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Als die Panzer kamenIn den ersten Panzern, die dumpf dröhnend über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße rollten, sah ich fast nur Neger. Große wohl genährte Männer schauten unter ihren seltsamen randlosen Helmen aus den Luken. Lange Zeit kamen nur diese Panzer, dann ein kleiner offener Wagen, ein Jeep, wie ich später erfuhr, darin weiße Männer, schwer bewaffnet. Es war im April, am Gründonnerstag 1945. Ich stand vor der Apotheke am Steinweg. Es dauerte lange, bis ich bemerkte, dass mir Tränen über die Backe liefen. Eben wurde ein Traum war, den zu träumen mir nie in den Sinn gekommen war. Für mich, für alle Menschen in unserem kleinen oberhessischen Städtchen war der Krieg zu Ende, und ich war am Leben! RadiopropagandaBis zu dieser Stunde war es für mich eine unumstößliche Gewissheit gewesen, dass ich diesen Krieg niemals überleben würde. Täglich hatte es im Radio gedröhnt, dass im Endkampf unter der Leitung des Führers kein Meter deutschen Bodens aufgegeben würde. Von nie da gewesenen Wunderwaffen war die Rede, die doch noch den Endsieg erzwingen sollten. An den Endsieg hatte ich nie geglaubt, zu schnell waren die Aliierten, Amerikaner, Engländer, Russen, an allen Fronten vorgerückt. Zu deutlich war zu erkennen, dass die Wehrmacht geschlagen war. Viele deutsche Soldaten waren wenige Tage zuvor in abgerissenen Uniformen in langen Reihen zu Fuß durch das Städtchen gezogen. Nicht mal ein Gewehr hatten die meisten von ihnen. Viele Dutzend von ihnen hatten im Garten an der Rückseite unseres Pfarrhauses ans Fenster geklopft. Es hatte sich herumgesprochen, dass meine Mutter in dem großen kupfernen Waschkessel in der Küche Erbsensuppe gekocht hatte, die sie und Olga, unser Dienstmädchen aus Russland, an die ausgehungerten Männer verteilten. Aber – so wurde im Radio ständig verkündet – Deutschland werde heldenhaft verteidigt. Der Volkssturm, in den alle Männer eingezogen waren, die noch laufen konnten, und der geheime „Werwolf“, der auch hinter der Front kämpfen werde, um den Rückzug der Angreifer zu erzwingen, würden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. Die Amerikaner, die auf Hessen vorrückten, würden nicht lange fackeln, fürchtete ich. Sie würden beim Kampf um unser Städtchen alles in Schutt und Asche legen, wenn sie auf Widerstand stoßen würden. Diesen Kampf, so war meine feste Überzeugung, würde ich auf keinen Fall überleben. Daran hatte ich noch gestern ohne den geringsten Zweifel geglaubt. Zum Seitenanfang TodesangstDie Angst vor dem Sterben würde ich besiegen können, so hoffte ich. Der Grund war eine Situation im Luftschutzkeller wenige Monate zuvor: Die Luftschutzsirene hatte einen Freund und mich überrascht, als wir gerade am Flüsschen Weidenäste abschnitten, um uns eine Pfeife zu schnitzen. (Anmerkung des Erzähl-Clubs: Diese Episode hat der Autor in einem längerem Erinnerungsstück beschrieben. Siehe: "Willis erste Pfeife" ) Während wir nach Hause rannten, konnten wir über dem spitzen Kirchturm schon die Jagdbomber kreisen sehen. Unter dem blauen Himmel glänzten sie silbern im Sonnenlicht. Im Luftschutzkeller unter der Scheune des Pfarrhauses saßen schon meine Familie und eine Anzahl Nachbarn. Nach mir kam nur noch mein Vater. Er brachte den Wäschekorb mit dem Baby des Lehrers, der neben dem Kirchhof wohnte, und sich in den tiefsten Winkel des Kellers, neben den Kartoffeln versteckt hatte. Er war in Zivil, seine braune SA-Uniform trug der fanatische Nazi nur noch selten. Man hörte lautes Krachen, einige im Keller schrieen, andere beteten. Ich schnitzte an meiner Pfeife. ‚Und wenn das jetzt das Ende ist, mal sehn, wie weit ich damit komme’, dachte ich. Ich spürte keine Angst, nur die Ruhe der Schicksalsergebenheit. In dem Moment hatte ich mit dem Leben abgeschlossen. Zum Seitenanfang FreudentaumelDie Tränen, die ich jetzt beim Anblick der langen amerikanischen Panzerkolonnen weinte, waren Tränen der Erleichterung. Für unser Städtchen war der Krieg zu Ende und ich hatte ihn überlebt. Noch lange blieb ich vor der Apotheke stehen. Nach den Panzern fuhren nun endlose Kolonnen von Lastwagen vorbei, voll bepackt mit Soldaten. Irgendwann dachte ich wieder daran, dass mein Vater streng befohlen hatte, den Luftschutzkeller nicht zu verlassen. Der Gedanke an ein paar Ohrfeigen konnte mich an diesem wunderbaren Tag nicht schrecken. Noch vor wenigen Stunden hatte ich Ohrfeigen bezogen, weil ich auf den Kirchturm gestiegen war, um vom obersten Fenster aus die näher rückenden Amerikaner zu sehen. „Wenn die Amerikaner dich gesehen und gedacht hätten, du wärest Soldat und solltest vielleicht als Beobachter einen Gegenangriff unterstützen, dann hätten sie den ganzen Kirchturm zusammengeschossen und du wärest umgekommen“, sagte er unter Rückgriff auf die Instruktionen bei der Ausbildung zum Volkssturmmann, die er mitmachen musste. Daran dachte ich jetzt nicht mehr. ‚Ich bin gerettet, ich lebe, ich habe es überstanden!’ Nur daran konnte ich jetzt denken. Die kurze Strecke bis zum Pfarrhaus lief ich wie in einem Freudentaumel, jetzt war der Alptraum zu Ende. Statt SA, SS, Führer, totalem Krieg, und Unterdrückung begannen jetzt Demokratie, Gewaltlosigkeit, Freiheit und überall in der Welt Frieden. Davon hatte mein Vater immer gesprochen, als man schon den Geschützdonner in der Ferne hörte. Und ich war erst 13 Jahre alt, jung genug, um diese neue Epoche eines Goldenen Zeitalters lange mitzuerleben. GelächterZuhause saß die Familie schon am Radio, einem alten Blau-Punkt-Gerät, das nur funktionierte, wenn man an der richtigen Stelle fest genug drauf klopfte. „Versprengte Panzerspitzen der Amerikaner haben im Raum Marburg die Frontlinie durchbrochen, sie stehen vor ihrer Vernichtung“, meldete das Oberkommando der Wehrmacht aus Berlin… Als mein Vater das Radio ausstellte, konnte man wieder die Motoren der Amerikaner hören, die nun schon seit Stunden unseren unbedeutenden Ort durchfuhren. Wir mussten lachen. So sahen also ‚ „Versprengte Panzerspitzen“ der Amerikaner’ aus. Das Ende des AlptraumsAls ich an diesem Abend im Bett lag, lief der ganze Alptraum wie ein Film vor mir ab, rasend schnell, viel schneller, als man es erzählen kann. Angefangen hatte er am 20. April 1940. Beim Mittagessen erzählte ich begeistert vom Führer, der an diesem Tag Geburtstag hatte. Unsere Lehrerin hatte ihn – wie mir später klar wurde, in ironisierender Absicht – als wahren Übermenschen beschrieben: ‚Durch ihn lebt Deutschland, er schafft Frieden, er liebt auch den Geringsten, er ist der vollkommene Mensch. Unverhofft traf mich mitten in meiner Erzählung eine Ohrfeige meines Vaters, die mich vom Stuhl wischte… 1. Mai 1936Oder hatte der Alptraum noch früher begonnen, an jenem 1. Mai, an dem ich vier Jahre alt wurde, damals in dem Dorf bei Kassel? Nach dem Geburtstagsfrühstück lief ich ans Fenster. An allen Häusern im Dorf wehte die rote Fahne mit dem Hakenkreuz auf weißem Grund. „Alles für meinen Geburtstag!“, rief ich begeistert. „Das hat nichts mit dir zu tun. Heute ist ein nationalsozialistischer Feiertag“, sagte mein Vater. Ich war enttäuscht. Gleichzeitig spürte ich irgendwie an seiner Stimme, die streng und unfroh klang, dass das kein guter Feiertag war. „Nationalsozialistisch“, damals konnte ich nichts anfangen mit dem Wort. Erst Jahre später erfuhr ich, dass Vater schon irgendwann vor 1930 Hitlers „Mein Kampf“ gelesen und in der Dorfkirche eine Predigtreihe zum Thema: ‚Der Mann bedeutet Krieg!’ gehalten hatte. Daraufhin hatten die jungen Männer des Dorfes die SA verlassen. Eingetreten waren sie wegen der Propagandalüge, die braune Partei verteidige das Christentum. Ich denke, an diesem 1. Mai verlor ich endgültig die Gewissheit, wie sie wohl jedes Kind anfangs hat, dass sich die ganze Welt um einen selbst dreht. Der FlugversuchEin erster Stoß hatte diesen naiven Glauben schon vorher erschüttert. Damals hatte ich einen Nachbarsjungen zum Freund. Er machte mir Eindruck, weil er älter war, viel mehr wusste als ich, und weil er auch in schmutzigen Hosen auf die Straße durfte. Mit ihm hatte ich an einem Regentag hinter der Kirche auf einem Holzbrett an einer Pfütze aus Matsch Vögel geformt. „Ich lasse sie zu Hause trocknen, dann sind sie fertig, und wir können sie fliegen lassen“, versprach er mir. Als es einige Tage später an der Haustür klingelte, rannte ich, um sie zu öffnen. Ich hoffte auf unsere Vögel. Und tatsächlich, da war mein Freund. Er zeigte mir das Brett, die Vögel waren getrocknet! Sie waren jetzt viel heller als vorher. Ich sah sie nur kurz. „Was fällt dir ein solch einen Schmutz zum Pfarrhaus zu bringen, was suchst du hier?“ schimpfte unser damaliges Dienstmädchen. Sie schlug unter das Brett, es fiel zu Boden, die Vögel flogen nicht davon, sie zerbrachen auf dem Boden , wurden zu Staub. Da half kein Heulen. Damals wollte ich nicht einsehen, dass nicht alles nach meinem Kopf ging… Dabei hätte mich eine andere Szene einige Wochen zuvor schon darauf vorbereiten können, dass es Kräfte gab, die auf meine Wünsche wenig Rücksicht nahmen: Mein Vater hatte mir verboten, ständig mit meiner Puppe zu spielen. Eines Morgens überraschte er mich wieder dabei. Er riss sie mir aus der Hand und warf sie kurzer Hand in den Kohleofen. Damals, so wurde mir später erzählt, soll ich rot vor Wut gerufen haben: „Wenn ich groß bin und du klein, dann haue ich dich! Zum Seitenanfang Der Mitwisser Doch zurück zu jenem 20. April 1940. Als ich mich nach der Ohrfeige wieder an den Tisch setzen wollte, sagte Vater: „Komm mit ins Aktenzimmer!“ Das war ein schmaler Raum zwischen Ess- und Kinderzimmer. Dort schloss Vater sorgfältig die Tür. „Die Anderen (meine fünf Geschwister) sind noch zu klein, sie sollen nicht hören, was ich dir jetzt sage. Über die Ohrfeige bin ich selbst erschrocken, sie tut mir leid.“ Dann erzählte er mir, was wirklich geschah in Deutschland, von den Konzentrationslagern, in denen viele Pfarrer, demokratische Politiker und jüdische Deutsche saßen und oft gequält wurden. Dass es in diesen KZ Tote gegeben habe, und noch viel mehr Menschen dort sterben würden. Dass ein Krieg kommen werde, der schreckliches Leid über Deutschland bringen werde. Im ersten Moment war ich damals, zehn Tage vor meinem 8. Geburtstag stolz über das Vertrauen, das mein Vater in mich setzte, dass er so offen mit mir sprach, sich sogar wegen der Ohrfeige entschuldigt hatte. Doch dann erschrak ich, denn jetzt schärfte mir Vater ein, dass ich mit niemandem über das sprechen dürfe, was er mir gerade gesagt habe. Wenn ein Nazi oder einer der vielen Spitzel das höre, wäre das für mich, für ihn und für die ganze Familie gefährlich. Wenn ich etwas davon verraten würde, dann müsse auch er ins KZ. Klassenprügel Heute ist mir klar, dass an diesem Tag die Zeit meines naiven Kindseins zu Ende gegangen war. Von nun an waren alle Menschen um mich herum potentiell gefährliche Feinde. Jetzt verstand ich, warum mich unser Nachbar, mein Lehrer in den beiden ersten Volksschulklassen immer so ungerecht behandelt hatte: Er gehörte zur SA und lief oft in seiner braunen Nazi-Uniform herum. Wegen kleiner Fehler, die ich gemacht hatte, gab er der ganzen Klasse 15 Minuten Nachsitzen, wobei es auch für ihn klar war, dass ich hinterher Klassenprügel bezog, denn ich war in ihren Augen ja Schuld am Nachsitzen. Dieser Lehrer gab mir immer möglichst schlechte Noten. Er vermittelte mir das Gefühl, dass ich ein völlig unfähiger Schüler sei. Erst als wir im Dritten Schuljahr eine Lehrerin bekamen, die einen meiner Aufsätze als den besten der Klasse lobte, fasste ich wieder Mut, bekam neues Selbstvertrauen. Bei einer Schulaufführung ließ sie mich den Prinzen spielen, der mit einem Bart aus Wollfäden und einer Kerze in der Hand die Prinzessin wach küssen durfte. Mein Freund Heini war in der sofort folgenden weiteren Dornrösschen- Aufführung der zweite Prinz. Aus Versehen steckte ich mit meiner Kerze seinen Bart in Brand. Jetzt musste ich beide Male auftreten und konnte die beiden Klassenkameradinnen, Marli und Gerti, küssen, in die ich damals verliebt war. Diese Lehrerin war es übrigens, die an jenem 20. April 1940 Hitler ganz bewusst so übertrieben dargestellt hatte… Das Gymnasium Als ich 1942 im Marburger Gymnasium Philippinum zum ersten Mal die breite nach Bohnerwachs riechende Treppe zum Pausenhof herunter stieg, ergriff mich ein wunderbares Gefühl von Freiheit. Endlich hatte ich die Volksschule in unserem Städtchen hinter mir. Ich war auf der höheren Schule, durfte lernen, gerade hatte ich meine erste Lateinstunde hinter mir, ich hatte den ersten Blick in eine neue Welt getan. Das Städtchen und seine Schule, sie lagen hinter mir. Der SA-Lehrer, der dort auch Konrektor war, konnte beim Fahnenappell nicht mehr um mich herum schleichen, um zu sehen, ob ich den rechten Arm zum Nazi-Gruß richtig hoch hielt, und ob ich das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied („Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert…) auch laut genug mitsang“. Hier hatte es zum Beginn meines ersten Schuljahres keinen Fahnenappell gegeben. Und mich jetzt in diesem neugotischen Bau als Mitglied der Schulgemeinde bewegen zu dürfen, das erfüllte mich mit Stolz. Kein SA-Lehrer verspottete mich mehr als das „Pfarrerssöhnchen“. Unter meinen neun Klassenkameraden waren hier gleich fünf Pfarrerssöhne. Kein Lehrer kehrte den Nazi heraus mit Ausnahme des Musiklehrers, eines ungepflegten Menschen in immer der gleichen Kniebundhose. Da die ganze Klasse nur träge mitmachte, wenn er Nazi-Lieder mit uns einüben wollte, bekamen wir alle schlechte Noten in Musik. Darüber hat unser Klassenlehrer, bei dem wir Latein hatten, nie ein Wort verloren. Er war, wie ich viel später erfuhr, in Berlin von den Nazi als „politisch unzuverlässig“ beurteilt worden. Trotzdem hatte unser Direktor ihn am Philippinum eingestellt. Das konnte er sich leisten, weil er ein schwer verwunderter ehemaliger Oberst der Wehrmacht und ein mutiger Mann war. Der Musiklehrer war der einzige Nazispitzel an der Schule. Er, der immer von der überlegenen deutschen Rasse und vom Kampf fürs Vaterland bis zum letzten Blutstropfen gepredigt hatte, wurde nach dem Krieg nicht wieder eingestellt. Er spielte dann Klavier im amerikanischen Offiziersklub… Der Klassenlehrer wurde nach dem Krieg in den Marburger SPD-Vorstand gewählt, er amtierte außerdem als Vorsitzender der Spruchkammer, von der die Nazi-Vergangenheit ehemaliger Parteimitglieder überprüft wurde. Unser Religionslehrer, der schon uralt war und noch unterrichtete, weil so viele Lehrer Soldat sein mussten, war besonders unbeugsam. „Das ist doch eine Judenreligion, sagt mein Vater, und der ist in der SA“, rief ein Klassenkamerad während des Unterrichts dazwischen. Der alte Lehrer legte ihn über den Tisch und verhaute ihn fürchterlich.„Bei mir wird im Unterricht nicht dazwischen gerufen“, sagte er. Wir wussten alle, dass er in Wirklichkeit den Nazi-Spruch bestrafen wollte, dass es aber zu gefährlich war, das auszusprechen. Mut bewies auch unsere Deutschlehrerin, als sie mit uns diskutierte, was wir lieber sein wollten, tapfer oder klug, und das Streben nach Klugheit deutlich bevorzugte. Heute mag das alles nicht sehr mutig erscheinen, aber damals, unter der totalen Nazi- Herrschaft konnte jeder Versuch des zivilen Ungehorsams schreckliche Konsequenzen haben, bis hin zum Konzentrationslager. Zivilcourage Was das bedeutete, erlebte mein Vater, als er zu einem Sarg gerufen wurde. Der Tote war ein geistesschwacher 19jähriger. Für ein Glas Bier hatte er sich überreden lassen, bei einer Versammlung der Nazi-Partei laut zu rufen: „Adolf Hitler ist ein Arschloch“. Er kam ins KZ, nach sechs Wochen wurde seinen Eltern sein Sarg ausgeliefert, ihr Sohn sei an Herzversagen gestorben, stand in der amtlichen Sterbeurkunde. Der Sohn war abgesehen von seiner Geistesschwäche kerngesund und bärenstark gewesen. Seine Eltern setzten sich über das strenge Verbot, den Sarg zu öffnen, hinweg. Sie riefen meinen Vater, den Pfarrer, als Zeugen hinzu. Sie entdeckten Blutspuren, die von den Händen nach unten liefen. Offensichtlich hatte man den Mann an den Händen aufgehängt und tot geprügelt. Ganz geheim blieben solche verbotenen Nachforschungen nicht. Immer wieder wurde mein Vater zur Geheimpolizei der Nazi, Gestapo, nach Marburg bestellt. Er kam jedes Mal noch am gleichen Abend zurück. Der oberste Polizist des Städtchens hatte ihm immer mitgeteilt, was vorlag, und wie er sich herausreden konnte. Vater hatte seinem Sohn durch Nachhilfestunden in Latein zum Abitur verholfen. Der Sohn fiel schon bald, nachdem der Krieg begonnen hatte, in Frankreich. Ziviler Ungehorsam wurde oft in den Predigten meines Vaters deutlich. Wenn er etwa mit Donnerstimme davon sprach, dass Gott die Großen klein und die Kleinen groß macht. Oder bei der Beerdigung einer Nazigröße sagte der stellvertretende Kreisleiter der Partei: „Der Hund winselt, der Wurm kriecht, aber ein Deutscher betet nicht.“ Vater nahm diesen Spruch auf: „Der Hund winselt, der Wurm kriecht, aber es ist das königliche Vorrecht des Christenmenschen, zum Herrn der Welt zu beten“. Die Nazi in ihren braunen Uniformen verließen wortlos das offene Grab. Der Fähnleinführer des Jungvolks der Hitlerjugend im Städtchen teilte Vater eines Tages mit, die Konfirmanden könnten nicht mehr Sonntags um 10.00 Uhr in die Kirche kommen, weil sie zum Dienst erscheinen müssten. Das sei von oben angeordnet wurden. Darauf antwortete mein Vater: Wenn das so sei, könne er nichts daran ändern. Aber dann müsse er als verantwortlicher Fähnleinführer auch den Konfirmanden-Eltern erklären, dass es in diesem Jahr keine Konfirmation geben werde. Der Sonntagsdienst kam nie zustande. Zum Seitenanfang JungvolkIch selbst musste nicht zum staatlich verordneten Jungvolk. Vater hat mir von einem befreundeten Arzt Jahr für Jahr Atteste ausstellen lassen, in denen stand, ich sei gesundheitlich nicht in der Lage teilzunehmen. Nur einmal musste ich doch hin. Der Jungstammführer hatte einen Aufmarsch mehrer Fähnlein befohlen. Als wir alle angetreten waren, befahl er mich und zwei andere Jungen zu sich. Wir seien keine echten deutschen Jungen, sagte er, und ohrfeigte uns feierlich. Mich, weil ich nie zum Dienst erschienen sei. Diesmal musste ich am Marsch durchs Städtchen teilnehmen. Lebensgefährlich war es auch, einen Angehörigen der Bausoldaten-Organisation „Todt“ eine Woche lang auf dem Dachboden des Pfarrhauses zu verstecken, der desertiert war, als man entdeckt hatte, dass er ein Jude war. Auch der Rektor der Grundschule hat Mut bewiesen. Als er eines Wintermorgens einige Halbwüchsige überraschte, die gerade zwei abgehärmte jüdische Kinder die vereiste Treppe zum Kirchplatz herunter gestoßen hatten, herrschte er sie an: „Ein Deutscher vergreift sich nicht an Schwächeren.“ Nie ein falsches WortVieles von alledem habe ich erst nach dem Krieg oder kurz vor dessen Ende erfahren, als klar war, dass die Nazi-Herrschaft zerfiel. Aber seit jenem 20 April 1940 ahnte ich vieles. Mir war klar, dass ich nie ein falsches Wort sagen durfte, um unsere Familie und mich nicht zu gefährden. Ich fürchtete mich vor allen Uniformträgern. Wenn ich als Fahrschüler auf dem Weg nach Marburg in ein Zugabteil geriet, wo Wehrmachtsoffiziere, SS- oder SA-Männer saßen, ging ich sofort weiter, auch wenn ich deshalb keinen Sitzplatz fand. Ich hatte Angst, von ihnen angesprochen zu werden, und mich zu verplappern. Demgegenüber empfand ich die Familie und fast ebenso das Gymnasium als sichere Heimat. Im Aktenzimmer hing eine Weltkarte, auf der mein Vater mit Sicherheitsnadeln den Verlauf der Fronten abgesteckt hatte. Wir beobachteten oft, wie sie näher kamen. Ich hoffte auf den Sieg der Demokraten und gleichzeitig fürchtete ich, dabei mein Leben zu verlieren. FliegeralarmJe mehr das Ende des „Ewigen Dritten Reiches“ näher rückte, desto öfter gab es Fliegeralarm. Zuerst nur in Marburg, dann immer öfter auch im Städtchen. Der Luftschutzbunker des Marburger Hauptbahnhofes war das riesige Kellergeschoss einer in der Nähe gelegenen Papierfabrik. Dort sahen wir zum ersten Mal russische Kriegsgefangene, ausgemergelte Männer, erkennbar unterernährt, unrasiert, in ihren abgerissenen und stinkenden grünen Uniformen. Sie mussten in der Fabrik arbeiten. Eines Tages saßen wir vor Beginn des Schulunterrichts im Bahnhofswartesaal und verschlangen die Brötchen, die ein Klassenkamerad, der Sohn eines Bäckers aus einem Nachbarort, seinem Vater geklaut hatte. Diesmal war es mehr als wir essen konnten. Wir gaben den Rest einer Gruppe von Kriegsgefangenen. Sofort baute sich einer der Bewacher, ein alter, wohl nicht mehr fronttauglicher Mann vor uns auf: „Was fällt euch ein, das sind doch unsere Feinde, herrschte er uns an. FliegerangriffSolange in Marburg noch nichts passiert war, freuten wir uns immer über Fliegeralarm. Denn zuerst gab es Voralarm, dann bekamen wir schulfrei, damit alle noch Zeit hatten, bis zum Hauptalarm in den Luftschutzkeller zu kommen. Wir Fahrschüler waren auf Klassenkameraden aufgeteilt, die in Marburg wohnten. Mich hatte Claus ausgesucht, der erst kürzlich mit seinen Eltern von Berlin nach Marburg gekommen war, und den ich anfangs vor den kleinen Gehässigkeiten gegen den „Icke“ beschützt hatte. Das Haus, in dem er wohnte, stand am Rande des Schlossberges. Statt in den Keller zu gehen, beobachteten wir auf der überdachten Treppe zu seiner Haustür oft die Fliegerabwehrgeschütze, die von der Jägerkaserne auf dem Berg gegenüber erfolglos auf die hoch über Marburg hinweg fliegenden viermotorigen Bomber schossen. Monat für Monat waren es mehr. Wegen Fliegeralarms kamen wir Fahrschüler oft mit sehr viel Verspätung nach Hause. Dabei war mein Tag ohnehin schon lang. Morgens musste ich um 5.15 Uhr aufstehen, weil mein Zug eine Stunde später losfuhr. Nachhause kam ich dann erst um 15.30 Uhr. Unterwegs hatten wir viel Spaß, wenn wir nicht gerade noch lernen mussten, wobei wir uns dann gegenseitig halfen. Einige von uns waren begeisterte Skatspieler. Eines Nachmittags, inzwischen war es 1944, droschen sie auf der Heimfahrt die Karten wieder einmal auf einen Schulranzen, der als Tisch diente. Jeder Stich wurde mit Freudenschreien von den Gewinnern und mit kräftigen Flüchen von den Verlieren quittiert. Plötzlich ohrenbetäubender Lärm, Flugzeugmotoren und Geschützfeuer. Ehe ich mich besinnen konnte, war unter den Bänken kein Platz mehr für mich. Dort lagen schon die Anderen, sie beteten laut. Ich sah aus dem Fenster. Zwei Jagdbomber zogen eine Schleife und flogen wieder auf den Zug zu, der inzwischen stehen geblieben war. Ich warf mich auf den Boden, ohne Rücksicht auf das Mädchen, auf das ich stürzte. Erneut waren Schüsse zu hören, dann ein Schrei. Ein Klassenkamerad war getroffen. Dann war alles still, aber diese Stille klang mir wie ein tiefer Glockenschlag in den Ohren. Der Junge, der getroffen war, blutete aus mehren Wunden am linken Arm. Als sich die Starre löste, sprangen wir aus dem Zug. Die Wiese, neben der wir hielten, war schon schwarz vor Menschen, die auf den nahe gelegenen nächsten Ort zuliefen. Ich blickte zurück. Laut zischend entwich weißer Dampf aus mehreren großen Löchern des Maschinenkessels der Lokomotive. An einer Abteiltür stieg gerade ein Wehrmachtsleutnant aus. Er hielt eine Frau in den Armen, ihr Bauch war blutüberströmt. „Um Himmelswillen, die Frau ist ja schwanger“, sagte eine Frau hinter mir. Als wir dann mit dem Zug, in den wir immer umsteigen mussten, fast am Bahnhof unseres Städtchens angekommen waren, ging es nicht weiter. Alle Eltern der Fahrschüler standen am Bahndamm. Sie riefen uns zu, wir sollten aussteigen. Der Zug konnte nicht weiter fahren, weil am Bahnhof ein Güterzug stand, der ebenfalls angegriffen worden war. Er brannte lichterloh. VerbandszeugZum Seitenanfang Zuhause konnte ich die Erbsensuppe nicht essen, die meine Mutter auf dem Holzherd warm gemacht hatte. Ich war froh, dass mir nichts passiert war bei dem Fliegerangriff. Gleichzeitig war ich fest entschlossen, nie mehr nach Marburg zu fahren, solange der Krieg dauerte. Vater schickte mich ins Bett: „Du musst dich ausruhen nach dem Schrecken.“ Es war schon dunkel, als er mich wieder weckte. Er brachte mir eine Tasse heiße Milch mit Zucker. Dann legte er drei Verbandspäckchen, Mullbinden und einen dicken Bleistift auf mein Kopfkissen. Er zeigte mir, was er als Volksturmsanitäter gelernt hatte: Wie man mit einer Binde den Arm abbinden und diesen Verband mit dem durchgesteckten Bleistift fest drehen konnte, um das Blut zu stoppen. „So schnell kommen die Flieger hoffentlich nicht wieder, und wenn doch, musst du dir mit dem Verbandszeug selber helfen, oder dir helfen lassen“, sagte er. Am nächsten Morgen, beim Aufstehen, hatte ich immer noch große Angst, aber etwas beruhigte mich doch der Gedanke an das Verbandszeug in meinem Schulranzen. Glücklicher Weise musste ich keinen Fliegerangriff mehr erleben. Seit Anfang 1945 fuhren die Züge immer unregelmäßiger, wenn sie nicht ganz ausfielen. Immer häufiger wurden schon am frühen Morgen die Lokomotiven zerschossen, und es gab kaum noch Ersatz. Die Schule aus KasselIn unserem Städtchen wurde ein Barackenlager errichtet. Viele Menschen im Städtchen hatten Angst, dass jetzt noch eine Kaserne entstehen sollte. Aber die Baracken waren für eine Oberrealschule aus Kassel bestimmt. Die Eltern meldeten mich dort an. Meine Freude, dass ich nun nicht mehr zwei Stunden, sondern nur noch zehn Minuten zur Schule unterwegs war, verflog schnell. Ich spürte bald, dass hier ein ganz anderer Geist zu Hause war. Vor allem der Deutschlehrer war ein strammer Nazi. Bei jeder Gelegenheit faselte er vom Endsieg. Wenn man ihn am Nachmittag auf der Straße traf und nicht zackig genug den Arm zum Nazigruß hob, wurde man zurück gerufen und ausgeschimpft. Einige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner traf ich ihn vor seiner Haustür. Unwillkürlich hob ich den Arm. Jetzt stürzte er kreidebleich ins Haus zurück. „Bist du verrückt, wenn uns jemand sieht!“ kreischte er. Von den meisten Klassenkameraden der Kasseler Schule habe ich nie mehr etwas gehört. Sie waren ein halbes Jahr älter als ich und sind noch zum Volkssturm eingezogen worden. Sie seien nach einer Kurzausbildung mit der Panzerfaust eingesetzt und in einem ungleichen Kampf getötet worden, wurde gemunkelt. Das Ende der NaziHinter dem Pfarrhaus gab es ein Stück Garten, dass von Holunderbüschen völlig überwuchert war. Dort fand ich in diesen Tagen Parteiabzeichen, Führerbüsten und viele Exemplare des Buches „Mein Kampf“ von Hitler. Jetzt wollten die ehemaligen Besitzer nichts mehr mit der Nazipartei zu tun haben, deren gehorsame Untertanen sie 12 Jahre lang gewesen waren. Der SA-Lehrer, unser Nachbar, besuchte meinen Vater. Er wollte eine Bescheinigung, dass er immer „dagegen“ gewesen sei. Vater warf ihn aus dem Haus. Er endete in einem Nachbardorf als Knecht auf einem Bauernhof. Ich durchlebte diese Tage bis zum 8. Mai, als das deutsche Reich endlich bedingungslos kapitulieren musste, wie im Traum. Ein Höhepunkt war die Nachricht vom feigen Selbstmord Hitlers, der sich auf diese Weise der Verantwortung für seine Verbrechen entzog. Einen Kampf bis zu seinem letzten Blutstropfen hatte er sich nicht zumuten wollen. Besuch vom ColonelSchon am Tag nach dem Einmarsch fuhr der oberste amerikanische Offizier in unserem Ort, ein Colonel, bei uns vor. Vergeblich versuchte er meinen Vater zu überreden, Bürgermeister in unserem Städtchen zu werden. Die Amerikaner wussten, dass Vater von ihrem Anfang an Mitglied der „Bekennenden Kirche gewesen war. Vater hat das abgelehnt. Er wollte jetzt tun, was er zwölf lange Jahre kaum tun konnte: Frei und ohne Furcht vor Nazi-Spitzeln predigen. Obwohl er sich bei Kanzelabkündigungen und anderen Aktionen mehrfach in Lebensgefahr begeben hatte, fühlte er sich schuldig, weil er kein Widerstandskämpfer gegen die Nazi gewesen war. Von ganzem Herzen unterstützte er darum das Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche: „Nicht genug gebetet, geliebt und gelitten,“. ***** Eine Erzählung von Raimund Becker „Mein Ast geht nicht ab", rief Karl, „Willi, du musst mir dein Messer borgen, wenn du fertig bist. Willi antwortete nicht. Er nickte nur. Verbissen schnitzte er an der kleinen Astgabel des Weidenbaums weiter. Auch sein Taschenmesser war nicht sehr scharf. Die beiden vierzehnjährigen Freunde waren gleich nach der Schule zum Bach gegangen. Sie wollten Aststücke abschneiden, um sich daraus Pfeifen zu schnitzen. „Ich habe es gleich“, sagte Willi vor Anstrengung keuchend. Aber das Mittelstück des Astes ließ sich immer noch nicht durchbrechen. In diesem Augenblick ertönten die Sirenen: Fliegeralarm! „Ich haue ab“, Karl sprang ans andere Ufer des Bachs und rannte los. Willi wollte nicht aufgeben. Er schnitt immer weiter an seiner Astgabel. Endlich hatte er es geschafft. Jetzt brachte er noch schnell am dickeren Ende, da wo der Pfeifenkopf aufhören sollte, einen kreisrunden Schnitt an. Er legte den Ast auf einen flachen Stein am Bachufer und trat darauf. Mit einem leisen Knirschen brach der Ast. Willi betrachtete zufrieden sein Werk. Er konnte schon erkennen, wie seine Pfeife einmal aussehen würde. Jetzt lief auch Willi los. Er nahm den Fliegeralarm nicht sehr ernst. Alle paar Tage wurde am Bahnhof der Dampfkessel einer Lokomotive zerschossen, so dass fast nie mehr ein Zug losfahren konnte. Mehr passierte hier auf dem flachen Land nie. Aber er wollte keinen Krach mit seinem Vater riskieren, der schon beim Voralarm seine Frau und alle sechs Kinder in den Keller unter der Pfarrscheune scheuchte. Und der schnell auf- und abschwellende Ton der Sirene vorhin, das war schon der Hauptalarm. Willi kam völlig außer Atem an der Scheune an. Sein Vater stand schon neben der Splittermauer, mit der die schwere Holztür des Kellers zusätzlich geschützt werden sollte. „Los, rein mit dir, befahl der Vater, „wo warst du denn so lange?“ Dann lief der Vater so schnell er konnte zum Haus des Nachbarn. Willi sah ihm nach. War also der stellvertretende Ortsgruppenleiter der Nazi-Partei wieder in Panik zum Keller gerannt, ohne auf seine Frau und die neugeborenen Zwillinge zu warten. Der Pfarrer kam eine Minute später mit der dicken Nachbarin zurück. Zusammen trugen sie den Wäschekorb mit den Zwillingen. Erst jetzt wurde Willi auf das Motorengeräusch aufmerksam. Er blickte zum Kirchturm hinüber: Sieben Jagdbomber kreisten um den spitzen Turm. Ihre doppelten Rümpfe hoben sich im Sonnenlicht glänzend von dem blauen Himmel ab. Willi rannte die Stufen hinunter. Hinter sich hörte er, wie sein Vater den schweren Hebel der Luftschutztür einrasten ließ. Der Keller, eigentlich der Kartoffelkeller des Pfarrhauses, war wie bei jedem Fliegeralarm überfüllt. Im Schein einer einzigen Kerze drängten sich die Menschen, Frauen, Kinder und alte Männer. Die ganze Nachbarschaft vertraute auf den Schutz des Gewölbes aus dem Mittelalter. Die meisten glaubten an zusätzliche Sicherheit wegen der Anwesenheit des Pfarrers. Willi zuckte zusammen, als er das laute Krachen hörte. Waren es wieder die Bordkanonen der Jagdbomber oder warfen sie Bomben ab? Plötzlich war da noch ein anderes Geräusch. Stimmen und lautes Klopfen an der Kellertür. „O nein, schon wieder die Klimms“, rief Willis Mutter. Frau Klimm und ihre Tochter Inge kamen immer als letzte. Sie waren Evakuierte, Berliner, deren Wohnung durch eine Luftmine zerstört worden war, und die man in das Landstädtchen verschickt hatte. Frau Klimm, der offensichtlich die Berliner Bombennacht immer noch in den Knochen steckte, kam mit ihrer zwölfjährigen Tochter immer als letzte in den Keller, mit vielen Koffern und mit einem Einkaufsnetz voller Marmeladen- und Obstgläser beladen. „Mitten beim Luftangriff dürfen wir die Tür nicht mehr aufmachen“, schrie jemand im Halbdunkel. Willi machte sich von seiner Schwester los, die sich angsterfüllt an ihn geklammert hatte. Ehe man ihn aufhalten konnte, war er an der Treppe und lief immer zwei Stufen auf einmal hinauf. In diesen Sekunden lief vor seinen Augen ein Film ab, wie im Zeitraffer. Vorgestern, das Spiel „Suchen“ in der Scheune. Wie er Inge unter Heu halb versteckt gefunden hatte. Ihr Blick, der ihn gehindert hatte, das Mädchen triumphierend als gefunden auszurufen. Wie er sich vorsichtig zu ihr herunter gebeugt, wie er erst ihre Augen, und dann ihren Mund geküsst, wie ihre Zunge seine Lippen geöffnet und seine Knie zum Zittern gebracht hatte. Willi öffnete die Tür und verriegelte sie, sobald Inge und ihre Mutter im Keller waren. Er setzte sich neben Inge. Er hätte gern den Arm um ihre schmalen Schultern gelegt. Aber er wusste, dass das unter lauter Erwachsenen unmöglich war. Stattdessen zog er sein Messer und den Pfeifenrohling aus der Tasche. Er begann, den oberen Rand des Pfeifenkopfes zu glätten. In diesem Moment verschwand die Todesangst, die ihn seit den lauten Explosionen ergriffen hatte. „Und wenn das mein Ende ist, jetzt schnitze ich weiter“, sagte er sich, plötzlich von einer unerschütterlichen tiefen inneren Ruhe erfüllt. Als die Sirenen Entwarnung gaben, schnitzte er weiter. Hinter Inge und ihrer Mutter verließ er den Keller als Letzter. Im hellen Sonnenlicht dieses Spätherbsttages des Jahres 1944 betrachtete er sein Werk. Er sah, dass noch viel zu tun war, um dieses Aststück wirklich zu einer Pfeife zu machen. „Vielleicht schaffe ich es ja doch noch“, hoffte er. Seit vielen Monaten hatte sich damit abgefunden, dass er den Sieg der Aliierten nach dem Kampf um jeden Zentimeter deutschen Boden, den Hitler zu proklamieren nicht müde wurde, ganz sicher nicht überleben würde. Zum Seitenanfang |