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Roy stand vor dem Fenster
und betrachtete sein Spiegelbild. Der Junge, den er da sah, war ihm
eigentlich gar nicht so unähnlich. Auch er hatte strubbeliges Haar,
auch er hatte eine Strähne wo die seine war, nur reichte sie viel
tiefer. Nicht nur seine Haare, sondern auch Teile seines Gesichtes waren
mit diesen schwarzen Flecken übersät.
Roy
wusste nun, woher sie
stammten. Es war dieser Regen, der Teile seines Inneren zerstört hatte,
der ihn vergessen ließ, woher er stammte und wohin er gehörte. Doch er
würde wieder alles lernen und bald - so war er sicher - würden diese
Flecken verschwunden sein.
Roy wollte schon weiterlaufen, als plötzlich
ein anderes Spiegelbild im Fenster erschien. Greg Haport lief direkt
hinter ihm vorbei. Erschrocken wich Roy zurück. Er sah ein überaus hässliches Gesicht, überall mit dicken und eitrigen Warzen überzogen.
Mitten darin hing eine lange krumme Nase und an den Seiten hatte er
große, weit abstehende Ohren. Seine Augen waren dunkel und funkelten
böse und er hatte ein abstoßendes und gemeines Grinsen im Gesicht.
Es
verursachte Roy einen eiskalten Schauer. Wie konnte das sein? Hatte Mrs.
Weding nicht gesagt, dass man nur sein eigenes Spiegelbild in den
Fenstern erkennen konnte? Wie kommt es dann, dass Roy das von Greg sah?
Erschrocken und nachdenklich lief er ins Haus, wo die anderen Schüler
bereits aufgeregt ihr erstes Klassenzimmer betraten. Noch immer tief
beeindruckt über das soeben Erlebte, traf er Romy auf dem Flur.
“Ich
habe Greg's Spiegelbild gesehen. Es war potthässlich.”
“Das ist
unmöglich, Roy. Dort kann sich nur jeder selber sehen, so, wie jeder
nur seine eigenen Träume träumt, es sei denn...” -
“Es sei denn
was? Sag es mir, Romy!”
“Es sei denn, du hast die besondere Gabe.”
-
“Welche besondere Gabe?” -
“Ich habe meinen Vater
einige Male
davon reden hören. Es soll in unserem Land Träumler mit ganz
besonderen Fähigkeiten geben, mit Fähigkeiten, die weit über das
Normale hinausgehen. Vielleicht bist du ja so ein besonderer Träumler,
vielleicht aber auch nicht.” lachte sie.
“Ha, ha. Lach nur, Romy.
Ich weiß, was ich gesehen habe.” Roy war ärgerlich. Warum
machte sich Romy über ihn lustig? Sie wollte ihm nicht glauben, aber
Roy wusste, was er gesehen hatte. Vielleicht war er ja doch so ein ganz
besonderer Träumler?
Nachdenklich betrat er das Zimmer. Statt der
Tische und Stühle, wie es Roy aus dem Waisenhaus gewöhnt war, stand an
jedem Platz nur eine Truhe aus edlem Holz. Sie war fest verschlossen. So
sehr sich Roy auch bemühte, er konnte sie nicht öffnen.
“Gib dir
keine Mühe”, hörte er Romy von der Seite sagen. “Sie öffnet sich
erst nach der Aufnahmeprüfung.” Und leise fügte sie hinzu: “Das
heißt, wenn wir sie bestehen.”
Racket hörte die Bemerkung und wurde
schon wieder unruhig. Er stieß aufgeregt mit seinen Füßen gegen die
Truhe, so dass der Kristall, der oben auf der Truhe lag, fast zu Boden
fiel. Roy fing sie rechtzeitig auf und setzte sich auf die Truhe neben
ihm. Mrs. Weding kam ins Zimmer und begrüßte ihre Schüler:
“Guten Morgen, meine
lieben Kinder. Heute werden wir den ersten Träumelspruch lernen. Doch
bevor wir anfangen, möchte ich euch noch euer Schulbuch geben.”
“Ich
habe es geahnt.”, stöhnte Racket. “Wieder ellenlange Bücher, in
denen man tagelang lernen muss.” Doch er hatte sich getäuscht, denn
es war ein ganz besonderes Schulbuch.
“Schaut neben euch. Auf jeder
Truhe liegt ein Kristall. Das ist ein ganz besonderer Kristall. Er
stammt von dem heiligen Berg Sinah und er ist euer Lehrbuch. Nehmt ihn
in die Hand.”
Roy nahm den Kristall und spürte, wie Wärme angenehm
durch seine Hand strömte. “In diesem Kristall...” fuhr Mrs. Weding
fort, “... ist das gesamte Wissen unseres Landes. Dort werdet ihr alle
Antworten auf eure Fragen finden. Doch er wird sie euch nicht so ohne
Weiteres preisgeben. Erst wenn ihr bereit dafür seid, wenn ihr gelernt
habt, mit diesem Wissen richtig umzugehen, wird er es euch offenbaren.
Nehmt ihn und bewahrt ihn gut auf.”
Roy steckte ihn vorsichtig in die
Tasche. Er spürte ganz deutlich, wie er sich anschmiegte und wohlige
Wärme ausstrahlte. Dann fuhr Mrs. Weding mit dem Unterricht fort: “Der
erste Träumelspruch ist einer der Wichtigsten, liebe Kinder. Er bringt
euch zu jedem beliebigen Ort, den ihr euch aussucht. Aber ihr müsst
lernen, ihn richtig zu benutzen. Also passt gut auf."
Sie nahm
etwas Staub aus ihrem Mantel und warf ihn in die Luft. Kurz danach stand
eine Zeile aus leuchtedem Traumstaub in der Luft: “Träumel, Traumel,
Trimmel drin, bring den Trimmler, Traumler, Träumler hin.” Roy
wiederholte den Spruch, bis er fest in seinem Gedächtnis verankert war.
Und auch all die anderen murmelten ihn vor sich her.
“So, liebe Kinder. Jetzt
aber hinaus mit euch und übt fleißig euren ersten Träumelspruch.
Husch, husch. Wir sehen uns morgen wieder, dann lernen wir, wie wir die
Menschen zum Träumen in unser Land holen.”
Mit diesen Worten
beendetet Mrs. Weding ihre erste Unterrichtsstunde im Träumeln.
Verdutzt saßen die Kinder auf ihren Truhen. Was denn? Das war alles?
Die ganze Unterrichtsstunde hatte nicht länger als 10 Minuten gedauert!
Noch nie hatte Roy eine so kurze Unterrichtsstunde erlebt.
Etwas
verunsichert stand er auf und ging hinaus. Die anderen Kinder waren
ebenso verblüfft. Nur Racket freute sich diebisch über die kurze
Stunde: “Super. Endlich eine Schule, die mir gefällt. Was machen wir
jetzt mit dem angebrochenen Tag?”
“Wir werden den Träumelspruch
ausprobieren”, antwortete Roy sofort. “Wer will zuerst?” Romy war
davon nicht besonders begeistert. “Vielleicht sollten wir zunächst
unseren Kristall zu Rate ziehen. Vielleicht gibt es noch etwas
Wichtiges, das er uns zu sagen hat.”
Romy hatte recht, aber
andererseits hatte sie Mrs. Weding hinausgeschickt, um den Spruch
auszuprobieren und wenn es noch etwas Wichtiges zu wissen gäbe, so
hätte sie ihnen das sicher gesagt. Also begann Roy ohne weiter
nachzudenken den Träumelspruch vor sich hin zu murmeln. “Träumel,
Traumel, Trimmel drin, bring den Trimmler, Traumler, Träumler hin.”
Kaum hatte er die letzte
Silbe ausgesprochen, da fiel ihm plötzlich ein - verflixt, er hatte
doch etwas vergessen. Wohin sollte ihn der Träumelspruch eigentlich
bringen? Er hatte in seinem Spruch kein Ziel angegeben!
Doch es war zu
spät. Das Schloss war verschwunden und Romy und Racket auch. Roy stand
mitten in einer riesigen Wolke und konnte nichts außer Nebel und
weißen Dunst sehen. Sonst nichts, gar nichts. Was sollte er jetzt tun?
Er war irgendwo im Nirgendwo gelandet und er wusste nicht, wie er von
dort fortkommen sollte.
Zum Glück hatte er noch seinen Kristall in der
Tasche. Schnell fasste er hinein und erleichtert zog er ihn heraus. Es
gab nur ein winzig kleines Problem: Wie funktionierte eigentlich dieser
Kristall? Roy hatte keine Ahnung. Er hielt ihn in der Hand und rieb ihn
vorsichtig. Nichts passierte.
Dann hauchte er ihn an, aber auch dies
erzeugte keine Reaktion. Schließlich hielt er ihn einfach nur hoch und
fragte: “Sag mir, lieber Kristall, wie komme ich zurück ins Schloss Raperpotz? Kennst du den richtigen Träumelspruch?”
Zu seiner großen
Freude begann der Kristall zu glühen, und eine Schrift erschien über
ihm im Nebel: “Träumel, Traumel, Trimmel drin, bring den Trimmler,
Traumler, Träumler hin zu diesem Ort: Schloss Raperpotz.”
Schnell
wiederholte Roy die Worte und die Schule erschien wieder vor ihm, Romy
und Racket ebenso. Sie hatten sich schon fürchterliche Sorgen gemacht.
Aufatmend ließ er den Kristall wieder in seine Hosentasche gleiten. Das
war knapp! Roy und Romy schriehen ihn an: “Wo warst du?”
Kurz nachdem
Roy verschwunden war, hatte Romy natürlich auch gleich den Fehler
bemerkt. Auch sie hatte ihren Kristall befragt. Doch der blieb stumm und
gab keine Antwort. Sie war glücklich, Roy wohlbehalten wiederzusehen.
“Du hast zu sagen vergessen, wo du hinwillst, stimmt's?” warf sie
ihm entgegen.
“Ja. Zum Glück hatte ich den Kristall. Er hat mir den
richtigen Träumelspruch gezeigt.”
“Meiner hat mir nicht
geantwortet. Ich dachte schon, wir würden dich nie wiedersehen”,
sagte Romy nun erleichtert. “Beinahe wäre es auch so gekommen. Wir
sollten zu Mrs. Weding gehen und sie fragen, warum sie uns nur den
halben Traumspruch beigebracht hat.”
Sie machten sich auf den Weg und
suchten Mrs. Weding. Sie liefen durch das ganze Haus, von oben bis
unten. Heute kam ihnen die Schule noch größer vor als gestern, doch
sie konnten Mrs.Weding nirgendwo finden.
Plötzlich erklang ihre Stimme
von hinten: “Sucht ihr mich, Kinder?” - "Eh..... Wir... Nun
ja..”, stotterte Racket. “Wir haben den Träumelspruch ausprobiert
bemerkt, dass er nicht richtig ist,” sagte Roy mit fester Stimme.
“Nicht
richtig?”
“Nun eigentlich nicht nicht richtig. Nur nicht ganz
vollständig. Es fehlte der Bestimmungsort.”
“Ich weiß.”
“Sie
wissen es und lassen uns damit üben?” fragte Romy sehr erstaunt.
“Ja,
Kinder. Das war eure erste Lektion hier in der Schule Raperpotz und ihr
habt sie gut bewältigt. Dies ist keine gewöhnliche Schule, wisst ihr.
Ihr müsst lernen, mit eurem Wissen umzugehen. Es ist nicht immer
einfach, sein Wissen einzusetzen, vor allem, wenn es unvollständig ist.
Aber manchmal ist es nötig. Niemand wird euch alles sagen können.
Niemand weiß alles. Versteht ihr, Kinder? Vertraut euch selbst, euren
eigenen Fähigkeiten. Lernt damit umzugehen. Dann werdet ihr alle
Hürden meistern. Und jetzt geht wieder hinaus. Wir sehen uns morgen.”
Genauso plötzlich wie sie
auftauchte, war Mrs. Weding auch wieder verschwunden. Die drei R’s, wie
sie wegen des gleichen Anfangsbuchstabens ihrer Namen von einigen
Schülern bereits genannt wurden, verließen die Schule und standen im
Hof.
Die Hälfte der Kameraden war verschwunden. Sam, dieser arme Junge,
war vollkommen verschollen und keiner wusste, mit wem er eigentlich
geträumelt hatte. Vielleicht hatte er sich auch nur irgendwo
verkrochen. Auf jeden Fall wurde bis zum Abendbrot auch nicht der
kleinste Zipfel von ihm gesehen. Die anderen Schüler kamen nach und
nach wieder zum Vorschein. Zum Essen waren alle wieder da, auch Sam.
Als alle Schüler schon im
Bett lagen, schlich sich Roy noch einmal mit seinen Sachen ins Bad. Er
wollte es wagen. Er wollte hinaus, hinaus in die Welt der Träume. Er
wollte diesen Träumelspruch noch einmal - und diesmal richtig -
ausprobieren. Er wusste, dass es gefährlich war, doch er vertraute
seinen Fähigkeiten. Und vielleicht war er ja wirklich ein ganz
besonderer Träumler.
Er zog sich an, überprüfte noch einmal, ob er
auch den Kristall dabei hatte und sagte dann den Träumelspruch: “Träumel,
Traumel, Trimmel drin, bring den Trimmler, Traumler, Träumler hin zu
diesem Ort: Tarkan.”
Kaum,
dass er die letzten Silben gesprochen
hatte, befand er sich auf einer blühenden Wiese. Nicht weit entfernt
stand Tarkan und graste friedlich. Langsam näherte er sich ihm.
“Aha!
Siehe da. Der junge Roy Raperpotz.” bemerkte Tarkan. “Es freut mich
zu sehen, dass Ihr Fortschritte macht, junger Prinz.”
“Du weißt,
wer ich bin, Tarkan?” Tarkan zupfte sich ein paar Grashalme und kaute
genüsslich. “Du bist ein ganz besonderer Träumler, Roy Raperpotz. Du
wirst den Regen aus unserem Land verjagen und ich werde nicht mehr alle
Zeit auf der Hut sein müssen. Ich werde wieder in Ruhe grasen können
eines Tages. Lerne nur weiter so. Dann wird alles gut.”
Er senkte
seinen Kopf und bat Roy, sich auf seinen Rücken zu setzen. Vorsichtig,
ganz vorsichtig stieg Roy hinauf - er wollte niemanden aufwecken in der
Schule Raperpotz Langsam schritten sie über die wundervoll duftende
Wiese. Roy streichelte Tarkans glänzendes schwarzes Fell und strich
durch seine wunderbare Mähne, die sanft im lauen Wind wehte.
“Aber
wie soll ich ihn vertreiben? Ich weiß nicht, ob ich ein so guter
Träumler werden kann. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ob ich all
das lernen kann in dieser Schule.”
“Das Wichtigste kannst du nicht
lernen, Roy Raperpotz. Das Wichtigste ist bereits in dir. Wenn dein Herz
rein ist und dein Geist klar, dann wirst du es schaffen.” Irgendwo
hatte Roy das schon einmal gehört, doch er konnte sich nicht mehr daran
erinnern. Er war sehr müde.
Tarkan setzte ihn genauso vorsichtig wieder
ab wie er ihn aufgenommen hatte. Roy sagte den Träumelspruch und kehrte
in die Schule zurück und sobald er in seinem Bett war, schlief er
augenblicklich ein.
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