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Geschichten der Nacht

Von Ingo Reinhardt

Marco, Ingo und Karsten waren alte Freunde. Alle drei hatten sich irgendwann in den 90er Jahren in Wuppertal kennen gelernt und ihr gemeinsames Auftreten war in der Stadt lange Zeit ein gewohntes Bild gewesen.

Besonders am Abend, wenn sich das dunkle Tuch der Nacht über das Tal legte, war es nicht schwierig, sie in einer der Neon beleuchteten Bars oder den verrauchten Clubs zu finden; zumeist Whisky trinkend oder Zigarre rauchend.

Das Nachtleben war mit der Zeit ihr Treffpunkt geworden. Jede Theke der Stadt war ihnen vertraut und die Leuchtschilder wiesen ihnen zuverlässig den Weg.

Wen wundert es da, dass ihre seltsam verworrenen Geschichten auch genau dort ihren Anfang nehmen sollten:

Es war etwa gegen zwei Uhr nachts in einer schummrigen Strip-Bar mit Pornokinos, wo um diese Uhrzeit noch reger Betrieb herrschte.

Während man in den muffigen Kinos zwar häufig von onanierenden Männern belästigt wurde, die einem ihren erigierten Ständer ins Gesicht hielten, so konnte man doch im Bar-Bereich mit einem coolen Drink locker abhängen und den ausländischen Frauen zuschauen, die sich zu einschmeichelnder Musik langsam auszogen.

Hier treffen wir nun auch unsere drei Freunde wieder: Marco, Ingo und Karsten; alle in leicht angetrunkenem Zustand und berauscht vom schimmernden Rotlicht auf nackter Haut.

Um den Geschmack der Schweiß getränkten Luft runterzuspülen hatten sie sich Bier bestellt und schauten nun den geschmeidigen Bewegungen einer Afrikanerin zu, die ihre Hand immer wieder zwischen ihre Beine gleiten ließ, um dann einem seriös wirkenden Mann in der ersten Sitzreihe einen feuchten Händedruck zu geben.

Alles in allem eine freundliche, eine gelöste Atmosphäre also, die auch die anderen Damen zur Kontaktaufnahme mit einigen Gästen nutzten. Ingo und Marco allerdings nuckelten nur müde an ihren Drinks, während Karsten etwas abseits von ihnen an einer Spiegelsäule stand. Er war gerade in irgendwelche vernebelten Gedanken vertieft, als ihn plötzlich jemand vorsichtig am Arm fasste:

"Oh, it's so hot tonight! Would you please get me a drink?" Eine der vollbusigen Stripperinnen hatte mit einem Ruck Karstens Gedankennebel zerrissen und einen Hundeblick aufgesetzt, dem man kaum eine Bitte abschlagen konnte. Was Karsten aber im übrigen auch gar nicht wollte.

Er genoss es vielmehr, von ihr an die halbrunde Bar geführt zu werden, wo das gedämpfte Licht und der blaue Schleier des Zigarettenrauchs eine ebenso intime wie geheimnisvolle Atmosphäre entstehen ließen.

Dort erzählte sie ihm dann auch, dass sie eigentlich aus England käme, zur Zeit aber in Deutschland studiere und des Geldes wegen nachts strippte. Ihr Name war Sally. Karsten wusste natürlich sofort, dass das alles gelogen war. Das gehörte eben zum Spiel.

Doch jenseits ihres Make-ups, in ihrem Blick, ja in ihren Augen, da sah er etwas, das nicht lügen konnte. Und so wurde es ein langes Gespräch, das von Ingo und Marco immer wieder aus der Ferne beobachtet wurde. Einmal schien es so, als ob Sally in ihrer kleinen Handtasche etwas bestimmtes suchte.

Später zeigte sie Karsten dann einen kleinen silbernen Schlüssel, worauf hin er nur verständnislos den Kopf schüttelte. Dann standen beide auf und sie schien ihn gerade abseits der Gäste in die Garderobe der Mädchen führen zu wollen, als plötzlich ein lauter Knall die Hintergrundmusik übertönte.

Karsten zuckte zusammen. Doch nach der ersten Schrecksekunde erkannte er, dass es nur der Knall eines Korkens gewesen war, denn schäumender Sekt spritzte der Tänzerin auf dem Podest an den Schenkeln hoch und man hörte gellende Pfiffe und Gelächter, während der DJ grinsend die Platte "Hit Me With Your Best Shot" auflegte.

Doch was Sally nun eigentlich von Karsten wollte, und warum die drei Freunde schon kurz darauf in einem Düsseldorfer Nobel-Bordell untertauchen mussten, um der Russen-Mafia zu entgehen; das, verehrter Leser, ist eine andere Geschichte.

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