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Schicksalhafte Begegnung

Von Julia Schüning

Es war der 23. Dezember, ein eisiger Wintertag. Langsam lief sie durch die hell erleuchtete Gasse, in ihren schwarzen Mantel gehüllt und den dicken Schal vor dem Hals.

Sie hatte keinen Blick für all das Schöne, die vielen Lichter, den ganzen Weihnachtsschmuck. Sie starrte nur zu Boden, die Hände tief in den Taschen vergraben und rauschte an allem teilnahmslos vorbei. Es war so bitter kalt und sie fühlte sich einfach schrecklich. So einsam, verlassen, gedemütigt. Alles schien ihr aussichtslos, ihr Leben war sinnlos. Wo sollte sie nur hin?

Verloren lief sie immer weiter, sie fror. Sie spürte gar nichts mehr, ihre Finger waren taub. Nur dieses Gefühl, diese innere Leere, die so stark war, dass sie sich einfach nicht verdrängen ließ, konnte sie fühlen. Es war ein einziger Albtraum aus dem sie einfach nicht erwachen konnte, so sehr sie sich auch bemühte.

Immer wieder liefen Kinder lachend an ihr vorüber. Morgen war Weihnachten und alle schienen sich zu freuen, niemand konnte es mehr erwarten, nur sie gehörte nicht dazu. Ihr einziger Wunsch war, dass alles vorbei ginge…

Es roch herrlich nach Plätzchen, nach Glühwein, nach Zimt, eben nach Weihnachten. Aber ihr entging das. Sie nahm nichts wahr, ging vollkommen gleichgültig an allem vorüber. Ihr Schritt wurde immer schneller, sie hoffte, so allem davon rennen zu können, endlich allem ein Ende zu machen.

Von überall her ertönte Weihnachtsmusik. Kinder standen an den Straßen, musizierten oder sangen mit ihren glockenklaren Stimmen: „Stille Nacht, heilige Nacht…“

Ja, „Stille Nacht“, das traf es. Nur dass ihre Nacht zu still war, viel zu still, vollkommen einsam, ganz ohne jeglichen Grund zur Freude.

Es stimmte sie noch trauriger, wenn sie all die leuchtende Augen, die Vorfreude in den unschuldigen Blicken der Kinder sah. Sie waren so glücklich. Warum nur konnte sie nicht auch so unbeschwert und froh sein?

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit, gehörte sie ebenfalls zu den Menschen, denen nichts über Weihnachten ging, die es schon Wochen vorher nicht mehr erwarten konnten.

Nur jetzt war alles anders. Jetzt war sie einsam, das Fest der Liebe hatte seinen Sinn verloren.

Wie konnte es jemals so weit kommen? Was hatte sie nur falsch gemacht? Fragen, auf die sie keine Antwort wusste, wahrscheinlich weil es gar keine Antwort gab.


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Sie zitterte am ganzen Körper, Tränen standen in ihren Augen und sie ließen sich nicht unterdrücken, so sehr sie es auch versuchte.

Langsam tanzten Schneeflocken auf die Erde nieder, schimmerten im Schein der Laterne und ließen die Kinderherzen noch höher schlagen.

Doch plötzlich lag sie vor ihr, die Brücke, die so schon tausend Mal gesehen hatte, aber heute schien sie ganz anders. Etwas unheimliches, geheimnisvolles umhüllte sie. Wie Nebel durch den sie nicht hindurch gucken konnte.

Das Wasser rauschte bedrohlich laut, so als wollte es ihr den Weg weisen, den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Es plätscherte und brodelte, aber es zog sie magisch an. Sie ging immer weiter bis sie in der Mitte stand. Sie war allein.

Ängstlich sah sie hinunter, es war tief. Das Wasser schien unendlich weit entfernt.

Wie in Trance stieg sie auf das Geländer. Sie hatte sich nicht mehr unter Kontrolle, alles lief ab, wie in einem Traum. Sie zitterte, weinte, und schluchzte die ganze Zeit, unaufhörlich. Regungslos blieb sie sitzen, sie schloss langsam die Augen.

Das Leben war so weit weg, es hatte einfach keinen Sinn mehr.

Sie versuchte erneut ihre Tränen zu unterdrücken und atmete ruhig und tief ein.

Ihre Gefühle spielten verrückt, sie konnten keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Gleich würde es vorbei sein, endlich hatte es ein Ende.

Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch lebte, ob sie träumte oder längst tot war. Dieses Gefühl hatte sie völlig im Griff.

Bilder zogen an ihr vorüber, sie versuchte ihnen nachzuhängen, sich noch einmal zu erinnern, aber schnell waren sie wieder fort. Noch einmal warf sie einen Blick auf ihr Leben, sie war so glücklich gewesen. Und nun? Nichts mehr von dem, das sie einst so glücklich machte, existierte mehr. Es war alles zerplatzt wie eine Seifenblase und sie hatte es zu spät bemerkt, konnte nichts mehr daran ändern. In wenigen Minuten würde alles vorbei sein, vielleicht fühlte sie sich dann besser.

Noch einmal holte sie tief Luft. Sie war bereit. So konnte es nicht weitergehen. Mit zitternden Händen wollte sie sich gerade abstoßen, als eine laute, schreiende Stimme zu ihr durchdrang: „Nein, tun Sie es nicht! Was kann denn so schlimmes passiert sein, dass sich Ihr Leben nicht mehr lohnt? Kommen Sie runter. Ich bitte Sie!“

Irgendwer kam angerannt. Mit wehenden Haaren und völlig außer Atem.

Plötzlich hatte sie die Kraft verlassen, sie sackte in sich zusammen, jegliche Spannung fiel von ihr ab und sie brach in Tränen aus.

„Geben Sie mir Ihre Hand!“, hörte sie die freundliche Stimme bittend.

Völlig willenlos und entkräftet ergriff sie die ausgestreckte Hand. Sie wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt.

Vorsichtig stieg sie hinunter. Sie konnte kaum mehr stehen.

Im Schein der Laterne standen sie sich gegenüber und sahen sich an.

„Marie?“ Die Fremde blickte ungläubig in das verweinte Gesicht. Das konnte unmöglich sein. „Marie! Sag, bist du es wirklich?“

Marie betrachtete das Gesicht der Fremden und ihr stockte fast der Atem: „Jane!“

Glücklich fielen sie sich in die Arme. Wie lange war es her, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sie konnten es nicht fassen. Ein Freudenschimmer huschte fast unmerklich über Maries hübsches Gesicht. Kurz funkelten ihre Augen freudig auf.

Aber Jane bemerkte es dennoch, denn sie hatte die ganze Zeit tief in Maries wunderschönen braunen Augen geschaut. Immer noch, nach so langer Zeit, schafften sie es Jane zu fesseln.

„Komm Süße, wir gehen zu mir und dann erzählst du mir, was los ist, ja?“

Ohne eine Antwort ab zu warten, nahm Jane behutsam Maries Hand.

Sofort durchfloss Marie ein warmer Strom. Auch jetzt noch fühlte sie etwas für Jane.

Sie versuchte zaghaft zu lächeln, aber wieder schoss ein Meer von Tränen in ihre Augen. Aber diesmal aus Erleichterung und aus Freude. Marie fühlte sich zum ersten Mal seit Wochen geborgen und sicher. Jane hatte eine magische Anziehungskraft auf sie, strahlte so viel Wärme, Geborgenheit und Zärtlichkeit aus, dass sie sich völlig fallen lassen konnte.

„So da wären wir, immer noch die gleiche kleine Wohnung. Hat sich nicht wirklich was verändert. Komm rein!“ Jane drehte den Schlüssel im Loch und öffnete die Tür.

Mit ihren kalten Fingern knipste sie das Licht an. Endlich wollte sie Marie wieder richtig sehen. Marie legte gerade ihren Mantel ab und drehte ihr den Rücken zu.

Sie war immer noch sehr schlank, hatte lange, außerordentlich schöne Beine, ein wundervolle Figur, mir Rundungen an den richtigen Stellen. Ihr Anblick verzückte Jane.

Marie trug ihr braunes Haar mittlerweile etwa kinnlang, aber es stand ihr ausgezeichnet.

Dann endlich drehte sie sich um: „Wollen wir uns in Wohnzimmer oder in die Küche setzen?“

Jane erschrak einen Augenblick. Über ihren zart durchschimmernden Wangenknochen hatte Marie einen dunkelblauen Bluterguss.

Stotternd erwiderte sie: „Hm, geh ins Wohnzimmer, ich komm sofort, ich mach uns aber noch einen Tee, damit wir uns etwas aufwärmen können.“

Marie wollte gerade gehen, als Jane noch etwas hinzufügte: „Ach, Marie! Du bist immer noch wunderschön…“

Etwas verlegen setzte sich Marie auf die Couch. Auch sie fand Jane noch immer bezaubernd.

Eigentlich hatte sie sich über die vergangenen Jahre kaum verändert.

Sie schloss die Augen und sofort sah sie, wie Jane ihre langen schwarzen Locken mit diesem umwerfenden Lächeln in den Nacken warf und ihr zuzwinkerte. Ihre großen braunen Augen blickten sie forsch an und versprühten einen Charme, den man nicht in Worte fassen kann.

Ja, das war Jane, ist sie immer noch. Genau so hatte sie ihre geliebte Jane in Erinnerung.

Sie wurde aus ihren Träumen gerissen, als Jane laut polternd mit den Teetassen in der Hand in das gemütliche Wohnzimmer stürmte.

„Früchtetee? Wie damals ohne Zucker?“

Marie nickte. Sie waren sich immer noch so wahnsinnig vertraut, obwohl sie sich eine Ewigkeit nicht gesehen hatten.

„Ich hab auch noch ein paar Zimtsterne, die isst du doch so gerne…“

Marie lächelte und sagte mit ihrer süßen Stimme: „Dass du dich noch daran erinnerst.“

Jane stellte die Tassen ab und holte ein paar Plätzchen aus dem Schrank.

Wieder warf sie ihre traumhaften Haare in den Nacken und schenkte ihr ihr allerschönstes Lächeln: „Wie könnte ich das jemals vergessen?“

Marie antwortete nicht, ihr fehlten die Worte. Auch sie konnte sich an jede Einzelheit erinnern, es schien heute noch so wie gestern, aber in Wirklichkeit war es drei Jahre her, dass sie sich zum letzten Mal gesehen hatten.

 „So, Süße, dann erzähl mal, wie es dir die letzten drei Jahre ergangen ist und was so schreckliches passieren konnte, dass du dich gleich von einer Brücke stürzen willst!“

Jane setzte sich direkt neben Marie und nahm sie zärtlich in den Arm. Dabei streichelte sie vorsichtig durch ihre Haare.

Marie zögerte. Konnte sie ihr denn wirklich alles anvertrauen?

Jane bemerkte Maries Zurückhaltung und wollte ihr helfen, einen Anfang zu finden: „Lothar, oder? Er ist Schuld, nicht wahr?“

Marie nickte und wieder fühlte sie langsam Tränen in ihre Augen steigen.

Behutsam wischte Jane eine Träne von ihrer Wange und glitt sanft mit dem Finger durch ihr Gesicht. Es war ihr von Anfang an klar gewesen, dass das nicht gut gehen konnte. Schon das erste Mal als sie diesen verdammten Mistkerl gesehen hatte, hatte sie ein ungutes Gefühl gehabt.

Langsam fasste Marie Mut.

„Er hat mich geschlagen, immer wieder, ich konnte mich nicht wehren, wusste nicht mehr weiter!“

Jane drückte Marie fest an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Es wird alles gut, vertrau mir!“

Mittlerweile war Marie immer mutiger geworden und begann zu erzählen, von Anfang an: „Erinnerst du dich noch an unsere letzte gemeinsame Nacht, Silvester vor drei Jahren, da wo ich ihn wieder getroffen habe?“

Jane spürte einen Stich in ihrem Herzen. Die Erinnerung war so grausam, aber noch immer so frisch. Sie schluckte und antwortete: „Ganz sicher, das werde ich niemals vergessen.“

„Oh, Jane. Das alles tut mir so verdammt leid. Ich wünschte, ich könnte es wieder rückgängig machen. Bis heute weiß ich nicht, wie es jemals so weit kommen konnte.“

Auch Jane wusste keine Antwort. Am liebsten hätte sie diese Nacht für immer aus ihrem Gedächtnis gestrichen…

Silvester, drei Jahre zuvor.

Es war ein wunderschöner Abend. Sternenklar und kalt.

Jane und Marie wollten zusammen mit ihren Freunden in einer Bar in der Stadt feiern. Dort sollte eine riesige Silvester-Party steigen, mit Musik, Feuerwerk und jeder Menge Sekt.

Ausgelassen und fröhlich gingen sie von zu Hause los. Sie scherzten schon den ganzen Tag. Beide waren überglücklich, sie liebten sich mehr als alles andere.

Als sie die Bar betraten, waren alle Blicke anerkennend auf sie gerichtet. Sie sahen umwerfend aus.

Jane hatte ein schwarzes Kleid mit einem atemberaubend tiefen Dekolleté an, so dass man gerade einen Blick auf ihren prallen Busen erhaschen konnte. Ein Schleier aus silbernem Glitzer überzog ihr knöchellanges Kleid. Ihre dunklen gelockten Haare hatte sie locker hochgesteckt und ihr Lächeln bezauberte alle. Ihre großen Augen strahlten und funkelten durch den ganzen Saal. Es umgab sie ein Glamour, den man einfach nicht in Worte fassen konnte. Sie sah überwältigend aus.

Aber auch Marie stand ihr in nichts nach.

Sie trug ein dunkelrotes hautenges Top, das ihre schlanke Figur perfekt nachzeichnete und verriet, was sich darunter verbarg. Dazu umschmeichelte ein schwarzer Samtrock ihre unendlich langen Beine. Ihre Haare, damals noch etwas länger, trug sie offen und ihre Lippen schimmerten sanft und seidig im Licht.

Es war kein Wunder, dass alle Blicke an ihnen hingen, als sie die Bar betraten.

Hand in Hand gingen sie über den Catwalk, jedenfalls schien es ihnen wie auf einem Catwalk. Sie zogen bewundernde Blicke auf sich, den Männern stockte der Atem und keiner wagte zu sprechen und vielleicht so diesen Auftritt zu unterbrechen.

Marie und Jane kamen sich vor wie Filmstars und sie genossen jeden Blick.

Sie strahlten, noch heller als das Licht. Von ihnen ging etwas aus, dass alle fesselte, dass jeden erstarren ließ.

Immer wieder sahen sie sich tief in die Augen und schienen alles ringsherum zu vergessen. Sie hatten nur Augen für sich.

„Hallo ihr zwei! Ihr seht großartig aus.“

Marie und Jane begrüßten lächelnd ihre Freunde. Es sollte ein herrlicher Abend werden. Alle waren bester Laune, niemand hing einem schlechten Gedanken nach.

Es war einfach ein Abend zum Feiern für jeden, aber insbesondere für Jane und Marie. Lange hatten sie sich darauf gefreut. Sie lachten ausgelassen und gemeinsam wirbelten sie über die Tanzfläche, stahlen allen die Schau.

Der Sekt floss in Strömen, die Bar füllte sich.

Engumschlungen tanzten sie, die Blicke der anderen störten sie keineswegs. Es gab nur sie beide, ihre Liebe.

„Ich bin so froh, dass ich dich kennen gelernt habe, Jane. Du bedeutest mir unglaublich viel.“

Marie lächelte und gab Jane sanft einen Kuss. Ihre Hand glitt vorsichtig über ihren Rücken, ihre Finger berührten einen kurzen Augenblick zufällig ihren Po, bevor sie dann Janes Taille umfasste.

Jane streichelte zärtlich mit einem Finger über Maries Gesicht, legte ihn vorsichtig auf ihre Lippen und hauchte: „Sag jetzt nichts, genieß einfach den heutigen Abend. Ich liebe dich.“

Sie tanzten weiter, der Augenblick schien unendlich. Tief blickten sie sich immer wieder in die Augen, lächelten sich zu und träumten von einem aufregenden Abend.

Irgendwann mussten sie mal Pause machen und gingen an die Bar. Kichernd bestellten sie noch einen Sekt, der sofort kam.

Der Barkeeper blickte sie interessiert und ein bisschen erregt und herausfordernd an.

Jane bemerkte das und sah ihm daraufhin mit einem verführerischen Blick in die Augen, ließ einen Finger genüsslich über ihre Lippen gleiten, umspielte ihn mit ihrer Zunge und machte anschließend einen herausfordernden Kussmund und zwinkerte ihm dabei zu.

Der Barkeeper wurde ganz rot und verlegen, aber Marie und Jane mussten lauthals lachen. Es war doch immer das gleiche mit den Männern.

Jane drehte sich noch mal zum Barkeeper um und winkte ihm lächelnd zu.

Ihm war das sichtlich peinlich und er versuchte sich mit den anderen Gästen zu beschäftigen, aber er wurde trotzdem rot.

„Hast du das Gesicht gesehen? Unglaublich! Der hat dich fast aufgefressen mit seinen Augen.“ Marie sah ihre Freundin amüsiert an.

Doch plötzlich passierte es.

Sie begegnete seinem Blick.

Marie wurde schlagartig bleich im Gesicht und starrte diesen fremden Typen an, der geradewegs auf sie zu gelaufen kam.

„Marie, mein Liebling. Das ich dich hier treffe. Was ein Zufall. Wie geht’s denn so?“, hörte sie diese vertraute, aber längst verdrängte Stimme fragen.

Marie war immer noch irritiert. Wie kam Lothar denn hier her? Es sollte doch der schönste Abend ihres Lebens werden. Den wollte sie sich nicht von diesem miesen Kerl kaputt machen lassen.

Jane erkannte, dass sie gerade überflüssig war.

„Hey Schatz, ich hol uns noch mal was zu trinken.“ Mit einem flüchtigen Kuss verabschiedete sie sich in Richtung Bar und warf Marie einen fragenden Blick zu.

Lothar konnte kaum fassen, was er eben gesehen hatte…

„Na ja, wir haben noch viel geredet an diesem Abend und als er erfahren hat, was zwischen uns läuft, hat ihn wohl sein Eifer gepackt. Er wollte mich ins Bett kriegen, mir beweisen, dass er besser für mich ist.“

„Und das hat er auch geschafft!“, unterbrach Jane Maries Erzählung gekränkt.

Marie sah sie entschuldigend an: „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Vielleicht war der Sekt Schuld. Aber du hast Recht. Es tut mir so leid.“

Jane wollte ihr das glauben, aber eine Frage hatte sie nach all den Jahren dennoch: „Warum hast du dich nie wieder bei mir gemeldet, bist einfach still und heimlich abgehauen, hast eines Tages deine Sachen geholt und nur einen mickrigen Zettel hinterlassen? Kannst du dir vorstellen, wie sehr du mich damit gekränkt hast? Ich habe dich geliebt, mehr als mein Leben und du haust ab, ohne ein Wort. Was hab ich falsch gemacht?“

Marie sah sie verlegen an, wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen.

„Gott, ich weiß es nicht. Er hat mir eingeredet, das alles wäre der größte Fehler meines Lebens gewesen, ich müsse dich vergessen, er wäre meine Erfüllung. Du könntest mir doch nichts geben, du seiest eine Frau, ich eine billige Hure.“, ihre Stimme senkte sich, „dann drohte er mir mit Schlägen, falls ich jemals zu dir zurückgehen würde. Er hat mich gezwungen, wann immer er wollte, mit ihm zu schlafen. Mein Ekel ihm gegenüber hat ihn nicht gestört. Er schlug mich bei jeder Gelegenheit, ich durfte nichts mehr. Ich weiß nicht, wieso ich nicht eher abgehauen bin. Heute hab ich keine Erklärung dafür. Ich schäme mich einfach, dass ich dir das angetan habe. Ich liebte dich die ganze Zeit über, du hast mir so gefehlt. Ohne dich hat mein Leben keinen Sinn.“

Marie sah hinüber zu Jane. Auch Jane hatte Tränen in den Augen.

„Kannst du mir verzeihen? Es ist schwer, ich weiß, aber ich bitte dich. Versuch mir zu verzeihen. Ich liebe dich immer noch!“

Jane lächelte ihr zu und nahm sie in den Arm: „Weißt du, wie sehr ich mir das gewünscht habe? Dass du das noch einmal zu mir sagst! Natürlich verzeih ich dir. Du bist so wichtig für mich. Nie wieder hab ich jemanden so geliebt wie dich. Du bist mein ein und alles.“

Was folgte war ein zärtlicher, inniger Kuss. Beide schlossen die Augen und ließen sich fallen. Es war so schön. Es schien ihnen als würde dieser Kuss niemals enden.

Immer wieder trennten sie sich einen Augenblick um sofort wieder miteinander zu verschmelzen. Ihre Herzen klopften wie wild.

Es war der schönste Moment seit langer Zeit. Beide hatten davon geträumt, aber das es jemals passierte, daran hatte keine geglaubt.

Freudestrahlend lagen sie sich in den Armen, konnten ihr unendliches Glück kaum fassen.

Minutenlang hatten sie sich einfach geküsst.

„So, was machen wir jetzt, meine Süße? Ich hätte da eine Idee.“

Marie verstand nicht ganz und Jane erklärte ihr, dass sie vorhatte mir ihr in ihre kleine Bar zu gehen. Dort wo sie sich damals kennen gelernt hatten.

Marie war einverstanden und wenige Minuten später saßen sie in Janes Auto.

Ein bisschen aufgeregt war Marie schon. Es kribbelte in ihrer Magengegend. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, wie bei ihrem ersten Treffen.

Es war so schön. Alles, was sie je zu hoffen gewagt hatte, war heute in Erfüllung gegangen.

Die Sterne leuchteten am Himmelszelt. Es begann wieder leicht zu schneien. Die Flocken tanzten munter im Schein der Laterne. Es war wie im Märchen. Marie fand diesen Anblick entzückend.

„Du glaubst nicht, wei Der Abend war kalt, aber sie fror nicht. Innerlich füllte sie eine wohlige Wärme, ein Gefühl des Glücks und der Liebe.

Jetzt wurde sie sich zum ersten Mal bewusst, dass morgen der Heilige Abend war. Weihnachten, das Fest der Liebe.

In allen Fenstern leuchteten Lichterketten und Sterne. Der Duft von Weihnachten war kaum zu verkennen.

Im Radio spielten sie gerade „Süßer die Glocken nie klingen…“.

Einige Stunden zuvor war sie all dem noch davon gerannt, konnte es nicht ertragen, wie alle glücklich waren, sangen und lachten. Sie war so einsam gewesen, hatte sich vollkommen verloren gefühlt.

Und jetzt? Jetzt saß sie hier im Auto mit der Frau, die sie über alles liebte, die sie eigentlich immer geliebt hatte. Niemals hatte ihr Herz aufgehört für Jane zu schlagen, immer hatte sie in Wehmut an die vergangne Zeit zurückgedacht. Es hatte ihr buchstäblich das Herz zerrissen.

Sie verstand sich selbst nicht mehr. Wie konnte sie das nur alles jemals aufgeben? Ihr Leben war ein Scherbenhaufen gewesen, bis heute Abend. Alles war ihr sinnlos erschienen und innerhalb weniger Minuten fühlte sie sich wie auf Wolke 7 und hätte die ganze Welt umarmen können.

Ein bisschen verrückt war das schon. Aber schön!

„Woran denkst du gerade?“ Jane lächelte und zwinkerte ihr zu. Sie hatte es stets gehasst, wenn Marie ewig fragte, woran sie gerade dachte und sie immer ein bisschen damit aufzog.

Der Wagen hielt an. „Wir sind da, also raus hier!“

Marie stieg aus. Sofort durchzog sie ein eisiger Schauer. Es war doch verdammt kalt.

„Nein! Was seh ich da? Unser altes Traumpaar wieder vereint.“

Die Besitzerin der Bar erkannte sie sofort wieder und lächelte ihnen fröhlich zu. Auch für sie war es eine Überraschung, dass die beiden hier zusammen aufkreuzten. Als sie sich damals getrennt hatten, konnte sie es kaum glauben. Die beiden waren immer das absolute Vorzeigepaar gewesen.

Marie war schon eine Ewigkeit nicht mehr in der Bar gewesen. Sie schaute sich ein wenig desorientiert um. Es hatte sich so einiges verändert. Aber es war immer noch sehr gemütlich.

In der Mitte war eine große Theke, an der meist dicht gedrängt jede Menge junge, manchmal auch einige ältere Frauen standen. In den Ecken waren viele kleine Tische, die alle mit Kerzen und Blumen passend zur Weihnachtszeit geschmückt waren. Der Rest bot jede Menge Platz zum Tanzen, der meist auch eifrig genutzt wurde. Alles in allem war die Bar ziemlich großräumig, hell und freundlich, so richtig einladend, ob nun allein oder in Gesellschaft.

„Setzt euch am besten hier an den Tisch. Der ist noch frei.“ Die Besitzerin deutete in eine Ecke. Aber für sie war es nicht irgendeine Ecke…

Fast vier ein halb Jahre zuvor. Ein heißer Sommertag.

Marie saß schon die ganze Zeit ziemlich gelangweilt an einem kleinen Tisch in dieser Lesbenbar. So richtig wusste sie immer noch nicht, wie sie hier hingekommen war. Es war eine dumme Idee gewesen. Sie hatte zwar nichts gegen diese Frauen, aber so richtig verstehen konnte sie auch nicht, wieso jemand lieber mit einer Frau statt mit einem Mann zusammen war. Es kam ihr komisch vor, eine fremde Frau zu küssen oder sogar…? Nee, ganz sicher nicht. Sollten die mal machen, aber sie mit Sicherheit nicht.

Sie hatte ihre beste Freundin hierher begleitet, aber die tanzte nun schon stundenlang eng umschlungen mit ihrer neuen Freundin Lucy. Kein Mal hatte sie seitdem hier rüber geschaut. Zu sehr war sie mit Lucy beschäftigt. Eigentlich war Jenny anders. Sie kümmerte sich immer um sie, egal wo sie waren. Das war auch der Grund, warum sie überhaupt zugestimmt hatte mitzukommen. Sie wollte nicht das fünfte Rad am Wagen sein, sondern dazu gehören. Und nun? Jetzt saß sie einsam in dieser gottverdammten Ecke, nippte ab und zu an ihrer längst warm gewordenen Cola und träumte vor sich hin.

Wenn sie Jenny und Lucy da so tanzen sah, verliebt, sich immer wieder zulächelnd und in einer ganz anderen Welt, wurde sie verdammt neidisch.

Wie lange war es her gewesen, dass jemand ihr so zugelächelt hatte, dass sie dieses wahnsinnige Gefühl von Liebe verspürt hatte, dieses ungeheure Kribbeln? Sie konnte sich kaum mehr erinnern. Seit dem hockte sie entweder allein in ihrer Wohnung oder saß so wie jetzt einsam in irgendeiner Ecke, unbeachtet vom Rest.

Dabei war sie nun wirklich nicht hässlich. Manche sagten sogar ihr Gesicht wäre ziemlich perfekt. Schön geschwungene Lippen, eine Nase, die weder zu groß noch zu stupsnasig war, große braune Augen und ein umwerfendes Lächeln.

Na ja, ihr würde auch noch der „Mr. Right“ begegnen…

„Hallo, schöne Frau. Darf ich mich setzen?“

Abrupt wurde Marie aus ihren Träumen gerissen. Sie war vollkommen verdutzt und irritiert. Noch bevor sie eine Antwort geben konnte, saß ihr schon eine fremde, aber unheimlich faszinierende Frau gegenüber.

„Na, das erste Mal hier?“ Die Frau lächelte und spielte mit den Fingern in ihren langen, dunklen Locken. Dabei lächelte sie Marie freundlich zu.

Marie war überrascht und sah in die dunklen Augen der Fremden. „Hm, ja…“, stotterte sie. Ein bisschen verlegen sah sie zu Boden.

„Ach so, Jane!“ Die Fremde streckte die Hand aus und Marie ergriff sie. Vor lauter Aufregung vergaß sie ihren Namen zu nennen und Jane scherzte: „Wie heißen sie denn? Oder sind sie namenlos?“

Marie war das ganze ziemlich peinlich. Leise flüsterte sie ihren Namen der Frau gegenüber zu.

Jane bemerkte, dass Marie etwas verwirrt war und meinte, sie werde ihnen jetzt erst mal einen Cocktail besorgen. „Long-Island-Icetea?“

So wirklich überzeugt war Marie nicht, immerhin vertrug sie nicht wirklich was. Aber dann schlug sie das Angebot doch nicht ab.

Als Jane weg war, versuchte sie erst einmal ihre Gedanken zu ordnen. Irgendwas hatte diese Jane, das sie in ihren Bann zog. Sie war außerordentlich schön, keine Frage.

Sie sah ihr nach. Ihre Figur war atemberaubend. Schlank, mittelgroß, einfach Traummaße. Bei diesem Gedanken ertappt, musste Marie schlucken. Was ging nur von dieser dunkelhaarigen Schönheit aus, das sie so faszinierte?

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Jane mit den beiden Cocktails vor ihr stand.

„So. Da bin ich wieder.“ Mit einem entzückenden Lächeln setzte sie die Gläser ab.

Marie blickte wieder zu Boden. Sie wollte auf keinen Fall, dass jemand mitbekam, was sie dachte oder ihre Nervosität bemerkte.

„Sie stehen doch gar nicht auf Frauen, was machen sie dann hier?“

„Woher wissen sie das alles? Können sie hellsehen?“ Marie war ziemlich erstaunt. Sah man ihr das so deutlich an?

„Ich begleite meine beste Freundin.“ Sie deutete zu Jenny herüber. Zwischendurch nahm sie immer mal wieder einen kleinen Schluck von ihrem Cocktail. Sofort merkte sie, wie ihr der Alkohol leicht zu Kopf stieg. Ihr wurde ziemlich warm, aber sie trug ja eh nur ein recht knappes Top.

„Sagen sie mir nicht, sie hatten noch nie was mit einer Frau. Nicht mal geküsst?“

Marie nickte ein wenig verlegen. Sie hatte ehrlich gesagt auch noch nie daran gedacht. Eh sie sich versah, spürte sie plötzlich Janes warmen, sanften Lippen auf ihren. Völlig überrumpelt schloss sie die Augen. Es war ein so gefühlvoller, zärtlicher Kuss. Einfach Wahnsinn. Marie wollte nicht, dass es endete, aber wenige Sekunden später war es vorbei. Eigentlich war es nur der Hauch einer Berührung gewesen, aber unbeschreiblich.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals.

 Wow, war das schön! Unglaublich. Ein bisschen fassungslos blickte sie in die unendliche Tiefe von Janes Augen. Jane lächelte ihr zu: „Na? Und wie war’s?“

Marie konnte nichts sagen. Immer noch musste sie voller Leidenschaft an den eben vergangenen Kuss denken. Es war schon ein bisschen komisch, aber wirklich schön, außerordentlich schön sogar. Sie nahm noch einen großen Schluck von ihrem Cocktail.

„Sollten wir nicht mal langsam „du“ sagen, wo wir uns schon geküsst haben? Jetzt hast du immerhin zum ersten Mal eine Frau geküsst!“

Marie nickte: „Ich wusste gar nicht, dass das so schön sein kann!“

Jane lächelte, mit so einer Antwort hatte sie gerechnet. Sie konnte genau sehen, was sie für eine Faszination auf Marie ausübte.

Mittlerweile war Marie durch den Alkohol auch etwas mutiger geworden und plapperte drauf los.

„Eigentlich wollte ich ja gar nicht mitkommen, aber jetzt…“
 „Ich bin jedenfalls froh, dass du mitgekommen bist! Stell dir vor, was dir entgangen wäre!“ Jane zwinkerte ihr zu.

Ja, sie war wirklich froh, mitgekommen zu sein. Sie musste sich eingestehen, sie hatte sich verliebt, und das in eine Frau. Verliebt in eine Frau? Bis jetzt hatte sie immer geglaubt, dass könnte ihr nicht passieren, aber innerhalb weniger Sekunden war ihr Leben vollkommen umgekrempelt worden. Sie empfand ungekannte Gefühle und war ein bisschen entsetzt und schockiert.

„Wollen wir noch was zusammen unternehmen?“ Jane hoffte inständig, Marie würde bejahen. Gerne hätte sie den Rest des Tages noch mit ihr verbracht, aber sie wollte auch nicht zu aufdringlich wirken.

„Ich könnte ein wenig frische Luft gebrauchen!“, bemerkte Marie.

Das sah Jane auch ein, denn sie merkte, wie durcheinander Marie war, frische Luft würde da sicher Wunder wirken und wieso auch nicht? Ein bisschen durch den Park schlendern…

Jane wollte noch eben bezahlen gehen und Marie versprach zu warten.

Kaum war Jane aufgestanden, stand auch schon Jenny an ihrem Tisch: „Scheinst dich ja doch recht gut amüsiert zu haben!“ Sie grinste und Marie schaute sie geheimnisvoll an, aber Jenny wusste sofort was los war. Sie kannten sich jetzt lange genug. Maries Blick verriet es. Ganz sicher, sie war verliebt.

Lucy kam angelaufen, stellte sich hinter Jenny und umklammerte ihre Taille.

„Dann mal einen schönen Abend noch. Ich ruf dich morgen an.“

Da kam auch Jane schon wieder.

Gemeinsam verließen sie die Bar.

Kurz darauf schlenderten sie Arm in Arm durch den nahe liegenden Park. Es war ein richtig heißer Sommertag, die Sonne brannte, obwohl es schon ziemlich spät war. Man konnte sich kaum vor der Hitze schützen. Eigentlich wäre das ein perfekter Tag für einen Besuch im Freibad gewesen, aber wahrscheinlich hätte man dort eh kein Bein auf den Boden bekommen.

Überall standen glücklich verliebte Pärchen, küssten sich leidenschaftlich oder schauten sich tief in die Augen.

Irgendwie irritierte das Marie noch mehr, denn auch sie spürte plötzlich ein unbändiges Verlangen. Ein Verlangen nach Jane, so etwas, was sie noch niemals zuvor gespürt hatte.

Immer wieder sah sie Jane zärtlich von der Seite an, studierte aufmerksam ihr schmales Gesicht.

Sie war wirklich besonders schön, einfach perfekt, eine Traumfrau!

Beide wussten nicht so recht, was sie sagen sollten, aber schweigen wollten sie eigentlich auch nicht.

Also begann Jane einfach wieder drauf los zu erzählen. Sie erzählte von ihrer Familie, von ihren Hobbys, eben alles, was man einer neuen Freundin so aufregendes erzählen konnte.

Irgendwann wurde auch Marie etwas mutiger und stellte ein paar Fragen: „Na ja, also, hm…“

„Was ist los? Sag schon!“

„Mich würde interessieren seit wann du so auf Frauen stehst und wie du drauf gekommen bist? Also, weil…“ Marie war diese Frage schrecklich peinlich, eigentlich wusste sie gar nicht so recht, warum sie das überhaupt gefragt hatte, aber Jane lächelte sie nur an.

„Keine falsche Scheu, ist ja nicht schlimm, dass du gefragt hast. Also, das fing schon relativ früh an. Erste Schwärmereien für ein paar Freundinnen und so und irgendwann hab ich dann eben so ein paar Erfahrungen gemacht. Es war echt verdammt schön und seit dem war mir klar, für mich muss eine Frau her.

Natürlich hab ich es auch mal mit Männern probiert, das muss schon sein, sonst fehlt einem etwas. Aber so die richtige Erfüllung hat es mir einfach nicht gebracht. Ich weiß nichts mit ihnen anzufangen, nur als gute Kollegen, aber im Bett – ne, da taugen sie nichts! Und auch sonst. Ich kann einfach drauf verzichten.“

Jane grinste und zwinkerte Marie zu.

Marie wusste nicht so recht, was sie dazu sagen sollte. Bis jetzt hatte sie mit einem Mann nie etwas vermisst, aber andererseits fehlte ihr auch die Vergleichsmöglichkeit. Bei diesem Gedanken bemerkte sie, dass sie sich insgeheim danach sehnte, Jane erneut zu küssen und vielleicht… Na ja, aber wirklich nur vielleicht.

Sie wurde durch einen inneren Zwiespalt getrieben, Gefühle geisterten in ihrem Kopf wild durcheinander, sie wusste einfach nicht, was sie wollte und was los war mit ihr. Diese Frau raubte ihr den Verstand.

„Hallo? Noch da?“

Jane schaute sie fragend von der Seite an, konnte sich ein herzliches Lachen aber nicht verkneifen. Sie merkte genau, was für eine Wirkung sie auf Marie hatte und sie genoss es sichtlich.

Mehrere Stunden schlenderten sie einfach so durch den Park, erzählten sich ihre Lebensgeschichten und freuten sich zusammen zu sein. Es war ein wirklich schöner Abend.

Irgendwann wurde es dann aber doch ein bisschen zugig und langsam wurde es auch dunkel.

Beide überlegten, was sie noch machen könnten und kamen zu dem Entschluss, zu Marie zu gehen.

Marie hatte eine kleine, gemütliche Wohnung im 1. Stock. Groß war es wirklich nicht, aber immerhin liebevoll eingerichtet.

Jane setzte sich auf die Couch und machte es sich bequem.

Marie wollte noch etwas zu trinken holen und nahm zwei Gläser aus der Vitrine im Wohnzimmer.

Jane beobachtete sie zaghaft ohne dass Marie etwas merkte.

Sie war wirklich ungeheuer schön, hatte eine Ausstrahlung, die kaum zu übertreffen war, aber wirkte auch so naiv und unschuldig, dass es Jane fast den Atem raubte. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Vorsichtig stand sie auf und stellte sich hinter Marie. Ihre Arme legte sie behutsam um ihre Taille, so dass Marie ihren Atem im Nacken spürte. Sanft und langsam.

Marie zuckte zusammen. Sie war vollkommen überrascht, aber es war keineswegs unangenehm, im Gegenteil. Unter den Berührungen von Jane spürte sie ihre Erregung wachsen. Ihr Herz schlug immer wilder und sie dachte, dass Jane es sicher hören musste, so sehr pochte es.

Plötzlich bemerkte Marie wie Janes warmen Lippen verführerisch ihren Nacken küssten. Marie schloss die Augen und atmete tief ein. Es war wirklich wunderschön und so ungeheuer aufregend. Man konnte es förmlich knistern hören zwischen den beiden.

Lange konnte Marie das nicht aushalten und drehte sich vorsichtig um, so dass sie direkt in Janes Augen sah.

Nun nahm sie allen Mut zusammen und begann vorsichtig mit ihre Lippen Janes Lippen zu berühren um sie liebevoll zu küssen.

Ganz sanft erwiderte Jane den Kuss und sie küssten sich eine unendlich scheinende Zeit.

Eine Ewigkeit ging das so und Marie wurde heiß und schwindelig.

Ihre Beine begannen zu zittern, sie konnte sich kaum mehr aufrecht halten.

Ihr Herz raste immer schneller und sie verspürte eine nie gekannte Erregung. Ihr Atem ging immer heftiger, ihr Kuss wurde immer leidenschaftlicher. Es war kaum zum Aushalten. Ihre Körper pressten sich immer näher aneinander.

Diese Berührungen trieben beide in den Wahnsinn, es war so intensiv, so schön, so anders.

Irgendwann hatten sie sich doch getrennt, mit hochroten Wangen, die vor Erregung glühten, mit einem Herz, das nicht langsamer schlagen wollte und mit dem Gefühl vollkommen verrückt zu werden. Langsam versuchten beide tief ein zu atmen, sich wieder ein bisschen zu beruhigen, aber es war schwer, denn die Gegenwart der anderen, machte sie erneut ganz wild und ließ sie ein ungeheuerliches Verlangen spüren.

„Ich geh jetzt besser!“

Jane merkte, dass es für Marie zu viel werden würde weiter zu gehen und wollte deswegen lieber nach Hause, denn sie wusste nicht, wie lange sie sich noch unter Kontrolle hatte, aber sie wollte Marie auch zu nichts verführen, was sie später bereute.

Marie schaute sie etwas verwirrt an. Gerade hatte sie Gefallen an ihrem Liebesspiel gefunden, gerade war sie dabei ihre Gefühle zu erkennen und zu akzeptieren. Und jetzt wollte Jane einfach gehen?

Aber irgendwie spürte sie auch, dass es besser so war.

Noch einmal sah Jane Marie in die Augen, lächelte ihr zu und verließ dann wortlos die Wohnung…

„Weißt du wie verrückt du mich damals gemacht hast? Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, musste immerzu an dich denken und du bist einfach gegangen. Das war richtig gemein!“

Auch heute noch muss Marie bei dem Gedanken daran ein wenig schmunzeln. Es war schon wirklich verrückt.

Selbst jetzt war Marie immer noch verrückt nach Jane, wie sie sich heute eingestehen musste.

Immer wenn sie tief in ihre Augen sah, spürte sie dieses herrliche Kribbeln, fühlte eine unerklärliche Spannung, heißes Verlangen.

„Ich war ebenfalls verrückt nach dir, aber wenn ich bei dir geblieben wäre, hätte ich für nichts mehr garantieren können. Wer weiß, was damals noch passiert wäre…“

Beide lächelten sich an und schauten verträumt in ihre Augen.

Es war schon eine seltsame Sache mit ihnen gewesen.

„Ich hatte so Angst, dich niemals wieder zu sehen! Im Prinzip wusste ich ja fast nichts von dir und vielleicht wolltest du ja nur ein wenig deinen Spaß! Ich war fast verzweifelt, hatte ja keine Ahnung wie es weiter gehen würde.

Wenn ich jetzt daran denke, kann ich es immer weniger verstehen, was damals Silvester passiert ist. Wie konnte ich dich jemals aufgeben?

Du warst bei weitem das Beste was mir je passiert ist. Bei dir konnte ich mich immer sicher und geborgen fühlen.

Ich liebe dich!“

Jane strahlte über das ganze Gesicht. Es war das schönste Geschenk, was sie sich nur vorstellen konnte, diese Liebeserklärung von Marie zu hören, nach all der vergangenen Zeit.

Sie erwiderte dies mit einem zärtlichen Kuss.

Aber Marie war noch nicht fertig, es ließ ihr einfach keine Ruhe.

„Weißt du, vielleicht war es einfach zu seltsam eine Frau zu lieben, vielleicht hab ich mich einfach nicht wirklich getraut, dazu zu stehen, vielleicht war es einfach leichter einen Mann zu lieben. Ich kann es dir nicht erklären und es tut mir so leid. Wenn ich daran denke, fühle ich mich so schlecht. Ich weiß, wie sehr ich dich verletzt habe, mir selber tat es nicht weniger weh und ich hab immer gehofft, ganz tief in mir drinnen, dass wir noch eine zweite Chance haben. Nicht unbedingt sofort, aber irgendwann… Irgendwann einmal, wenn ich dir tief in die Augen sehen kann, wenn ich zu dir stehen kann, wirklich überzeugt bin, dass ich nur dich liebe und nur dich lieben kann.

Ich hab genug ausprobiert um zu wissen, dass du die einzige bist, für die mein Herz wirklich schlägt. Auch wenn ich nicht von Anfang an daran geglaubt habe, jetzt weiß ich ganz sicher, dass ich nur dich will, dass ich mit dir alt werden möchte, weil ich nur mit dir glücklich sein kann! Und wenn ich dich nicht haben kann, möchte ich lieber sterben. Du bedeutest mir so unglaublich viel, dass ich es selbst nicht in Worte fassen kann. Aber wenn ich dich ansehe, beginnt mein Herz zu rasen, wenn ich dir in die Augen schaue, kann ich keinen klaren Gedanken fassen, wenn du mich berührst, und sei es nur Zufall, kann ich nicht mehr atmen, dann möchte ich dich noch mehr spüren, für immer und ewig!

Sicher, ich weiß, es muss dir schwer fallen mir das zu glauben, zu sehr hab ich dich verletzt, zu sehr sah alles so aus als würde ich dich nur benutzen, um mit dir meinen Spaß zu haben. Aber so ist es nicht, so war es nicht. Es fällt mir einfach schwer eine Bindung einzugehen, es fällt mir schwer, dazu zu stehen. Ich denke immer, wer weiß schon, wie das noch werden wird.

Aber jetzt weiß ich es: wenn ich mit dir mein Leben verbringen werde, wird es so schön, wie man es sich es nur wünschen kann. Dann werde ich für immer glücklich sein. Und wenn nicht, kann ich niemals glücklich werden, denn jetzt weiß ich, wie sehr ich lieben kann, was Liebe wirklich ist und kein anderer wird mir das jemals geben können!“

Jane hatte Tränen in den Augen, als Marie sie wieder ansah. Sie war unendlich gerührt. Nie hatte Marie über ihre Gefühle gesprochen und jetzt hatte sie etwas gesagt, was sie so sehr berührte, dass sie weinen musste.

Langsam kullerte eine Träne ihre Wange hinunter und schimmerte im Kerzenschein. Behutsam wischte Marie sie ab und streichelte sanft über ihre Wange.

„Lass uns wieder nach Hause fahren, ja?“

Jane hatte nichts einzuwenden und wenig später machten sie sich auf den Weg.

„Mein Gott ist das kalt hier draußen und verdammt rutschig. Ich glaub mit dem Auto kommen wir nicht wirklich weit. Dann müssen wir wohl laufen, so weit ist es ja auch nicht.“

Hand in Hand schlenderten sie los. Jane war immer noch gerührt von Maries Liebesgeständnis und beide waren nicht in der Lage viel zu reden, also schwiegen sie.

Sie waren erfüllt von einem unbeschreiblichen Gefühl der Liebe und eine wohlige Wärme breitete sich in ihnen aus.

Es war für beide der schönste Abend seit langem. Nicht im Entferntesten hätten sie zu hoffen gewagt, dass es jemals wieder dazu kommen könnte.

Ihre Nähe machte sie überglücklich und sie vergaßen die ganze Welt um sie herum. Nur sie beide zählten, nur ihre Liebe, nur ihre Gefühle, die sie für einander hatten. Das war das schönste, das wichtigste, es machte sie überglücklich.

Kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, lagen sie sich auch schon wieder in den Armen und küssten sich zärtlich und innig. Der Moment schien eine Ewigkeit zu dauern, aber sie erlebten es so intensiv, es war so schön, dass sie auch gar nicht wollten, dass es ja endete.

Langsam zogen sie ihre langen Mäntel aus, Maries Hände glitten sanft über Janes Rücken, immer tiefer bis sie schließlich behutsam über ihren Po streiften.

Sofort spürte Jane die Erregung, die sich in ihr ausbreitete. Ein Kribbeln erfüllte sie, wie sie es schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Ihre Finger verfingen sich in Maries Haaren und ohne das sie er merkten, bewegten sich die beiden Richtung Schlafzimmer….

Dieser Abend war herrlich, so romantisch und einfach ein Traum. Längst vergessene oder verdrängte Gefühle kamen in ihnen auf, das Kribbeln wurde immer stärker und noch weniger konnten sie verstehen, was damals passiert war.

Sie liebten sich immer noch so sehr, so intensiv, dass man es nicht in Worte fassen kann. Ihrer Liebe konnte nichts und niemand etwas anhaben, sie würde alles überstehen.

Völlig erschöpft lagen sie sich in den Armen, küssten sich und träumten. Im Hintergrund lief leise Musik. Musik, die bei beiden Erinnerungen weckte.

Erneut hatte Marie Tränen in den Augen, aber jetzt, weil sie so unbeschreiblich glücklich war. Endlich hatte sie Jane wieder, ganz für sich allein und niemals würde sie sie wieder hergeben, ganz sicher nicht. Sie war ihr ein und alles, alles für das es sich für sie zu leben lohnte. Ohne sie wollte und konnte sie keine Sekunde mehr sein. Nur mit ihr konnte sie glücklich werden und das wurde ihr langsam bewusst…

Die ganze Zeit über hatte Marie damals auf einen Anruf von Jane gewartet, wenigstens ein kleines Zeichen. Nach ihrem ersten Treffen hatte sie nichts mehr von ihr gehört. Ihr wortloser Abgang war das letzte, was sie von Jane gesehen hatte.

Unentwegt hatte sie neben dem Telefon gehockt, es angestarrt, es angefleht, endlich zu klingeln, fast kam sie sich schon etwas albern vor, aber dann endlich klingelte es.

Als sie Janes Stimme erkannte, machte ihr Herz Freudensprünge. Sofort huschte ein glückliches Lächeln über ihr Gesicht.

Und als sie sich dann auch noch für den Abend verabredete, war ihre Freude grenzenlos.

Ständig schaute sie auf die Uhr, aber es schien nicht später zu werden. Die Minuten zogen sich wie Kaugummi.

Sie konnte es kaum mehr erwarten.

Zuerst wollten sie gemütlich essen gehen und dann vielleicht noch ins Kino oder in eine Bar, mal sehen, wie sie so in Stimmung waren.

Marie malte sich den Abend ganz genau aus, genau bis zu dem Punkt, wo sie nach Hause wollten.

Sollte sie Jane einladen? Würde Jane vielleicht sie einladen? Wie würde es dann weitergehen? Weiter als beim letzten Mal? Wie würde es sein, wie würde es sich anfühlen?

Sie hatte keine Ahnung, aber merkte, wie sie immer neugieriger wurde. Sie wollte es unbedingt mal ausprobieren, aber hatte auch irgendwie Angst davor.

Ach, was soll’s? Sie wollte einfach mal alles auf sich zu kommen lassen. Es würde schon werden, irgendwie, wie auch immer.

Um die Zeit ein wenig tot zu schlagen begann sie sich fertig zu machen. So richtig wusste sie nicht, was sie anziehen sollte. Eigentlich das altbekannte Problem der Frauen. Einen Kleiderschrank, der die größte Vielfalt bot, aber keine Idee, was man denn nun anziehen soll.

Natürlich sollte es ihre Figur zur Geltung bringen und auch angemessen für einen Restaurantbesuch sein. Aber so ganz einfach war es nicht, das Passende zu finden.

Etliche Minuten stand sie vor dem Kleiderschrank und starrte hinein. Allerdings konzentrierte sie sich nicht wirklich auf den Inhalt, sondern ihre Gedanken waren nur bei Jane und bei dem, was heute Abend noch so alles kommen könnte.

Jane war wirklich bezaubernd, einfach makellos, liebevoll, zärtlich. Man musste sie einfach lieben. Ja, Mann müsste sie lieben, aber Frau? Konnte sie als Frau wirklich Jane lieben?

So richtig war sie sich darüber immer noch nicht im Klaren.

Natürlich, der gemeinsame Abend war so schön gewesen, niemals hätte sie sich ansatzweise so etwas denken können. Vorher hatte sie niemals mit dem Gedanken gespielt eine Frau zu küssen, aber es war trotzdem toll, sie hatte es genossen, keine Frage.

Dennoch hegte sich in ihr erneut ein kleiner Widerspruch. Eine Frau liebt einen Mann. Klar, so wurde es ihr von Anfang an und ihr Leben lang eingetrichtert. Von der Gesellschaft, von ihren Eltern, von ihren Freunden.

Vielleicht war es einfach Angst anders zu sein, nicht dazu zu gehören, ausgestoßen zu werden.

Doch ihre Gefühle für Jane waren überwältigend, dagegen konnte sie sich nicht wehren. Außerdem: was kann schon an so etwas Schönem, so etwas Einzigartigem falsch sein?

Sie würde zu ihren Gefühlen stehen, das war die einzig wahre, einzig richtige Entscheidung, die es in diesem Fall geben konnte. Was andere davon halten, war ihr egal.

Sie liebte Jane, Jane liebte sie. Der Fall war klar, sie gehörten zusammen.

Endlich sicher und überzeugt, zog sie sich nun um. Der Abend konnte kommen!

Sie hatten einen wunderbaren Abend, jede Menge Spaß und kamen kaum aus dem Lachen mehr heraus, kicherten unentwegt und genossen jede Sekunde, bis sie nun im Schein einer Straßenlaterne standen und sich tief in die Augen blickten.

Jane nahm Maries Hände und flüsterte genau das, was Marie insgeheim gehofft hatte:

„Möchtest du vielleicht noch mit zu mir kommen? Kannst auch gerne über Nacht dableiben, wenn dir der Weg nach Hause zu weit ist. Ich habe auch ein Gästezimmer. Nicht, dass du das jetzt falsch verstehst, aber…“

Marie legte ihren Finger auf Janes Lippen und hauchte: „Gerne!“

Janes Augen blitzen fröhlich und glücklich auf. Ihr Herz schlug schneller. Es war so, wie sie es sich gewünscht und erträumt hatte. Ein schöneres Geschenk hätte Marie ihr gar nicht machen können. Auch sie entdeckte immer neue Gefühle, die Marie in ihr weckte. Normalerweise war sie nicht so zurückhaltend und schüchtern, normalerweise ergriff sie schnell die Initiative, alles ging von ihr aus und so eine Frage wie vorher, hätte sie locker und lässig rübergebracht. Aber mit Marie war das anders… Sie spürte, dass sie etwas besonderes war, wollte sich Mühe geben, nichts falsch zu machen, sie vielleicht zu beleidigen, zu kränken oder zu aufdringlich zu wirken.

Ein wenig aufgeregt war Marie schon, sie hatte unzählige Schmetterlinge im Bauch. Es kribbelte herrlich, war angenehm und konnte gar nicht schöner sein.

Lachend betraten sie die Wohnung von Jane und langsam kroch ein etwas unbehagliches Gefühl in Marie hoch.

Es war zwar wirklich ein Traum mit Jane, aber wenn es heute nicht nur bei Küssen bleiben würde…

Schließlich hatte sie noch nie mit einer Frau geschlafen, schon der Kuss war etwas völlig neues gewesen.

Ein bisschen Angst hatte sie schon, so richtig wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Als könnte Jane Gedanken lesen, sagte sie plötzlich: „Du musst keine Angst haben, du musst nichts machen, was du nicht willst, lass dich einfach fallen, folge deinen Gefühlen und es wird unvergesslich, das verspreche ich dir.“

Kaum hatte sie das ausgesprochen nahm sie Marie in den Arm und küsste sie voller Gefühl und Leidenschaft. Schon von diesem Kuss wurde Marie heiß und schwindelig. Aber was noch kommen sollte, übertraf alles vorher gekannte bei weitem…

Auch jetzt lagen sie noch immer völlig erschöpft nebeneinander in Janes Bett.

Ihr Atem hatte sich etwas gelegt, langsam kamen sie zur Ruhe. Dennoch waren sie noch immer sprachlos.

Es hatte ihnen einfach die Sprache verschlagen, denn es war so wundervoll gewesen. Sicher auch früher war es schön mit ihnen gewesen, aber dieser Abend war unbeschreiblich.

Vielleicht weil so viele aufgestaute Emotionen dabei gewesen waren, weil der Wunsch sich noch einmal so nahe zu sein, sie schon so lange beschäftig hatte, sie immer wieder davon geträumt hatten und es jetzt endlich Wirklichkeit geworden ist.

„Weißt du was, meine Süße? Es ist kaum zu glauben, dass ich jetzt mit dir hier liege, dass ich dich noch einmal in meinen Armen halten darf, aber es gibt nichts, was mich glücklicher machen könnte. Du bist mein schönstes Weihnachtsgeschenk, auch wenn morgen erst Heilig Abend ist. So schnell werd ich dich nicht mehr gehen lassen, nie wieder kommst du mir davon!“ Jane sah Marie mit einem bezaubernden Lächeln an, gegen das man sich gar nicht widersetzten konnte.

Marie lächelte zurück. Sie wollte auch gar nicht mehr gehen, sie konnte Jane nicht mehr verlassen.

Irgendwann schliefen die beiden Arm in Arm ein und träumten noch einmal von dieser Nacht.

„Guten Morgen mein Engel. Hast du gut geschlafen?“, mit einem zarten Kuss weckte Jane Marie, die noch etwas verschlafen war.

Ziemlich unverständlich murmelte sie auch „Guten Morgen“, doch sie wollte noch ein wenig schlafen. Sie war wirklich sehr müde, der Stress der letzten Tage hatte ihr ziemlich zu schaffen gemacht.

Aber Jane ließ Marie keine Ruhe und irgendwann musste sie dann wohl oder übel doch aufstehen.

„Du bist vollkommen verrückt. Mitten in der Nacht aufstehen! Hättest ja wenigstens den Kaffee ans Bett bringen können!“

Jane schüttelte den Kopf und warf Marie einen gespielt entsetzten Blick zu.

„Sonst keine Wünsche? Nee, nee ganz schön anspruchsvoll. Sei froh, dass du bei mir wohnen darfst.“

Natürlich wusste Marie, dass Jane das alles nur zum Spaß sagte und ihr nie wirklich böse sein konnte, sie mit Sicherheit auch nicht wieder aus der Wohnung geschmissen hätte, trotzdem hatte Jane irgendwie ja auch Recht, etwas mehr Dankbarkeit zeigen könnte sie schon, statt irgendwelche Ansprüche oder Forderungen zu stellen. Ohne Jane wäre Marie jetzt wahrscheinlich tot, läge auf irgendeinem kalten Seziertisch in einer noch kälteren Leichenhalle und keiner würde sie vermissen, würde je wissen, dass sie tot war, dass sie ihr Leben nicht mehr ertragen konnte. Wahrscheinlich würde es eh keinen interessieren. War sie ohnehin nicht schon fast tot gewesen, bevor sie sich von der Brücke stürzen wollte?

Bei diesem Gedanken merkte sie erst, wie einsam sie in den letzten Jahren gewesen sein muss. Sie hatte eigentlich keine Freunde, vielleicht ein paar flüchtige Bekannte, aber keinen, dem sie vertraut hätte, auf den sie hätte zählen können. Wahrscheinlich war auch keiner dabei, der sich gewundert hätte, wenn Marie sich nicht mehr gemeldet hätte oder nicht mehr aufgetaucht wäre. Die einzige, die ihr je etwas bedeutet hatte, war Jane und sonst hatte sie eigentlich niemanden gehabt, nicht mal eine beste Freundin in der Schule oder so was. Gut, mit Jenny war sie ziemlich gut befreundet gewesen, aber wenn sie darüber nachdachte, war es auch eher eine Zweckbekanntschaft und keine wahre Freundschaft. Sie war immer eine Außenseiterin gewesen. Nicht, dass andere sie nicht leiden konnten, aber sobald jemand versucht hatte, näheren Kontakt zu ihr aufzubauen, hatte Marie abgeblockt. Sie hatte keinen an sich ran gelassen, vielleicht aus Angst enttäuscht zu werden. Sie wusste es selbst nicht, eigentlich war es ihr bis vorhin nicht mal so bewusst gewesen.

„Mensch, heute ist ja schon Heilig Abend!“ Marie hatte gar nicht gemerkt, dass schon fast Weihnachten war. In den letzten Tagen ging alles so schnell vorbei und es war ihr eigentlich auch egal gewesen, was für ein Tag war. Erst jetzt bemerkte sie es.

„Ja, genau! Und deswegen werden wir gleich meinen Weihnachtsbaum schmücken und noch ein paar Geschenke einpacken. Für dich hab ich allerdings jetzt nichts…“

Natürlich hatte Jane nichts. Wie auch? Woher sollte sie denn auch wissen, dass sie Marie wiedersehen würde? Marie hatte ja auch nichts.

Aber eigentlich war das den beiden ziemlich egal, das einzige, was sie brauchten, hatten sie bekommen. Sie hatten sich wiedergetroffen, endlich wieder zueinander gefunden. Das war für beide das wichtigste, das schönste Geschenk überhaupt.

Abends saßen beide glücklich und aneinander gekuschelt unterm Weihnachtsbaum. Es war herrlich, richtig romantisch. Der ganze Raum strahlte im leuchtenden Schein der Kerzen, im Hintergrund spielte leise Musik.

„Du kannst mir nicht glauben, wie glücklich ich bin. Es ist das schönste Weihnachten, das ich bisher erlebt habe.“

„Ja, es ist wirklich wie im Traum. Ich kann es kaum fassen, dass du neben mir sitzt, mit mir zusammen Weihnachten feierst. Weißt du, woran ich gerade denken muss? An unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest…“

„Fröhliche Weihnacht überall, tönt es durch die Lüfte froher Schall…“, Marie trällerte vergnügt Weihnachtslieder, während sie ihren Baum schmückte. Dass Jane sich schon die ganze Zeit die Ohren zu hielt, störte sie keineswegs. Immer wieder versuchte sie ihre Freundin zum Mitsingen zu animieren, aber es war aussichtslos. Jane weigerte sich strikt „andere Leute durch ihre Sangeskünste zu terrorisieren“, wie sie sagte.

„Wenn einer das macht, reicht das völlig!“, ergänzte sie mit einem breiten Grinsen und zwinkerte ihr zu.

„Wie soll ich denn das jetzt verstehen?“ Marie grinste zurück und begann sofort das nächste Lied an zu stimmen: „Herbei, oh ihr Gläubigen, fröhlich triumphierend…“

Jane konnte nur den Kopf schütteln, aber ihre Freundin war schon ein bisschen verrückt. Doch genau das liebte sie an ihr, diese humorvolle, immer gut gelaunte Art.

„Ob hier Platz für meine ganzen Geschenke ist?“ Skeptisch blickte Marie sich um, lächelte und gab Jane einen Kuss.

Schon an diesem Morgen hatten sie jede Menge Spaß. Dekorieren konnte wirklich lustig sein.

Plötzlich blickten sie auf die Uhr und stellten entsetzt fest, dass es schon fast drei Uhr war. In wenigen Stunden wollten Janes Eltern kommen um mit ihnen zusammen zu feiern. Auch wenn Jane darüber nicht so froh war und ihre Begeisterung sich doch stark in Grenzen hielt, konnte sie nichts gegen den Besuch machen, ihre Eltern ließen keinerlei Widerspruch zu und ein bisschen freute Jane sich trotzdem. Denn der Besuch zeigte ihr, dass sie Marie voll akzeptiert hatten. Sie wussten nämlich, dass Marie auch da sein würde und es störte sie nicht. So lange blieben sie sicher auch nicht und eigentlich waren sie doch ganz verträgliche Leute. Irgendwie bekämen sie diesen Abend schon rum.

„Ich werde dann mal anfangen zu kochen, sonst müssen deine Eltern hinterher noch verhungern und das wollen wir ja nicht, oder?“

Marie hatte sich vorgenommen heute Abend zu kochen. Jane war sowie so nicht so talentiert und Marie machte Kochen unheimlichen Spaß. Sie hatte sich große Mühe gegeben, sich etwas Schönes einfallen zu lassen, vor allem etwas, was sie gut kochen konnte und was sicher schmecken würde. Es war so etwas wie ihre Bewährungsprobe, fand sie. Also musste alles gelingen.

In kurzer Zeit, aber mit unglaublich viel Liebe zauberte sie ein köstliches Mahl. Zur Vorspeise eine Suppe nach dem geheimen Rezept ihrer Mutter, als Hauptgang Ente und zum Nachtisch schließlich eine traumhafte Schokoladencreme. Jane lief schon beim Zusehen das Wasser im Mund zusammen und sie konnte kaum erwarten, dass es Abendessen gab.

Marie hatte gerade noch genug Zeit sich ein wenig zurecht zu machen, als es dann auch schon schellte. Mit einem Kribbeln im Bauch öffnete sie die Tür.

Bisher hatte Marie Janes Eltern noch nicht kennen gelernt und sie war verdammt aufgeregt, aber als sie dann das fröhlich lachende Ehepaar vor der Tür sah, dass sie sofort freudig begrüßte, war alle Angst verflogen.

Jane stellte Marie vor und ihre Eltern freundeten sich sofort mit ihr an. Es konnte also ein wirklich schöner Abend werden.

Nach dem Essen, das Marie wirklich ausgezeichnet gelungen war, wollten sie Bescherung machen.

Voller Eifer packten alle ihre Geschenke aus und Marie konnte einen Schrei voller freudigem Entzücken kaum unterdrücken, als sie ein Schächtelchen mit einem zauberhaften silbernen Ring öffnete.

„Ich hoffe, er gefällt dir.“, war alles, was Jane dazu sagte.

Natürlich gefiel ihr der Ring, er war unvergleichlich und dass er von Jane kam, steigerte seine Schönheit noch um ein Wesentliches. Es war wirklich das schönste, liebevollste Geschenk, das sie je bekommen hatte. Sofort schob sie ihn auf ihren linken Ringfinger und betrachtete ihn kritisch. Er stand ihr ausgezeichnet und alle waren begeistert. Vor allem aber Marie. Sie lächelte überglücklich und gab Jane einen innigen, zärtlichen Kuss, von dem sie sich auch nicht durch den Blick von Janes Eltern abhalten ließ. Sie störte der Kuss allerdings auch nicht so wirklich, stattdessen sahen sie sich verliebt in die Augen und erinnerten sich an ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest.

Es war ein wunderbarer Abend gewesen. Aber nun mussten Janes Eltern wirklich gehen. Es war ohnehin schon viel später geworden, als sie es geplant hatten.

„Schönen Abend noch ihr beiden. Es war wirklich nett dich endlich kennen zu lernen, Marie. Feiert noch schön, wir sehen uns die Tage. Tschüss.“

Kurz darauf waren sie auch schon verschwunden.

„So, Liebste, ich hol uns mal noch ein Gläschen Sekt und dann stoßen wir auf uns an. So richtig haben wir beide ja noch nicht gefeiert.“

Etwas später kam Jane mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern wieder.

Nachdem sie die Flasche geöffnet und ihnen etwas eingeschenkt hatte, sahen sie sich tief in die Augen und stießen an.

„Ich liebe dich, Jane!“

„Ich liebe dich auch.“

Ihre Lippen berührten sich zärtlich und verschmolzen zu einem leidenschaftlichen Kuss. Marie legte sanft ihre Arme um Janes Taille und drückte sie an sich. Immer noch küssten sie sich, während Janes Hände langsam über Maries Rücken glitten.

Marie spürte ein leichtes, aufregendes Kribbeln in ihrer Magengegend…

„Ja, damals, das war schon wirklich was ganz besonderes. Aber das war eigentlich jeder Tag mit dir. Wie viel Spaß wir gehabt haben. Ist schon was gewesen mit uns.“

Beide mussten lachen. Es stimmte schon, sie waren verrückt, hatten so viel Spaß und die allerschönsten gemeinsamen Stunden.

Irgendwann waren beide müde. „Lass uns schlafen gehen. Ich bin ziemlich müde.“

Langsam standen sie auf und gingen ins Schlafzimmer. Völlig erschöpft ließen sie sich kurze Zeit später in ihr Bett fallen und schliefen ein. Nun war Weihnachten doch noch ein Fest der Liebe geworden.

Die nächsten Tage verliefen eher unspektakulär. An den Feiertagen haben Marie und Jane es sich gemütlich gemacht, sind schön Essen gegangen und blieben die meiste Zeit zu Hause, einfach den Tag genießen, ganz ohne Verpflichtungen und Termine.

Auch sonst passierte nichts Aufregendes. Sie unternahmen so viel es ging gemeinsam, verbrachten jede freie Minute zusammen, gingen ins Kino, spazieren oder blieben einfach zu Hause. Es war eine wunderschöne Zeit.

Eigentlich war es genau wie früher, sie hatten so viel Spaß zusammen, lachten und waren einfach froh, sich wieder gefunden zu haben. Auch für Silvester hatten sie Pläne gemacht. Sie wollten einfach mal in die Stadt gehen, da gab es genug Bars die geöffnet hatten und in denen man sicher ganz nette Feste feiern konnte. Irgendwas würden sie schon finden und ansonsten blieben sie eben zu Hause vor dem Fernseher. Das konnte ja auch ganz schön werden.

Für beide war Silvester zu einem seltsamen Tag geworden. So richtig Lust zu feiern hatten sie nicht mehr, zu viele schreckliche Erinnerungen verbanden sie mit großen Partys. Und war es nicht ohnehin ein Tag wie jeder andere? Was hat man schon davon, wenn ein neues Jahr beginnt? Ist nicht jeder neue Tag, ein ganz besonderes Geschenk, das gefeiert werden müsste? Also, warum so einen Aufstand machen…

„Hey Liebling, ich geh mal kurz zur Bank, ein bisschen Geld holen.“ Marie schrie durch die ganze Wohnung, aber erst als Jane antwortete, war sie sich sicher, dass sie es auch gehört hatte.

„Geld? Wozu?“

„Überraschung! Sei nicht immer so neugierig!“, stichelte Marie freudig grinsend.

Sie wollte Jane einen Ring kaufen, den sie kurz zuvor in einem Schaufenster gesehen hatte. Er war wirklich traumhaft und würde großartig zu Jane passen, als nachträgliches Weihnachtsgeschenk, schließlich hatte sie noch nichts bekommen. Der Ring war leicht mattiert, zwar ohne Stein, aber dafür wundervoll geschliffen. Eben genau das richtige.

Marie zog sich ihren Mantel über, warf noch einen kurzen, aber kritischen Blick in den Spiegel und als sie zufrieden war, schnappte sie ihre Handtasche, um zu gehen.

„So, ich bin gleich wieder da. Ich liebe dich!“

„Ich liebe dich auch.“

Da fiel auch schon die Tür ins Schloss.

„Wie schön sie doch ist!“, dachte Jane. Sie war so glücklich, sie wieder getroffen zu haben. Marie brachte einen wirklich um den Verstand und konnte sie jeder Zeit um den Finger wickeln. Nichts konnte sie ihr abschlagen, wenn sie in ihre schönen braunen Augen sah. Genau so, wie sie ihr nie böse sein konnte. Sie war einfach ein Engel, nicht von dieser Welt. Liebevoll, zärtlich, bildschön – ein Traum. Eine Traumfrau, die jeder gerne wollte, die aber nur ihr allein gehörte.

„Man, ist das voll hier an diesem verdammten Automaten. Muss ich wohl drinnen an der Kasse mein Geld holen.“

Marie war ein bisschen ärgerlich, aber was machte das schon? Langsam öffnete sie die schwere Glastür und betrat die Bank. Drinnen war es nicht so voll. Gerade mal eine Hand voll Leute standen an.

Marie war ganz in Gedanken versunken, als plötzlich ein dunkel gekleideter Mann die Bank betrat. Er trug einen langen schwarzen Mantel, dunkle Hose, dunkle Stiefel. Seine langen schwarzen Haare hingen ungepflegt hinunter und nur seine hervorstechenden klaren, tief blauen Augen passten gar nicht ins Bild. Er sah so richtig zum Fürchten aus, unheimlich, wie ein geisteskranker Psychopath.

Marie bemerkte nichts, erst als es immer hektischer, unruhiger und lauter wurde, erregte er ihre Aufmerksamkeit.

„Das ist ein Banküberfall! Alle auf den Boden. Schnell!“ Der Mann richtete seine Pistole auf eine aufgeregte Bankangestellte und fuchtelte wild damit umher. Er schien sich gar nicht mehr richtig unter Kontrolle zu haben, so als wäre er mit irgendwelchen Drogen voll gepumpt. Sein Blick war leer und abwesend. Aber trotzdem fürchterlich.

Der Schreck stand der jungen Dame deutlich ins Gesicht geschrieben. Panik machte sich unter den Kunden breit, Leute schrieen wild durcheinander, alle waren voller Angst und Schrecken.

„Ruhe! Sofort! Oder ich schieße.“

Als Zeichen, dass er es durchaus ernst meine, feuerte er eine Kugel direkt in die Decke. Das laute Knallen ließ alle schaudern, es wurde sofort ruhig. Mit aufgerissenen Augen blickten alle ängstlich diesen seltsamen Kerl an.

Marie zitterte am ganzen Körper und legte sich still auf den Boden. Während der Mann immer noch mit der Pistole Geld forderte, waren Maries Gedanken nur bei Jane. Ihr Herz raste, sie bekam kaum mehr Luft.

„Oh Gott, bitte hilf mir!“

In ihrem Kopf schossen tausend Gedanken wild durcheinander. Maries Gesicht war ganz blass geworden, ihre Finger eisig.  Sie musste weg hier, zu Jane. Sie konnte an nichts anderes mehr denken, nur weg von hier. Irgendwie fliehen.

Marie beobachtete den Mann, er schien mit dem Geld beschäftigt zu sein und so als wäre er in einer ganz anderen Welt.

„Das ist meine Chance!“, kam es Marie in den Sinn. Sie robbte sich langsam vorwärts, immer von dem Gedanken an Jane getrieben. Sie kam langsam in die Nähe des Ausgangs. Ihre Bewegungen waren langsam und gleich mäßig. Es war nicht mehr weit, gleich hatte sie es geschafft. Ihr Herz pochte, sie zitterte.

Plötzlich ging alles so schnell.

Eine Hand ergriff Maries Arm, zerrte sie nach oben. Ehe sie noch erahnen konnte, was gerade passierte, feuerte er ab. Aus nächster Nähe, direkt in Maries Kopf, ganz ohne Vorwarnung. Einfach so.

Marie sackte sofort zusammen, Blut spritze, ihr Atem verstummte, ihr Herz hörte auf zu schlagen. Sie war auf der Stelle tot. Marie hatte noch nicht mal mehr die Gelegenheit gehabt ein letztes Mal an Jane zu denken.

Auf einmal wurde es laut in der Bank. Menschen schrieen, fingen an zu weinen. Es herrschte ein großen Durcheinander.

Mittlerweile hatten Polizisten den Mann überwältigt, ohne das er es gemerkt hatte. Er widersetzte sich seiner Verhaftung nicht. Er stand nur still da, die Pistole noch immer in der Hand, Blut bespritzt. Alles, was er dabei von sich gab, war ein dreckiges, höhnisches Lachen, das alle erschaudern ließ.

„Mensch, wo bleibt sie denn? Jetzt ist sie schon fast drei Stunden weg. So lange kann sie doch nicht brauchen!“

Jane begann sich Sorgen zu machen, Marie wollte schließlich nur kurz zur Bank und die liegt immerhin direkt um die Ecke. Also beschloss sie schnell mal rüber zur Bank zu gehen und nach zu sehen, was los war. Irgendwie hatte sie ein ungutes Gefühl. Irgendwas stimmte da nicht. Sie konnte nur nicht sagen, was es war, dass sie so beunruhigte.

Schnellen Schrittes eilte sie los, geradewegs auf die Bank zu. Schon von weitem erkannte sie Polizeiautos. Ihr Atem stockte. „Da muss was passiert sein“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie rannte los. Völlig außer Puste bleib sie vor der gläsernen Tür stehen, die Augen weit aufgerissen. Überall war Blut, ihr wurde schlecht und schwarz vor Augen. Kurz bevor sie zusammen klappte, fing sie ein Polizeibeamter auf.

„Alles klar bei ihnen? Alles in Ordnung?“

Nichts war klar, nichts war in Ordnung. Was war nur passiert? Wo war Marie?

„Ich suche jemanden. Meine Freundin, Marie Bäumler.“

Der Polizist sah sie mitleidig an, Jane spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Es tut mir leid. Sie wurde erschossen, bei einem Banküberfall. Es tut mir wirklich leid.“, war alles, was er zu sagen hatte.

Ungläubig sah sie ihn an, Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schrie und schlug um sich, völlig von Sinnen.

„Nein, das kann nicht sein! Marie! Ich liebe dich.“

Ganz außer sich rannte sie los. Tränen strömten ihre Wangen hinunter. Sie hatte kein Ziel vor Augen, keine Ahnung, wohin sie lief, nur weg, weg von hier.

Sie war vollkommen durcheinander, stand unter Schock. Immer wieder schrie sie Maries Namen, glaubte sie zu sehen. Irgendwann war sie völlig erschöpft und brach zusammen, noch immer von heftigen Weinkrämpfen ergriffen.

Sie wusste nicht mehr, was sie machen sollte. Sie fühlte sich so leer, es tat so wahnsinnig weh. Einige Zeit blieb sie auf dem Straßenrand sitzen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie war nicht in der Lage irgendwas zu machen, sie hatte keine Kraft mehr, war hoffnungslos, mutlos. Nur den unsäglichen Schmerz spürte sie noch.

Irgendwie war sie dann dennoch nach Hause gekommen. Mit zittrigen Händen öffnete sie die Tür und trat ein. Kaum war sie in ihrer Wohnung, ließ sie sich auf den Boden gleiten und blieb einige Stunden einfach so sitzen. Sie konnte immer noch nicht fassen, was passiert war. Es war unmöglich. Sie konnte doch nicht weg sein. Sicher wird es gleich schellen und sie steht lächelnd vor der Tür, fiel ihr um den Hals und alles wäre vergessen.

Aber es war nicht so… Sie kam nicht wieder! Nie wieder!

Langsam erhob sie sich, sie hatte kein Gefühl mehr für Raum und Zeit, sie wollte nur ins Schlafzimmer, an ihre Schublade. Nervös fischte sie einen Brief heraus, immer noch standen Tränen in ihren Augen. Sie holte noch einmal tief Luft und begann zu lesen. Es war Maries erster Brief.

Liebste Jane,
ich kann mein Glück immer noch nicht fassen. Dass ich dich gefunden habe, muss ein Geschenk Gottes sein. Mit dir bin ich so unglaublich glücklich, dass man es eigentlich gar nicht in Worte fassen kann, aber ich werde es trotzdem versuchen.

Als ich dir zum ersten Mal begegnet bin, hast du mich sofort in deinen Bann gezogen. Du standest an meinem Tisch und dein Lächeln hat mich bezaubert. Du bist so wunderschön, noch schöner als ein Engel sein muss. Ich weiß gar nicht, womit ich dich verdient habe.

Wenn ich mir vorstelle, du hättest mich damals nicht angesprochen, wärst einfach an mir vorbei gegangen, dann überkommt mich ein kalter Schauer, denn ohne dich könnte ich nicht mehr leben.

Ohne dich morgens zärtlich in den Arm zu nehmen, dich sanft zu küssen, deinen warmen Körper zu spüren, würde mir etwas fehlen. Es würde mir sogar das Wichtigste fehlen, nämlich du.

Du bist alles, was ich habe, alles für das ich lebe und ohne dich könnte ich nicht länger sein.

Ich bin so unbeschreiblich froh, dass ich dich habe. Eine Sekunde ohne dich kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Diese Zeit kann ich nicht durchstehen, sie ist leer für mich. Mein Lebensinhalt fehlt, denn du bist nicht bei mir.

Hoffentlich verstehst du, was ich sagen will. Ich muss dir einfach meine Liebe gestehen, auch wenn es mir ein wenig schwer fällt.

Lange kennen wir uns noch nicht, aber es kommt mir vor, als wären es Monate, ja sogar Jahre. Ich glaube dich zu kennen und andererseits hab ich dir so viel über mich erzählt, dass ich kein Geheimnis mehr vor dir habe. Noch nie hab ich mich jemandem so nahe, so verbunden gefühlt wie dir.

Ich liebe dich über alles und wünsche mir, dass es für immer ist, dass wir uns niemals trennen.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich dich morgen nicht mehr sehen könnte, dann zerreißt es mir das Herz. Es tut wahnsinnig weh und ich habe Angst davor.

Auch wenn ich nicht daran denken möchte, ich bin so oft enttäuscht worden, habe so viel Schmerz erfahren, dass ich diese grauenvollen Gedanken nicht verdrängen kann.

Aber sobald ich dann wieder dein Gesicht vor mir sehe, mich in deinen bildschönen Augen verliere und deine weichen Lippen auf meiner heißen Haut spüre, vergesse ich alles um mich herum. Dann fühle ich mich dir so nahe, dann versinke ich in einen wundervollen Traum.

Jede Nacht träume ich von dir und es sind die süßesten Träume dich ich jemals hatte und die schönsten, die ich mir nur vorstellen kann.

Eigentlich ist alles für mich wie ein Traum. Mein ganzes Leben, das ich mit dir verbringen darf.

Du hast mir gezeigt, was wahre Liebe ist und auch wenn ich immer gedacht habe, mir kann so etwas nicht passieren, jetzt weiß ich, dass auch ich geliebt werde, dass es jemanden gibt, der mir mehr bedeutet als alles andere, für den ich alles aufgeben würde. Vor einigen Wochen hätte ich noch jeden für vollkommen verrückt erklärt, der mir erzählt hätte, eines Tages würde ich davon träumen, mein Leben mit jemand anderem zu verbringen, mit dir, es ohne dich nicht aushalten zu können.

Und dann tratest du in mein Leben, ganz plötzlich, ganz überraschend, aber es war das Beste, was mir passieren konnte.

Mit dir habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht, aber sie ist ja noch längst nicht vorbei. Wir haben noch so viel Zeit, können noch so viel machen.

Ich wollte dir unbedingt diesen Brief schreiben, um dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe, wie viel du mir bedeutest und dass ich ohne dich nicht mehr leben kann, so verrückt das auch klingen mag.

Ich hoffe inständig, dass es dir genau so geht und dass ich nicht nur ein Spiel für dich war, dass du nicht testen wolltest, wen du so ins Bett kriegst, denn ich glaube, dass könnte ich nicht ertragen.

Aber eigentlich zweifle ich nicht an deinen Gefühlen. Sie sind sicher genau so stark wie meine.

Und eines kann ich dir versichern, meine Gefühle für dich werden niemals enden, mein Herz wird immer für dich schlagen und meine Gedanken werden ein Leben lang bei dir sein. Nicht mal der Tod wird stark genug sein mich meiner Liebe zu dir zu berauben. Ich werde dich immer lieben, egal, was passiert. Und das ist nicht nur dahin gesagt, ganz bestimmt nicht. So etwas wie für dich hab ich noch nie empfunden und das kann sich auch nicht wiederholen. Ich liebe nur dich und werde auch immer nur dich lieben.

In tiefer Liebe verbleibend, Marie

Einsam und verlassen stand sie an Maries Grab. Sie fror. Es war ein grauer, kalter Wintertag, dunkle Wolken hingen am Himmel und ließen den kommenden Regen erahnen. Jane vergrub ihre Hände immer tiefer in ihre Manteltaschen. Es war so schrecklich kalt. Mit gesenktem Blick und Tränen in den Augen sah sie hinab. Sie konnte den eisigen Wind rauschen hören. Ihre Haare waren vollkommen zerzaust.

Der Friedhof war ganz leer, niemand war zu sehen. Nur Jane stand da. Sie sah aus wie ein Gespenst, war nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Plötzlich begann es heftig zu regnen. In wenigen Sekunden war sie von oben bis unten nass, aber sie spürte die Feuchtigkeit nicht. Sie merkte nicht, wie Tropfen ihr Gesicht hinunter rannen, ihre Haare trieften, ihre Haut immer kühler wurde. Sie spürte eigentlich gar nichts mehr seit diesem schrecklichen Banküberfall. Er hatte ihr alle ihre Energie geraubt, ihr jeden Lebensmut genommen. Sie stand einfach nur noch neben sich und nichts schien sie mehr zu begeistern, zu freuen. Wenn man mit ihr redete, hatte man das Gefühl, man spräche mit einer Wand, nichts und niemand drang mehr zu ihr durch.

„Marie? Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, aber du musst einfach. Ich hab dir doch noch so viel zu sagen. Wie konntest du mich denn einfach so verlassen? Mich alleine zurück lassen, ohne dich zu verabschieden? Wir hatten doch noch so viel vor. Du fehlst mir sehr. Immer und überall sehe ich dein Gesicht vor mir, will dich in die Arme nehmen, aber am Ende bist du nicht da. Jede Nacht begegnest du mir in meinen Träumen. Es ist so schön, du bist so schön, und wenn ich dann erwache, möchte ich am liebsten sterben, denn dann merke ich, es war nur ein Traum. Es tut so weh und ich glaube, es wird niemals aufhören. Dieser Schmerz wird niemals enden.

Ich werde dich nie wieder sehen, nie wieder spüren können. Wenn ich daran denke, ist es so, als würde mir das Herz aus meiner Brust gerissen. Ich fühle mich so unendlich leer. Ohne dich kann und will ich nicht mehr leben. Was hat mein Leben denn schon für einen Sinn ohne dich? Wie soll es weitergehen?

Ich weiß keine Antwort.

Ich brauch dich, bitte komm wieder! Ich liebe dich doch, ich werde dich immer lieben, bis in alle Ewigkeit. Mit jedem Atemzug bin ich in Gedanken bei dir, ich schwelge in Erinnerungen an unsere wundervolle Zeit. Die Zeit, die ich mit dir verbracht habe, mit dir verbringen durfte. Es war die schönste Zeit meines Lebens, ein Geschenk Gottes. Ich kann nicht glauben, dass es vorbei sein soll. Es darf einfach nicht vorbei sein. Ich kann es nicht begreifen. Du wolltest doch nur kurz fort, nur kurz, und einen Moment später bist du tot, einfach weg, für immer. Nein, nein, nein, das geht nicht!

Mein Leben ist sinnlos ohne dich. Es ist als gäbe es kein Licht mehr, alles ist dunkel. Nur die Hoffnung, dich irgendwann irgendwo noch einmal wieder zu treffen, treibt mich weiter. Es ist das einzige, was mich noch am Leben hält. Auch wenn ich weiß, dass es unmöglich ist, es gibt mir wieder ein bisschen Lebensmut. Anders weiß ich einfach nicht, wie ich diesen Schmerz, diese schreckliche Leere überstehen soll, wie ich jemals wieder lachen soll. Ich glaube, an all dem zu zerbrechen, ich halte es einfach nicht aus. Ich habe nur noch die Gewissheit, dass ich dich niemals vergessen werde. Vielleicht werde ich dich in einem nächsten Leben wieder sehen, dann werden wir vereint sein, und diesmal für immer. Niemand wird dich mir je wegnehmen können, ich werde dich festhalten, werde dich mit allem was ich habe verteidigen!

Marie, du musst wissen, dass ich dich immer geliebt habe. Jede Sekunde, die vergangen ist, habe ich nur dich geliebt und jede Sekunde, die noch kommen wird, werde ich nur dich lieben. Ich habe dir alles verziehen, alles, was du jemals gemacht hast, dass du mich verlassen hattest, dass habe ich alles vergessen. Ich bin dir nicht böse. Wie könnte ich auch? Schließlich bist du die einzige, die ich noch habe, hatte…

Nur du hast je in meinem Leben gezählt. Für dich hätte ich alles gemacht. Alles, was dich glücklich gemacht hätte, hätte ich getan. Ich hätte alles auf mich genommen, jede Qual hätte ich ertragen. Bevor ich dich kennen gelernt habe, hat mir niemand wirklich was bedeutet. Und vielleicht warst du am Anfang tatsächlich nur ein Spiel, aber schnell ist mir klar geworden, du bist etwas besonderes, mit dir möchte ich mein Leben verbringen.

Je länger ich dich gekannt habe, umso mehr habe ich dich geliebt und jetzt kann ich mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen. Es ist so ungerecht. Was haben wir denn getan? Womit habe ich das verdient? Gerade haben wir wieder zueinander gefunden, gerade war ich endlich wieder glücklich und jetzt ist schon wieder alles vorbei.

Ich liebe dich, vergiss das niemals. Ich vermisse dich so sehr, dass ich es nicht mehr aushalte, aber wir werden uns wieder sehen, das verspreche ich dir. Eines Tages werden wir zusammen glücklich werden. Du und ich, wir beide!“

Unzählige Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sie schluchzte und weinte unaufhörlich. Aber es war keiner da, der sie trösten konnte, der sie in den Arm nahm, der die Tränen trocknete.

Langsam drehte sie sich um und ging los. Ihre Augen blickten in die Ferne. Es schien wie eine unendliche Leere.

Der Regen hatte aufgehört, aber der Schmerz ließ niemals nach.

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