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Roy und die geheimnisvolle TruheDer nächste Morgen war irgendwie ganz anders als die vorhergehenden. Nun gehörten sie wirklich dazu. Nun waren sie offiziell Schüler der Schule Raperpotz und Roy schien es, als ob Racket über nacht zehn Zentimeter größer geworden wäre, so stolz ging er durch die Schule. Die anderen Schüler grüßten sie höflich und Roy sah, wie einige in Traummänteln durch die Gänge fegten und andere vorsichtig ihren Konkel putzten. Wieder andere standen in den Ecken und befragten ihren Kristall, wie wohl die letzte Hunduischprüfung ausgefallen sei, worauf sie natürlich keine Antwort bekamen, auch wenn es der Kristall wußte. Roy betrat das Klassenzimmer. Romy und Racket waren bereits dort und saßen auf ihren Truhen. Mrs. Weding kam einige Augenblicke später und Roy bemerkte, dass sie ihm freundlich zulächelte, bevor sie all die anderen Schüler begrüßte: “Herzlich Willkommen in der Schule Raperpotz, liebe Kinder. Ihr alle habt die Aufnahmeprüfung bestanden.” Und dabei strahlte sie besonders Roy, Romy und Racket an. “Auch wenn es einige von euch nicht ganz einfach hatten, ihr habt es geschafft.” Sie schlug die Hände zusammen. “Und jetzt beginnt der schwierigste Teil eurer Ausbildung. Ihr werdet viel lernen müssen, sehr viel. Und es wird euch nicht immer leicht fallen, das kann ich euch versprechen. Doch wenn ihr euch anstrengt und wenn ihr fleißig seid, dann werdet ihr eines Tages richtige Träumler werden, auch das kann ich euch versprechen.” Alle Schüler hörten ihr aufmerksam zu. Natürlich wollten sie Träumler werden, große Träumler und jeder von ihnen war bereit, hart dafür zu arbeiten. “Ihr werdet euch sicher fragen, was in diesen Truhen ist.” sprach Mrs. Weding nun weiter. Sie schaute in die Runde und alle nickten zustimmend. “Wißt ihr Kinder, macht sie auf und dann seht ihr es.” Solange waren die Truhen verschlossen. Roy hatte es schon einige Male versucht, immer ohne Erfolg. Aufgeregt sprang er hinunter. Er musste nur leicht mit seinem Finger den Deckel anheben und schon öffnete sie sich - wie von magischer Hand bewegt. In der Truhe lag ein wunderschöner Mantel, glänzend, nicht silbern oder golden, wie er es bei Greg Haport oder Morella gesehen hatte, sondern in den schönsten Farben des Regenbogens. “Was ihr in den Truhen seht, ist euer Traummantel. Damit werdet ihr euch zwischen den Menschen bewegen, während ihr ihnen die Träume bringt.” erklärte ihnen Mrs. Weding. Vorsichtig und ehrfürchtig nahm Roy seinen Mantel aus der Truhe. Er war sehr leicht, eigentlich kaum zu spüren und der Stoff, aus dem er war, fühlte sich weich und wunderbar glatt an. Er betrachtete ihn aus allen möglichen Richtungen. Immer, wenn er ihn ein wenig drehte, änderte er seine Farbe, von einem herrlich leuchtenden Grün in ein feuriges Rot und dann in ein tiefes Blau, das wahrscheinlich schöner und reiner in keinem Ozean zu finden war und schließlich in ein gelb, welches direkt von der Sonne zu kommen schien. Roy war unheimlich stolz auf seinen Traummantel. Er hatte ihn sich nicht schöner vorstellen können. Auch die anderen Kinder waren von ihren Mänteln begeistert. Zwar waren sie nicht so bunt wie der von Roy, die meisten waren silbern oder bronzen, so gehörte er doch ihnen und das gefiel ihnen am besten daran. Als alle ihre Mäntel hervorgeholt hatten, begann Mrs. Weding ihnen zu erklären, wie er funktionierte: “Eigentlich ist es ganz einfach, Kinder. Dem Mantel müsst ihr keine Befehle geben. Er folgt euren Gedanken. Wenn ihr denkt, dass er nach rechts fliegen soll, dann fliegt er auch nach rechts. Wenn ihr nach links fliegen wollt, dann denkt einfach nach links. Es ist ganz einfach.” Sie lächelte die Kinder an. “Aber Vorsicht! Ihr müsst euch konzentrieren. Denn wenn ihr aufhört, daran zu denken, dann wird der Mantel auch nicht fliegen, versteht ihr mich?” Alle Schüler nickten einhellig. Racket hatte seinen Mantel bereits angezogen und schwebte plötzlich weit oben im Zimmer. “Komm herunter, Racket!” forderte Mrs. Weding. “Ich habe noch nichts vom Fliegen gesagt.” Verlegen zuckte Racket mit den Schulter. “Ich weiß nicht, wie ich wieder herunter kommen soll, Mrs. Weding.” “Denk einfach daran.” Einen Augenblick später plumpste Racket auf den Boden. Mit schmerzverzogenem Gesicht stand er auf und setzte sich auf seine Truhe. “Ich hätte nie gedacht, dass fliegen so weh tun kann.” “Hier wird auch nicht geflogen, sondern draußen auf dem Übungsplatz.” Dann fuhr Mrs. Weding mit ihrer Unterrichtsstunde fort: “Wie ihr sehen könnt, sind in eure Mäntel mehrere Taschen eingenäht. Weiß jemand, wofür sie benutzt werden?” “Sie sind für den Traumsand.” vermutete Roy. “Ja, richtig. In diesen Taschen wird der Traumsand aufbewahrt und während des Fluges verteilt. Es gehört eine Menge Geschick und Übung dazu.” “Woher kommt eigentlich der Traumsand?” fragte Sam aus der hinteren Reihe. “Der Traumsand kommt von den Ufern des Meeres der Träume.” “Wo ist das Meer der Träume?” wollte er weiter wissen. Roy und die anderen Schüler lauschten aufmerksam. “Das Meer der Träume ist in der Mitte unseres Landes. In diesem Meer befinden sich die Träume aller Lebewesen. Von dort holen wir sie mit Hilfe des Konkels und bringen sie dann den Menschen. In der Mitte dieses Meeres liegt eine Insel und mitten auf dieser Insel liegt der heiligen Berg Sinah. Eure Kristalle stammen von diesem Berg und der Konkel kommt auch von dort. Ihr müsst ihn euch allerdings selbst dort holen. Aber dazu kommen wir später. Jedenfalls hat dieses Meer ein endloses Ufer mit dem feinsten und besten Sand den es gibt, dem Traumsand.” Roy konnte sich an dieses Meer erinnern. “Wir sind dort gewesen. Über diesem Meer haben wir einen Seefahrer gesehen, wie er auf seinem Schiff einem fernen Ziel entgegen segelte.” “Das war sicherlich Columbus, den ihr da gesehen habt.” Roy erinnerte sich an den Namen. “Ja, es war Columbus.” “Das ist ein großer Mann und er hat große Träume, die mehrere unserer besten Träumler beschäftigen”, fuhr Mrs. Weding fort zu erzählen. Obwohl Racket dem Unterricht aufmerksam folgte, stöberte er doch weiter in seiner Truhe herum. Er hatte etwas entdeckt, das seine Neugier weckte. Etwas sehr seltsames. Ganz unten, auf dem Boden der Truhe sah er einen Stern. Einen kleinen leuchtenden Stern, der ihm lustig zufunkelte. Angestrengt versuchte er, bis hinunter auf den Boden der Truhe zu reichen, um den Stern herauszuholen. “Was treibst du dort schon wieder, Racket?” ermahnte ihn Mrs. Weding. Doch noch während ihrer Worte fiel Racket mit lautem Krachen in die Truhe. Doch gleich kam er mit einem verschmitzten Lächeln langsam wieder heraus: “Irgendetwas ist noch in meiner Truhe. Ich glaube, es ist ein Stern.” “Das hätte ich mir denken können, dass du ihn findest.” Racket hielt den Stern mit den Fingerspitzen stolz in seiner Hand. Mrs. Weding erklärte ihm, was es damit auf sich hatte. Jedes Jahr wurde ein Stern in den Truhen der Erstklässler versteckt. Wer ihn findet, darf mit einem Meister der Schule zum Träumeln in die Traumwelt. Es ist ein hohes Privileg, denn nur die Schüler der höheren Klassen dürfen normalerweise die Schule verlassen und außerhalb träumeln. Racket konnte außerdem noch zwei Freunde mitnehmen. Es war natürlich klar, dass er Roy und Romy auserwählte. “Wann werden wir aufbrechen, Mrs. Weding?” fragte Racket ungeduldig. “Wenn unsere Stunde beendet ist, wird sich einer der Lehrer um euch kümmern.” Roy hoffte nur, dass es nicht Mr. Finley sein würde. Er wusste, dass Finley ihn nicht leiden konnte und dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Irgendetwas Unangenehmes an ihm mahnte Roy zur Vorsicht. Er konnte es nicht beschreiben, doch er spürte es ganz genau. Mrs Weding erzählte ihnen noch einiges über den Traummantel. Worauf sie vor allem zu achten hatten, beim Aufsteigen in die Luft und beim Landen, und wie sie am besten eine Kurve flogen. Racket und die anderen beiden konnten kaum das Ende des Unterrichts erwarten. Endlich war die Stunde vorbei und die drei R’s warteten ungeduldig auf den Lehrer, der sie zum Träumeln mitnehmen würde. Kurz nachdem alle Schüler den Klassenraum verlassen hatten, kam Morella in ihr Zimmer: “So, ihr wollt also mit zum Träumeln?” - “Ja!” rief Roy erleichtert. Er freute sich, dass Morella sie mit in die Außenwelt nahm. Sie zogen ihre Traummäntel an und schon ging es los. Morella sprach den Träumelspruch und plötzlich standen sie neben einer Scheune, mitten auf einem weiten Feld, mitten in der Außenwelt, in dem Land der Träume, in Traumania. Die drei waren so aufgeregt, dass sie ihre Mäntel falsch zugeknüpft hatten. Morella zeigte ihnen, wie sie ihre Mäntel richtig schließen mussten, um nicht erkannt zu werden und dann betraten sie die Scheune, aus der seltsame Geräusche zu hören waren, ähnlich dem Tuckern eines Traktors. Sie standen vor einem seltsamen Gerät, das aussah wie ein riesiger Motor auf vier Rädern. Morella war in die Luft gestiegen und verstreute ihren Traumsand, bis der Boden der Scheune über und über mit Sand bestreut war. Dann sprach sie den zweiten Träumelspruch und ein Mann mit einem Schnurrbart erschien in der Scheune. Roy meinte ihn zu kennen. Ja, er glaubte, ihn wirklich von einem Bild, das er früher einmal gesehen hatte, zu erkennen. Sein Name war Otto. Vielleicht hatte er sich wegen der Einfachheit diesen Namen gemerkt. Otto hatte den vorteilhaftesten Automotor erfunden. Er war ein Wissenschaftler. Und diesem berühmten Erfinder würde Morella jetzt seine Träume bringen? Morella hielt ihren Konkel in den Händen, der wundersam zu leuchten begann und warme und seltsam fließende Strahlen aussandte, völlig anders als Roy es bei Greg Haport gesehen hatte. Dieses fließende Licht erreichte Otto, und er begann an seinem Motor zu basteln, zu schrauben und zu feilen. Und das Licht, das von Morellas Konkel ausging, umhüllte ihn mit einem eigenartigen Schein, der traumhaft schön war. Plötzlich bewegte sich das seltsame Gebilde mit den vier Rädern und Otto schwang sich schnell auf den Fahrersitz und schoss mit zufriedenem Gesicht und laut singend aus der Scheune. Morella flog hinter ihm her und streute ihren Sand auf jede Stelle, über die er fuhr. Dann kam sie zu Roy und den anderen zurück. “Wie gefällt euch das, Kinder?” “Es ist wunderschön.” “Ich habe noch nie etwas so wunderbares gesehen.” “Wie glücklich er ist. Er hat die Lösung seines Problems gefunden. Er träumt." Morella musste nun nicht mehr hinter ihm herfliegen. Sie hatte genug Traumsand verstreut, um Otto in seinen Träumen über jedes Hindernis fahren zu lassen. Nur ab und zu ließ sie ein paar dieser seltsam fließenden Strahlen aus ihrem Konkel, die auf wundersame Weise ihren Weg zu Otto fanden. Dieser fuhr auf seinem Auto über Berge und durch Täler und fast schien er vom Boden abzuheben, so schnell fuhr er. Er träumte wahrscheinlich den schönsten Traum seines Lebens und die drei Schüler aus Raperpotz schauten ihm glücklich dabei zu. “Weißt du, wer das ist Roy?” fragte Morella, die weich neben ihm gelandet war. “Das ist Nikolaus August Otto. Er hat einen ganz besonderen Motor erfunden.” “Sehr gut. Aus dir wird mal ein ausgezeichneter Träumler.” Dann fügte sie in sehr warmem Ton hinzu: “Ich bin sehr froh, dass du die Aufnahmeprüfung bestanden hast, Junge.” Roy war glücklich. Er war zu Hause und er erkannte seine Bestimmung. Er wollte träumeln und den Menschen ihre Träume bringen. Er wollte, dass alle Menschen so glücklich waren wie dieser Otto, der vor ihnen seine Runden drehte. Allmählich verblasste das Licht um Otto und schließlich verschwand auch er selbst aus dem Land der Träume. Morella sprach ihren Träumelspruch und sie kehrten nach Raperpotz zurück. Es war bereits dunkel und spät am Abend. Morella brachte sie in ihre Zimmer und jeden einzelnen von ihnen ins Bett. “Morgen werdet ihr lernen, mit eurem Traummantel zu fliegen. Schlaft gut.” Dann löschte sie das Licht. Zum Anfang des Mürchens von Roy Raperplotz hier klicken! Zum Seitenanfang |