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Die Prinzessin "Rühr-Mich-Nicht-An" Ein Märchen von Kathrin Siemers Es ist noch nicht allzu lange her, da lebte nicht weit weg von hier eine Prinzessin. Sie soll schon immer sehr still gewesen sein, sagten die Leute, und weil das so war, fiel es kaum auf, dass sie mit der Zeit immer stiller wurde und schließlich gar nicht mehr sprach. Sie ging nicht mehr aus, wollte keine Besuche mehr empfangen und verbrachte den ganzen Tag allein in ihren Gemächern. Ihre einzige Gesellschaft war Caesar, der große Bluthund, den alle so sehr fürchteten und über den schreckliche Gerüchte im Umlauf waren. Einzig die Prinzessin wusste, dass er der friedlichste und liebenswürdigste Zeitgenosse war, den es geben konnte, solange man ihn nur anständig behandelte und mindestens einmal täglich ausgiebig am Bauch kraulte. Lange Zeit kam niemand auf die Idee, die Prinzessin könnte krank sein. Doch irgendwann kam dem König das Ganze doch etwas seltsam vor, und er bestellte einen ganzen Haufen Heilkundige, Ärzte und Wunderdoktoren in das Schloss, damit sie die Prinzessin wieder lustig und vergnügt machten. Und sie kamen in Scharen, denn der König hatte dem, der seine Tochter von ihrer Trübsinnigkeit erlösen könnte, soviel Gold versprochen, wie er tragen konnte. Das war natürlich nicht so viel, wie die, die kamen, sich das vorstellten, und das Gold war natürlich auch kein richtiges Gold, der König war ja nicht blöd. Aber sie kamen alle, versammelten sich vor dem Eingang zu den Gemächern der Prinzessin und priesen lautstark ihre Vorzüge, weil natürlich jeder als erstes vorgelassen werden wollte. Aber es war zwecklos: Die Prinzessin glaubte kein Wort von ihren Versprechungen. Sie ließ sie gar nicht erst herein, verstopfte sich die Ohren mit Watte und hoffte nur inständig, sie würden möglichst bald wieder alle verschwinden und sie in Ruhe lassen. Nun ja, natürlich bekam sie ihren Willen auch irgendwann. Die Ärzte und die Wunderheiler zogen nach und nach laut schimpfend ab, und da sich nun wieder keiner mehr um die Prinzessin kümmerte, konnte sie sich über mangelnde Ruhe wirklich nicht beschweren. Trotzdem fühlte sie sich danach nicht besser, sie war traurig und irgendwie auch wütend, auch wenn sie selbst gar nicht so richtig wusste, auf wen eigentlich. Sogar der Hund, der nun wirklich für nichts etwas konnte, ging ihr jetzt auf die Nerven, und fast hätte sie ihn auch noch zur Tür hinausbefördert. Doch als sie es einmal versucht hatte, hatte er sich draußen hingesetzt und so jämmerlich gejault, dass sie ihn schleunigst wieder zu sich hereinholte. So saß sie denn tagein, tagaus in ihrem Himmelbett und grübelte. Auf einmal war es ihr auch gar nicht mehr so recht, dass sich so gar keiner um sie sorgte, aber sie hatte es ja schon immer gewusst: Menschen sind einfach widerlich und gemein. Aber dann passierte etwas Seltsames. Als die Prinzessin eines Morgens erwachte, sah sie vor der Tür etwas Weißes liegen. Irgendjemand war in der Nacht gekommen und hatte ihr einen Brief durch den Türschlitz geschoben. Frechheit, dachte die Prinzessin. Wer traut sich so was? Fragend schaute sie Caesar an, aber der guckte nur blöd. Er hatte niemanden kommen hören. Die Prinzessin seufzte. Seit sie und Caesar nicht mehr wie früher ausgelassen durch den großen Park tollten, war der Hund immer fetter und fauler geworden und zu überhaupt nichts mehr zu gebrauchen. Und nun lag da in ihren privaten Gemächern so einfach ein Brief herum und wollte geöffnet werden. “Nein, nein, nein”, sagte die Prinzessin laut und bockig. “Ich tue so, als ob er gar nicht da wäre. Da will sich bestimmt nur jemand über mich lustig machen!” Denn das war ihre größte Angst, und sie bekam wirklich große, große Angst, wenn sie sich vorstellte, was in dem Brief wohl alles Gemeines stehen würde. Aber neugierig war sie auch, sogar sehr neugierig. Ich will wenigstens nachschauen, von wem er ist, dachte sie, sprang aus dem Bett und lief zur Tür. Sie muss wohl gefürchtet haben, der Brief könnte im nächsten Moment gleich zuschnappen, so vorsichtig streckte sie die Hand aus und hob ihn auf. “Kein Absender”, stellte sie ratlos fest. Was nun? Aber dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und öffnete den Umschlag, obwohl ihre Hände so dabei zitterten, dass sie sich mit dem kostbaren Brieföffner fast in die Finger geschnitten hätte. So genau weiß eigentlich keiner, was denn nun in dem Brief stand, und schließlich gibt es ja auch ein Briefgeheimnis, aber Tatsache ist, als sie ihn gelesen hatte, war die Prinzessin mit einemmal sehr nachdenklich. Sie überlegte hin und her, ging in ihrem Gemach auf und ab, und schließlich fasste sie einen Entschluss. Und ehe sie es sich noch einmal anders überlegen konnte, führte sie ihn auch gleich aus. Sie legte sich also gleich mehrere Bögen Papier zurecht, tauchte die Feder in das Tintenfass und begann zu schreiben. So füllte sie Seite um Seite mit zierlicher schwarzer Schrift. Ab und an tropfte eine Träne auf das Papier und machte dort hässliche Flecke, aber sie schrieb und schrieb, bis ihr die Finger schon richtig weh taten. Schließlich faltete sie die Bögen zusammen, steckte sie in den Umschlag und schob diesen unter dem Türschlitz durch nach draußen. Ungeduldig und ängstlich wartete sie auf Antwort. Würde überhaupt eine Antwort kommen? Sie konnte an gar nichts anderes mehr denken, und je länger sie so dasaß und wartete, umso mehr bereute sie es, den Brief geschrieben zu haben. Wie konnte sie nur ihre geheimsten Sorgen und Wünsche preisgeben? Ihr wurde auf einmal richtig schlecht, als sie sich vorstellte, dass das nun jemand lesen würde, und er würde dabei so laut und gemein lachen, dass es ihr in den Ohren dröhnte. Allein die Vorstellung war so schrecklich, dass sie aufsprang, zur Tür lief und diese aufriss. Der Brief war weg. Wir wissen nicht, wie die Prinzessin es schaffte, in jener Nacht, in der sie vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre, doch noch irgendwann einzuschlafen. Aber als sie am nächsten Morgen erwachte, lugte unter der Tür etwas Weißes hervor. ***** Zum Seitenanfang |