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Wo andere Urlaub machen

Ein Kurzkrimi von Karl-Heinz Wesemann

Vorbemerkung

Sandhatten, ein friedlicher kleiner Ort mit 900 Einwohnern im Oldenburger Land. Hier macht man Urlaub. Hier kann man abschalten. Weite Wanderwege in den umliegenden Wäldern Die Hunte ist in der Nähe und lädt zu ausgiebigen Kanutouren ein. Der Naturfreund kann hier ausspannen und sich vom Stress der Arbeit erholen. Sandhatten eine idyllische Landschaft mit alten Bauernhöfen, einem Gasthof, nur einer Telefonzelle. Viele Pensionen und Ferienhäuser liegen weit verstreut rund um den Ort im Wochenendgebiet. Fast alle Häuser sind in Blockhausbauweise ausgeführt. Oft kann man von einem Haus zum nächsten nicht schauen - Bäume und Büsche versperren die Sicht. Die höchsten Berge der Nähe sind die Osenberge mit max. 15 m über NN. Außerdem gibt es eine Jugendherberge und ein Waldcafé. Die nächsten Geschäfte findet man in Sandkrug oder Kirchhatten. Oldenburg, 15 km von Sandhatten entfernt, ist die nächste Stadt.

Wir befinden uns in der Wohnung von Agnes und Ulf. Die beiden sind erst vor zwei Wochen zusammen gezogen. Agnes hatte bis zu diesem Zeitpunkt ihre eigene kleine Wohnung in Oldenburg. Ulf wohnt schon drei Jahre in dem schnuckelig wieder hergerichteten Blockhaus.

Samstag 6 Uhr

An diesem Junisamstag des Jahres 1996 geht der Radiowecker kurz vor 6 Uhr los. In den Nachrichten reden sie von irgendeinem Bombenanschlag in Osnabrück. Wahrscheinlich IRA. Ganz in der Nähe hat es eine Schießerei auf einem Autobahnparkplatz gegeben. Der Wetterbericht ist viel versprechend - viel Sonne, kein Regen. Agnes hat leider Frühdienst. Ulf will draußen aufräumen. Beim Frühstück freuen sich die beiden Jungverliebten schon auf den Nachmittag. Es soll ein richtiges Kuschelwochenende werden.

Ein Tag zuvor, 15 Uhr

Im fernen Hodenhagen hat an diesem Wochenende Conny seinen Motorseglerschein am Freitag bestanden. Natürlich ist er stundenlang in der Luft und probiert den vereinseigenen Segler am Samstag aus. Mit seiner Frau beschließt er abends die beiden Sandhatter Freunde Agnes und Ulf am Sonntag zu besuchen. Man hatte sich lange nicht gesehen. Natürlich will Conny mit dem Flugzeug nach Hatten und eine Runde Kaffee trinken. Weil fliegen so`n Spaß macht soll es dann nach 1- 2 Stunden Aufenthalt mit dem Flieger wieder zurückgehen.

Samstag 4 Uhr

In der Nacht hat an der nahe gelegenen Autobahnraststätte Huntetal an der A 29 ein Überfall stattgefunden. An einer nicht beleuchteten Ecke werden von einem LKW diverse Fernseh.-und hochwertige Hifi-Anlagen auf drei kleine Transporter umgeladen. Bei dieser Raststätte an der Gegenfahrbahn gibt es auch eine Behelfsauffahrt für Zulieferer und Personal. Auch unbeleuchtet. Die Besatzung von Otto 28 hatte hier Position bezogen. Die beiden Polizeiobermeister freuen sich schon auf das Schichtende in 45 Minuten. “Habe gestern noch Karten für Werder gekriegt. Die spielen heute gegen Mönchen-Gladbach. Da wird Gladbach wieder einen auf den Sack kriegen. “

Sein Kollege steckt sich gerade eine Zigarette an. „Mensch kuck mal da drüben, was ist denn bei dem LKW los? Die rödeln doch an der Ladung rum. Lass uns mal rüberfahen und nachschauen. “

Otto 28 braucht 4 Minuten bis zur anderen Seite. Der LKW ist inzwischen entladen und schon wieder auf der Autobahn. “Verdammt die Bullen, haut ab, wir halten sie auf.“ Mit quietschenden Reifen verlassen die drei Transporter die Rastanlage. Die zurückgebliebenen eröffnen ohne Vorwarnung das Feuer aus Maschinenpistolen auf den nahenden Streifenwagen.

“Otto 28 an Ottozentrale, wir werden auf dem Rastplatz Huntetal Fahrtrichtung Oldenburg beschossen. Drei Transporter, heller Aufbau, 7, 5 Tonner mit einem Punkt an der Rückfront, keine weiteren Merkmale, auf der Flucht. Schicken Sie Verstärkung. “Der Beamte will noch weiter sprechen, sackt aber leblos, von etlichen Geschossen getroffen, auf dem Sitz zusammen. Sein Kollege schafft es noch den PKW herumzuschleudern. Aus dem nun um 180 Grad gedrehten Fahrzeug heraus kann er einen der Gangster anschießen und sich dann mit einem Hechtsprung hinter einen kleinen Wall schmeißen.

In diesem Moment knallt es einmal gewaltig und das Polizeiauto geht in Flammen auf. In der Ferne hört man die herannahende Verstärkung. Die Täter fliehen zu Fuß. Der Polizist merkt nun, dass er auch einen Streifschuss an der linken Schulter abbekommen hat und verliert das Bewusstsein. Der LKW - Fahrer hängt mit einem Loch im Kopf über seinem Lenkrad. Weil er nicht zur Zusammenarbeit mit den Gangstern bereit war hat man ihn liquidiert. Im Osten kommt langsam die Morgen-Dämmerung hoch. Ein Wald am Horizont ist schon als Silhouette sichtbar.

Gegen 7. 30 Uhr fährt Agnes zur Arbeit. Ulf beginnt, den Hänger mit herumliegendem Buschwerk voll zu laden. Nachbar Lüdenscheid kommt vorbei und schimpft auf die verdammten Engländer. Sie haben am Tag zuvor seine Ferienwohnung verlassen. “Bezahlt haben sie schon am Donnerstag. Aber Wolldecken und Bettvorleger, haben die mir geklaut. Das hätte ich von denen nicht gedacht“ Die beiden unterhalten sich noch eine Weile über „diese“ Engländer.

Samstag 8 Uhr 15

Eine halbe Stunde später hat Ulf sein „Astgerümpel“ im Wald bei Sandkrug entsorgt. Er will gerade den Zündschlüssel rumdrehen als er in den Lauf einer MP schaut. “Los aussteigen. “Ulf steigt wieder aus und sieht, dass eine leblose Person am Wegrand liegt. “Zieh ihn ins Gebüsch und deck ihn mit Laub zu. Mach schon“. Ulf schüttelt sich. Noch nie hatte er einen Toten mit so schlimmem Gesichtsausdruck gesehen. Das Hemd des Toten ist in der Bauchgegend mit verkrustetem Blut verschmiert. “Nachdem der Tote beseitigt ist sagt der Typ mit der MP: „Wir steigen nun zu dir ins Auto und du bringst mich zu deiner Wohnung. Wenn wir eine Bullenkontolle haben, zeigst du deine Papiere und sagst, wir haben Gestrüpp in den Wald gebracht. Mich wirst du als deinen Kumpel vorstellen. Wenn du irgendetwas sagst, dann waren das deine letzten Worte. Merk dir das!“ Ich habe nichts zu verlieren. Fahr los!“ Seine MP versteckte er unter einer Einkaufsplatiktasche. Als die beiden wieder auf der Hauptstraße sind, kommen ihnen mehrere Hundertschaften Polizei entgegen. Im Rückspiegel sieht Ulf noch wie einige der Mannschaftswagen in den gerade verlassenen Wald fahren.

Samstag 11 Uhr

Am frühen Vormittag dieses Samstags übernimmt die Kripo Oldenburg die Ermittlungen im Wald. Es stellt sich schnell heraus, dass der Tote ein lang gesuchter Schwerverbrecher ist. Er war in der letzten Zeit auch in Waffengeschäfte verwickelt. Die Hinweise auf ihn waren eindeutig. Nur schnappen konnte man ihn bisher nicht.

Seit den frühen Morgenstunden läuft im gesamten Bundesgebiet eine Großfandung nach den 3 Transportern. Von diesen Transportern weiß man nur, dass sie eine dunkle Plane mit einem Gelben Punkt auf der Heckseite haben.

Der Polizeiobermeister welcher morgens die Meldung absetzte ist inzwischen verstorben. Sein Kollege liegt im Krankenhaus und ist noch nicht vernehmungsfähig.

Die Beschreibung der Transporter stammt noch von ihm. Der flüchtige Verbrecher wird immer noch im Waldgebiet der Osenberge gesucht.

Samstag 16 Uhr 45

Agnes kommt gut gelaunt nach Hause. Sie hat noch einige Außenpflanzen günstig im Geschäft bekommen. Damit will sie gleich die kleine Bank neben der Haustür dekorieren. In der anderen Hand hat sie noch ein paar Kuchenstücke auf einem Pappteller. Als sie die Haustür aufschließt und hineingeht kommt ihr Ulf entgegen. “Wir haben leider ungebetenen Besuch. Reg dich nicht auf, das kriegen wir irgendwie gebacken. “.

Agnes sieht wie so`n mieser Typ Ulf eine Knarre in den Rücken hält. “Verhaltet Euch ruhig und macht genau was ich euch sage. Ich werde einige Tage bei euch bleiben, bis der Trubel da draußen sich etwas gelegt hat. Dann werdet ihr mich hier wegbringen und es passiert euch nichts. Aber solange macht ja keine Faxen, sonnst leg ich euch um. “

Agnes und Ulf schauen sich an, sie fühlen sich im Moment hilflos. “Da Sie schon mal hier sind - trinken sie einen Kaffe mit uns“? Mit einem etwas lockerem Gesichtsausdruck willigt der Gangster ein. „Den Kaffee bitte mit viel Zucker. Wenn jemand kommt“ entfährt es dem Verbrecher, „dann wimmelt ihn an der Tür ab. “

“Abends kommt immer unser Nachbar Herr Zargo. Der bringt uns die Zeitung und quatscht dann noch ein bisschen. Meistens kommt er rein. Und heute Abend hat der bestimmt viel zu erzählen, die sind heute aus dem Urlaub zurückgekommen. Wenn wir den abwimmeln, dann merkt der was. Am besten wir lassen ihn herein und stellen Sie als unseren Bekannten vor. Dann haut der bestimmt gleich wieder ab“, sagt Agnes . “Ihre Knarre können sie dann solange unter der Tischkante halten. “

Wenn man vom Deubel spricht, dann kommt er. Ernst Zargo ist hinten durch den Garten gekommen und steht vor der geschlossenen Terrassentür. Er kann nicht hineinsehen, das Glas spiegelt zu sehr. “Was is nu, reinlassen oder draußen stehen lassen?“, fragt Agnes den Gangster. “Ok, lass ihn rein, aber keine mutigen Versuche dem was mitzuteilen“!

Agnes öffnet die Terrassentür. “Moin Ernst, na geht`s Dir gut?“

“Klar, schlechten Leuten geht`s immer gut. Aber bei Lüdenscheid da war ja was los - Peter war gerade bei mir“. Ernst setzt sich ohne Umschweife in den nächsten Sessel. “Moin erst mal alle zusammen. „Also Peter Lüdenscheid war gerade da. Gestern sind doch die Engländer wieder nach Hause gefahren. Heute Morgen hat er schon gemerkt, dass sämtliche Bettvorleger geklaut wurden. Im Laufe des Tages kam ja in den Nachrichten immer wieder diese Meldung vom Raketenanschlag auf eine britische Kaserne in Osnabrück. Soll die IRA verübt haben.

„Irgendwann hat Peter dann noch die Mülleimer von der Ferienwohnung durchgesehen. Dabei

hat er dann einen Stadtplan von Osnabrück gefunden. Und ihr glaubt es nicht, im Stadtplan war diese Kaserne mit Filzstift umrandet. Auch die Zufahrtsstraßen von der Autobahn. Er nimmt nun an, dass seine Feriengäste diese Terrorristen von Osnabrück sind.“

Es fällt kein einziges Wort über irgendwelche Urlaubserlebnisse. Alle hängen gebannt an den Lippen von Ernst. Der Gangster versucht seine plötzlich aufkommende Unruhe zu verbergen. “Wo ist denn diese olle Ferienwohnung?“

„Die Wohnung ist hier gleich hinter dem Grundstück. Man muss nur diesen Weg ein Stück hochfahren. “Ernst steht am Fenster und zeigt nach hinten. “Peter will gleich die Polizei anrufen. So, nun muss ich wieder rüber, da bin ich etwas dichter am Geschehen. Hier im Dorf ist ja sonst nichts los. Tschüß“ Schnell geht Ernst wieder zum Zaun, wo für Eingeweihte ein kleiner versteckter Übergang ist. Ernst ist jener Rentner im Dorf, der alles eher als andere hört, sieht und weiß. “Verfluchte Scheiße“, sagt der Gangster, “heute läuft wohl alles schief.

Samstag 21 Uhr

Am Samstagabend ist die Kripo bei Lüdenscheid`s Ferienwohnung. Nach Klärung der Sachlage wird das BKA informiert. Der Staatsschutz inspiziert noch um Mitternacht das Anwesen. Es wird eine Nachrichtensperre verhängt.

Inzwischen ist es Sonntagmorgen 8. 00 Uhr. Agnes und Ulf mussten die Nacht gefesselt im Bett verbringen. Sie überlegen, wie sie sich irgendwie von dem Saukerl auf dem Sofa retten können. Ihnen fällt nichts Konkretes ein. Irgendwann schlafen sie ein.Unter der Auflage kein` Scheiß zu machen werden sie von den Fesseln befreit. Die Toilette

dürfen sie einzeln nutzen, die Tür bleibt einen Spalt auf. Agnes soll Frühstück machen.

Sonntag 8 Uhr 15

Um 8 Uhr 15 fahren 12 große BMW und Daimler mit Wiesbadener und Bonner Kennzeichen in den Seitenweg zur Ferienwohnung. Das ganze Haus wird nach Spuren untersucht. Einer hat fischt sogar in der Klärgrube nach „Beweismitteln“. Fingerabdrücke werden von jedem Gegenstand in der Wohnung genommen. Tage später wird man in der Zeitung lesen, dass diese BKA-Gruppe den Namen SOKO Quebec hat. (Quebec deshalb, weil das Ziel der Terroristen in Osnabrück die engl. Quebec-Kaserne war. ) Die entferntere Nachbarschaft bekommt von diesen Vorgängen nichts mit.

Sonntag 8 Uhr 20

Um 8. 20 klingelt das Telefon von bei den Jungverliebten. Ulf darf abnehmen. “LKA-Hannover. „Wir müssen sie in einer Sprengstoffangelegenheit vernehmen. In ca. 40 Min. sind wir da. “Ulf stellt sich unwissend. “Wieso Sprengstoff ? Was habe ich mit Sprengstoff zu tun? Außerdem wollen meine Freundin und ich gleich ins Grüne fahren. “ Etwas ungehalten wird Ulf vergattert das Haus nicht zu verlassen.

Ulf erklärt dem Gangster das eben Gehörte. Sie einigen sich darauf, von dem ungebetenen Gast nichts zu sagen. Der Gangster wird in einem Nebenraum warten. Man wird die Tür auflassen, damit er alles mitbekommt. Ein kleines Kofferradio wird ebenfalls eingeschaltet. Der Gangster will damit von ihm verursachte Geräusche unterdrücken. “Ein falsches Wort oder Zeichen und ich mäh euch alle weg. “ Er lässt die Fensterklappen dieses Zimmers schließen. Es ist nun total dunkel.

Draußen quietschen Reifen. Von wegen 40 Minuten. fünf Minuten sind vergangen und das LKA ist da. “Entschuldigen sie unseren sonntäglichen Überfall aber die Angelegenheit ist so brisant, dass sie keinen Aufschub duldet. Sie haben inzwischen bestimmt mitbekommen, dass in den letzten Wochen in unmittelbarer Nähe mutmaßliche Terrorristen gewohnt haben“.

Zwei LKA-Beamte, einer schleppt eine altmodische Schreibmaschine der andere eine dicke Aktentasche, werden gebeten doch rein zu kommen. „Wie viele Personen haben Sie die letzten 3 Wochen von hier gesehen die sie in Verbindung mit dem Ferienhaus bringen? Männer oder Frauen ? Autotyp ? Auf welcher Seite war das Lenkrad? Das Nummer -Schild sagten Sie, sei ein englisches. Warum kann es kein holländisches gewesen sein?

Fragen über Fragen. Agnes und Ulf wunderten sich was sie in den letzten 3 Wochen alles gesehen haben. Alles Belanglosigkeiten wie sie dachten. Aber langsam merken sie, dass sie mehr gesehen haben, als sie wollten. Da war der LKW, der morgens um 4 Uhr mit laufendem Motor vor ihrer Einfahrt stand, und sie aus dem Schlaf holte.

Ulf konnte ihn so gut beschreiben dass man ihm ein Bild von so einem Auto zeigte. „Klar das war der“, entfuhr es Ulf. “Sah genauso aus wie früher in den Lassiefilmen die Kleinlastwagen von den Farmern. “Es stellte sich heraus, dass dieser LKW als Raketenabschuss-Basis in Osnabrück benutzt worden war. “Wenn die hier Mist gebaut hätten, dann wäre hier jetzt alles platt“, sagte einer der Beamten. “Die haben bei der Ferienwohnung wahrscheinlich die Raketenwerfer zusammen gebaut“. Das Verhör zog sich stundenlang hin. Immer wieder wurde nach einer halben Stunde quer gefragt.

Agnes und Ulf „qualmte“ der Kopf. Sie finden keine Gelegenheit irgendwie auf den Gangster im Hintergrund aufmerksam zu machen.

Freitag 8 Uhr 10

Als Zargos im Urlaub sind hatte Ulf Spätschicht. Ihm fällt die Begegnung vom Freitag ein. Er soll wie jeden Morgen dieses Urlaubs die Zeitung von Zargos holen und die Blumen gießen. Ihm fällt auf, dass einer der Engländer im Tarnanzug in gebückter Haltung hinter dem Tor hockt. Komisches Volk diese Engländer, haben Urlaub, sind jung, verkriechen sich an den Arsch der Welt und laufen schon morgens mit einer Verkleidung herum, denkt er noch. Die Beamten sind ganz heiß auf weitere Details.

Zwischendurch klingelt dauernd das Telefon. Kripo Delmenhorst. . . . . LKA. . . . . BKA, “geben Sie mir bitte mal Herrn . . . . . . “

Der Gangster fühlte sich im Hintergrund relativ sicher. Vorne sind die so auf diese Terroristen fixiert, dass er glaubt keine Probleme zu bekommen. Irgendwann mussten die Bullen ja wieder verschwinden. Dann würde er sich seine Geißeln schnappen und mit deren Auto wegbringen lassen. Bis zur Dunkelheit würde er noch warten.

Beim BKA hatte man Hinweise, dass die IRA immer in der Nähe von Unterschlupfen Erddepots anlegte. Diese Depots können von Infrarotkameras erkannt werden. Die Bundesanwaltschaft erteilte der Luftwaffe den Auftrag mit diesen speziellen Kameras das Gelände rund um Sandhatten abzusuchen.

Sonntag 12 Uhr 25

Alarm auf dem Flugplatz Wittmund. “Dies ist keine Übung. Infraroteinsatz über Sandhatten. Nähere Instruktionen folgen“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Vier Offiziere der Flugbereitschaft rennen zu ihren Bombern.

Sonntag 12 Uhr 30

Die Hodenhagener landen in Hatten. Conny lässt seinen Rettungsfallschirm auf dem Pilotensitz liegen.

Sonntag 12 Uhr 40

Gegen 12. 40 Uhr kommen zwei Phantoms angerast. Sie fallen von 12000 m Höhe auf 10 m über den Baumwipfeln herab und beginnen ihre Aufklärungsflüge. Immer und immer wieder kreuzten sie den Vernehmungsort und die anliegenden Wälder. Beim dritten Anflug mit ohrenbetäubendem Krach traute sich Agnes, dem einem Vernehmungsbeamten zuzurufen, dass ein Mann mit einer Maschinenpistole im Nebenzimmer alle vier Personen im Visier hat.

Der Beamte blinzelt kurz und fährt ungerührt mit der Vernehmung fort. „Bei welchem Geschäft in Sandkrug haben Sie einen der mutmaßlichen Terrorristen beim Brötchenkauf gesehen? Wann sind die hier abends immer langgegangen? . . “

Im weiteren Verlauf der Vernehmung stellt sich heraus, dasxs man davon ausgehen könne, dass der beste Spezialist für Sprengstoff der IRA wohl auch in der Ferienwohnung gewesen ist. Man hat ihn an den vorgelegten Bildern wieder erkannt. „So, das war`s fürs erste. Wenn Ihnen noch was einfällt, dann können Sie uns unter dieser Nummer direkt erreichen“.

Der Beamte mit der Schreibmaschine gibt Agnes eine Visitenkarte. „Wir gehen nun zu unseren BKA-Kollegen in die Ferienwohnung, Lagebesprechung. Evtl. kommen wir nachher noch einmal vorbei.“

Die Presse ist zu keinem Zeitpunkt über diesen Sommerlochfüller informiert.

Das BKA und das LKA haben sich rund um die mutmaßliche Terrorristenwohnung eingerichtet. Spurensuche, Zeugenvernehmung, neues Bildmaterial besorgen, Lagebesprechungen. Wie oben erwähnt bekommt die etwas entferntere Nachbarschaft von diesen Vorgängen nichts mit. Uneinsichtiges Waldgelände. Die örtliche Polizei ist auch nicht informiert.

Sonntag 13 Uhr 05

Die beiden LKA-Beamten die Agnes und Ulf vernommen haben, sind sich sicher das der geflohene Polizistenmörder vom gestrigen Samstag in der Wohnung der Beiden ist. Man leitet im Hintergrund Maßnahmen für eine Befreiungsaktion ein. Der Gangster in der Wohnung hat auch irgendwie Lunte gerochen. Er bemerkt, dass sich draußen keine Aktivitäten mehr abspielen. Vorher hatte er immer mal nach draußen gelugt und Bewegungen der Beamten registriert.

Im Radio sagen sie, dass es noch keine Spur von den Osnabrücker Terrorristen gibt. In den Wäldern um Hatten ist die Suche nach dem geflohenen Autobahnverbrecher immer noch ohne Erfolg - sagt der Nachrichtensprecher.

Sonntag 13 Uhr 06

Minuten später fährt ein Taxi vor. Die beiden Freunde aus Hodenhagen sind da. Agnes und Ulf werden vorm Türöffnen vom Gangster angeschnauzt die Beiden wegzuschicken.

Leichter gesagt als verlangt. Ruckzuck sind die zwei in der Wohnung und werden mit den vorhandenen Tatsachen konfrontiert. Natürlich kriegt der Gangster schnell raus, wer die beiden sind und wie sie hergekommen sind. Er hat einen Plan. - Ulf muss die beiden Frauen an die Heizungsrohre anbinden. Conny fordert er auf, Ulf an den Ofen zu fesseln und alle drei zu knebeln. Ulf bekommt einen Fußtritt ins Gesicht weil er protestiert. Ein Taxi wird gerufen Die Beamten in der nahen Ferienwohnung schreiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein.

Aus Oldenburg fährt eine SEK -Einheit ab. Sie sollen über Hintergrundstücke zur Wohnung von Agnes und Ulf gebracht werden. Fahrtzeit 15 Min. Die Hundertschaften vom Samstagmorgen, welche die Wälder noch immer durch suchen, werden abkommandiert die Gemeinde Sandhatten weiträumig abzusperren. Bis diese Einsatzkräfte vor Ort sind, vergehen natürlich etliche Minuten. Minuten die reichen, um noch ungehindert weg zu kommen.

Sonntag 13 Uhr 15

Als das bestellte Taxi kommt, springen Conny und der Gangster hinten rein. “Los zum Hatter Flugplatz. Fahr schneller“. Der Taxifahrer hat die MP gesehen und kann sein Mikrofon auf Dauersendung schalten. Die Zentrale hört mit was im Taxi gesprochen wird und verständigt die Polizei.

Sonntag 13 Uhr 21

An diesem Wochenende haben sich die die Heißluftballonvereine aus ganz Niedersachsen in Hatten auf dem Flugplatz getroffen. Man will einen Massenstart mit 47 Ballonen üben. Im September des Jahres ist wieder Weltmeisterschaft in Australien, und da wollen einige Auserwählte mitmachen. Die Bedingungen an diesem Junisonntag sind einfach ideal. Es soll in zwei Riegen gestartet werden.

In einigen der inzwischen fünfundzwanzig gestarteten Ballonen bekommt man mit, wie ein Taxi mit hoher Geschwindigkeit die Flugplatzstraße lang jagt. Einige Km dahinter kommen größere Limousinen mit Blaulicht hinterher. Einer der Ballonfahrer gibt über Funk dem Tower diese Erkenntnis mit dem Hinweis weiter, dass irgendwas im Busch ist!

Das Taxi fährt mit durchdrehenden Reifen auf den kleinen Flugplatz, durchbricht eine Flatterbandabsperrung und hält direkt neben Connys Flieger. Der Gangster dirigiert Conny mit vorgehaltener Waffe ins Cockpit. Schnell wird der Einstieg geschlossen und der Motor angelassen. “Hallo Info Hatten. Hier ist Delta – Kilo - Echo – Echo - Fox. Brauche sofort Starterlaubnis. Werde mit einer Schusswaffe gezwungen. Over.“ Der Gangster hat sich auch eine Sprecheinrichtung aufgesetzt. Macht hier keine

Schwierigkeiten. Gebt meinem Piloten eine Startbahn und dann Schnauze halten. “ „Sie dürfen nun nicht starten. Wir haben gerade einen Massenballonstart. Etliche Ballone sind gerade in der Luft. Die anderen werden gleich folgen. “

„Halts Maul, wir starten. Danach kannst Du deine Ballone aufsteigen lassen. Ist das klar?“ Im Tower versucht man die startklaren Ballone auf der Erde zu halten. Ist nicht möglich. Die meisten schweben schon ein paar Meter über dem Rasen. “Verdammt! Delta Kilo. Warten sie einige Minuten. Dann ist der Himmel wieder übersichtlich und sie kriegen die Starterlaubnis“! „Schnauze da drüben habe ich gesagt. Wir starten jetzt!“ Ans Anschnallen denkt im Augenblick keiner der beiden.

Sonntag 13 Uhr 25

Conny bringt die Maschine auf Startgeschwindigkeit. Sie hebt ab und dreht in einer steilen Kurve nach Westen. Er kann gerade noch an einigen aufsteigenden Ballonen vorbeijonglieren. Die verfolgenden LKA und BKA-Beamten kommen zeitgleich mit der örtlichen Polizei auf dem Flugplatz an.

Sonntag 13 Uhr 29

Der Motorsegler verschwindet gerade im Nachmittagsdunst des heißen Sommertages und wird vom inzwischen gerufenen Polizeihubschrauber ab Oldenburg verfolgt. „Delta Kilo, hier spricht die Polizei . Landen sie wieder in Hatten. Sie haben keine Chance zu entkommen. Wir sind direkt hinter ihnen“. „Brecht sofort die Verfolgung ab. Sonst knall ich den Piloten ab. Wir werden irgendwo landen. Dann verschwinde ich. Dem Piloten wird dann nichts passieren. Wenn ihr uns auf den Fersen bleibt, dann geht dieser Flug blutig aus. Also: haut ab und lasst uns in Ruhe“.

„Ok, ok wir brechen die Verfolgung ab. Sie haben freien Weiterflug“. Der Hubschrauber dreht sichtbar für den Motorsegler nach Norden ab und schraubt sich auf größere Höhe. Als kein Sichtkontakt mehr besteht, nimmt er mit größerem Abstand die Verfolgung wieder auf.

Conny besitzt die Frechheit, den Fallschirm der an seinem Rücken liegt während des Dialoges mit der Polizei anzuschnallen. „Los“, sagt er zum Gangster, “hinten auf der Ablage liegt der von meiner Frau. schnall ihn um, man weiß nie was passiert. “

Der Gangster legt die MP auf den Knien ab und versucht den Fallschirm nach vorne zu bekommen. Rechts voraus kann man das Zwischenahner Meer sehen. Darauf hat Conny gewartet. Der Motorsegler hat inzwischen eine Flughöhe von 1400 m.

“Wie weit kommen wir mit diesem Vogel?“

„Wir können ca. viereinhalb Stunden in der Luft bleiben“ sagt Conny und bringt den Flieger noch etwas dichter an den Zwischenahner See. „Kannst du damit irgendwo auf dem Acker landen?“ “Klar, kein Problem, wo willst du denn runter“?

Sonntag 13 Uhr 32

In diesem Augenblick reißt Conny den roten Hebel zum Notabwurf des Cockpitdachs an sich. Das Dach löst sich schlagartig vom Motorsegler und stürzt in die Tiefe. Conny bringt die Maschine in eine Trudellage mit dem Propeller nach schräg unten und blockiert den Gashebel auf Vollgas. Gleichzeitig löst er den Sicherheitsgurt. Entgegen seinem Grundsatz – nie aus einem heilen Flugzeug abspringen - verlässt Conny seinen Flieger. Die Wortfetzen:„Du  Schwein . . . . du verfluchtes“ interessieren ihn nicht mehr. Er hört noch wie eine Salve aus der Knarre des Gangsters abgefeuert wird.

Als diese Geräusche verstummen wird der Verbrecher in 500 m Höhe aus dem Sitz gerissen. Die Fliehkräfte sind enorm. Der Flieger beschleunigt zunehmend die Trudel-bewegung nach unten und kracht nach 8 Sec. auf dem Wasser auf. Die Maschine zerbricht in Einzelteile und versinkt schnell.

Ein Ölfleck und einige leichte Teile an der Wasseroberfläche zeugen vom Ende dieses Fluges. Conny kann sicher mit dem Fallschirm im Uferschilf landen. Der Polizeihubschrauber kreist in geringer Höhe über der Absturzstelle. Den Gangster findet man an diesem Tag noch nicht.

Sonntag 22 Uhr 10

Die Lieferwagen mit dem geklauten TV. - und Hifi - Geräten werden am Abend dieses Tages an drei verschiedenen polnischen Grenzübergängen entdeckt und die Fahrer fest gesetzt.

Sonntag 13 Uhr 34

Agnes, inzwischen befreit und wieder mit einem fröhlichem Gesicht, sagt: “ Da willst du der Hektik der Stadt entfliehen, ziehst dahin, wo andere Urlaub machen, und hast es nur mit Schwerverbrechern zu tun.


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