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Der Raum
Von Morpheus Eisenstein
„Räume sind Schäume.“
Ein Raum hat eine klar definierte Größe, selbst wenn wir von der Unendlichkeit des Raumes sprechen. Wenn wir einen Raum als unendlich festlegen, liegt in dem Wort Raum dennoch eine Grenze verpackt, die mit der Bezeichnung unendlich nur die Ungewissheit ausspricht, wann denn dieser Raum sein Ende finden mag.
Das Rätsel der Menschheit ist immer auch ein Rätsel des Lebens gewesen. Da spricht man gern von hohen Mächten, um sich etwas zu beruhigen und andere sprechen gar von Zufall, ohne dass sie je bedacht hätten, dass, wenn alles nur durch Zufall entstanden sein sollte, dann alles sinnlos wäre, denn der Zufall ist ein sinnloser Geselle.
Schatten wurden geworfen von den Flammen, weil keine andere Lichtquelle auftauchte, um das Ringelreihen zu zerfasern. Die Wände boten sich als Parkett der tanzenden Spielerei, einem Gemälde gleich, dessen Farbe nicht trocknet, dessen Sinn nicht bekannt.
Die Flammen zauberten. Das Ocker der Wände war die Leinwand eines hitzigen Pinsels, der nichts hinterließ und die Nachwelt dadurch zu necken drohte. Das Höhlengleichnis spielte sich ab in diesem Raum, nur niemand wurde nach draußen gesandt, um das Gesehene zu berichten. Die Figuren an des Raumes Grenzen spielten das Theater der Formen und entwickelten starke Rebusse, versuchten, formloses Dasein zu beschreiben und die Welt wiederzugeben als eine Litanei der Schatten.
Es gelang ihnen nicht, ihre Grundstimmung zu verbergen und die sich den Flammen durch ihre Zugewandtheit präsentierenden Gesichter wurden gleichmäßig beschmiert von dem, was an die Wand zu malen nicht möglich schien, denn sie bewegten sich nicht und standen starr unter dem Einfluss des Lichts. Die Gesichter aber mimten dem Feuer zu, sich selbst entgegen und wider den anderen.
Die vier Gesichter saßen in einem Raum und keines sprach ein Wort. Holz knackte im wohlig anzusehenden Kamin, vor dem sie saßen. Ein Mann und eine Frau. Ein Pärchen. Noch ein Mann und noch eine Frau. Ein weiteres Pärchen.
Sie saßen vor dem wohlig anzuschauenden Kamin und sahen sich nicht an. Sie sprachen auch nicht. Sie blickten in die Flammen und vielleicht schickten sie ihre Gedanken weit fort, durch die Flammen auf eine andere Seite hinüber. Man schickt seine Gedanken immer auf eine andere Seite hinüber. Sie kommen ja auch von dort und die Antworten kommen ebenfalls von dort.
Wenn man sich zu viert in einem Raum befindet und nicht miteinander redet, so ist die Stille viermal so groß als wenn man alleine schweigt. Weil man aber das Feuer hört, denkt man nicht an die Stille und bemerkt sie erst gar nicht, bemerkt auch gar nicht, dass man selbst kein Wort spricht. Man wüsste nicht, zu wem, wenn man das Feuer hört.
Der Kamin taugte aber nicht nur als Gedankenkatalysator. Ein Feuer wärmt nicht nur, ein Feuer vertreibt nicht nur die Sinne, ein Feuer bereitet auch Speisen zu.
So wie der Mensch sich Nahrung eingeben muss, so mussten sich auch die Besucher des Raumes, die ja ebenfalls zur menschlichen Spezies gehörten, in diesem Raum Nahrung einverleiben, und da ihnen nichts anderes übrig blieb, grillten sie die vorbeikommenden Ratten oder Mäuse, auch vor Spinnen und anderen Insekten konnten sie keinen Halt machen, weil ihre Auswahl sich nicht sehr groß vor ihnen präsentierte. Es gab keinen Kühlschrank, gar keinen Schrank, gab nichts, keinen Vorrat, kein Budget und nicht einmal Proviant. Nichts für ein Picknick. Es waren also Menschen, die nicht mehr zum überleben benötigten und warum sie kein Wasser und nichts anderes zum essen benötigten, hatte allein den Grund, weil sei vielleicht nur erzählte Personen waren, eigentlich nur Schatten, die man belebt, Zeichnungen, die man fiktiv sprechen lässt. Es braucht uns an dieser Stelle nicht weiter zu kümmern.
Man wird sich augenblicklich fragen, warum sie nicht nach draußen gingen, um eventuell Beeren zu pflücken, warum sie nicht woanders hingingen, um ein normales Leben zu führen, in einem schönen Haus mit einer schönen Küche. Verzichtet man nicht gerne auf einen offenen Kamin, wenn man anstelle diesem mehrere Stuben bewohnen kann und eine schöne Küche besitzt?
Die Antwort war leicht zu finden. Sie konnten nicht nach draußen gehen, denn der Raum besaß keine Türe. Er besaß auch keine Fenster, um findigen Überlebenskünstlern vorzubeugen, die da meinen, es ließe sich ein Raum ja nicht nur durch die Tür verlassen.
Die einzige Lichtquelle, die es gab, war das Feuer im Kamin, sowie die Feuerstelle überhaupt das Einzige war, das es in diesem Raum gab. Man schlief sogar auf dem Fußboden vor dem Kamin. Diese menschlichen Akteure waren abhängig von ihm, Gefangene sozusagen und sie konnten es sich nicht leisten, das Feuer ausgehen zu lassen, weil sie wussten, dann sterben zu müssen. Woher dieses Wissen kam, können wir nicht nachvollziehen. Uns bleibt nicht, darüber zu spotten oder ein Hirngespinst zu verurteilen. Die Vier wussten vermutlich nicht einmal, wie sie in diesen Raum geraten waren. Es hatte sie niemand eingesperrt. Wie auch. Der Raum besaß außer dem Kamin keine Öffnung. Es war ja nicht so, dass sie es nicht versucht hatten, das Feuer zumindest schwächer werden zu lassen, um einmal in die Esse hinaufzusehen. Doch mit abnehmendem Schein und mit dem Ende der züngelnden Flammen kamen alle darüber überein, dass sie sich merkwürdig schlapp und müde fühlten, von Kraftlosigkeit war die Rede. Also krochen sie über den Boden, rissen erneut Holz von den Wänden und entfachten das Feuer zu neuem Leben, das augenblicklich auch auf die Frauen und den Männer übergreifen sollte. Jetzt saßen sie wieder vor dem Kamin und starrten in die Flammen.
Vielleicht unterhielten sich die beiden Paare über Belangloses. So etwa: „Es ist schade, dass wir keine Milch haben, denn hätten wir Milch, könnten wir jetzt welche trinken.“
„Oder Kakao!“
„Oder Kakao.“
„Aber wenn es schade ist, dass wir keine Milch haben, ist es auch schade, dass wir kein Bier oder keinen Schnaps haben, um uns zu betrinken.“
„Es sind noch andere Dinge schade.“
„Wir sollten uns sie Zeit vertreiben.“ meinte der Mann (sagen wir mit der langen Nase) und die Frau (sagen wir mit einem auffälligem Muttermal im Gesicht) sah ihn neugierig an.
„Wir sind gefangen.“ sagte die Frau (die einen ostindischen Namen trug).
„Wir sind nur soweit gefangen, wie wir das zulassen.“
„Aber wir sind schon sehr gefangen.“
„Aber wer hat uns denn gefangen?“
„Wir selbst haben uns gefangen. Wir sind unsere eigenen Gefangenen.“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich hierher gekommen bin.“
„Wir sind nicht hierher gekommen. Wir sind niemals hierher gekommen. Wir waren schon immer da.“
Schweigen.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, schon immer hier gewesen zu sein.
„Deshalb ist es wahr.“
„Es ist wahr, weil wir uns nicht daran erinnern?“
„Nein, es ist wahr, weil wir hier sind. Die Zeit gibt es für uns nicht. Wir haben keine Vergangenheit.“
„Natürlich haben wir eine Vergangenheit! Wir haben ja schließlich auch eine Gegenwart und diese resultiert aus der Vergangenheit. Wir waren jung, wir haben als Menschen das erlernt, was man als Mensch eben erlernt. Wir haben die Vergangenheit hinter uns und die Zukunft vor uns.“
„Das hängt doch aber von der Mentalität unseres Denkens ab. Die Aymara-Indianer sehen die Zeit genau umgekehrt. Sie sagen, die Zukunft liegt hinter uns und die Vergangenheit liegt vor uns, denn die Vergangenheit ist bekannt und wir können sie ansehen, die Zukunft ist unbekannt und wir können sie nicht sehen.“
Kurzes Schweigen.
„Für uns ist aber die Vergangenheit dunkel, weil wir nicht wissen, wie wir hierher gekommen sind und was die Zukunft betrifft, so wissen wir, dass das Feuer irgendwann erlöschen wird und wir mit ihm, also habe ich recht.“
„Aber dann wissen wir auch nicht weiter.“
„Nein.“
„Nein.“
„So klar wie wir hat man den Tod im Leben nicht vor Augen.“
„Nicht andauernd.“
„Nicht jeder.“
„Nicht ohne Kurzweil dazwischen.“
„Nicht zeitlich klar definiert.“
„Nicht von einem Element abhängig, es sei denn, man befände sich auf einem Scheiterhaufen oder wäre Anwesender eines Schiffbruchs.“
„Oder einer Krankheit.“
„Suizid.“
„Mord.“
„Russisches Roulette.“
„Gekochtwerden bei einer Kannibalensippe mit vorangehendem Ritual.“
„Zufälliger Sturz aus einem Wolkenkratzer.“
„Das genügt.“
„Das reicht wirklich.“
„Darüber braucht man sich keine Gedanken zu machen.“
„Wir nicht.“
„Erzählen wir uns lieber Geschichten.“
„Oder eine Geschichte.“
„Oder jeder eine Geschichte.“
„Lass uns zunächst das Feuer nähren!“ unterbrach man und erhob sich, um weitere Blanken von den Wänden zu reißen. Über all die Tage und Wochen wurde der Raum immer größer, da man das Holz der Wände für die Feuerung benötigte. Aus unbestimmbaren Gründen versuchte man, den Raum rechteckig beizubehalten.
Nach einigen Tagen war aus dem einstmals kleinen Raum bereits ein Saal geworden, groß wie eine Turnhalle und die Viere waren mehr mit Holz zutragen beschäftigt, als sich am Kamin über ihr Los zu unterhalten. Wenn sich aber dann doch die Zeit dazu erbot, war man versucht eine Antwort zu finden.
„Wie lange können wir das noch durchhalten?“ fragte die Frau mit dem Muttermal.
„Solange, bis der Raum derart groß geworden ist, dass unsere Laufwege nicht mehr ausreichen werden, das Feuer zu nähren,“ antwortete einer der Männer.
„Aber können wir denn gar nichts dagegen unternehmen?“
„Wir sind doch nur Menschen. Was sollen wir denn gegen das Weichen in andere Welten unternehmen? Dieser Raum ist unser Leben. Wenn wir nicht hier herein gewollt hätten, wären wir auch nicht hier. Es ist nur normal, dass wir uns nicht daran erinnern können.“
Die Frau mit dem ostindischen Namen stand auf und sagte, dass sie sich das nicht gefallen ließe. Sie werde von jetzt an kein Holz mehr sammeln, um das Feuer zu nähren, denn sie wolle dieses Elend nicht noch länger hinauszögern und es lieber vorziehen, hier vor dem Kamin, das verenden der Flammen zu bestaunen.
„Aber dann verkürzt du unser aller Leben!“
„Ich verkürze höchstens eure Qualen! Es ist auch ohne mein Zutun nicht mehr lange möglich, das Feuer zu nähren. Ich kann eure Aufregung ganz und gar nicht verstehen.“
„Es ist dies die Aufgabe, die wir uns selbst gestellt haben. Wenn wir sie nicht erfüllen, werden wir wieder von vorne Anfangen müssen!“
„Es ist ja ganz hübsch, wie du dein Nichts verteidigen willst und ich frage mich nach deinen Motiven: Tust du das, weil du annimmst, es käme irgendwo ein Ausgang zum Vorschein, wenn wir nur lange genug das Holz von den Wänden reißen, oder weil das Feuer verlöschen könnte und somit dein Leben?“
Keine Antwort.
„Siehst du! Beides spielt nämlich gar keine Rolle, denn auch wenn die Wände eines Tages der Freiheit weichen würden, entkämst du doch nicht deiner Abhängigkeit gegenüber den Flammen. Die entdeckte Freiheit wäre also vollkommen nutzlos und darüber hinaus gäbe es alsbald kein Brennholz mehr, sondern nur den Anblick einer Freiheit, die wir nicht haben können. Es ist also ganz egal, was wir tun, es ergibt keinen Sinn!“
„Aber wir wissen doch nicht, ob uns das Feuer vielleicht in die Freiheit führt, wenn wir nur alles zu seinem Fortbestehen einrichten.“
„Das Feuer ist dumm. Es wird, wie wir bald enden.“
„Nein, das Feuer ist unser Bruder, weil es mit uns vergeht. Der Raum ist´s, der uns gefangen nimmt. Wären wir nicht in diesem Raum, könnten wir das Feuer ewig nähren und niemand würde sein Leben als beendet sehen. Es ist der Raum!“
„Aber es ist nicht der Raum unendlich, sondern die Mauern, die ihn umgeben sind es. Der Raum lässt uns immer mehr frei, die Mauern aber nicht und am wenigsten noch das Feuer. Ist nun der Raum, sind es die Mauern oder ist das Feuer die Allegorese des Lebens? Oder sind es die Gedanken, die wir ihrer inmitten entwerfen können? Die Geschichten, die wir uns erzählen?“
„Noch haben wir uns keine Geschichten erzählt!“
„Dann sollten wir das tun. Geschichten, die unserer Situation am nächsten kommen, um sie leichter zu ertragen. Geschichten ohne Ausweg.“
„Das Leben hat etwas sinnloses,“ sagte die Frau, die nicht mehr Holz sammeln wollte. „Da draußen gibt es Konsum; Liebe, Hass... da draußen gibt es die ganze Bandbreite des Lebens. Niemand ist besser dran als wir. Wir halten ein Feuer am Leben, andere versuchen, irgend etwas zu gewinnen...“
„Ja, und wieder andere wollen ewig leben!“ „Oder verstricken sich in ihre Träume..“
„Visionen...“
„Tollerei!“
„Haarsträubendes.“
„Allerdings. Aber das hat man nun von seiner Unsterblichkeit. Sie wird ja schließlich nicht dem einzelnen vorenthalten bleiben.“
„Woher wissen wir von diesen Dingen, oder denken wir sie uns nur aus?“
Sie sahen sich an.
„Wir wissen etwas von der Welt da draußen. Wir waren schon einmal unter den Menschen, vor langer Zeit und möglicherweise wollten wir diese Erfahrung hier unbedingt sammeln, haben aber die Erinnerung an ein anderes Leben, an ein Leben, das genauso wenig lebenswert ist wie das unsere, das aber dennoch gelebt werden muss!“
„Ich habe die Geburt gesehen und man kann sie nicht verneinen! Der Geborene bestimmt seine Verneinung selbst, seine Existenz ist ein Feuerball, rein, glühend, enorm. Der Schutz der Magie liegt um diese Tragweite und das Denken ist machtlos, um machtlos zu sein. Das Leben ist Leben um Leben zu sein! Der Mensch fürchtet sich vor dem Tod, weil er die Erinnerung an seine Geburt besitzt. Diejenigen, die das unauslöschliche Trauma nicht besitzen, fürchten nichts, sie müssen der Furcht nichts eingestehen, sie kennen das Geheimnis des Schmerzes. Seine imaginäre, echte Präsenz, die sich zwischen all dem Gerümpel aufhält und nach uns sieht. So sieht es in der Seele aus, das ist es, was ich sagen werde: Eine Rumpelkammer an vergessenen Relikten!“
„Ja, vielleicht will man sich verkleiden, um zu sehen, wer man wirklich ist oder wer man sein könnte oder wer einen tötet oder wen man selbst tötet.“
„Wenn uns jemand widerspricht, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass wir auf der richtigen Fährte sind.“
Das Feuer war klein geworden, die Worte, die man sich schenkte, verstummt. Der Raum hatte kein Ende gefunden, er war nur sehr viel größer geworden. Diejenigen, die ihn vergrößert hatten, lagen schwach und müde nahe am Kamin und jeder fragte sich auf seine stille Weise, was kommen würde, wenn die Glut nicht mehr glühte und wenn der letzte Rauch aufgestiegen und sich verwandelt hatte in Kohlendioxid und Ruß. Und dann war es soweit.
Sie alle erwachten auf einer anderen Ebene und blickten sich um. Sie befanden sich in einem kleinen Raum mit einem Kamin, in dem ein Feuer brannte. Die Wände bestanden aus Holz und es gab weder eine Tür, noch ein Fenster...
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