vorja
|
|||
|
Essays von Andreas Baumeester
I. Christentum und Islam - Vom Wesen der Religionen
(Geändert am 14.03.2009)
Es ist noch nicht lange her, da gab es solche Fernsehbilder aus Afghanistan: Taliban, Männer also, peitschten Frauen, die in ihrer Ganzkörperverschleierung wirken, als hätte man sie schon vor ihrem Tod in einen Sack gesteckt.
Meistens wurde ihnen als „Vergehen“ vorgeworfen, was in den meisten Ländern dieser Erde juristisch nicht als Vergehen gilt: Die Nichtbeachtung von Kleidervorschriften, lackierte Fingernägel, angeblicher Ehebruch.
Auch in anderen islamischen Ländern, in denen die Scharia eingeführt wurde, werden drakonische und unmenschliche Strafen verhängt, z. B. im Sudan.
So ist der Islam, meinen viele Christen, und vergessen, welche Schandtaten im Lauf der Geschichte unter christlichen Vorzeichen begangen worden sind: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Sklavenhandel, Judenverfolgungen.
Sind also die Religionen die Ursache allen Übels?
Objektiv stimmt das nicht: Der Islam ermöglichte im Mittelalter, dass die griechische Antike, die Mathematik, die Sternenkunde in Europa wieder lebendig wurden.
Im Christentum standen immer wieder Erneuerer auf, die zu Reformern der Religionsausübung wurden: Augustinus, Franziskus von Assisi, und die protestantischen Reformatoren. Martin Luther, in vielem, zum Beispiel in seinem Antisemitismus, noch dem Mittelalter verhaftet, war zugleich auch ein entscheidender Wegbereiter der Neuzeit.
Dass atheistische Ideologien allein schon durch die Abkehr von der Religion der Menschheit das Heil bringen könnten, diese Hoffnungen haben die schmählich gescheiterten Diktaturen der Nazi, der SED und der Sowjets wohl endgültig zerstört.
Wie konnten aber subjektiv tief religiöse Menschen, Gesellschaften, gar Kirchen, ihren Opfern schlimmste Menschenrechtsverletzungen zufügen?
Alle Religionen gründen auf der Suche nach dem Sinn menschlicher Existenz. Sie geben ihre Antworten auf die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Sie versprechen Schutz vor der Gewalt dunkler Mächte, die das Leben bedrohen, und Trost, wenn die Mächte die Oberhand gewinnen. Sie stiften Gemeinschaft.
Entscheidend ist, dass alle Antworten der Religionen durch Menschen gegeben wurden, die dazu durch Visionen, nach ihrer Überzeugung übernatürliche Eingebungen veranlasst wurden.
Die Eingebungen und Visionen von Religionsgründern unterscheiden sich von den Ideen gewöhnlicher Menschen dadurch, dass ihre Worte und Lehren den Zeitgenossen und den Anhängern späterer Generationen als Sinnstiftung für ihr Leben einleuchteten, sie überzeugten.
Selbstverständlich waren auch die Religionsgründer Kinder ihrer Zeit, in deren Weltbild sie sich mit ihrer Lehre bewegten.
Ein Beispiel: Dass Jesus zum Himmel aufgefahren sei, dass konnten die Jünger nur verkünden, weil für sie die Erde eine Scheibe, der Himmel darüber eine Kuppel war, durch die man ins Paradies kommt.
Solche und viele vergleichbare Aussagen des Neuen Testaments können heute nur so sinnstiftend sein, dass man sich nicht an den Worten festklammert, sondern jeweils fragt, was die Zeitgenossen damit im Kern ausdrücken wollten.
Sie wollten damit bekennen, dass Jesu Worte „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst“ eine gültige Richtschnur für ihr Leben und das ihrer Anhänger war.
Luther soll einmal einer alten Frau, die auf dem Totenbett auf die Bibel zeigte, und bekannte: „Ich glaube jedes Wort darin“ nachgesagt haben: „Und mit diesem Glauben ist sie zur Hölle gefahren“.
Eine sicherlich brutale Aussage, aber sie drückt eine Wahrheit aus: Historische Dokumente wie die Bibel oder der Koran müssen in jeder geschichtlichen Epoche immer wieder neu interpretiert werden, um sie wirklich zu verstehen. Insofern sind Glauben und Denken keine Gegensätze, sie bedingen einander.
Aber dann ist doch subjektiven Auslegungen der Theologen Tür und Tor geöffnet. Das stimmt und ist nicht zu widerlegen. Ich behaupte, letzten Endes lebt jeder Christ, jeder Jude, jeder Muslim seine ihm einleuchtende ganz persönliche Auslegung des Glaubens.
Entsteht nicht dadurch ein heilloses Durcheinander? Woher weiß der Einzelne dann noch, welches die gültige Auslegung ist, auf die er in seinem Leben antworten soll?
Die Geschichte der Religionen zeigt, dass es immer wieder Herrscher, regierende Parteien, oder Religionsführer waren, die mit staatlicher oder kirchlicher Gewalt ihre Anschauung durchgesetzt haben.
Vertreter anderer Meinungen wurden als Ketzer verbrannt, gesteinigt oder sonstwie zum Schweigen gebracht, auch wenn sie objektiv Recht hatten. Macht und Gewalt – so sieht man – zerstören das Wesen der Religionen.
Wahre Religion braucht Freiheit. Denn auf Dauer setzt sich nur die Auslegung durch, die im freien Dialog als sinnstiftend überzeugen kann.
Im Protestantismus ist es die innerkirchliche Theologie, die mit ihrem oft lauten Meinungsstreit die Religion für immer neue Zeiten in die Gegenwart übersetzt.
Vor diesem Hintergrund ist die moderne Demokratie entstanden, mit ihren Idealen der Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Zur Demokratie gehören Toleranz, Gleichberechtigung der Frauen, Achtung der Menschenrechte.
Der Islam kennt keine kirchliche Organisation. In seinen Blütezeiten sorgte der freie Dialog islamischer Gottesgelehrter für fromme Auslegungen, die ohne Gewaltanwendung die Muslime überzeugten.
Solche weithin anerkannten muslimischen Religionslehrer scheint es in der Gegenwart nicht zu geben. An ihrer Stelle treten Menschen auf, die als Machthaber in der Lage sind, ihre Auslegung des Koran als die allein selig machende zu bestimmen, soweit ihr Einfluss reicht. Sie behaupten, dass sie zu den Quellen, den Fundamenten des Islam zurückführen würden.
Solche Menschen, die Taliban in Afghanistan zum Beispiel, sind in Wirklichkeit oft Sektierer. Religiös ungebildet, wie sie nach dem Urteil vieler Islamgelehrter in aller Welt sind, griffen sie auf brutale Gewalt zurück, um den Afghanen ihre fundamentalistischen Sektierer-Regeln aufzuzwingen.
Es ist bewegend, im Fernsehen zu erleben, mit welchem Stolz Frauen im befreiten Kabul wieder Gesicht zeigen, wie sich die Männer die Bärte rasieren lassen, wie auf den Straßen wieder Musik erklingt.
In der globalisierten Welt gehört der nicht mehr von Päpsten und Pfarrern regierte säkulare und demokratische Staat zu den unverzichtbaren Errungenschaften der Moderne.
Die kulturelle Vielfalt, die wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Erfolge, die darauf beruhen, machen den säkularen Staat zum Erfolgsmodell moderner Zivilisationen.
Nicht westliche Verschwörungen, sondern die Abkehr der eigenen Eliten von dieser Moderne sind es, die viele Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung schädigen, kulturell, wissenschaftlich, technisch, wirtschaftlich und sogar auch religiös.
Denn die Verquickung von Staat und Religion erlaubt es immer wieder, dass politische Führer oder Parteien den Koran so auslegen, wie es ihren Herrschaftsinteressen am besten passt, ohne Rücksicht auf die wahren Inhalte.
Die Umkehr würde allerdings schwierige Entscheidungen verlangen, zum Beispiel dass in Saudi-Arabien ebenso christliche Kirchen gebaut werden dürften, wie Moscheen in Deutschland.
Im Iran fordert der vom Volk gewählte Präsident von den herrschenden Mullahs die demokratischen Rechte, nach denen die Menschen verlangen. -
Fundamentalisten gibt es freilich auch unter Christen. Etwa in den USA, wo an manchen Schulen über die Entstehung der Welt nur gelehrt werden darf, was in der Bibel steht: „Gott schuf die Welt in sieben Tagen...“
Wenn die Religion als politische Ideologie missbraucht wird, um den Herrschaftsanspruch bestimmter religiöser Auslegungen, letztlich den eigenen Machtanspruch, wie bei den Taliban in Afghanistan, zu begründen, dann und nur dann haben die Kritiker dieser Religionsauslegung Recht.
Nützen also die Religionen der Menschheit oder schaden sie ihr? Die Antwort kann nur lauten: Religion wird zum Fluch, wenn mit ihr Gewalt, Unterdrückung und Verweigerung der Menschenrechte begründet werden.
Die Religion kann, wie jede freiheitliche Weltanschauung, zum Segen werden, wenn sie zum Frieden, zur Gemeinschaft aller Menschen und zur Bewahrung der Schöpfung aufruft! Das entspricht dem Wesen jeder Religion.
Denn wenn es Gott gibt, dann ist er immer der Gleiche, ob man ihn nun den Vater Abrahams, den Vater Jesu, oder den Allah der Muslime nennt.
Was bedeutet das für den Konflikt im Nahen Osten?
Deshalb ist es zutiefst traurig, was zur Zeit im Kampf der Israeli gegen die Palästinenser geschieht. Gewiss, die Ausgangslage ist schwierig:
Die Israeli berufen sich darauf, dass den Juden vor der Vertreibung durch Rom ganz Palästina gehörte.
Die Palästinenser verweisen darauf, dass das Land nach der Eroberung durch die Muslime und ihrer Behauptung gegen die Kreuzritter ihnen gehörte. Zwei Völker beanspruchen ein Land.
Das Land ist seit der Gründung des Staates Israel geteilt. Unzumutbar wäre eine Lösung, die eins der beiden Völker vertreibt. Also kann es nur eine Lösung geben, die möglichst gerechte Teilung. Seit zwei Jahren gibt es den Vorschlag, auch den Palästinensern einen eigenen Staat zuzugestehen, mit Ostjerusalem als Hauptstadt.
Leider hat Arafat, vermutlich aus Rücksicht auf die Hardliner seines Volkes, seine Unterschrift unter den ausgehandelten Vertrag verweigert. Die Nagelprobe, ob Israel das Abkommen verwirklichen kann, wurde daher nie gemacht. Auch in Israel gibt es starke Kräfte, die das ganze Land beanspruchen.
Weder palästinensische Selbstmordattentäter noch israelische Panzer werden das Problem lösen. Im Gegenteil, sie verschärfen es. Das gilt, auch wenn man die Panzer als Antwort auf die Selbstmordbomber entschuldigt.
Was bleibt, ist nur ein Verhandlungsfriede. Beide Völker müssen Verzicht üben, um eine gesicherte Existenz zu gewinnen.
Beispiele für die Verwirklichung solcher Einsichten gibt es durchaus: Deutschland hat auf seine ehemaligen Gebiete jenseits von Oder und Neiße verzichtet. Es hat nun sichere Grenzen mit Polen, einem Land, mit dem es gutnachbarliche Beziehungen unterhält.
Frauen der Deutschen Muslim-Liga Bonn e. V. kämpfen mit Argumenten aus dem Koran für die religiöse Gleichberechtigung:
Die Teilnahme der muslimischen Frau am öffentlichen religiösen LebenEine Studie der Friedrich Ebert Stiftung zu den muslimischen Organisationen in Deutschland findet sich unter dieser Adresse: http://library.fes.de/fulltext/asfo/00803toc.htm
***************
II. Ey, haste mal’n Euro?
Der Bettler an der Hauptwache hatte heute morgen, am 1. Januar 2002 keine Probleme mit der Währungsumstellung, kein Gedanke an 50 Cent, etwa den Gegenwert der früher von ihm nachgefragten einen Mark. In Frankfurt, das sich „City of the Euro“ nennt, rechnete auch er schon mit der neuen Währung: „Ey, haste mal’n Euro für mich?“, sage er und klapperte kräftig mit den schon eingenommenen Münzen. Die Passenten, die dem guten Mann nichts gaben, hatten „keinen müden Euro“ für ihn übrig.
Aber wie wird die sprachliche Umstellung funktionieren? Ist ein Geizkragen künftig ein Cent-Fuchser“ Treiben die Gläubiger bei ihren Schuldnern das Geld auf Heller und Pfennig, oder auf Cent und Euro ein? Versteht künftig noch jemand die erste Zeile des Volksliedes „Ein Heller und ein Batzen?
Und in künftigen Bibelausgaben wird das Wort von der Freude über den wieder gefundenen Groschen neu übersetzt werden müssen, zumal ein Groschen zur Zeit Luthers wesentlich mehr wert war, als zuletzt in der guten alten D-Mark-Rechnung, was ja irgendwie die Freude über den Fund auch viel verständlicher machte.
Und was wird aus dem Heiermann oder dem Taler, bisher die Umschreibung für eine Fünfmarkmünze? Fünf Euro gibt es nicht als Münze, nur als Schein. Wird nun die Zweieuromünze zum „Taler“?
Wird man jetzt „jeden Cent zweimal umdrehen“, bevor man ihn ausgibt? Dagegen ist das Sammeln von Centmünzen für den Brautschleier oder die -Schuhe wohl weniger ein Problem, im Gegenteil, denn nun kommt ja das Doppelte zusammen, zumindest wenn man Cent so fleißig sammelt, wie früher die Pfennige!
Zum Seitenanfang