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Der Märchenprinz im eisigen LandVon Anja Göttsching Es war einer von diesen Tagen, an denen alles mit weißem Reif überzogen ist und märchenhaft unwirklich scheint. Holger ging wie jede Woche den Weg durch die Felder zum nächsten Dorf, um Milch zu kaufen. Rechts und links standen Weißdorn und Heckenrosen im weißen Kleid, wie eingefroren. Durch die kalte, stille Welt strich dann und wann ein Vogel mit schnellem Flügelschlag. Holger kam es so vor, als würde er, wenn er diesen Weg weiterginge, nicht in das nächste Dorf kommen, sondern in ein Märchenland. Er dachte sich oft Geschichten aus. Manchmal erzählte er sie den Kindern im Kindergarten, in dem seine Mutter arbeitete. Seine Klassenkameraden lachten ihn aus, wenn er ihnen von seinen Geschichten erzählte. Sie hielten ihn für einen Spinner. Holger ging weiter und bewunderte die Schönheit um ihn her. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um einen Ast zu betrachten, an dem der Reif besonders schöne Muster bildete, oder eine übriggebliebene Hagebutte, die in ihrem Reifüberzug beinahe wie ein Edelstein wirkte. Der Weg erschien Holger heute länger als sonst, und alles kam ihm unwirklich vor. Er ging weiter und weiter durch die silbrige, glitzernde Welt, und auf einmal sah er in der Ferne ein weißes Schloss. In seinen Geschichten hatte sich Holger manchmal schon Märchenschlösser vorgestellt, aber er hatte noch nie wirklich eines gesehen. Verwundert und ungläubig folgte er dem Weg in das Märchenland. In diesem Land war anscheinend alles weiß und mit Reif überzogen. Auch der Garten vor dem Schloss mit seinen Bäumen, Sträuchern und Springbrunnen schien vollständig eingefroren. Außerdem war es auf eine beklemmende Weise still. Holger dachte, er wäre hier ganz alleine, bis er den Gärtner sah, der irgendwo ein Beet harkte. Holger ging auf ihn zu, aber der Gärtner schien ihn nicht zu bemerken. Seine Kleidung und seine Haare waren mit Reif überzogen. Holger versuchte, den Gärtner anzusprechen, bekam aber keine Antwort. Der Gärtner schaute ihn nicht einmal an. Holger drehte sich um und ging wieder auf das Schloss zu. Er versuchte, die große weiße Flügeltür zu öffnen, aber es gelang ihm nicht. Also ging er um das Schloss herum und fand schließlich eine kleine Seitentür, die er öffnen konnte. Über einen Gang kam er in die Küche, wo Köche und Küchenmädchen wirtschafteten. Hier war es wohlig warm, und dennoch waren die Kleidung und die Haare der Menschen mit Reif überzogen. Sie beachteten Holger genauso wenig wie der Gärtner. Vielleicht bin ich hier unsichtbar, dachte Holger und ging zur anderen Türe aus der Küche hinaus. Über verschlungene Gänge kam er durch viele Säle und Kammern, in denen sogar die Wände mit Reif überzogen waren. Er traf auf Diener, Zofen, Kellner und andere Leute, die alle gleichermaßen mit Reif überzogen und abweisend waren. Dabei war es hier drinnen eigentlich gemütlich warm. Im Thronsaal saßen der König und die Königin und regierten, und ihnen ging es genauso wie ihrem Hofstaat. Vielleicht sind auch ihre Herzen eingefroren und mit Reif überzogen, dachte Holger. Holger war enttäuscht. Er hatte gehofft, im Märchenland irgend etwas zu erleben. Er beschloss, wieder nach Hause zu gehen. Auf dem Rückweg kam er aber an einem Turm vorbei, den er bisher noch nicht beachtet hatte, und nun wollte er doch noch sehen, was er dort oben finden würde. Er kletterte eine Wendeltreppe hinauf, bis er zu einer kleinen Kammer ganz oben unter dem Turmdach kam. Vorsichtig öffnete er die Tür. In einem Armsessel saß ein junges Mädchen mit schwarzen Haaren und las, neben sich auf einem kleinen Tisch eine Kanne Tee. Sie saß mit dem Rücken zu Holger und war ganz in ihr Buch vertieft. Holger zögerte, sie anzusprechen. Sie würde ihn wohl genauso wenig beachten wie alle anderen hier. Da fiel Holger auf, dass das Mädchen nicht mit Reif überzogen war. Er ging um ihren Sessel herum und fragte: "Bist du hier die Prinzessin?" "Ja, ich bin Inga, die Prinzessin vom eisigen Land", antwortete sie. "Und du bist sicher der Märchenprinz." Holger lachte und verneinte. "Ich bin ein ganz normaler Mensch, ich bin nur zufällig in dieses Märchenland hineingeraten. Und ich heiße Holger." "Du kannst trotzdem gerne eine Tasse Tee mit mir trinken", sagte die Prinzessin freundlich und zwinkerte ihm zu. "Wie kommt es eigentlich, dass du hier die einzige bist, die mit mir redet?", fragte Holger dann. "Alle anderen schienen mich gar nicht zu bemerken, und sie waren ganz mit Reif überzogen." "Ich weiß auch nicht, warum das so gekommen ist", antwortete die Prinzessin. "Aus irgendeinem Grund wurden die Menschen hier vor längerer Zeit immer abweisender und redeten immer weniger miteinander. Es wurde immer weniger gelacht und getanzt. Früher waren die Menschen hier sehr freundlich und feierten gerne. Aber auf einmal war es, als würden die Herzen einfrieren und sich mit Reif überziehen. Inzwischen reden die Menschen hier gar nicht mehr miteinander. Ich verstehe nicht, warum das passiert ist, und ich verstehe auch nicht, warum ich nicht davon betroffen bin. Ich habe eine Fee um Rat gefragt, und sie hat mir prophezeit, eines Tages würde ein Märchenprinz kommen, meine Familie befreien und mich heiraten. Sie sagte, ich dürfe mich aber auf keinen Fall allein auf die Suche machen. So sitze ich hier seit langer Zeit, lese und warte auf den Märchenprinzen und ärgere mich, dass ich nichts tun darf, um meine Familie zu retten." Holger hörte gespannt zu. Das Märchenland war also doch nicht so langweilig, wie er zuerst gedacht hatte. Vielleicht konnte er hier doch etwas erleben. Zum Beispiel indem er versuchte, den Märchenprinzen zu finden. Er schlug es der Prinzessin vor. "Das ist eine gute Idee", antwortete sie. "Ich komme mit." Ja, das würde bestimmt ein schönes Abenteuer werden, wenn Holger mit der Prinzessin den Märchenprinzen suchen würde. Aber hatte die Fee nicht gesagt, sie müsse hier bleiben?" "Naja, sie hat gesagt, ich dürfe mich nicht allein auf die Suche machen. Aber wir sind ja zu zweit. Und ich habe wirklich keine Lust, hier länger herumzusitzen." Also beschlossen sie, sich am nächsten Morgen auf den Weg zu machen. "Übrigens ist im Märchenland eigentlich schon Sommer", sagte die Prinzessin beim Frühstück zu Holger. "Nur das eisige Land ist immer mit Reif überzogen." Trotzdem wand sich die Prinzessin einen roten Seidenschal um den Hals. "Solange es morgens noch kühl ist, hält er schön warm", sagte sie. "Außerdem ist es mein Lieblingsschal, und ich nehme ihn immer mit, wenn ich weggehe." „In welche Richtung sollen wir gehen?“, fragte Holger. Die Prinzessin erzählte, dass im Osten ein großer Wald voller Trolle lag. Ganz tief im Wald auf einem Berg lebte eine Hexe, die man nur unter ganz bestimmten Bedingungen um Rat fragen durfte. Im Süden lag das lustige Märchenland. Hier machten alle Leute ständig Witze und ärgerten einander mit Streichen und Scherzartikeln. Die Prinzessin fand es dort schrecklich. Sie hoffte inständig, dass der Prinz dort nicht ihr Märchenprinz sei. Er würde ihr ständig Reißzwecken auf den Thron legen, Niespulver in den Kaffee schütten und blödsinnige Kasperlepuppen aus blödsinnigen Ecken hervorschnellen lassen. Im Westen lag das Land eines mächtigen und reichen Königs. Er war überall bekannt, aber genaueres wusste die Prinzessin nicht über ihn. Hier könnte vielleicht der Märchenprinz zu finden sein. Im Norden lag ein dunkles und bedrohliches Land. Die Prinzessin hatte keine Ahnung, wer oder was dort lebte. Sie hatte früher manchmal geträumt, dass dort ein sehr einsames Wesen lebte, dem sie helfen sollte. Aber sie hatte sich nie in das Land hineingetraut, denn sobald sie auch nur in die Nähe kam, überfiel sie eine unbekannte, schreckliche Angst. Die beiden beschlossen, nach Westen zu gehen und den reichen Prinzen zu suchen. Gegen Mittag machten sie Rast an einem kleinen Teich. Auf einmal sprang die Prinzessin auf und lief auf den Teich zu, blieb suchend stehen, lief nach rechts und blieb wieder stehen. "Ich habe eine Quelljungfer gesehen", sagte sie zu Holger, als sie zurückkam. "Die ist hier ziemlich selten." Da Holger sie fragend ansah, fügt sie hinzu: "Eine Libelle." "Ich weiß kaum etwas über Libellen", sagte Holger. "Komm, ich zeige dir ein paar", sagte die Prinzessin und zog Holger zum Teich. "Die türkise da ist eine Azurjungfer, und die blaue mit dem schwarzen Streifen ist eine gebänderte Prachtlibelle", sagte sie. Holger fand die Libellen wunderschön. "Früher bin ich oft mit dem Gärtner in den Wald gegangen", erzählte die Prinzessin. "Dann hat er mir alle Tiere und Pflanzen erklärt. Manchmal bin ich auch allein losgezogen und mit allem möglichen Krabbelzeug zurückgekommen." Nach dem Mittag lag noch ein langer Weg vor ihnen. Holger wurde es langweilig, und so tat er, was er in solchen Fällen immer tat, er dachte sich eine Geschichte aus. "Woran denkst du gerade?", fragte die Prinzessin. Holger wollte es ihr nicht so gerne erzählen, weil er fürchtete, die Prinzessin werde ihn auslachen. Sie beharrte aber so auf ihrer Frage, dass er es ihr doch verriet. "Erzähle sie mir doch, bitte", sagte die Prinzessin. "Sie ist aber noch nicht fertig, und ich weiß auch nicht, ob ich überhaupt ein Ende finde", wandte Holger ein. "Das macht doch nichts, bitte, erzähle", wiederholte die Prinzessin. So erzählte ihr Holger seine Geschichte von zwei verliebten Libellen. An einer Stelle wusste er tatsächlich nicht, wie es weitergehen sollte, aber da hatte die Prinzessin einen guten Einfall. "Das war eine schöne Geschichte", sagte sie, nachdem Holger geendet hatte. Holger strich sich verlegen die Haare aus dem Gesicht und freute sich. Später brachte die Prinzessin das Gespräch noch einmal auf den Märchenprinzen. "Dann heirate ich eben überhaupt nicht!, habe ich früher immer zu meinem Vater gesagt. Wenn er mir etwas Ungewöhnliches erlaubt hat, hat er oft gesagt, wenn du mal heiratest, kannst du das nicht mehr machen. Ich wollte immer alles selbst ausprobieren. Mein Vater hat dann gesagt, das schickt sich nicht für eine Prinzessin, aber wenn es dich glücklich macht, kannst du es versuchen. Und so durfte ich dem Gärtner helfen und der Köchin, ich durfte Holz hacken und schnitzen. Mein Vater hat mir auch immer meine Fragen beantwortet, er hat mir die Sterne erklärt und wie er sein Land regierte, und oft sind wir zusammen ausgeritten. Wenn ich jetzt den Märchenprinzen heirate, dann ist das vielleicht alles vorbei." "Hattest du schon einmal einen Freund?", fragte Holger. "Wie meinst du, einen Freund?", fragte die Prinzessin zurück. "Na, jemand, in den du verliebt bist und mit dem du eine Weile zusammen bist. In meiner Klasse haben eigentlich alle Jungen schon eine Freundin gehabt, und sie lachen über mich, weil ich keine habe." Zuerst musste Holger der Prinzessin erklären, was "in seiner Klasse" bedeutete und was eine Schule war. Dann erzählte sie ihm, dass es im Märchenland üblich war, nur einmal zu heiraten und dann für immer. "Und ich glaube, wenn man ständig den Freund wechselt, dann bedeutet der einzelne einem nicht mehr so viel." "Ich stelle mir auch vor, dass ich einmal ein Mädchen finden werde, das wirklich gut zu mir passt und dass wir lange zusammenbleiben können. Ich stelle mir eine Freundin vor, mit der ich alles teilen kann und die nicht bloß hübsch ist. Ich verstehe es nicht, warum die anderen es toll finden, auf Parties ständig mit verschiedenen Mädchen zu flirten." Nun musste Holger der Prinzessin noch die Worte "Parties" und "flirten" erklären. "Ich glaube, das Märchenland ist ungefähr hundert Jahre im Rückstand gegenüber unserer Zeit.", vermutete er. "In hundert Jahren werden die Märchen vielleicht in unserer Welt spielen, aber für die Leute, die dann leben, werden sie ganz altmodisch klingen." Da sie sich so gut unterhielten, kam Holger und der Prinzessin der Weg gar nicht mehr so lang vor. Als es dämmerte, kamen sie beim Schloss des reichen Prinzen an. Sie konnten es schon von weitem sehen, denn es war riesengroß und golden. Der reiche Prinz nahm die beiden freundlich auf, denn er war seit längerer Zeit auf der Suche nach einer Frau. Am Abend gab es im Schloss einen Ball. Holger und die Prinzessin, die kaum Gepäck mitgenommen hatten, liehen sich Kleidung aus. Die Prinzessin trug ein blaues, schlichtes Seidenkleid, das Holger gut gefiel. Er selber wurde in einen schwarzen Anzug gesteckt, in dem er sich verkleidet vorkam. Den ganzen Abend lang belegte der reiche Prinz die Prinzessin mit Beschlag. Er tanzte viel mit ihr, redete galant mit ihr, bot ihr diesen und jenen Leckerbissen an und machte ihr ein Kompliment nach dem anderen. Die Prinzessin fühlte sich dabei offenbar sehr wohl. Als der reiche Prinz erfuhr, dass die Prinzessin Klavier spielen und singen konnte, bat er sie um einen kleinen Vortrag. Holger war ganz begeistert von den Liedern, die die Prinzessin sang, und von ihrer schönen Stimme. Er selber konnte weder singen noch ein Instrument spielen. "Er ist furchtbar nett", sagte die Prinzessin am nächsten Morgen zu Holger. "Er sagt mir immer wieder, wie schön er mich findet, und er kann alles so geschickt formulieren und ist so witzig. Oh, ich wünschte, er wäre der Märchenprinz." Das Leben im Schloss war sehr angenehm, und so flossen die Tage nur so dahin. Die Prinzessin war immer noch begeistert von dem galanten Prinzen, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas, und die Hochzeit war bald beschlossene Sache. Doch eines Tages kam die Prinzessin wütend zu Holger und sagte, sie müsse ihm unbedingt etwas erzählen. Nun, da sie den Prinzen schon näher kannte, hatte sie es für sinnvoll gehalten, allmählich mehr über sein Land zu erfahren, das sie ja nun bald mitregieren sollte. Sie hatte sich informiert, womit das Land handelte und welche die führenden Handwerkszweige waren, und sie hatte erfahren, dass gerade an der Nordwestgrenze Krieg geführt wurde. Sie hatte nun von dem reichen Prinzen wissen wollen, wie es um den Kampf stand, was er bisher getan hatte und was er künftig zu tun gedenke. "Darüber brauchst du dir nicht dein süßes Köpfchen zu zerbrechen.", hatte er geantwortet. "Ich werde schon dafür sorgen, dass meine zukünftige Frau in keine Gefahr gerät. Du brauchst keine Angst zu haben." Da war die Prinzessin wütend geworden und hatte versucht, dem reichen Prinzen klarzumachen, dass sie gedachte, als Königin mit ihm über diese Angelegenheiten zu diskutieren. Der Prinz aber hatte dafür gar kein Verständnis, er glaubte weiterhin, die Prinzessin habe einfach Angst, und er sagte ihr immer wieder, wie hübsch sie sei, wenn sie wütend war. Das brachte sie nur noch mehr auf. "Er nimmt mich überhaupt nicht ernst", sagte sie jetzt zu Holger. "Er sieht seine Frau nur als Anhängsel, als Schmuckstück, nicht als Mensch mit eigenem Verstand." Nun wurde sie etwas ruhiger. "Andererseits, was habe ich denn erwartet. dass es überall so zugehen würde wie im Schloss meines Vaters? Mein Vater hat ein kleines Land, da war es möglich, nicht immer alle Traditionen einzuhalten. Ich hätte doch wissen müssen, dass es nicht immer so weitergehen konnte. Die Welt ist nun einmal anders. Es musste doch so kommen. Was habe ich mir denn eingebildet, wie ein Märchenprinz sein würde? Was habe ich bloß für blödsinnige Träume gehabt! Ich wusste doch, dass ich mich würde ändern müssen, wenn ich einmal heirate. Aber dass es so schlimm kommen muss! Er hat mich richtig lächerlich gemacht! Aber wenn ich ihn nicht heirate, verliere ich meine Familie für immer." Die Prinzessin hatte sich mehr oder weniger beruhigt, aber Holger wurde immer aufgebrachter, je länger er darüber nachdachte. "Das sehe ich gar nicht ein", sagte er schließlich. "Ich finde es nicht richtig, dass du dich ändern musst, wenn du heiratest. Es ist doch nichts Verkehrtes daran, wie du bisher gelebt hast. Im Gegenteil. Wenn du dich wenigstens frei entscheiden könntest. Aber du sollst entweder allein bleiben und womöglich deine Familie verlieren oder mit diesem frauenfeindlichen, altmodischen Kerl unglücklich werden. Das ist ungerecht! Würdest du doch in der Menschenwelt leben! Da geht es heutzutage anders zu." Darüber wollte die Prinzessin natürlich mehr hören. Und während er redete, kam Holger eine Idee, wie die Prinzessin einer Heirat mit dem reichen Prinzen aus dem Weg gehen könnte. "Da ist noch eine ganze Kleinigkeit, die ich mit dir besprechen muss", sagte sie am nächsten Tag zu dem reichen Prinzen. "Du möchtest ja gerne der Märchenprinz sein, von dem die Fee mir prophezeit hat. Dann müsstest du aber auch meine Familie befreien." "Ja, das ist wahr, daran haben wir noch gar nicht gedacht", antwortete der Prinz. "Schließlich möchte ich deine Eltern auch gerne kennen lernen. Am besten, ich schicke gleich einen Boten aus, der dort mal die Situation in Augenschein nehmen soll." "Das ist nicht nötig", antwortete die Prinzessin. "Ich weiß recht gut, wie es zu Hause aussieht. Lass uns doch einfach gemeinsam in mein Land gehen, und wenn du meine Familie befreit hast, kehren wir zurück und heiraten." "Sehr gerne würde ich mitkommen", antwortete der Prinz. "Leider bin ich hier jedoch zur Zeit unabkömmlich, weißt du, ich habe hier dringende Geschäfte. Können wir das ganze nicht bis nach der Hochzeit aufschieben?" "Ich fürchte, das geht nicht", antwortete die Prinzessin. "Die Fee sagte eindeutig, der Märchenprinz würde zu mir in mein Land kommen und mich erst danach heiraten. Am besten wird es sein, Holger und ich gehen schon einmal vor und warten dort auf dich, damit alles im Einklang mit der Prophezeiung geschieht." Der Prinz versuchte, die Prinzessin zurückzuhalten, aber sie war entschlossen, es auf diese Weise zu versuchen. Also brach sie einige Tage später mit Holger auf. "In spätestens einer Woche werde ich soweit alles geschafft haben, dass ich nachkommen kann", versprach der reiche Prinz zum Abschied. Nachdem Holger und die Prinzessin eine Weile gegangen waren, sahen sie plötzlich einen großen Drachen auf sie zufliegen. Ehe sie noch darüber nachdenken konnten, hatte er sie schon gepackt, auf seinen Rücken genötigt und war mit ihnen davongeflogen, direkt in das bedrohliche Land hinein. Hier setzte er sie ab, flog wieder davon und ließ Holger und die Prinzessin mit ihrer Angst allein. Hier gab es nichts als schroffe, schwarze Felsen - keinen Strauch, keinen Baum, keine Erhebung, kein Versteck. Der Himmel zog sich düster und bedrohlich zusammen. Dann und wann zuckten plötzliche Blitze über den Horizont. Es wehte ein scharfer Wind, der ständig unvermutet die Richtung wechselte. Holger und die Prinzessin standen eine Weile herum und waren wie gelähmt. Plötzlich loderte direkt neben ihnen Feuer aus dem Felsen. Sie sprangen zur Seite, aber in diesem Augenblick öffnete sich auf der anderen Seite eine tiefe Felsspalte. Sie begannen, vorsichtig über die spitzen Steine zu klettern, obwohl sie keine Ahnung hatten, wohin sie laufen sollten. Sie verspürten eine Angst, die von ganz unten und doch von nirgend woher zu kommen schien. Es war, als sei die Luft im bedrohlichen Land mit Angst gefüllt. "Ich habe Angst", sagte die Prinzessin und nahm unerwartet Holgers Hand. Er überlegte, ob es ihm peinlich sein sollte, aber eigentlich war es angenehm. Wenigstens waren sie zu zweit und konnten vielleicht gemeinsam dieses Abenteuer bestehen. Der Drache kam zurückgeflogen und landete direkt vor den beiden auf den spitzen Felsen. Er öffnete sein großes, grünes Maul und spie Feuer, das sie nur um Haaresbreite verfehlte. Dann gab er ein tiefes, heiseres Brüllen von sich, das beinahe wie Husten klang. Er hob seinen muskulösen Schwanz und schlug damit ein paar Mal kräftig auf die Felsen. Jedes Mal sprang irgendwo in der Nähe eine Felsspalte auf. Dann erhob der Drache seine krallenbewehrten Vorderbeine und schlug nach Holger und der Prinzessin. Unvermutet hörte er auf, flog wieder los, strich noch einmal haarscharf über Holger und die Prinzessin hinweg und war verschwunden. Kurze Zeit später kam er noch einmal und veranstaltete im wesentlichen das gleiche. "Was will er bloß von uns?", fragte die Prinzessin und umarmte Holger. Wieder überlegte er, ob es ihm peinlich sein sollte, aber eigentlich fühlte er sich dadurch gestärkt und ermutigt. Sie war jetzt nicht mehr die Prinzessin und er ihr Anhängsel. Plötzlich waren sie Partner in einem Abenteuer, das sie hoffentlich beide überleben würden. Jedenfalls wäre es schön, wenn keiner von uns als Drachen-Brotaufstrich enden würde, dachte Holger. "Ich habe dir doch erzählt, dass ich früher manchmal geträumt habe, jemand im bedrohlichen Land bitte mich um Hilfe", sagte die Prinzessin nachdenklich. "Ich würde nicht gerne als Drache in diesem schrecklichen Land wohnen", überlegte Holger. "Wenn er versucht, es zu verlassen, rennen sicherlich alle Menschen schreiend vor ihm weg, und eingebildete Ritter versuchen, ihm den Kopf abzuschlagen." "Glaubst du nicht, dass er böse ist?", fragte die Prinzessin. "Er hätte uns ganz leicht etwas tun können, aber er hat nur herumgebrüllt und -gefuchtelt. Vielleicht wollte er uns etwas sagen." "Er hat so komisch gebrüllt, als hätte er Husten." "Vielleicht braucht er einen warmen Schal." Der Drache flog ein drittes Mal heran. Die Prinzessin drückte Holgers Hand. Der Drache spuckte Feuer und brüllte, aber auf einmal bekam er wirklich einen Hustenanfall. Die Prinzessin trat langsam auf ihn zu, wand ihren roten Schal vom Hals und hielt ihn dem Drachen hin. "Wenn du Halsschmerzen hast", sagte sie mit zitternder Stimme, "dann kann dir vielleicht mein Schal helfen. Der ist schön warm." Der Drache wusste offenbar nicht so ganz, was er davon halten sollte. Er trippelte ein paar Schritte zurück und wieder vor, legte dann den Kopf schief und schaute auf den Schal. Die Prinzessin warf ihm den Schal einfach zu. Er fiel auf den Boden. Der Drache hob ihn auf und versuchte, ihn sich um den Hals zu binden. Dazu war er aber zu ungeschickt, und so verhedderte er sich mit Klauen und Ohren in dem Wollschal. Die Prinzessin ging vorsichtig auf ihn zu und versuchte, ihm zu helfen. Der Drache machte keine Anstalten, sie anzugreifen, sondern ließ es zu. Als der Schal schließlich ordentlich um seinen Hals gewickelt war, stieß er einen wohligen Seufzer aus. "Nicht wahr, der tut gut", sagte die Prinzessin und klopfte dem Drachen an den Hals. Das schien ihm zu gefallen. Langsam streichelte die Prinzessin ihn weiter und kraulte ihn. Der Drache grunzte ein paar Mal und legte wieder den Kopf schief. Schließlich legte er sich mit einem Brummen auf die Seite und ließ sich auch am Bauch kraulen. Die Prinzessin winkte Holger, und er ging vorsichtig auf den Drachen zu und kraulte ihn ebenfalls. Seine Haut war gar nicht reptilienhaft schuppig, wie Holger geglaubt hatte, sondern angenehm weich. Als der Drache genug von der Streicheleinheit hatte, lud er Holger und die Prinzessin wieder auf seinen Rücken. Diesmal flog er schwungvoller. "Ich halte mich an dir fest, ja?", sagte die Prinzessin und legte ihre Arme um Holger. Er wusste nicht, ob er das komisch finden oder sich darüber freuen sollte, dass er sich jetzt sicherer fühlte auf dem schwankenden Drachenkörper. Schließlich setzte der Drache die beiden im eisigen Land ab und flog mit dem roten Schal davon. Im weißen Schloss wurden Holger und die Prinzessin immer bedrückter. Sie saßen oft im Turmzimmer beieinander, tranken Tee und redeten. Holger erzählte der Prinzessin eine Geschichte nach der anderen, und manchmal las sie ihm etwas vor. Manchmal sprachen sie über den Märchenprinzen und fragten sich, ob er bald kommen würde. Aber sie glaubten immer weniger daran. "Prinzessin", sagte Holger einmal. "Ich weiß gar nicht, warum du mich immer nur Prinzessin nennst", gab die Prinzessin zurück. "Nenn mich doch Inga. Du bist doch nicht mein Diener. Wir haben soviel gemeinsam erlebt. Wir sind doch Freunde, oder?" "Ja, Inga." Holger fühlte sich ihr so nahe, wenn er sie beim Namen nannte, und wusste nicht, ob er das angenehm fand. Es war, als würde er an einer Stelle berührt werden, die sonst nie berührt wurde. "Es gibt noch eine letzte Möglichkeit", sagte Inga eines Tages zu Holger. "Ich traue mich fast nicht, sie dir vorzuschlagen. Aber ich fürchte, ich werde meine Familie sonst für immer verlieren." "Was ist es?", fragte Holger. Auch er wünschte sich, dass Inga endlich wieder mit ihren Eltern zusammensein könnte. Es bedrückte ihn, dass sie manchmal mit leerem Blick und Tränen in den Augen aus dem Turmfenster starrte und an ihre Familie dachte. "Du könntest zur alten Hexe auf dem Berg hinter dem Trollwald gehen und sie fragen, wie wir den Märchenprinzen finden können", sagte Inga. "Ich habe dir doch von ihr erzählt, bevor wir losgegangen sind. Es ist nicht einfach, zu ihr zu gelangen. Es darf nur jemand versuchen, der von dem Problem nicht direkt betroffen ist, und er muss auf dem Weg eine Prüfung bestehen. Die Trolle piesacken den Wanderer auf dem Weg, vor allem in der Nacht, und wenn man ihnen wehtut, können sie richtig gefährlich werden. Wer es aber geschafft hat, die alte Hexe um Rat zu fragen, hat es nie bereut." Holger wünschte von Herzen, Inga möge glücklich werden. Dafür würde er alles tun. "Es tut mir leid, wenn du um meinetwillen Schwierigkeiten auf dich nehmen musst", fuhr Inga fort. "Aber ich sehe keinen anderen Ausweg mehr. Es ist zum Verzweifeln." "Ich gehe", sagte Holger. "Ich hoffe, dass auch du etwas davon haben wirst", sagte Inga. "Ich habe gehört, dass alle, die einen Rat für ihre Freunde bekommen haben, dabei auch selber etwas gewonnen haben." Holger war noch nie alleine so lange durch einen Wald gelaufen. Inga versuchte, ihn darauf vorzubereiten. "Außer Trollen gibt es dort eigentlich nur Tiere, die es auch in Menschenwäldern gibt", sagte sie. "Wölfe, Bären, Luchse..." Holger erzählte Inga, dass es diese Raubtiere in den meisten Wäldern gar nicht mehr gab. "Jedenfalls ist es sicherer, nachts auf einem Baum zu schlafen", sagte sie. "Man braucht etwa zwei Tage bis zum Berg der alten Hexe. Du kannst fast alle Beeren im Wald essen, nur nicht die Trollbeeren, die die Trolle sammeln. Sie sind knallrot und wachsen an kniehohen Sträuchern. Und du kannst dir natürlich ordentlich Proviant mitnehmen." Am nächsten Tag brach Holger auf. Den ganzen Tag bahnte sich Holger seinen Weg durch den dichten Wald, hörte den Vögeln zu und aß ab und zu ein paar Blaubeeren. Abends kletterte er auf einen Baum, wie Inga ihm geraten hatte, und schlief bäuchlings auf einem dicken Ast ein. Kurze Zeit später wurde er dadurch geweckt, dass ihm etwas an den Haaren und an der Jeans zog. Missmutig richtete er sich auf, sah zwei oder drei verhutzelte Trolle über sich im Baum und meckerte sie an. Nachdem Holger es sich wieder bequem gemacht hatte, begann das Spielchen jedoch von neuem. Ein Troll sprang Holger auf den Rücken und ein anderer zog an seinem Schnürsenkel. Holgers Motzen fanden die Trolle offenbar ungemein witzig, denn sie kicherten in sich hinein und neckten ihn immer wieder. Erst als es schon wieder hell wurde, gönnten sie ihm ein wenig Schlaf. Als Holger aufwachte, fühlte er sich, als hätte er kein Auge zugetan. Er war müde und träge und wäre am liebsten gar nicht weiter gelaufen. Er konnte Trolle nicht leiden, und wenn ihm jemals einer bei Tageslicht begegnen würde, würde er ihm ganz gehörig die Leviten lesen. Holger war gerade erst eine Viertelstunde gelaufen, da hörte er auf einmal ein ziehendes Geräusch. Es klang wie ein Vogel oder wie ein Kleinkind. Aber so tief im Wald konnte man eigentlich kein Kleinkind finden. Außer vielleicht - ein Trollkind. Ein Trollkind, das zu einem Troll heranwachsen und Wanderern den Schlaf rauben und dabei auch noch einen Riesenspaß haben würde. Holger ging weiter. Irgendwelche Trolle würden dem Kind sicher bald zu Hilfe kommen. Das Kind hörte aber nicht auf zu weinen und schluchzte ein paar Mal verzweifelt auf. Hatte es sich verirrt? Hatte es seine Mutter verloren? War es vielleicht verletzt? Holger drehte schließlich widerwillig um und ging dem Geräusch nach. Er fand das Trollkind ein paar Schritte von einem umgestürzten Baum entfernt, unter dem die Trollmutter ihren Fuß eingeklemmt hatte. Holger befreite sie, nahm die beiden rechts und links auf den Arm und brachte sie zur Wohnung der Trolle. Die Trollmutter wies ihm den Weg durch dichtes Gestrüpp von Trollbeeren bis zu einer düsteren Kammer in einer ausgehöhlten Eiche. Hier warteten bereits fünf oder sechs Trolle, von denen Holger einige schon aus der vergangenen Nacht kannte. Als es dämmerte, kam Holger endlich bei der Hexe an. Sie lebte in einem gemütlichen Blockhaus ganz oben auf dem Berg, den Holger den ganzen Tag lang erklommen hatte. Er ging um das Häuschen herum zur Tür und klopfte. Eine ältere Frau öffnete ihm, die mit ihrem karierten Kopftuch und den Lachfalten eigentlich mehr wie eine Großmutter aussah. Sie bat ihn herein und bot ihm einen Stuhl und eine Tasse Tee an. "Ich bin die Hexe auf dem Berg, die du gesucht hast", sagte sie freundlich. "Was möchtest du von mir?" "Ich bin gekommen", antwortete Holger, "um Sie zu fragen, ob Sie mir sagen können, wie die Prinzessin vom eisigen Land ihren Märchenprinzen finden kann. Eine Fee prophezeite ihr, ein Märchenprinz würde zu ihr kommen, ihre Familie befreien und sie dann heiraten. Ihre Familie ist nämlich..." "Ich weiß", unterbrach ihn die Hexe. "Und ich weiß auch noch einiges mehr, mehr vielleicht, als du ahnst. Ich möchte dich auch etwas fragen: Möchtest du überhaupt den Märchenprinzen finden? Wünschst du dir, dass du mit dem Prinzen wieder von diesem Berg herunterkommen wirst?" "Ich möchte der Prinzessin helfen", antwortete Holger. "Ich möchte, dass sie glücklich wird. Sie soll ihre Familie wiederbekommen und jemanden heiraten, der zu ihr passt." "Wie stellst du dir denn den Märchenprinzen vor, der zu der Prinzessin passt?", fragte die Hexe. "Er sollte die Prinzessin als gleichberechtigten Partner akzeptieren", antwortete Holger. "Er sollte sie ernstnehmen und sie nicht wie ein Spielzeug behandeln." "Er sollte nicht nur an oberflächlichen Festen und an ihrer Schönheit interessiert sein, sondern auch seine Interessen mit ihr teilen und wirklich mit ihr reden." "Die Prinzessin kann nämlich eine ganze Menge, und sie nimmt Probleme aktiv in die Hand. Der Märchenprinz sollte offen und nicht zu einseitig sein. Er sollte sie lieben, so wie sie ist." "Gut", sagte die Hexe. "Ich möchte, dass du dir bis Morgen überlegst, ob du wirklich den Märchenprinzen finden möchtest oder ob dein geheimer Wunsch ein anderer ist. Und nun erzähl mir doch noch ein bisschen über die Welt der Menschen bis es Zeit ist, schlafen zugehen." Am nächsten Morgen wachte Holger früh im Gästebett der Hexe auf und ging hinaus, um an die frische Luft zu kommen. Er hatte in der Nacht schwere Träume gehabt, konnte sich jedoch nicht mehr daran erinnern. Was sein geheimer Wunsch war, wollte die Hexe wissen. Holger setzte sich auf eine Bank vor dem Blockhaus. Das Sonnenlicht trat durch die Bäume und bildete helle Flecken auf der Wiese. Was wollte er wirklich? Er wollte, dass die Inga glücklich würde. Mit ihm. Was dachte er da? Das war neu. Die Prinzessin sollte mit ihm glücklich werden? Inga war liebenswert, energisch, tatkräftig, gleichzeitig freundlich und liebevoll. Holger würde gerne mit ihr zusammenbleiben. War das sein geheimer Wunsch? Während ein Sonnenstrahl um seine Füße spielte, wurde Holger klar, dass er Inga liebte. Aber wie sollte das gehen? Was würde die Prinzessin dazu sagen? Sie musste doch auf den Märchenprinzen warten, um ihre Familie wiederzugewinnen! Holger konnte sie nicht retten. Inga würde um seinetwillen nicht ihre Familie im Stich lassen. Und überhaupt, mochte sie ihn denn so sehr wie er sie? Um eine Märchenprinzessin zu heiraten, gehörte doch wohl ein bisschen mehr dazu als Geschichten erzählen! Holger hatte gestern vergessen, der Hexe zu erzählen, dass ein Märchenprinz natürlich reich und adelig und vornehm sein müsste. Das war ja selbstverständlich. So jemand passte zu der Prinzessin, kein dahergelaufenes Menschenkind! Plötzlich kam Holger ein schlimmer Gedanke. Die Hexe würde ihm nicht einmal einen Rat geben, wie er den Märchenprinzen finden könnte. Holger hatte die Prüfung nicht bestanden. Schlimmer noch, er war irgendwie an der Prüfung vorbeigelaufen, er hatte irgend etwas übersehen. "Kommst du zum Frühstück?", fragte die Hexe von drinnen. Holger ging zurück in das Blockhäuschen. Er konnte sich kaum auf das Essen konzentrieren, er dachte nur noch daran, dass sein Unternehmen wohl gescheitert war. Was würde die Prinzessin sagen? "So", sagte die Hexe nach dem Essen, "Weißt du nun, was dein geheimer Wunsch ist?" "Ich glaube, es ist...", begann Holger. "Ich möchte eigentlich immer mit der Prinzessin zusammenbleiben. Ich liebe Inga." "Warum suchst du dann den Märchenprinzen?" Holger versuchte, der Hexe zu erklären, was er gedacht hatte. "Aber du wirst mir sowieso nicht helfen, oder?", fragte er. "Ich habe die Prüfung nicht bestanden." "Doch", sagte die Hexe. "Du hast das Trollbaby gerettet, obwohl dich die Trolle die ganze Nacht gepiesackt haben." Sie sah Holger ernst an. "Ich sage dir, wie du den Märchenprinz finden kannst. Du bist der Märchenprinz." uf dem Rückweg bekam Holger kaum noch mit, was um ihn herum vorging, so sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Vielleicht würde die Prinzessin sich über seine Nachricht freuen, und sie könnten zusammen glücklich werden. Das wäre schön. Vielleicht würde sie ihn aber auch auslachen, oder ihm einfach erklären, dass sie ihn zwar ganz nett fand, aber mehr auch nicht. Wahrscheinlich würde die Prinzessin nur einen reichen und berühmten Prinzen heiraten. Holger hatte auch keine Ahnung, wie er die Familie der Prinzessin befreien konnte. Er war weder stark noch mutig noch sonst in irgendeiner Weise den Rettern aus den Märchen ähnlich. Holger fürchtete, er würde in seiner Rolle als Märchenprinz versagen. Als Holger ankam, saß Inga wieder im Turmzimmer und las, neben sich auf dem Tischchen eine Tasse Tee. Sie schien sich sehr zu freuen, dass Holger kam. "Und, hast du den Märchenprinzen gefunden?", fragte sie. "Nein", sagte Holger. "Das heißt..." Die Prinzessin schien erleichtert. "Weißt du, ich habe sowieso schon überlegt, ob wir nicht einfach selber versuchen können, meine Familie zu befreien. Und dann könnten wir... ich meine... wenn du willst..." Holger traute seinen Ohren kaum. Die Prinzessin wollte gar keinen anderen Märchenprinzen! Sie schien auch zu hoffen, mit Holger zusammenbleiben zu können. Aber konnte es wahr sein? Oder bildete er sich das nur ein? Jedenfalls konnte Holger es nicht mit ansehen, wie die sonst so selbstsichere Prinzessin nach Worten suchte. "Also", begann er, "die Hexe hat mir gesagt, also, sie meinte... ich sei der Märchenprinz." "Das ist ja wunderbar", rief Inga. "Oh, wie ich hier so allein saß, da habe ich mir ausgemalt, wie schön es wäre, immer mit dir zusammenzubleiben. Nur habe ich Angst gehabt, ich müsste dich dann gegen meine Familie eintauschen. Aber so - oh - das ist fantastisch, ich freu mich so." Es war wahr! Sie mochte ihn! Holger umarmte Inga. Plötzlich war es ganz einfach, und er konnte nicht mehr verstehen, warum es ihm jemals peinlich gewesen war. Dann sagten sie einander, dass sie sich liebten. "So, und jetzt könntest du vielleicht den Hofstaat befreien", sagte Inga schließlich. Holger strich sich verlegen die Haare aus dem Gesicht. "Ich weiß gar nicht, ob ich das kann", sagte er zögernd. "Ich bin doch gar kein Held aus einem Märchen. Was kann ich schon?" "Geschichten erzählen", antwortete Inga. "Aber das hilft uns jetzt nicht weiter", wandte Holger ein. "Jetzt hör doch mal auf", sagte Inga. "Du hast mir schon so oft geholfen." Verwundert sah Holger sie an. Er verstand nicht, was sie meinte. "Na, du hattest immer die entscheidenden Ideen. Wie ich mich vor dem reichen Prinzen retten kann, und was mit dem Drachen los war. Du bist zur Hexe gegangen. Ohne dich wäre ich schon lange verzweifelt." Holger war erstaunt. So hatte er es noch nie gesehen. Da warf Inga plötzlich aufgeregt die Hände in die Luft. "Oh, dass wir da nicht früher drauf gekommen sind! Ich hätte es sehen müssen! Oh, sind wir blöd!" Holger verstand kein Wort. "Die Geschichten!", fuhr Inga hastig fort. "Deswegen sind ihre Herzen eingefroren und haben sich mit Reif überzogen! Und ich wurde verschont, weil ich Bücher gelesen habe! Früher wurde ich dafür ausgelacht. Früher wurden hier viele Geschichten erzählt, und man brauchte eigentlich keine Bücher. Dann aber wurde immer weniger erzählt, die Abende wurden einsamer, und schließlich hat man hier überhaupt keine Geschichten mehr erzählt. Zur gleichen Zeit wurden die Leute kalt und abweisend, aber niemand hat den Zusammenhang gesehen. Oh, ich hätte es wissen müssen." Inga holte Atem. "Jetzt aber wird alles wieder gut! Du wirst jetzt bitte meiner Familie eine von deinen Geschichten erzählen." Inga brachte Holger in den Thronsaal zu ihren Eltern. "Du wirst mehrere Geschichten erzählen müssen", sagte sie. "Denn in ihrem Zustand kriegen wir die Leute nicht dazu, sich zu versammeln." Inga und Holger setzten sich auf zwei Stühle neben die Throne, und dann begann Holger unsicher, Ingas Eltern eine Geschichte zu erzählen. Mit der Zeit entwickelte sich die Handlung und seine Stimme wurde fester. Manchmal merkte Holger, dass die Geschichte einen Bruch hatte. Einmal erzählte er etwas von der Großmutter, die eigentlich schon lange tot sein sollte. Aber das war nicht so schlimm, denn die Geschichte tat ihre Wirkung. Der Reif auf den Kleidern und Haaren des Königspaares begann zu schmelzen. Und auch ihre Herzen schienen aufzutauen, denn mit der Zeit begannen sie, ab und zu leise zu schmunzeln, während sie zuerst nur stocksteif dasaßen und an die Wand starrten. Als Holger zum Ende kam, lachten die Eltern und bedankten sich. Inga umarmte sie und stellte ihnen Holger vor. Danach gingen sie in die Küche, in den Garten, ins Wohnzimmer und in alle Räume, wo Leute waren. Holger erzählte ihnen Geschichten, sie begannen zu lächeln, der Reif auf ihnen begann aufzutauen, und schließlich hatte Holger den ganzen Hofstaat befreit. Und sie lebten glücklich und zufrieden miteinander. Zum Seitenanfang |