Märchen mit Tanz Uraufführung der gekürzten Fassung: 19.6.99 „artefax“ Meraner Thermen
Weitere Aufführungen: Kulturverein APOLLO, Wien
Im
Nordwesten Indiens, in einer kleinen Stadt in Rajasthan,lebte einst ein Stockkämpfer der Kriegerkaste. Er hatte
eine junge, hübsche Frau, deren Vater auch aus der Kriegerkaste stammte. Ihre Mutter aber war die Tochter einer hellhäutigen Sklavin aus Europa.
Das
Paar hing in großer Liebe aneinander und diente, sooft sich die Gelegenheit bot, Kamadeva nach den Satzungen Watsjajanas auf vielfache Weise mit Hingabe und
Ausdauer.
Den
reichlichen Opfergaben des wackeren Kriegers konnte sich die Göttin Lakshmi nicht lange verschließen. Sie schenkte dem Paar ein Mädchen, das sie Kamala, die
Lotusblume, nannten.
Kamala
erblickte in einer unsicheren Zeit das Licht der Welt. Mongolenhorden bedrängten das Land. Doch die berühmten Krieger aus Rajasthan wehrten sich tapfer und
erfolgreich. Besonders ihr Vater mehrte seinen Ruhm durch viele Heldentaten, bis auch ihn das Schicksal ereilte und ihn der Bote des Yama (Todesgott) , Yamaduta
nach Yamapura geleitete.
Seit
dem Tod ihres geliebten Mannes gehörte die ganze Liebe und Fürsorge der jungen Witwe ihrer Tochter Kamala.
Kamala
war ein reizendes Mädchen. Von ihrer Großmutter, der Sklavin aus Europa, hatte sie eine helle, zarte Haut, helles Haar und blaue Augen geerbt. Schon deswegen
stach sie aus der braunen Schar der anderen Mädchen der Stadt heraus.
Als
sich ihre Hüften rundeten und die Brüste Knospen trugen, zog sie die Blicke der jungen Männer an, wie das Licht die Schmetterlinge. Kamala merkte es wohl und
sah es auch gar nicht ungern. Sie ließ sich aber mit keinem auch nicht zu einem harmlosen Flirt ein.
Ihr
Vater hatte zwar ihrer Mutter ein kleines Vermögen hinterlassen. Dies hätte zum bescheidenen Lebensunterhalt ausgereicht. Die Mutter wollte es aber nicht anrühren,
sondern ihrerseits an Kamala weitergeben. Also verdiente sie sich ihren und ihrer Tochter Lebensunterhalt mit einem Webstuhl. Sobald Kamala groß genug war,
half sie ihrer Mutter fleißig am Webstuhl und bei der Verrichtung der täglichen Arbeiten.
Jeden Tag ging sie mit dem Krug zum Brunnen um Wasser zu holen. Dort trafen sich viele junge Frauen und Mädchen.
Sie tratschten, sangen, lachten, kicherten, schwärmten von ihren Ehemännern oder ihrem jeweiligen Augenstern.
UnsereKamala war ein fröhliches Mädchen und tanzte im Kreise der
Frauen und Mädchen gerne zu den lustigen Liedern.
Weit entfernt, auf einem Gipfel des Himalayas steht ein Schloß aus purem Bergkristall.In ihm regiert der König
aller Krähen. Der Krähenkönig fliegt schnell wie das Licht. Seine Augen sind so scharf, dass er in seinem großen Reich jedes Samenkorn am Boden sieht. Er
kann sich auch in einen Menschen verwandeln, wann immer er will.
Die Schatzkammern waren voll Gold, Silber und Edelsteinen und die Vorratsspeicher waren in den guten Zeiten so
gefüllt, dass das große Krähenvolk auch bei schlechten Zeiten nicht darben mußte.
Eines Tages sah der König von einem Erker seines Schlosses Kamala auf dem Brunnenplatz
tanzen. Das Mädchen
gefiel ihm so gut, dass er sich am nächsten Tag zur gleichen Stunde wieder auf den Erker begab und am übernächsten auch und auch an allen weiteren Tagen. Er
war so verliebt, dass er Tag und Nacht nur von dem Mädchen träumte und seine Regierungsgeschäfte vernachlässigte.
Dies merkte das lockere Volk der Krähen schnell. Sie brachten kaum mehr ein Körnchen in die Vorratskammer. Auch
trugen sie keine goldenen Ringlein, Kettchen und andere Schätze in die Schatzkammer.
Weil die ordnende Hand des Königs fehlte, stritten und zankten die Krähen untereinander und hackten sich
gegenseitig die Augen aus. Denn dass - wie wir Menschen sagen - keine Krähe der anderen ein Auge aushackt, ist ja nur der strengen Ordnung in ihrem Reich zu
verdanken. Wenn diese fehlt, dann benehmen sich Krähen nicht anders als wir Menschen. Sie gehen auf einander los, schimpfen, balgen und streiten sich.
Am Hof des Königs ging bald alles drunter und drüber. Die Gauner gewannen die Oberhand und jagten die ehrlichen
und fleißigen Krähen aus dem Palast. Dafür setzten sie Papageien und andere bunte Vögel in hohe Ämter ein und glaubten so, ihre Beliebtheit beim Krähenvolk
zu steigern.
Da wandten sich viele der treuesten und klügsten Krähen von ihrem Volk ab, bildeten eigene Gruppen oder
schlossen sich anderen Vögeln an. Die wenigen Getreuen, wagten nicht, den König zu ermahnen. Sie sannen hin und her, wie sie dem König die Lage der Dinge
beibringen und ihn wieder zur Arbeit ermuntern könnten.
Lange berieten sie,. bis einer von ihnen auf die Idee kam: ,,Ersuchen wir doch die alte Amme des Königs, ihm die
Lage zu schildern und ihn zu bitten, sich wieder den Regierungsgeschäften zu widmen.“
Auch darüber diskutierten sie lange, schämten sie sich doch, sich unter die Flügelfedern einer alten Krähe
verstecken zu müssen. Da aber keiner eine bessere Lösung wusste, sandten sie einen von ihnen zur Amme.
Die Amme hörte sich den Gesandten an. Sie wollte sich aber nicht in Regierungsgeschäfte einmengen. Anderseits
liebte sie den König, den sie als Jungvogel gefüttert hatte und oft unter ihren schützenden Flügeln schlafen hatte lassen.
Sie merkte wohl, dass das Krähenvolk und auch der König in großer Gefahr schwebte. So ließ sie sich endlich
davon überzeugen, dass sie die unangenehme Aufgabe erledigen müsse.
Als sie beim König eintrat, saß dieser nicht wie sonst auf seinem Thron. Sie hörte aber die wehmütige Melodie
einer Laute. Sie ging dem Ton nach und fand den König in einem der Erker auf einem Stuhl sitzen und verträumt seine Laute spielen.
Sie wartete eine Pause ab. Dann krächzte sie leise und zärtlich. Da wandte sich der König um und sah seine
geliebte Amme. ,,Ich grüße dich, großer König“, sagte die Alte.
,,Was ist Dir, mein Sohn. Anstatt auf deinem Thron zu sitzen, Recht zu sprechen, Pfründe, Würden und
Ehrenfedern zu verleihen, spielst Du wehmütig auf Deiner Laute. Bist Du verliebt oder sonst wie krank? Willst Du Dich mir anvertrauen? Vielleicht kann Dir
Deine alte Amme helfen.“
,,Ach liebe Amme“ sagte er, ,,Wie gerne würde ich wieder ein Weizenkörnchen aus Deinem Schnabel empfangen und
mich unter Deine rechte Schwinge kuscheln Aber dem bin ich denn doch schon lange entwachsen. Du hast recht, ich bin krank, krank vor Liebe.“
,,Welche schöne Krähenprinzessin hat Dir Deinen Verstand geraubt? Frage sie doch ob sie deine Frau werden will
- oder traust Du Dich, großer König nicht? Soll ich DeineVermittlerin sein? fragte die Amme.
,,Das ist es ja, liebe Amme! Wenn es ein Krähenmädchen wäre, würde ich mich schon trauen. Aber es ist ein
Menschenkind
Ein Mädchen, schöner als die Sonne,
die auf Weizenfelder strahlt
und zu unsrer Augen Wonne
Schatten auf die Haine mahlt.
Des Weizen Farbe gleicht das Haar,
der Sterne Licht die sanfte Haut
und Augen hat sie hell und klar,
wie ich niemals noch geschaut.
Im Tanz wiegt sich ihr schlanker Leib,
wie im Wind das reife Korn.
Nie noch wurde so ein Weib
wie sie auf dieser Welt geborn.“
Da wusste die Amme, wie es um ihn bestellt war. Aber wie sollte sie helfen? Sie konnte die Menschensprache nicht
sprechen. Der König aber schon. Also sprach sie zu ihm:
,,Da kann ich Dir freilich nicht helfen. Warum verwandelst Du Dich nicht in einen schönen Jüngling und
versuchst sie mit lieben Worten und wertvollem Geschmeide zu gewinnen? Wenn Du ihre Liebe gewonnen hast, bringe sie auf Dein Schloss. Sprich zu uns als Krähe
und zu ihr als Mensch.
Wir Krähen werden sie verwöhnen, wenn Du nur wieder Deine Pflicht als König erfüllst und unserem Volk Frieden
und Wohlstand zurückbringst.“
,,Du hast recht!“ sprach der König, ,,gelingt es mir, dann habt ihr Euren König und ich meine Geliebte.
Gelingt es mir nicht, möge ich einem Adler als Frühstück dienen.“
Mit den ersten Sonnenstrahlen des nächsten Morgens flog er in das noch schlafende, kleine Städtchen von
Rajasthan. Dort verwandelte er sich in einen schönen Jüngling und wartete auf das Mädchen.
Kamala kam wie gewohnt mit ihrem Krug zum Brunnen, lachte, kicherte, tratschte und tanzte. Auf dem Weg nach Hause
sprach sie der Krähenkönig an:
,,Schönes Mädchen, Du trägst einen schweren Krug. Darf ich Dir die Last abnehmen und Dich zu Deinem Haus
begleiten’?“
Überrascht schaute Kamala den fremden Jüngling an. ,,Wer bistDu?“fragte sie. Ich habe dich noch nie in unserer Stadt gesehen.“
,,Ich bin nicht aus dieser Stadt. Meine Heimat ist fern. Aber das soll mich nicht hindern, einem schönen Mädchen
behilflich zu sein.“
,,Das schickt sich nicht“, dachte Kamala e und sagte schnippisch: ,,Helfe einer alten Frau. Ich bin jung und
stark genug, den Krug zu tragen.“ zu sich sagte sie aber ,,Lass ihn den Krug tragen, wenn er will. Außerdem ist er recht hübsch.“
Unmerklich verlangsamte sie ihren Schritt, weil ihr die Gesellschaft des Jünglings nicht unangenehm war. Nachdem
sie sich getrennt hatten, suchte sich der Krähenkönig in der Stadt ein Quartier. Am nächsten Tag, bat er sie wieder den Krug tragen zu dürfen und am dritten
Tag gestattete sie ihm diese Gunst.
Ab nun wartete Kamala schon darauf, dass sich der Jüngling blicken ließ. Insgeheim gestand sie sich ein, dass
ihr seine Gegenwart gefiel und sie dachte oft an ihn.
Der König merkte die wachsende Zuneigung des Mädchens und war glücklich darüber. ,,Ihre Sympathie habe ich
schon, wie gewinne ich ihre Liebe?“ sann er. Er wagte noch immer nicht, ihr seine Liebe zu gestehen.
Eines Morgens kam eine Krähe zum König und berichtete, dass in seinem Palast eine Revolte ausgebrochen sei. Die
bunten Vögel haben die Krähen-Regierung verjagt und einen Papagei als Regenten eingesetzt. Da beschloss der König Ordnung in seinem Reich zu machen. Als er an
diesem Tage Kamala traf, war er sichtlich bedrückt. BeimAbschied sagte er traurig:
,,Ich muss Dich auf einige Tage verlassen. Eine unaufschiebbare Pflicht zwingt mich dazu. Ich komme aber wieder.
Nimm diesen Ring von mir als Andenken“. Mit diesen Worten gab er ihr einen Ring von feinstem Gold mit einem großen blutroten Rubin, verabschiedete sich von
ihr und eilte hinweg.
In seinem Palast angekommen, ließ er den Papagei und alle anderen bunten Vögel in den Käfig werfen und
ernannte eine neue Krähen - Regierung. Dann setzte er sich auf seinen Thron, richtete die Dösen und belohnte die Guten, verlieh Pfründen, Würden und
Ehrenfedern und ordnete das Reich.
Da kamen wieder alle Krähen und brachten die Körner in die Speicher und Ringlein, Kettchen und anderes
Geschmeide in die Schatzkammer.
Kamala dachte inzwischen oft an den schönen Jüngling und sehnte sich immer mehr nach ihm.
Als alles geordnet war, flog der König wieder in das Städtchen und wartete auf Kamala. Als sie gekommen war,
nahm er sie bei der Hand und sagte zu ihr: „Kamala ich bin aus Sehnsucht nach dir vergangen. Willst Du meine Frau werden?“
,,Ich glaube schon.“ Sagte Kamala ,,Aber ich weiß von Dir gar nichts. Was bist Du, wo wohnst Du? Erzähl mir
von Dir“
Er erzählte ihr, dass er der König der Krähen sei, in einem Schloss aus Bergkristall auf einem Gipfel des
Himalayas wohne, und dass sein Volk sie verwöhnen werde.
Nachdenklich erbat sich Kamala Bedenkzeit. Am nächsten Tag sagte sie zum König: ,,Ich liebe Dich und will gerne
Deine Frau werden. Ich fürchte aber, dass ich in Deinem Schloss, so schön es auch sein mag, unter lauter Krähen und fern von Menschen vor Heimweh vergehen würde.“
Der König versprach ihr, in der Stadt ein Haus zu bauen und dort mit ihr als Mensch zu leben. Nur wenn es seine
Regierungsgeschäfte erfordern, werde er zu seinem Palast fliegen, die nötigen Dinge erledigen und gleich wieder zu ihr zurückkommen.
,,Auch das wird noch nicht reichen“ , sagte
Kamala “wenn meine Eltern und alle anderen Menschen erfahren,
dass Du eine Krähe bist, werden sie uns verjagen.
„Das wird niemand erfahren“, versprach der Krähenkönig. „Ich werde mich nie als Krähe zu erkennen geben.
Damit war Kamala einverstanden.
Als das Haus fertig war, erzählte Kamala ihren Eltern, dass sie sich in einen fremden Mann verliebt habe, der
sie heiraten wolle. Sie bat, ihn den Eltern vorstellen zu dürfen. Die Eltern willigten ein.
Da schrieb sie dem König einen Brief, dass sie voll Sehnsucht auf ihn warte. Aufgeregt legte sie ihre schönsten
Kleider an. Da verhedderten sich ihre Armbänder und die Perle des Nasenschmuckes fiel zu Boden. Als der Bräutigam vor der Türe stand, sagte sie zu ihm
,,Sei vorsichtig, damit Du nicht auf die Perle trittst. Draußen wehen die lauen Winde des Monsuns, komm mit mir
in den Garten schaukeln.“ Der Schleier wehte im Wind und die Fußglöckchen lösten sich von den Fesseln.
Die Hochzeit wurde mit großer Pracht
gefeiert. Keiner wusste, dass der Bräutigam der Krähenkönig war aber alle
waren verwundert über die vielen Krähen, die in der Stadt zu sehen waren.
Kamala und der Krähenkönig lebten glücklich miteinander. Ihr ältester Sohn beerbte seinen Vater als König
der Krähen, blieb aber in Menschengestalt unter Menschen. Ihm folgte dessen ältester Sohn und so weiter bis heute.
Wo heute der Krähenkönig lebt, weiß niemand. Er sagt es niemandem und zeigt niemandem seinen unermesslichen
Reichtum.
Vielleicht bist es Du
oder Du , oder euer bester Freund oder euer Nachbar?
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