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Kowloon Ghosts

Von SA Fehr

Ohne jegliche Erinnerung erwacht Lu Cifer inmitten von Hongkong. Die einzige Spur zu ihrer Vergangenheit ist eine seltsame Notiz, die sie tief hinein führt in die Welt des „Trick of Trading“. Schnell muss sie erkennen, dass es um mehr geht als die Herrschaft über den Angels Harbour durch die Fu Tong Moon Triade und dass sie tiefer in dieser Geschichte steckt, als es den Anschein hat.

Alle Charaktere, Gruppierungen und Örtlichkeiten innerhalb dieser Geschichte sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind zufällig und nicht gewollt.

Kapitel eins: „Lu Cifer“

Da war ein Geräusch.

Nichts als dieses Geräusch.

Und ein wenig Licht.

Aber es war zu schwach um in ihre Gedanken zu dringen.

Und so war sie hilflos diesem Geräusch ausgeliefert.

Als sie im Begriff war zu erwachen, begriff sie, dass das Geräusch ihr eigener, rasselnder Atem war. Ihre Muskeln waren verkrampfte Klumpen Lehm, die sich wie dünne Drähte in ihre Extremitäten fraßen. Andererseits, so schien es, besaß sie gar keine Muskeln mehr. Unfähig sich zu rühren, die Lider zu heben lag sie in der Stille, die nur von ihren regelmäßigen Atemzügen durchbrochen wurde.

Das wirkliche Erwachen riss sie in die Wirklichkeit, wie einen arglosen Fisch aus dem Wasser. Die Abgründe der Bewusstlosigkeit wichen, entließen sie in eine fremde Welt und gaben ihr die Kontrolle über ihren Körper wieder.    

Sie schnappte heftig nach Luft, weil sie glaubte, zu ersticken, sie griff um sich wie ein Neugeborenes und stellte verblüfft fest, dass sie genauso nackt und hilflos war. Flackerndes Neonlicht fiel in Streifen durch die geschlossenen Rollladen auf ihren Körper. Sie glaubte zu schreien, doch der Schrei existierte nur in ihrem eigenen Kopf, in dem sich chaotische Bilder aneinander reihten und verblassten, weil sie sie nicht sehen wollte. Sie wollte gar nicht wissen, was in diesem düsteren Schwarzweißfilm noch geschehen sollte.

Sie schaltete ihre Gedanken mit ihrer eigenen, ganz persönlichen Fernbedienung ab, doch ein Moderator mit einem Mikrofon aus Knochen rief ihr nach: „Willkommen im Land der gequälten Herzen!“. Immer wieder hallte der Satz in ihrem Kopf bis er von Geräuschen hinter der Wand zerschmettert wurde. Einem Stöhnen und Keuchen. Irgendwie vertraut und gegenwärtig, aber dennoch

(fremd)

 verpönt.

Sie presste sie Augen so fest zusammen, dass weiße Ringe vor ihren geschlossenen Lidern tanzten und richtete sich auf. Dann setzte sie sich auf die Bettkante. Ihre nackten Sohlen berührten den eiskalten Boden und es schien als durchstieß sie ein elektrischer Schlag. Sie öffnete die Augen und konnte auch die Geräusche hinter der Wand zuordnen. Jenseits des Gemäuers wurde hemmungslos lauter Sex praktiziert. Sie starrte sie vergilbte Tapete ausdruckslos an und taumelte im Licht der flackernden Leuchtreklame durch den winzigen, kahlen

(fremden)

Raum. Ihre Beine fühlten sich an als wurden sie heute zum ersten Mal genutzt, als traten sie ihre Jungfernfahrt an und zitterten wie die eines Fohlens. Nur waren sie nicht so schlank wie die eines Fohlens. Ganz und gar nicht. Sie waren…

(fremd)

Was zur Hölle ging in ihrem Kopf vor?

Sie war schließlich…

Ja, wer eigentlich?

Sie fasste sich an die Schläfe. Das Stöhnen und Keuchen nebenan schien sich seinem Höhepunkt zu nähern, denn die Ekstase in den schwitzenden Stimmen nahm zu, und jetzt hörte sie noch was, das rhythmische Quietschen von alten Bettfedern und das Murmeln von Musik oder eines Fernsehers von irgendwo, eine Klospülung und Gesprächsfetzen. Zum Teufel, das Haus war hellhörig wie ein leerer Magen.

Auf der Kommode neben dem Bett standen außer einem Telefon, duzende von geleerten Bierdosen einer chinesischen Marke – sie vermutete, dass sie ehemals Bier enthielten, denn als sie daran roch, stieg ihr ein malziger Geruch in die Nase. Sie stellte die Dose beiseite- im Nebenzimmer bebte der Boden, die Klospülung röhrte immer noch und jetzt begannen sich zum Überfluss in dieser Geräuschkulisse ein Mann und eine Frau zu streiten, gefolgt vom hysterischen Plärren eines Kleinkindes – und betätigte den Lichtschalter neben der Eingangstür.

Der Neonstrahler unter der schmutzigen Decke flackerte ein paar Mal wie unter einem epileptischen Anfall auf und rührte sich nicht mehr, egal wie oft und wie heftig, sie am Lichtschalter herumknipste. Der Raum blieb dunkel, nur die Leuchtreklame zuckte blau und rot und orangegelb durch die Lamellen der Rolllade.

Sie tastete sich orientierungslos durch die eingebildete Weite

(Fremde)

des winzigen Raumes und stieß die Tür in das Bad auf. Die Dunkelheit dahinter war mit Blicken nicht zu durchdringen, doch das Licht funktionierte hier einwandfrei. Der gelbe Schein vertrieb das Ungeziefer, das mit zitternden Fühlern im Waschbecken und auf der Toilettenbrille gesessen hatte. Mit schabendem Chitin verschwanden sie in schimmeligen Ritzen und im Abfluss. Angeekelt verzog sie den Mund und trat langsam an den Spiegel.

Der Moderator in ihrem Kopf meldete sich wieder mit dem Mikrofon aus bleichem Gebein.

„Was erwartet uns dort? Antwort a) die Erleuchtung oder ist es Antwort b) das Land der gequälten Herzen? Entscheiden Sie sich, meine Dame!“.

Der Moderator tänzelte voran und riss ihr die Fernbedienung aus der Hand. Sofort lief wieder der Schwarzweißfilm vor ihrem geistigen Auge ab. Er spulte sich vor – oder zurück? – aber die Bilder waren unverständlich und zusammenhangslos. Sie schloss die Augen, ballte die Hände zu Fäusten und nebenan explodierte die Leidenschaft in einer Serenade, an dem wohl die ganze Nachbarschaft teilhatte. Das Kind weinte noch, die Frau brüllte ein unverständliches Kauderwelsch und sie sah in den Spiegel. Kondenströpfchen sammelten sich auf der stumpfen Oberfläche und auf den gesprungenen braunen Fliesen, aus dem Abfluss hallte das Schaben von Chitin als unheimliches Echo wieder. Schnell steckte sie den Stöpsel in den Abfluss. Das Schaben verstummte.

„Die Erleuchtung oder das Land der gequälten Herzen?“.

„Halt die Klappe!“, sagte sie barsch in den leeren Raum hinein. Beim Klang ihrer Stimme zuckte sie zusammen. Sie war rau und

(fremd)

vibrierte wie das Schnurren einer gereizten Katze.

Sie befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze. Irgendwie gefiel ihr die Situation, ja, sie konnte sagen, dass sie mit der Situation mehr als nur unzufrieden war. Sie machte ihr regelrecht angst.

Sie sah nun direkt hinein, in den stumpfen Spiegel, und was sie sah, hob ihre Stimmung nicht gerade. Das Gesicht, das sie aus dunkelblauen Augen anblickte war ihr…

fremd, ganz eindeutig. Sie war blass, regelrecht weiß, ihre Lippen waren voll, aber ebenfalls blass wie der Mond. Ihre Wangenknochen waren hoch und eingerahmt wurde ihr Gesicht von langem, glattem Haar, dass die Farbe von getrocknetem Blut hatte. Nein, tut mir Leid, dich kenn ich nicht, dachte sie und unterdrückte die aufkeimende Panik. Alles kein Problem, sie musste ja einen Ausweis oder so besitzen, denn wie hätte sie sonst nach Hongkong einreisen können?

Hongkong??

Sie zog die Stirn in Falten und ihr Konterfei im Spiegel verfolgte die Bewegung getreulich. Es sah aus als teilte ein Dreieck ihre glatte Stirn.

Hongkong, sie war sich dessen sicher.

Sie, wer immer sie war, befand sich in Hongkong.

Anscheinend war ihr Gedächtnis wohl doch nicht so hinüber!

Das Bild eines brennenden Autos traf sie mit der Wucht eines Hammerschlages, sie hörte Schreie, die in ihrem Kopf wiederhallten wie in einem Dom und roch brennendes Fleisch.

„Willkommen im Land der gequälten Herzen!“, tönte wieder der skurrile Moderator in sein Mikrofon und sie sah helle Stufen, die in ein noch helleres Gerichtsgebäude führten. Auf der Treppe war ein Menschenauflauf versammelt und alle Menschen trugen Kameras und Mikrofone und dann sah sie jemanden in eine Limousine steigen, die am Fuße der Treppe mit brummendem Motor wartete. Der Geruch von brennendem Fleisch wehte heran. Dann teilte sich die Menge und ein Hüne von Mann hielt einen wild um sich schlagende Frau fest. Sie erkannte die Gesichter nicht, sie waren verschwommen, wie auf einer verwackelten Fotografie, doch sie hörte: „Ich krieg dich, du Miststück, du kannst dich nicht verstecken, Mörder!“.

Von wegen, willkommen im Land der gequälten Herzen, einen Arschtritt kannst du dir holen, wenn du mir meine Fernbedienung nicht wiedergibst! Das Chaos in ihrem Kopf verwandelte sich in ein Kaleidoskop aus wirbelnden Farben und zusammenhangslosen Bildern und gab ihre Gedanken schließlich wieder frei. Doch ihre Beine gaben unter ihrem Gewicht nach und alles in ihr schrie danach, die Bilder so schnell es ging wieder loszuwerden, sie in den tiefsten Keller ihrer Erinnerungen sperren und den Schlüssel in den Schlund der Hölle werfen, ja, genau das wollte sie.

Sehr gut, nur die Ruhe, das wird schon!

Der Moderator schwieg, doch konnte sie sein höhnisches Grinsen nahezu hören.

- Hier endet der erste Teil des ersten Kapitels, für Feedback bin ich dankbar-
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Onroeroe@aol.com
 


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