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Der kleine Piak und der
Regenbogen
Von
Indre
Heute
war Piaks erster Tag in der Wassertropfenschule. Er war sehr aufgeregt
und hatte schon am Tag zuvor all seine neuen Bücher und Hefte sortiert
und in seinem blauen Tornister mit den Raumschiffen verstaut. Er hatte
sich besonders gründlich gewaschen, und seine Mutter drückte ihn zum
Abschied noch ein bisschen fester als sonst. Und endlich konnte es
losgehen. Den Weg fand er schon ganz allein, das hatte er zuvor
hundertfach geübt.
Im
großen Saal der Schule saßen viele kleine Wassertropfen, deren Wangen
vor Aufregung glühten. Die Älteren hatten lange proben müssen, aber ihr
lustiges Theaterstück begeisterte die kleinen Tropfen. Piak amüsierte
sich prächtig und war ganz erstauntals er bemerkte, wie schnell die
Zeit vergangen war.
Der
erste Schultag war schon wieder zu Ende und nach der dritten Stunde
verließen alle kleine Tropfen noch etwas unsicher aber fröhlich
plappernd das Schulgebäude. Piak hatte einen so schönen Morgen verbracht
und konnte es kaum erwarten seiner Mutter davon zu erzählen. Er
verabschiedet sich von der Lehrerin und lief auf den Hof.
Dort
sah er einige der ältern Tropfen, die er aus dem Dorf kannte. Er wollte
sich gerade an ihnen vorbeischieben als einer ihn erblickte und laut
schrie: “Hey, seht mal, das ist doch die Träne!!“ Piak spürte wie er
zusammenzuckte und sein Herz wie verrückt zu pochen begann.
„Träne, Träne, Träne!“ Er hatte das Gefühl, die hämischen Stimmen voller
Spott schallten ihm aus allen Richtungen entgegen. Er versuchte den
dicken Kloß, den er in seinem Hals fühlte zu schlucken. „Du wirst es nie
schaffen, einer von uns zu sein!“ - „Du kannst niemals ein
Regenbogentropfen sein!!“ brüllten sie, rückten alle ganz dicht zusammen
und im Licht der Sonne erstrahlten sie in wunderschönen bunten Farben.
Piak
drehte sich schnell um, damit niemand bemerkte wie traurig er war. Er
rannte so schnell ihn seine kleinen Beinchen tragen konnten und machte
erst wieder am großen See Halt. Er kletterte auf einen Grashalm, und
wenn Wassertropfen das könnten, hätte er in diesem Moment bitterlich
geweint.
Es
hatte der schönste Tag werden sollen und jetzt... er wollte nicht nach
Hause und überhaupt niemanden sehen. Er vergrub seinen Kopf in beiden
Händen. Und in diese elende Schule würde er auf keinen Fall mehr gehen.
Er wäre so gerne ein Regenbogentropfen.
„Piak,
was machst du denn hier?“. Marlas sanfte Stimme ließ den kleinen
Tropfen erstaunt aufsehen. Sie lächelte. „Du siehst so niedergeschlagen
aus. Ist etwas passiert?“ Ihr altes Gesicht wirkte ganz weich und man
konnte in ihren Augen lesen, dass sie schon sehr viel gesehen hatten.
Jetzt
brach es einfach aus Piak heraus: „Ich“, schluchzte er, denn schluchzen
können Tropfen sehr wohl, „ich werde nie ein Regenbogentropfen sein.
„Träne“ haben die anderen gerufen und sie haben Recht!“ –
Marla
schwieg einen Augenblick und sagte schließlich: „Ja, du bist eine
Träne.“ Sie glaubte doch wohl nicht wirklich, dass sie Piak damit helfen
würde? Sie blickte ihn ganz ernst an und fügte hinzu: „Aber eine ganz
besondere Träne. Hat dir denn noch nie jemand diese Geschichte erzählt?“
Piak
schüttelte den Kopf. „Nun“, sagte Marla, „dann wird es aber höchste
Zeit.“ Sie holte tief Luft und begann zu erzählen: „Vor einiger Zeit im
Herbst hatte ich mich in einer besonders kalten Nacht mit einigen
anderen Tautropfen am Fenster einer kleinen gemütlichen Küche gesammelt.
Ich konnte in die Wohnung der Familie hineinsehen, und obwohl es schon
sehr spät war, brannte noch Licht und ich konnte die Stimmen der Eltern
hören.
Sie
sprachen über ihren Sohn Jonas, der am nächsten Tag seinen Geburtstag
feiern sollte. Er war schon längst ins Bett gegangen und nun schlichen
seine Eltern mit den Geschenken in die Küche und verteilten sie auf dem
Tisch. Das waren wunderschöne Dinge. Ein Buch mit
Gute-Nacht-Geschichten, jede Menge Kaugummis und Bonbons, ein Teddybär.
Aber am meisten hatte sich Jonas wohl das knallrote Feuerwehrauto
gewünscht, das etwas versteckt hinter dem Kuschelteddy stand. Zufrieden
lächelnd gingen die Eltern schließlich ins Bett.“
Marla
machte eine Pause, räusperte sich und blickte in Piaks erwartungsvolle
Augen, die sie anflehten weiterzuerzählen. „Noch bevor die ersten
Sonnenstrahlen uns kitzeln konnten“, fuhr sie schließlich fort, „schlich
sich ein kleiner Junge auf nackten Zehenspitzen in die Küche. Er schob
zunächst vorsichtig seinen blonden Lockenkopf durch den Türspalt und
machte dann ein paar Schritte auf den Geburtstagstisch zu. Neugierig
suchte er den Tisch ab.
Leider
war er ein wenig zu klein, um alles überblicken zu können und so zog er
sich mit allen Kräften einen Stuhl heran und kletterte hinauf. Voller
Aufregung und Erwartung begutachtete er alles mit weit geöffneten
Kulleraugen. Er suchte jedoch etwas ganz Bestimmtes. Und da, plötzlich,
hinter dem Teddybären hatte er es schließlich entdeckt. Das rote
Feuerwehrauto, das er sich schon so lange gewünscht hatte!
Vor
lauter Freude kullerte ihm eine kleine Träne über die Wange und im
Schein der Geburtstagskerzen schillerte sie in allen Farben des
Regenbogens. Es war ein wunderschöner Anblick und ich wusste, dieser
Tropfen ist etwas ganz Besonderes. Deshalb habe ich auf dich auch immer
so gut aufgepasst.“
Marla
lächelte Piak an und sah wie sein Gesicht sich erhellte und er strahlte.
Er strahlte in den prächtigsten Farben, die man sich überhaupt
vorstellen kann.
Ein so
schöner Tropfen ist äußerst selten und man muss sehr aufmerksam sein, um
jemals einen zu entdecken. Aber vielleicht hast du ja das Glück. Denn du
bist schließlich auch etwas ganz Besonderes...
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