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Lehrling gesucht – vor 4000
Jahren
Von
Harald Hillebrand
Als Merwyn stehen blieb, erwachte Jard wie aus einem Traum und stellte
fest, dass sie vor dem Haus seiner Eltern standen. Schwach erkannte er
einen helleren Strich, der die Tür umrahmte und sicherlich von einer
drinnen brennenden Kerze stammte.
Sie warteten bestimmt auf ihn, ging es Jard durch den Kopf, während sich
sein Magen wie ein harter Klumpen Lehm anfühlte.
Als Merwyn anklopfte und die Tür sich kurz darauf öffnete, verschwand
Jard hinter Merwyns breiter Gestalt.
"Ich muss mit Euch reden, Roulf. Darf ich eintreten?" Seiner Stimme war
keinerlei Unsicherheit oder auch nur ein wenig Schuldbewusstsein
anzumerken. Er sprach, wie er immer sprach. Jard hörte nun schnelle
Schritte aus dem hinteren Teil des Hauses kommen.
"Jard?
… Merwyn, ist Jard bei Euch? Ist ihm etwas passiert?" Das war Mutter.
Warum musste sie sich immer solche Sorgen machen, fragte er sich und
genoss das Gefühl der Wärme, das ihn durchströmte. Dann trat er mutig
einen halben Schritt hinter Merwyn hervor.
Sie stürmte an Vater vorbei und drückte ihn fest an sich. Als sie ihn
kurz frei gab, sah er in das finstere Gesicht seines Vaters. Doch Merwyn
ließ ihm keine Zeit zu einem seiner seltenen Zornesausbrüche. Er trat
durch die Tür und schob ihn einfach beiseite. In dem schwach
erleuchteten Raum sah er sich kurz um und ging zielstrebig auf den
niedrigen Tisch zu, auf dem ein Tonteller mit einem rußenden
Kerzenstummel stand. Vater eilte mit kurzen energischen Schritten hinter
ihm her.
"Bitte, Merwyn, nehmt doch Platz."
Während Merwyn sich umständlich einen Platz suchte und sich mit einem
erleichterten Seufzen auf dem Wolfsfell niederließ, hatte Mutter ihn
schnell ins Haus gezogen, die Tür geschlossen und war flink mit ihm
hinter dem Vorhang zum großen Bettlager verschwunden.
"Roulf, wir müssen reden.", setzte Merwyn an, wurde aber sofort
unterbrochen:
"Darf ich Euch einen Krug Bier anbieten? Es ist ganz frisch." Ohne auch
nur eine Antwort abzuwarten, eilte er in den hinteren Teil des Raumes,
hob die Klappe zur Vorratskammer an und stellte Augenblicke später einen
großen Tonkrug vor ihm ab. Jard konnte die Szene durch einen Spalt im
Vorhang verfolgen, während ihn Mutter fest an sich presste.
Vater, der sich zögernd Merwyn gegenüber gesetzt hatte, schaute fragend
auf. Und Merwyn? Er strahlte nur noch Ruhe aus. Mit einer, wie es ihm
schien, endlos langsamen Bewegung griff Merwyn zum Krug und führte ihn
an die Lippen. Dann hielt er nochmals inne und blies den Schaum auf den
Fußboden. Er trank den Krug zur Hälfte aus und setzte ihn mit einem
gedämpften Poltern auf der Tischplatte ab.
"Wie stehen die Geschäfte, Roulf. Seit Ihr zufrieden?"
"Ja, wir kommen zurecht.", antwortete Vater, dem das Unbehagen und die
Neugier förmlich ins Gesicht geschrieben standen.
"Das freut mich … Das freut mich." Er griff erneut zum Krug und trank.
"Aber was führt Euch her, Merwyn, noch dazu zu so später Stunde?" Vater
schien nun wohl doch etwas ungeduldig, obwohl er sonst so auf
Höflichkeit bestand.
"Roulf, ich finde, dass Ihr und Goudyna es besser verdient hättet. Eure
Familie gehörte zu den Angesehensten im Clan."
"Ja, sicher, aber das ist lange her.", antwortete Vater nun
nachdenklich. Er schien sich nun wirklich zu fragen, was Merwyn von ihm
wollte.
"Ich habe einen Vorschlag.", hörte Jard plötzlich Merwyn sagen.
"Ein Geschäft?" Das war wieder Vaters ungläubige Stimme. "Seit Ihr
deshalb gekommen … was ist eigentlich mit Jard passiert? Warum bringt
Ihr ihn nach Hause? Wo habt Ihr ihn gefunden?"
"Mein Vorschlag…", sagte Merwyn jetzt lauernd. "…es geht dabei um ihn."
"Was hat Jard mit unseren Geschäften zu tun? Seit Ihr von Sinnen?"
"Ha, nein, ich bin nicht von Sinnen. Ich möchte Jard zu mir nehmen…"
"Was wollt Ihr? Ihn zu Euch nehmen? Wozu soll das gut sein?" Vater hatte
langsam gesprochen, als müsse er sich jedes Wort überlegen. Und so war
es wohl auch. Er war beim Reden immer leiser geworden. Gedankenversunken
starrte er auf seine Füße. Dann, als er den Kopf hob und Merwyn direkt
in die Augen blickte, war da ein Leuchten.
"Ihr wollt ihn anlernen?"
Merwyn nickte. "Ja, das will ich … ich werde alt, Roulf. Ich möchte
wissen, dass ein Nachfolger da ist, wenn ich in die Anderwelt übergehe."
Jard lauschte gespannt. Würde Vater darauf eingehen? Auch seine Mutter
hatte sicher jedes Wort vernommen. Es tat ihm schon beinahe weh, so fest
drückte sie ihn voller Spannung an sich. Mutter hatte blass ausgesehen,
doch ihre Wangen schienen nun vor Aufregung zu glühen. Und als sie
seinen Blick bemerkte, schaute sie ihn mit einem Lächeln auf den Lippen
an. Stolz glomm in ihren Augen.
Als Jard wieder zum Tisch hinüber sah, war Vater aufgestanden und
wanderte nun auf und ab. Den Blick abwechselnd auf den Boden und an die
Decke gerichtet. Er sagte kein Wort.
Jard glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, und wollte aufspringen.
Doch Mutter hielt ihn fest, und als er sie ansah, schüttelte sie nur
stumm den Kopf.
Vater war an der Vorratskammer stehen geblieben, bückte sich und goss
sich nun ebenfalls einen Krug voll. Jard konnte sehen, wie seine Hände
leicht zitterten. Auch Merwyn musste es bemerkt haben.
Mit langsamen Schritten kehrte er zum Tisch zurück und setzte wieder.
"Es wird Ärger geben…" Vater hatte so leise gesprochen, dass das wohl
eher ein Selbstgespräch war. Er schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Nein, Merwyn, das wird verdammten Ärger geben."
"Das weiß ich selbst." Merwyns Antwort kam schnell und aufgebracht.
"Natürlich wird es Ärger geben. Aber das ist nicht Eure Sache."
"Was heißt hier, das sei nicht meine Sache?" Nun brauste auch er auf:
"Natürlich ist das meine Sache. Denn von mir wird man sagen, ich wäre
mit meinem Schicksal nicht mehr zufrieden. Man wird sagen, ich wolle
etwas besseres sein. Man wird mich … auslachen!"
Merwyn saß nur da und schien abzuwarten, bis Vaters Wut verraucht war.
Der kleine, kräftige Mann, der sein Vater war, wirkte jetzt nur noch
klein, als hätte ihn alle Kraft verlassen.
"Niemand wird über Euch lachen.", sagte Merwyn ruhig über seinen
Bierkrug hinweg.
"Ja, natürlich, sie werden vor mir auf die Knie sinken und mich
anbeten."
"Überlegt Euch gut, was Ihr sagt, ", mahnte jetzt Merwyn, "und erzürnt
Cernos nicht, dessen Willen ich Euch soeben mitgeteilt habe."
Vater nahm Merwyns Worte auf wie den kräftigen Hieb einer Kriegskeule.
Wie erstarrt saß er da und sagte kein Wort mehr.
"Ja, es ist Cernos' Wille, den ich Euch kundtue. Und Cernos' Wille
geschehe."
Ein ganzes Weilchen verging, ohne dass einer der beiden etwas sagte. Sie
saßen sich gegenüber und starrten in ihre Krüge, als könnten sie dort
die Antwort erfahren, überhaupt alle Antworten auf alle Fragen.
Vater räusperte sich. Dann noch einmal. Und wieder herrschte Ruhe
zwischen ihnen. Im Raum lag eine Spannung, die man hätte greifen können.
"Ich kann Euch Jard nicht mitgeben." Jard wusste erst gar nicht, wer von
ihnen gesprochen hatte, so leise war der Satz herausgebracht worden.
"Es ist wegen …" Wieder musste sich er räuspern. Es klang, als würde ihn
jemand würgen. "… ich brauche ihn für die Arbeit."
Jard sah genau, was in Vater vorging. Er hätte nicht geglaubt, dass er
in diesem Moment die Nerven haben würde zu schachern. Und genauso
ungläubig schaute Jard auch auf Merwyn, der mit keiner Wimper gezuckt
hatte.
Mit einer Seelenruhe stand Merwyn auf und ging um den Tisch herum. Jard
hielt den Atem an. Doch Merwyn klopfte Vater nur auf die Schulter und
schüttelte den Kopf.
"Das solltet Ihr mit mir nicht versuchen, Roulf. Ich bin nicht der
Bauer, mit dem Ihr um eine Kuh schachert."
Es hatte gutmütig geklungen, fand Jard und sah zu, wie Merwyn jetzt
genau hinter Vater trat, in die Hocke ging und seine Hände auf dessen
Schultern legte.
"Erinnert Ihr Euch, ", sagte er, Vaters Ohr so nahe, dass er dessen Atem
spüren musste, "dass die große Mutter Cailb im vorigen Sommer die Wiesen
überschwemmte, bevor das Heu eingebracht werden konnte? Erinnert Ihr
Euch an den Winter davor? Wäret Ihr da nicht schon beinahe erfroren … in
Euerm eigenen Haus, weil Euer Bein gebrochen war und Ihr nicht
rechtzeitig Holz schlagen konntet?" Merwyn machte eine Pause, wohl um
Vater Zeit zum Nachdenken zu geben.
"Was meint Ihr, warum die Götter Euch dies auferlegt haben? - Sie
wollten Euch auf die Probe stellen um zu erfahren, ob Ihr und Eure
Familie reif seit - reif für die ganz große Prüfung." Merwyn hatte
zuletzt die Stimme mehr und mehr erhoben. Nun drehte er Vater zu sich
herum, erhob sich und baute sich vor ihm auf.
"Und jetzt, Roulf, jetzt sagt mir: Seit Ihr bereit?!"
Jard konnte es förmlich riechen, wie Vater, wie sein Vater, empfand. Er
sah sein Nicken, sah, wie er … resignierte? Nein, wie er frohlockte.
Jard konnte sich denken, wie es in seinem Innern aussah, wie er hoffte,
dass sich nun alles zum Guten wenden würde. Nicht sofort, aber mit der
Zeit.
Aber was ihm, Jard, viel mehr zu schaffen machte, war die Frage, ob er
selbst eigentlich bereit war für diese Prüfung. Er hatte keine
Vorstellung davon, was es hieß, Druide zu werden oder zu sein. Er
wusste, dass der Druide viele Geschichten kannte und dass er Krankheiten
heilen konnte. Und er hatte gehört, was Merwyn in der Grotte zu ihm
gesagt hatte. Aber eigentlich ahnte er nur, dass er viel Lernen musste -
aber trotzdem. Er wusste nichts.
"Gut.", sagte Merwyn, hob den Kopf und sah zu ihm hinüber. "Und du
packst jetzt deine Sachen."
Die Worte drangen ihm kaum ins Gehirn. Auf einmal fühlte er sich einsam.
Er starrte auf den Boden und erinnerte sich an die schönen Tage, als er
mit seinen Geschwistern gespielt und getobt hatte. Und nun sollte er
hier weggehen?
Plötzlich kam Leben in Mutter. Sie sprang auf und rannte los,
wahrscheinlich um seine Sachen zu packen. Aber sie sollte es nicht. Er
wollte hier bleiben. Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Er war
noch nicht fort und hatte schon Heimweh.
Nach - wie es ihm schien - einem Wimpernschlag kam Mutter zurück und
drückte ihm ein Bündel in die Hand, seine Sachen. Viel hatte er ja
nicht, nur sein Stirnband und eine Pelzjacke für den Winter. Und dann
waren da noch die kleinen Felle, die er, wenn es draußen zu kalt war, um
die Füße wickeln konnte.
Unglücklich sah er zu seiner Mutter hoch, die ihn fest mit ihren
kräftigen Armen umschlang und an sich drückte. Auch sie hatte Tränen in
den Augen.
"Du kommst uns besuchen, wenn du kannst, ja?", fragte sie, sichtlich
bemüht, ihrer Stimme Kraft zu geben.
Merwyn streckte fordernd die Hand aus: "Komm, Jard, wir müssen los." Und
er setzte sich zögernd mit hölzernen Schritten in Bewegung. Merwyn legte
den Arm um seine Schultern und zog ihn mit sich zur Tür. Dort drehte er
sich noch einmal um.
"Ich schicke Euch einen meiner Sklaven als Hilfe. Und sagt, wenn Ihr
sonst noch etwas braucht."
Vater reagierte darauf kaum, kam jedoch mit ein paar schnellen Schritten
auf ihn zu, zog etwas aus der Tasche und drückte es ihm in die Hand.
Sein Schabstein! Verwundert sah er seinen Vater an.
"Damit du uns nicht vergisst."
Mutter stand nur stumm da und sah ihn an, lächelnd und mit Tränen in den
Augen. Und seine Geschwister hatten das alles verschlafen. Sie würden
ihn erst am Morgen vermissen, vielleicht so, wie er es jetzt schon tat. |