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Der Rosenmord
Von Valeska RollerJoshua Mayfair trat hinaus in die laue Sommernacht. Mit angespanntem Gesichtsausdruck betrachtete er die schwarzen Hecken unter der Balkonbrüstung, die trotzig ihre dunklen Triebe zu ihm heraufstreckten. Er angelte eine Zigarre aus seiner Rocktasche, entzündete sie, während er ein Bein auf die kleine Marmorbank vor sich stellte und beobachtete missmutig wie der graue Wolkenrauch zum Firmament emporstieg und sich mit dem Moschusgeruch vermischte, den er eindeutig als sein Rasierwasser identifizierte.
Er hatte nichts übrig für die rauschenden Bälle der so genannten besseren Gesellschaft, stellte er nun schon zum hundertsten Male an diesem Abend fest, es würde das beste sein, würde er morgen bei Tagesanbruch seine Koffer packen und mit der Kutsche zurück nach London fahren. In einer eleganten Bewegung wechselte Joshua seine Position und schnippte sich gleichgültig ein Lorbeerblatt von der Schulter.
Lorbeeren – die Erinnerung an Isabelle Penhalligan machte die Nacht nicht unbedingt erträglicher. Wie eine bedrohliche Welle aus süßlichem Parfum und knisterndem Satin war sie auf ihn zugeeilt, die Lorbeerblätter kunstvoll ins dichte Blondhaar geflochten, und hatte ihn geradezu zu einem Tanz genötigt. Man musste es so drastisch ausdrücken, denn seit Miss Penhalligan zu Beginn dieser Saison in Londons Adelskreisen aufgetaucht war, hatte sie es sich wohl in den Kopf gesetzt, am Ende des Sommers ihre Verlobung mit Sir Joshua Mayfair, Lord Blackmoore, bekannt geben zu können.
Dass dieser nicht das geringste Interesse an der schönen Unbekannten zeigte, schien sie nicht abzuschrecken, denn eher ihren Ehrgeiz anzustacheln. Verlorene Liebesmüh, dachte Joshua nicht ohne eine gewisse Genugtuung, als er nun die letzten Zügen seiner Zigarre genoss. Isabelle Penhalligan würde niemals sein Herz erwärmen, das vor so vielen Jahren einen eisigen Schutzwall um sich herum aufgebaut hatte.
Sie war eine infantile Person, mit einem Lachen, dass an die Küchenmädchen auf dem Land erinnerte und Manieren, die affektiert waren, gar einstudiert wirkten. Es war offensichtlich, dass sich deren Eltern keine Mühe mit der Ausbildung ihrer Tochter gegeben hatten, sondern sie auf gut Glück in die Hauptstadt geschickt hatten, damit sie sich dort einen wohlhabenden Gentleman angelte.
Das hübsche Gesicht, von blonden Locken umrahmt, könnte sogar zum Erfolg führen, würde sich Isabelle nur endlich ein anderes Opfer suchen, das bereit war, sein Leben an der Seite einer zwar schönen, aber geistlosen Person zu verbringen.
Joshua gähnte und streckte seine Glieder. Er war nun 43 Jahre alt, ein Alter, in dem ein Mann, seinem Leben eine Richtung gegeben haben musste, und sein Ziel war die Ausbreitung seines Finanzimperiums, aufgebaut durch geschicktes Investieren in Aktien und Handelsschiffe.
Matthew hatte ihn auf die Möglichkeiten der Seefahrt aufmerksam gemacht, ferne Länder, exotische Schätze, Blumen, Früchte und Gold, ein Vermögen, dass inmitten der Ozeane schlummerte und nur darauf wartete von ihnen beiden heimgeführt zu werden. Matthew, sein Freund aus Kindertagen, mit dem er bis zu jenen verhängnisvollen Wintermonaten unzertrennlich gewesen war, Matthew, der Herzensbrecher, tapfer und edel und schließlich einer von vielen Matrosen, die Wohlstand in der weiten Welt gesucht hatten und stattdessen ihr Seemannsgrab gefunden hatten.
Resigniert strich sich Joshua durch sein dunkles Haar. Die Vergangenheit musste ruhen, so wie er selbst nun auch, wollte er mit der Dämmerung bereits reisefertig sein. Im gleichen Augenblick, wie Joshua sich umwandte, nahm er eine schnelle Bewegung in den Hecken unter ihm wahr. Es war nur ein Rascheln, so leise wie der Wind in den Bäumen, ein Schatten, der sich aus den anderen löste und geschmeidig an der Steinmauer entlangglitt, um schließlich die Konturen einer menschlichen Gestalt anzunehmen.
Sich hastig umschauend, stellte diese plötzlich einen Fuß auf die Balustrade der gewundenen Brüstung, stemmte sich mit einem kaum hörbaren Seufzer nach oben und verschwand durch eines der nur angelehnten Burgfenster im ersten Stock in den dahinterliegenden Räumen. Es dauerte einen geschlagenen Moment, bis sich Joshua von seiner Überraschung erholt hatte.
Dann, während er schnellen Schrittes die Treppen hinuntereilte, konnte er sich nicht entscheiden, was ihn mehr in Erstaunen versetzt hatte – die Tatsache, dass eine wildfremde Person auf ungewöhnlichem Wege in sein Zimmer eingedrungen war oder aber, dass diese Person eine Frau gewesen war, deren Hinterteil sich im Mondlicht ausnehmend verführerisch unter ihren Röcken abgezeichnet hatte.
***
„Verdammt!“
Lavinia kroch auf allen vieren über den Fußboden. Bis vor einer Minute war sie noch sicher gewesen ihren Auftrag schnell und effizient ausführen zu können, doch war das vor der bitteren Erkenntnis gewesen, sich im falschen Zimmer zu befinden. Dies war eindeutig der Raum eines Mannes, der schwache Geruch seines Rasierwassers schwebte noch in der Luft, wie ein Tiger auf der Lauer und der matte Glanz der Sterne erleuchtete schwach die Umrisse einer Schnupftabaksdose auf dem Sekretär.
Vorsichtig kam Lavinia wieder auf die Beine, schüttelte ihre Röcke aus und betrachtete unglücklich ihr derangiertes Spiegelbild. Das Häubchen auf ihren wirren roten Locken war verrutscht und in ihrem Rocksaum zeichnete sich ein Loch ab. Würde sie ein neues Kleid, vielleicht von der Armenhilfe, bekommen, bevor man ihr in Tyburn die Schlinge um den Hals legte, überlegte Lavinia fieberhaft. Ach, selbst wenn, hätte sie wahrscheinlich das Glück ein gelbes Exemplar zu ergattern, eine Farbe, die sich stets mit ihrem Haar biss!
Dass es soweit kommen würde, daran hatte sie mittlerweile keinen Zweifel mehr. Das Pech hatte sie verfolgt, seit ihre Eltern im vergangenen Jahr gestorben waren und sie bei der Testamentseröffnung hatte erfahren müssen, dass ihr Vater nichts als Spielschulden bei seinen Clubfreunden hinterlassen hatte.
Lavinia war gezwungen gewesen das schöne Haus in Dorset zu verkaufen, um damit ihre Gläubiger ausbezahlen zu können, bis am Ende nur noch eine Rechnung offen geblieben war. Sir Harvey Gallagher hatte sich als äußerst einfallsreich im Begleichen dieser Schuld herausgestellt, denn indem er Lavinia nicht in sein Bett zerrte, wie es manch anderer getan hätte, sondern sie als Diebin benutzte, um reiche Ladys, während der Ballsaison um ihren Schmuck zu erleichtern, bewies er wirklich Sinn für Originalität.
Ihr wurde ganz elend zumute, wenn sie sich seine Reaktion ausmalte, würde sie ihren Irrtum bezüglich der Zimmer erklären müssen und sie spürte bereits jetzt seinen Zorn auf ihren glühenden Wangen, dass sie es nicht geschafft hatte, Lady Talbot um ein Smaragdcollier ärmer zu machen. Sie saß wirklich in der Klemme.
Aber falls sie sich klug genug anstellte, konnte sie ihren Fehler womöglich wieder wettmachen. Schließlich war dies eindeutig das Schlafzimmer eines der Gentleman, die zu Viscount Hardcastles Sommerball geladen waren und auch Herren besaßen Wertgegenstände, mit denen in den Spelunken am Hafen ein durchaus respektabler Preis zu erzielen war.
Lavinia beglückwünschte sich insgeheim für diese rettende Idee und begann eilig in den Schubladen des Sekretärs zu wühlen. Das oberste Fach enthielt nur Briefpapier und Wachstöpfchen, doch schon in der mittleren Schublade wurde sie in Form einer vergoldeten Krawattennadel fündig, die sie fluchs an ihrem Fichu befestigte.
Das letzte Fach endlich war abgeschlossen! Lavinias Herz machte einen Sprung. Das konnte nur bedeuten, dass sich dort etwas besonders Wertvolles verbergen musste! Aufgeregt kramte sie nach einer Haarnadel, die sie gekonnt in das Schlüsselloch einführte und langsam, sehr bedacht, vollführte sie eine sanfte Drehung, bis ein leises Knacksen ihren Triumph verkündete.
Doch in der Schublade befanden sich nur Bücher, dicke Wälzer, in die jemand akribisch Zahlenreihe um Zahlenreihe geschrieben hatte. Enttäuscht ließ sich Lavinia auf einen Stuhl sinken. Eine Krawattennadel war also ihre einzige Beute an diesem verkorksten Abend! Während sie den Kopf in die Hände stützte, hörte sie von der Terrasse herauf Stimmen und Applaus, gefolgt von dem Geräusch rauschender Seide über Kies.
Blitzschnell war Lavinia aufgesprungen. Der Ball neigte sich seinem Ende entgegen und bald würden sich die edlen Herrschaften wieder in ihre Zimmer begeben. Sie musste verschwinden, solange sie noch unentdeckt durch die langen Korridore entfliehen konnte. Mit ihrem mageren Diebesgut, stürzte Lavinia zur Tür, schob noch schnell die emaillierte Schnupftabaksdose in ihre Rocktasche und trat dann hinaus auf den Flur.
Der dunkle Gang wurde nur schwach von einer Kerze erhellt, weshalb sie den Mann erst bemerkte, als sie gegen seine starke Brust prallte.
***
Rüschen kitzelten ihre Nase und erstickten jedes Widerwort, als sie von zwei kraftvollen Armen gepackt und zurück ins Zimmer bugsiert wurde.
„Guten Abend, Sir!“
Ihr Blick begegnete für einen kurzen Moment seinen bernsteinfarbenen Augen, bevor sie beide erneut mit der Dunkelheit verschmolzen.
„Es wird sich erst noch herausstellen, wie gut dieser Abend ist!“, knurrte eine Stimme und gleich darauf loderte sein wütendes Gesicht im Schein der entzündeten Kandelaber auf. Ein unverschämt gut aussehendes Gesicht, wie Lavinia bemerkte.
„Nun, Mylady, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich würde doch gerne erfahren, was Sie in meinem Zimmer zu suchen haben?“
Ein Smaragdcollier, dachte Lavinia seufzend.
„Sir, es tut mir entsetzlich leid, aber ich habe mich anscheinend in der Zimmertür geirrt!“ „So?“
Joshua zog eine Augenbraue nach oben.
„Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber Sie irrten sich wohl eher im Fenster.“ Er trat einen Schritt auf das noch immer geöffnete Fenster zu und schloss es, mit einem prüfenden Blick auf den Park, entschieden.
„Es kommt nicht oft vor, dass ich Damen bei derart außergewöhnlichen Sportarten bewundern darf. Ich danke Ihnen für dieses Schauspiel, es wird mir stets in Erinnerung bleiben, als eine der amüsantesten Begebenheiten auf Hardcastle. Doch jetzt sollten wir diese Posse schleunigst beenden, denn ich bin müde und möchte zu Bett gehen.“
„Ich verstehe nicht, Sir?“
„Oh bitte, zerstören Sie nicht den guten Eindruck, den ich von Ihnen gewonnen habe. Ich kann Ihren Augen ansehen, dass Sie meinen Worten durchaus folgen können. Zudem hätten Sie meine Krawattennadel nicht so dekorativ an Ihrem Tuch befestigen dürfen, wenn ich Sie nicht als das hätte durchschauen sollen, was Sie sind – nämlich eine gewöhnliche Diebin!“ Lavinia trat einen Schritt zurück, bis sie gegen den Bettpfosten stieß und betrachtete ängstlich die Gestalt Mayfairs, die bedrohlich über ihr aufragte.
„Bitte, Sir, es ist nicht so, wie sie vielleicht denken!“
„Dann erklären sie mir doch einfach, wie es sich tatsächlich verhält. Und sprechen Sie nicht mit mir, als wäre ich ein gehörnter Ehemann, diese Rolle passt nicht zu mir.“
Lavinia hatte bereits bemerkt, dass er keinen Ehering trug und eine seltsame Erleichterung strömte durch ihre Glieder, obwohl sie doch eigentlich hätte zittern sollen.
„Da es offenkundig keine Chance mehr gibt, mein Eindringen zu leugnen, werde ich Ihnen die Wahrheit gestehen. Ja, ich bin eine Diebin!“
„Sie geben es also zu?“
Überrascht stemmte Joshua die Hände in die Hüften. Der Gedanke, dieses zarte, rothaarige Geschöpf den Behörden übergeben zu müssen, gefiel ihm auf einmal ganz und gar nicht.
„Ich gestehe in Ihr Zimmer eingebrochen zu sein, mit dem Vorsatz zu stehlen, doch Sir, ich konnte mich nicht wehren, denn ich werde erpresst!“
„Von wem?“
Ein Muskel seines Kiefers knackte. Wenn dieses Luder die Wahrheit sprach, würde er ihren schamlosen Erpresser noch vor Morgengrauen zum Duell fordern, sollte sie ihn aber anlügen, würde er jegliche Scham vergessen und sie nehmen, hier und jetzt, im Bett oder gleich auf dem Teppichboden.
„Es handelt sich um Lord Gallagher.“
„Harvey Gallagher? Welchen Grund sollte er haben, eine junge Dame zu erpressen?“ Nachdem Lavinia Mayfair in knappen Worten ihre Situation geschildert hatte, setzte sie sich niedergeschlagen auf die Bettkante.
„Ich werde mich erst wieder aus seinen Klauen befreien können, wenn ich meine Schuld bei ihm abgeglichen habe.“
„Dieser widerwärtige Mistkerl!“
Empört stapfte Joshua durch den Raum. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Lavinia und eine unbekannte Sehnsucht überkam ihn. Er wollte dieses Mädchen küssen, erst sanft und dann hart, wollte, dass sie die gleiche schmerzliche Leidenschaft spürte, wie er selbst, doch stattdessen strich er ihr nur schnell über die Wange und zuckte erschrocken zurück, weil ihm die Berührung ihrer weichen Haut, wie der Griff in eine brennende Flamme erschien. „Machen Sie sich keine Sorgen! Ich werde Sie von nun an beschützen, doch zuvor müssen Sie mir noch eine Frage beantworten.“
Er hockte sich neben sie in die Kissen.
„Was sollten Sie in Gallaghers Auftrag aus meinem Zimmer stehlen?“
„Nichts, Sir, ich schwöre. Ich habe mich tatsächlich im Fenster geirrt. Eigentlich sollte ich das Smaragdcollier von Lady Talbot entwenden.“
Lavinia kreuzte die Hände in ihrem Schoß. Es war verstörend, diesen attraktiven Mann nur einen Atemhauch entfernt zu wissen.
„Tatsächlich hat Lady Talbot ihr Zimmer genau neben meinem. Es wird Gallagher nicht sonderlich gefallen zu hören, dass sich das kostbare Schmuckstück weiterhin im Besitz der Dame befinden wird, obgleich ich vermute, dass ihn mein Kinnhaken zumindest für einige Stunden von all seinen Sorgen befreien wird.“
„Sir Joshua, Sie dürfen sich nicht mit Harvey schlagen! Er ist ein Dreckskerl! Er würde sich eines Tages schrecklich an ihnen rächen.“
„Haben Sie denn Angst um mich?“ fragte Joshua leise.
Er lächelte, als er ihre Hand auf seinem Arm fühlte.
„Ich fürchte vor allem um mich selbst, Sir! Gallagher würde doch sofort durchschauen, dass ich es war, die ihn verraten hat. Ich wäre meines Lebens nicht mehr sicher.“
„Verstehe!“
Die eisige Kälte kehrte in Mayfairs Herz zurück. Einen Wimpernschlag lang, hatte Lavinias Berührung die bösen Geister der Vergangenheit vertrieben.
„Woher kennen Sie eigentlich meinen Namen?“
„Oh, jeder kennt Sie hier auf der Burg. Sie sind in London ein bedeutender Mann, Sir.“ „Würden Sie behaupten, dass auf mein Wort Verlass ist?“
„Absolut, Sir!“
„Dann glauben Sie mir, wenn ich Ihnen verspreche, dass ich sie beschützen werde. Immer!“ Ungläubig wanderten Lavinias grüne Augen über sein Gesicht, wobei sie peinlichst darauf achtete, nicht in seinem sinnlichen Mund zu ertrinken.
„Sie kennen mich nicht, Sir! Ja, vielmehr haben Sie mich als schändliche Diebin entlarvt. Weshalb sollten Sie mir helfen wollen?“
„Weil ich es für ein unverzeihliches Verbrechen halte, junge unschuldige Damen in Not zu bedrängen. Lord Gallagher hat sich eines Gentleman nicht würdig erwiesen. Ich sehe mich verpflichtet, die Ehre meines Standes wieder rein zu waschen, indem ich Sie von ihm freikaufe.“
„Ich verstehe, Sir!“
Lavinia biss sich auf die Lippen. Sie wollte nicht darüber nachdenken, welche Antwort sie sich gewünscht hatte. Er würde nicht ihretwegen zur Tat schreiten, sondern um irgendjemandes Ehre zu retten. Wahrscheinlich würde sie dieses Wort bis an ihr Lebensende hassen.
„Ich danke Ihnen, Sir, dass sie sich meinetwegen solche Mühe machen...“, sie stockte, weil er zärtlich ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und sie ihm das Gesicht zuwenden musste.
„Wie heißt du?“, flüsterte er.
„Lavinia Hershey.“
„Dann höre mir nun gut zu, Lavinia Hershey. Ich möchte nie wieder ein Wort des Dankes von dir hören, denn alles was ich in dieser Angelegenheit unternehmen werde, tue ich nicht für dich, sondern einzig für mich! Haben wir uns verstanden?“
Er senkte seine Lippen auf ihren Mund.
***
„Mörder! Zu Hilfe! Sie haben sie umgebracht! Mörder!“
Lavinia und Joshua stoben auseinander, als sie die lauten Stimmen auf dem Gang vernahmen. „Was ist da draußen los? Mörder?“
Lavinia rückte ihr Fichu zurecht, um ihren Busen zu bedecken, der mittlerweile von einer Flut roter Locken umzingelt wurde. Schnell sprang sie auf und rannte hinter Joshua aus dem Zimmer. Beinahe wäre sie erneut mit ihm zusammengeprallt, denn er stand unmittelbar hinter der Tür und starrte verwirrt auf den Menschenauflauf, der sich nebenan vor Lady Talbots Schlafgemach versammelt hatte.
„Was ist geschehen?“
Gröber als nötig, packte Mayfair einen vorbeieilenden Pagen am Kragen.
„Lady Talbot wurde ermordet, Sir!“, stammelte dieser.
„Man hat sie erstochen.“
Entsetzt blickte sich Mayfair nach Lavinia um, die zitternd die Arme um ihre Schultern gelegt hatte.
„Komm!“
Sanft griff er nach ihrer Hand und schob sie dicht an sich gepresst durch die Menge.
Sarah, Lady Talbot, lag tot vor ihrer Frisierkommode, das dunkle Haar über ihr bleiches Gesicht verstreut. Sie trug noch das teure Ballkleid am Körper und inmitten der üppigen Seide, an der Stelle über ihrem Herzen, steckte die Spitze einer Nagelfeile.
„Eine kaltblütige Tat!“
„Ich habe heute Abend noch mit ihr getanzt.“
„Wer kann das nur getan haben?“
„Egal wer dieses Verbrechen begangen hat, er muss noch unter uns sein. Schließlich hat seit gestern keiner mehr die Burg betreten oder verlassen.“
Joshuas Stimme schnitt kalt durch den Raum und ließ das aufgeregte Flüstern und Raunen augenblicklich verstummen. Mayfair hatte recht. Der Mörder musste sich noch in der Burg befinden. Argwöhnisch betrachtete ein jeder seinen Nachbar. Auch Lavinia suchte ein bestimmtes Gesicht im Tumult, während Joshua neben der Leiche niederkniete und nachdenklich zwei Finger gegen den Mund drückte.
Wenn sie es nicht besser wüsste, dachte Lavinia, würde sie Trauer hinter seiner ausdruckslosen Miene vermuten, doch schließlich hatten sich Mayfair und Lady Talbot nur flüchtig gekannt. Doch was wusste sie schon? Sie kannte Joshua erst seit wenigen Stunden und alles was sie bisher über ihn erfahren hatte, war die Gewissheit, niemals wieder das Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut vergessen zu können.
In der Nähe des Kamins, in dem noch ein Feuer knisterte, stand Harvey Gallagher. Er kniff die Augen zusammen und musterte Lavinia von Kopf bis Fuß. Natürlich, er hatte sie und Mayfair gemeinsam hereinstürzen sehen, Hand in Hand, obwohl sie doch eigentlich das Collier für ihn hatte rauben sollen. Lady Talbots Collier! Ein Schauder rann über Lavinias Rücken. Hätte sie sich nicht im Fenster geirrt, wäre sie hier in diesem Raum gewesen, allein mit einem Mörder!
„Seht nur einmal, er hat ihr noch Rosen geschenkt!“
Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich nach dieser Feststellung eines der weiblichen Gäste wieder auf Mayfair, der noch immer vor der Toten kauerte und gedankenversunken einen der üppigen Blütenkelche studierte. Tatsächlich war offenbar im Kampf mit dem Mörder eine Vase mit gelben Rosen umgestürzt und die dornigen Blumen ergossen sich nun dekorativ über die leblose Sarah.
„Mayfair, wir müssen sie hier fortschaffen.“
Hardcastle beugte sich zu Joshua hinab. Sein Gesicht war aschfahl, kam es doch nicht häufig vor, dass ihm die Gäste seiner Feste einfach hinweggemordet wurden. Gespannt wartete Lavinia auf Mayfairs Antwort, doch im gleichen Moment wurde sie von hinten gepackt und unsanft aus der Menge gezerrt.
„Ich fürchte, du wirst mir einiges zu erklären haben!“, zischte Gallagher an ihrem Ohr.
***
Verärgert stapfte Joshua den düsteren Gang entlang. Er hatte gesehen, wie Lavinia von Gallagher fortgezogen worden war, aber er hatte nicht einschreiten können, ohne sie beide zu kompromittieren. Es waren noch einige Dinge zu klären, bevor er endlich das tun konnte, was ihm vor dieser mitternächtlichen Begegnung noch unvorstellbar erschienen war.
Als erstes wollte ein Mord aufgeklärt werden! Mit vereinten Kräften hatten er und Hardcastle Lady Sarahs Leichnam zuerst in eines der unbenutzten Zimmer im Ostflügel getragen und waren dann in den Ballsaal zurückgeeilt, um den dort versammelten Herrschaften ihre Instruktionen zu erteilen. Es war undenkbar, die Gesellschaft noch länger als einen weiteren Tag auf der Burg festzuhalten, obgleich Joshua genau das bevorzugt hätte. Doch letztendlich musste er sich damit abfinden, dass spätestens morgen alle nach London zurückreisen würden und sich die Verdächtigen, wie Sand im Wüstensturm über die Hauptstadt verstreuen konnten. Es gab nur eine Sache, die ihm noch schlimmer erschien – Frankreich!
Am Ende des Korridors tauchte Gallaghers Tür auf. Mayfair spannte seine Muskeln an, bog um die letzte Ecke – und stieß gegen eine Welle von Seide und Spitze. Für einen Herzschlag, glaubte er , Lavinia in den Armen zu halten, bis er die Lorbeeren im dichten Blondhaar erkannte. Isabelle Penhalligan stieß einen markerschütternden Schrei aus, trat ihm mit aller Wucht gegen das Schienbein und mühte sich verzweifelt aus Joshuas Armen zu entkommen, doch er hielt sie wie in einem Schraubstock gefangen.
„Isabelle! Nun beruhigen Sie sich um Himmels Willen!“
Er presste eine Hand auf ihren Mund.
„Sie werden die gesamte Burg aufschrecken, dass man glauben wird, es soll noch ein zweiter Mord geschehen. Ich bin es, Isabelle, erkennen Sie mich nicht?!“
Isabelle Penhalligans blaue Augen wurden kreisrund, als sie Mayfair ins Gesicht blickte. Im Schein der Kerzen an der Wand bemerkte Joshua, wie ihre wilde Panik langsam einer stummen Anbetung wich.
‚Ich werde auch vor nichts verschont, seufzte er innerlich.
„Kann ich jetzt die Hand von Ihrem Mund nehmen, ohne dass Sie mir das Haus zusammenschreien? Ja? Sehr schön!“
Auf Isabelles heftiges Nicken hin, ließ er seine Handfläche von ihren Lippen sinken, behielt ihre Schultern aber in festem Griff.
„Sir Joshua! Ich dachte...oh, mein Gott, ich war mir sicher, dem Mörder in die Arme gelaufen zu sein. Ihr habt mich so erschreckt, Sir! Ich glaubte, nun habe mein letztes Stündlein geschlagen.“ Die Erleichterung des Mädchens verwandelte sich in ein leises Schluchzen. „Was schleichen Sie hier herum, Miss Penhalligan? Sie sollten brav in Ihrem Bett liegen und schlafen.“
„Wie kann ich nach solch einem entsetzlichen Abend an Schlaf denken?“
Isabelle klammerte sich an Joshuas Rockschöße.
„Ein Mörder ist unter uns, er könnte jederzeit in mein Zimmer eindringen und mich erstechen, wie es der armen Lady Talbot geschehen ist!“
„Das ist äußerst unwahrscheinlich“, versuchte Mayfair das verstörte Mädchen zu beschwichtigen.
„Wir wissen noch nicht einmal, weshalb Lady Talbot ermordet wurde. Das Motiv könnte im persönlichen Umfeld der Toten zu finden sein, tatsächlich ist das sogar meistens der Fall. Ihnen droht bestimmt keine Gefahr, doch wenn Sie sich sicherer fühlen wollen, schließen Sie einfach Ihre Zimmertür heute Nacht ab.“
„Daran habe ich schon gedacht. Ich habe auch abgeschlossen, als ich vorhin das Zimmer verlassen habe. Der Mörder könnte sich während meiner Abwesenheit dort womöglich einschleichen und auf meine Rückkehr warten...“
Sie brach erneut in Tränen aus und presste ihre nasse Wange gegen Joshuas Brust.
„Das war eine sehr gute Idee, Miss Penhalligan. So wird Ihnen nichts geschehen. Versprechen Sie mir nun zu Bett zu gehen und sich keine Sorgen mehr zu machen?“
Unbeholfen tätschelte er ihren Scheitel.
„Sir Joshua, könnten Sie mich vielleicht auf mein Zimmer begleiten, die Flure sind so furchtbar finster...“
Der flehentliche Ausdruck ihrer blauen Augen, machte ihn weich, aber er erinnerte ihn auch an ein Paar anderer Augen, die zur selben Zeit vielleicht bereits in die Mündung einer Pistole schauten. Sein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es wieder angstvoll zu rasen begann.
„Sie sind ein tapferes Mädchen, Isabelle, wagen Sie allein zu gehen, wenn ich schwöre hier stehenzubleiben bis Sie wohlbehalten Ihr Zimmer erreicht haben? Beim kleinsten Geräusch, könnte ich Ihnen zur Hilfe eilen.“
Behutsam löste er ihre Hände von seiner Weste.
„Nun gut, Sir!“
Die Enttäuschung war Isabelle deutlich anzusehen, aber Sie wollte sich vor dem Objekt ihrer Begierde keine Blöße geben.
„Und Sie warten auch ganz bestimmt?“
„Mein Ehrenwort, Miss Penhalligan! Ich wünsche Ihnen schöne Träume.“
„Gute Nacht, Sir Joshua!“
Klein und zart huschte Isabelle Penhalligans Gestalt durch den dunklen Korridor davon. An der Ecke zu ihrem Zimmer, wandte sie sich noch einmal um und winkte Mayfair zum Abschied schüchtern zu.
Meine Güte, dachte Joshua, als sie verschwunden war, ich würde meine Tochter in diesem Alter nicht mutterseelenallein der Gesellschaft überlassen. Das Mädchen war ja höchstens 17 Jahre, kein Wunder, dass es der heutige Vorfall zu Tode geängstigt hatte. Er wartete noch, bis er das Geräusch eines sich umdrehenden Schlüssels hörte, dann trat er durch Gallaghers Tür.
***
Lavinia saß gefesselt auf einem Stuhl und funkelte Harvey Gallagher aus grünen Katzenaugen bitterböse an. Vor ihr auf dem Schreibtisch lagen Mayfairs Krawattennadel und die Schnupftabaksdose.
„Das soll wohl ein schlechter Scherz sein!“
Gallagher schlug mit der Faust gegen den Kaminsims.
„Ich schicke dich los, Lady Talbots Smaragdcollier zu stehlen und was bringst du mir – diese magere Ausbeute!“
Zornig griff er nach der Dose und schleuderte sie an die Wand.
„Aber damit nicht genug! Ausgerechnet an diesem Abend wird Lady Talbot das Opfer eines Mörders und meine kleine Meisterdiebin, die ich in ihrem Zimmer vermutet hatte, kommt stattdessen Händchen haltend mit dem reichsten Gast des Balles angelaufen. Und glaube mir, Schätzchen, du sahst nicht so aus, als hättet ihr eine Runde Bridge gespielt.“
Brutal riss Harvey an Lavinias Mieder, bis der Stoff mit einem Ratsch den Blick auf ihren Busen freilegte. Beschämt versuchte Lavinia die nackte Haut unter ihren Locken zu verstecken, doch Gallagher schien sich kaum dafür zu interessieren. Haare raufend polterte er durch den Raum und steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein.
„Sag mir nur eins!“
Mit erhobener Hand postierte er sich vor Lavinia.
„Wie oft hast du mich schon hintergangen? Wie vielen Männern hast du bereits deine Gunst geboten und nebenbei noch erzählt, für wen du ab und an deine harmlosen Geschäfte tätigst?“
„Ich habe niemandem je etwas über unsere Abmachung berichtet, Harvey!“, beteuerte Lavinia. Niemand außer Mayfair. Oh, Joshua, wo bleibst du nur? Hilflos zerrte sie an ihren Fesseln.
„Ich habe dich in der Hand, Lavinia Hershey! Wenn du mich verrätst, erzähle ich allen, dass ich dich in Sarah Talbots Zimmer geschickt habe und jeder wird glauben, dass sie dich beim Stehlen erwischt hat und du sie deshalb umgebracht hast!“
Lavinia wurde bleich. Sie schluckte. Ihre Kehle war vollkommen ausgedörrt.
„Du vergisst, dass ich ein Alibi habe. Ich war den Abend mit Mayfair zusammen.“
„Mayfair wird sich hüten dir ein Alibi zu geben, meine Süße. Unser ehrenwerter Gentleman holt sich vielleicht eine gemeine Diebin ins Bett, aber das würde er niemals öffentlich zugeben.“
„Ich wäre mir da an Ihrer Stelle nicht so sicher, Gallagher!“
Gefährlich ruhig betrat Joshua den Raum. Unbeteiligt musterte er Lord Harvey, die gefesselte Lavinia und zog erstaunt eine Augenbraue nach oben, als er seine Schnupftabaksdose auf dem Boden entdeckte. Nur Lavinia bemerkte den Zorn und die Angst, die in Mayfair brodelten.
„Ich könnte mir eine weitere Variante der heutigen Geschehnisse denken, Gallagher. Sie sind nervös, denn Sie haben Ihren Schützling auf die Jagd nach Lady Talbots kostbaren Smaragdcollier geschickt. Sie sitzen wie auf glühenden Kohlen. Die ersten Gäste verlassen bereits den Ball und das Mädchen ist noch immer nicht zurück. Ist etwas schief gelaufen, würde sie womöglich erwischt? Was können Sie tun?
Sie beschließen einmal selbst nach dem Rechten zu schauen und was müssen Sie feststellen – das Zimmer ist leer, keine Spur von Lavinia und das Collier liegt noch immer an seinem Platz. Kochend vor Wut auf das Mädchen, entscheiden Sie das Collier eigenhändig zu stehlen und während Sie die Tat ausführen, erscheint überraschend Sarah Talbot. Sie durchschaut die Situation sofort, doch noch ehe sie um Hilfe rufen kann, greifen Sie, Gallagher, nach der Nagelfeile auf der Frisierkommode und erstechen ihre einzige Zeugin.“
„Das ist nicht wahr!“, bellte Gallagher.
„Sie wissen, dass ich es nicht getan habe. Ich bin wie Sie, erst hinzugekommen, als Lady Talbot bereits tot war. Und das verdammte Collier liegt noch immer an seinem Platz. Weshalb hätte ich es zurücklassen sollen, wenn ich sie umgebracht habe?“
Joshua zuckte ungerührt mit den Schultern.
„Vielleicht waren Sie so in Panik, dass Sie es schlicht vergessen haben! Aber beruhigen Sie sich, ich glaube selbst nicht, dass Sie es gewesen sind. Ich wollte Ihnen nur demonstrieren, dass es nicht klug wäre, Miss Hershey zu diffamieren. Schließlich hat sie ein wasserdichtes Alibi. Sie hat die Nacht bei ihrem Verlobten verbracht! Und nun, Gallagher, wäre ich Ihnen dankbar, würden Sie Lavinia von ihren Fesseln befreien, damit ich Sie damit windelweich prügeln kann.“
***
Grau waberte die Dämmerung hinter den Tannenwipfeln herauf, als Mayfair und Lavinia den Tatort betraten.
„Ich verstehe noch immer nicht, Sir, weshalb sie so dringend meine Hilfe benötigen.“
Lavinia steckte ihre Haarnadel, mit der sie eben die verschlossene Tür geöffnet hatte, zwischen eine widerspenstige Locke.
„Ich bin Ihnen zwar äußerst dankbar, dass Sie meine Schulden bei Lord Gallagher beglichen haben, aber ihm deshalb unsere Verlobung vorzuspielen...Geht das nicht etwas zu weit, Sir? Ich möchte mich selbstverständlich für Ihre Mühen erkenntlich zeigen...“
„Dann sollten Sie dies auch tun, Miss Hershey.“
Ohne Lavinia eines Blickes zu würdigen, schlenderte Joshua ans Fenster. Unten auf dem Hof scheuchten Hardcastles Pagen umher und beluden die wartenden Kutschen mit Gepäck.
„Ich habe beschlossen, dass Sie mir bei der Aufklärung dieses Mordes behilflich sein werden. Außer Ihnen kenne ich keine andere Frau, die Schlösser knacken oder über Balkonbrüstungen klettern kann. Es ist durchaus denkbar, dass uns diese Fähigkeiten eines Tages von Nutzen sein könnten.
Und was die Verlobung betrifft – nun, als zukünftige Lady Blackmoore werden Sie ein willkommener Gast auf allen wichtigen Festen der Saison sein und wenn mich nicht alles täuscht, wird unser Mörder dort ebenfalls anwesend sein.“
„Sie glauben also tatsächlich, dass es sich um ein Mitglied der besseren Gesellschaft handelt?“
„Welchen Grund sollte ein Bediensteter haben, Lady Talbot umzubringen? Bekanntlich gibt es drei Motive für Mord – Eifersucht, Rache und Geld. Letzteres schließe ich, dank Lord Gallaghers logischer Erklärung aus. Ein Dieb hätte das Smaragdcollier nicht zurückgelassen, wenn er dafür sogar einen Mord begangen hätte. Nein, lassen Sie uns lieber die anderen beiden Theorien unter die Lupe nehmen.“
Mayfair lehnte sich an die Fensterbrüstung und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Es hat ganz offensichtlich ein Kampf stattgefunden.“
Sie betrachteten die Verwüstung im Zimmer. Noch immer lagen die gelben Rosen verstreut über dem Teppichboden, ein umgestürzter Kandelaber war auf die Frisierkommode gestürzt und hatte einen Parfumflakon mitgerissen, dessen süßlicher Honigduft durch die Luft wehte. „Was bedeutet, dass Lady Talbot bereits umgebracht wurde, während wir uns alle noch auf dem Ball befanden.“
„Fast alle. Denn einer muss sich mit Lady Sarah in diesem Zimmer befunden haben.“ „Richtig! Aber die Tat musste bereits geschehen sein, bevor ich Ihre Bekanntschaft machen durfte. Die Zimmer liegen genau nebeneinander, einen Todeskampf hätten wir wohl kaum überhören können.“
„Sind Sie sicher, Sir?“
Zaghaft strich sich Lavinia eine Locke aus den Augen.
„Vielleicht waren wir beide so, ähm, beschäftigt, dass wir bedauerlicherweise einfach nichts bemerkt haben?“
Ein Lächeln streifte Joshuas Gesicht. Gegen seinen Willen streckte er die Arme aus und zog Lavinia an seine Brust. Leidenschaftlich presste er seine Lippen auf ihren Mund und ein heißes Glücksgefühl durchströmte ihn, als er spürte, wie sie den Kuss mit der gleichen Leidenschaft erwiderte. Körper an Körper, ihre zarten Kurven gegen sein Hemd gelehnt, verharrte sie eine Ewigkeit.
„Oh, Joshua!“
Lavinia suchte nach den Worten, die ihr eben noch auf der Zunge gelegen hatten, doch ihre Gedanken waren plötzlich wie in Watte verpackt. Stattdessen presste sie ihre Stirn gegen Joshuas kratzige Wange und streichelte ihm zärtlich durch sein dichtes, drahtiges Haar. Befriedigt nahm sie zur Kenntnis, dass seine wunderbaren Hände die Rundungen ihrer Hüften nachzeichneten.
„Du bist herrlich weich. Das Schönste, was mir im Leben jemals begegnet ist!“
Tief seufzend nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und blickte ihr wehmütig in die Augen.
„Gott weiß, wie sehr ich mich danach sehne, dich zu lieben, aber wir müssen es verschieben, meine Zauberhafte. Bald wird es hell sein, dies ist die einzige Chance den Tatort vor unserer Abreise zu besichtigen.“
„Wir werden gemeinsam nach London reisen?“
„Du bist meine Verlobte.“
Er knabberte an ihrem Ohrläppchen.
„Aber alles ist nur ein Spiel, bis wir den Mörder gefasst haben?“ Bitte, nein! Lavinia krallte ihre Finger in den Stoff seiner Weste.
„Das ganze Leben ist ein Spiel. Nichts dauert für die Ewigkeit.“
Er bemerkte nicht, wie sich Lavinia unter seinen Liebkosungen versteifte. So sah er ihr Verhältnis also, sie war für ihn nur Mittel zum Zweck, eine Geliebte für die verbleibenden Sommernächte, doch wenn sie den Fall gelöst hatten, würde sie wieder gehen müssen, allein zurück in die Einsamkeit. Es hatte sie nie gestört, auf sich allein gestellt zu sein, doch damals hatte sie nicht gewusst, was Liebe war. Nun wünschte sie sich schmerzlich den Rest ihres Lebens mit Joshua verbringen zu dürfen.
„Das Feuer ist verloschen.“
Lavinia hob auf Mayfairs Feststellung hin den Kopf und bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. Ahnte dieser Mistkerl eigentlich, welche Seelenqual sie seinetwegen durchzustehen gezwungen war? Wohl kaum. Ungläubig beobachtete Lavinia, wie Mayfair von ihr abließ und grübelnd mit einem Schürhaken in der Asche stocherte.
„Findest du es nicht auch seltsam, dass Lady Talbot an einem lauen Sommerabend ihren Kamin anfachen ließ? Wenn man bedenkt, dass sie verschwitzt vom Tanzen hierher zurückkehrte, ist es doch höchst merkwürdig.“
„Vielleicht hatte sie Angst sich zu erkälten?“
„Oder sie wollte etwas verbrennen!“
Mayfair klopfte sich eine Spur Asche von der Hose.
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„Ein Ball und eine begehrte Frau, zwei Dinge, die sich nur schwer trennen lassen. Wie wir bereits festgestellt haben, hat Lady Talbot die Tanzfläche schon wesentlich früher verlassen, doch weshalb? Sie muss einen wichtigen Grund gehabt haben auf ihr Zimmer zu gehen, einen Grund, der ihr wichtiger erschienen war, als alle Tänze dieser Welt.
Vielleicht hat sie eine Nachricht erhalten, eine Botschaft ihres späteren Mörders, ein kleiner Zettel beispielsweise, den niemand zu Gesicht bekommen sollte und den sie deshalb im Kamin verbrannt hat.“ „Oder der Mörder hat den Zettel selbst verbrannt, weil man durch ihn Schlüsse auf seine Identität hätte ziehen können.“
Lavinia hob eine Rose vom Boden auf und vergrub die Nase in den sanften Blättern.
„Ein Verehrer, der Rosen verschenkt und um ein spätes Rendezvous bittet.“ „Und der seine Angebetete tötet, weil sie ihn verschmäht? Damit hätten wir das Motiv der Eifersucht.“ „Sarah Talbot war sehr schön und reich. Sie wird auf viele Männer attraktiv gewirkt haben.“ „Ja, durchaus.“
Auf diese knappe Erklärung hin, runzelte Lavinia die Stirn. Wie gut hatte Joshua Lady Talbot wirklich gekannt?
„Es könnte jedoch noch einen weiteren Grund geben.“
Mayfair kniff seine bernsteinfarbenen Augen zusammen.
„Der verstorbene Lord Talbot war schon einmal verheiratet, ehe er Sarah kennenlernte. Sie war seine zweite Frau.“
„Und wenn schon. Es ist nur natürlich, wenn ein Witwer wieder heiratet.“
„Da stimme ich dir voll und ganz zu, meine Liebe. Leider war Lord Talbots Ehefrau alles andere als tot.“
„Du meinst, er hat sich wegen Sarah scheiden lassen?“
„Er hat seine Ehe annullieren lassen. Die erste Lady Talbot war als junges Mädchen mit ihrem damaligen Liebsten nach Gretna Green geflohen und hat den Mann gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet. Diese wollten einen reichen Gemahl für Gwendolyn, keinen armen Schlucker und sei er auch von noch so altem Adel.“
„Wie den steinreichen Lord Talbot.“
Joshua nickte.
„Die Familie hat sie verstoßen. Doch Gwendolyn liebte ihren Mann und sie wurden glücklich, wenn sie auch arm blieben. Dann starb ihr Mann, er war noch sehr jung und ihr Vater zwang Gwen, nun Lord Talbot doch zu heiraten. Der Tod ihres Liebsten hatte ihr das Herz gebrochen, wie hätte sie noch die Kraft aufbringen können, sich gegen ihren Vater zur Wehr zu setzen?
Natürlich war es eine unglückliche Ehe und als Talbot Lady Sarah kennenlernte, ließ er seine Frau kurzerhand für unzurechnungsfähig erklären. Sie hatte bereits einmal versucht sich das Leben zu nehmen und nach der Annullierung dieser unseligen Verbindung, stürzte sie sich aus ihrem Fenster in den Tod.“
„Entsetzlich! Aber wenn die erste Lady Talbot tot ist, wer hätte dann ein Motiv sich an Sarah zu rächen?“
„Jemand, der Gwendolyn geliebt hat und allen Grund besitzt, Talbot für sein Handeln zu hassen. Ihre Schwester, Lady Jennifer Hamilton.“
„Sie ist auch Gast auf der Burg, Joshua, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Lady Talbot vor ihrer Ermordung Rosen geschickt hat.“
„Vielleicht als Zeichen der Versöhnung? Zudem muss der Rosenkavalier nicht zwangsweise auch der Mörder sein, meine wunderbare Lavinia. Jennifer Hamilton hat ein Motiv wie aus dem Lehrbuch für Kriminalisten und außerdem“, er betrachtete die blutige Nagelfeile vor dem Toilettenspiegel, „benutzen vorzugsweise Frauen diese filigrane Art von Mordwerkzeugen.“ „Oder Männer, die glauben machen wollen, dass die Tat von einer Frau begangen wurde.“ „Demnach haben wir als Hauptverdächtige den berühmten Mister X und Jennifer Hamilton. Die Motive der Eifersucht und der Rache.“
Er zwirbelte eine von Lavinias Locken um seinen Finger.
„Ich bin sehr froh, dass ich eine Meisterdiebin zur Verlobten genommen habe.“
Er küsste sie voller Inbrunst.
„Darf ich fragen weshalb, Sir?“, wisperte Lavinia, als sie wieder Luft bekam.
„Ich kann als Alibi stets auf meine Frau verweisen, wenn wir gezwungen sind, zur Aufklärung dieses Verbrechens etwas von seinem Platz zu entwenden.“
Grinsend griff Mayfair nach einer Rose und steckte sie in sein Knopfloch.
***
„Grün steht Ihnen wirklich ausgezeichnet, Verehrteste.“
Jennifer Hamilton gesellte sich in dem überfüllten Ballsaal zu Lavinia. Trotz der fortgeschrittenen Abendstunde drang von der Veranda eine warme Brise durch die hohen Flügeltüren und die Kerzen in den goldenen Kandelabern bogen sich unter dem sachten Windhauch, der noch verstärkt wurde, wenn die tanzenden Paare an ihnen vorbei über das Parkett wirbelten.
„Es hat uns gelinde gesagt überrascht, als wir von Mayfairs Verlobung hörten, Miss Hershey. Die meisten hätten vermutet, dass Lord Blackmoore niemals mehr heiraten würde.“
„Lord Blackmoore behält seine privaten Angelegenheiten lieber für sich. Ich kann Ihnen versichern, dass wir beide uns schon seit längerem sehr nahe stehen.“
Errötend vergrub Lavinia die Nasenspitze in ihrem Champagnerglas.
„Das habe ich mir gedacht.“
Lady Hamilton schüttelte ihre bauschigen Röcke über das zierliche Kanapee.
„Mayfair würde keine überstürzte Ehe eingehen mit einer Frau, die er nicht liebt.“
„Das hört sich an, als würden Sie meinen Verlobten gut kennen, Lady Hamilton.“
Lavinia versuchte möglichst unbeteiligt zu klingen, doch irgendwie hatte sie den Verdacht, dass ihr das nicht gelang. Über die Köpfe der Festgäste hinweg, hielt sie Ausschau nach Joshua. Er hatte sie nach dem Eröffnungstanz allein zurückgelassen, um die Lage zu inspizieren. Sie sollte derweil Lady Hamilton in ein Gespräch verwickeln, doch Lavinia konnte sich beim besten Willen nicht konzentrieren. Joshua war in diese Mordaffäre verstrickt, das spürte sie vom Scheitel bis in den kleinen Finger. Nur wie tief er darin versunken war, konnte sie noch nicht ermessen.
„Ach, wir sind uns das erstemal schon vor langer Zeit begegnet. Aber ich kenne ihn selbstverständlich nicht so gut wie Sie, Miss Hershey. Nur hätte er nicht schon längst eine Frau haben können, wenn er gewollt hätte? Dieser attraktive Mann? Er scheint auf die Richtige gewartet zu haben – auf Sie, Lavinia.“
Oh, wie sehr wünschte sie sich das es wirklich so wäre! Lavinia musste mit aller Macht die Tränen zurückblinzeln.
„Ich liebe ihn!“, flüsterte sie.
„Und genau das hat er erkannt, meine Freundin!“
Aufmunternd streichelte Jennifer Hamilton ihre Hand.
„Nur Narren heiraten des Geldes wegen und machen sich und andere damit unglücklich. Nichts ist stärker als die Liebe. Jeder der das nicht begriffen hat, gehört erschossen!“
Oder erstochen? Lavinia fühlte wie ein Schauder ihren Rücken herabrieselte.
„Miss Hershey?“
Natürlich fuhr sie erschrocken zusammen, als ihr jemand die Hand auf die Schulter legte. Hastig wand sie sich um und blickte in Hardcastles bekanntes Gesicht.
„Würden Sie mir diesen Tanz gestatten? Ich muss die Zeit nutzen, solange sich Ihr Verlobter noch anderweitig beschäftigt.“
„Wenn Lady Hamilton mich entschuldigen kann...“, begann Lavinia zögernd.
Sie wollte noch mehr über die Frau in Erfahrung bringen, andererseits könnte es auch nicht schaden, das Informationsnetz weiter auszuweiten.
„Gehen Sie nur, liebe Miss Hershey“, flötete Jennifer Hamilton. „Man muss tanzen, solange man jung ist!“
„Sie müssen sehr glücklich sein!“
Hardcastle wirbelte Lavinia im Kreis umher.
„Mayfair ist eine glänzende Partie. Ich weiß nicht, wem ich mehr zu seiner Wahl gratulieren soll – Ihnen oder ihm.“
„Ich werte das als Kompliment, Lord Hardcastle.“
Lavinia hörte nur mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken waren immer noch bei Lady Hamilton. Bei dieser Frau lag der Schlüssel zu diesem Verbrechen, das erkannte sie plötzlich mit absoluter Gewissheit. Wenn nur Joshua endlich käme!
„Wissen Sie, Miss Hershey, dass ich mich tatsächlich für Ihre Verlobung verantwortlich fühle?“
„Wie das?“
„Nun, schließlich haben sich Blackmoore und Sie, während meines Sommerballes kennengelernt, obwohl Sie doch ursprünglich in Lord Gallaghers Gesellschaft kamen.“
„Er ist ein alter Freund meines verstorbenen Vaters.“
„Da wird er sich aber sehr über diese Verlobung gefreut haben?“
„Durchaus und wir sind untröstlich, dass er nicht zu unserer Hochzeit erscheinen kann. Dringende Geschäfte auf dem Kontinent, Sie verstehen?“
In der Tat hatte sich Gallagher nach dem unsäglichen Wochenende aus dem Staub gemacht. „Höchst bedauerlich.“
Schweigend tanzten sie an einem jungen Paar vorbei. Die blonde Frau hob den Kopf und als sie Lavinia erkannte, breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus.
„Miss Hershey! Endlich bekomme ich Sie zu sehen!“
Isabelle Penhalligan plauderte über die Schulter ihres Tanzpartners hinweg mit Lavinia.
„Ich möchte Ihnen zu Ihrer Verlobung gratulieren. Es kommt von Herzen, niemand weiß besser als ich, welch wundervoller Mann Sir Mayfair ist. Mögen alle guten Geister mit ihnen sein!“
„Ich danke Ihnen, Miss Penhalligan.“
Lächelnd sah Lavinia zu, wie Isabelle und ihr Partner wieder aus ihrem Blickfeld entschwanden.
„Ein reizendes Mädchen!“
Hardcastle beugte sich tiefer zu Lavinia hinab.
„Ist Ihnen bekannt, dass Sie noch jüngst in Mayfair verliebt gewesen ist?“
„Ach, das sind doch nur Jungmädchenschwärmereien. Jetzt scheint Sie sehr an ihrem charmanten Tanzpartner zu hängen.“
Nein, auf Isabelle Penhalligan war sie keinesfalls eifersüchtig, Sarah Talbot, sie musste erfahren, was Joshua mit Lady Talbot verbunden hatte!
„Ich würde mir wünschen, dass das Mädchen sein Glück findet. Sie war immer so schrecklich allein.“
„Eine Waise, deren Eltern ihr genug Geld hinterlassen haben, dass sie sich ihren Platz in der Gesellschaft suchen kann. Scheint, dass sie ihn gefunden hat, Blackmoore wäre ohnehin nichts für das zarte Geschöpf gewesen.“
Hardcastle hielt mitten im Tanzschritt abrupt inne und zerrte Lavinia in den Schutz eines Zierfarns.
„Und Miss Hershey, ich fürchte, Sie machen ebenfalls einen großen Fehler, sollten Sie Blackmoore heiraten!“
„Wie können Sie das sagen?“
Lavinia entwand sich seiner Umklammerung.
„Sie sind so sanft und rein, er hingegen ist ein kaltblütiges Individuum. Ich habe erlebt, wie er den leblosen Körper der armen Sarah in den Osttrakt verfrachtet hat, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Er scheint mir zu allem fähig, womöglich hat gar er Lady Talbot ermordet.“
Hardcastles Worte überschlugen sich vor Entsetzen. Unbändiger Zorn bemächtigte sich Lavinias Geist, strömte in ihre Hände und ehe sie es sich versah, hatte sie Hardcastle schallend geohrfeigt.
„Sprechen Sie niemals wieder in solch abfälliger Weise von Joshua!“, fauchte sie.
„Falls es Sie interessiert, Lord Hardcastle, Mayfair hat ein Alibi! Er hat die gesamte Tatzeit mit mir verbracht und ich kann Ihnen versichern, dass mein Verlobter sanfter als ein Kätzchen ist! Gute Nacht, Lord Hardcastle!“
Wutentbrannt rauschte Lavinia aus dem Saal. Ihr Herz hämmerte und beruhigte sich erst wieder, als sie draußen im Foyer einen vertrauten dunklen Haarschopf erkannte. Oh ja, Joshua Mayfair war edel und tapfer und auch wenn sie für ihn nur Mittel zum Zweck war und ihre Verlobung vorgetäuscht, so würde sie ihn dennoch lieben bis an ihr Lebensende.
„Du weinst!“, stellte er vorwurfsvoll fest, während er ihr seinen Arm bot.“
„Unsinn!“, schniefte sie. „Hätte ich denn einen Grund? Mir ist eine Fliege ins Auge geflogen. Glaubst du mir etwa nicht?“
„Nein!“ Er lächelte.
***
Vollmond. Sein Licht war hell genug, dass Lavinia jeden ihrer Schritte sehen konnte, derweil sie durch die Parkanlage in Lady Talbots Garten schlichen.
„Sarah Talbots und Jennifer Hamiltons Häuser grenzen genau aneinander, wir können von dem einen Garten mühelos in den anderen gelangen.“
Joshua hielt Lavinias Arm fest an sich gedrückt und ließ sie nicht los, ehe sie vor der großen Eingangstür von Talbots Anwesen standen.
„Ihr Job, Mylady!”
Er wartete geduldig bis Lavinia mit ihrer Haarnadel das Schloss geknackt hatte.
„Ich muss schon sagen...“
„Ja, ich weiß, Sie sind unglaublich froh, eine Meisterdiebin als falsche Verlobte ausgesucht zu haben.“
Lavinia unterdrückte ein bedauerndes Seufzen. „Ich muss schon sagen, dass Sie heute Abend bezaubernd aussehen!“
Mayfair grinste belustigt und küsste die verdutzte Lavinia auf den Mund.
„Grün steht Ihnen ausgezeichnet.“
„Das habe ich heute schon einmal gehört, Sir!“
„So?“
Joshuas Grinsen schwand.
„Von wem?“
„Lady Hamilton.“
„Oh.“
Er knirschte mit den Zähnen. Sie log, er hatte sie tanzen sehen mit Hardcastle, dem Widerling und er hatte auch gesehen, wie sie beide lächelnd hinter einem riesigen Zierfarn verschwunden waren. Er hatte seine ganze Kraft aufbieten müssen, um nicht in den Ballsaal zu stürmen, Lavinia aus Hardcastles Armen zu reißen und selbigen zum Duell zu fordern.
Seiner vergötterten Lavinia zuliebe hatte er es nicht getan. Er hatte sie schon gezwungen seine Verlobte zu spielen, um einen Mord aufzuklären, mit dem sie nichts zu tun hatte, wie konnte er ihr noch in die Quere kommen, wenn sie ihrer wahren Liebe begegnete? Er räusperte sich. „Aber Lady Hamilton hat Ihnen sicher nicht gesagt, dass Ihr seideverschnürter Busen einladender ist als das Paradies. Kommen Sie jetzt, meine teure Freundin, wir müssen uns beeilen!“
***
In Sarah Talbots Schlafzimmer durchsuchten sie die Schränke, blickten in die Kommodenschubladen, in der Hoffnung etwas Ungewöhnliches zu entdecken, das Hinweise auf die Identität des Mörders hätte geben können. Doch sie fanden nichts Verdächtiges. Erschöpft ließ sich Lavinia vor den Toilettentisch sinken und begann unwillig die Tiegel und Flakons aus Wedgewood – Porzellan zu sortieren, denen der Geruch nach klebrigem Parfum entströmte. Süßer und betörender Honigduft!
„Joshua, sieh nur!“
Lavinia packte Mayfairs Hand.
„Was? Was?“
Joshua ging vor der Frisierkommode in die Knie. Ihm war, als würden tausende Blitze durch seine Hand fahren.
„Hier! Es ist das gleiche Parfum, wie wir es nach der Mordnacht am Tatort auf Burg Hardcastle gefunden haben.“
„Weshalb sollte Lady Talbot auf der Burg auch einen anderen Duft verwendet haben, als in London?“
Joshuas Miene drückte Skepsis aus.
„Sie verstehen nichts von Frauen, Sir!“
Lavinia schüttelte missbilligend den Lockenkopf.
„Ich hatte während unseres Aufenthaltes mehrmals das Vergnügen, sowohl an Lady Talbot selbst, sowie in ihrem Zimmer herumzuschnüffeln. Im wahrsten Sinn des Wortes, Sir! Sie verstehen sicher, dass ich aufgrund meiner früheren Tätigkeit das genaue Umfeld der Dame im Auge behalten musste. Tja, aber nun scheine ich es eher in der Nase zu haben.“
Lavinia legte eine bedeutungsvolle Pause ein.
„Sir, die beiden Düfte waren niemals identisch. Diesen Honigduft hat sie niemals an sich selbst getragen, sondern hat damit ihr Zimmer eingestäubt.“
„Diese wenig benutzten Burgzimmer sind oftmals muffig...“
„Sir!“
Lavinia bedachte Mayfair mit einem nachsichtigen Blick.
„Sie verstehen wirklich nichts von Frauen! Lady Talbot hat ihr Zimmer mit diesem Duft eingesprüht, weil er sie an etwas erinnerte – an jemand – den sie offensichtlich nicht mit auf den Ball nehmen konnte, den sie aber trotzdem immer um sich haben wollte.“
„Und der später womöglich heimlich nachgekommen ist?“
Joshuas bersteinfarbene Augen waren ein Spiegelbild von Lavinias leuchtenden Smaragden. „Sie haben es begriffen, Sir! Wenn wir herausfinden könnten, wer Lady Talbot dieses Parfum geschenkt hat, dann haben wir höchstwahrscheinlich unseren Rosenkavalier!“
„Woher wissen wir, dass sie sich den Flakon nicht selbst gekauft...ach, natürlich“, Joshua hob entschuldigend die Hände. „Ich vergaß, Frauen kaufen ihre Düfte keinesfalls selbst.“
„Zu irgendetwas müsst ihr Männer ja gut sein!“
Lavinia nahm all ihren Mut zusammen und küsste Joshua so heftig, dass sie beinahe vom Stuhl in seine Arme purzelte.
„Obwohl mir gerade noch ein paar andere Verwendungszwecke einfallen würden.“
Gemeinsam, eng aneinander gepresst, glitten sie auf den Boden. Lavinia sah voller Entzücken, wie Joshua ihr Kleid nach oben schob, knisternde Seide, die schimmernde Haut entblößte. Sie zerrte an seinem Rock, dann an seiner Weste. Er musste das ausziehen, sie wollte keinen Stoff mehr unter ihren Händen fühlen, sondern seine heiße Haut, seine harten Muskeln, modelliert im Mondschein.
„Süße, du bist mein Untergang!“
Joshua vergrub den Kopf in der Mulde zwischen ihren Brüsten. Unaufhaltsam kitzelte seine Zunge, die kleinen, reifen Himbeeren, die sich ihm sinnlich entgegenreckten.
„Gab es jemals ein schöneres Geschöpf als dich?“
Er schien sich selbst die Antwort zu geben, indem er begann, andächtig die zarte Stelle zwischen ihren Schenkeln zu streicheln. Lavinia biss sich auf die Lippen, um nicht laut aufzustöhnen. Miteinander verschmolzen rollten sie über den Teppich, bis er über ihr zum Liegen kam. Ungeduldig nestelte Joshua an seinem Hosenbund. Nie in seinem Leben hatte er solches Verlangen gespürt, er musste seine Schöne heute nacht lieben mit Haut und Haar und danach würde er sie niemals wieder loslassen. Lavinia schmiegte ihre Rundungen ergeben an seinen Leib. Sterne funkelten vor ihren grünen Augen, sie schmeckte das Salz ihrer beider Feuchtigkeit auf den Lippen.
„Halt mich, Joshua! Halt mich!“
Seine Finger wühlten sich durch ihre Locken, die sich in perlendem Schweiß kringelten. Der Schimmer des Mondes fiel sprühend wie Sternenstaub über den Boden, kroch bis in die geheimsten Ecken und im selben Moment, wie Joshua seine schwere Brust auf ihre senkte, entdeckte Lavinia den Schlüssel. Verborgen unter dem Kleiderschrank, leuchtete er silbern inmitten einer feinen Staubschicht.
„Joshua!“
„Ja, mein Engel, ich bin bei dir!“
„Nein, Joshua, sieh doch nur!“
Aufgeregt stemmte sich Lavinia gegen Mayfair bis er stöhnend von ihrem Schoß rollte.
„Was soll das, Lavinia?“
Joshua krümmte sich elend zusammen. Er war verloren, diese Frau würde sein Tod sein! Wie durch einen Schleier sah er, dass Lavinia halb entblößt zum Schrank krabbelte und triumphierend einen kleinen Schlüssel zum Vorschein brachte. Dann ergoss er sich auf das herabgezogene Bettlaken. Als er die Augen wieder öffnen konnte, lag sein Schopf in Lavinias weichen Röcken und eine Hand strich ihm zärtlich über die Stirn. Ein Schlüssel baumelte vor seiner Nase.
„Hab ich unter dem Schrank gefunden. Erst dachte ich, es sei wichtig, aber diese Initialen – G.A. – werden uns wohl doch nicht weiterbringen.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher!“
Grummelnd kam Joshua wieder in die Senkrechte. Er konnte nicht glauben, dass Lavinia vollkommen regungslos neben ihm saß, während ihm immer noch sämtliche Glieder zitterten. „Gwendolyn Ashcott, das war Lady Talbots Mädchenname.“
Als er ihr den Schlüssel abnahm, berührten sich ihre Hände.
„Wenn wir davon ausgehen, dass dies hier früher Gwendolyns Schlafzimmer gewesen ist, dann hätten wir eine Erklärung weshalb du ihn unter dem Schrank gefunden hast.“
„Ich würde zu gern wissen wollen, zu welchem Zimmer er gehört.“
Lavinia stützte einen Ellenbogen auf die gekreuzten Schenkel.
„Zu keinem in diesem Haus.“
Gedankenverloren streichelte Joshua über die ziselierte Oberfläche.
„Der alte Ashcott hatte eine seltsame Angewohnheit. Sämtliche Schlüssel seiner Häuser ließ er mit seinen Initialen versehen. Und auch hier – man spürt noch ganz deutlich die Prägung der Buchstaben. Ein „L“ und dann ein „A“.“
„Was bedeutet?“
„Dass es sich um ein Zimmer im Hause der Ashcotts handeln muss.“
„Wunderbar! Dann werden wie nur noch herausfinden müssen, um welches Anwesen es sich handelt. Dank seiner sanierten Finanzen, wird es sich höchstens um eine Arbeit weniger Monate handeln.“
„Irrtum, mein Schatz!“
Joshua lächelte diabolisch.
„Ashcott hatte nur ein einziges Haus.“
„Und wo befindet es sich, wenn ich fragen darf?“
„Gleich hinter dem Park. Ashcott hat das Haus seiner Tochter vermacht – Lady Hamilton.“
***
Ein Glöckchen bimmelte, als Mayfair die exklusive Parfümerie betrat. Außer ihm befand sich kein weiterer Kunde im Laden.
„Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?“
Der Mann hinter dem Tresen musterte seinen Rock aus feinstem dunkelblauen Kattun.
„Ich hoffe es. Ich war letztes Wochenende zu einer Landpartie eingeladen und eine ebenfalls dort anwesende Dame, benutzte dieses Parfum aus ihrem Geschäft.“
Joshua wickelte den Flakon aus Sarah Talbots Schlafzimmer aus seinem Taschentuch.
„Meine Begleitung war völlig hingerissen von diesem Duft und da sie bald Geburtstag hat, möchte ich ihn ihr gern zum Geschenk machen.“
„Selbstverständlich, Sir!“
Entzückt betrachtete der Mann das Etikett.
„Grand Belle », das ist eine unserer Kreationen aus Paris. Sehr edel!“
‚Und wahrscheinlich sehr teuer!’, murmelte Joshua.
Liebend gern hätte er ein Präsent für Lavinia erworben, doch nach dem vergangenen Abend, wusste er nicht mehr, wie er ihre Gefühle für ihn einstufen sollte. Sie hatte sich ihm zwar bereitwillig hingegeben, aber dann hatte sie ein lächerlicher Schlüssel ablenken können. Er hatte sich dafür die halbe Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt, im Bemühen ihre leidenschaftlichen Küsse zu vergessen.
Ob sie Hardcastle hinter dem Farn wohl ebenso begierig geküsst hatte? Joshua ballte die Fäuste, er musste sich auf seine Nachforschungen konzentrieren.
„Sagen Sie“, begann er, während der Verkäufer einen neuen Flakon mit einer Schleife umband.
„Wird dieser Duft häufiger gekauft? Sie wissen ja wie Frauen sind. Sie wollen einmalig sein. Ich könnte mir vorstellen, dass es meiner Verlobten gar nicht gefallen würde, wenn halb London nach ihrem Parfum duften würde.“
„Natürlich, Sir!“
Der Mann lächelte verstehend.
„Frauen! Aber ich kann sie beruhigen. Diese Marke wurde in den letzten Monaten nur noch von einer einzigen Person gekauft.“
„Ach, und von wem?“
Joshua beugte sich gespannt über die Ladentheke.
„An den Namen kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Der Gentleman war auch nur ein einziges Mal hier.“
„Könnten Sie ihn mir eventuell beschreiben? Ich muss sagen, meine Verlobte wäre wirklich außer sich, sollte jemand anders den gleichen Duft benutzen wie sie. Vielleicht kann ich den Mann aufspüren und ihn zum Kauf einer neuen Marke überreden?“
„Eigentlich geben wir keine Auskunft über unsere Kundschaft...“, er stockte, als ihm Joshua eine 20 Pfundnote in die feuchte Hand drückte.
„Aber bei Ihnen könnte ich eine Ausnahme machen, Sir. Ihre Integrität ist in London schließlich wohlbekannt. Nun, soweit ich mich erinnere, war der Mann ebenso groß und schlank wie Sie, Sir. Doch er hatte blonde Haare und stechend blaue Augen.“
„Diese Beschreibung könnte auf jeden zweiten Mann in der Stadt zutreffen.“
Unzufrieden trommelte Joshua mit den Nägeln auf die Tischplatte.
„Es tut mir leid! An mehr kann ich mich wirklich nicht erinnern.“
Das Glöckchen über der Eingangstür bimmelte erneut. Als sich Joshua umwandte, erkannte er Lady Jennings und Lady Rochester.
„Mayfair, welch reizende Überraschung!“
Die Damen kamen auf ihn zugeflattert.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Myladys!“
Joshua drehte dem Verkäufer den Rücken zu.
„Sie haben bestimmt ein Geschenk für ihre reizende Verlobte ausgesucht!“, Lady Jennings versuchte einen Blick auf den Parfumflakon zu erhaschen.
„Damen wollen bei Laune gehalten werden!“
„Auch wir suchen einen neuen leichten Sommerduft, nicht wahr, Mathilde? Doch leider können wir uns einfach nie einigen. Lord Blackmoore, würden Sie unser Schiedsrichter sein? Mit der Beratung eines eleganten Mannes wie Ihnen, treffen wir bestimmt die richtige Wahl.“ Das hatte ihm gerade noch gefehlt!
„Es wäre mir eine Ehre, den Damen behilflich zu sein!“
Grimmig lächelnd bot Joshua den Ladys je einen Arm und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die fein säuberlich aufgereihten Duftwässerchen.
In seinem Nacken bewegte sich unbemerkt ein Vorhang. Leise huschte die Gestalt aus ihrem Versteck zur Tür hinaus. Als das Glöckchen bimmelte, wandten sie kurz ihre Köpfe, doch es war niemand zu entdecken.
***
Lavinia stand in Lady Hamiltons Korridor und verstaute ihre Haarnadel zwischen einer roten Locke. Von ihrem Versteck im Garten aus hatte sie vor wenigen Minuten beobachten können, wie Jennifer Hamilton in ihrer Kutsche aus dem Tor gerollt war. Nun war die Gelegenheit gekommen, der Dame und ihrer Vergangenheit einmal auf den Zahn zu fühlen.
Lautlos stieg Lavinia die Treppen hinauf, den kleinen ziselierten Schlüssel in der Handfläche geborgen. Sie fand den richtigen Flur auf Anhieb, dank ihrer früheren Tätigkeit hatte sie einen außergewöhnlichen Orientierungssinn entwickelt.
‚Welch Glück, dass ich eine Meisterdiebin zur Verlobten habe!’ In der Stille des Hauses, konnte sie Joshuas Belustigung förmlich hören. Mit jedem Tag wurde es schwieriger unter dem selben Dach mit ihm zu leben, ohne eine Chance auf Erwiderung ihrer Gefühle. Doch nun würde es bald vorbei sein mit der Täuschung, schließlich stand der Mord kurz vor der Aufklärung.
Lavinia zögerte. Falls sie die Trennung von Joshua herauszögern wollte, sollte sie vielleicht einfach aus dem Haus rennen und den Schlüssel irgendwo im Blumenbeet vergraben. Aber sie konnte weder sich selbst noch Joshua derartig betrügen. Es würde das beste sein, wenn sie ihr Arrangement zufriedenstellend beendete und diese Episode ihres Lebens vergaß. Joshua begehrte sie, doch Liebe war etwas gänzlich anderes. Sie würde ihr Leben für ihn geben!
Lavinia ging von Tür zu Tür, doch erst bei der letzten, gab das Schloss mit einem leisen Knack nach.
***
Sein Wagen wartete einige Straßen entfernt. Joshua beschleunigte seine Schritte, die Damen Jennings und Rochester hatten ihn zu lange aufgehalten. Ob Lavinia sich Sorgen um ihn machte? Bei diesem Gedanken wurde ihm ganz warm ums Herz. Es war ein lauer Sommertag, offene Kaleschen ratterten über die Straßen und die sanfte Brise entlockte den Bäumen ein beruhigendes Rauschen. Als ein vorwitziger Sonnenstrahl auf den Parfumflakon fiel, strahlte dieser wie ein Diamant.
Seit Lavinia in sein Leben gestolpert war, schmolz der starre Eisklumpen in seiner Brust. Vor vielen Jahren hatte ihn die Erfahrung bitter werden lassen, die Liebe war nur eine Illusion, doch die Bekanntschaft mit Lavinia hatte Zweifel in ihm aufkommen lassen. Er durfte sie nie wieder hergeben, er musste ihr beweisen, dass seine Liebe stärker war, als Hardcastles jemals sein konnte!
Joshua trat auf die Straße hinaus. Irgendwo wieherte ein Pferd. Aber hatte er überhaupt das Recht, Lavinia ihrer wahren Liebe zu berauben? Er konnte ihr zwar seine Gefühle gestehen, doch wählen würde sie selbst müssen.
Als ihn die plötzlich heranpreschende Kutsche überrollte, zerbrach der Glasflakon in seiner Hand.
***
Vor den Fenstern brachen sich die Sonnenstrahlen im dichten Blätterwerk der Bäume und schienen auf das unbewegte Gesicht einer Porzellanpuppe. Lavinia ließ sich in die Kissen des Himmelbettes sinken. Sie befand sich im ehemaligen Kinderzimmers eines behüteten Mädchens. Neben der Eichentruhe mit hübschen Kleidchen, stand ein Schaukelpferd, davor ein Tischchen mit zierlichem Teegeschirr. Auf dem Nachtkästchen verstaubte eine Spieldose.
Alles wirkte, als wäre Gwendolyn Ashcott-Talbot gerade erst den Kinderschuhen entwachsen. Lavinia kuschelte sich tiefer in die samtweichen Decken. Wahrscheinlich war Gwendolyn nach der Annullierung ihrer Ehe nicht in ihr altes Zimmer zurückgekehrt, weil sie den Schlüssel dazu in Talbots Haus vergessen hatte.
Vor den wiegenden Ästen der Linden, blitzte ein Stückchen blauer Himmel auf. Von diesem Raum aus, hatte man eine reizende Aussicht auf den Park, während die anderen Schlafzimmer den Blick direkt auf Talbots Anwesen lenkten. Wie geschmacklos, den Grund für sein eigenes Elend tagtäglich vor Augen geführt zu bekommen. Kein Wunder, dass sich Gwendolyn aus dem Fenster gestürzt hatte!
Aus dem Erdgeschoss drangen Stimmen zu ihr empor. Lady Hamilton war nach Hause gekommen. Wie von der Tarantel gestochen, schoss Lavinia hoch und riss dabei die Spieldose von ihrem Platz. An der Stelle, an der sie noch eben gestanden hatte, kam ein winziger Schlüssel zum Vorschein. Ungläubig betrachtete Lavinia ihren Fund.
Es war ein ähnlicher Schlüssel wie aus Sarah Talbots Schlafzimmer, silbern und ziseliert, nun war dieser hier viel kleiner. Lavinia konnte sich nicht ausmalen zu welchem Schloss er gehören sollte! Trotzdem schob sie ihn in ihre Rocktasche, denn sie spürte mit einemmal, dass dieser Schlüssel den Schlüssel zur Lösung enthielt.
Auf Zehenspitzen, schlich sich Lavinia zur Treppe. Sie sah gerade noch rechtzeitig, wie Jennifer Hamilton, ihre Handschuhe abstreifend, die Stufen hinaufkam und floh zur Hintertreppe. Unbemerkt erreichte sie die verschlossene Gartentür. Während Lavinia im Schutz der Bäume über den Rasen rannte, steckte sie ihre Haarnadel wieder in eine Locke. ‚Ich bin wirklich froh, dass ich eine Meisterdiebin bin!’, dachte sie amüsiert.
***
Schon als sie die Toreinfahrt von Mayfairs Haus herauflief, wusste Lavinia, dass etwas furchtbares geschehen sein musste. Die fremde Kutsche vor dem Portal, gehörte Dr. Deringham. Joshua! Lavinias Herz setzte für einen Moment aus, dann stürzte sie los.
„Joshua! Joshua! Wo bist du?“
Lieber Gott, lass ihn am Leben sein, wenn er mich nicht lieben kann, dann werde ich mich dem zufrieden geben was ich bekommen kann, doch bitte, nimm ihn mir nicht weg!
Mit Tränen in den Augen erreichte Lavinia endlich die Bibliothek. Mayfair lag auf dem Sofa, jemand hatte ihm die Stiefel ausgezogen und der Arzt, der sich über ihn gebeugt hatte, schüttelte resigniert den Kopf. Lavinia wurde übel.
„Nein, Joshua, du darfst nicht tot sein, du darfst mich nicht allein lassen!“
Sie stürmte auf den reglosen Männerkörper zu und schlang die Arme um seinen Hals.
„Ich kann ohne dich nicht leben, hörst du?“
Hilflos presste sie ihre Stirn in seine Halsbeuge.
„Hast du Angst, dass du sonst wieder zu Gallagher zurück musst?“
Warmer Atem strömte an ihr Ohr.
„Oh, Joshua, du bist am Leben!“
Lavinia konnte nicht mehr sagen. Als Joshua sie enger an sein zerknittertes Hemd zog, flossen die Tränen wie Sturzbäche aus ihren Augen und sie krallte ihre Nägel in sein Fleisch.
„Ich glaube Doc, ich verzichte heute doch freiwillig auf meinen Brandy. Meine Verlobte scheint ihn nötiger zu haben als ich.“
Joshuas Stimme klang belegt und das lag nicht an den Nachwirkungen seines Unfalls, sondern an dem schluchzenden Bündel in seinem Arm.
***
„Eine Kutsche hat dich überfahren?“
Lavinia riss ihre Augen auf und versuchte Joshua das Taschentuch wegzunehmen, mit dem er ihr die verräterischen Tränenspuren von den Wangen wischte.
„Lass mich das machen. Schließlich habe ich dich zum Weinen gebracht.“
Unbeirrt drückte er ihr einen Kuss auf die Schulter. Sie hatte Angst um mich, dachte er zum hundertsten Male voller Erstaunen.
„Aber wie konnte ein solch schrecklicher Unfall überhaupt geschehen?“
„Es war kein Unfall. Jemand hat seine Pferde absichtlich auf mich zu getrieben.“
Joshua hielt Lavinia noch fester, weil er spürte, wie sie sich bei seinen Worten versteifte.
„Du meinst, jemand wollte dich töten?“
„Ein Mord oder zwei macht schließlich keinen Unterschied mehr.“
„Dann glaubst du also, Lady Talbots Mörder wollte auch dich umbringen. Aber warum?“ Joshua zuckte mit den Achseln.
„Er – oder sie – weiß anscheinend, dass wir ihm – oder ihr – auf den Fersen sind.“
„Jennifer Hamilton hat heute Nachmittag eine Kutschfahrt unternommen.“
„Ach, tatsächlich?“
Er begann ihr Kleid aufzuschnüren.
„Weißt du, Joshua, ich hätte Verständnis für die Frau, wenn sie ihrer Schwester Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Sie hat wirklich allen Grund zur Rache. Aber dass sie dich töten wollte, dass werde ich ihr bis zu meinen Lebensende nicht verzeihen.“
„Ich bin sehr froh, das zu hören.“
Er schwieg einen Augenblick.
„Es gibt viele Menschen, die Grund hätten sich an Lady Talbot zu rächen. Auch ich.“
Lavinia fuhr so schnell herum, dass sie mit der Nase an sein Kinn stieß. Zärtlich streichelten ihre Finger über die kratzige Haut.
„Ich habe von Anfang an gespürt, dass du Lady Sarah besser kennst, als du zugibst. Vertrau mir, Josh! War sie deine...Geliebte?“
„Gott bewahre!“
Mayfair setzte sich in seinen Kissen auf, allerdings ohne Lavinia auch nur eine Sekunde loszulassen.
„Es ist nicht Sarah, die ich kannte, sondern Gwendolyn. Der Mann, den sie liebte und in Gretna Green heiratete, hieß Matthew Carpenter. Er war mein bester Freund und ist mit einem meiner Schiffe untergegangen.“
„Joshua, das tut mir so leid!“
Betroffen legte Lavinia seinen Kopf auf ihre Brust und begann sacht durch seinen dunklen Haarschopf zu kraulen.
„Sarah Talbot ist für den Tod der Frau verantwortlich, die mein bester Freund geliebt hat. Du siehst, ich hätte allen Grund gehabt, Lady Talbot zu ermorden.“
„Aber du hast es nicht getan.“
„Nein! Ich war zu feige Matthews Braut zu rächen.“
„Nicht du warst feige, sondern der Mörder oder die Mörderin. Man kann einem Menschen nicht das Leben nehmen, nur weil er einen, wenn auch noch so verwerflichen Fehler begangen hat. Du könntest so etwas nicht tun, Josh, denn du bist der edelste Mann, den ich kenne!“
„Oh, meine Lavinia!“
Er küsste ihre Nasenspitze, ihre Augenlider und ihren Mund.
„Ich möchte, dass du dich in nächster Zukunft von Jennifer Hamilton fernhältst“, eindringlich blickte er in ihre Augen.
„Dann bist du dir sicher, dass sie die Täterin ist?“
„Ich möchte kein unnötiges Risiko eingehen. Ich könnte es nicht ertragen, sollte dir ein Leid zustoßen! Und auch wenn sich die Schlinge immer enger um den Hals unserer Dame zusammenzieht, dürfen wir den geheimnisvollen Rosenkavalier nicht außer acht lassen.“ „Sag, hast du heute Nachmittag etwas interessantes über ihn erfahren?“
„Lass es mich so ausdrücken“, er bedachte sie mit einem rätselhaften Blick, „ich habe heute Nachmittag eine ganze Menge Interessantes erfahren.“
***
Das Feuer knisterte im Kamin, verwandelte Holz mit leidenschaftlicher Kraft zu Asche, tauchte den Raum in gedämpftes Licht. Es warf flackernde Schatten an die Wand, verströmte Wärme und Geborgenheit. Ihre beiden Körper trafen sich; rhythmischen Bewegungen folgend umkreisten sie einander wie Schmetterlinge die Blüten. Kleine Schweißtropfen rannen gleich Perlen von ihren Lidern, zierten ihre Brüste wie mit Kristallen, vermischten sich mit den seinen, wurden eins wie sie selbst.
Ihre Zunge liebkoste sanft seine Brust, die Haut süß und salzig zugleich. Seine Hände und Lippen formten ihre Silhouette nach, wanderten von ihren bloßen Schultern bis zu der Einkerbung ihrer Taille, verweilten dort einen Wimpernschlag – es raubte ihr fast die Luft - fuhren weiter, immer weiter, tiefer, tiefer, bis sie gefunden hatten was sie suchten.
Ihr Unterleib brannte so heiß wie die Flammen, sie bäumte sich auf, krallte sich in seinem dunklen Haar fest. Sie saß in seinem Schoß, atmete hastig und schwer. Er bettete sie auf das Laken, legte sich über sie, betrachtete sie eine Weile. Ihre roten flutenden Wellen verbargen ihren Busen, er strich sie liebevoll beiseite. Seine Hände umfassten zärtlich ihre weichen Rundungen, sie sah, dass Tränen in seinen Bernsteinen glitzerten.
„Es ist alles gut, Josh!“
„Niemals war es besser!“
Er klang heiser und seine Küsse bedeckten ihr Gesicht. Das Feuer loderte wieder auf, heißer, immer heißer, bis es sie in einem gewaltigen Schmerz verbrannte, fremder und erfüllender, als alles was sie bisher erfahren hatte.
***
Sie wurde von dem verführerischen Gefühl kratziger Haut an ihrer Wange geweckt. Verschlafen blinzelte Lavinia zuerst in die Morgensonne und dann in Joshuas verknautschtes Gesicht.
„Guten Morgen!“
„Das ist der wundervollste Morgen meines Lebens!“
Joshua beugte sich zu ihr hinab und schmückte ihr Gesicht mit seinen Küssen.
„Ich kann nicht mehr aufhören dich zu berühren“, flüsterte er heiser.
„Man sollte meinen, dass du nach der vergangenen Nacht...ähm...erschöpft sein könntest.“ Sehnsüchtig glitten Lavinias Fingerkuppen durch die kleinen Löckchen auf Joshuas Brust. „Eine sehr wohlige Erschöpfung, meine Süße.“
Er lächelte so hinreißend, dass es Lavinia beinahe das Herz zerriss. Sie musste ihm sagen, dass sie ihn liebte, nicht nur körperlich, sondern mit der ganzen Kraft ihrer Seele. Nur heute würde sie noch den Mut dazu besitzen, denn nach dieser Nacht, als er ihr bewiesen hatte, wie stark sein Verlangen nach ihr war, konnte sie sich wenigstens erträumen, dass sich diese Leidenschaft eines Tages in eine beständige Liebe verwandeln würde. Man musste Geduld haben.
„Josh, ich möchte mit dir sprechen.“
„Jetzt?“
Irritiert tauchte Joshua wieder aus den Tiefen des Bettlakens auf. Eine widerspenstige Haarsträhne kitzelte in seinen Augen.
„Es ist sehr wichtig für mich.“
„Oh!“
Er kuschelte sich bereitwillig in den Kissenberg neben ihr.
„Das trifft sich eigentlich gut, da ich auch etwas mit dir zu besprechen habe.“
Lavinia schluckte.
„Womöglich handelt es sich um die gleiche Angelegenheit.“
„Möchtest du beginnen?“
„Ich glaube nicht.“
„In Ordnung.“
Joshua wandte den Kopf zum Fenster.
„Ein herrlicher Tag“, begann er.
„Wie alle Tage, die ich mit dir verbringen durfte.“
Mit gepressten Lippen, griff er kurz nach ihrer Hand und drückte sie, bevor er sie schnell wieder los ließ.
„Aber wir wissen, dass alles im Leben einmal ein Ende haben muss. Nun da wir so kurz vor der Lösung des Falles stehen, sollten wir über deine Zukunft sprechen. Ich bin äußerst dankbar für deine Hilfe und dein...mhm...Entgegenkommen, aber mir ist bewusst, dass ich dazu kein Recht habe. Wenn diese Angelegenheit beendet ist, steht es dir selbstverständlich frei zu gehen. Geld sollte dabei keine Rolle spielen, ich werde mich für deine Mühen in der entsprechenden Weise erkenntlich zeigen.“
Lavinia wurde kreidebleich. Sie hatte Joshuas Äußerungen mit wachsendem Entsetzen verfolgt, doch dass er sie nun auch noch für ihre Liebe bezahlen wollte, wie eine Hure aus Whitechapel, konnte sie beim besten Willen nicht ertragen.
„Du gemeiner Mistkerl!“
Weinend sprang sie aus dem Bett und schleuderte ihr Kissen nach Joshua.
„Lavinia, was zum Teufel...?“
„Ja, scher dich zum Teufel!“
Mit einer Hand fegte Lavinia das Schreibpult des Sekretärs leer, mit der anderen versuchte sie ihren Tränenstrom einzudämmen. Verdammt, musste er auch noch sehen, wie sie sich die Augen ausheulte?
„Hast du denn kein Herz im Leib, Joshua Mayfair? Wenn du auf die Gefühle anderer Menschen schon keine Rücksicht nehmen kannst, dann halte dich besser von ihnen fern, anstatt sie so scheußlich zu verletzen wie mich!“
„Oh, mein Gott, Lavinia!“
Mayfair war ebenfalls aus dem Bett gesprungen. Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck versuchte er sich Lavinia zu nähern.
„Niemals wollte ich dir wehtun. Doch nicht dir!“
„Bleib stehen!“
„Lass mich nur erklären...“
„Ich will nichts mehr hören!“
Behände krabbelte Lavinia über das Bett auf die gegenüberliegende Zimmerseite.
„Ich sag es nur noch einmal – scher dich zum Teufel!“
„Nicht ehe du mir zugehört hast, du unvernünftiges Weib!“
Lavinia schnappte nach Luft.
„Haben Sie noch mehr Beleidigungen für mich, Sir Mayfair? Verlassen Sie auf der Stelle das Haus, ich will Sie hier nicht mehr sehen, bis ich ausgezogen bin. Aber keine Angst, ich werde nicht lange brauchen.“
„Wohin willst du denn? Zurück zu Gallagher?“
„Das wäre eine Möglichkeit. Als Meisterdiebin habe ich wenigstens Erfahrung. Aber wie Sie bereits festgestellt haben, könnte ich mit meinem Aussehen durchaus noch in einer anderen Branche für Männer arbeiten.“
Bei ihren Worten wurde es Joshua schwarz vor Augen. Sie war wütend auf ihn – allerdings konnte er nicht verstehen weshalb – aber er durfte sie nicht gehen lassen. In ihrem Zorn würde sie womöglich diese absurde Drohung in die Tat umsetzen und wer weiß, was ihr dann geschehen würde?
„Lavinia, ich werde dich hier einsperren, wenn du nicht endlich Vernunft annimmst.“
„Nur zu, Sir Mayfair, im Notfall klettere ich aus dem Fenster.“
‚Und brichst dir das Genick!’ Es würde die Hölle sein, diese Frau ein Leben lang zu beschützen. Doch wie es aussah, würde es gar nicht soweit kommen. Irgendwie hatte er die Sache falsch angepackt.
„Lavinia, bitte!“
„Scher dich zum Teufel!“
„Nein!“
„Raus aus diesem Haus!“
Joshua schaffte es gerade noch der Vase auszuweichen, die an seinem Kopf vorbei zischte und klirrend an der Wand zerbrach. Hemd und Hose zog er sich an, während er die Treppe hinunterpolterte, um aus Lavinias Haus zu fliehen. Erst als er sich draußen auf der Straße die Krawatte richtete, fiel ihm ein, dass es ja eigentlich sein Haus war.
***
Zermürbt lief Lavinia in Mayfairs Salon auf und ab. Der Streit mit Joshua hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Wie hatte er sie nur so schändlich behandeln können? Andererseits war sie selbst daran schuld. Man legte sich nicht in das Bett seines Arbeitgebers und man verliebte sich schon gar nicht in ihn.
Lavinia schniefte. Sie mussten schleunigst diesen Mord aufklären, damit Joshua Mayfair endgültig aus ihrem Leben verschwinden konnte. Und der winzige Schlüssel aus Gwendolyn Ashcotts Zimmer, würde ihr dabei helfen. Sie hatte gerade entnervt aufgegeben, den Schlüssel in irgendwelche Schränke oder Kommoden zu stecken, als das Hausmädchen an die Tür klopfte.
„Eine Dame möchte Sie sprechen, Mylady.“
Mich? Fast wäre Lavinia dieser überraschte Ausruf entschlüpft, doch im letzten Moment erinnerte sie sich, dass es durchaus normal war, der Verlobten eines Gentleman einen Nachmittagsbesuch abzustatten. Möglichst hoheitsvoll antwortete sie: „Schön, ich lasse bitten, Pruedence.“
Rollen wollten zuende gespielt werden, im Theater wie im richtigen Leben.
Eine Sekunde später rauschte Isabelle Penhalligan in den Salon. Sie trug ein neumodisches Kleid in Apfelgrün, dass ihre schlanken Fesseln freiließ und auch sonst wirkte sie wie das blühende Leben.
„Miss Hershey, ich musste Sie einfach noch einmal besuchen kommen, bevor ich London verlasse.“
Isabelle hauchte Lavinia ein Küsschen auf die Wange.
„Sie wollen doch wohl nicht aufs Land ziehen? Aber bitte, nehmen Sie doch Platz. Tee und Gebäck, Pruedence.“
Nachdem die beiden Damen Platz genommen und Lavinia den dampfenden Tee in die Tassen gegossen hatte, blinkte sie ihre Besucherin freundlich an.
„Nun spannen Sie mich nicht auf die Folter, Miss Penhalligan. Gibt es eine Verbindung zwischen ihrer überstürzten Abreise und diesem charmanten jungen Herrn auf Lady Hamiltons Sommerball?“
„Lionel! Ist das nicht amüsant, er trägt den gleichen Vornamen wie mein Großvater.“
Isabelle rührte versonnen in ihrer Teetasse.
„Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“
„Oh, wie wunderbar, Miss Penhalligan. Mit ihm werden Sie sicher ihr Glück finden.“
„Das hoffe ich auch! Ach, Miss Hershey, da kommen wir beide zu unserer ersten Saison nach London und am Ende haben wir unsere große Liebe gefunden.“
„Manchmal ist das Leben zu schön um wahr zu sein.“
Das Teeservice verschwamm vor Lavinias Augen.
„Sir Mayfair ist wohl nicht zuhause?“
Isabelle betrachtete sie argwöhnisch.
„Nein, er hat noch einige Dinge zu klären. Er wird wohl erst später am Abend zurückkommen.“ Oder überhaupt nicht.
„Schade, ich hätte mich gern von ihm verabschiedet.“
„Ich werde ihm Ihre besten Wünsche ausrichten.“
„Oh, wie lieb von Ihnen. Sie bekommen wirklich einen wundervollen Ehemann, aber meinen Lionel würde ich dennoch für nichts in der Welt eintauschen.“
„So soll es auch sein.“
Lavinia nahm sich einen Schokoladenmuffin, an dem sie lustlos herumknabberte.
„Wo befindet sich der Landsitz Ihres Verlobten?“
„In Exeter.“
„Devon? Das ist weit weg von London. Was werden Sie dort außerhalb der Saison unternehmen?“
„Alles was Damen vom Lande gemeinhin tun! Lange ausschlafen, ausreiten, in den Gärten flanieren und höchstens einmal ein Stickkissen für den Wohltätigkeitsbasar spenden.“
Isabelle lachte.
„Zudem hoffe ich, dass Lionel und ich viele Kinder haben werden mit denen es mir nie langweilig wird.“
„Ich hoffe wirklich, dass Sie glücklich werden.“
„Das weiß ich! Und Sie werden es auch sein, Mayfair ist ein Mann, der der Frau, die er liebt, jeden Wunsch von den Augen abliest.“
„Das könnte ich mir vorstellen“, flüsterte Lavinia leise.
‚Dabei habe ich nur den Wunsch, dass er mich liebt. Aber dazu müsste er erst einmal nach Hause kommen!’ Nervös schaute sie auf die Uhr.
„Oh, Sie führen auch Tagebuch?“
Isabelles Stimme brachte Lavinia in die Gegenwart zurück.
„Was meinten Sie?“
Erschrocken starrte sie auf den winzigen Schlüssel in Isabelles Händen, den sie vorhin achtlos neben die Teekanne gelegt hatte.
„Ein Tagebuch. Meine Großmutter hat mir das erste zu meinem vierzehnten Geburtstag geschenkt und seitdem schreibe ich regelmäßig eine Kleinigkeit hinein. Aber Miss Hershey, Sie sollten den Schlüssel nicht unbeaufsichtigt in der Gegend herumliegen lassen. Wer weiß schon, ob nicht jemand in Ihren Geheimnissen schmökern möchte.“
Noch immer starrte Lavinia entgeistert auf das silberne Schlüsselchen. Natürlich, ein Tagebuch! Sie hätte Isabelle Penhalligan küssen können. Stattdessen lächelte sie harmlos. „Sie haben recht, Miss Penhalligan. Ich sollte besser auf meine Privatsachen acht geben. Es wäre mir gar nicht recht, würde ein Unbefugter in meinen Geheimnissen schnüffeln.“
***
„Gelbe Rosen?“
Das Blumenmädchen himmelte Joshua regelrecht an, während dieser ungeduldig auf den Zehenspitzen wippte. Es war sicherlich schmeichelhaft von jungen Damen begehrt zu werden, aber er wollte Informationen haben. Zudem war sein Bedarf an weiblichen Kontakten für heute gedeckt.
„Richtig, gibt es einen Gentleman, der öfter bei dir Blumen kauft? Gelbe Rosen. Der Mann ist wahrscheinlich blond und hat blaue Augen.“
„Ich habe viele Gentleman als Kundschaft, aber die wenigsten kommen zweimal, Sir. Dafür gibt es zu viele Blumenverkäuferinnen in London.“
„Zufällig weiß ich aber, dass du bevorzugt in der Nähe von Clubs und Kaffeehäusern deine Ware feilbietest und der Hauptteil deiner Kundschaft aus den Besuchern dieser Einrichtungen besteht und das sind bekanntlich Gentleman. Vielleicht fällt es dir doch noch ein. Blond, stechend blaue Augen, kauft regelmäßig Blumen für eine Dame. Gelbe Rosen.“
„Sie bringen mich mit Ihren gelben Rosen ganz durcheinander, Sir. Ja, es gibt einen blonden Gentleman, der regelmäßig Blumen kauft, aber das waren noch nie gelbe Rosen, sondern immer weiße Lilien.“
Beerdigungsblumen. Herrlich!
„Kannst du dich an Einzelheiten dieses Herrn erinnern, kennst du vielleicht sogar seinen Namen?“
„Ich weiß nur, dass er Stammgast im Bluebell-Club ist.“
„Und sein Äußeres?“
„Er ist groß und blond und hat blaue Augen.“
Joshua raufte sich die Haare.
„Ist dir sonst noch etwas besonderes an ihm aufgefallen? Spricht er mit Akzent oder hat er eine Narbe?“
Man musste Geduld haben.
„Oh ja, Sir!“
Das Mädchen strahlte auf.
„Er hatte eine Narbe und zwar hier.“
Sie krempelte ihren Ärmel hoch und deutete auf die flache Stelle ihres Handgelenks.
„Das ist mir deshalb aufgefallen, weil mein Cousin Freddie an derselben Stelle auch eine Narbe hat. Sie wissen schon, Liebeskummer und einmal Ratsch mit dem Messer. Er hat’s aber überlebt und das Mädel ist inzwischen auch ganz verschossen in ihn. Von wegen Heldenmut oder so was.“
„Das ist schön für deinen Cousin.“
Wenn er es bei Lavinia doch auch so einfach hätte! Zum erstenmal seit heute morgen konnte er wieder schmunzeln.
„Aber einen Unterschied gibt es doch. Mein Cousin hat nur eine Linie, aber die Narbe des feinen Herrn hat die Form von einem Stern.“
Das zweitemal an diesem Tag wurde Joshua schwindelig. Er kannte diese charakteristische Narbe, wusste, dass sie nicht durch den Schnitt eines Messers, sondern während eines Reitturniers entstanden war. Er selbst war dabeigestanden, als der Wundarzt die Verletzung in Form eines Sterns vernäht hatte, weil das Pferd des unglücklich Gestürzten den poetischen Namen „Starlight“ getragen hatte.
Bei Gott, er hatte den Rosenkavalier gefunden!
***
Es war ein Leichtes gewesen, Gwendolyns Tagebuch ans Tageslicht zu holen. Es hatte still im Bücherregal gestanden, zwischen Defoes „Robinson Crusoe“ und „Pamela“ von Richardson. Der zartrosa Einband war kaum zerschlissen und kein Eselsohr hatte die beschriebenen Blätter verunstaltet, obwohl die Einträge zwanzig Jahre zurücklagen, wie Lavinia mit einem Blick feststellte. Sie zögerte noch.
Dieses schmale Büchlein erschien ihr wie die Reliquie einer Heiligen und es glich deren Schändung, würde sie anfangen die Tagebucheinträge zu lesen. Doch es blieb ihr kaum eine andere Wahl, wollte sie das Geheimnis um Sarah Talbots Ermordung aufklären.
Dies ist das Tagebuch von Gwendolyn Ashcott
Möge es stets ihre Geheimnisse wahren
Und ihr treuer Begleiter sein sowohl in
Freud als auch im Leid13. Juli 1766
Endlich sind wir in Dorey! Unser erstes richtiges Heim. Das Haus ist nicht groß, aber sehr gemütlich. Üppiges grünes Efeu schlängelt sich an der Backsteinfassade empor und die hohen Sprossenfenster lassen die Zimmer hell und freundlich erscheinen. Unsere Nachbarin, eine nette ältere Witwe, hat mir erzählt, dass die Efeuranken als Zeichen der ewigen Liebe und Treue gelten. Wie schön! Ich glaube, wir werden hier sehr glücklich sein!
2. August 1766
Matthew hat mich heute nacht aus dem Schlaf gerissen. Erst war ich sehr böse auf ihn, doch dann lächelte er und meinte, ich wäre schöner als eine blühende Rose. Ich konnte seinem Lächeln natürlich nicht widerstehen und küsste ihn. Und dann liebten wir uns.
3. September 1766
Ich werde einen Rosengarten anlegen. Rosen sind ein Symbol der Liebe. Zusammen mit dem Efeu werden alle Leute wissen, dass hier das Glück wohnt. Unser Glück!
PS: Ich wünsche mir gelbe Rosen. Gelb ist eine so fröhliche Farbe.
15. November 1766
Mein Verdacht der letzten Wochen hat sich bestätigt – ich bekomme ein Kind! Matthew ist außer sich vor Freude.
1. Januar 1767
Neujahr. Das Baby in meinem Bauch wächst. Matthew streichelt mir ständig über die kleine Kugel. Ich weiß, dass er sich Sorgen macht. Dass mir bei der Geburt etwas geschehen könnte, dass er mich und das Baby nicht versorgen kann. Ich wünschte ihn beruhigen zu können. Ich bin arm und doch so reich.
23. März 1767
Matthew wird zur See fahren! Sein alter Freund, Joshua Mayfair aus London, hat ihm Arbeit auf einem seiner Schiffe besorgt. Matthew hat gelacht. Er meinte, die Seefahrt wäre einst seine Idee gewesen, doch Joshua hat damit ein Vermögen gemacht. Ich kann nicht mehr lachen. Jetzt muss ich mich um Matthew sorgen und bald kommt das Baby.
***
Joshua stapfte durch den Garten hinter dem herrschaftlichen Anwesen. Lilien wohin er auch blickte. Er fragte sich, weshalb ein Mann regelmäßig Lilien bei einem Blumenmädchen kaufte, wenn sein gesamter Park voll davon war. Am Teichufer saß eine Gestalt auf der Marmorbank. Ihr blondes Haar leuchtete in der Sonne.
„Guten Tag!“
Hardcastle zuckte nicht mit der Wimper, als er Joshua erblickte. Ungerührt beobachtete er weiterhin die Enten im Schilf.
„Was wollen Sie, Mayfair?“
„Mit Ihnen reden.“
Joshua hockte sich in das trockene Gras und rupfte einen Halm aus der Erde.
„Worüber sollten wir beide reden?“
„Zum Beispiel über die Art Ihrer Beziehung zu Sarah Talbot.“
Und über Lavinia!
„Wie haben Sie es herausgefunden?“
„Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich überhaupt etwas herausgefunden habe.“
„Sie haben Ihre Finger doch überall stecken.“
Hardcastles stechend blaue Augen bohrten sich in Joshuas Gesicht.
„Ich habe Sarah geliebt und sie wurde auf meiner Burg ermordet. Reicht das als Auskunft?“ „Nein!“
Mayfair sprang auf die Beine.
„Haben Sie Lady Talbot getötet?“
„Mann, Sie sind wohl von allen guten Geistern verlassen!“
Hardcastle war ebenfalls aufgesprungen und packte Joshua am Hemdkragen.
„Sarah war mein Augapfel, ich hätte ihr nie im Leben ein Leid zufügen können! Wir kannten uns schon, da war Talbot noch am Leben und als er starb, da wollte ich sie zu mir holen, als meine Frau, aber sie meinte, wir sollten noch warten.
Ich hatte schon zu lange gewartet und als ich ihren Körper so tot und bleich auf dem Teppich liegen sah, da wusste ich, dass alles Warten umsonst gewesen war. Sie kommt nie zu mir, nie mehr!“
Hardcastle schrie beinahe.
„Beruhigen Sie sich, Mann!“
Joshua drückte den schluchzenden Mann auf die Bank zurück.
„Herrgott, Mayfair, können Sie sich vorstellen, wenn einem das Liebste ermordet wird und Sie haben nichts dagegen tun können? Sie haben es nicht geschafft, ihr Liebstes zu beschützen?“
„Nein, aber das möchte ich mir auch nicht vorstellen“, murmelte Joshua. Lavinia war in seinem Haus, in Sicherheit!
„Sie haben Lady Talbot an dem Abend noch gelbe Rosen geschenkt.“
„Das war ich nicht. Wir hatten deshalb einen Streit, ich war eifersüchtig und bezichtigte sie der Untreue. Aber sie hat mich nur ausgelacht. ‚Viele Menschen suchen meine Freundschaft, Katerchen’, hat sie gesagt und mich aus ihrem Zimmer gescheucht. Stunden später war sie tot.“
„Und Sie wissen bestimmt nicht, von wem die Rosen stammten?“
Verdammt, er glaubte Hardcastle!
„Nein, aber es wäre auch egal gewesen. Ich hätte sie trotzdem geliebt! Lassen Sie mich allein, Mayfair.“
„Sofort, aber zuvor muss ich Ihnen noch eine Frage stellen. Wenn Sie Lady Talbot so sehr geliebt haben, wie darf ich dann Ihre Gefühle für Miss Lavinia Hershey verstehen?“
„Meine Gefühle für Ihre Verlobte, Mayfair?“
Hardcastle starrte Joshua an, als wäre dieser ein Geisteskranker.
„Meine Gefühle für Miss Hershey halten sich in Grenzen. Ich schätze keine Damen, die gut gemeinte Ratschläge mit körperlicher Gewalt quittieren. Richten Sie Ihrer Verlobten doch meine herzlichsten Glückwünsche aus. Ich habe mich geirrt, sie beide haben sich gegenseitig wirklich verdient. Guten Tag, Sir!“
***
18. Mai 1767
Das Baby ist da! Es ist das hübscheste kleine Mädchen, das ich jemals gesehen habe. Sie hat Matthews blaue Augen, doch die Hebamme meint, alle Babys hätten blaue Augen. Ich denke, ich werde sie Rose nennen.
13. Juli 1767
Matthew ist fort! Seine erste Fahrt soll nach Westindien in die Kolonien gehen. So weit weg von meinem Herzen. Ein Jahr ist seit unserem Einzug vergangen und statt Matthew ist meine kleine Rose nun bei mir. Ich liebe sie über alles!
15. August 1767
Die Rosen blühen!
März 1768
Rose spricht! Ihr erstes Wort war Hund. Wann wird sie endlich Mama sagen?
März 1768
Matthew ist zurück. Wir weinten die ganze Nacht vor Glück, dazwischen liebten wir uns. Matthew meint, bald können wir uns ein größeres Haus leisten, aber ich will gar nicht fort. Ich bin so glücklich hier!
PS: Matthew ist entzückt von seiner Tochter.
Mai 1768
Matthew ist wieder fort und Rose wird bald ein Jahr alt. Sie läuft!
Lavinia hielt im Lesen inne. Sie hatte das ungute Gefühl direkt auf einen Abgrund zuzusteuern. Gwendolyns Familienglück war nicht von langer Dauer gewesen, das hatte sie von Joshua erfahren, hatte sie dann überhaupt das Recht noch mehr im Leben der Gwen Ashcott herumzustochern? Ja, sie musste das Buch zuende lesen, wenn sie das Rätsel lösen wollte und allen Beteiligten, nicht zuletzt auch Gwendolyn Gerechtigkeit widerfahren sollte.
23. Juni 1770
Über zwei Jahre habe ich nicht mehr in mein Tagebuch geschrieben, aber mir fehlt einfach die Zeit. Mein Rosengarten nimmt mich voll in Anspruch, ich fertige Gestecke für die Wohltätigkeitsfeste im Dorf. Ich vermisse Matthew, aber ich gewöhne mich an mein Leben als Strohwitwe. Ich habe ja meine kleine Rose. Sie lacht den ganzen Tag und entwickelt sich zu einer wahren Schönheit.
29. September 1770
Schlimme Herbststürme haben die Schindeln von unserem Dach abgetragen. Ich bedauere die armen Matrosen auf See. Matthew ist auch irgendwo da draußen!
25. Dezember 1770
Weihnachten und keine Nachricht von Matthew. Unsere Nachbarin hat Rose eine Puppe geschenkt.
Februar 1771
Heute morgen hielt eine Kutsche vor unserem Tor und Joshua Mayfair sprang aus dem Wagen. Ich konnte seinem Gesicht ansehen, dass Schreckliches geschehen sein musste. Er zitterte, als er mir die Nachricht überbrachte – Matthews Schiff ist verschollen!
Die letzten beiden Einträge waren ohne Datum:
Matthew ist tot! Sein Schiff ist untergegangen, wahrscheinlich irgendwo vor Guadeloupe. Es ist nicht mehr wichtig, alles was zählt ist, dass Matthew niemals wieder kommt. Ich habe das Liebste auf Erden verloren!
Rose spielt mit ihren Puppen im Garten. Meine Tochter lacht, sie kann noch nicht begreifen, was Tod bedeutet. Sie ist gerade erst vier Jahre alt geworden und ihr Vater war die Hälfte ihres Lebens auf See.
Sie wird Matthew immer ähnlicher. Ihre Locken wehen im Wind. Mein Gott, ich kann den Anblick nicht länger ertragen!
***
Lavinia runzelte die Stirn. Das Tagebuch hatte ihrer Meinung nach das Rätsel nicht gelöst, sondern noch weitere Fragen aufgeworfen. Von einem Kind war nie die Rede gewesen, auch Josh hatte Gwens Tochter nicht erwähnt. Was war mit dem kleinen Mädchen geschehen? War es womöglich auch tot? Sie blätterte in den Seiten zurück.
Dorey, das war ein 400 Seelendörfchen, nur wenige Meilen von London entfernt. Lavinia blickte zum Himmel empor. Wolkenfetzen schoben sich vor das leuchtende Blau, doch für ihr Vorhaben würde es noch lang genug hell bleiben.
***
Aufgelöst erreichte Joshua seinen Club. Hier würde er den Abend verbringen, er konnte jetzt nicht nach Hause gehen und Lavinia unter die Augen treten. Hardcastle hatte ihm in allen Einzelheiten geschildert, wie sie versucht hatte seine Ehre zu verteidigen und er hatte geglaubt...
Man sollte zu große Kübelpflanzen aus Ballsälen entfernen!
Im Club legte er die Beine hoch, trank seinen Brandy und vertiefte sich in eine Zeitung vom Vortag. Anschließend spielte er Karten bis es ihm spät genug erschien den Heimweg anzutreten. Er hoffte, dass er Lavinia selig schlummernd in seinem Bett vorfinden würde.
Als er an den wartenden Kutschen am Straßenrand vorbeischlenderte, griff plötzlich aus einem der Wagenfenster eine Hand nach ihm und eine weibliche Stimme flüsterte nervös: „Ich muss mit Ihnen sprechen, Lord Blackmoore. Ich habe allen Grund zu der Annahme, dass sich Ihre Verlobte in höchster Gefahr befindet!“
***
Die Mietdroschke erreichte das einsame Häuschen bei Anbruch der Dämmerung. Es sah genauso aus, wie es Gwendolyn Ashcott in ihrem Tagebuch geschildert hatte. Roter Backstein, an dem sich das Efeu empor wand, ein weißgetünchtes Gartentörchen. Die Vorhänge an den Sprossenfenstern waren geschlossen, doch als Lavinia den Knauf an der Tür berührte, schwang diese auf, als wollte sie die unerwartete Besucherin willkommen heißen.
Im Inneren des Hauses war es dunkel. Lavinia trat durch einen Mittelgang in den kleinen Salon, von wo sie einen schwachen Lichtschein ausmachte. Durch die geöffneten Flügeltüren drangen die letzten Strahlen der Abendsonne und schimmerten auf die samtbezogenen Sessel, den schiefersteinernen Kamin.
Es duftete betörend nach Rosen. Der Garten begann gleich hinter den Türen, ein gelbes Blütenmeer, atemberaubend schön und gefährlich dornig. Ein hüfthohes Mäuerchen zwang die trotzige Pracht in ihren Grenzen zu bleiben. Lavinia trat einen Schritt ins Freie. Dieses Haus war nicht verlassen, jemand musste sich um die Blumen, die Zimmer gekümmert haben.
„Die Nachbarin.“
Natürlich, Gwendolyn Ashcott hatte eine ältere Witwe in ihrem Tagebuch erwähnt. Sie musste die Frau finden, von ihr würde sie wahrscheinlich alles erfahren was sie zur Aufklärung des Verbrechens brauchte.
„Aber ich fürchte, dass wird ein langer Abend werden“, seufzte Lavinia in die Dämmerung hinein.
Die nächsten Häuser standen erst wieder hier den holprigen Weg hinunter und sie konnte noch nicht einmal sagen, ob die Dame nach zwanzig Jahren überhaupt noch lebte. Aber vielleicht hatte sie Angehörige hinterlassen, die ihr helfen konnten.
„Wenn ich doch nur ihren Namen wüsste.“
„Penhalligan!“, antwortete eine Stimme in ihrem Nacken.
***
Angsterfüllt stürzte Joshua die Treppenstufen zu seinem Wagen hinab. Gerade erst war er nach der Unterredung mit Jennifer Hamilton nach Hause zurückgekehrt und musste erfahren, dass Lavinia verschwunden war. Doch diesmal hatte sie Spuren hinterlassen. Lady Hamilton hatte einen silbernen Schlüssel in ihrem Haus gefunden und in dem dazugehörigen Zimmer das Tagebuch ihrer Schwester.
Vorhin in der Kutsche hatte sie ihm eine wirklich haarsträubende Geschichte erzählt, über deren Konsequenzen er jetzt lieber nicht nachdenken wollte. Er musste Lavinia finden so lange es noch nicht zu spät war. Und dann würde er sie abwechselnd küssen und windelweich prügeln, weil sie ihm ständig Scherereien machte und sein einziges Glück war.
Doch davor gab es noch ein Problem zu lösen – wo zum Teufel lag Dorey?
***
„Ich habe gewusst, dass Sie kommen würden, Miss Hershey. Sie sind einfach zu neugierig!“ Isabelle Penhalligan fuchtelte mit ihrer Pistole vor Lavinias Gesicht umher.
„Setzen Sie sich in einen der Sessel. Nein, in den anderen, dort kann ich sie besser im Auge behalten.“
„Ich verstehe nicht.“
Lavinia gehorchte der jungen Frau. Verwundert starrte sie auf des Rätsels Lösung, das sich nun schelmisch lächelnd eine Locke aus den blauen Augen strich.
„Wirklich nicht? Sie haben doch das Tagebuch meiner Mutter gelesen, oder konnten Sie sich zurückhalten? Ich glaube kaum. Das war schließlich ihr Schlüssel, der neben ihrem Teeservice gelegen hatte. G.A.“
„Ich habe nicht gewusst, dass der Schlüssel zu einem Tagebuch gehört, bis Sie mich darauf gebracht haben.“
„Tatsächlich?“
Isabelle schien einen Augenblick verwirrt.
„Dann habe ich Sie wohl ungewollt auf meine Fährte gebracht. Wissen Sie, ich habe schnell gemerkt, dass Sie und Mayfair den Mörder von Sarah Talbot verfolgen.“
„Haben wir uns so dilettantisch angestellt?“
Lavinia rutschte tiefer in ihren Sessel. Sie musste Isabelle ablenken bis sich eine Gelegenheit ergab zu fliehen.
„Ach, ich fand sie beide recht amüsant. Sie haben zuerst meine Tante verdächtigt, stimmt das?“
„Ja.“
„Sie hatte aber auch ein verlockendes Motiv. Sie wollte den Selbstmord ihrer Schwester rächen, nachdem diese von Lord und Lady Talbot in den Tod getrieben wurde. Jennifer Hamilton war schließlich auch die einzige Verwandte von der armen Gwendolyn!“
Isabelle kicherte hysterisch.
„An ihre Tochter hat sich keiner erinnert, keiner interessierte sich für sie, nicht einmal sie selbst.“
Isabelle schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte bitterlich. Das war Lavinias Chance, doch stattdessen ging sie langsam auf Isabelle zu und berührte sacht ihren Arm. „Hinsetzen!“
Isabelle richtete wieder ihre Waffe auf sie.
„Schon gut, Isabelle. Ich mache alles was du verlangst.“
Beschwichtigend hob Lavinia die Hände und sank in ihren Sessel.
„Deine Mutter war eine gebrochene Frau, Rose, sie hat den Tod deines Vaters nie überwunden.“
„Sie haben das Tagebuch doch gelesen!“
Isabelle – Rose – funkelte Lavinia böse an.
„Sie hat mich einfach allein gelassen und hat diesen Talbot geheiratet. Ich bin bei unserer Nachbarin, Betty Penhalligan, aufgewachsen, meine Mutter habe ich nur ein einziges Mal wiedergesehen und da hat sie geweint und mich fortgeschickt, weil mein Anblick ihr das Herz bräche.“
„Du hast sie immer an deinen toten Vater erinnert.“
Lavinias Herz raste.
„Ist das meine Schuld? Ich hätte ihn ersetzen können, ich hätte sie an seiner statt geliebt.“
„Du hättest ihn zwar nicht ersetzen können, aber ja, du hättest sie geliebt. Ich weiß, dass sie dich auch immer geliebt hat.“
„Weshalb hat sie mich dann einfach vergessen?“
„Eine Mutter vergisst ihr Kind niemals, merk dir das. Vielleicht hatte sie keine Kraft mehr, um für euer Glück zu kämpfen.“
„Ich hätte ihr die Kraft gegeben! Ich wollte zu ihr, wenn ich erwachsen bin und sie lieben, aber da war sie schon tot. Da habe ich beschlossen mich an Sarah Talbot zu rächen. Meine Mutter hatte mir Geld hinterlassen, damit konnte ich in die Gesellschaft eingeführt werden. Es war alles so einfach! Nicht einmal meine Tante hat mich erkannt. Das ist eigentlich sehr traurig, aber ich habe nur gelacht!
Auf Hardcastle ergab sich endlich eine Gelegenheit für meinen Plan. Lady Sarah war eine eingebildete Schnepfe, ich habe mich einfach bei ihr angebiedert. Sie wollte mir ihre Kleider zeigen, ihren Schmuck und das was sie ‚Frauengespräche’ nannte. Die Nagelfeile lag schon auf der Frisierkommode. Ich habe einfach nur zugestoßen.“
„Dann hast du ihr die Rosen geschenkt?“
Isabelle lächelte.
„Ich habe gelernt, wie man sie züchtet.“
Dann stampfte sie mit dem Fuß auf.
„Alle lieben Rosen, aber keiner liebt Rose!“
Lavinia bekam feuchte Hände. Das Mädchen war vollkommen wahnsinnig!
„Rose? Weshalb hast du versucht Lord Blackmoore zu töten? Das warst doch du in der Kutsche?“
„Der gute alte Joshua war ein Freund meines Vaters. Sein bester Freund. Als ich nach London kam, wollte ich ihn einfach nur kennen lernen und ich fand ihn wirklich sehr nett, aber dann habe ich mir Gedanken gemacht.“
Isabelle legte theatralisch einen Finger an die Lippen.
„Mein Vater ist mit einem seiner Schiffe untergegangen und er hat es nicht für nötig befunden, sich um meine Mutter oder mich zu kümmern. Er hat Rose, die einzige Tochter seines besten Freundes, ebenso vergessen wie alle anderen!“
„Aber ihn trifft doch keine Schuld!“, begehrte Lavinia auf.
„Doch, er hat große Schuld auf sich geladen, die er nie wieder gut machen kann.“
Joshuas Stimme ließ beide Frauen zusammenzucken. Lavinia verspürte Erleichterung, als sie ihn dort im Türrahmen stehen sah, die jedoch sofort von Panik abgelöst wurde. Er hatte keine Waffe bei sich, während Isabelle wutentbrannt die Pistole auf ihn richtete.
„Willkommen, Sir Joshua! Ich hätte mich gefreut, sie einige Jahre früher zu sehen.“
„Verzeih mir, Isa...Rose. Ich hätte mich tatsächlich um dich kümmern müssen. Deine Mutter war wieder verheiratet, aber du hast keinen zweiten Vater bekommen. Ich habe mich an dir versündigt und an deinem Vater, meinem besten Freund. Du hast allen Grund mich zu hassen, aber bitte lass Lavinia aus dem Spiel. Sie hat mit dieser Sache nichts zu tun.“
„Das habe ich wohl!“
Lavinia war aus ihrem Sessel aufgesprungen und stellte sich zwischen Joshua und Isabelle. „Ich bin deine Verlobte, hast du das schon vergessen?“
Sie blickte hoch in seine glänzenden Augen.
„Du vermaledeites Weibsbild!“, flüsterte er ergriffen.
„Lord Blackmoore, ich denke, ich kann mich der Meinung Ihrer Verlobten nur anschließen.“ Isabelle hob lächelnd die Pistole.
„Sie beide gehören zusammen, im Leben wie auch im Tod!“
Später konnte Lavinia nicht mehr sagen wie es gekommen war. Sie hatte Isabelles blaue Augen in ihrer Erinnerung, Josh wie er sich auf sie zu bewegte. Dann knallten die Schüsse und Lavinia sah zwischen zwei Lichtblitzen die Dielenbretter auf sich zukommen.
***
Isabelle – Rose – Penhalligan lag neben dem Sessel in einer Blutlache, die Pistole hielt sie noch immer in ihrer Hand. Sie hatte sich selbst gerichtet. Joshua lag schwer auf Lavinia, seine Finger hatten sich fest um die Ihren geschlossen, ehe er sich schützend vor sie geworfen hatte. Auf seinem Hemd zeichnete sich ein immer größer werdender Fleck ab.
„Nein, oh, nein!“
Keuchend schob sich Lavinia unter Mayfairs Körper hervor und tastete verzweifelt nach seinem Puls. Sie fand ihn erst beim zweiten Anlauf und auch dann war sie nicht beruhigt, schien sein Herz doch langsam und unregelmäßig zu schlagen. Weinend bettete sie Joshuas Kopf in ihren Schoß und liebkoste sein Gesicht und seine Brust.
„Du darfst nicht sterben, Josh! Das habe ich dir schon einmal gesagt, aber du willst ja nicht auf mich hören.“
Tränen kullerten von ihren Wangen auf Joshuas Kinn, der bleich und still in ihren Armen versunken war.
„Ich liebe dich, mein Süßer, du musst aufwachen und bei mir bleiben. Mach die Augen auf, bitte!“
Eine Ewigkeit kniete sie neben ihm auf dem Boden, zärtlich Koseworte in sein Ohr flüsternd, bis er endlich wie unter größten Mühen seine Lider hob.
„Lavinia?“
„Ich bin hier, Josh, ich bin hier!“
Unendlich vorsichtig nahm sie sein Gesicht in ihre Hände.
„Hoffentlich bist du nicht verletzt?“
„Mir geht es gut, aber Isabelle Penhalligan hat auf dich geschossen. Du blutest!“
„Nicht schlimm, mein Kleines. Hauptsache dir ist nichts geschehen.“
„Du hast mich gerettet, Josh. Du hast dich vor mich geworfen, um mein Leben zu retten.“ „Purer Egoismus! Ohne dich wäre mein eigenes Leben keinen Pfifferling mehr wert.“
Er lächelte schief unter den Schmerzen, die in donnernden Wellen über ihn hinwegzurollen schienen. Er konnte kaum noch die Augen offen halten.
„Es tut mir sehr leid, Lavinia. Hardcastle...ich habe geglaubt...“
Lavinias Küsse versiegelten seine blassen Lippen.
„Sprich nicht, Liebling. Das strengt dich zu sehr an.“
Ihre roten Locken kitzelten seine Nase. Sie duftete nach Schokolade.
„Ich liebe dich, Lavinia! Das darfst du niemals vergessen.“
„Ich liebe dich auch, Josh. So sehr!“
„Ich habe heute eine schöne Geschichte gehört, vom Heldenmut eines Jungen, der mit der Liebe seiner Angebeteten vergolten wurde.“
Er zog Lavinias Hand an seinen Mund und küsste sie innig.
„Ich habe dir einmal versprochen, dass ich dich immer beschützen werde, erinnerst du dich? Damals hast du mir nicht geglaubt, aber nun möchte ich meinen Schwur wiederholen. Du bist die Liebe meines Lebens, Lavinia Hershey, ich werde dich mit allem schützen, was ich besitze, hier auf Erden und dort in der Ewigkeit.“
Als sie die Bedeutung seiner Worte begriff, begann Lavinia zu zittern. Hilflos hob sie die Hand und streichelte seine Wangen.
„Und du bist die Liebe meines Lebens. Immer! Aber mit der Ewigkeit lassen wir uns bitte noch ein wenig Zeit, ja?“
„Ich fürchte, dass ich in diesem besonderen Fall nicht gefragt werde.“
Joshua stöhnte leise. Schauder jagten durch seinen Körper.
„Lavinia? Wärst du sehr böse, wenn ich dich jetzt allein lasse?“
„Josh, ich lasse dich nicht sterben!“
Verzweifelt presste sie ihn noch enger an ihren Leib. Seine Augen waren glasig, als er ihren verschwommenen Blick suchte.
„Kannst du mir verzeihen?“
„Niemals!“
Er lächelte, dann sank er in ihren Armen zusammen.
***
Die Kirschen waren tiefrot und süß. Lavinia stellte das Obstkörbchen auf die Kommode und zog energisch die Vorhänge des Himmelbettes beiseite. Ihr Ehemann hatte sich auf ihre angewärmte Seite gerollt und grunzte zufrieden. Behutsam krabbelte sie neben ihn in die Kissen, darauf bedacht nicht aus Versehen an Joshuas Wunde zu stoßen.
„Guten Morgen, Sir!“, hauchte sie ihm zärtlich ins Ohr.
Sofort war er hellwach. Sein Blick aus zwei funkelnden Bernsteinen liebkoste sie von Kopf bis Fuß.
„Guten Morgen, Lady Blackmoore.“
„Ich glaube, an diese Bezeichnung werde ich mich erst noch gewöhnen müssen.“
„Das wirst du schon. Ah, es war eine gute Idee von mir dich per Sonderheiratserlaubnis noch am Krankenbett zu ehelichen!“
„So kannst du jederzeit behaupten unter Halluzinationen gelitten zu haben, als du mich zur Frau genommen hast.“
„Mit Fieberschüben nach Schussverletzungen ist wirklich nicht zu spaßen.“
Er umarmte sie so heftig, dass sie quiekend über seine breite Brust rollte.
„Aber welche Entschuldigung hast du vorzubringen, meine Süße?“
„Ich brauche keine!“
Sie spürte die Wärme seines Körpers, seinen Mund, seine Hände überall. Als sie später schwitzend und doch so leicht nebeneinander lagen, nahm Lavinia das Kirschkörbchen auf ihren Schoß.
„Frisch gepflückt aus dem Garten.“
Gebannt beobachtete Joshua, wie sie sich den köstlichen Saft von den Fingern schleckte. „Lavinia?“
Die Lachfältchen in seinen Augen blitzten amüsiert. “
„Wir haben keinen Kirschbaum im Garten.“
„Nein!“
Lavinia kuschelte sich in die seidigen, kleinen Löckchen.
„Aber Lady Graham.“
Lachend schlang er die Arme um ihren Leib.
„Weißt du was, mein Engel?“
„Lass mich raten. Du bist unglaublich froh, eine Meisterdiebin geheiratet zu haben!“
Stumm vergrub Joshua seine Lippen in ihrem Haar.
„Ich bin unglaublich froh, dass du mein Herz gestohlen hast. Ich liebe dich, Lavinia!“
Statt einer Antwort, schob ihm Lavinia eine Kirsche in den Mund.
„Ich liebe dich auch, Josh!“
Und dann küsste sie ihn.
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