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Meine zweite Chance

Von Nicole Reckzeh

Ich hatte mit 17 Jahren einen Stamm- und Kleinhirn-Infarkt. Ein Klein- und Stammhirn-Infarkt ist ein Blutgerinnsel im Kopf, dieses Blutgerinnsel wird durch Stoßen am Kopf o. ä. ausgelöst und setzt sich in einer Ader fest. Die Blutzufuhr im Kopf ist gestört.

Damals kämpfte ich sehr hart um mein Leben, denn ich hatte nur ein Prozent Überlebenschance. Aber ich kann jetzt mit Stolz behaupten, dass ich wieder 99 Prozent Überlebenschancen habe.

Das war damals so: ich hatte Urlaub, und war allein zu Hause bei meinen Eltern. Um ca. 12.00 Uhr fiel ich dort in der Küche um, leider kamen meine Eltern, da Sie beide voll arbeiteten, erst um ca. 20.00 Uhr und fanden mich bewusstlos vor.

Sie riefen dann einen Krankenwaagen, der mich ins Krankenhaus nach Oranienburg fuhr. Da ich aber so jung war, und meine Mutter Krankenschwester ist, war es für die Ärzte dort nur so zu erklären, dass ich mich mit Tabletten vergiftet habe. Sie pumpten mir den Magen aus, um ganz sicher zu gehen. Da ich mit meinen Eltern am Vorabend Spinat gegessen hatte, kam da also auch noch grüner Mageninhalt raus.

Damit war für die Ärzte dort klar dass ich mich vergiftet habe! Trotz mehrmaligen Beteuerungen meiner Mutter, dass ich so etwas nie tun würde, lag ich also Stunden ohne richtige Versorgung. Meine Mutter ließ nicht locker .Die Frau ihres Chefs, der auch mein Hausarzt ist, und dem ich auch sehr danke, ist Röntgenärztin. Sie glaubte meiner Mutter und lies mich in eine CT-Röhre schieben, um meinen Kopf zu untersuchen. Dabei stellten Sie dann den Stamm- und Kleinhirn-Infarkt fest und legte mich sofort in einen Krankenwaagen oder Hubschrauber, der mich dann sofort ins Krankenhaus CHARITÉ bringen sollte. Unterwegs erklärte die Charite dem mich begleitenden Arzt „Nein, wir können diese Patientin nicht aufnehmen, da wir dieses Blutgerinnsel im Kopf nur nach bis zu sechs Stunden nach dem Schlaganfall auflösen, diese Patientin liegt aber schon ca. 24 Stunden so.“

Darauf hin entschied der Arzt, in Berlin Buch auf der ITS nachzufragen und der Oberarzt Dr. Hoffmann sagte, ja selbstverständlich nehmen wir die Patientin auf. Nach ca. 26 Stunden bekam ich dann endlich die richtige erste medizinische Hilfe.

Dort angekommen legte mir man gleich Katheder, Magensonde, Luftröhrenschnitt, Tröpfe u.s.w. und legte mich auf das (wie Sie es nannten ‚schlechteste Bett’). Ab dann begann eigentlich erst so richtig mein Kampf, denn ich lag im Koma.

Ab jetzt kann ich nur schreiben, was mir erzählt wurde und was ich, für manche klingt das unnormal jetzt, im Unterbewusstsein mit bekam. Es war dann eine sehr harte Zeit, für mich, aber auch für meine Familie. Ich bekam im Koma viel mit z. B. dass mein Vater jeden Tag vor oder nach der Arbeit ins Krankenhaus kam, meine Mutter jeden zweiten, da Sie Schichtdienst hat. Meine Schwester kam mich am Wochenende besuchen so oft es ging. Mein Onkel, meine Tante und mein Opa, kamen von außerhalb, ebenso mein damaliger Freund. Er besuchte mich zwei- oder dreimal in der Woche.

Außerdem erhielt ich viele Briefe, die mir meine Mutter oder Vater dann immer vorlasen. Ich bekam auch mit, dass mein Onkel, der Krankenhausangst hat, als er mich das erste Mal dort liegen sah, kreidebleich wurde und anfing zu weinen und dann raus ging.

Ich merkte auch, wie Sie immer mit mir redeten und für mich da waren und mir die Hand hielten. Ich glaube an Gott und bekam dann auch schon die Totensalbung, weil die Ärzte mich nun aufgaben, außer meine Familie und der Oberarzt, der immer sagte, „Mensch die ist 17, da kommt noch etwas“ wollten alle die Maschinen abstellen, aber der eine Arzt sagte, dass Sie an bleiben!

Zu meinem Glück, denn ich wurde wach, konnte zwar weder reden, noch essen, noch mit dem kleinen Zeh wackeln, dass einzige, was ich konnte, war mit den Augen zu zwinkern. So konnte ich mich mit einmal Zwinkern „ja“, mit zweimal Zwinkern „nein“ etwas verständigen. Ich hatte das Locked-In-Syndrom.

Ab jetzt ging es ständig berg auf, und ich konnte nach einiger Zeit mit dem Kopf wackeln oder nicken. Meine Eltern schrieben mir dann eine Tafel mit dem Alphabet, mit großen Buchstaben, und zeigten dann auf einen Buchstaben, und wenn ich den meinte nickte ich, oder ich schüttelte ich den Kopf, so konnte ich mich dann schon mehr verständlich machen.

Eines Tages sammelten die Arbeitskollegen meines Vaters, Geld und kauften mir einen Walkman. So konnte ich meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Musikhören nachgehen. Mein Sprechen ging dann aber immer noch nicht und alle machten sich Sorgen. Dann konnte ich, was heute alle verwundert, den rechten Großen Zeh zuerst bewegen, dass ist daher komisch, weil heute meine rechte Seite mehr betroffen ist.

Langsam wurde ich dann mehr und mehr alle Geräte nach und nach los und ich stieg auch in der Schwesternsicht (also vom schlechtesten Bett immer höher.) Dann war es soweit, ich konnte meinen linken Arm heben, schon bekam ich von meinem Hausarzt einen C 64 Computer mitgeschickt und da auf der Station ein Fernseher war, konnte ich dann aufschreiben, was ich sagen wollte.

Wieder ein kleiner aber wichtiger Vorschritt! Aber meine Sprache kam trotz Sprachkanüle nicht wieder Sie riefen dann Logopäden zu rate. Die waren aber auch alle ratlos. Nach und nach kamen dann die Bewegungen wieder, und ich musste nun wieder alles erlernen, z. B. das Essen und Schlucken, zuerst fing ich mit Joghurt und Brühe und so an, als das dann ging, versuchten wir es mit 1-3 kleinen Stullenhäppchen ohne Rinde.

Das ging nach heftigen Hustenanfällen dann immer besser, so dass Sie mir auch die Magensonde entfernen konnten. Genau so war es dann mit dem Trinken, ich trank zuerst aus einer Nuckelflasche meinen Saft, dann ging das schon besser und ich konnte mit Hilfe aus einer Schnabeltasse trinken, dann ging das schon allein, aber mit Deckel, nun schlussendlich legte ich auch den beiseite und schaffte alles alleine.

Nur das Reden wollte und wollte nicht gehen, aber eines Tages war es dann soweit, „die Putzkolonne“ wie Sie hieß, kam jeden Morgen so gegen 4 Uhr und jeden Morgen sagte mir der Mann, der bei mir sauber machte „Guten Morgen Nicole“ aber ein halbes Jahr kam keine Antwort und wie jeden Morgen sagte er das an dem Morgen auch und es kam eine Antwort zurück. Der Mann freute sich tierisch doll. Aber nicht nur er.

Dann ging das alles so nach und nach besser und ich kam in ein Einzelzimmer, da hätte ich eigentlich schon in eine Frühreha gemusst, aber es war leider kein Platz zu bekommen. So lag ich dann in diesem Einzelzimmer, da ich aber schon wieder ganz fit war und es mir zu langweilig wurde nur herumzuliegen und an die Wand  zu starren, legte mir der Oberarzt vom Ärztezimmer ein Fernsehkabel und meine Eltern und meine Schwester brachten mir dann einen Fernseher und Videorecorder.

So war das Rumliegen dann schon etwas erträglicher geworden.  Nach 9 Monaten ITS war es dann soweit, ich bekam einen Frührehaplatz, in den ich aber nur liegend gebracht werden konnte. Ich kam nach Berlin-Kladow.

Dort begann dann die körperliche Arbeit richtig. So. wurde ich dann erst für 10 Minuten, dann eine halbe Stunde immer zum Essen aus dem Bett geholt, um das Sitzen wieder zu lernen. Eines Tages holte der Zivi mich wie immer zum Frühstück aus dem Bett, setzte mich vor den Fernseher und vergaß mich aber dann dort.

Es fiel ihm nach drei Stunden mit Schrecken ein und ich hatte dann schon total geweint und hatte sehr große Schmerzen, als er rein kam sagt er „oh, Du warst aber heute tapfer“ um mich wieder etwas aufzubauen, das tat er aber mit diesen Worten auch wirklich tat. Es tut dann in dieser Zeit besonders gut zu hören, wenn einer sagte, dass Du tapfer warst.

Dann hatte ich täglich bis zu neun Therapien, die sicher auch oft sehr schmerzhaft waren. Ich wurde dann sofort in ein „Stehpult“ gestellt und hielt da aber noch nicht sehr lange aus, ca. fünf Minuten, dann wurde das immer länger und nach ca. 5 Monaten waren es dann 45 Minuten und länger.

Dann machte ich mit meiner Therapeutin die ersten Schritte, das war ein sehr komischer und auch ein sehr, sehr ergreifender Moment für mich. Endlich merkte ich, dass ich schon sehr viel geschafft hatte. Ich saß nun schon fast 4 Stunden, eine Pause und dann wieder 4 Stunden.

Dort lernte ich dann auch selbständig auf zu Toilette gehen. War zwar heimlich, weil: wenn man sich nicht selbst was zutraut, die anderen werden einen das immer verbieten, aus Angst das man sich verletzten könnte. Ich meine, das ist ja auch normal, aber es hilft einem halt nicht so.

Nach fünf Monaten durfte ich das erste Mal für einen Tag nach Hause. Es war mein 18. Geburtstag. Viele kamen zu mir und ich wurde ganz, ganz lieb begrüßt, nicht nur von meiner Familie, nein auch von meinem Hausarzt z. B. und von den Nachbarn. Den Tag werde ich, glaube ich, nie wieder vergessen wollen oder können.

Dann fuhren Sie mich abends wieder in die Klinik. Dort verbrachte ich dann noch ca. 4 Monate. Danach haben die Ärzte beschlossen, „Sie war jetzt insgesamt 18 Monate nur einen Tag zu Hause und Sie ist noch sehr jung und musste so was schon erleben, wir schicken Sie jetzt erst mal nach Hause“

War das ein irres Gefühl nach Hause zu fahren. So erhielt ich meinen ersten Rollstuhl und meine Eltern holten mich dann dort ab. Ich fuhr nach Hause welch ein starkes Gefühl. Vor Aufregung, dass ich wieder zu Hause war, schoss ich erst einmal mit meinem neuen Rollstuhl eine Bauchlandung, da mein Vater erst die Hindernisse beseitigen konnte, wenn er sah, wo ich welche habe.

Zu Hause taten dann meine Eltern und Schwester alles für mich, Sie richteten mir ein schickes Zimmer ein, das Bad habe ich dann umbauen lassen, von einem Krankenkassenzuschuss. So kam ich dann alleine klar und wir bekamen dann aufgrund meiner Behinderung und der Tätigkeit meiner Mutter einen Telefonanschluss, so dass ich nach außen auch Kontakt habe.

Dann bekam ich zu 20. Geburtstag meinen ersten Computer. Die Therapien gingen trotzdem weiter, d.h. 3x die Woche kam Kordula Holnecker meine Therapeutin und quälte mich manchmal sehr. Fortan drehte sich fast alles nur noch um den Computer. Damals auf der ITS stellten Sie fest, dass auch ein Augenmuskel gelähmt ist, d. h. ich sehe Doppelbilder.

Nach einem Jahr ca. kam ich dann wieder zur Kur. Ins Haus Brandenburg. Die Leute da waren sehr nett, offen für jeden Spaß und nahmen mich (wie sie sagten, richtig zur Brust) aber das war auch gut so, denn dort fing ich dann an, mit einem Rollator selbst zu gehen.

Für die Freizeit war auch gesorgt, ich ging abends immer in die Cafeteria mit anderen Jugendlichen oder in eine Feinmotorik Gruppe. Diese Kur hat mir sehr viel gebracht, nicht nur körperlich. Ich wurde auch selbstbewusster, weil ich sah, dass das Leben trotzdem schön sein kann, und dass die Zeit nie stehen bleibt und wenn man nicht selbst an sich arbeitet, dass man dann nicht überleben kann. Nach drei Monaten etwa fuhr ich wieder nach Hause. Aber nicht für lange.

Für ein Jahr ca. zog ich dann nach Berlin-Frohnau ins Dauerwohnheim, da ich mal was anderes erleben wollte. Dort lebten acht Leute auf einer Gruppe und es war oft sehr lustig da. Ich bekam weiter meine Therapien und lief dann mit den Betreuern auch schon Treppe, bis in den 2 Stock. Es war zwar ein sehr mühsames Geschäft, aber es war ein sehr, sehr gutes Gefühl, es zu schaffen!

Dann kam ich wieder in ein Krankenhaus, aber dies Mal nicht für lange, da ich an den Augen operiert wurde. Was aber leider ohne Erfolg blieb und nach ca. einem Jahr wurde ich dann noch mal operiert aber leider auch ohne Erfolg. Meine Eltern kamen oft, auch andere Verwandte und Bekannte, und Sie brachten mir dann sogar eines Tages auch meinen Computer mit. Aber nach einem Jahr ca. musste ich da wieder raus, da das da zum größten Teil Geistigbehinderte waren und das für einen „nur“ Körperbehinderten schwer werden kann, da Geistigbehinderte in ihrer eigenen Welt leben und auch nur die akzeptieren, und alles was anders denkt und handelt, aus ihrem Leben raus gehalten wird. Da ich das aber nicht wollte, raus gehalten zu werden, zog ich dann wieder nach Hause.

Dort verbrachte ich jetzt so ca. vier oder fünf Jahre. Ein Weihnachten schenkten mir meine Eltern einen Internet Anschluss (was Sie zeitweise auch bereuten) damit ich zur Außenwelt noch mehr Kontakt habe. Es war dann schon so doll mit dem Surfen geworden, dass Sie mir mein Essen schon an den Computer bringen mussten.

Die Therapien gingen trotzdem weiter. Zwischendurch machte ich dann auch noch mal eine ambulante Therapie in der Brandenburg Klinik. Aber das war noch nicht das Leben, das ich wollte, nur zu Hause vor dem Computer sitzen.

So beschloss ich eines Tages, einen Antrag auf eine eigene Wohnung zu stellen. Aber das dauerte und bedeutete nicht nur für mich, zu kämpfen, sondern auch für meine Eltern. In dieser Zeit kamen aber noch mehr Änderungen in meinem Leben. Ich fing wieder an zu arbeiten, in einer Behindertenwerkstatt, am PC als Bürokraft, dort schreibe ich z. B. Lieferscheine, Angebote und Rechnungen u.s.w.

Nach etwa acht Monaten war es dann geschafft, ich bekam eine Wohnung angeboten, eine sehr schöne, in die ich dann auch gleich einzog. Meine Familie und Bekannten und alle die ich kenne, richteten mir „MEINE“ eigene Wohnung sehr schön und gemütlich ein. So dass ich dort alleine zurechtkomme. Ich lief und laufe heute alleine an einem Rollator in der Wohnung.

Als ich damals auf der ITS aufwachte hatte ich mir zwei Große Ziele gesetzt. 1. ARBEITEN zu gehen und 2. eine EIGENE Wohnung und beides habe ich erreicht! Heute laufe ich, immer wenn sich die Gelegenheit ergibt, mit Hilfe Treppe, (ungelogen bis in den 4. Stock!) Ich glaube, dass ich darauf sehr, sehr stolz sein kann.


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