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DER ROSA BRIEF

Von Giovanna Milan

Mein Vater?... Ich weiβ es nicht, ich habe ihn nie kennen gelernt.

Und er fehlt mir auch überhaupt nicht… Irgendwo muss er sein.

Ich bin ganz sicher, dass er nicht gestorben ist: meine Mutter bekommt von ihm jedes Mal zu Weihnachten eine Karte.

Sie hebt sie versteckt unter der Damenwäsche auf, sorgfältig zusammengebunden mit einem Satinband.

Und jedes Mal, wenn eine ankommt, seufzt sie, schließt einen Augenblick lang ihre Augen, legt die Karte zu den anderen und bleibt ziemlich lang in ihrem Schlafzimmer.

Zusammen mit den Karten hebt sie auch einen rosa Brief auf, den sie meinem Vater als Mädchen geschrieben hat. Ich habe nie verstanden, warum sie ihn noch hat.

Vielleicht hat sie ihn ihm nie geschickt, denn er ist noch verschlossen.

Gestern spielten Franziska und ich Mutti sein, und als wir in ihren Sachen wühlten um sie zu probieren, sind die Karten von Vati herausgesprungen. Und der rosa Brief auch.  

Kaum sah ihn Franziska wollte sie ihn öffnen, aber ich sagte sofort: ‚nein, Mutti will’s nicht!’. ‚Warum?’

Ich weiß es überhaupt nicht, ich habe mich nie danach gefragt.

Gestern habe ich den ganzen Tag lang daran gedacht… bis ich am Abend den Mut aufgebracht habe, während meine Mutter das Abendessen zubereitete, in ihr Schlafzimmer einzutreten. 

Ich habe die Schublade sehr langsam geöffnet, und die Karten waren da, wie immer, wie ein Geschenk.

Aber der rosa Brief war nicht da!

Ah ja, da ist er!

Fasse ich ihn an oder nicht? … im Nu ergreife ich ihn, und bringe ihn in mein Schlafzimmer. Das Herz schlägt mir bis zum Hals.

Ich lehne mich sekundenlang an die Tür, weil mir schwindlig wird.

Dann öffne ich den Umschlag über Wasserdampf im Bad. Ich weiß nicht, ob mir so warm wegen des Wasserdampfs oder der Erregung ist.

Er ist mit einem Füllfederhalter geschrieben, und er ist auch ein bisschen verblasst, noch ein bisschen habe ich ihn durch die Feuchtigkeit verdorben.   

Meine Mutter ruft mich aus der Küche: ‚Essen ist fertig!’ ‚ich komme sofort’, und meine Hände beginnen zu zittern.   

Obwohl das Blatt zittert, kann ich die Zeilen lesen, die noch nicht ganz verblasst sind: ‚ …ich habe dir keine Lüge erzählt, und ich nehme dich überhaupt nicht auf den Arm. Es ist wahr, dass wir uns nicht mehr lieben, aber es ist auch wahr, dass ich mich darüber freue, wenn wir uns von Zeit zu Zeit noch treffen...

…einverstanden!: zwischen uns ist nur die Leidenschaft geblieben, darum … keine Verbindung…

… morgen habe ich diesen verdammten Termin…

Ich habe Angst davor, aber je früher, desto besser ist es, ich bin schon in der dritten Woche…

Trotzdem kann ich nicht darauf verzichten, daran zu denken, dass es mir gefallen hätte, es Enrik zu nennen, wenn es ein Jungen wäre, und Rosa, wenn es ein Mädchen…’.

‚Rosa, das Abendessen ist fertig! Es wird kalt!’

‚Ja Mutti, ich komme!’

 


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