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Roy
Raperpotz im Land der Träume
Von
Tiras Rapkeve
Wer
ist eigentlich Roy Raperpotz?
Roy Raperpotz ist
ein Prinz aus Traumania, aus dem sagenumwobenen Land der Träume, einem
Ort an dem all unserer Träume in einem geheimnisvollen Meer verborgen
liegen. Seine Eltern brachten ihn in unsere Welt, an jenem Tag, als der
schwarze Regen begann ihr Land zu zerstören.
Doch nun ist die
Zeit gekommen ihm entgegen zu treten, und Roy ist bereit in sein Königreich
zurück zukehren. Zwar kann er sich noch an nichts erinnern, doch seine
besten Freunde Racket und Romy stehen ihm hilfreich zur Seite. Roy muss es
wieder lernen, das Träumeln. Das Träumeln? Was das ist? So nennt man es,
den Menschen ihre Träume zu bringen. Denn immer wenn wir schlafen des
Nachts, holen uns die Träumler in ihr Land und bescheren uns unsere Träume.
Wahrhaft phantastisch. Nicht wahr?
***
Roy
Raperpotz und das verbotene Tor
Roy war ein
kleiner schüchterner Junge mit blonden strubbeligen Haaren und einer
seltsamen schwarzen Strähne darin, die ihn jeden Morgen beim Kämmen
dermaßen ärgerte, dass er länger als all die anderen Jungen im
Badezimmer brauchte um fertig zu werden.
Doch so sehr er
sich auch anstrengte, er konnte diese Strähne nicht besiegen. Sie stand
ab von seinen Haaren wie ein störrischer Esel, der nicht hören will. All
die anderen Kinder, besonders Greg, der größte Junge im Waisenhaus St.
Jones, lachten ihn aus deswegen.
Und gerade heute
war diese Strähne noch widerspenstiger als sonst. So sehr er sich auch mühte,
so oft er auch versuchte sie flach an seinen Kopf anzuschmiegen, immer
wieder stellte sie sich auf und trotzte jeder Bewegung seines Kammes, als
ob sie sich heute ganz besonders hervor tun wollte, als ob es heute einen
ganz besonderen Grund dafür gäbe.
Von außen pochte
bereits Greg an die Tür. "He, Raperpotz! Roy Raperpotz! Wenn du
nicht gleich raus kommst, dann kannst du für immer drin bleiben."
Um seine Worte zu
betonen stieß er noch einmal kräftig mit dem Schuh gegen die Tür.
"Hast du mich verstanden, Raperpotz?"
Roy packte hastig
seine Sachen zusammen. Er hasste es so genannt zu werden. Immer wieder hänselten
ihn die Kinder wegen seines Namens. Raperpotz. Roy Raperpotz. Dies war
wirklich ein sehr seltsamer Name. Roy Raperpotz. Doch solange er denken
konnte hieß er schon so.
So lange er denken
konnte lebte er schon in diesem Waisenhaus, weit außerhalb der Stadt,
zusammen mit all den anderen Kindern, die kein zu Hause mehr hatten. Er wusste
nicht wer seine Eltern waren, noch wusste er wo er hingehörte. Keiner
hier konnte ihm das sagen, und keiner wusste, wie er eigentlich in dieses
Waisenhaus gekommen war, nicht einmal Direktor Finlox.
Roy öffnete die Tür
und schaute vorsichtig hinaus. Von der Seite packte ihn Greg und zog ihn
aus dem Bad. "Raperpotz. Du siehst aus wie ein Strubbelpeter. Was
hast du eigentlich die ganze Zeit da drin getrieben?" Er stupste ihn
in die Seite. "Wegen dir werden wir noch alle zu spät zum Frühstück
kommen." Danach schob er Roy zur Seite und ging lauthals brüllend
ins Bad.
Im Frühstücksraum
waren bereits alle Kinder versammelt. Der Direktor, Herr Finlox, ein
finster drein blickender knorriger Mann, schritt vor den Kindern entlang.
Bei jedem hatte er etwas auszusetzen.
"Steck dein
Hemd richtig rein, Peter! Kopf hoch, Martin! Michael, putz deine
Schuhe!"
Kurz vor Roy
stoppte er seinen langsamen und schleppenden Gang und schüttelte mit dem
Kopf. "Raperpotz, Raperpotz. Du wirst es wohl nie lernen. Schau dich
an. Weißt du wie du aussiehst? Wie ein Kind von der Straße. Was soll nur
aus dir werden?"
"Aber...",
versuchte Roy sich zu verteidigen. "Nichts aber.", unterbrach
ihn Finlox. Jeden Morgen hast du die gleiche Ausrede. Du gehst sofort in
den Keller zu Morella und lässt dir deine Harre schneiden, ist dass
klar?"
Die Kinder im Saal
verstummten. Jeder fürchtete sich vor Morella. Sie war eine alte seltsame
Frau, die im Keller von St. Jones hauste und nur selten ins Haus,
geschweige denn in den Garten kam. Einige behaupten sogar sie wäre eine
Hexe und hätte schon so manche kleine Kinder verhext. Alle Kinder, sogar
Greg hatten Angst vor ihr und jeder in dem Saal war froh, nicht an Roy’s
Stelle zu sein.
Finlox stand
wartend vor Roy und musterte ihn scharf. Roy drehte sich um und verließ
den Frühstückssaal. Was sollte er tun? Was sollte er sagen? Er musste
sich fügen. So hungrig er auch war, er musste sich fügen. Und da er zwar
klein und schüchtern, aber keinesfalls feige war, schritt er die kalten
Stufen hinunter in den Keller zu Morella.
Doch
eigenartigerweise, je tiefer er kam desto weniger Angst hatte er. Ja und
obwohl er im Halbdunkel nicht viel sah, so kam ihm die Umgebung sogar
irgendwie bekannt vor. Nur ein oder zwei mal war er in diesem Keller und
so richtig konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, auch nicht an
Morella, doch er spürte dieses eigenartige Gefühl, schon sehr oft hier
gewesen zu sein. Er konnte es sich nicht erklären.
Unten angekommen
betrat er einen Raum, der durch ein im Kamin brennendes Feuer hell
erleuchtet war, so dass er an den Wänden Regale mit seltsam anmutenden Gläsern
sehen konnte. In der Mitte stand ein großer hölzerner Tisch, um den
herum vier Stühle angeordnet waren.
Vor dem Kamin
stand gebückt eine Frau mit grauem wallenden Haar. "Komm ruhig näher,
Roy Raperpotz. Ich habe schon auf dich gewartet. Du solltest eigentlich
schon längst hier unten sein, schon vor Wochen. Was hat dich
aufgehalten?"
Roy wusste nicht
so recht was er erwidern sollte. "Direktor Finlox hat mich eben erst
hier herunter geschickt. Sie sollen mir meine Haare schneiden."
"Finlox,
dieser Trottel.", erwiderte Morella empört, ohne sich vom Kamin weg
zu drehen. "Haare schneiden. Ist das sein einziges Problem? Haare
schneiden? Der hat keine Ahnung von dem, was hier vor sich geht. Setz dich
Roy."
Neugierig schaute
sich Roy in dem Raum um. Als er sich setzte und wieder zum Kamin schaute,
war Morella jedoch plötzlich verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.
Er schaute in jede Richtung und in jede Ecke, doch er konnte sie nicht
mehr sehen. Er war ganz alleine.
Dort saß er nun
und wartete und wusste nicht was er tun sollte. Es saß dort bestimmt bis
Mittag, doch es geschah nichts. Morella war verschwunden und kam auch
nicht wieder Und so wartete er weiter, bis es schon fast dunkel war, denn
Direktor Finlox hatte ihm eindeutig erklärt, dass er ohne einen neuen
Haarschnitt nicht aus dem Keller zu kommen brauchte.
Zum Glück fand er
ein paar Äpfel und einen Kanten Brot in einem der Regale, so dass er
seinen Hunger stillen konnte, und er leerte einen Krug Wasser, der auf dem
Tisch stand. Doch allmählich begann er sich Sorgen zu machen, dass
Morella heute gar nicht mehr zurück kommen würde, als plötzlich eine
leise, schnurrende Stimme erklang.
"Euer Majestät!
Ein Glück, dass ich dich gefunden habe."
Roy schaute sich
um. Es war niemand zu sehen. In der Ecke saß nur ein schwarzer Kater mit
ein paar weißen Harren an der Kehle und schaute ihn mit freundlichen
Augen an. Sonst war niemand weiter da. Aber woher kam dann diese Stimme,
diese Stimme, die ihn mit "Majestät" ansprach.
"Du kannst
dir nicht vorstellen wie lange ich dich gesucht habe, Euer Majestät.
Endlich habe ich dich gefunden."
Tatsächlich. Es
war dieser Kater, der da zu Roy sprach. Roy konnte kaum seinen Augen und
Ohren trauen. War dies hier wirklich eine Hexenküche mit sprechenden
Tieren?
"Du musst mir
helfen. Du bist meine letzte Hoffnung. Du bist unsere letzte
Hoffnung."
"Bist du das,
der da zu mir spricht?", fragte Roy ungläubig den Kater.
"Ja, natürlich.
Ich bin es. Erkennst du mich denn nicht?"
"Nein. Wer
bist du?", fragte ihn Roy erstaunt.
"Ich bin’s,
Racket. Dein ergebener Diener. Aber ja, ich hätte es mir denken müssen.
Du kannst mich nicht erkennen in dieser Gestalt. Ich vergesse immer
wieder, dass ich ein Kater bin."
"Sollte ich
dich kennen?", fragte Roy immer erstaunter.
"Oh, ja. Natürlich.
Wir sind die besten Freunde. Erinnerst du dich nicht? Du musst dich doch
erinnern. Wir waren jeden Tag zusammen. Du weißt schon, damals in
Traumania. Bis dieser große Regen kam, und unsere Welt zu zerfallen
begann."
"Wovon
sprichst du da? Ich kann mich an keinen Regen erinnern."
"Du weißt
wirklich nichts davon? Du hast alles vergessen Roy. Oh, wir müssen uns
beeilen. Wir müssen zurück in unsere Welt bevor es zu spät ist, wenn es
jetzt nicht schon zu spät ist. "
Roy war sehr
aufgeregt. "In unsere Welt? Du weißt woher ich komme?"
"Ja, natürlich
weiß ich es.", schnurrte Racket. "Du bist Roy Raperpotz. Der jüngste
Spross der königlichen Familie von Traumania.", Racket verneigte
sich tief vor Roy. "Und seit dem Regen hast du diese schwarze Strähne,
die dir übrigens sehr gut steht, meint zumindest Romy. Naja. Da kann man
wohl geteilter Meinung sein."
"Romy?",
fragte Roy erneut sehr aufgeregt, denn nun schien er sich doch an etwas zu
erinnern.
"Sag bloß,
du hast auch Romy vergessen? Oh, wir müssen uns wirklich beeilen. Komm
mit!"
Racket lief zu
einer Seitentür in der hinteren dunklen Ecke des Raumes, die Roy vorher
gar nicht wahrgenommen hatte, und plötzlich standen sie mitten im Garten
hinter dem Waisenhaus. Er lief weiter bis hin zu der Hecke mit den großen
Büschen am anderen Ende des Gartens. Als Racket unter der Hecke hindurch
schlüpfen wollte stockte Roy.
"Wir dürfen
nicht hinter diese Hecke. Direktor Finlox hat uns streng verboten hinter
diese Hecke zu gehen."
"Vergiss
Direktor Finlox, Roy. Wir werden bald zu Hause sein. Komm!"
Aus irgendeinem
Grunde, wenn sie sonst auch überall durch das Gelände strohmerten, so
hielten sich doch alle Kinder aus dem Waisenhaus St. Jones fern von dieser
Hecke, und es ist ihnen nie in den Sinn gekommen dieses Verbot zu missachten.
Auch jetzt
beschlich Roy ein ungutes Gefühl, das er nicht so recht beschreiben
konnte. Da er jedoch ein mutiger Junge war folgte er dem Kater, der sich
Racket nannte, und das unangenehme Gefühl wich schnell einem neuen,
wunderbaren Gefühl, so wie er es noch nie zuvor erlebt hatte, doch
aufgrund vieler Bücher die er gelesen hatte sofort erkannte.
Es war das Gefühl
der Heimat, das Gefühl nach Hause zu kommen. Und mit pochendem Herzen
rannte er hinter Racket her, der durch ein Loch unter der Hecke schlüpfte.
Hinter dem letzten
großen Busch verborgen lag ein kleiner Pavillon. Die Mauern waren bereits
vergilbt und der Putz bröckelte von den Wänden. Der Eingang war gerade
groß genug, so dass Roy problemlos hindurch gehen konnte.
Racket tippte mit
seiner Pfote gegen einen Stein in der Wand und ein seltsames Licht
erstrahlte plötzlich und erhellte den gesamten Pavillon. Fast im selben
Augenblick erklang eine tiefe Stimme direkt vor ihnen.
"Wer stört
die Ruhe des Wächters des verbotenen Tores?"
"Miau. Ich
bin es, Racket.", hauchte sanft der Kater ehrerbietungsvoll.
"Ach du bist
es schon wieder. Du wirst es wohl nie aufgeben. Hast du das Rätsel gelöst?"
"Nein.",
antwortete Racket etwas verärgert. "Aber ich habe einen Freund
mitgebracht, ein Mitglied der königlichen Familie, siehst du? Es ist Roy
Raperpotz."
"Hm. Ja. Ich sehe. Es ist wirklich Roy Raperpotz. Er trägt die
schwarze Strähne im goldenen Haar. Hm. Trotzdem muss auch er das Rätsel
lösen, um durch das Tor zu gehen."
"Ja,
ja.", erwiderte Racket eifrig. "Stell ihm die Frage. Er wird sie
beantworten. Er wird es wissen. Ich weiß es."
"Also
gut.", ertöne die Stimme, jetzt sogar noch tiefer als vorher.
"Höre mir aufmerksam zu mein junger Freund:
Es
ist ein Ort, den alle Menschen kennen.
Ob gut, ob böse, sie alle ihn Ihr eigen nennen.
Es ist ein Ort, an dem sich jeder Wunsch erfüllt,
ein Mantel, in den man sich des Nächtens hüllt,
dort wo Erwachs‘ne wie die Kinder tollen,
und nie mehr von dort gehen wollen.
Ein Ort, an dem es keine Grenzen gibt,
an dem nur eins, der eigne Wille siegt,
zu dem man geht mit Freuden fort.
Sag mir, was ist das für ein Ort?
"Kennst du
die Antwort Roy Raperpotz? Sag sie mir schnell, und ich öffne dir mein
Tor."
Roy dachte
angestrengt nach. Ein Ort, den alle Menschen kennen? Ein Mantel, in dem
man sich des Nächtens hüllt und wo sich jeder Wunsch erfüllt? Was
konnte das nur sein?
Von der Seite störte
ihn Racket beim Nachdenken. "Weißt du es Roy? Du weißt es doch,
nicht wahr? Sag es dem Wächter. Du musst es doch wi...."
Doch plötzlich
erlosch das Licht an der Mauer und Racket sprang blitzartig durch eine
Seitentür aus dem Pavillon. Von der anderen Seite kam Direktor Finlox in
den Pavillon herein gepoltert.
"Raperpotz,
Roy Raperpotz. Was machst du hier? Du solltest dir doch deine Haare
schneiden lassen, du Lümmel. Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?"
Er packte Roy am
rechten Ohr und zerrte ihn aus dem Pavillon. "Ihr werdet es wohl nie
lernen. Ihr solltet doch nicht hier hinter diese Hecke gehen. Habe ich
euch das nicht tausendmal gesagt? He?"
Noch immer hielt
er Roy fest am Ohr, so das der Arme Junge vor Schmerzen sein Gesicht
verzog und zerrte ihn ins Haus.
"Wir werden
morgen weiter darüber reden. Jetzt aber ab ins Bett! Los!"
Er schubste ihn in
sein Zimmer, in dem Greg schon hemmungslos schnarchte und schloss die Tür.
Roy stieg leise in sein Bett. Doch immer wieder musste er an Racket und an
diese geheimnisvolle Welt denken von der er ihm erzählte hatte, und an
das Rätsel, dessen Lösung ihnen das verbotene Tor zu dieser Welt öffnen
sollte, zu einer Welt die angeblich seine eigene sein soll.
Doch dann plötzlich
wusste er die Lösung des Rätsels und zufrieden und voller Erwartungen an
den nächsten Tag schlief Roy todmüde unter seiner warmen und kuscheligen
Decke ein.
***
Zum Seitenanfang
Roy
Raperpotz und das Orakel Guckifix
Am nächsten
Morgen gab sich Roy weniger mühe seine Strähne glatt zu kämmen. Er wusste
nun, dass es eine Ursache dafür gab, und er wusste nun, dass er ein
Mitglied der königlichen Familie war.
Nun ja. Aber
welcher königlichen Familie eigentlich, und was für ein Königreich
sollte das sein? Voller Ungeduld wartete er den ganzen Tag darauf, dass
Racket sich bei ihm melden würde, doch er lies sich nicht blicken.
Als ob gestern
nichts geschehen war verlief der Tag wie all die anderen. Selbst Direktor
Finlox schien sich an nichts mehr zu erinnern, denn er sprach ihn weder
auf seine immer noch zerzausten Haare an, noch verlor er auch nur ein Wort
über den gestrigen Abend im Pavillon hinter der Hecke.
Roy wunderte sich
sehr darüber, und langsam begann er schon daran zu zweifeln, den
gestrigen Tag überhaupt erlebt zu haben. Doch als es zu dämmern begann,
und alle Kinder aus dem Garten ins Haus zurückkehrten, hörte er von der
Seite ein leises Miauen, und er meinte zu hören wie jemand seinen Namen
rief.
Erschrocken blieb
er stehen und drehte sich um. Außer ihm schien niemand weiter diese
Stimme gehört zu haben, denn alle Kinder liefen weiter und verschwanden
bald im Haus, so dass Roy bald ganz alleine im Garten stand.
"Racket? Bist
du das?", fragte er vorsichtig ins Dunkel.
Von der Seite kam
Racket auf Roy zugesprungen. "Roy! Euer Majestät! Wir müssen uns
beeilen." Dann schaute er Roy mit großen Augen an. "Weißt du
die Lösung des Rätsels?"
Roy wusste nicht
so recht was er erwidern sollte. "Ja, ich denke schon."
"Ja, Ja. Du
wirst es schon wissen. Du bist schließlich ein Mitglied der königlichen
Familie. Du bist schließlich Roy Raperpotz.", antwortete Racket,
sich seiner Sache völlig sicher.
"Was ist das
für eine Familie?", fragte ihn Roy neugierig. "Sind es meine
Eltern. Leben meine Eltern noch?"
"Hm. Naja.
Das ist so eine Sache.", antwortete Racket verlegen. Doch Roy wollte
es nun wissen. "Was ist das für ein Königreich? Du musst das doch
wissen."
"Naja. Das
ist so eine Sache. Ich weiß es nicht."
"Wie meinst
du das, du weißt es nicht. Du weißt doch auch, dass ich ein Mitglied der
königlichen Familie bin."
"Ja, das
schon. Aber in dieser Welt hier ist alles anders. Hier weiß man nur, was
man wissen muss, nicht mehr."
"Das verstehe
ich nicht."
"Komm mit und
du wirst es gleich verstehen. Wenn wir durch das Tor gehen wirst du alles
verstehen." Racket verschwand wieder hinter dem großem Busch am Ende
der Hecke, und Roy beeilte sich ihm zu folgten. In dem Pavillon legte er
seine Pfote auf den Stein und schaute Roy mit erwartungsvollen Augen an.
"Bist du bereit, Euer Majestät?"
"Ja.",
erwiderte Roy, fest entschlossen durch das Tor in diese geheimnisvolle
Welt zu gehen.
Die tiefe Stimme
des Wächters ertönte. "Wer stört die Ruhe des Wächters des
verbotenen Tores?"
"Wir sind es.
Racket und Roy Raperpotz."
"Ach, ihr
seid es schon wieder.", antwortete der Wächter sichtlich verärgert,
wieder in seiner Ruhe gestört zu werden. "Habt ihr das Rätsel gelöst?"
"Ich denke
schon.", erwiderte Roy, nun doch etwas unsicher.
"Nun
gut.", erhob der Wächter wieder seine Stimme.
"Nenn mir den
Ort, zu dem die Menschen täglich ziehen. Nenn mir das Land, in das sie
jede Nacht entfliehen, in dem sich jeder Wunsch erfüllt, in dem man nur
mit Phantasie umhüllt, das bringt in alle Kinderaugen Sand. Sag mir, was
ist das für ein Land."
Mit fester Stimme
antwortete Roy dem Wächter des verbotenen Tores. "Ich weiß welches
Land es ist. Es ist das Land der Träume."
"Potz
blitz!", ertönte die tiefe Stimme des Wächters. "Ja, das ist
es. Genau. Das Land der Träume."
Racket schau mit
großen Augen zu dem Wächter. "Wie? Ist es so einfach? Das Land der
Träume? Das hätte ich auch gewusst."
"Ich habe nie
gesagt, dass es schwierig ist. Doch nun hinweg mit euch. Ich habe noch
andere Dinge zu tun. Doch denkt stets daran, wer das Land der Träume hier
betrat, wird brauchen einst des Wärters Rat..."
Die Stimme des Wächters
wurde immer leiser, so das Roy ihn kaum noch verstehen konnte. " ...
denk stets an des Rätsels Lösung hier, das Hilfe bringen wird in Not zu
dir..."
Doch mehr konnte
Roy nicht mehr hören, denn die Fugen der Mauer begannen zu verschwimmen
und wie durch einen Schleier hindurch sah Roy die Umrisse eines Weges auf
den Racket schon gesprungen war.
Ohne auf die
weiteren Worte des Wächters zu achten folgte er ihm, und es begann eine
phantastische Reise in eine Welt, die Roy schon so oft in seinen Träumen
gesehen, die er aber noch nie zuvor verstanden hatte.
Sofort nachdem sie
durch das Tor gegangen waren verwandelte sich Racket in einen kleinen
Jungen, etwas kleiner sogar noch als Roy, mit schwarzen Haaren und
lustigen runden braunen Augen, die strahlten vor Freude endlich wieder zu
Hause zu sein. Er sprang in die Luft und ruderte mit seinen Armen, als ob
er gleich abheben und in die Wolken fliegen wollte.
Neugierig schaute
sich Roy um. Sie standen auf einem steinernen Weg mit herrlichen großen Bäumen
zu beiden Seiten und die Luft duftete nach Frühling und Sonne.
Weite Wiesen mit
wunderschönen Blumen, die lustig in einer sanften Brise hin und her
schwankten und miteinander zu spielen schienen, erstreckten sich bis zum
Horizont.
Eine Kutsche, nun
ja eigentlich war es eine Wolke, die die Gestalt einer Kutsche angenommen
hatte, schwebte vor ihnen auf dem Weg und wartete nur darauf, sie durch
dieses Meer der Phantasie, durch diese wunderbare Traumwelt zu
tragen.
Nur hinten, weit
weg in der Ferne stand eine Wolke am Himmel, die anders als all die
anderen war, die dunkel und finster erschien, jedoch so weit weg war, dass
keiner der beiden Jungen sie bemerkte.
Racket sprang noch
immer vor Freude in die Luft. "Roy, wir haben es geschafft. Wir sind
wieder zu Hause. Jetzt wird alles gut."
"Wo sind wir
hier?", fragte Roy verwirrt. "Irgendwie kommt es mir bekannt
vor. Doch ich weiß nicht wo wir sind."
"Wie? Du weißt
immer noch nicht wo wir sind?", fragte Racket erstaunt.
"Nein.",
antwortete Roy.
"Wie kann das
sein? Wir sind zu Hause, Roy. Das ist dein zu Hause. Erkennst du es
nicht?"
Roy schüttelte
traurig seinen Kopf. "Ich weiß es nicht mehr."
Racket packte Roy
am Ärmel und zog ihn zu der Kutsche die vor ihnen stand. "Es ist
noch schlimmer geworden, als zuvor. Wir müssen sofort zu Guckifix."
"Guckifix?",
fragte Roy erstaunt.
"Ja, unser
Orakel Guckifix. Den kennst du auch nicht?"
"Nein.",
antwortete ihm Roy traurig.
"Aber den
kennt hier doch jeder. Er ist das königliche Orakel. Du musst ihn doch
kennen.", Racket konnte nicht glauben, dass Roy alles vergessen haben
sollte.
"Tut mir
leid, Racket. Ich kenne ihn nicht."
Nachdenklich schüttelte
Racket seinen Kopf. "Also gut. Komm mit." Racket begann sich nun
wirklich ernsthaft Sorgen zu machen. Roy hatte wirklich alles vergessen.
Sie stiegen beide in die Kutsche und Racket befahl der Wolke sie zu
Guckifix zu bringen.
Sie flogen den
steinigen Weg entlang, vorbei an den majestätischen Bäumen, über
riesige wunderschöne Wiesen, mit Blumen, die Roy noch nie zuvor in seinem
Leben gesehen hatte, und die Blumen lächelten ihnen freundlich zu und
wiegten sich in der Sonne, die ihre herrlichen Farben zum leuchten
brachte, und Roy meinte zu hören wie sie tuschelten, als ihre Kutsche ab
uns zu in ihre Nähe kam.
"Sieh nur,
das ist Roy Raperpotz. Siehst du diese schwarze Strähne. Ja, er ist es.
Wirklich? Ja, er ist es wirklich. Ah. Roy Raperpotz. Er wird den Regen
besiegen. Meinst du? Ob er es schaff wird? Ja er wird es schaffen, ganz
bestimmt."
Doch Roy verstand
nicht, was sie meinten, noch nicht. Und so sah er fasziniert dem Drachen
zu, der plötzlich vor ihnen auf einer Insel inmitten eines riesigen Sees
Feuer spie, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. Und sie flogen
weiter über das Wasser, bis sie ein großes dreimastiges Schiff
erblickten, auf dessen Bug ein Mann stand und nachdenklich in die Ferne
schaute.
"Wer ist
das?", fragte Roy neugierig.
"Das ist
Kolumbus?"
Nur schwach konnte
sich Roy an die Geschichtsstunden in St. Jones erinnern und an einen Mann
namens Christopher Kolumbus. Doch wollte es ihm nun par du nicht
einfallen. "Wer ist Kolumbus?", fragte er deswegen Racket.
"Kolumbus ist
ein Mann mit großen wunderbaren Träumen. Er fährt über das weite Meer
einem unbekannten Ziel entgegen. Nur die besten Schüler dürfen ihm seine
Träume bringen."
Fasziniert schaute
Roy dem Schiff und dem Mann darauf zu, bis er langsam am Horizont
verschwand. Uns sie flogen weiter über einen Wald, der soeben noch grüne
Blätter hatte und im nächsten Augenblick in den schillerndsten Farben
des Herbstes erstrahlte, bis er alle seine Blätter abwarf, und wenige
Augenblicke später wieder zu grünen begann.
Inmitten dieses
Waldes lebte ein Riese, der zwar auf einem Stein saß, aber dennoch den
Wald um Kopfeshöhe überragte. Er grüßte höflich als Racket ihm einen
guten Tag wünschte, doch schien er irgendwie bedrückt zu sein, denn sein
Gesicht war traurig und seine Augen müde.
"Warum ist
dieser Riese so traurig?", fragte Roy.
"Es ist der
Regen. Er macht uns allen zu schaffen."
Als Roy sich aus
der Kutsche beugte sah er, dass der gesamte Wald unter Wasser stand, und
das auch die Füße des Riesen von Wasser bedeckt waren.
"Was ist das
für ein Regen?", fragte Roy weiter. Doch noch bevor Racket antworten
konnte, flog die Kutsche mitten auf einen Berg zu. Roy glaubte schon, sie
würden an dieser felsigen Wand zerschellen, als sich die Wand vor ihnen
öffnete und den Weg in einen langen Tunnel freigab.
Roy spürte die Kälte
des Felsen um ihn herum. Er konnte nichts mehr sehen. Es war stockfinster.
Plötzlich erschien ein gleißendes Licht am Ende des Tunnels und die
Kutsche schoss wieder aus dem Berg heraus auf eine Lichtung, die hoch oben
auf dem Berg sein musste .
Doch da selbst
hier noch ringsherum Gipfel in die Höhe schossen, war es ruhig und
friedlich. Die Kutsche hielt auf einem Weg, der zu einem seltsamen Gebilde
führte. Dann begann sie sich plötzlich in lauter kleine Wölkchen aufzulösen,
so dass Roy und Racket schnell heraus springen musste n, um nicht auf den
Hosenboden zu fallen.
Racket lief munter
den Weg entlang. "Komm schon Roy! Wir müssen dort hinauf." Sie
gingen mit kleinen Wolken zwischen ihren Füßen zu jener seltsamen
Gestalt, die, je näher sie kamen, wie eine riesige Uhr aussah. Doch
konnte Roy keine Zeit ablesen, denn nirgendwo war ein Zeiger zu entdecken,
und er wunderte sich sehr darüber.
"Was ist das
für eine seltsame Uhr, an der man keine Zeit ablesen kann?", fragte
er Racket.
"Das ist die
Uhr des Guckifix.", antwortete Racket. "Die einzige Uhr im
ganzen Land der Träume. Sie zeigt keine Zeit, weil für jeden in seinen
Träumen die Zeit anders verläuft. Für einen schneller, für den anderen
langsamer. Hattest du noch nie dieses Gefühl, wenn du nachts träumst?"
"Doch,
irgendwie schon.", musste Roy zugeben. "Aber wozu nützt eine
Uhr, wenn man keine Zeit darauf ablesen kann."
"Nur Guckifix
kann an dieser Uhr die Zeit lesen. Er ist unser Orakel. Nur er weiß
es.", antwortete Racket nun ernst.
Sie waren schon
fast an der großen Uhr angekommen, als plötzlich eine leise, quieksende
Stimme ertönte. "Au! Du Tollpatsch! Pass doch auf wo du
hintrittst!"
Roy sprang vor
Schreck zur Seite.
"Könnt ihr
denn nicht aufpassen, wo ihr lang geht mit euren großen Füßen."
Es war eine dieser
kleinen Wölkchen, die sich über Roy beschwerte, als er nichtsahnend
durch sie hindurch treten wollte.
"Entschuldige
bitte, ich wusste nicht, dass ich dir weh tue."
"Papperlapapp,
Entschuldigung. Ist das vielleicht ein Art durchs Leben zu gehen? Mach
doch deine Augen auf. Was wollt ihr eigentlich hier?"
"Wir suchen
Guckifix. Weißt du wo er ist?"
"Was wollt
ihr denn von ihm? Ihr Dreikäsehoch."
"Das geht
dich gar nichts an.", antwortete Racket dieser frechen Wolke.
"Oh, ihr
wollt mir nicht sagen, was ihr von ihm wollt. Bitte sehr. Ihr Geheimniskrämer.
Dann könnt ihr lange suchen. Von mir jedenfalls werdet ihr nichts
erfahren."
Aus dem Inneren
der Uhr ertönte eine freundliche jedoch auch strenge Stimme.
"Schlusss
jetzt, Schössel. Las die Jungen rein." Widerwillig öffnete das
kleine Wölkchen mit dem Namen Schössel die Tür zu der Uhr und babbelte
dabei missgelaunt vor sich hin. "Diese Lümmel wollen mir nicht sagen
was sie wollen. Diese Dreikäsehoch. Denen werde ich’s noch
zeigen."
Als Roy die Uhr
betrat wurde plötzlich der Innenraum größer und größer, so dass sie
bald in einem gemütlichen und geräumigen Zimmer standen. An jeder Wand
hingen Zahnräder, und überall waren tickende Instrumente zu sehen.
An der Hinterwand
hing eine Wage, vor der ein alter Mann mit einem weißen Bart, der fast
bis auf den Boden reichte, eifrig damit beschäftigt war, glitzernde
Sterne auf eine Seite der Wage zu schütten.
"Komm herein
Roy Raperpotz.", winkte er Roy zu, ohne sich dabei umzudrehen.
"Ich habe schon auf dich gewartet. Morella sagte mir, dass du bald
kommen würdest."
"Sie kennen
Morella?", fragte Roy erstaunt.
"Oh, ja. Natürlich
kenne ich sie. Und du wirst sie auch bald wieder sehen, aber setzt dich
doch und dein Freund Racket auch."
Racket wurde ganz
verlegen. "Meister Guckifix. Ich habe ihn hier her geholt, zurück
nach Hause, so wie ihr es mir aufgetragen habt. Aber wir haben ein
Problem. Er kann sich an nichts erinnern."
"Ich weiß,
mein Freund. Es ist nicht deine Schuld, dass er sich an nichts erinnern
ann. Es ist dieser Regen."
Guckifix hatte nun
wohl genug Sterne auf die Wage gelegt, denn sie bewegte sich nicht mehr
und zufrieden drehte er sich zu den beiden Jungen um.
"Weißt du
wer du bist?", fragte er Roy.
Traurig antworte
Roy ihm. "Nein. Ich wohne im Waisenhaus St. Jones, weil meine Eltern
tot sind. Ich weiß nicht wer sie waren. Ich weiß nicht wer ich
bin."
"Weißt du wo du bist?", fragte ihn Guckifix weiter.
"Im Land der
Träume?", antwortete Roy vorsichtig.
"Ja, im Land
der Träume.", erwiderte ihm Guckifix. "In deinem Reich. Es ist
dein Zuhause. Mit vielen Untertanen und fleißigen Helfern. Es ist das
Land, wo alle Menschen sind des Nachts. Das ist dein Reich, und das Königreich
deiner Familie."
"Aber warum
weiß ich dann nichts davon? Nichts von meiner Familie, nichts von meinen
Eltern.", fragte Roy sehr aufgeregt.
"Es begann
vor einiger Zeit, da kam ein fürchterlicher Regen von den Grenzen unseres
Reiches, und begann alle Träume hinweg zu wischen. Niemand wusste woher
und niemand wusste warum.
Dein Vater
schickte seine besten Männer gegen diesen Regen, doch alle, die ihn
erreichten, vergaßen warum man sie los schickte, vergaßen alles um sich
herum, und vergaßen schließlich sogar sich selbst.
Der Regen kam
immer näher und stand kurz vor den Mauern der königlichen Stadt. Eines
Tages kam er über die Mauern in den königlichen Garten und du, mein
Junge, bist hinein geraten in diesen Regen und alle Erinnerungen begannen
zu schwinden und fast wärst du geworden wie all die anderen.
Diese Strähne in
deinen Haaren hast du seit jenem Tag. Der Regen hat die Farbe heraus
gewaschen. Doch deine Eltern haben dich gefunden bevor es zu spät war und
haben dich in diese Welt dort draußen gebracht.
Sie haben dich
versteckt vor dem großen Regen bis die Zeit gekommen ist, sich ihm
entgegen zu stellen. Und diese Zeit ist jetzt gekommen, mein Junge."
"Wo sind
meine Eltern jetzt?", fragte Roy begierig mehr über seine Familie zu
erfahren.
"Deine Eltern
sind noch immer in der anderen Welt. Doch je länger sie weg sind aus
unserem Land, um so mehr vergessen sie, und um so leichter hat es der
Regen alle verbleibenden Erinnerungen zu verwischen. Du musst dich
beeilen, um sie zu retten."
"Aber wie
soll ich das tun?"
"Du musst den
heiligen Somnel finden. Nur dann kannst du den Regen besiegen. Nur dann
kannst du deine Eltern retten."
"Was ist denn
der heilige Somnel?" Roy hatte noch nie davon gehört.
"Der heilige
Somnel ist der glitzerndste und schillerndste Traum, den es gibt in
unserem Land. Er ist es wonach sich alle Menschen sehnen."
"Aber wo
finde ich denn diesen Somnel?", fragte Roy unglaublich aufgeregt.
"Ich weiß es
nicht, mein Junge. Sotalex ist der Hüter des heiligen Somnel. Zu ihm
musst du finden in deinen Träumen, ihn wirst du sehen, wenn dein Herz
rein ist und dein Geist klar, wenn du den Menschen ihre Träume zurück
bringen kannst, nur dann wirst du ihn finden."
"Aber wie
soll ich den Menschen ihre Träume bringen. Ich weiß nicht wie das
geht."
Guckifix schüttelte
nachdenklich sein weißes Haupt. "Dann musst du es lernen. Und du musst
dich beeilen, Roy."
"Wie soll ich
es lernen und wo? Ich verstehe doch nichts davon."
"Es gibt noch
eine Schule. Eine einzige, die noch verschont wurde. Wo der Regen noch
nicht sein fürchterliches Werk vollbringen konnte. Es ist eine ganz
besondere Schule. Es ist die Schule Raperpotz."
"Aber das ist
ja ...", fiel Roy Guckifix ins Wort.
"Ja, Roy. Du
hast den gleichen Namen wie diese Schule. Dort musst du hin und dort musst
du es lernen. Doch du musst dich beeilen. Wir haben nicht mehr sehr viel
Zeit."
"Wie soll ich
dorthin finden? Ich weiß doch nicht wo diese Schule ist."
"Schössel
wird dich begleiten. Sie wird dir zeigen wo sie ist, und sie wird dir
helfen den Somnel zu finden."
"Was ich?
Wieso ich?", empörte sich Schössel von der Seite. "Wieso muss
ich denn mit, mit diesen zwei halben Portionen."
"Sie werden
deine Hilfe brauchen, Schössel. Also benimm dich."
"Die werden
es doch nie schaffen. Ich will nicht mit. Ich will lieber hier
bleiben."
"Du gehst
mit. Keine Widerrede. Und jetzt legt euch hin und schlaft. Ihr habt morgen
einen weiten Weg vor euch."
Widerwillig flog
Schössel hinter eines der großes Zahnräder und schloss die Augen.
"Immer muss ich den Karren aus dem Dreck ziehen. Warum nur immer
ich?" Doch Roy hörte sich schon gar nicht mehr. Zu aufregend war
dieser Tag und zu müde war er jetzt.
Doch nun hatte er
endlich etwas über seine Eltern, über sich selbst erfahren. Und voller
Erwartungen auf den nächsten Tag schlief Roy neben Racket in einem großen
Himmelbett ein, das Guckifix auf dem Boden der Uhr aufgeschlagen hatte.
***
Zum Seitenanfang
Roy
Raperpotz und Traum des Spartakus
Roy musste plötzlich
niesen. Irgend etwas stieg ihm in die Nase."Hatschie!", nieste
Roy wieder. "Hatschie! Hatschie!"
Doch Schössel gab
nicht auf. Sie schwebte über seinem Gesicht und kitzelte dabei unaufhörlich
seine Nase. "Los, Los! Raus aus den Federn ihr Schlafmützen. Die
Sonne steht schon weit oben am Himmel."
Racket drehte sich
noch einmal um und gab nur undeutliche Wortfetzen von sich. "Hm?
Aufstehen? Mitten in der Nacht? Noch eine halbe Stunde.", und mit
diesen Worten vergrub er sich wieder unter seiner Decke.
Doch er hatte
nicht mit Schössels Hartnäckigkeit gerechnet. Sie schwebte nun über den
beiden und presste sich so fest zusammen, dass sich eine ordentliche
Portion Wasser auf die Jungen entleerte. Völlig durchnässt sprangen die
beiden erschrocken aus ihren Betten.
"Was soll das Schössel? Wir kommen doch schon!"
"Wir müssen
uns beeilen.", erwiderte Schössel misslaunig. "Wir haben einen
weiten Weg vor uns. Also los ihr Langschläfer. Meister Guckifix ist schon
in den Bergen, um neue Sterne einzusammeln, und ihr verschlaft den ganzen
Tag."
Schnell aßen die
beiden Jungen etwas Obst, das auf dem Tisch stand, sprangen dann eilig auf
und folgten Schössel nach draußen, wo bereits ihre wundersame Kutsche
zur Abfahrt bereit stand. Sobald die beide einstiegen, erhob sie sich in
die Höhe und flog einem fernen, unbekannten Ziel entgegen, das
eigenartiger Weise den selben Namen trug wie Roy, die Schule Raperpotz.
Soviel hatte Roy
in den letzten beiden Tagen erlebt, das Tor im Garten des Waisenhauses St.
Jones, welches ihm nun schon so weit weg vorkam, diese wunderbare Welt
hier mit Riesen in seltsamen Wäldern, mit Drachen und kleinen Wolken, die
sprechen konnten, einem Orakel namens Guckifix, der die Zeit an einer Uhr
misst, die keine Zeiger hat, und ihm von seinen Eltern erzählte und von
einem heiligen Somnel, den er finden sollte, um seine Welt zu retten, von
der er bis vor ein paar Tagen noch nicht einmal wusste, das sie
existierte.
So viel Neues
hatte er erlebt, dass ihn nun gar nichts mehr zu überraschen schien,
nicht einmal die Heerscharen von Soldaten in römischen Gewändern, die plötzlich
vor ihnen auftauchten. So weit das Auge reichte standen sie in Reih und
Glied zum Kampf bereit.
Ihnen gegenüber
sah Roy einen Haufen zerlumpter Gestalten, mit eisernen Fesseln an ihren Händen
und Füßen, doch mit Stolz und Entschlossenheit in ihren Gesichtern. Vor
diesem seltsamen Haufen stand ein Mann, nicht größer oder kräftiger,
aber doch noch stolzer und noch entschlossener als all die anderen.
Und als sich ihre
Kutsche den zerlumpten Menschen näherte verstand Roy den Namen, den die Männer
ununterbrochen riefen. "Spartakus, Spartakus." Es hallte weit über
das Land. "Spartakus, Spartakus."
Die römischen
Soldaten schienen zu erzittern bei dem Widerhall dieses Namens, denn sie
sahen nun noch kleiner und noch ängstlicher aus als zuvor und Angst stand
ihnen ins Gesicht geschrieben, als sich der Haufen in Bewegung setzte.
Roy sah, wie von
Spartakus ein seltsames Licht ausging. Ein seltsames und wunderbar
leuchtendes Licht, so wie das Leuchten der Sterne auf Guckifix Waage in
seiner Uhr. Es erstreckte sich über das gesamte Feld und tauchte alles um
sich wie in ein gleißendes Feuer.
Und dann, plötzlich,
wie von einem Blitz getroffen leuchtete Spartakus noch heller und noch
intensiver. Er strahlte weit über das Feld, so dass es Roy fast blendete.
Und ja, tatsächlich, da kam noch ein Blitz von weit oben auf ihn herab
geschossen. Von weit oben, direkt aus dem Himmel, wie Roy glaubte.
Doch als er nach
oben blickte und die Augen fest zusammen kniff sah er dort einen Jungen
durch die Luft schweben, der immer näher kam und unheimlich schnell
zwischen all den Menschen umherflog. Dabei schoss er mit einem seltsamen
Gerät diese Blitze ab, die Spartakus trafen.
Es war eine Art
Kugel, die funkelte im Licht der Sonne. Doch so genau konnte Roy es gar
nicht sehen, denn dieser Junge trug einen silbernen Mantel, der ihn fast
vollständig verhüllte und aus dem Staub wie Sterne auf alle die Menschen
unter ihm fiel.
Aufgeregt schaute
Roy diesem Treiben zu. So etwas hatte er noch nie gesehen. Noch nie in
seinem ganzen Leben hatte er so etwas eigenartiges erlebt. Was tat dieser
Junge dort nur, inmitten dieser vielen Menschen? Niemand schien ihn zu
bemerken, niemand schien ihn wahrzunehmen.
Er flog durch sie
hindurch und verstreute seinen Zaubersand und feuerte seine Blitze ab, die
jedoch nur Spartakus trafen. Doch irgend etwas schien nicht zu stimmen,
denn Roy sah wie die Soldaten und Sklaven noch wütender und zorniger
wurden und wild aufeinander los stürmten.
"Was ist dort
los?", fragte Roy aufgeregt.
Ohne die Augen von
dem Spektakel zu lassen antwortete ihm Racket. "Das ist Spartakus,
der Führer der Gladiatoren. Er führt sie gegen die römischen
Legionen."
"Ja, du hast
recht. Ich kenne Spartakus aus der Schule. Er kämpft für die Freiheit, für
seine eigene und für die aller Sklaven. Aber wer ist dieser Junge der
zwischen all den Menschen herum fliegt und diese Blitze abfeuert?"
"Ich weiß
nicht recht wer das ist, aber es muss jemand aus der Schule sein."
Racket wurde sehr nachdenklich. "Hm! Normaler Weise darf niemand aus
der Schule in diesem Landesteil träumeln."
"Träumeln?",
fragte Roy neugierig, da er dieses Wort noch nie gehört hatte.
"Ja, träumeln. Du weißt nicht was träumeln ist, Roy?"
"Nein."
"Oh,
entschuldige bitte, Roy. Du hast ja alles vergessen. So nennen wir es, den
Menschen ihre Träume zu bringen."
"So bringt
ihr den Menschen ihre Träume?", fragte Roy sehr beeindruckt.
"Nun ja.
Irgendwie schon." Roy merkte wie Racket sehr nervös wurde. "Ich
weiß auch nicht genau. Ehrlich gesagt habe ich so etwas auch noch nie
gesehen."
Racket hatte schon
öfter versucht in eine der Schulen Traumaniens aufgenommen zu werden.
Nichts würde er lieber tun, als das Träumeln zu lernen. Doch bisher
hatte er nie die Aufnahmeprüfungen bestanden. So sehr er sich auch bemühte,
so sehr er sich auch wünschte endlich zu träumeln, jedes Mal war er
durchgefallen.
Doch nun hatte er
eine Gelegenheit bekommen, mit seinem besten Freund, mit Roy Raperpotz,
die beste Schule in ganz Traumanien zu besuchen und er freute sich darauf,
auch wenn er jetzt schon wieder Angst vor dieser verflixten Aufnahmeprüfung
spürte.
Aber er wusste
auch, dieses mal war alles ganz anders. Dieses mal hatte er den besten Träumler
an seiner Seite. Das wusste er, und dieses Selbstvertrauen verleitet ihn
dazu, so zu tun, als ob er schon alles wusste, was Roy natürlich sofort
bemerkte.
Doch es störte
ihn nicht weiter und Racket dachte nun auch nicht mehr an die Aufnahmeprüfung,
sondern schaute dem Treiben vor ihnen zu. Spartakus stürmte mit seinen
Sklaven auf die Römer zu und das Licht, welches immer intensiver von ihm
ausstrahlte, verwandelte das gesamte Schlachtfeld in ein riesiges
Feuermeer.
Schössel hatte
sich ganz klein gemacht und war in Roy’s Rucksack verschwunden. Von dort
schaute sie nur vorsichtig mit einem Auge hervor. "Irgend etwas
stimmt hier nicht?", flüsterte sie leise.
"Wie meinst
du das, Schössel?"
"So wird
nicht geträumelt."
Roy sah Racket
fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. Dann wand er sich
wieder Schössel zu. "Woher weißt du dass Schössel?"
"Ich weiß es
eben."
Und obwohl Roy
noch keine Ahnung vom träumeln hatte, so fühlte er doch, dass hier
irgend etwas nicht richtig war. Er konnte es nicht beschreiben. Etwas in
seinem Inneren, etwas, das er noch nicht verstand, schien ihm dieses Gefühl
zu geben.
Roy sah, wie
Spartakus mit jedem Blitz, den er erhielt, sein Gesicht seltsam verzog und
wütend und voller Hast nach vorne stürmte. Schnell lenkte Roy die
Kutsche genau zwischen den Jungen und Spartakus und fing den nächsten
Blitz mit seiner Kutsche ab.
Nichts passierte.
Die Kutsche vibrierte kurz und wurde dann wieder ganz ruhig. Schössel
hatte sich nun ganz hinter Roy’s Rücken versteckt. Noch einmal schoss
der Junge einen Blitz von ganz weit oben ab. Doch auch dieser verpuffte in
ihrer Wolkenkutsche und erreichte Spartakus nicht mehr.
Der Junge mit dem
seltsamen silbernen Mantel kam nun selber wie ein Blitz vom Himmel
geschossen und stoppte scharf vor ihnen, so dass Racket vor Schreck nach
hinten fiel.
Roy stand fest in
der Kutsche und spürte, wie der Wind ihm scharf ins Gesicht wehte. Er
stand fest und hatte keine Angst, auch wenn der Junge ihn mit stechenden
und bösen Augen ansah. "Was fällt dir ein mein Träumeln zu stören."
"Es ist nicht
richtig, was du da machst?", antwortete ihm Roy mutig.
"Wer bist du,
dass du mir sagst was richtig ist und was nicht."
"Ich weiß
zwar nicht was du da machst, aber ich sehe, dass es falsch ist. Wozu lässt
du diese Menschen so wütend gegeneinander kämpfen?"
"Es ist ihre
Bestimmung zu kämpfen.", antwortete der Junge grimmig und fügte in
einem scharfen Ton hinzu. "Ich frage dich noch einmal. Wer bist du, dass
du unsere Regeln brichst und mich beim Träumeln störst?"
Mit diesen Worten
holte er aus und wollte schon einen fürchterlichen Blitz aus seiner Kugel
abfeuern. Doch als er Schössel sah, die vorsichtig hinter Roy’s Rücken
hervor schaute, beherrschte er sich, obwohl Roy sah, dass es ihm sehr
schwer fiel.
"Du hast Glück,
du Wicht, dass Guckifix’s Schoßhündchen bei dir ist, sonst würde ich
dir zeigen, was es heißt, das Träumeln eines anderen zu stören. Sieh
zu, dass sich unsere Wege nicht noch einmal kreuzen."
Er schwang sich in
die Lüfte und verschwand in Richtung Berge.
Racket hatte sich
wieder aufgerappelt und stand nun neben Roy. "Was war das denn?"
"Ich weiß
nicht. Er ist verschwunden."
"Was hat er
gesagt?"
"Er war sauer
dass ich ihn beim Träumeln gestört habe, und er meinte ich hätte eine
wichtige Regel gebrochen."
"Ja, ich
glaube das stimmt Roy. Ich habe davon gehört. Du darfst dich nie in das
Träumeln eines Anderen einmischen. Du kannst einem Menschen andere Träume
schicken, aber du darfst dich nie bei einem anderen Träumler
einmischen."
"Aber sein Träumeln
war falsch! Hast du nicht gesehen, wie wütend all die Menschen
waren?"
"Ja, natürlich
habe ich das. Aber aus irgend einem Grunde darf man es nun mal nicht. Wenn
du aber selber träumeln könntest, dann hättest du Spartakus einen
anderen Traum bringen können."
"Wir müssen
auch das Träumeln lernen, Racket. Unbedingt."
"Ja, wenn wir
ankommen würden eines Tages. Aber ich fürchte fast, Schössel weiß gar
nicht wo es lang geht."
Schössel, nun
wieder mutig, hörte natürlich diese Bemerkung und empörte sich sofort.
"Ihr werdet noch früh genug ankommen, ihr Dreikäsehoch. Dann werdet
ihr zeigen können, was für Kerle ihr seid." Sie schwebte beleidigt
ganz nach vorn und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung.
Auf dem Feld unter
ihnen war es nun friedlich und ruhig. Ganz plötzlich waren sie alle
verschwunden. Alle römischen Soldaten und alle Gladiatoren waren weg, und
nur noch eine saftige grüne Wiese war zu sehen, so als ob hier nie etwas
gewesen wäre. Spartakus war aufgewacht.
Die Kutsche flog
nun weiter einem fernen Ziel entgegen, über endlose Wiesen, über Stock
und Stein, über Wälder und über schier uferlose Meere. So lange waren
sie unterwegs, dass Roy nun auch zu zweifeln begann, ob Schössel den
richtigen Weg kannte. Aber als sie wieder eine dieser wunderschönen
Wiesen überflogen, schrie Schössel plötzlich auf.
"Dort ist er!
Dort unten!"
Roy schaute
hinunter und sah eigentlich nichts Außergewöhnliches, nun ja zumindest
kein außergewöhnliches Gebäude oder etwas in der Art, das die Schule
Raperpotz sein könnte.
Auf einer saftigen
grünen Wiese graste friedlich ein schwarzer Hengst. Doch dieser Hengst
war allerdings außergewöhnlich. In seinem ganzen Leben hatte Roy noch
nie ein solch schönes Tier gesehen.
Sein wunderschönes
schwarzes Fell glänzte in der Sonne, und seine Mähne schien majestätisch
bis in den Himmel zu wehen. Stolz trabte er über das Gras und stoppte als
er die Kutsche sah, die kurz vor ihm anhielt. Roy und Racket sprangen
heraus und folgten Schössel, die bereits aufgeregt vor dem Hengst stand
und mit ihm redete.
"Ehrwürdiger
Tarkan. Endlich haben wir euch gefunden."
"Ich grüße
auch dich, seltsam anmutendes Wölkchen. Sagt mir euer Begehren."
"Meister
Guckifix schickt mich, um euch diese beiden Schüler zu bringen."
"Sind sie es
würdig, die Schule Raperpotz zu besuchen?"
"Es ist Roy
Raperpotz und sein Freund Racket, die Einlass erbitten."
Tarkan musterte
einen Augenblick die beiden Jungen, dann verschränkte er seine
Vorderbeine, als ob er sich verbeugen wollte und öffnete seinen Mund, der
seltsamer Weise immer größer und größer wurde, bis bequem ein Mensch
hindurch gehen konnte. Schössel war bereits hinein geschwebt, als die
beiden Jungen immer noch staunend vor Tarkan standen.
"Kommt schon
ihr beiden Schlafmützen. Tarkan kann nicht ewig seinen Mund
aufhalten."
Roy tat ungläubig
einen Schritt auf Tarkan zu. Er sah ihm in seine feurigen Pferdeaugen, die
ihm sofort freundlich zuzwinkerten. Dann fasste er all seinen Mut zusammen
und sprang hinein. Racket folgte ihm.
Sobald sie in
Tarkan verschwunden waren schloss dieser seinen Mund wieder und das Tor
hinter ihnen verschwand. Sie standen inmitten eines Pferdes, doch es war
nicht dunkel. Es war hell in einem Licht, dass sanft und weich war. Aber
sonst konnte Roy nichts weiter sehen. Schössel war schon in der Ferne
verschwunden, so dass Roy sie kaum noch hörte.
"Kommt schon
und trödelt nicht so. Wir müssen weiter."
"Aber wohin
Schössel?", schrie Roy ihr nach.
"Was denn? Du
weißt immer noch nicht wohin?"
"Ich kann
nichts sehen."
Schössel kam
wieder zurück und hielt direkt vor Roy.
"Oh, ja. Ich
weiß schon warum. Ihr müsst daran glauben, ihr müsst an euch selbst
glauben und an die Schule Raperpotz. Dass sie hier ist, nur dann kann es
funktionieren. Öffnet eure Herzen."
Und als Roy all
seine Zweifel ablegte sah er plötzlich den Schimmer einer Brüstung und hörte
ferne Stimmen. Und als er ganz fest daran glaubte, erschien die Schule
Raperpotz in ihrer ganzen Pracht vor ihm, umgeben von einem See, auf dem
lustig Wasserrosen tanzten, und einer Brücke die über der Wasseroberfläche
schwebte und ihnen den Weg zur Schule wies.
"Wohin gehst
du Roy?", fragte Racket, als er die Brücke betreten wollte. Er
konnte noch immer nichts sehen.
"Schließe
deine Augen und höre auf dein Herz Racket. Glaube an das Unmögliche."
Und als auch er dies tat, hörte auch er die Stimmen vor ihm, und als er
seine Augen wieder öffnete, sah auch er was vor ihnen lag. Ein riesiges
Schloss mit großen Türmen und breiten Flügeln.
Die Mauern
bestanden nicht aus gewöhnlichen Steinen, sondern waren aus einem
seltsamen gläsernen durchscheinenden Material, so dass Roy bereits von
weitem in den Innenhof schauen konnte.
Beide Jungen
liefen voller Staunen über die Brücke, denn in dem See war kein Wasser,
sondern glitzernder Zauberstaub, der funkelte und leuchtete, und Roy
meinte zu hören wie die Wasserrosen auf der Oberfläche ständig etwas
murmelten. "Raperpotz. Roy Raperpotz! Sieh nur. Da kommt er endlich.
Roy Raperpotz. Er ist da."
Jetzt verstand
Roy, warum diese Schule vor dem Regen sicher war. Tarkan war ihr Beschützer,
ihr wachsames Auge. Er war pfeilschnell, schneller als der Wind und
schneller als jeder Regen. Und da sich die Schule Raperpotz in seinem
Inneren befand, war auch sie sicher, so dachte Roy zumindest damals.
Die beiden Jungen
standen nun vor dem Tor, das sich öffnete und wieder krachend hinter
ihnen zufiel. Schössel hatte sich wieder klein gemacht und war in Roy’s
rechter Hosentasche verschwunden.
Der Hof des
Schlosses war voll von hektisch umherlaufenden Kindern. Überall wurde
laut geredet und getuschelt. Alle schienen sehr beschäftigt zu sein und
keiner nahm so richtig Notiz von den beiden Neuankömmlingen. Roy merkte
schnell, dass irgend etwas nicht stimmte. Irgend etwas musste passiert
sein.
Mitten unter den
wild diskutierenden Kindern stand eine Frau mit grauen wallendem Haar. Roy
erkannte sie sofort. Es war Morella, die die beiden nun doch bemerkte und
begrüßte. "Komm ruhig näher Roy. Wir haben schon auf dich
gewartet, wenn auch nicht gerade heute."
Dann richtete sie
sich an all die anderen Schüler im Hof. "Ich freue mich euch einen
ganz besonderen Schüler vorstellen zu dürfen. Komm her Roy!"
Ein Raunen ging
durch die Reihen der Schüler. "Ja, er ist es wirklich. Siehst du die
Strähne in seinen Haaren. Es ist Roy. Roy Raperpotz."
Alle Kinder
drehten sich nach Roy um und einige winkten ihm freundlich zu. Aber er sah
nicht nur fröhliche Gesichter. Ein paar von ihnen schauten sehr dunkel
drein. Und unter ihnen erkannte Roy sofort auch den Jungen von heute
Morgen.
Morella sah auch
in diese Richtung und fügte ein paar scharfe Worte hinzu. "Greg
Haport. Wir werden uns morgen weiter unterhalten. Um 8 Uhr in meinem
Zimmer."
Dann wandte sie
sich wieder an die beiden Jungen. "Es tut mir leid Roy, aber ich muss
mich jetzt um andere Dinge kümmern. Irgend jemand hat einen falschen
Traum an Spartakus geschickt, einen äußerst beunruhigenden falschen
Traum. Irgend jemand, und ich kann mir auch schon denken wer es war, hat
falsch geträumelt, obwohl es verboten ist. Ich werde jetzt selber den
Schaden beheben müssen."
Dann winkte sie
einem Mädchen zu, das nicht weit entfernt von ihnen stand und Roy schon
die ganze Zeit seltsam anlächelte. "Romy wird euch zeigen wo ihr
heute nacht schlafen werdet, und morgen lernt ihr die Schule Raperpotz
kennen."
Mit diesen Worten
warf sie sich einen goldenen Mantel über, murmelte ein paar unverständliche
Worte und war verschwunden. Als Roy noch einmal zur Seite blickte, sah er
wie Greg ihn mit einem grimmigen Blick mustern, sich dann umdrehte und mit
zwei anderen Jungen ins Haus ging.
"Laß dich
bloß nicht mit dem ein Roy!" Romy war zu Roy gekommen und zog ihn am
Ärmel. "Greg Haport. Laß dich ja nicht mit dem ein. Wie ich hörte,
hat er die Schule Raperpotz schon oft in Schwierigkeiten gebracht."
Dann lächelte sie
und zog Roy noch stärker am Arm. "Ich freue mich so, dass du wieder
da bist. Kennst du mich denn noch?"
Roy kannte sie
zwar nicht, doch spürte er sofort eine enge Vertrautheit, die er nicht
erklären konnte, die ihm jedoch sehr gefiel. Deshalb antwortete er ihr
freundlich. "Ja, irgendwie schon. Es ist nur..."
Racket half ihm.
"Er kann sich an nichts erinnern Romy. Lass ihm noch ein bisschen
Zeit."
Romy führte die
beiden ins Schlossinnere und zeigte ihnen ihre Zimmer. "Hier werden
wir schlafen. Ich hoffe für längere Zeit. Wir müssen gut aufpassen in
den nächsten drei Tagen. Am vierten Tag ist die Aufnahmeprüfung und wie
ich hörte, ist die nicht leicht hier in Raperpotz."
"Erinnere
mich bloß nicht daran.", stöhnte Racket.
Roy war zu müde
um sich genauer in dem Zimmer umzusehen. Sobald er sich die Zähne geputzt
und sich gewaschen hatte, fiel er ins Bett, zog sich seine Decke weit über
den Kopf und schlief sofort ein.
***
Zum Seitenanfang
Roy
und die Schule Raperpotz
Als Roy am nächsten
Morgen erwachte, musste er sich zunächst umschauen, wo er überhaupt war.
Er hatte so tief und fest geschlafen, dass er es wirklich nicht mehr wusste.
Er lag in einem
Bett aus purpurnem Samt und als er seine Decke zur Seite schlagen wollte,
gab sie eigenartige Töne von sich. "Hm. Jetzt schon aufstehen, Roy
Raperpotz. Vielleicht noch ein halbes Stündchen?"
Und da wusste Roy
wieder wo er war. Er war in der Schule Raperpotz. Und schnell kamen die
Erinnerung an den gestrigen Tag wieder zurück. Racket musste schon
unterwegs sein, denn sein Bett war leer.
Aufgeregt stand
Roy auf, wusch sich und wollte sich gerade anziehen, als die Tür aufflog.
"Roy, schnell, du musst mitkommen.", Romy stürzte in das
Zimmer, drehte sich jedoch sofort verlegen zur Seite. "Oh,
entschuldige. Ich dachte du wärst schon angezogen."
"Schon gut.
Ich bin gleich fertig."
Hastig zog sich
Roy an und folgte Romy nach draußen, wo bereits mehrere Kinder versammelt
waren. Einige von ihnen schrieen wild umher. Morella war zruückgekehrt
und irrte nun völlig wirr zwischen all den Kindern im Hof herum.
In ihren Haaren
sah Roy überall schwarze Strähnen, solche, wie auch er eine hatte, und
ihr Mantel hatte überall tiefe Löcher. Roy ahnte schon was geschehen
war.
Morella war
gestern Nacht zu Spartakus geflogen, um seinen Traum zu berichtigen. Sie
war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nicht bemerkte wie der Regen
langsam und schleichend auf sie zukam.
Eigentlich ist sie
ein Meister des Träumelns und eine der Klügsten und Weisesten im Ältestenrat
Traumaniens. Aber gestern ärgerte sie sich dermaßen über diesen Greg
Haport, dass sie all ihre Vorsicht vergaß, und alle Weisheit.
Als sie den Regen
sah, war es fast schon zu spät. Mit letzter Kraft schleppte sie sich zurück
hierher und irrte nun zwischen all den Kindern herum. Niemand konnte ihr
helfen, bis von der Seite ein knochiger Mann herbei sprang und sie stützend
unter die Arme nahm.
"Mein Gott.
Morella. Wie konntest du so unvorsichtig sein. Wir werden sie behandeln müssen!",
rief er zwei anderen Männern zu, die aus dem Keller gerannt kamen und zu
dritt schafften sie sie in den Keller des Schlosses.
"Wo bringen
sie sie hin?", fragte Roy Romy.
"In dem
Keller werden alle behandelt, die vom Regen getroffen wurden."
"In dem
Keller? Aber wie?"
"Ich weiß
nicht. Ich war noch nie dort unten."
Aus dem Obergeschoß
erklang eine Stimme: "Alle Schüler sofort in die Klassenzimmer. Der
Unterricht beginnt in zehn Minuten. Alle Erstklässler melden sich bei
Mrs. Weding im ersten Stock."
Erst jetzt fand
Roy die Zeit sich umzublicken. Die Schule Raperpotz war ein riesiges Schloss
mit weiten Flügeln zu beiden Seiten, welche einen großen Innenhof
umschlossen. Die Türme konnte Roy nur sehr schlecht erkennen, so hoch
waren sie, und es schien ihm fast, als ob sie überhaupt kein Ende hätten.
Die Fenster hatten
etwas Magisches an sich. Sobald er hinein schaute, sah er zwar ein
Spiegelbild, doch es war nicht seines. Auch wenn es seinen Bewegungen
folgte, so sah er doch eindeutig einen ganz anderen Jungen darin.
Roy konnte sich
nicht erklären wer dieser Junge war, und warum er ständig seinen
Bewegungen folgte. Doch jetzt hatte er auch keine Zeit darüber
nachzudenken.
Er ging mit den
anderen Kindern in den ersten Stock, wo sie bereits von Mrs. Weding
empfangen wurden. Mrs. Weding war eine relativ junge, hübsche und sehr
nette Frau. Aber eigenartiger Weise hatte auch sie schon graue Haare, wie
scheinbar alle erwachsenen Menschen hier.
Sie begrüßte
alle Kinder mit einem freundlichen Händedruck und ein paar persönlichen
Worten und als Roy an der Reihe war, nahm sie sich besonders viel Zeit.
"Sieh an. Da
ist er ja. Der berühmte Roy Raperpotz. Ich hoffe es wird dir hier
gefallen bei uns."
"Ja. Ich
denke schon.", erwiderte Roy verlegen.
"Gut. Setzt
dich dort hin Roy."
Roy ging weiter
und setzte sich neben Racket auf einen der Stühle, welche im Kreis
angeordnet waren. Ein paar der Kinder hatte er draußen schon gesehen. Den
kleinen schüchternen rothaarigen, mit dem Namen Sam, der sich kaum traute
den Mund aufzumachen.
Und auch einen der
beiden Jungen, die mit Greg Haport zusammen waren, sein Name war Ed
Fischer, betrat in frechem Schritt das Zimmer. Als alle Schüler sich
gesetzt hatten schloss Mrs. Weding die Tür und nahm auf einem Stuhl in
der Mitte platz.
"Wisst ihr
warum ihr hier seid Kinder?"
"Wir wollen
lernen, den Menschen ihre Träume zu bringen.", antwortete ein Mädchen
neben Roy.
Ja, richtig Marie.
Und weißt du auch wie wir das nennen?"
Doch noch bevor
sie antworten konnte polterte es aus Racket heraus. "Träumeln, wir
nennen es Träumeln."
"Ja genau.
Racket. Träumeln ist das richtige Wort dafür. Und wie träumelt man
richtig Racket? Kannst du uns dass sagen?"
"Ja...eh..,
ich...", verlegen schaute er zum Boden. "Nein. Ich weiß es
nicht."
"Weiß es
jemand?", fragte Mrs. Weding die anderen.
Doch niemand
meldete sich.
"Roy. Kannst
du uns sagen wie man träumelt?"
Was sollte Roy ihr
schon antworten. Er war den ersten Tag in dieser Schule und den dritten
Tag in diesem merkwürdigen Land. Woher sollte er wissen wie man träumelt?
Aber er hatte es
ja schon einmal gesehen und so antwortete er. "Man fliegt mit einem
Zaubermantel durch die Luft und zerstreut Traumsand und feuert aus einer
Kugel Blitze ab."
Mrs. Weding sah
ihn erstaunt und gleichzeitig erschrocken an. "Woher weißt du das
Roy? So werden nur verbotene Träume geträumelt."
Roy sah wie Ed
Fischer ihn eindringlich anstarrte und dabei drohende Worte mit den Lippen
formte.
"Ich habe
davon gehört.", log Roy, obwohl ihm dabei sehr unbehaglich war. Aber
er wollte nicht schon am ersten Tag Ärger bekommen.
"Vergiss ganz
schnell, was du da gesehen hast Roy. So etwas ist streng verboten hier in
Raperpotz."
Dann fuhr sie
wieder mit freundlichem Ton fort. "Aber es stimmt, dass man zum Träumeln
einen Traummantel und eine Kugel, eine Traumkugel, benötigt. Weiß jemand
wie diese Kugel heißt?" Fragend richtete sie sich an Ed Fischer.
"Ed?"
"Das ist ein
Konkel."
"Ja richtig.
Und was macht man damit?"
"Ich weiß
nicht.", antwortete Ed in einer Art, die Roy merken ließ, das Ed
schon ziemlich gut Bescheid wusste, was das Träumeln anging, mehr als er
bereit war zuzugeben.
Da es sonst jedoch
niemand wusste, erklärte es Mrs. Weding. "Es ist eine Kugel mit der
die Träume zu den Menschen gebracht werden, das ist der Konkel. Ihr
werdet später lernen, wie man mit ihn benutzt. Aber etwas fehlt uns noch.
Wir haben den Traummantel, der uns zu den Menschen bringt und wir haben
den Traumstaub und den Konkel der die Träume weiter schickt. Was fehlt
uns da noch? Etwas, das all diese Dinge verbindet. Wer weiß es?"
Sie schaute in die
Runde. "Sam? Weißt du es?"
"Ich...,
Ich.... Nein.", sagte er schüchtern und blickte zu Boden.
"Das ist
nicht schlimm Sam. Du bist hier um es zu lernen. Es sind die Traumsprüche.
Unsere eigene Sprache, das Hunduisch. Es ist die Sprache die alle Dinge
miteinander verbindet. Erst sie bringt die Menschen in unser Land, wo sie
anfangen zu träumen. Die Traumsprache verbindet die Träume mit dem
Konkel und schickt sie zu den Menschen."
Aufmerksam
lauschten alle Kinder Mrs. Weding. "Hunduisch wird das erste sein,
das ihr lernen werdet. Wir werden morgen damit anfangen. Doch jetzt werde
ich euch die Schule zeigen."
Sie murmelte etwas
und auf einmal begann sich das Zimmer zu drehen. Roy sah wie sie sich nach
oben durch das Haus bewegten und plötzlich über der Schule Raperpotz
schwebten. Und obwohl sie nun ganz oben waren konnte Roy noch immer nicht
die Türme sehen, die wahrhaftig irgendwo im Himmel zu liegen schienen.
"So Kinder.
Von hier aus seht ihr die ganze Schule. Sie wurde von einem der größten
Meister unseres Landes erbaut, von Meister Sotalex."
Roy horchte auf.
Dies war der Name des Mannes, den Roy suchen sollte. Wie Guckifix ihm
prophezeite wird Sotalex ihm den heiligen Somnel geben können. Und dieser
Sotalex hatte Raperpotz erbaut? Roy nahm sich vor mehr darüber
herauszufinden. Doch nun hörte er weiter aufmerksam den Worten Mrs.
Wedings zu.
"Hinter der
Schule befindet sich ein großes Feld. Dort üben die älteren Schüler
das Träumeln." Alle Kinder blickten nach hinten."
"Ah, wie ich
sehe ist Mr. Finley gerade mit seiner Klasse dort. Naja. Viel scheinen sie
bei ihm nicht gelernt zu haben."
Roy sah wie
mehrere Gestalten in der Luft hin und her flogen und manche von ihnen
zusammenstießen und auf den Boden krachten. Doch kurz danach schwebten
sie schon wieder in der Luft, so dass anscheinend nichts Ernsthaftes
passiert war.
"So Kinder,
jetzt werden wir noch durch einige Klassen gehen."
Schon während sie
dies aussprach, bewegte sich das Zimmer wieder nach unten, stoppte und gab
den Blick in eines der anderen Klassenzimmer frei.
"Dies ist die
Klasse, in der der richtige Umgang mit Traumsand gelehrt wird und hier
hinten..." Sie drehte sich um und alle Schüler taten es ebenfalls.
".. hier hinten seht ihr die Klasse für Tierträume, daneben die für
Kinderträume und direkt darunter ist die für Erwachsenenträume, aber
dorthin werdet ihr erst viel später kommen."
Und so zogen sie
durchs ganze Haus. Mrs Weding zeigte ihnen die Klassen für sämtliche Träume,
für Träume der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, sie zeigte
ihnen Klassenräume in denen Hunduisch gelehrt wurde und wie man den
Konkel und den Zaubermantel richtig benutzt, sie zeigte ihnen die Klasse für
Traumgeschichte und für die Geschichte der Menschheit, was ein besonders
schweres und wichtiges Fach sei, wie sie betonte.
Roy konnte sich
all diese Fächer kaum merken. Diese Schule musste unzählige
Klassenzimmer haben, so das Roy schon daran zweifelte, dies jemals alles
zu erlernen.
Aber dann kamen
sie schließlich doch in dem letzten Zimmer an, und Mrs. Weding verkündete
feierlich. "In diesem Zimmer, meine Lieben, wird übermorgen die
Aufnahmeprüfung stattfinden."
Ein Raunen ging
durch die Schar der Schüler. Racket wurde käseweiß. "Übermorgen
schon? Oh Gott. Ich werde bestimmt wieder durchfallen."
Das Zimmer war
winzig klein und hatte keine Fenster. Roy musste sich anstrengen, um überhaupt
etwas sehen zu können. An der hinteren Wand hing ein großer Spiegel,
sonst konnte er nichts weiter erkennen, keine Stühle, keine Tische, gar
nichts. Der Raum war völlig leer.
Seltsam. Das
konnte doch unmöglich ein Klassenzimmer sein, oder? Was sollte dies für
eine Aufnahmeprüfung sein? Doch bevor er weiter denken konnte bewegten
sie sich schon wieder und im Nnu war das Zimmer wieder an seinem alten
Platz, dort wo die Reise durch die Schule Raperpotz begonnen hatte.
"So, jetzt
kennt ihr die Schule Raperpotz. Ich hoffe sie wird euch gefallen,
vorausgesetzt ihr besteht die Aufnahmeprüfung übermorgen."
Racket fing schon
wieder an zu schnauben. Er konnte das Wort Aufnahmeprüfung schon nicht
mehr hören.
"Habt ihr
noch irgendwelche Fragen?" Sie schaute in die Runde.
Roy hatte heute so
viel gesehen, dass ihm ganz schwindlig zumute war, und er nicht recht wusste
was er eigentlich fragen sollte, obwohl er natürlich tausend Fragen
hatte.
Doch noch bevor er
seine Gedanken ordnen konnte, sprang Marie neben ihm auf und polterte los.
"Warum sind in allen Fenstern so seltsame Gestalten, die sich mit
bewegen, wenn man daran vorbei geht."
Roy horchte auf.
Auch Marie hatte diese merkwürdigen Bilder in den Fenstern bemerkt. Also
ging es nicht nur ihm so. Das war auch eine seiner vielen Fragen.
"Ich habe
schon auf diese Frage gewartet, Marie. Nein. Das sind keine seltsamen
Gestalten. Das seid ihr. Habt ihr vergessen Kinder? Wir sind im Land der
Träume, und in jedem Traum kommt der wahre Mensch zum Vorschein,
offenbart sich der eigene Charakter und das wahre Wesen eines Menschen.
Denjenigen, den ihr in diesen Fenstern seht, dass seid ihr selbst, ist
euer wahres Ich."
"Das bin ich
in diesem Fenster?", fragte Marie erstaunt. "Aber sie sieht mir
doch gar nicht ähnlich."
"Das ist
erstaunlich, nicht wahr?" Mrs. Weding lächelte Marie an. "Sie
spiegelt ja auch nicht dein Äußeres, sondern dein Inneres wider.
Verstehst du?"
"Aber die
Spiegelbilder der anderen sehen doch alle ganz normal aus?"
"Ja, das
stimmt. Für dich sehen sie normal aus, weil du sie nicht sehen kannst,
Marie. Da jeder seinen eigenen Traum hat, kann auch nur jeder sein eigenes
Spiegelbild sehen und nicht das des anderen."
Marie setzte sich
etwas verdutz wieder hin. "Ich soll das sein? Mein Inneres? Dieses hässliche
Ding?"
"Schau sie
dir ganz genau an, Marie. Du wirst überrascht sein, was du sehen
wirst."
Roy hörte fasziniert zu.
"So, liebe
Kinder. Morgen werdet ihr den ersten Träumelspruch lernen. Aber für
heute ist es genug. Also los schnell hinaus."
Mrs. Weding stand
auf und wollte das Zimmer verlassen. Und als sie schon fast aus der Tür
war hatte Roy doch noch eine Frage. "Woher kommt der Regen, Mrs.
Weding?"
Roy sah, dass ihr
so nettes Gesicht plötzlich sehr ernst wurde und sie nicht so recht wusste,
was sie ihm erwidern sollte. "Roy Raperpotz, ich hoffe, wir alle
hoffen, eines Tages wirst du uns die Antwort darauf geben können."
Sie drehte sich um
und verließ den Raum. Roy, Racket und Romy gingen zurück in ihr Zimmer.
Dort sprachen sie noch lange über diese seltsame Schule, über die vielen
Unterrichtsfächer und Klassen, in denen sie das Träumeln lernen würden,
und über dieses kleine Zimmer, in dem übermorgen ihre Aufnahmeprüfung
stattfinden sollte, wobei Racket wieder schlecht wurde.
Doch Roy war mit
seinen Gedanken ganz woanders. Was hatte Mrs. Weding ihm geantwortet? Er
wird wissen woher dieser furchtbare Regen kam? Er, ausgerechnet er? Roy
Raperpotz?
Aber woher sollte
gerade er das wissen?
Spät löschten
sie das Licht und legten sich schlafen und Roy zog seine Decke tief über
seinen Kopf.
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