich mir Geld stibitzt hatte, um mit der Straßenbahn zu fahren. Alle meine Klassenkameradinnen fuhren mit der Bahn,(sie kamen natürlich von viel weiter her), ich musste laufen, und außerdem kam ich mit der Bahn selbst bei hochgezogenen Brücken pünktlich in der Schule an, weil die Bahn einen Umweg über eine andere Brücke fuhr. Heute glaube ich, dass ich das alles getan habe, um von der Schule runter zu kommen, denn alle meine Freundinnen aus Berlin waren nicht da, sie waren inzwischen mit der Kinderlandverschickung in Oberschlesien und waren in der Klasse zusammen. Und so durfte ich dann sehr bald von der Königsberger Schule runter und fuhr nach Weichsel in Oberschlesien. Dort traf ich dann viele meiner Freundinnen wieder und wir hatten mit den Lehrern aus unserer Berliner Schule geregelten Schulunterricht. Wir wohnten in einem schönen Haus. einer Villa, die den Polen fortgenommen worden war - mit einem wunderschönen großen Garten, einem Swimming -Pool, der nicht benutzt wurde, aber in dem im Frühjahr viele Kaulquappen herum schwammen. Die Landschaft dort war wunderschön, viele Berge um uns herum, so wie in Deutschland im Alpenvorland. Ganz dicht bei unserem Haus war ein kleines Dorf, eigentlich eine Ansiedlung von kleinen Holzhäuser n und vielen, vielen Gänsen, die im Matsch herumliefen. Und die Menschen, die dort wohnten, sahen sehr arm aus, hatten immer Gummistiefel oder Holzschuhe an, damit der Matsch der Wege gut abgewaschen werden konnte. Und ihre Kleidung sah grau und schmutzig aus. Sonntags allerdings verwandelte sich das Bild: dann zogen die Frauen ganz bunte Kleider, weiße Strümpfe und richtige Schuhe an, auch die kleinen Mädchen hatten die gleiche Kleidung - und im Haar hatten sie bunte Bänder und so eine Art Kappe auf dem Kopf. Auch die Männer hatten eine schöne bunte Sonntagstracht an und einen lustigen Hut auf dem Kopf. Später habe ich erfahren, dass diese Menschen mit ihrer schönen Sonntagstracht zu der Volksgruppe der “Goralen” gehörten, die sich vor allem - auch heute noch - in ihrem Glauben von den anderen polnischen Menschen unterscheiden und es immer sehr schwer gehabt haben. Sie wurden nie richtig anerkannt - aber hier lebten sie selbst in der Nazizeit -in Ruhe in ihren bescheidenen Häusern. Jeden Morgen wurde vor dem Frühstück - wenn wir unsere Betten gemacht hatten und die Zimmer aufgeräumt waren, und vor allem der Lagerleiter alle Zimmer und die aufgeräumten Schränke inspiziert hatte die NS -Fahne gehisst und wir mussten ein Hitlerjugend -Lied oder ein Soldatenlied dazu singen. Danach gab es Frühstück, dann hatten wir Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben folgten und einmal in der Woche hatten wir an einem Nachmittag frei - für uns ganz alleine. Sonst war der Tag immer verplant. Dann mussten wir Handarbeiten und unsere eigene Kleidung in Ordnung bringen: Strümpfe stopfen und Knöpfe annähen. Wir mussten Socken für die Soldaten im Krieg stricken und Fußlappen zuschneiden und nähen. Das wurde dann in Paketen fortgeschickt. Wir mussten Holz holen für die Heizung, denn Kohle wurde immer knapper; wir mussten Heidelbeeren, Himbeeren und Brombeeren sammeln, damit unser Essen etwas abwechslungsreicher wurde. Aufregung gab es immer, wenn die Post angekommen war, denn so viele Kilometer von Berlin entfernt, wartete man auf Briefe oder mal ein Päckchen. Und viel gab es sowieso nicht. Als wir die ersten Wochen im Lager waren, war die Toilette nicht in Ordnung und wir mussten immer außerhalb des Hauses auf einen Donnerbalken gehen. Das war schrecklich: wenn alle - wirklich auf einem Balken - saßen und sich abmühten. Ich denke heute noch mit Grauen daran. Weichsel war eigentlich kein besonderer Ort - das Städtchen liegt an der Quelle der Weichsel, ist sehr lang gezogen und hat viele Seitentäler, die zum Ort dazu gehören. Wir mussten immer eine gute halbe Stunde laufen, bis wir im Ort waren. Wir wohnten im Jawornik-Tal, am Fuße der Schantorie, das war sozusagen unser Hausberg - es fällt mir beim Schreiben alles wieder ein! Wenn wir alle aus dem Haus in den Ort gingen, dann marschierten wir in Dreier -Reihen, ein Lied singend: „Dort im Jawornik -Tale, am Fuße der Schantorie. Sind wir zum ersten Male, glücklich wie noch nie. Dort und an allen Tagen kann man die Sonne sehn, wir möchten es jedem sagen, dort im Haus Frohsinn ist schön....“ Im Ort selbst gab es ein schönes Schwimmbad und einen kleinen Kurpark, die Weichsel floss als wilder Bach durch den Ort, es war romantisch. Für mich und meine Freundinnen war es aber immer am schönsten, wenn wir erlaubt bekamen, alleine wieder zu unserem Haus zu gehen. Dann kürzten wir den Weg ab und gingen durch den Wald, über einen Berg ins Jawornick - Tal. Wir gingen deshalb so gerne dort lang, weil wir wussten, dass wir nach kurzer Zeit polnische Jungen trafen, die uns zu unserem Heim brachten. Das durften wir eigentlich nicht, denn die Polen waren ja unsere Feinde. Wir hatten diese Jungen bei einem Nachmittagsspaziergang im Wald getroffen - und wie das dann so ist, - vor allem wenn es verboten ist - immer wieder getroffen. Wir waren vier Mädchen und hatten uns geschworen, dass niemals jemand davon etwas erfahren durfte. Diese Jungen hatten uns dann auch einmal mit zu ihren Eltern genommen, die etwas weiter entfernt, am Ende des Tales, wohnten. Auch verbotener Weise, denn es war bei Todesstrafe verboten (bei uns Kindern vielleicht nicht so sehr) Kontakt mit dem “Feind” zu haben. Für mich ist es heute immer noch unerklärlich, warum diese Menschen mit uns (die wir ja auch Feinde für sie waren, denn die Deutschen hatten 1939 Polen überfallen und besetzt, viele Polen sind umgebracht worden)... ...dass sie mit uns redeten - und vor allem uns sehr, sehr viel erzählten: Sie sagten uns, was für ein Volk die Deutschen sind, dass wir Deutschen den Krieg angefangen haben und einfach in Polen eingedrungen seien) - das wussten wir nun schon mal überhaupt nicht; dass viel Menschen umgebracht wurden, die sich gegen die Deutschen stellten oder dass sie in Konzentrationslager gebracht wurden (auch dass wussten wir nicht); dass vor allem Juden in den Konzentrationslagern waren, die dort schwer arbeiten mussten, kaum etwas zu essen bekamen und dass ein solches Lager gar nicht weit von uns entfernt war. (heute weiß jeder Mensch, dass in den Lagern die Menschen, - Alte und Junge, Frauen, Männer und Kinder, Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Protestanten und Katholiken, Polen, Russen, Franzosen, Holländer, Belgier, Ungarn und viele andere Nationalitäten - ...umgebracht wurden, vergast wurden, damit die “Rasse des Deutschen” und vor allem der Nationalsozialismus eines Tages die Welt beherrschen kann. Sie erzählten uns, dass sie selbst zu einer Gruppe Partisanen gehören, die Widerstand gegen die Deutsche Besatzungsmacht organisieren und dass sie in den Wäldern tiefe Fallen gegraben haben, damit die deutschen Soldaten, wenn sie auf dem Rückzug von der russischen Front durch das Gebiet laufen müssen, in diese Fallen geraten. Wir hatten bis dahin auch nichts von einem Rückzug der deutschen Soldaten von der russischen Front gehört, im Gegenteil: täglich hörten wir im Radio die Sondermeldungen über Erfolge der deutschen Wehrmacht, von einem Rückzug hatten wir nichts gehört. So haben uns diese polnischen Menschen, deren Feinde wir in dieser Kriegszeit ja nun wirklich waren, die Augen über die Wirklichkeit geöffnet. Dieses Vertrauen, das da in uns Kinder - wir waren gerade 12 Jahre alt - gesetzt wurde, war unglaublich: denn wir hätten genauso gut in unser Heim gehen können und es unserem Lagerleiter, der ein waschechter Nazi war, erzählen können und sie wären ebenfalls in einem Konzentrationslager gelandet. Diese polnischen vertrauten Freunde, so kann man es wirklich sagen, zeigten uns auch eines Tages die Menschenfallen im Wald: tiefe Gruben, die so tief waren, dass wenn man in sie hineingeraten wäre, nie wieder herausgekommen wäre. Die Gruben waren mit großen Ästen abgedeckt und dann mit Laub noch zugedeckt, so dass man sie wirklich nicht sah. Wir lernten in dieser Zeit auch, dass man an bestimmten Stellen im Gebirge, nicht gerade dort, wo wir lebten, bereits im Sommer 1944 den Kanonendonner der heranrückenden Front hören konnte. Sie sagten uns, dass wir uns an Stellen, wo es keine Bäume und Sträucher mehr gab, sondern nur noch Gras, Heidekraut und kleines Gebüsch, auf die Erde legen sollten und mit einem Ohr auf den Boden. Wenn man das Ohr an die Erde presst, dann könne man die Wellen des Kanonendonners hören. Das machten wir im Sommer 1944 beim Heidelbeersuchen dann auch. Ich weiß nicht mehr, wie der Berg hieß, er war am südlichsten Zipfel des Weichseltales und man musste mit dem Zug ein oder zwei Stationen fahren, um dann nach einem ziemlich anstrengenden Anstieg auf diesen Berg zu kommen. Dort gab es so große Heidelbeeren, wie ich sie in meinem Leben noch nie gesehen hatte und man bekam sein Essgeschirr, was wir alle hatten, sehr rasch voll. Dieses Essgeschirr war ein Blechnapf, mit einem Deckel, an dem ein Gurt befestigt war, damit man ihn umbinden konnte. Es war ein zweckmäßiger Topf, denn wenn man als Jungmädel mal ein Zeltlager mitmachte, oder wandern ging, dann hatte man immer sein eigenes Geschirr, aus dem man dann seinen Eintopf - meistens Erbsensuppe -, löffeln konnte. Alle wunderten sich, dass wir vier Mädchen uns hin und wieder mal auf den Boden legten und wir erklärten es damit, dass das Gefühl des weichen Grases uns so angenehm sei. Heute denke ich mir, dass alle damals dachten, wir hätten einen Vogel und sicherlich würden wir das immer wieder vorhandene Heimweh damit unterdrücken. Wenn die gewusst hätten. Da ich, wie immer, mich für alles sehr begeistern konnte, war ich in unserem Kinderlandverschickungslager (KLV -Lager) sehr bald zu “Lagermädelführerin” ausgewählt worden. Das war eine große Ehre, aber auch eine große Aufgabe für mich als 12jähriges Mädchen. Was musste ich alles tun: Ich musste dafür sorgen, dass am Morgen alle ordentlich zum Morgenapell antraten - d.h. wir mussten alle in Reih und Glied im Garten vor dem Fahnenmast antreten und während die Fahne am Mast hochgezogen wurde ein Hitlerjugend -Lied singen. Das Lied war vorher bei einem “Jungschar -Nachmittag” (den hatten wir einmal in der Woche) geübt worden, damit alles auch gut klappt. Unser Lagerleiter, der auch unser Mathematiklehrer war und immer in Uniform herumlief, hörte immer sehr streng zu. Er passte auch auf, dass unsere Betten immer ganz ordentlich gemacht wurden, dass unter den Kopfkissen nichts versteckt war, was wir immer gerne taten, wenn wir keine Lust hatten, es in unseren Schrank zu tun; (den Schrank, der sehr klein war, in Ordnung zu halten war immer sehr schwer; es wurde verlangt, dass alle Sachen sehr ordentlich hingen und lagen, und dass keine Bücher oder Hefte zwischen der Wäsche lagen!) er passte auch darauf auf, ob ordentlich gekehrt war, denn die Küchenfrauen putzten nur einmal in der Woche das ganze Haus durch. So hatte immer ein Mädchen Stubendienst im Schlafzimmer, in dem wir zu acht schliefen, andere mussten den Speisesaal kehren, die Tische abwischen; im Kofferraum, wo wir auch unsere Schuhe stehen hatten und dort diese auch putzen mussten, mussten andere für Ordnung sorgen. Und dass dieses alles auch klappte, dafür musste ich sorgen. Und wenn wir in den Ort marschierten, dann ging ich immer vorne weg, und musste aufpassen, dass alle in der Dreierreihe ordentlich gingen. Und wenn etwas nicht klappte, dann bekam ich natürlich eins auf den Deckel. So passierte es eines Tages, dass in besagtem Kofferraum überall Schuhfett, nicht Schuhcreme, verschmiert war. Und ich war verantwortlich dafür, sicherlich wollte mir jemand an diesem Tag, ich erinnere mich, dass es ein Sonntag war, eins auswischen. Es war deshalb so ärgerlich, denn ich hatte an diesem Sonntag, die Möglichkeit bekommen, eine Tante aus Berlin, deren Tochter auch in einem KLV - Lager in Weichsel war, aber in einem anderen Teil des Ortes, zu besuchen. Sie konnte es sich erlauben für einige Wochen nach Weichsel zu kommen, was meine Mutter, da sie arbeiten musste, nicht konnte. Und wenn man so viele Monate keinen Kontakt zu seiner Familie hatte, dann war es besonders schön, einmal ein altbekanntes Gesicht zu sehen und auch mal schön Kaffee zu trinken. Dies schien nun unmöglich, denn unser Lagerleiter - streng wie er nun einmal war - erlaubte es mir nicht, weil ich nicht für Ordnung gesorgt hatte. Ich weiß noch, dass ich alles verfluchte, und dass ich bitterlich geweint habe. Nur weil meine Tante Telefon hatte und ich sie anrufen konnte, sie dann für Ordnung sorgte, machte es mir möglich, doch noch den weiten Weg in den Ort zu machen. Und dabei bekam ich auch so eine erbitterte Wut, weil ich ja wusste, dass diese NS -Leute, wie unser Lehrer, eigentlich Verbrecher waren, die ein System unterstützten, das Menschen umbringt, nur weil sie nicht so dachten wie sie. Angst hatte ich mit meinem Wissen natürlich auch, denn die mir angedrohte Strafe hätte auch bedeuten können, dass ich in ein anderes Lager geschickt worden wäre. Sicherlich hätte man mir nichts getan, aber ich wusste halt nur das, was man mir erzählt hatte - und daher hatte ich schreckliche Angst. Der Sonntag wurde dann aber doch noch schön! Jeden Tag hatten auch wir in Weichsel Fliegerarlarm. Dann mussten wir in den am Haus angrenzenden Wald laufen und abwarten bis es wieder Entwarnung gab. Und dann sahen wir die hunderte von Flugzeugen, Bomber waren es, die in großer Höhe über uns hinweg flogen Richtung Berlin oder eine andere Großstadt in Deutschland. Wir wussten, dass unsere Familien in Berlin spätestens eine halben Stunde später im Luftschutzkeller vor den Bomben Schutz gesucht hatten und hatten so fast täglich die unendliche Angst, dass jemandem etwas passieren könnte. Wir hatten Angst, um die Familie in Berlin und auch davor, dass ein Brief oder ein Telefonanruf kam, der mitteilte, dass der Vater im Krieg gefallen sei. Und das Letztere passierte leider öfter. Es war schrecklich, wenn diese Nachricht kam - wir alle haben dann zusammen viel geweint, auch wenn der Lagerleiter uns immer sagte, dass der Vater oder große Bruder für Volk und Vaterland und für den Endsieg über alle Feinde gefallen sei. Was für ein Schwachsinn - das wusste ich. Und die Briefe, die mir mein Vater vor allem schrieb, aber auch meine Mutter oder meine Onkels, sprachen immer davon, dass dieser “Endsieg” nahe sei und wir dann alle in Frieden zusammen leben würden. Ich wusste oft nicht, wem ich eigentlich glauben sollte, den Polen, die mir gesagt hatten, dass die Russen bald da sein und der Krieg damit bald zuende war - oder meiner Familie, die immer so zuversichtlich war. Da ich eine “gute” Lagermädelführerin war, kam ich im Frühjahr 1944 in eines Fortbildungslager zur Schulung, damit ich nach guter Führung, befördert werden konnte. 14 Tage lang waren die “Besten” aus den verschiedenen Häusern zusammengeholt worden und wir mussten lernen, Gruppen zu führen, die täglichen Nachrichten und Sondermeldungen vom Krieg erklären, ihnen über den Nationalsozialsmus etwas beibringen, wir lernten Chöre zu dirigieren und wir mussten Mutproben bestehen. Eine, da erinnere ich mich noch sehr gut dran, war folgende: wir mussten über Balken in einer Höhe von vielleicht zwei oder drei Metern es war für mich schrecklich hoch, ohne Geländer oder eine andere Absicherung über das reißende Wasser der Weichsel an das andere Ufer gehen. Ich habe das nicht geschafft, weil ich Angst hatte und weil mir einfach schwindelig wurde - ich hatte Angst runter zu fallen. Eigenartigerweise habe ich meine Prüfung bestanden - trotz fehlender Mutprobe. Aber ich wollte selber auch gar nicht diese Prüfungen bestehen, denn ich wusste ja und merkte es immer mehr, dass alles nur Propaganda und vor allem Lüge war. Im Herbst sollte eine zweite Schulung stattfinden, sozusagen als Fortsetzung der ersten und nach bestandener Prüfung sollte ich dann als besonders gutes Jungmädchen als Lagermädelführerin in ein anderes Lager kommen. Ich hatte aber wirklich keine Lust, hörte immer mehr über die wirkliche Kriegssituation, erlebte, wie immer wieder Jungens aus den Häusern, in denen sie lebte, in den Krieg geholt wurden - sie waren für uns 12jährige groß und erwachsen, aber sie waren erst 16 Jahre alt. Und wir hörten, dass die Mädchen, die kurz vor dem Abitur standen und somit 17 oder 18 Jahre alt waren, auch nach Deutschland fuhren, um in Lazaretten zu helfen oder in Fabriken zu arbeiten. In meinem Kopf, der immer mit allem alleine fertig werden musste, weil ja niemand da war, mit dem ich über meine Probleme und Fragen sprechen konnte, war eines aber klar: ich wollte das alles nicht mehr. So erzählte ich, obwohl es wirklich nicht stimmte, dass meine Mutter mich noch vor dem Winter nach Berlin holen würde, damit sie mir Winterschuhe und einen Wintermantel kaufen könne. Mein Wintermantel war mir zu klein, ich war herausgewachsen, und warme Schuhe hatte ich für den Winter auch nicht. Überhaupt war die Kleidung für uns ein großes Problem: es gab kaum etwas und das was wir hatten war uns inzwischen zu klein geworden. Aber aus zwei Kleidern der Verwandtschaft wurde dann ein neues geschneidert, Unterwäsche oder Pullover erbte man von der Mutter oder Cousinen, darüber war man schon ein wenig stolz. Das größte Problem waren die Schuhe: es gab kein Leder und wenn man auch Schuhe nicht mal mehr erben konnte, - und das war meistens der Fall, denn es gab ja wirklich nichts Neues zu kaufen, dann gab es Schuhe auf Bezugschein. Die waren dann meistens aus einem Oberleder, das aus verschiedenen Lederteilchen zusammengenäht war und die Sohle und Absätze waren aus Holz. Das war warm und ging nicht so schnell kaputt. Allerdings waren diese Schuhe laut und damit es etwas leiser warm beim Gehen, waren unten auf die Sohle Gummiflicken geklebt, dadurch war alles etwas leiser. Außerdem bekam ich noch vor Weihnachten ein Paket mit einem Mantel und mit Schuhen: der Mantel war ein alter Wintermantel von unserem Kindermädchen, der einfach kürzer gemacht worden war und die Stiefel waren Bergstiefel meiner Mutter, die lauter Nägel auf der Sohle hatten, damit die Sohle sich nicht so ablief. Der Mantel war hässlich, aber besser als gar nichts und die Schuhe waren eigentlich zu eng, so dass ich immer kalte Füße hatte - bei einer Kälte von immer Minus 10 bis 15 Grad - und mir dadurch an den Zehen Frostbeulen holte. Die hatten allerdings aus dem gleichen Grund die anderen Mädchen auch, denn Schuhe waren immer nicht passend. Und wir hatten schlimme Schmerzen, die wir uns aber nicht anmerken ließen, weil ein deutsches Mädchen immer an die armen Soldaten denken musste, die auch froren, keine richtigen Schuhe oder warme Kleidung hatten. Ja, man glaubte mir damals meine Geschichte - ich brauchte zunächst nicht in die Schulung. In diesem Sommer 1944 hatte ich an einem Julitag, es war sehr warm und die Sonne schien wunderbar, so dass wir nicht um 8.00 ins Bett mussten: da klingelte das Telefon. Ich hatte an diesem Tag Telefondienst, der war immer sehr beliebt, weil man dabei schön lesen konnte, manchmal auch dem Unterricht fernbleiben konnte, wenn die Lehrer keine Zeit dafür hatten. Am Apparat war eine Telefonistin aus Berlin, die unseren Lagerführer dringend sprechen wollte, mir aber schon ganz aufgeregt sagte, dass ein Attentat auf den Führer stattgefunden hat. Vor Aufregung und auch innerer Freude konnte ich zunächst überhaupt nicht von dem Telefon fort - ich dachte, jetzt ist der Krieg endlich zu Ende. Ich hörte, wie sie immer rief: “Hallo, hallo, sind Sie da - es ist dringend.” und nach einigen Sekunden erst konnte ich reagieren und log, dass der Heimleiter sofort kommen würde. Dann lief ich los und ich wusste, dass niemand, aber auch niemand meine Erregung spüren durfte. Als das Gespräch dann beendet war, war meine Freude über das Gehörte leider verschwunden, denn dem Führer war bei diesem Attentat nichts passiert. Ich konnte erst am anderen Tag mit meinen Freundinnen darüber sprechen - was gewesen wäre, wenn.... Denn am Abend selbst mussten wir ja mit den anderen unser großes Bedauern über das Geschehene ausdrücken und gemeinsam unseren Willen für den Endsieg ausdrücken. Zwischenzeitlich zogen wir aus unserem Haus im Jawornik -Tal aus und in ein anderes Haus am südlichen Teil des Ortes. Damit brach sofort der Kontakt mit den polnischen Freunden ab, denn es war fast unmöglich noch einmal in den entgegengesetzten Teil zu kommen. Es waren immer weite Fußmärsche und man passte auf uns sehr auf. In unser Haus kamen andere Kinder aus Berlin und durch das Weggehen vieler Jungen - die in den Krieg mussten - waren einige Häuser leer. Der Winter kam sehr schnell und es wurde sehr, sehr kalt. Wir konnten sehr schön Ski laufen, denn die Hügel um unsere Häuser waren geradezu ideal für den Wintersport. Wir bauten uns sogar eine kleine Sprungschanze und wetteiferten mit den Nachbarhäusern um die besten Leistungen. Wir haben sehr gefroren, es gab nicht ausreichend Kohle und Holz zum Heizen, die Kleidung war immer nass, wir hatten keine ordentlichen Schuhe und Hunger hatten wir eigentlich auch immer. Aber ein Deutsches Mädchen friert nicht und ist mit dem zufrieden, was sie hat - den Soldaten an der Front geht es noch viel schlechter - so wurde es uns immer gesagt. Dabei ging es uns - im Vergleich zu der Familie in Berlin sicherlich gut - wir hatten immer zu essen - dafür wurde schon gesorgt - wenn auch nicht ausreichend, bei Fliegeralarm brauchten wir eigentlich keine Angst vor Bomben zu haben und wir lebten in einer wunderschönen Landschaft. Nur unsere Eltern waren nicht da. Es gab niemanden, der einen mal in den Arm nahm und tröstete, mein alter Teddy, den ich schon als Baby hatte, tröstete mich über das Heimweh und das Gefühl der Einsamkeit hinweg. Der Unterricht in der Schule war auch nicht einfach: ich war inzwischen in der 8. Klasse, d.h. 4. Schuljahr in der Oberschule, damals nannte man das Lyzeum - es war eine reine Mädchenschule. Neben den ganz normalen Fächern wie Deutsch, Englisch, Erdkunde, Geschichte und Biologie waren jetzt Physik und Chemie dazu gekommen und da mir auch Mathematik sehr schwer fiel, vor allem die Geometrie , hatte ich große Schwierigkeiten mit diesen Naturwissenschaftlichen Fächer klar zu kommen. Meine Zeugnisnoten waren dementsprechend schlecht und ich schlitterte immer an einer Fünf in einem dieser Fächer vorbei. Aber was scherte mich das letztendlich: ich jedenfalls wusste durch all das Gehörte, dass in spätestens einem Jahr der Krieg vorüber war und dann musste sowieso alles von vorne anfangen. In den Städten war inzwischen alles zerbombt und auf dem Land wollte ich auf jeden Fall nicht leben. Meine Mutter war mit meiner Schwester und unserem Kindermädchen nicht mehr in Berlin, sie war aufs Land gegangen (nach Pausin bei Falkensee in der Mark Brandenburg), um dort als Lehrerin zu arbeiten, damit unserer Erna nicht in einer Munitionsfabrik zur Arbeit verpflichtet wurde. Mein Vater war als Soldat irgendwo an der russischen Front, wo, dass wusste keiner von uns. Hin und wieder bekam ich einen lieben Brief von ihm nach Weichsel geschickt, leider habe ich heute keinen mehr, obwohl ich sie mir lange aufgehoben hatte. Jeder Brief endete damit, mir Mut zu machen, denn ich musste ein tapferes deutsches Mädchen sein - und nach dem Endsieg sehen wir uns gesund wieder. Ich hatte auch einen Patenonkel Lutz, der lebte eigentlich in Bayern und war inzwischen als Soldat, da er auch nicht mehr sehr jung war, in Memmingen im Allgäu stationiert. Dorthin hatte er seine alte Mutter und seine beiden Schwestern geholt . Warum erwähne ich das? Dieser Onkel Lutz hatte mir immer geschrieben und in letzter Zeit bekam ich öfter von ihm Briefe. In diesen schrieb er mir, erst behutsam, dann aber doch sehr bestimmt, dass ich immer, wenn es notwendig sei, zu ihm nach Memmingen kommen sollte. Diese letzten Briefe sollten einmal für mich von ganz entscheidender Bedeutung sein, aber darüber später. Weihnachten 1944 und Neujahr 1945 waren sehr, sehr kalt, traurig und langsam machte sich auch eine hoffnungslose Stimmung breit. Die Nachrichten, oder Wehrmachtsberichte wie sie genannt wurden, konnten auch kaum noch verhindern, dass man merkte, wie sinnlos dieser Krieg war und dass es eigentlich keine Chance mehr gab. Auch untereinander konnten wir, zwar immer noch heimlich, über den schrecklichen Krieg sprechen, über die vielen -Soldaten, die in diesem sinnlosen Kampf gestorben waren, wir sprachen auch über das eine oder andere Gerücht, dass zu uns drang, wie z.B. dass ein ganz bekannter Schlagersänger nicht an der Front gefallen sei, sondern umgebracht wurde, weil er dieses Nazi -Regime verurteilte. Und wir hörten, dass Tausende von Menschen auf der Flucht vor den Russen waren, Auf Pferdewagen oder zu Fuß, alle flüchteten vor dem Schrecken des Krieges und wollten im Westen Deutschlands in Sicherheit kommen. Und wir hörten, dass durch die Kälte viele alte und kranke Menschen, viele Kinder dabei starben, die noch nicht einmal beerdigt werden konnten. Alle vier Wochen gingen wir nach Weichsel ins Kino und bekamen die neusten Filme, die immer noch gedreht wurden, zu sehen. Und, ich glaube es war an jeden Wochenende, gab es im Radio ein Wunschkonzert zu hören, womit Familien ihre Angehörigen an der Front grüßten oder umgekehrt. Damit wurde leichte Stimmung verbreitet in einer Zeit, wo es kaum noch etwas zu essen gab, es bitter kalt war und in jeder Familie mindestens ein Angehöriger durch den Krieg gestorben war. Auch wir versuchten fröhliche Stimmung zu erzeugen und hatten für Sylvester ein buntes Programm mit Liedern, zu denen wir eigene Texte gedichtet hatten, aufgeführt. Irgendwie hörten wir aber jeden Tag jetzt wirklich den Kanonendonner der herankommenden Front des Krieges. Und unsere Lehrer bzw. die Haushälterin unseres Lagers sprachen mit uns darüber, dass es zu einer sehr raschen Abfahrt aus Weichsel kommen könnte. Wir mussten anfangen unsere Koffer zu packen, damit wir schnell das Haus verlassen konnten; nur das Nötigste durfte im Schrank bleiben. Schule gab es zwar noch, aber wir lernten kaum etwas, denn die Angst und Ungewissheit über den nächsten Tag war groß. Am 23. Januar 1945 war es dann so weit. Jetzt hieß es abreisen. Am 24. Januar 1944 stand in Weichsel am Bahnhof ein Zug, der alle Kinder aus den KLV -Lagern sammelte, damit sie in die Heimat, nach Berlin zurück gebracht werden konnten. Unsere Koffer wurden am Abend bereits an den Zug gebracht und am anderen Morgen sehr früh mussten wir mit unserem Handgepäck zum Bahnhof zu Fuß gehen. Ich hatte natürlich viel zu viel Sachen bei mir haben wollen und musste mit einem Rucksack und einer Tasche, die voll und schwer waren und nicht richtig zu verschließen waren, bei eisiger Kälte und schrecklichem Glatteis laufen. Mit taten meine Füße weh, weil die Schuhe zu eng waren und meine Frostbeulen schmerzten, die Nase klebte vor Kälte zu, die Backen brannten und von der Kälte und vom Schmerz und vor Angst und Kummer liefen mir die Tränen nur so runter. Der Weg zum Zug war unendlich weit, normaler Weise ging man ½ Stunde bis zum Ort, aber heute mit dem ganzen Gepäck war es viel länger. Am Bahnhof waren schon viele Kinder, die Waggons für die einzelnen Schulen waren gekennzeichnet und jeder musste nun sein Gepäck in den Zug verfrachten. Das ging sehr hektisch und laut zu, wir waren ja alle erst 11, 12 oder 13 Jahre alt. Dann merkten wir plötzlich, dass die Jungen, die noch in den Lagern waren, mit diesem Zug nicht mitgenommen wurden: sie sollten mit einem späteren Zug ebenfalls ausquartiert werden. Zunächst aber waren nur die Mädchen dran Als alles verstaut war gab es einen Pfiff der Lokomotive und der Zug fuhr an. Draußen standen die Junges und winkten uns zu, wir fragten uns schon, ob sie jemals in dieser schlimmen Situation mit einem Zug aus Weichsel noch heraus kommen würden. Dann fuhren wir langsam aus dem Ort heraus, Richtung Norden, an einer Schranke vorbei. Dieser Bahnübergang führte in unser geliebtes Jawornik -Tal - ein letzter Blick zu einer schönen Zeit. Da standen an der Schranke unsere polnischen Freunde mit ihren Eltern, die wir ja lange nicht mehr gesehen hatten, und sie winkten uns alle ein letztes Lebewohl! Und so fuhren wir in einem kalten langen Personenzug Richtung Berlin, nein - wir bekamen plötzlich die Nachricht, dass unser Transport in Richtung Prag in der Tschechoslowakei (damals hieß es Protektorat Böhmen und Mähren, denn das Land war von den Deutschen besetzt worden))umgeleitet wurde. Im Prag machten wir zwei oder drei Tage Halt, wurden in einem Hotel in der Innenstadt untergebracht, in dem es von Soldaten nur so wimmelte. Junge Soldaten waren es, die mit ihrer Truppe an die Front verlegt wurden, um dort Verstärkung zu bringen. Sehr begeistert waren alle nicht davon, soweit wir das damals mitbekamen, denn auch sie wussten inzwischen von der Sinnlosigkeit des Krieges. Wir Kinder waren tagsüber gemeinsam mit unseren Lehrern, die noch da waren, unterwegs in der Stadt, besuchten die Burg in Prag, den Hradschin, und Kirchen. Diese waren auch zu Flüchtlingslagern umgewidmet, viele Menschen lagerten dort auf Decken, es war feuchtkalt in diesen Tagen in Prag und es regnete viel. Schnee gab es wenig eigenartiger Weise, in Weichsel war es viel kälter gewesen. Irgendwie war trotz allem Elend dieser Aufenthalt in Prag spannend, man sah etwas Neues und wir fühlten uns ein wenig wie Urlaubsreisende - denn es gab natürlich keinen Unterricht in diesen Tagen. Unsere Schule wurde von Prag aus nach Chrudim - eine Stadt östlich von Prag, also wieder in Richtung Oberschlesien, wo wir eigentlich herkamen - umquartiert. Wir kamen in ein großes Haus mit einem wunderschönen Park. Das Gebäude war einmal eine Schule für Lehrer, die dort ausgebildet wurden. Und dort hörten wir dann etwas Schreckliches: Dresden, eine Stadt in Sachsen, die zu dieser Zeit völlig überfüllt war mit Flüchtlingen aus dem Osten, war in einem schweren Bombenangriff völlig zerstört worden. Tausende von Menschen waren dabei umgekommen, denn die Luftschutzkeller reichten für die vielen Menschen nicht aus, viele waren einfach auf den Straßen verbrannt. Der Schock war riesengroß, denn unser Zug sollte eigentlich über Dresden nach Berlin geleitet werden. Was wäre gewesen, wenn wir nicht nach Prag umgeleitet worden wären? Hatten wir in dieser grausamen Zeit einen Schutzengel bei uns? Wir waren jedenfalls glücklich, diesem Schrecken, diesem Inferno entkommen zu sein und jeder versuchte so gut es ging, seine Mutter oder andere Angehörige in Berlin zu informieren, dass wir lebten. In dieser Zeit funktionierte eigentlich nichts mehr richtig. Briefe dauerten unendlich lange, bis sie ankamen, denn zunächst einmal hatten die Feldpost und alles Offizielle Vorrang. Private Post stand hinten an. Telefon funktionierte auch nur in Ausnahmefällen und die Leitungen wurden immer wieder unterbrochen. Und so sammelten wir unser weniges Taschengeld zusammen, um eine gesammelte Nachricht per Telegramm nach Hause zu schicken. Jeden Tag hörte man im Radio die Schreckensmeldungen über die Luftangriffe („Terrorangriffe“, wie es damals hieß) auf unsere Städte, man hörte von dem Zusammenbruch der “Kampflinien” im Osten, im Westen und im Süden. 1944 hatte es eine Invasion der Alliierten (Amerikaner, Engländer und Franzosen) an der französischen Atlantikküste und in Italien gegeben und von allen Seiten wurde nun natürlich das wahr, was uns unsere polnischen Freunde rechtzeitig gesagt hatten: der Krieg bricht zusammen. Gleichzeitig tönten aber auch im Radio die Durchhalteparolen von Goebbels, der für den Führer Adolf Hitler sprach und immer noch an den Endsieg glaubte. Der kalte Winter hatte in unserer Ecke keine lange Dauer, bald kam die Sonne mit der Frühlingswärme und wir genossen den schönen Park, die Kleinstadt Chrudim mit einem schönen Marktplatz und einer Pestsäule, die ich noch nie gesehen hatte. Die Menschen waren zunächst recht freundlich zu uns, was sich aber im Laufe der wenigen Wochen, die wir dort waren, in absolute Feindschaft umwandelte. Und mich erwischte dort wieder die Aufforderung, in ein Lager zur Weiterbildung als Lagermädelführer zu gehen. Was sollte ich nur tun? alles war so unübersichtlich geworden, ich wollte eigentlich nur nach Hause und nicht mehr selbst entscheiden müssen, was ich tun muss. Da erzählte mir jemand, dass man sich wunderbar selbst krank machen könnte, wenn man nur wolle. Ich sollte einen Löffel Salz essen und dann mehrmals die Treppen im Haus rauf und runter laufen, dann bekäme ich hohes Fieber und keiner wüsste warum, ich jedenfalls komme dann auf die Krankenstation im Haus. Eigentlich war der Tipp dafür gemeint, um keine Klassenarbeit mitschreiben zu müssen, denn Schule wurde ja inzwischen auch ein lästiger Teil des Alltags. Viel lieber wären wir spazieren gegangen und hätten die Schule geschwänzt, als in der Klasse zu sitzen und die Grundbegriffe über die Funktion einer Pumpe zu lernen, oder den Lehrsatz des Pythagoras oder die Vererbungslehre. Außerdem schien die Sonne so schön, so dass wir als erstes einmal die wenigen dicken Sachen auszogen und in Söckchen und leichter Kleidung herumliefen. Das alles im Februar bei sicherlich 10 Grad über Null in der Sonne, im Schatten bestimmt immer an die 0 Grad. Heute weiß ich, dass damit eine starke Verkühlung natürlich vorgegeben war - aber wir waren ja viel schlauer als die Erwachsenen. Dann allerdings machte ich das wahr, was mir geraten worden war. Ich aß das Salz - schrecklich ist mir heute noch der Gedanke daran, eigentlich ist es nicht zu machen, so schrecklich schmeckt das Zeug - und ich lief die großen, breiten Treppen in unserem Haus rauf und runter, mehrmals. Und dann wurde ich krank, meine Nieren funktionierten nicht mehr, denn ich hatte nichts hinterher getrunken, verkühlt war ich und durch die schlechte Ernährung wahrscheinlich auch nicht mehr widerstandsfähig. Ich kam mit hohem Fieber in die Krankenstation, bekam viel zu trinken, viele Tabletten musste ich schlucken und ich hatte große Schmerzen. Das Fieber ging auch nicht herunter und man war sehr besorgt um mich. Ich habe natürlich nicht gesagt, warum ich in einem solchen Zustand war - aber eines hatte ich erreicht: der Termin für meine Schulung, wo immer sie in diesem zerrütteten Land hätte stattfinden sollen, war vorüber. Langsam, ganz langsam ging es mir dann wieder besser, ich hatte viel Unterricht in der Schule versäumt und als ich aus der Krankenstation entlassen wurde, durfte ich mich noch einige Tage ohne Unterricht schonen. Inzwischen war es März geworden, es wurde wirklich warm, die ersten Blümchen auf den Wiesen waren zu sehen und es hätte so schön sein können, wenn dieser Krieg nicht gewesen wäre. In Ostpreußen waren die Russen, Königsberg, die Stadt, die ich eigentlich so gehasst habe, war von den Russen eingenommen worden - wo war meine Tante, wo waren meine Großmütter, meine Cousinen und Cousins? Was war mit meinem Vater, lebte er noch? Und meine Mutter und meine Schwester, waren die Russen auch schon bei Berlin? Es gab keine Post mehr, telefonieren ging auch nicht mehr und die Flüchtlingstrecks aus dem Osten kamen täglich an unserem Haus vorbei. Die Menschen erzählten die schrecklichsten Sachen, hatten kaum etwas zu essen oder auch etwas zu anziehen, so dass wir anfingen unsere Sachen, die wir nicht mehr brauchten, wegzugeben. Uns ging es ja eigentlich gut und wir hofften, dass eines Tages ein Zug kommen würde, der uns dann endlich zu unseren Familien brachte. Dort war ja dann alles, was wir brauchten. Es wurde auch wieder bitterkalt und regnerisch, ich erinnere mich noch sehr an das trübe Wetter in den ersten Apriltagen des Jahres 1945, die vielen elenden Menschen auf ihren Flüchtlingstrecks, richtig warm war es in unserem Haus auch nicht - und die schrecklichen Meldungen über den Krieg, der inzwischen überall in Deutschland war machten eine triste Stimmung aus. Wir waren ja in relativer Sicherheit, auch von dem Geschützdonner hörten wir nichts, nur hatten wir täglich Fliegeralarm, dann mussten wir raus aus dem Haus und in, ich meine in einen nahe gelegenen Wald. Eine schöne Unterbrechung des Tagesablaufs mit Schulunterricht und wir hatten eine Übung: - wir hörten niemals die Entwarnung - und somit konnten wir noch zusätzlich den Unterricht schwänzen. Im Wald sammelten wir immer Silberpapierstreifen, die wurden von den alliierten Flugzeugen abgeworfen, das störte den Funkverkehr auf der Erde und die deutsche Flugabwehr wurde damit etwas irritiert. Das machte Spaß, war lustig - und wir konnten so immer länger draußen bleiben. In dem Städtchen Chrudim gaben wir das wenige Taschengeld, das wir hatten, dann auch aus. Ich ließ mir meine Haare abschneiden und die erste Dauerwelle machen - ich war ja durch die Ereignisse in meinem Leben so selbständig, dass ich nicht mehr fragen wollte, ob ich das wohl darf. Außerdem war meine Mutter weit fort - ich wusste ja noch nicht einmal, ob sie noch lebt - ob ich überhaupt noch einmal in meinem Leben meine Familie wieder sehen würde. Überall war der “Feind” in unserem Land, die Amerikaner und Engländer, wie auch die Franzosen im Westen und Süden Deutschlands, im Osten des Landes die Russen, über die viele Schauergeschichten auch erzählt wurden und vor denen wir die meiste Angst hatten. Eine lustige Episode aus der Zeit muss ich doch auch noch festhalten - sie erscheint mir so typisch für unser Leben: Wir mussten natürlich auch immer wieder mal zum Arzt, auch zum Zahnarzt, damit unser gesundheitlicher Zustand überprüft wurde. So gingen wir zu ungefähr 10 oder 15 Mädchen nach Chrudim zum Zahnarzt. Wir mussten uns in deiner Reihe aufstellen , dann kann der Arzt, er war sehr klein von Gestalt . Er sagte der Reihe nach zu jeder: “Mund auf” - sah uns in den Mund, ohne mal die Backenzähne oder hinter den Zähnen nachzugucken, und sagte dann:” Alles in Ordnung!” - dann war die Zahnuntersuchnung vorbei und wir gingen wieder. Toll, wenn man sich einmal überlegt, wie wichtig doch gerade bei Heranwachsenden die Zahnuntersuchungen sind. So um den 10. oder 12. April 1945 war es dann soweit, jetzt mussten wir auch aus Chrudim fort, wir sollten “nur” in Richtung Deutschland gebracht werden, da es dort sicherer für uns Kinder sei. Allerdings hieß es auch, wir sollten nur die notwendigsten Sachen mitnehmen, vor allem warme Dinge, denn allzu viel Gepäck könnte nicht mitgenommen werden. Nun hatten wir schon viele unserer Sachen an die vorbeikommenden Flüchtlinge abgegeben, dass wir sowieso nicht mehr zu viel zum Einpacken hatten. Schulbücher mussten alle mitgenommen werden, denn der Unterricht würde an unserem neuen Ziel weitergeführt werden. So sah ich dann bei unserem Abtransport zum Bahnhof aus; den Schulranzen auf dem Rücken, an der einen Seite meiner Schulter war der “Brotbeutel” mit den wichtigsten Dingen für den Notfall (von der Gasmaske über Pflaster und Binden bis zum Butterbrot, das wir mitbekamen), an der anderen Seite eine große Umhängetasche, in der auch mein Teddy drin war, und ein großer Koffer, auf den ich mein Kopfkissen gebunden hatte. Das große Gepäck, also die Koffer, wurden mit einem Wagen abgeholt, den Rest mussten wir zum Bahnhof tragen. Alle lachten mich über mein Gepäck aus, aber ich wollte mich von ein paar Dingen einfach nicht trennen, die in meiner Umhängetasche verstaut waren. Dabei war auch mein Lieblingsbuch “Monika fährt nach Madagaskar” und mein Tagebuch, das ich immer versucht hatte gut zu führen, und meine Briefe, die ich von meinen Eltern und meinen Verwandten bekommen hatte und auch einige Bilder, denn ein bisschen Erinnerung wollte ich mitnehmen. Mein Fotoapparat war auch mit drin. Ja, und dann kamen wir verschwitzt und kaputt am Bahnhof an, mussten unser Gepäck selbst im Abteil des Zuges verstauen und dann fuhren wir los. mit einem unbekannten Ziel, aber es sollte in Sicherheit sein. In dem Zug waren schon anderer Kinder aus KLV -Lagern, wir fuhren gegen Mittag ab und in der ganzen Nacht hielten wir immer wieder an, und immer mehr Kinder wurden in diesen Zug verfrachtet. Das Gerücht ging durch den Zug, dass wir mehr als 2000 Berliner Kinder seien in diesem Transport durch die Tschechei. Wir hatten als Proviant Butterbrot und in unserer “Feldflasche” (eine Blechflasche, die zu verschrauben war und an unserem Brotbeutel hing, wie auch unser Essgeschirr) - in dieser Flasche war dünner kalter Malzkaffee. Vitamintabletten hatten wir auch mitbekommen und etwas Stückchenzucker, für alle Fälle und als eiserne Ration. Es war kalt in dem Zug und feucht, wir hatten Hunger und es war alles so trostlos. Wir hatten unsere Decken, die jeder von uns einmal in das KLV -Lager mitgenommen hatte, um uns gelegt, mein Kopfkissen hatte ich vom Koffer genommen und es wärmte uns abwechselnd noch ein wenig und wir fuhren. Wir fuhren lange und ich hatte das Gefühl, dass wir durch das ganze Land fuhren und es gab überall Kinder aus Berlin. Ich erinnere mich noch, dass wir auch durch Königsgrätz, nahe der polnischen Grenze kamen und irgendwann gegen morgen waren wir auf der Fahrt Richtung Prag und Pilsen. Als es hell wurde, bekamen wir gesagt, dass wir aufpassen müssten, falls es Tiefflieger gäbe, die unseren Zug beschießen würden, dann sollten wir uns sofort auf den Boden legen. Und nicht zu viel an den Fenstern gucken. Wir sprachen schon darüber, was passieren würde, wenn der Zug nicht mehr weiterfahren könnte. Uns war eines klar und das war irgendwie durch Mundpropaganda zu uns gekommen: wir müssten in Richtung Klattau kommen, von dort aus sei es nicht mehr so weit zur deutschen Grenze und vor allem war nicht zu hohes Gebirge zu überwinden und es gab vor allem eine gute Straße. Irgendwann - in meiner Erinnerung weit hinter Pilsen, also in der Nähe der Grenze -hielt unser Zug gegen Abend. Wir waren müde und hungrig, durften kurz aussteigen, um uns am Bahnhof an einem Kaltwasserhahn einmal die Hände und das Gesicht waschen, aber dann sofort in den Zug zurück. Auf dem Bahnhof liefen deutsche Soldaten herum, die man heute als Bahnpolizei bezeichnen würde. Sie hatten Stahlhelme auf und eine Blechmarke um den Hals gehängt (wir nannten sie die Hundemarken), daran konnte man erkennen, dass sie auf alles, was auf dem Bahnhof passierte aufzupassen hatten. Und sie hatten ein Gewehr umhängen, mit dem sie schießen durften, wenn entweder jemand abhauen wollte oder Unbefugte sich den Zügen nähern wollte. Sie gingen immer an dem Zug auf und ab, es war schon eine bedrohliche Situation. An all das, was ich einmal in Weichsel von meinen polnischen Freunden gehört hatte, dachte ich überhaupt nicht mehr. Ich hatte einfach Angst, dass ich diese Zeit überhaupt nicht mehr überleben würde, denn wir hörten auch, dass die Tschechen inzwischen sehr unfreundlich zu uns Deutschen waren - und es ging ein Gerücht rum, dass sie am 20. April 1945, das war der Geburtstag Adolf Hitlers, einen Aufstand gegen die Deutschen vorhatten, um sich endlich aus der Macht der Nazis zu befreien.. Zu Essen hatten wir kaum noch etwas, jetzt lutschten wir bereits den Zucker, die Eiserne Ration. Die Müdigkeit ließ uns dann - trotz Kälte - einschlafen. Nachts wurde ich einmal wach: der Zug stand immer noch. Wegen des Krieges gab es seit 1939 überall Verdunkelung, keine Lampe brannte, im Zug gab es kein Licht, aber mit Taschenlampen konnten wir wenigstens den Weg zu den inzwischen verdreckten Toiletten finden. Auch die Soldaten auf dem Bahnsteig gingen mit Taschenlampen herum. Die Verdunkelung war notwendig, damit bei einem Fliegerangriff keine Orientierung aus der Luft möglich war. So gehörte zur Standardausrüstung eines jeden Bürgers der Besitz einer Taschenlampe, zusätzlich trug jeder Mensch ein Leuchtabzeichen, damit man sich in der Dunkelheit erkennen konnte, auch die Autos, die fuhren hatten die Scheinwerfer abgedeckt und nur ein ganz kleiner Schlitz gab etwas Licht auf die Straße. In den Wohnungen wurde abends bei Dunkelheit verdunkelt, alle Fenster hatten Rollos, die keine Licht nach draußen ließen oder man hatte aus lichtundurchlässigen Papier mit einem Holzrahmen Abdeckungen gebaut, die abends vor die Fenster gehängt wurden. Und wehe wenn ein Lichtschein sichtbar war, dann kam der “Blockwart” oder der Luftschutzwart und sorgten für Ordnung. Es war gespenstisch auf diesem Bahnhof: man sah nichts, man hörte zunächst nur die Nagelstiefel der aufpassenden Soldaten - aber zwischendurch war immer ein schrecklich Stöhnen und Wimmern zu hören. Und das hörte überhaupt nicht auf. Meine Klassenkameradinnen bzw. meine Freundinnen im Abteil machte ich wach - wir gruselten uns wegen dieses Geräusches unsäglich. Was war es nur? Wir dämmerten so vor uns hin und als es heller wurde sahen wir, weshalb wir solche Angst bekommen hatten. Auf dem Gleis neben unserem Zug war nachts ein anderer langer Zug eingefahren, Auf den Dächern der Wagen war das rote Kreuz groß gemalt und der ganze Zug war übervoll mit schwer verwundeten Soldaten. Es waren junge und alte Männer, die mit n unvorstellbaren Verwundungen in dem Lazarettzug lagen und sicherlich nicht besonders gut versorgt waren. Man konnte nicht viel sehen, diejenigen, die nicht ganz so schlimm verwundet waren, sahen aus den Fenstern und winkten uns zu. Aber wir fuhren bereits schon weiter, langsam ging die Fahrt aus dem Bahnhof. Irgendwie hatten wir Angst, dass wir doch noch vor der deutschen Grenze Tieffliegerbesuch bekommen könnten - außer den Fliegerangriffen in Berlin hatten wir eigentlich seit langer Zeit den Krieg so unmittelbar nicht zu spüren bekommen. Ja, dass die Flack mal schoss, aber direkt waren wir nie betroffen gewesen. Plötzlich gab es einen Ruck, der Zug bremste und in dem Augenblick sahen wir: es waren zwei oder drei Flugzeuge, die auf uns zuflogen. Sie waren ganz niedrig und schossen - aber das ging alles so schnell, dass ich mich unvermittelt auf der Erde liegend wieder fand, auf oder unter meinen Freundinnen, ich weiß es nicht mehr. Die Hände hatte ich über dem Kopf verschränkt und dachte nur - jetzt ist es aus. Wir wagten gar nicht uns zu bewegen, alles ging so schnell und jemand rief: “Raus!” Aber da wurde schon wieder geschossen, es war furchtbar. Dann war es still - nein, alles schrie auf einmal durcheinander und versuchte aus dem Zug herauszukommen. Irgendwo auf einem Acker, der gleich neben der Bahnlinie war warfen wir uns einfach wieder hin, vor Angst, dass die Flieger gleich wiederkommen würden. Aber es war wirklich vorbei. Man sollte es nicht glauben, aber jetzt sahen wir zum ersten Mal, wie viele Kinder mit ihren Lehrern in diesem Zug gewesen waren. Jungen und Mädchen, sicherlich alle zwischen 10 und 14 Jahren, ältere waren nicht mit dabei. Unsere Lehrerin sammelte uns um sich herum, wir mussten uns am Waldrand hinsetzen und auf weitere Anordnungen warten. Sie sagte uns dann nach einer Weile, die uns sehr lang vorkam, dass wir zu unserem Wagen zurückgehen sollten, um die notwendigsten Sachen einzupacken, die wir brauchen. Wir würden dann gemeinsam ein Quartier suchen, um abzuwarten, bis wieder eine neue Lokomotive vor unserem Zug war, damit wir nach Bayern weiterfahren konnten. Was nimmt man da nun mit? Und wer passt auf den Rest des Gepäckes auf? Zwei ältere Mädchen aus unserer Schule wurden als Wachen für das zurückgebliebene Gepäck im Zug gelassen, sie sollten nach einigen Stunden dann abgelöst werden. Wir anderen nahmen eine Tasche mit den Papieren und dem Notwendigsten mit, auch die Decken mussten wir mitnehmen, und dann zogen wir in Dreierreihen los. Auf der Landstraße, die zum dem Ort, wo wir hinwollten, führte, mussten wir hintereinander gehen, denn es hätten ja wieder Tiefflieger kommen können. Dann sollten wir uns sofort in den Straßengraben werfen, mit dem Gesicht nach unten. Aber es passierte nichts, wir kamen in einem kleinen Dorf an, dort wimmelte es nur so von Flüchtlingen, Frauen und Kinder waren es vor allem, sie hatten kaum noch Gepäck und ich erinnere mich, dass die Kinder weinten. Sie weinten sicherlich vor Hunger und Kälte, wir waren ja groß und tapfer, wie man es uns jahrelang eingetrichtert hatte und die Angst, die in uns war, sah man nicht. Wir wurden in einem Gutshof untergebracht und schliefen alle in einer großen Scheune. Selbst das war zu diesem Zeitpunkt richtig romantisch, jeder wühlte sich eine Kuhle in dem Stroh und legte seine Decke drauf, um sich dann draufzulegen. Damit wir nicht froren, hatten wir alle unsere Trainingsanzüge an und den Wintermantel darüber - aber das Stroh pikste durch alles durch. Und Hunger hatten wir! Aber es gab tatsächlich auch etwas zu essen, wir bekamen jeder zwei Kartoffeln und ein paar Stückchen Zucker und wir genossen nicht nur das Essen, sondern auch die Wärme der Kartoffeln. Selbst die Schale wurde mitgegessen und es war ein wunderschönes Gefühl, die heißen Kartoffeln in der Hand zu halten. Auch etwas warmen Kaffee gab es und dann konnten wir uns zum Schlafen legen. Nachts wurden wir dann alle wach. Zunächst hörten wir das bekannte Geräusch der Flugzeuge am Himmel, die irgendwo zu einem Angriff flogen, dann allerdings schoss die Flack aus unmittelbarer Nähe und dann hörte man wie die Bomben irgendwo explodierten. Wir konnten nicht aus der Scheune raus, das war auch besser so, denn wir hörten, dass der Bombenangriff weit von uns entfernt war. Dann kamen die Flugzeuge wieder, anscheinend drehten sie über dem Dorf, in dem wir waren, um zu einem neuen Angriff zu fliegen. Das dauerte und dauerte, ich weiß nicht wie lange, aber eines weiß ich heute noch. Ich hatte vor Angst noch nie so gezittert, wie in dieser Nacht. Am anderen Morgen, wir konnten eigentlich gar nicht mehr richtig schlafen, hörten wir dann, dass die Stadt Pilsen bombardiert worden war. Und da wir nicht sehr weit davon entfernt waren, hatten wir alles so unmittelbar mitbekommen. Ging es nun heute weiter? Ja, gegen Mittag hieß es, dass wir unsere Sachen packen sollten, der Zug bekäme eine neue Lokomotive und in der Nacht würden wir dann weiterfahren. Als wir alles gepackt hatten kam die Nachricht, dass wir doch noch eine Nacht bleiben würden - die Lokomotive sei bereits wieder zerschossen worden. So erhielten wir wieder Kartoffeln und Zucker, etwas anderes gab es nicht, langweilten uns im Stroh, denn alleine durften wir nicht in das Dorf gehen - und warteten. Die Nacht war diesmal ruhig, kein Fliegeralarm oder Bombenangriff und wir konnten halbwegs ruhig, aber piksich schlafen. Am anderen Tag wieder das gleiche Spiel - wir mussten packen und diesmal gingen wir auch Richtung Zug. Unterwegs kam dann die Nachricht, dass wieder alles Umsonst gewesen war und wir gingen in das Dorf zurück. Jetzt allerdings besprach unsere Lehrerin mit uns die Situation. Sie sagte, dass es sehr schwer würde, alle Mädchen aus unserem Lager mit dem Zug nach Bayern zu bringen und wir müssten auf eigene Faust versuchen weiterzukommen. Allerdings nur diejenigen, die Verwandte in Bayern hätten und dies auch nachweisen könnten. Da half mir nun der Brief meines Onkels Lutz aus Memmingen, der mir vor langer Zeit einmal geschrieben hatte, dass ich immer zu ihm kommen könnte. Und diesen Brief hatte ich immer bei mir - er war somit doch sehr wichtig geworden. Und nun hatten wir auf einmal die Chance frei zu sein. Meine Freundin Putti hatte ebenfalls Verwandte in Bayern, eine Tante, die in Murnau am Staffelsee lebte und zu der sie wollte. Wir zeigten unsere Briefe, -es waren übrigens nicht viele, die dieses Glück einer bayerischen Adresse hatten -, und nach einigem Hin und Her entschied man, dass wir gehen konnten. Wir bekamen zunächst ein Zeugnis von der Schule, damit wir wenigstens etwas, wenn wir überlebten, in der Hand hatten, bekamen 20 Reichsmark dazu, damit wir auch Geld hatten - und dann wurde uns gesagt, dass wir sehen sollten, in die nächste Stadt zu kommen. Dort sollten wir uns Lebensmittelmarken (Urlauberkarten) besorgen, mit denen wir uns etwas zu Essen kaufen könnten. Der Ort hieß Stankau und bis dahin war es nicht sehr weit. Und ich glaube, dass der Ort, in dessen Nähe wir waren, Stodt oder so ähnlich hieß. Und wir durften, wenn wir wollten, noch zum Zug gehen, um uns Sachen mitzunehmen. Na, wir waren froh, dass wir uns aufmachen konnten, denn die Angst vor möglichen Unruhen am 20. April, dem Geburtstag Hitlers, gegen Deutsche in der Tschechei war irgendwie doch sehr groß. Und wir wollten so schnell wie möglich nach Bayern, dort wo es Berge und Seen gab und wenn wir nur auf Umwegen dort hin kämen. Der Zug stand auf dem Bahnhof des Ortes, er war dort hin geschleppt worden und zu dem Zeitpunkt, wo wir da waren, sollte wieder eine Lok angekoppelt werden. Sollten wir nun warten oder auf eigene Faust losmarschieren? Nein, wir wollten weg - wir wollten alleine bestimmen, wie wir nach Bayern kommen, denn dort waren ja auch die Amerikaner im Vormarsch und die sollten nicht so schlimm sein wie die Russen. So packten wir ein, was wir meinten tragen zu können. Nicht in einen Koffer, denn den hätten wir eh nicht tragen können, sondern in die Taschen, den Schulranzen und darauf. Die Schulbücher blieben im Zug, dafür nahm ich aber mein Kopfkissen und die Decke mit, auch meinen Bademantel, der könnte mich zur Not wärmen. Das hatten wir ja nun jahrelang gelernt - immer daran denken, praktische Sachen dabei zu haben. Alles andere klärt sich von alleine. Dann standen wir auf dem Bahnhof und überlegten, wie wir nach Stankau weiterkommen. Draußen fuhren Kolonnen von Militärfahrzeugen vorbei, manchmal hielten sie an, um Wasser zu bekommen, aber uns nahm keiner mit. Die Wagen waren überfüllt mit Soldaten, die ebenfalls auf der Flucht waren. Vielleicht würde ja auch noch ein Zug fahren, das war jedenfalls unsere Hoffnung. Wir warteten ziemlich lange, denn vor dem Fußmarsch hatten wir ja schon erhebliche Angst, 12 - 15 km war Stankau entfernt. Der Lazarettzug war auch nicht mehr da, was mag wohl mit den Verwundeten passiert sein? Viel SS -Leute liefen auf dem Bahnhof herum, vor denen hatten wir Angst, denn die sollten sehr unangenehm sein. Es fuhr ein langer Zug, ein Güterzug, in den Bahnhof ein und hielt. Vorne und hinten an dem Zug waren auf offenen Güterwagen so genannte Vierlingsflacks aufgestellt, um den Zug vor Tieffliegern zu sichern. Der Zug war lang, und wir fragten die Soldaten, ob sie uns wohl ein Stück mitnehmen würden. Das wurde abgelehnt, man dürfe keine Zivilpersonen mitnehmen. Wir bettelten, aber es half uns nichts - man blieb bei seiner Meinung. Und dabei fuhr dieser Zug Richtung Bayern! Als er sich dann wieder in Bewegung setzte und langsam anfuhr, nahmen wir uns ein Herz, packten unsere ganze Kraft zusammen und sprangen auf die hinteren Wagen, dort wo die Flack postiert war, auf. Wir schmissen unsere Taschen auf den Güterwagen und die Soldaten hatten Mitleid mit uns - sie zogen uns zu sich rauf. Das war geschafft - Gott sei Dank - was waren wir froh. Nun ging es mit dem Zug weiter, mal sehen, wie weit wir kamen. Vielleicht bis Bayern? Dieser Traum war ganz schnell vorbei. Wir waren bestimmt nicht länger als 5 Minuten vom Bahnhof entfernt, als die Flackgeschütze anfingen zu schießen: Tiefflieger kamen an. Es war ein schrecklicher Lärm. die Geschütze feuerten ab, was sie nur konnten, der Zug hielt, und die Tiefflieger schossen was er nur hielt. Und wir auf dem Güterwagen, ohne jeglichen Schutz. Als die Flugzeuge abdrehten, um zu wenden und wiederzukommen, sprangen wir vom Zug ab. Wir konnten aber nicht fortlaufen, weil wir eine steile Böschung neben uns hatten, so mussten wir Schutz unter dem Waggon suchen. Als der zweite Angriff vorüber war, nutzten wir die Chance, mit einigen Soldaten, die Böschung hinaufzukrabbeln, um dort oben etwas Schutz zu bekommen. Dort war aber eine Friedhofsmauer und wir konnten nur Schutz an der Mauer finden. Wir sahen die Flieger wiederkommen und den Zug beschießen, als das vorüber war, riss ein Soldat das Tor ein und wir liefen zu der Friedhofskapelle, immer Schutz vor den Fliegern hinter einem Grabstein suchend. Die Tür der Friedhofskappelle wurde eingetreten und wir kauerten uns auf den Boden. Da merkte ich, dass ich in all der Aufregung meinen Schulranzen mit meinen Papieren dabei hatte, auf den ich mein Kopfkissen gebunden hatte und den ich mir zum Schutz über den Kopf halten konnte. Ich hatte so große Angst, dass nun aber wirklich alles vorbei sei Draußen hörte das Geballere überhaupt nicht auf, es war ein teuflischer Lärm, Immer wieder eine Detonation, aber anders als das MG -Feuer der Flugzeuge oder das Schießen der Flak. Plötzlich kam ein junger Soldat in die Kapelle gelaufen. Ihm war ein Arm einfach abgefetzt, er blutete schrecklich, aber ich glaube, dass er die Schmerzen überhaupt nicht gemerkt hat. Während wir, immer die Köpfe einziehend, versuchten ihm zu helfen, sagte er, dass der ganze Zug in die Luft fliegen würde. In den geschlossenen Güterwagen waren Panzerfäuste transportiert worden, die nun einzeln detonierten und wie wild in der Gegend herumflogen. Es dauerte bestimmt 20 Minuten bis eine halbe Stunde, bis sich jemand wieder hinauswagte. Ich hatte inzwischen meinen Kopfkissenbezug auseinander gerissen und jemand stopfte damit die Wunde des Soldaten. Aber es waren auch inzwischen andere Verwundete in die Kappelle gekommen, allerdings waren sie nicht so verwundet, wie der eine Soldat. Die Flugzeuge waren schon lange nicht mehr zu hören und als wir uns dann endlich hinaustrauten, die Soldaten warnten uns, es hätte immer noch ein Geschoß losgehe können, sahen wir von der Böschung auf den Zug hinunter. Es war ein Grauen, die Wagen waren ausgebrannt und überall lagen Tote herum. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich tote Menschen gesehen habe. Manche konnte man kaum erkennen, vor allem die Soldaten, die an der Flack gesessen hatten. Und dazwischen lag unser Gepäck, das wir holen wollten. Wir mussten weiter, wir mussten sehen, wie wir nach Stankau und nach Bayern finden und das war noch weit. Irgendwie schafften wir es an unsere Taschen zwischen den Toten zu kommen, ich glaube, man merkt die Situation zunächst überhaupt nicht. Alles, was wir nicht brauchten, gaben wir den Soldaten, damit sie Notverbände machen konnten, meinen Bademantel gab ich ebenso, wie Wäsche und mein Kopfkissen. Und dann hauten wir ab, nur fort, war unser Gedanke. Und wir liefen und liefen, immer beobachtend, ob nicht vielleicht wieder Tiefflieger kommen. Wir versuchten ein paar Mal Autos anzuhalten, eines nahm uns mit, bis nach Stankau und dort kamen wir dann an. Es war Abend geworden und auch dort waren Menschenmassen, die auf der Flucht in Richtung Westen, nach Bayern waren. Wir bettelten die Soldaten um etwas Brot an, was wir auch bekamen und sie gaben uns eine Büchse Wurst dazu. Da sahen wir auf einmal, dass die Verbandskästen oder Munitionskästen in den Militärautos voll mit Proviant waren. Dieses Wissen half uns in den nächsten Tagen sehr. Wir schliefen in irgendeiner großen Halle, wahrscheinlich war es der Raum einer Gaststätte und waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Denn es war draußen bitterkalt und viele Menschen mussten unter freiem Himmel schlafen. Am anderen Morgen aßen wir den Rest des Brotes und der Wurst, was wir zu trinken hatten, weiß ich nicht mehr. Und dann machten wir uns auf, um die Lebensmittelmarken zu besorgen. Wir fanden auch die Stelle, wo sie ausgegeben wurden. Man wollte sie uns nicht geben, weil sie nur für Soldaten - daher der Name Urlaubermarken - seien. Aber ich glaube, wir haben so gebettelt und sahen wahrscheinlich auch so hilflos aus, dass wir dann doch welche bekamen - und dann aber wieder fort. Nur zu kaufen gab es nichts. Keiner hatte etwas für die Marken zu verkaufen, alles war leer. So sagten Putti und ich uns, dass es das Beste sei, wieder auf die Straße zu gehen, um zu versuchen ein Militärfahrzeug zu finden, dass uns nach Klattau mitnehmen würde. Da hatten auf jeden Fall etwas zum Essen und uns Mädchen nahm man vielleicht doch mit. Und so war es - ein Auto hielt an und wir konnten mitfahren. Und tatsächlich, bekamen wir auch etwas zu essen, trockenes Brot und Büchsenwurst. Zum Trinken hatten die Soldaten Schnaps in Mengen, aber erstens hatten wir noch nie welchen getrunken und zweitens ekelten wir uns davor. So mussten wir durstig weiterfahren. Und wir hatten Glück: es gab keinen Tieffliegerangriff auf der Fahrt Richtung Grenze. Eigentlich muss es eine schöne Fahrt gewesen sein, denn wir fuhren durch sehr waldige Gegend, so in meiner Erinnerung. Dabei erfuhren wir, dass die Soldaten in Richtung Furth fahren wollten. Da wollten wir aber nicht hin, wir wollten nach Klattau, so war es in unserem Kopf. Wir hatten ja keine Karte, um zu wissen, dass diese Strecke kürzer war und wir waren sehr misstrauisch. Also stiegen wir dann irgendwo und irgendwann aus, um ein anderes Fahrzeug zu finden, dass uns nach Klattau bringen konnte. Eigentlich hatten wir bisher immer ein wenig Glück gehabt bei unseren Vorstellungen. Obwohl wir ja nun einige Kilometer mit dem Auto vorangekommen waren, spürten wir beim Laufen, denn es musste ja weitergehen, wir konnten nicht warten, dass unsere Füße und Beine eigentlich nicht mehr wollten. Obwohl wir viel von unseren Sachen fort gegeben hatten, waren die Taschen immer noch schwer und wir zwei setzten uns an den Straßenrand, um zu sehen, was wir vielleicht noch fortwerfen konnten. Wieder hielt ein Auto und nahm uns mit. Wir wollten nach Klattau und von dort über die Grenze, falls sie offen war und dann waren wir in “Freiheit”. Es war eine mondhelle Nacht in der wir Richtung Klattau fuhren. Ich erinnere mich noch gut daran und es war kalt. Aber wir saßen mit so vielen Soldaten in dem Auto, hatten - wie vorhergesehen - zu Essen und auch hier gab es Schnaps zum Trinken. Wir hatten aber vorgesorgt und in unsere Feldflaschen aus einem Brunnen Wasser gefüllt, das wir sehr sparsam tranken. Gegen 9.00 oder 10.00 Uhr abends kamen wir in Klattau an und die Soldaten setzten uns am Bahnhof ab, denn sie hatten in der Zwischenzeit den Befehl bekommen wieder irgendwo an die zusammenbrechende Front zu fahren. Ich glaube aber, dass sie gar keine Lust mehr dazu hatten und irgendwie sich “verdrücken” wollten, aber natürlich ohne uns. Und so standen wir wieder einmal auf einem Bahnhof und wussten nicht weiter. Züge waren hier seit längerem nicht mehr gesehen worden, aber man sagte uns, dass vielleicht ein Zug vorbeikäme, der Richtung Bayern fährt. Aber wann - das wusste keiner. Man soll es ja eigentlich überhaupt nicht glauben, aber es kam ein Zug und er fuhr im Bahnhof ein. Damals mussten die Züge öfter in Bahnhöfen halten, damit sie vor allem Wasser für ihre Kessel wieder auftanken konnten. Wir waren nicht alleine auf dem Bahnhof, andere Kinder, die auch alleine auf der Flucht waren, standen mit uns ebenfalls herum. Keiner aber traute sich so recht, etwas zu unternehmen, denn überall schauten abweisende Gesichter aus den Fenster, richtig böse waren sie. Da rief auf einmal jemand: “Ute, da ist ja Ute” - und wie es oftmals das Glück bringt: es war meine Tante, die ich in Weichsel einmal besucht hatte (an diesem besagten Sonntag mit dem Schuhfett), die ihre Tochter die ganze Zeit auf der Flucht mit der Schule begleitet und nun betreute. Als sie hörte, was wir vorhatten, gab es natürlich in dem Zug kein Halten mehr, wir durften einsteigen, denn wir waren nicht nur Berliner KLV -Kinder, sondern ja auch noch aus Weichsel. Und so kamen wir glücklicher Weise noch in dieser Nacht - es war die Nacht vom 19. auf den 20. April 1945 mit dem Zug über Bayerisch Eisenstein nach Zwiesel in Niederbayern. Zwar gab es an der Grenze noch eine etwas aufregende Zugkontrolle, aber heute glaube ich, dass die Soldaten in erster Linie junge Leute und Männer suchten, die evtl. aus dem Kriegsdienst abgehauen waren, das gab es in diesen Tagen an allen Stellen. Jeder hatte nur einen Wunsch: zu überleben. In Zwiesel angekommen, mussten wir alle aussteigen, und nun mussten wir versuchen, uns weiterhin auf eigene Faust durch zu schlagen....
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